[EX16] Isekai no Xistence

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Tom
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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 45 - Ärgernis

Die Reaktion auf die Ankündigung des Stationskommandanten erfolgte schneller, als ich es erwartet hatte. Noch bevor die letzten Händler verstanden hatten, was gesagt worden war, veränderte sich die Atmosphäre im gesamten Handelsbereich. Gespräche verstummten abrupt, Bewegungen wurden langsamer, abgewogen. Einige Split richteten sich sofort auf, andere hielten inne, als würden sie eine unsichtbare Hierarchielinie neu bewerten. Selbst die Besucher und stationseigenen Techniker wirkten für einen Moment irritiert, weil sich die übliche, kalkulierte Routine der Station verschob. Noptrok t'Frrt stand direkt vor unserem improvisierten Stand. Seine Präsenz reichte aus, um den Raum zu dominieren, ohne dass er seine Stimme erneut erheben musste. Die scharfkantigen Konturen seiner Haltung wirkten fester als zuvor, als hätte er eine Entscheidung getroffen, die nicht mehr diskutiert werden würde.
Er sprach knapp. "Du. Und du. Mitfliegen." Sein Blick richtete sich kurz auf mich, dann auf Thovareus. "Nif'Nakh. Mein Schiff."
Keine Erklärung, keine Diskussion. Nur Feststellung. Ich registrierte, wie sich die Umgebung erneut veränderte. Nicht chaotisch, sondern zielgerichtet. Personal begann sich zu bewegen, allerdings nicht hektisch, sondern in klar strukturierten Abläufen. Der Eindruck war nicht Aufbruch, sondern Umsetzung eines bereits bestehenden Plans. Der improvisierte Stand wurde ohne Verzögerung abgebaut. Module wurden getrennt, Oberflächen verriegelt, Energieverbindungen gekappt. Alles geschah mit einer Effizienz, die keinerlei Raum für Einspruch ließ. Die einzelnen Teile verschwanden in der Ladefläche des Space Trucks, als hätten sie dort nie anders existiert. Thovareus stand daneben, seine blauen Schuppen reflektierten das Stationslicht in ruhigen, kalten Nuancen. Er sagte nichts, beobachtete jedoch jede Bewegung mit dieser typischen teladianischen, berechnenden Ruhe.
Als der Abbau abgeschlossen war, bewegte sich Noptrok t'Frrt voran und bedeutete uns ihm zu folgen. Der Weg führte durch einen weniger frequentierten Korridor der Station, vorbei an Wartungsnischen und gesicherten Übergängen. Die Geräuschkulisse änderte sich deutlich. Das gleichmäßige Dröhnen der Handelssektionen wich einem tieferen, mechanischen Puls, der eher an Schiffsinfrastruktur als an zivile Bereiche erinnerte. Dann öffnete sich der Raum. Die Mamba stand dort. Ich erkannte sie zunächst als einfache, funktionale Jägerstruktur. Zwei Flügel, ein zentraler Rumpf, ein kompaktes Cockpit. Doch je näher ich kam, desto deutlicher wurde der Widerspruch zwischen Alter und Zustand. Die dunkelrote Hülle war von unzähligen Einschlägen gezeichnet, teils tief eingekerbt, teils nur als matte Narben sichtbar. Trotzdem wirkte sie nicht vernachlässigt. Im Gegenteil. Jede Oberfläche reflektierte das Licht der Hangarbucht kontrolliert, fast bewusst. Es war kein Glanz von Neuheit, sondern von permanenter, disziplinierter Wartung. Der Geruch im Hangar war anders als in der Handelsstation. Schwerer. Metallischer. Dazu ein kaum wahrnehmbarer Ozonanteil, der von laufenden Energiesystemen stammte. Ich hatte das Gefühl, dass dieses Schiff nicht einfach ein Transportmittel war, sondern ein Werkzeug, das kontinuierlich im Einsatz gehalten wurde, unabhängig davon, ob es flog oder nicht.
Wir stiegen ein. Das Cockpit war eng, aber strukturiert. Keine unnötigen Elemente, alles auf Funktion reduziert. Noptrok t'Frrt nahm ohne Zögern den Hauptsitz ein. Die Systeme erwachten sofort, Anzeigen glommen in gedämpften Rot- und Orangetönen auf, während Statusinformationen über die Konsolen liefen. Der Start erfolgte ohne Verzögerung. Der Übergang in den Flug war direkt, fast brutal in seiner Effizienz. Die Mamba löste sich aus der Station und beschleunigte in Richtung Orbit. Unter uns schrumpfte die Handelsfestung schnell zu einer komplexen, geometrischen Struktur aus Licht, Metall und bewegten Punkten. Für einen Moment war alles stabil.
Dann veränderte sich der Raum. Aus Richtung des Asteroidengürtels lösten sich mehrere Split-Jäger. Moderne Varianten, deutlich schneller, schlanker, aggressiver in ihrer Form. Sie gingen ohne Vorwarnung in den Angriff über. Keine Funkkontakte, keine Identifikation, nur sofortige Feuereröffnung. Der erste Einschlag traf die Mamba seitlich. Das Schiff vibrierte heftig, als Energie durch die Struktur lief. Die Anzeigen flackerten, Warnsignale erschienen in schnellen, chaotischen Sequenzen. Der Kurs brach kurz ab, und die Sicht nach außen verzerrte sich durch die plötzliche Rotation. Ein weiterer Treffer folgte. Die Mamba begann zu trudeln. Die Sterne außerhalb zogen sich zu Linien auseinander, während sich der Horizont des Planeten in unregelmäßigen Bewegungen verschob. Metall schrie nicht, aber es klang so, als würde das Schiff unter der Belastung arbeiten, an seiner Grenze. Durch die chaotische Bewegung sah ich zwischen den Einschlägen, wie aus der Station heraus die orbitalen Verteidigungssatelliten aktiv wurden. Kurze Lichtimpulse, dann konzentrierte Energieentladungen. Die angreifenden Split-Jäger wurden ohne Verzögerung erfasst und in Sekundenbruchteilen in grelle Feuerbälle verwandelt, die sich lautlos im Vakuum auflösten. Trotzdem blieb die Mamba im freien Fallzustand, schwer getroffen, unkontrolliert, irgendwo zwischen Stabilisierung und vollständigem Kontrollverlust.

Ich kam nur langsam wieder vollständig zu mir, während sich die Nachwirkungen des Absturzes in meinem Körper festsetzten. Der Druck im Cockpit hatte sich verändert, die Schwerkraft war unregelmäßig gewesen, jetzt aber stabilisierte sie sich wieder. Für einige Sekunden war nur das leise Nachknistern der beschädigten Systeme zu hören, dazu das entfernte Arbeiten der Notregelungseinheiten. Wir lebten noch. Alle drei. Die Erkenntnis kam nicht emotional, sondern nüchtern, fast mechanisch. Trotzdem löste sie eine spürbare Entlastung in meinem Körper aus, eine Art verzögertes Verständnis dafür, wie knapp die letzten Minuten tatsächlich gewesen waren.
Die Landung war keine Landung gewesen. Eher ein kontrollierter Verlust von Kontrolle. Die Mamba war in einem flachen Winkel durch die Atmosphäre von Nif'Nakh geglitten, statt senkrecht abzustürzen. Diese kleine Differenz hatte den Unterschied zwischen Überleben und vollständiger Zerstörung ausgemacht. Unter uns hatte sich zunächst eine weite Fläche roter Graslandschaft ausgebreitet, ungewöhnlich intensiv in ihrer Farbe, fast wie oxidiertes Metall unter natürlichem Licht. Der Boden war stellenweise von niedrigen, kantigen Pflanzenstrukturen durchzogen, die sich im Luftstrom der Mamba wie Wellen bewegt hatten. Danach war der Übergang in den Dschungel gekommen. Dicht, tiefgrün, unregelmäßig strukturiert, als wäre die Vegetation selbst in mehreren Schichten übereinander gewachsen.
Dann kam der Berg. Ich erinnerte mich nur fragmentarisch an den Moment des Aufpralls. Ein harter Kontakt, eine abrupte Änderung der Rotation, das Geräusch von sich verformendem Metall. Die Mamba war nicht direkt zerschellt, sondern hatte sich an der felsigen Oberfläche entlanggedreht, als hätte der Berg die Energie des Einschlags teilweise absorbiert. Trotzdem hatte es gereicht, um zusätzliche Schäden zu verursachen.
Der erste Aufprall hatte die Flugbahn verändert. Nicht abrupt genug, um uns sofort zu zerstören, aber stark genug, um den Reaktorbereich zu destabilisieren. Der Antrieb war schwer beschädigt worden, die Energieverteilung ungleichmäßig, die Steuerung instabil. Eine kontrollierte Landung war damit ausgeschlossen gewesen. Stattdessen hatte die Mamba den Himmel in einer langen, schrägen Linie durchzogen, dabei ganze Vegetationsstreifen unter sich zerstört. Bäume waren nicht einfach gefallen, sondern regelrecht weggeschoben worden, als hätte das Schiff einen Pfad durch den Dschungel gerissen. Der Geruch von verbranntem organischem Material hatte selbst im Cockpit kurzzeitig die Luft dominiert, ein schwerer, süßlicher Dunst, der sich mit dem metallischen Innenraum vermischte.
Und schließlich der endgültige Abstieg in den Dschungel. Eine letzte Phase des Trudelns, unkontrolliert, aber nicht völlig frei fallend. Die Mamba hatte sich durch die dichte Vegetation gefräst und dabei eine breite Schneise der Zerstörung hinterlassen. Baumstämme waren gebrochen, große Blätterstrukturen zerfetzt, der Boden aufgewühlt. Erst als genug kinetische Energie verloren war, kam das Schiff zum Stillstand.
Stille folgte. Nur das leise Knistern der abkühlenden Systeme blieb. Wir stiegen aus. Die Luft außerhalb war schwer und feucht, deutlich dichter als in den stationären Bereichen zuvor. Ein intensiver Geruch von feuchter Erde, pflanzlichen Ölen und leicht süßlichem Zersetzungsprozess lag über der Umgebung. Über uns brach das Licht durch die dichten Baumkronen, in gebrochenen, grün-goldenen Strahlen, die sich auf der beschädigten Hülle der Mamba spiegelten. Der Jäger sah anders aus als zuvor, aber er war nicht zerstört. Mehrere neue Einschläge waren sichtbar, tiefe Narben in der dunkelroten Außenhülle, ergänzt durch verbrannte Stellen entlang der Flügelstruktur. Ein Teil der äußeren Panzerung war verformt, aber nicht durchbrochen. Leitungen hingen teilweise offen, glimmten aber noch schwach, was darauf hindeutete, dass die Kernsysteme zumindest teilweise intakt geblieben waren.
Noptrok t'Frrt trat näher an die Hülle heran. Er fuhr mit einer ruhigen, fast beiläufigen Bewegung über das Metall, als würde er nicht Schaden, sondern Erfahrung bewerten. Seine Hand glitt über eine der größeren Einschlagstellen, blieb kurz dort und zog sich dann zurück. Er hatte den Reaktor bereits heruntergefahren.
Seine Stimme war ruhig, ohne jede Dramatik. "Schon schlimmer."
Ich sah ihn einen Moment an und dann wieder die Mamba. Und obwohl das Schiff eindeutig schwer beschädigt war, musste ich ihm recht geben. Sie war nicht tot. Sie war beschädigt, funktional eingeschränkt, aber strukturell noch intakt. Der Eindruck war nicht der eines Wracks, sondern eines Objekts, das genau für solche Situationen gebaut oder zumindest daran gewöhnt worden war. Reparabel. Mit Aufwand. Aber lebendig im technischen Sinn.

Ich merkte die Veränderung bereits im Moment, in dem ich den abgestürzten Rumpf der Mamba endgültig hinter mir ließ und der Boden unter meinen Füßen nicht mehr aus verdichtetem Metallstaub und zerdrückter Vegetation bestand, sondern aus lebendigem, nachgebendem Boden. Es war kein abruptes Umschalten, eher ein schleichender Übergang, der sich erst im dritten oder vierten Schritt vollständig im Körper bemerkbar machte. Die Gravitation von Nif'Nakh lag schwerer auf mir als alles, was ich bisher außerhalb standardisierter Habitatwelten erlebt hatte. Nicht so drastisch, dass ich mich zwangsläufig hätte festhalten müssen, aber konstant genug, um jede Bewegung bewusst zu machen. Meine Gelenke reagierten minimal träger, die Muskulatur musste bei jedem Schritt mehr leisten, als es mein inneres Bewegungsgefühl erwartete. Es war kein Widerstand wie unter Wasser, bei dem jede Richtung zäh und träge wird, sondern eher ein permanentes zusätzliches Gewicht, das sich gleichmäßig auf den gesamten Körper legte und jede unbewusste Effizienz aus der Bewegung herausfilterte. Ich passte meine Haltung an, ohne es bewusst zu entscheiden. Ein leicht tieferer Schwerpunkt, kürzere Schritte, stabilere Abrollbewegungen. Mein Körper begann sich schneller zu korrigieren, als mein Bewusstsein die Notwendigkeit vollständig verarbeitet hatte.
Noptrok t'Frrt hingegen bewegte sich, als wäre die Umgebung exakt für seine Physiologie ausgelegt. Kein Zögern, kein sichtbares Gegensteuern, keine Anpassung in Echtzeit. Seine massige Silhouette wirkte nicht schwerfällig, sondern final verankert in der Umgebung, als würde er die Gravitation nicht kompensieren, sondern als natürliche Konstante akzeptieren. Neben ihm wirkte selbst der Dschungel weniger komplex.
Thovareus bewegte sich ebenso stabil, allerdings mit einer anderen Qualität. Seine blaubeschuppten Hautstrukturen reflektierten das diffuse Licht, das durch das Blätterdach fiel, in kühlen, fast metallischen Nuancen. Seine Schritte waren präzise gesetzt, die Körperhaltung leicht nach vorne geneigt, aber ohne Anzeichen von Anstrengung. Die Teladi wirkten in solchen Umgebungen immer etwas kalkuliert angepasst, als hätten sie Bewegungsmuster nicht nur gelernt, sondern optimiert.
Ich registrierte das alles gleichzeitig, während wir tiefer in den Dschungel von Nif'Nakh eindrangen. Die Vegetation änderte sich mit jedem Meter. Was zunächst wie ein dichter, aber klassischer Dschungel gewirkt hatte, entwickelte schnell eine andere Struktur. Die Pflanzen waren nicht einfach groß oder üppig, sondern in mehreren Ebenen organisiert. Einige Arten wuchsen vertikal in schmalen, harten Strukturen mit blattartigen Platten, die Licht in gebrochenen Mustern reflektierten. Andere bildeten breite, weiche Flächen, die sich wie organische Teppiche über den Boden legten und bei jedem Schritt leicht nachgaben.
Zwischen diesen Schichten bewegte sich Leben. Fast ausschließlich Insekten. Nicht im Sinne von kleinen, vereinzelten Organismen, sondern als dominierende Lebensform. Manche waren kaum größer als meine Handfläche, andere erreichten Größen, die an kleine Nutztiere erinnerten. Ihre Bewegungen wirkten nicht zufällig, sondern in wiederkehrenden Mustern organisiert. Einige glitten über den Boden, andere kletterten über Pflanzenstrukturen, wieder andere hingen reglos an Blättern und warteten auf unbekannte Reize. Gelegentlich blitzten farbliche Reflexe auf, wenn Panzerungen oder Flügel im Licht einfingen. Grünliche, bräunliche und metallisch wirkende Töne dominierten, gelegentlich unterbrochen von scharfen Kontrasten in Gelb oder dunklem Violett.
Ich stellte fest, dass mein Fokus sich immer wieder automatisch auf Bewegungen im Randbereich richtete. Nicht, weil dort tatsächlich Gefahr sichtbar war, sondern weil das System meiner Wahrnehmung begann, Muster zu suchen. Das war kein gewöhnlicher Wald. Das war ein funktionierendes, dichtes Ökosystem, in dem jede Bewegung eine potenzielle Ursache und eine potenzielle Wirkung hatte.
Noptrok ging weiter, ohne seine Geschwindigkeit zu verändern. Dann sprach er, ohne sich umzudrehen. "Ziel Ghus-tan."
Die Worte waren kurz, hart gesetzt, ohne jede unnötige Ergänzung. Ich wusste bereits, dass Ghus-tan die einzige größere Siedlung auf diesem Planeten war. Einst eine verborgene Rebellenstruktur, jetzt administrativer Kern der Split-Präsenz unter dem Patriarchen. Der Gedanke daran blieb abstrakt, während mein Körper weiterhin auf den unebenen Boden reagierte.
Die Gravitation machte sich inzwischen deutlicher bemerkbar. Nicht nur in den Beinen, sondern auch im Brustkorb. Jeder Atemzug fühlte sich minimal dichter an, als müsste ich gegen eine leicht erhöhte Luftmasse arbeiten. Es war subtil, aber konstant genug, um sich in meine Wahrnehmung zu integrieren.
Der Himmel über uns blieb eisblau, klar und beinahe unnatürlich stabil. Durch die Lücken im Blätterdach fiel das Licht in schrägen, scharf begrenzten Strahlen, die auf dem feuchten Boden reflektierten. Die Farbkontraste zwischen Himmel, Vegetation und Schatten wirkten überzeichnet, fast so, als würde diese Welt visuell mehr Information liefern, als sie eigentlich müsste. Ich bemerkte, dass der Boden gelegentlich leicht vibrierte. Nicht stark genug, um eindeutig identifizierbar zu sein, aber regelmäßig genug, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Vielleicht größere Bewegungen im Untergrund. Vielleicht tierische Aktivität in tieferen Schichten. Vielleicht auch nur natürliche Prozesse dieses Planeten, die ich noch nicht einordnen konnte. Noptrok reagierte nicht darauf. Das allein war eine Information. Nach einiger Zeit begann der Dschungel sich erneut zu verändern. Die Vegetation wurde dichter, die Pflanzen höher, die Sichtlinien kürzer. Geräusche wurden diffuser, weniger lokalisierbar. Das Summen und Klicken der Insekten blieb konstant, aber es verlor seine klare Richtung. Ich stellte fest, dass ich mich unbewusst stärker auf meine Umgebung konzentrierte. Thovareus blieb ruhig, aber ich bemerkte, dass seine Aufmerksamkeit sich ebenfalls verschoben hatte. Sein Kopf bewegte sich minimal häufiger, seine Augen folgten nicht mehr nur dem direkten Weg, sondern auch den Zwischenräumen zwischen den Pflanzen.
Dann brach Noptrok erneut die Stille. "Nachts anders." Er machte eine kurze Pause, während wir einen Abschnitt aus dickeren Wurzelstrukturen überquerten. "Jäger kommen dann raus."
Ich blieb einen Moment innerlich an dieser Aussage hängen, während mein Körper weiterging. Die Umgebung wirkte im Moment nicht feindlich. Sie war lebendig, dicht, strukturiert, aber nicht aggressiv. Dennoch begann sich meine Wahrnehmung zu verschieben. Schatten wurden länger, selbst dort, wo sie physikalisch keinen Sinn ergaben. Bewegungen im Randbereich meines Sichtfelds erhielten Gewicht, selbst wenn sie sich nicht bestätigten. Ich erinnerte mich daran, dass Noptrok gesagt hatte, diese Welt werde nachts gefährlicher. Nicht durch hypothetische Bedrohungen, sondern durch konkrete, aktive Jägerformen. Ich stellte mir vor, wie sich dieses Ökosystem verändert, sobald die Hauptlichtquelle verschwindet. Welche Insekten sich zurückziehen. Welche sich aktivieren. Welche Strukturen dann tatsächlich zur Nahrungskette werden. Der Gedanke blieb nicht abstrakt. Er wurde Teil der Umgebung. Und während wir weitergingen, begann Nif'Nakh sich weniger wie ein fremder Planet anzufühlen, sondern eher wie ein System, das ich noch nicht vollständig gelesen hatte, aber das bereits wusste, dass ich es betreten hatte. Die wenigen carnivoren Formen, die Noptrok erwähnte, waren bisher nicht sichtbar gewesen. Und genau das machte sie im Moment in meinem Kopf präsenter als alles, was ich tatsächlich sehen konnte.

Ich bemerkte den Moment nicht sofort als dramatische Zäsur, sondern als schleichende Verschiebung, die sich erst im Nachhinein eindeutig einordnen ließ. Die letzten Rationen in meinem Rucksack waren verschwunden, schneller als mir bewusst gewesen war. Die kompakten Nahrungs- und Flüssigkeitseinheiten, die ich für genau solche Situationen immer mitführte, hatten sich in den vergangenen Stunden in einem gleichmäßigen Rhythmus reduziert, der weniger nach Verbrauch als nach Notwendigkeit wirkte. Jetzt war der Innenraum meines Rucksacks leerer als er sein sollte, ein Zustand, der sich nicht nur physisch, sondern auch mental bemerkbar machte. In meinen Hosentaschen befanden sich noch einige Energieriegel. Hart, kompakt, auf maximale Kaloriendichte ausgelegt. Ich konnte sie fühlen, jedes einzelne Stück eine kleine, greifbare Reserve, die sich jedoch bereits jetzt wie eine kurzfristige Illusion anfühlte. Nicht ausreichend für eine längere Verzögerung, nicht einmal für eine unvorhergesehene Pause in dieser Umgebung. Der Gedanke daran blieb kurz an der Oberfläche meines Bewusstseins hängen, ohne sich sofort emotional zu verankern. Erst die logische Konsequenz daraus formte sich vollständig: Ohne Versorgung würden wir hier nicht lange bestehen.
Die Luft selbst wirkte unverändert, aber mein Körper begann, die Abwesenheit von Sicherheit stärker zu registrieren als die Präsenz der Umgebung. Feuchtigkeit, Temperatur, Bewegung, alles blieb konstant, doch der Hintergrund meiner Wahrnehmung verschob sich. Ich hob meinen Arm und aktivierte das kleine Multifunktionsgerät, das ich einst von Greg und Rosa geschenkt bekommen hatte und seither bei meinen Reisen am linken Handgelenk trug. Ein unscheinbares Modul, kompakt integriert, mit erweiterten Analysefunktionen für biologische und chemische Umgebungen. Das Display projizierte eine feine, grünlich flimmernde Oberfläche über die Hautstruktur meines Unterarms. Der biologische Scan lief schnell durch die Umgebung. Die Ergebnisse erschienen in nüchternen, klar strukturierten Datenfeldern. Keine kompatiblen Nährstoffquellen. Keine verwertbaren Flüssigkeitsstrukturen. Keine direkten bioaktiven Substanzen, die ohne Aufbereitung für humanoide Physiologie geeignet wären. Ich las die Anzeige ein zweites Mal, nicht weil sie unklar war, sondern weil das Ergebnis in seiner Einfachheit unangenehm eindeutig war. Nif'Nakh bot keine unmittelbare Versorgung für mich. Zumindest nicht ohne Verarbeitung, nicht ohne Infrastruktur, nicht ohne Vorbereitung. Ich deaktivierte das Gerät wieder und ließ den Arm sinken.
Der Gedanke, der sich daraus ergab, war ebenso schlicht wie unangenehm präzise: Wenn wir nicht bald Ghus-tan erreichten oder auf andere Weise versorgt wurden, würde das System der Erschöpfung beginnen, sich zu beschleunigen. Wasser war das kritischere Problem, Nahrung sekundär, aber beide waren bereits in einem Bereich, der keine komfortablen Zeitfenster mehr zuließ. Ich fragte mich kurz, ob „Rettung“ in einem Split-Kontext überhaupt ein Konzept war, das in einer vergleichbaren Weise existierte wie in den Systemen, die ich kannte. Die Antwort blieb offen. Nicht, weil mir Informationen fehlten, sondern weil ich nicht sicher war, ob die Definition hier überhaupt übertragbar war.
Thovareus ging ein paar Schritte vor mir, seine blaubeschuppte Panzerung bewegte sich im rhythmischen Muster seiner Gangart, ruhig, kontrolliert, aber ich bemerkte eine subtile Veränderung in seiner Haltung. Seine Bewegungen waren minimal wachsamer geworden, als würde er nicht mehr nur den direkten Weg beobachten, sondern auch die Randbereiche des Dschungels stärker einbeziehen. Noptrok t'Frrt war weiter vorne. Er sprach nicht, aber seine Präsenz hatte sich verändert. Nicht sichtbar dramatisch, sondern in der Qualität seiner Aufmerksamkeit. Sein Kopf bewegte sich häufiger in kleinen, präzisen Intervallen, seine Schultern wirkten minimal angespannter, und die Art, wie er seine Schritte setzte, hatte eine zusätzliche Schicht von Kontrolle erhalten.
Dann veränderte sich der Himmel. Zuerst kaum wahrnehmbar. Die eisblaue Grundfarbe, die seit unserer Ankunft konstant gewesen war, begann an Intensität zu verlieren. Nicht abrupt, sondern wie ein langsames Absinken der Helligkeit, als würde ein Filter über die Atmosphäre gelegt werden, der das Licht gleichmäßig dämpfte. Ich blieb stehen, ohne es bewusst zu entscheiden. Zwischen den Baumkronen wurde das Licht schwächer, die Schatten dichter, und die zuvor klar definierten Farbbereiche des Dschungels begannen sich zu verschieben. Grüntöne verloren ihre Klarheit, wurden tiefer, schwerer. Die roten und violetten Akzente der Vegetation wirkten plötzlich weniger lebendig und mehr wie dunkle Markierungen in einem sich verdichtenden Raum.
Thovareus hielt ebenfalls inne. Ich sah, wie sein Kopf sich minimal hob, seine Augen die Veränderung registrierten. Seine Schuppen reflektierten das verbleibende Licht in gedämpften, kühlen Blauvarianten, die weniger stabil wirkten als zuvor. Auch er war angespannt. Nicht offensichtlich panisch, aber deutlich aufmerksamer.
Noptrok blieb einen Moment lang stehen, ohne sich umzudrehen. Dann sprach er, leiser als zuvor, aber nicht unsicher. "Nachtschicht beginnt."
Die Formulierung war knapp, typisch für seine Ausdrucksweise, aber der Kontext war eindeutig. Der Himmel dunkelte weiter ab. Nicht wie bei einem normalen Tagesende, sondern schneller, dichter, als würde die Atmosphäre selbst eine Phase wechseln. Die Lichtstrahlen, die zuvor durch das Blätterdach gefallen waren, wurden weniger, brachen seltener durch die oberen Schichten und verloren an Intensität. Ich spürte, wie sich meine Wahrnehmung erneut verschob. Die Geräusche im Dschungel veränderten sich zuerst. Das konstante Summen und Klicken der insektoiden Lebensformen blieb bestehen, aber die Struktur dahinter wurde anders. Einige Frequenzen verschwanden, andere traten stärker hervor. Es war, als würde das Ökosystem seine Aktivitätsmodi wechseln, ohne seine Gesamtbewegung zu unterbrechen.
Noptrok setzte sich wieder in Bewegung. Langsamer diesmal. Bewusster. Thovareus folgte ihm nach einem kurzen Moment, und ich tat es ebenfalls, obwohl mein Blick noch einen Augenblick länger in die dunkler werdende Vegetation hinter uns fiel. Etwas an dieser Veränderung war nicht nur visuell. Es war funktional. Als würde dieser Planet nicht einfach in Nacht übergehen, sondern in einen anderen Zustand.

Je weiter wir in den verdunkelnden Dschungel von Nif'Nakh eindrangen, desto deutlicher veränderte sich nicht nur die Umgebung, sondern auch die Wahrnehmung derer, die sich darin bewegten. Das Licht war inzwischen auf ein Minimum reduziert. Die eisblauen Reflexe des Himmels waren fast vollständig verschwunden und hatten einem tiefen, strukturierten Dunkelgrün Platz gemacht, das nur noch in einzelnen Fragmenten von schwachen Lichtspalten durchbrochen wurde. Die Vegetation wirkte dadurch nicht weniger präsent, sondern im Gegenteil dichter, als hätte die Dunkelheit die einzelnen Schichten der Pflanzenwelt näher zusammengedrückt. Ich bemerkte zuerst Noptroks Augen. Sie begannen schwach zu glimmen. Nicht künstlich, nicht technisch im offensichtlichen Sinn, sondern biologisch verstärkt. Zwei schmale, vertikale Reflexionen in der Dunkelheit, die sich leicht bewegten, wenn er den Kopf drehte. Es war kein kontinuierliches Leuchten, sondern ein adaptives System, das sich an die sinkenden Lichtverhältnisse anpasste. Der Gedanke kam mir sofort: ein reflektierendes Sehfeld. Ähnlich wie ich es von den Aldrianern kannte, die über ein lichtverstärkendes Tapetum-ähnliches System verfügten. Eine Struktur, die selbst minimale Photonenreste zurück in die Retina leitete und so eine extreme Nachtanpassung ermöglichte. Die Frage formte sich automatisch in meinem Kopf, noch bevor ich sie vollständig bewusst aussprach: hatten die Split eine vergleichbare biologische Anpassung entwickelt? Es wäre logisch. Eine Spezies mit ihrer Historie, ihrer militärischen und natürlichen Selektionsstruktur würde sich evolutionär kaum ohne effektive Dunkeladaptation in solchen Umgebungen behaupten können. Ich hob langsam meinen Arm, ohne Noptrok oder Thovareus zu unterbrechen, und aktivierte erneut den biologischen Scanner meines Handgeräts. Der Prozess lief still ab, nur ein schwaches Vibrieren am Handgelenk und eine minimale Projektion von Datenfeldern, die in die Dunkelheit hinein kaum sichtbar waren. Noptrok hatte sich abgewandt, seine Aufmerksamkeit auf den vorderen Pfad gerichtet. Seine Körperhaltung blieb stabil, aber ich nutzte den Moment. Die Analyse war nicht vollständig. Nur fragmentarisch. Aber ausreichend, um ein Muster zu erkennen. Die Split verfügten über ein erweitertes visuelles Spektrum im Bereich von Red-, Yellow- und Infrared-Wellenlängen. Keine reine Nachtanpassung im klassischen Sinn, sondern eine erweiterte Spektralverschiebung, die ihnen erlaubte, thermische und langwellige optische Informationen gleichzeitig zu verarbeiten. Ich deaktivierte den Scanner wieder. Die Information blieb im Hintergrund meines Bewusstseins hängen, während wir weitergingen.
Dann kam der Kontakt. Nicht visuell. Physisch. Etwas landete auf meiner linken Schulter. Der Impuls war sofort da, ein kurzer, klarer Druckpunkt, der meine Aufmerksamkeit vollständig auf diesen Bereich lenkte. Mein Körper reagierte automatisch, ohne dass ich mich bewusst bewegte. Die Muskeln spannten sich minimal an, während mein Kopf sich leicht drehte. Ich sah es. Ein faustgroßes Insekt. Sechs filigrane Beine, symmetrisch angeordnet, die sich mit erstaunlicher Präzision auf meiner Schulterfläche positionierten. Die Oberfläche seines Körpers war glatt segmentiert, leicht schimmernd in dunklen, grünlich-bläulichen Tönen, die im Restlicht kaum klar zu erkennen waren. Die Struktur wirkte weder aggressiv noch defensiv, sondern funktional. Ein kurzes, undefiniertes Geräusch entwich mir, mehr Reflex als Reaktion.
Noptrok sprach ohne sich umzudrehen. "Drachenfliege."
Die Stimme war ruhig, fast beiläufig, als wäre die Situation vollkommen normal. Ich blieb still. Jede plötzliche Bewegung erschien mir in diesem Moment unnötig riskant, nicht weil ich das Insekt als unmittelbar gefährlich einstufte, sondern weil ich nicht einschätzen konnte, wie die lokale Fauna auf Stressreize reagierte. Das Tier bewegte sich. Langsam zuerst. Dann gezielt. Es trippelte über meine Schulter, die Bewegung seiner Beine erstaunlich kontrolliert, und folgte einer klaren Route über meinen linken Oberarm hinunter. Ich spürte dabei die minimale Struktur seiner Gliedmaßen, keine Verletzung, eher ein mechanisches Abtasten der Oberfläche. Es erreichte meine Hand. Ich hielt sie leicht geöffnet, ohne Spannung. Für einen Moment verharrte das Insekt dort, als würde es die Umgebung neu bewerten. Dann trat etwas aus seinem Mundapparat hervor. Eine lange, dünne, bläulich schimmernde Zunge, fast transluzent in ihrer Struktur. Sie legte sich über meine Fingerspitzen. Ein feines, repetitives Ablecken begann, gleichmäßig und schnell. Erst jetzt verstand ich die Funktion: es entfernte Rückstände, wahrscheinlich organische Partikel der vorherigen Mahlzeit, die sich noch auf meiner Haut befanden. Reste vom Chelt und Nutri-Riegeln. Ich blieb weiterhin unbewegt. Der biologische Scanner war nicht mehr aktiv, aber mein analytischer Teil registrierte dennoch die Effizienz dieses Verhaltens. Reinigung durch lokale Fauna als Teil eines ökologischen Gleichgewichts, das selbst kleinste organische Überreste schnell wieder in den Kreislauf integrierte. Nach wenigen Sekunden zog sich die Zunge zurück. Das Insekt blieb noch einen Moment auf meiner Hand sitzen, dann hob es sich mit einer abrupten, präzisen Bewegung ab und verschwand in der Dunkelheit zwischen den Blättern. Als hätte es nie existiert. Ich senkte die Hand langsam.
Doch die Aufmerksamkeit der Umgebung hatte sich verändert. Nicht visuell. Akustisch. Zuerst war es kaum wahrnehmbar. Ein verschobenes Geräuschmuster im Hintergrund des Dschungels. Das konstante Grundrauschen der Insekten blieb bestehen, aber darüber legte sich etwas anderes. Tiefer. Schwerer. Unregelmäßiger. Kein klarer Ursprung. Kein definierter Rhythmus. Aber präsent. Noptrok hielt erneut an. Diesmal langsamer als zuvor. Thovareus stoppte ebenfalls sofort, seine Körperhaltung veränderte sich minimal, sein Kopf drehte sich in kleinen, präzisen Bewegungen in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Ich selbst blieb einen Moment länger in Bewegung, bevor ich ebenfalls stoppte. Das Geräusch war nicht laut. Aber es war groß. Oder zumindest schwer genug, um den Boden, die Vegetation oder die Luftstruktur in Bewegung zu versetzen. Etwas befand sich in der Nähe. Nicht sichtbar. Aber eindeutig hörbar. Und während die Dunkelheit um uns herum weiter zunahm, begann sich der Eindruck zu festigen, dass dieser Planet nicht nur seine Aktivität verändert hatte, sondern auch seine Aufmerksamkeit.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 46 - Bedrohung

Das Rascheln wurde leiser. Nicht abrupt, sondern langsam, als würde sich etwas Großes kontrolliert aus der unmittelbaren Nähe zurückziehen oder seine Bewegungen bewusster dämpfen. Genau das machte es schlimmer. Wäre dort draußen etwas panisch geflohen oder aggressiv hervorgebrochen, hätte mein Kopf die Situation leichter einordnen können. Doch diese langsame Veränderung ließ zu viele Möglichkeiten offen. Niemand bewegte sich. Nicht Noptrok. Nicht Thovareus. Und ich ebenfalls nicht. Ich wagte kaum zu atmen. Mein Brustkorb hob sich nur minimal, während ich versuchte, die Luft möglichst flach ein- und ausströmen zu lassen. Jeder Atemzug erschien mir plötzlich laut, viel zu präsent in dieser dichten, angespannten Dunkelheit. Ich hatte das Gefühl, dass selbst das Reiben meiner Kleidung gegeneinander hörbar war, obwohl objektiv wahrscheinlich kaum ein Geräusch entstand.
Die Dunkelheit von Nif'Nakh war inzwischen vollständig anders geworden als noch vor einer Stunde. Tagsüber hatte die Welt lebendig und beinahe surreal gewirkt, voller Farben, Bewegungen und exotischer Strukturen. Jetzt schien sich alles zusammengezogen zu haben. Der Dschungel war nicht still geworden, aber die Geräusche hatten ihre Bedeutung verändert. Das permanente Zirpen, Summen und Klicken der insektoiden Fauna war nicht verschwunden, sondern bildete nun einen Hintergrundteppich, aus dem jede Abweichung sofort herausstach.
Mein Fokus lag nicht nur auf der Umgebung. Er lag vor allem auf Noptrok. Ich beobachtete jede kleinste Regung des Split. Jede Veränderung seiner Haltung. Jede Muskelspannung. Jede minimale Bewegung seiner Augen. Weil ich wusste, dass er Dinge wahrnahm, die ich nicht wahrnahm. Sein biologisches Sichtspektrum war dieser Umgebung angepasst. Seine Sinne waren dafür gemacht worden. Meine nicht. Mein Gehör war inzwischen derart angespannt, dass ich nicht mehr sicher sagen konnte, welche Geräusche real waren und welche mein Gehirn selbst ergänzte. Ich meinte Bewegungen links von uns zu hören. Dann wieder hinter mir. Ein fernes Knacken. Das leise Schleifen von etwas Schwerem über feuchten Boden. Doch sobald ich mich darauf konzentrierte, verschmolz es wieder mit dem restlichen Klangteppich des Dschungels.
Die Luft roch feucht und dicht. Unter dem schweren Geruch tropischer Vegetation lag ein scharfer, leicht säuerlicher Unterton, vermutlich von Pflanzenstoffen oder den zahlreichen insektoiden Organismen dieser Welt. Dazu kam der metallische Restgeruch des abgestürzten Raumjägers, der noch immer schwach an unserer Kleidung haftete. Ich spürte Schweiß im Nacken. Nicht nur wegen der Wärme. Wegen der Spannung.
Noptrok bewegte sich weiterhin überhaupt nicht. Wenn ich nicht gewusst hätte, dass er lebte, hätte ich ihn tatsächlich für eine Statue halten können. Seine graue Haut wirkte im diffusen Dunkel beinahe steinartig. Die ledernen, leicht schuppigen Strukturen reflektierten kaum Licht und verliehen seinem Körper etwas Rohes, Unbewegliches. Selbst seine Kleidung schien mit der Dunkelheit zu verschmelzen. Nur seine Augen lebten. Die gelblichen Iriden reflektierten das minimale Restlicht, während die schwarzen Pupillen schmal und konzentriert blieben. Sie bewegten sich langsam und präzise durch die Vegetation vor uns, ohne dass Noptrok dafür den Kopf drehen musste. Das allein wirkte beunruhigend. Menschen bewegen den Kopf automatisch mit den Augen. Split offenbar nicht zwingend. Er stand da wie ein Raubtier, das gelernt hatte, selbst kleinste Bewegungen zu vermeiden. Sein Gehör war ebenfalls vollständig auf die Richtung fokussiert, aus der das Rascheln gekommen war. Ich sah es an der Spannung entlang seiner Atemschlitze und an den kaum sichtbaren Muskelbewegungen entlang seines Kiefers.
Thovareus verhielt sich ähnlich ruhig, wenn auch nicht mit derselben natürlichen Selbstverständlichkeit wie Noptrok. Der Teladi hatte seine Arme leicht abgesenkt, die Klauen entspannt, aber bereit. Seine sonst oft kalkuliert wirkende Ruhe hatte eine schärfere Kante bekommen.
Ich wurde mir plötzlich bewusst, wie verletzlich ich hier war. Nicht abstrakt. Nicht philosophisch. Ganz konkret. Ich war ein Mensch auf einem fremden Planeten, nachts, in einem Raubtierökosystem, ohne Nahrung, ohne Wasserquelle, ohne funktionierende Infrastruktur und ohne die biologischen Anpassungen der beiden Spezies neben mir. Der Gedanke setzte sich kalt in meinem Hinterkopf fest.
Dann geschah... nichts. Keine Bewegung. Kein Angriff. Kein weiteres Rascheln. Nur der Dschungel. Sekunden vergingen. Oder Minuten. Mein Zeitgefühl begann unter der konstanten Anspannung ungenau zu werden. Irgendwann bemerkte ich die erste Veränderung bei Noptrok. Es war kaum mehr als ein minimaler Spannungsverlust entlang seiner Schultern. Danach hob sich sein Brustkorb etwas tiefer. Seine Haltung blieb aufmerksam, aber nicht mehr maximal konzentriert. Langsam richtete er sich vollständig auf. Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, dass er zuvor leicht abgesunken gestanden hatte, bereit für eine unmittelbare Reaktion. Mit seiner Entspannung fiel auch ein Teil meiner eigenen Anspannung von mir ab. Nicht vollständig. Nur genug, damit mein Körper wieder normaler atmete. Ich zog langsam Luft ein, diesmal tiefer, und merkte erst jetzt, wie angespannt meine Brustmuskulatur gewesen war. Meine Beine fühlten sich schwer an, nicht nur wegen der Gravitation von Nif'Nakh, sondern auch wegen der permanenten Alarmbereitschaft. Trotzdem verschwand das ungute Gefühl nicht. Ganz im Gegenteil. Es blieb wie ein Schatten im Hinterkopf zurück. Denn etwas Entscheidendes hatte sich verändert: Ich hatte jetzt erlebt, wie sich diese Welt nachts anfühlte. Und ich hatte verstanden, dass die eigentliche Gefahr nicht unbedingt darin lag, angegriffen zu werden. Sondern darin, nie genau zu wissen, ob man bereits beobachtet wurde.
Noptrok sagte nichts. Er blickte noch einmal in die Dunkelheit, dann setzte er sich wieder in Bewegung. Thovareus folgte sofort. Ich schloss mich ihnen an. Der Boden unter meinen Füßen war inzwischen feuchter geworden. Zwischen den dichten Wurzeln sammelte sich Wasser in dunklen Mulden, und die roten Gräser, die gelegentlich zwischen dem dichten Grün auftauchten, wirkten im schwachen Licht beinahe schwarz. Manche Pflanzen öffneten sich erst jetzt vollständig und entfalteten breite, dünne Strukturen, die auf Temperatur oder Bewegung reagierten. Die Nachtfauna erwachte. Nicht plötzlich. Sondern schrittweise. Über uns bewegten sich größere Schatten durch die Baumkronen. Ich hörte das gelegentliche Schlagen membranartiger Flügel, irgendwo weit entfernt. Mehrfach glaubte ich, kurze Lichtreflexe zwischen den Pflanzen zu erkennen, vermutlich Augen oder biolumineszente Organismen. Das Schlimmste war jedoch, dass mein Gehirn inzwischen überall Muster sah. Jede Bewegung schien potenziell wichtig. Jeder Laut bekam Bedeutung. Ich fragte mich unweigerlich, ob wir tatsächlich noch auf dem richtigen Weg waren. Noptrok schien sich sicher zu sein, doch selbst er überprüfte inzwischen häufiger die Umgebung. Seine Schritte blieben zielgerichtet, aber seine Aufmerksamkeit war permanent verteilt.
Ghus-tan war irgendwo dort draußen. Die einzige Stadt dieser Welt. Der einzige Ort mit Versorgung. Mit Sicherheit. Oder zumindest mit einer Form kontrollierter Gefahr. Und während wir weiter durch den dunklen Dschungel von Nif'Nakh marschierten, blieb dieses unangenehme Gefühl bestehen, dass die Nacht um uns herum nicht leer war, sondern voller Dinge, die entschieden hatten, uns vorerst nur zu beobachten.

Die Nacht hatte Nif'Nakh nicht verschluckt. Sie hatte den Planeten verwandelt. Je tiefer wir in den Dschungel vordrangen, desto weniger erinnerte diese Welt an irgendeinen Ort, den ich jemals gesehen hatte. Das fahle Tageslicht war verschwunden und hatte etwas Platz gemacht, das sich nur schwer beschreiben ließ. Die Dunkelheit war hier nicht schwarz. Sie lebte. Zwischen den gigantischen Pflanzenstrukturen glommen Farben auf, die sich langsam durch das Unterholz zogen wie atmende Organismen. Türkise Adern verliefen durch breite Blätter, deren Oberflächen aussahen, als wären sie aus halbtransparentem Wachs gefertigt worden. Manche Pilzformationen schimmerten in pulsierendem Violett, andere warfen kaltes grünes Licht auf die roten Gräser des Bodens. Es wirkte nicht natürlich. Eher wie eine künstliche Simulation eines fremden Ökosystems. Und genau das machte mir Angst. Der eisblaue Himmel Nif'Nakhs war inzwischen fast vollständig von schweren, dunklen Wolkenschichten verdeckt worden. Zwischen den Baumwipfeln drang nur noch wenig Restlicht hinab. Stattdessen begann der Wald selbst zu leuchten. Dünne Sporen trieben durch die Luft wie glimmender Staub. Einige blieben kurz an meiner Kleidung haften, bevor sie weitertrieben. Der Geruch hatte sich ebenfalls verändert. Tagsüber hatte die Luft nach feuchter Erde, Harz und warmem Pflanzenmaterial gerochen. Jetzt lag ein süßlicher, beinahe gärender Duft darüber, vermischt mit etwas Metallischem, das mich unwillkürlich an Blut erinnerte.
Ich hörte das leise Summen einer Drachenfliege, noch bevor ich sie sah. Das Geräusch bewegte sich schnell zwischen den Bäumen, kaum mehr als ein vibrierendes Sirren, das plötzlich direkt an meinem Kopf vorbeischoss. Reflexartig zuckte ich zusammen. Für einen kurzen Moment glaubte ich, das Tier würde erneut auf mir landen, doch stattdessen zog es einen engen Bogen durch die fluoreszierende Vegetation. Erst jetzt konnte ich es richtig erkennen. Die Drachenfliege war größer, als ich sie in Erinnerung gehabt hatte. Vielleicht lag es an der Dunkelheit oder an den Lichtreflexionen ihrer Umgebung. Ihr Körper war ungefähr so lang wie meine Hand, vielleicht fünfzehn Zentimeter. Der Panzer wirkte glatt und segmentiert, fast wie poliertes Metall. Doch das eigentlich Auffällige waren die Farben. Während sie durch die Nacht flog, spiegelte ihr Chitin die Umgebung wider. Mal schimmerte sie türkis, dann violett, dann wieder in einem kalten Grün. Für einen Moment hatte ich den Eindruck, das Tier würde aktiv leuchten. Aber das tat es nicht. Ich blieb stehen und beobachtete sie genauer. Die Farben wanderten nicht aus ihrem Inneren heraus nach außen. Sie entstanden auf der Oberfläche. Reflexionen. Brechungen. Das Chitin war hochgradig lichtempfindlich und warf jede fluoreszierende Lichtquelle der Umgebung verzerrt zurück.
"Drachenfliege jagen jetzt", sagte Noptrok leise. Seine Stimme durchschnitt die Geräuschkulisse der Nacht wie ein Messer. Selbst er sprach inzwischen leiser als zuvor. Nicht aus Angst. Eher aus Respekt vor dieser Umgebung.
Ich blickte der Kreatur hinterher und dachte an meinen ersten Eindruck zurück. Im Dämmerlicht hatte sie grau und unscheinbar gewirkt. Fast langweilig. Jetzt sah sie aus wie ein fliegendes Fragment eines lebenden Prismas. Und dann verstand ich meinen Fehler. Die Drachenfliege war keine Beute. Zumindest nicht für kleinere Tiere. Sie war ein Jäger. Die Erkenntnis traf mich genau in dem Moment, als sich direkt unter einer leuchtenden Pflanzenwurzel etwas bewegte. Ein kleines Wesen kroch aus dem Unterholz hervor. Ich hatte keine Ahnung, was ich da überhaupt ansah. Es war ungefähr so groß wie eine Ratte, besaß jedoch sechs Beine und einen länglichen Körper, der halb von einer durchscheinenden Membran bedeckt war. Seine Haut wirkte weich und feucht, fast embryonal. Mehrere kleine Augen reflektierten das fluoreszierende Licht des Waldes. Das Tier bewegte sich vorsichtig. Langsam. Wie hypnotisiert. Es hatte die Drachenfliege entdeckt. Oder eher deren Farben. Ich beobachtete, wie die Drachenfliege abrupt ihre Flugbahn änderte und lautlos zwischen zwei riesigen Farnstrukturen verharrte. Ihre Flügel bewegten sich nun so schnell, dass sie beinahe unsichtbar wurden. Das Summen wurde tiefer. Bedrohlicher. Das kleine Wesen hob den Kopf.
Dann geschah alles gleichzeitig. Ein kurzes, scharfes Geräusch durchschnitt die Luft. Die Drachenfliege spuckte. Ein dünner Strahl traf das Tier frontal. Zuerst verstand ich nicht, was ich sah. Die Flüssigkeit war nahezu durchsichtig gewesen. Doch einen Augenblick später begann die Haut des kleinen Wesens zu reagieren. Sie verfärbte sich dunkel. Schrumpfte. Rauch stieg auf. Das Kreischen traf mich wie ein Schlag. Das Tier war noch am Leben. Es wand sich auf dem Boden, schlug panisch mit seinen Beinen um sich, während Teile seines Körpers sichtbar zerfielen. Die Säure fraß sich durch Haut und Gewebe. Der Geruch breitete sich sofort aus. Verbranntes Fleisch. Chemikalien. Etwas Bitteres, das mir sofort in Nase und Hals stach. Mir wurde schlecht. Die Drachenfliege landete ruhig neben ihrem Opfer. Dann begann sie zu fressen. Keine Hast. Keine Aggression. Einfach effizient. Ihre dünnen Mundwerkzeuge arbeiteten sich durch das bereits angelöste Gewebe, während das Tier noch zuckte. Das Geräusch war leise. Feucht. Knackend. Ich konnte den Blick nicht abwenden.
Mein Herz schlug plötzlich viel schneller. Langsam hob ich meine linke Hand an und betrachtete meine Finger im Licht der fluoreszierenden Pflanzen. Jeder einzelne war noch da. Unversehrt. Ich erinnerte mich daran, wie die Drachenfliege vorhin über meine Haut gekrabbelt war. Wie ihre blaue Zunge meine Fingerspitzen berührt hatte. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Wie viel Glück hatte ich eigentlich gehabt? Wenn dieses Tier sich bedroht gefühlt hätte... Ich schluckte trocken.
"Nif'Nakh nicht freundlich", sagte Noptrok ruhig.
Seine rotgelben Augen spiegelten das Leuchten des Waldes wider, während er die Szene beobachtete, ohne erkennbare Emotion. Für ihn schien das nichts Besonderes zu sein. Einfach Teil dieser Welt.
Thovareus stand etwas hinter mir. Seine blauen Schuppen reflektierten die fluoreszierenden Farben etwas mehr als die Haut der Split. Ich bemerkte, dass selbst er die Drachenfliege mit größerem Abstand beobachtete. Seine schmalen Pupillen hatten sich geweitet.
"Die Sssäure vieler Tiere hier kann organissschesss Gewebe innerhalb von Sssekunden zzzerssstören", zischte er leise. "Teladi-Ssschuppen halten manche Formen kurzzz auf. Menssschliche Haut eher nicht."
Das war vermutlich die höflichste Formulierung für "du wärst verstümmelt worden", die ich je gehört hatte. Die Drachenfliege hob plötzlich wieder ab. Mit einem einzigen Flügelschlag verschwand sie zwischen den leuchtenden Pflanzenstrukturen und wurde sofort Teil des Farbenchaos der Nacht. Nur das entfernte Summen blieb noch für einige Sekunden hörbar. Zurück blieb der halb aufgelöste Kadaver. Ich zwang mich weiterzugehen. Doch mein Blick wanderte immer wieder zu meiner linken Hand. Und jedes Mal stellte ich mir vor, wie die Säure sich durch Haut, Fleisch und Knochen fraß.

Die Lichtung kam so plötzlich, dass ich sie zuerst für eine weitere optische Täuschung dieser Welt hielt. Zwischen den eng stehenden Bäumen hatte sich der Dschungel die ganze Zeit wie ein einziger lebender Organismus angefühlt, dicht, atmend, feucht und voller Geräusche, die niemals vollständig verstummten. Dann öffnete sich das Grün abrupt. Nicht weit. Vielleicht zwanzig oder dreißig Meter Durchmesser. Doch nach Stunden zwischen den gigantischen Stämmen und den ineinander verschlungenen Pflanzen wirkte dieser Ort beinahe unwirklich offen. Mein Blick fiel sofort auf den massiven Baumstumpf in der Mitte der Lichtung. Er war breit genug, dass drei Menschen darauf hätten liegen können. Die Oberfläche war nicht verwittert oder natürlich gebrochen, sondern sauber bearbeitet worden. Die Schnittkante verlief erstaunlich ebenmäßig, trotz der enormen Größe des Stammes. Selbst im schwachen Licht der Nacht erkannte ich parallele Kerben im Holz, alte Werkzeugspuren. Das Material schimmerte dunkelrotbraun und wirkte fast steinern. Zwischen den Rissen wuchs fluoreszierendes Moos, das in einem gedämpften Türkis leuchtete und den gesamten Stumpf wie von innen heraus erhellte.
Noptrok blieb stehen und musterte die Umgebung mit jener unheimlichen Ruhe, die ich inzwischen mit den Split verband. Seine gelblichen Augen reflektierten das diffuse Licht der Umgebung wie geschliffenes Glas. Die schmalen Pupillen waren erweitert, beinahe vollständig schwarz. Seine rechte Hand ruhte dicht über dem Griff seines Dolches, ohne ihn tatsächlich zu berühren.
Dann nickte er einmal. "Richtung richtig." Seine Stimme war tief und rau, kaum lauter als das Zirpen der nachtaktiven Insekten um uns herum.
Thovareus hob leicht den Kopf. Das schwache Leuchten der Umgebung spiegelte sich auf seinen bläulichen Schuppen. Die langen S-Laute seiner Stimme wirkten in dieser stillen Umgebung noch auffälliger.
"Erssstesss Zzzeichen von Zzzivilisssation."
Ich sagte nichts. Mein Brustkorb hob und senkte sich schwer. Allein das Gehen kostete mich inzwischen Konzentration. Meine Beine fühlten sich an, als hätte jemand zusätzliche Gewichte daran befestigt. Jeder Schritt auf Nif'Nakh verlangte mehr Kraft, als mein Körper instinktiv erwartete. Die erhöhte Gravitation war nicht brutal genug, um mich zusammenbrechen zu lassen, aber permanent präsent. Ein unsichtbarer Druck, der nie verschwand. Meine Knie schmerzten dumpf. Der Rücken war steif geworden. Selbst meine Schultern brannten inzwischen vom Gewicht des Rucksacks, obwohl dieser längst fast leer war.
Ich betrachtete die Lichtung genauer. Sie wirkte nicht wie ein Lagerplatz. Keine Feuerstelle. Keine Werkzeuge. Keine sichtbaren Markierungen der Split. Nur dieser bearbeitete Stumpf und mehrere kleinere, natürlich wirkende Sitzflächen darum herum. Einige waren vermutlich ebenfalls bearbeitet worden, aber wesentlich grober. Vielleicht ein Rastplatz. Vielleicht ein Orientierungspunkt. Oder etwas anderes. Denn genau das war das Problem auf dieser Welt. Ich verstand sie nicht. Vielleicht bedeutete diese Lichtung tatsächlich, dass Ghus-tan nicht mehr weit entfernt war. Vielleicht lag die Stadt aber auch hundert Kilometer entfernt und dies war lediglich ein alter Außenposten oder eine vergessene Wegmarkierung. Die Split dachten anders. Handelten anders. Selbst ihre Vorstellung von Entfernung und Sicherheit war vermutlich eine völlig andere als meine. Ich versuchte mich daran zu erinnern, ob ich während unseres Absturzes irgendetwas gesehen hatte. Doch meine Erinnerungen bestanden nur aus Feuer, Alarmsirenen, rotierenden Anzeigen und dem Gefühl, dass der Boden viel zu schnell näherkam. Danach hatte ich kaum den Kopf heben können. Die ersten Stunden nach der Bruchlandung waren nur aus Adrenalin und Erschöpfung bestanden.
Noptrok trat an den großen Stumpf heran und setzte sich mit kontrollierter Bewegung auf einen der kleineren Sitze. Selbst jetzt wirkte er nicht wirklich entspannt. Seine Haltung blieb aufrecht. Wachsam. Als könnte er innerhalb einer Sekunde aufspringen und kämpfen. Ich ließ mich vorsichtig auf einen anderen Stumpf sinken und spürte sofort, wie dankbar mein Körper dafür war. Das Holz war überraschend warm. Vielleicht durch biologische Aktivität im Inneren. Vielleicht speicherte das Material schlicht die Wärme des Tages. Der Geruch war intensiv. Feuchte Erde. Harz. Süßliche Pflanzenstoffe. Dazwischen immer wieder diese scharfe, beinahe chemische Note der lokalen Vegetation.
Über uns bewegten sich die Kronen der riesigen Bäume langsam im Wind. Zwischen den Ästen schimmerten die drei Monde Nif'Nakhs hindurch. Einer blassgrau. Der andere leicht rötlich. Der dritte, Woltrar, verwaschen hinter Wolken. Ihr Licht mischte sich mit dem fluoreszierenden Leuchten der Pflanzen und tauchte die Lichtung in unwirkliche Farben.
Ich öffnete meinen Rucksack. Die Bewegung allein machte mir bewusst, wie vorsichtig ich inzwischen mit meinen verbliebenen Vorräten umging. Das Material raschelte trocken. Viel zu trocken. Ich legte den Inhalt vor mir auf den großen Stumpf. Nichts. Fast nichts. Ein leerer Behälter, in dessen Boden sich vielleicht noch ein letzter Schluck Isotonic befand. Zwei kleine Energieriegel in zerdrückter Verpackung. Das war alles. Es sah erbärmlich aus. Thovareus legte mehrere kompakte Würfel neben meine Reste. Teladianische Notrationen. Dunkelgrün. Dicht gepresst. Sie wirkten unscheinbar, aber ich wusste inzwischen, dass Teladi aus erstaunlich wenig Nahrung lange Energie ziehen konnten. Ihr Stoffwechsel war extrem effizient. Selbst jetzt zeigte Thovareus kaum Erschöpfung. Seine Bewegungen waren langsamer geworden, ja, aber kontrolliert. Nicht ansatzweise vergleichbar mit meinem Zustand. Noptrok hingegen legte überhaupt nichts auf den Tisch. Er brauchte es nicht. Der Split beobachtete unsere Vorräte kurz und hob dann den Blick in den Dschungel. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass ihn unsere gesamte Situation irritierte. Nicht aus Mitgefühl. Sondern weil Nahrung für ihn hier offensichtlich kein echtes Problem darstellte. Er konnte jagen. Er konnte offenbar sogar Teile dieser Welt essen, die mich wahrscheinlich innerhalb weniger Minuten töten würden. Mir wurde wieder bewusst, wie fremd ich hier eigentlich war.
Mein Blick fiel auf mein Multifunktionswerkzeug am linken Handgelenk. Das kleine Display war zerkratzt, funktionierte aber noch. Ich aktivierte den biologischen Scanner erneut, obwohl ich das Ergebnis bereits kannte. Die Anzeige flackerte schwach. NICHT KOMPATIBEL. Mehrere rote Warnsymbole erschienen daneben. TOXISCH. BIOCHEMISCHE INKOMPATIBILITÄT. UNBEKANNTE PROTEINSTRUKTUR. Ich ließ den Arm langsam sinken. Um uns herum wuchs Nahrung im Überfluss. Riesige Früchte hingen zwischen den Ästen. Manche Pflanzen trugen leuchtende Blasen voller Flüssigkeit. Andere erinnerten an Pilze oder gewaltige Blütenkelche. Leben überall. Und ich konnte nichts davon konsumieren. Nicht einen einzigen Tropfen Wasser. Die Erkenntnis traf mich härter als zuvor. Denn bisher hatte Bewegung mein Denken überlagert. Solange wir marschierten, existierte nur der nächste Schritt. Die nächste Anhöhe. Das nächste Hindernis. Jetzt saß ich still. Jetzt hatte mein Gehirn Zeit nachzurechnen. Ich brauchte mehr Energie als die beiden anderen. Die höhere Gravitation belastete meinen Körper massiv. Mein menschlicher Organismus war auf diese Welt nicht vorbereitet. Jeder Kilometer kostete mich unverhältnismäßig viel Kraft. Und ich hatte keine Reserven mehr. Ich öffnete langsam einen der beiden verbliebenen Riegel und biss ein kleines Stück ab. Die Masse schmeckte trocken und künstlich süß. Normalerweise hätte ich den Geschmack kaum wahrgenommen. Jetzt fühlte es sich beinahe schmerzhaft an, weil mein Körper sofort mehr verlangte. Ich zwang mich langsam zu kauen. Neben mir beobachtete Thovareus die Umgebung mit unbewegtem Gesichtsausdruck. Seine langen Krallen ruhten locker auf seinem Knie. Nur seine Augen bewegten sich.
"Wenn wir Ghus-tan nicht bald erreichen ..." begann ich leise. Ich sprach den Satz nicht zu Ende.
Noptrok antwortete trotzdem. "Erreichen."
Nur dieses eine Wort. Sicher. Absolut. Ohne Zweifel. Ich beneidete ihn darum. Der Wind frischte leicht auf. Sofort reagierte der Dschungel darauf. Überall bewegten sich Pflanzen. Riesige Blätter klappten langsam ein. Andere öffneten sich erst jetzt vollständig und entließen schimmernde Partikel in die Luft. Aus der Ferne erklangen neue Geräusche. Tiefes Zirpen. Knackende Laute. Etwas kreischte kurz und verstummte abrupt. Die Nacht auf Nif'Nakh lebte. Und irgendwo dort draußen bewegten sich Dinge, die selbst Noptrok ernst nahmen. Ich trank einen kleinen Schluck Isotonic aus meiner Flasche. Die Flüssigkeit war warm geworden, aber mein Körper reagierte darauf fast verzweifelt dankbar. Danach war der Behälter fast leer. Ich drehte ihn langsam zwischen den Fingern. Dann schloss ich die Augen für einen Moment. Nicht aus Müdigkeit. Sondern weil ich versuchte nicht darüber nachzudenken, wie lange ein Mensch unter diesen Bedingungen durchhalten konnte.

Ich saß auf dem abgesägten Stammstück, das sich unter meinem Gewicht hart und leicht feucht anfühlte. Die Oberfläche war nicht sauber im menschlichen Sinn, sondern mechanisch geglättet, als hätte etwas mit gleichmäßiger Kraft die Fasern abgeschabt. Der Geruch von Holzsaft mischte sich mit der feuchten, leicht säuerlichen Luft des Dschungels, die nachts deutlich dichter wurde. Die erhöhte Gravitation zog zusätzlich an meinen Muskeln, als würde die Luft selbst Gewicht haben. Meine Atmung war unregelmäßig. Ich versuchte, sie zu kontrollieren, aber jede Bewegung der Umgebung zwang mich dazu, neu zu justieren, wo Geräusche wirklich entstanden und wo mein Kopf sie nur ergänzte. Das ständige Rascheln, das entfernte Klicken und das kurze, scharfe Zischen der Insekten jenseits der Lichtung ließen keinen klaren Rhythmus zu. Zeit war in diesem Zustand kein verlässlicher Parameter mehr. Sie löste sich auf in Belastung, Pausen und kurzen Momenten, in denen der Körper nicht sofort reagieren musste.
Die Drachenfliegen hielten Abstand zur Lichtung. Das war mir inzwischen aufgefallen. Sie umkreisten den Rand in niedriger Höhe, manchmal so dicht, dass ich die Luftverdrängung ihrer Flügel spürte, ein vibrierendes Summen, das durch die Vegetation lief wie eine mechanische Welle. Mehrmals hob ich den Blick, halb wach, halb in einer Art automatischem Beobachtungszustand, und sah, wie sie sich an entfernten Punkten sammelten. Dort, außerhalb meines direkten Sichtfelds, ballten sie sich kurz, bevor ein gemeinsamer Stoß aus Bewegung folgte. Etwas wurde dort bearbeitet, zerlegt oder ausgesondert. Ich sah nur die Folgen: kleine, unregelmäßige Silhouetten, die sich auflösten, während die größeren Körper sich neu positionierten.
Die Erkenntnis kam langsam, nicht als plötzlicher Gedanke, sondern als schleichende Korrektur meiner Annahmen. Ich hatte sie zunächst als einzelne Jäger eingeordnet, isolierte Einheiten, die zufällig im selben Habitat operierten. Das Muster widersprach dem. Das war Koordination, nicht Reaktion. Schwarmverhalten, aber nicht in der Form einfacher Insektenkollektive, sondern mit einer Struktur, die ich nicht sauber klassifizieren konnte. Das machte sie gefährlicher, weil Berechenbarkeit fehlte.
Ich ließ den Blick kurz über die Vegetation gleiten. Wenn das hier ein Zeichen war, dann ein sehr unzuverlässiges. Zu viel Natur, zu wenig Struktur. Und trotzdem war mir bewusst, dass diese Einschätzung aus meinem eigenen Bezugssystem kam, nicht aus dem der Split.
Ich sah zu den Drachenfliegen zurück. Sie hatten sich verändert. Nicht in ihrer Form, sondern in ihrer Dynamik. Die Bewegungen waren ruhiger geworden, koordinierter. Und weiter entfernt, kaum sichtbar zwischen den dunklen Blattstrukturen, schien sich etwas Größeres zu bewegen, nicht direkt erkennbar, aber durch das Verhalten der kleineren Tiere indirekt angezeigt. Mein Körper reagierte darauf mit einer Mischung aus Müdigkeit und gesteigerter Aufmerksamkeit. Das war kein bewusster Wechsel mehr, eher ein instinktiver Zustand, der sich durch die Überlastung verstärkte. Ich konnte nicht mehr klar trennen, ob ich etwas hörte oder ob mein Gehirn Muster ergänzte, die nicht vollständig vorhanden waren. Die Drachenfliegen sammelten sich erneut. Diesmal enger. Ein konzentrierter Punkt aus Bewegung am Rand der Lichtung. Dann ein kurzer Impuls, ein gemeinsamer Ausschlag der Flügel, und wieder diese charakteristische Vibration, die sich wie ein mechanisches Zittern durch die Luft zog. Das Geräusch war nicht gleichmäßig. Es variierte in Frequenz, als würden mehrere Ebenen von Bewegung überlagert.
Ich merkte, wie meine Augen schwerer wurden. Nicht nur wegen der Erschöpfung, sondern wegen der ständigen Reizüberlagerung aus Licht, Bewegung und Geräusch. Die biolumineszenten Pflanzen flackerten in langsamen Mustern, die sich mit den Bewegungen der Insekten überschnitten. Alles wirkte gleichzeitig ruhig und überaktiv.
Noptrok blieb weiterhin aufmerksam, aber er entspannte sich nicht vollständig. Thovareus verhielt sich ebenfalls still, sein Blick fixierte gelegentlich die gleiche Richtung wie meiner, ohne Kommentar. Ich versuchte, meine Position zu stabilisieren, die Haltung zu korrigieren, aber der Körper reagierte nur verzögert. Die Gravitation machte jede Anpassung schwerfälliger, als sie sein sollte. Der Boden unter der Lichtung war uneben, leicht federnd durch Wurzeln und organisches Material, das sich unter Schichten von Vegetation angesammelt hatte.
Die Drachenfliegen lösten sich plötzlich in Bewegung auf. Nicht chaotisch, sondern gleichzeitig. Ein koordinierter Schwarmstoß in eine Richtung außerhalb der Lichtung. Im gleichen Moment verschwand das entfernte Geräusch fast vollständig, als hätte jemand eine Frequenz abgeschaltet. Ich hielt den Blick noch einen Moment darauf gerichtet, bis die Dunkelheit zwischen den Pflanzen sie verschluckte.
Dann ließ die Spannung in meinem Körper minimal nach, nicht vollständig, aber genug, um das Bewusstsein in eine andere Richtung zu kippen. Die Geräusche des Dschungels füllten die Lücke wieder auf, gleichmäßig, aber weniger strukturiert als zuvor. Die Wahrnehmung begann zu fragmentieren, einzelne Elemente lösten sich aus dem Gesamtbild. Der letzte klare Eindruck war das gleichmäßige, schnelle Schlagen der Flügel in der Ferne, ein rhythmisches Muster ohne Ende, das sich nicht mehr sinnvoll einordnen ließ. Danach fiel ich in einen unruhigen Schlaf, ohne klare Grenze zwischen Beobachtung und Dunkelheit.

Der Einschlag kam nicht wie ein einzelnes Ereignis, sondern wie eine Kaskade aus Druck, Vibration und abruptem Verlust jeder stabilen Orientierung. Zuerst war da das tiefe, unnatürliche Donnern, das nicht durch die Luft, sondern durch den Boden selbst lief, als hätte der Dschungel unter uns kurz den Zusammenhang seiner eigenen Struktur verloren. Ich riss die Augen auf, noch bevor mein Bewusstsein vollständig aus dem fragmentierten Schlaf zurückkehren konnte. Der Untergrund, auf dem wir rasteten, vibrierte in unregelmäßigen Wellen, und der provisorische Kreis aus Baumstümpfen, der uns zuvor als sichere Insel erschienen war, wirkte plötzlich wie eine fragwürdige Entscheidung inmitten eines lebenden Systems.
Die Drachenfliegen waren nicht mehr dort, wo sie gewesen waren. Stattdessen lagen verstreute Körper auf der Lichtung, einige noch zuckend, andere bereits in Auflösung begriffen. Ihre Panzer zerfielen in zähflüssige, blaugrün schimmernde Substanz, die sich in den Boden fraß und kleine Dampfschwaden erzeugte, die nach scharfem Metall und süßlicher Chemie rochen. Der Geruch war unmittelbar aggressiv, ein Brennen in der Nase, das sich in den Rachen legte und dort blieb. Über allem hing ein schwerer, organischer Gestank von zerdrücktem Chitin und geöffnetem Gewebe.
Dann trat es aus dem Dschungel. Das Ghok bewegte sich nicht wie ein Tier, das den Raum betritt, sondern wie eine Struktur, die sich entscheidet, sichtbar zu werden. Die Pflanzen am Rand der Lichtung wichen nicht, sie wurden niedergehalten, als wäre ihr Widerstand irrelevant. Sein massiver Körper schob sich zwischen die fluoreszierenden Farne und Pilzstrukturen, die unter seiner Nähe ihre Leuchtintensität zu verändern schienen, als würden sie instinktiv reagieren.
Das erste, was ich wirklich erfassen konnte, war das Maul. Ein klaffender Spalt aus unregelmäßigen, messerscharfen Zahnreihen, die nicht statisch wirkten, sondern leicht gegeneinander verschoben, als könnten sie sich bei Bedarf neu ausrichten. Zwischen ihnen hing ein Film aus säurehaltiger Flüssigkeit, die in dicken Tropfen zu Boden fiel und dort sofort kleine Reaktionszonen erzeugte. Das Zischen war leise, aber konstant. Es erinnerte an verdichtete Hitze, die keinen Ausweg findet. In diesem Maul verschwanden die Drachenfliegen, noch halb intakt, bevor sie vollständig zerbissen wurden. Das Geräusch dabei war das eigentliche Problem. Kein Reißen, kein klassisches Zerdrücken, sondern ein rhythmisches Knacken, als würde eine technische Vorrichtung organisches Material kalibriert zerlegen. Jede Bewegung des Kiefers war präzise, unerbittlich, frei von jeder Form von Zögern.
Ich bewegte mich nicht. Nicht aus Kontrolle, sondern weil jede Mikroentscheidung meines Körpers plötzlich blockiert war. Die Luft in meinen Lungen wurde flach, vorsichtig, fast vollständig zurückgehalten. Ich registrierte gleichzeitig, dass Noptrok und Thovareus ebenfalls erstarrt waren, ihre Silhouetten kaum mehr als feste Punkte im Halbdunkel der Lichtung.
Erst jetzt verstand ich, wie groß das Ghok tatsächlich war. Etwa die Größe eines terranischen Nutztiers, möglicherweise größer, aber das war eine unpräzise Vergleichsgröße, die in diesem Kontext kaum noch Bedeutung hatte. Das Licht der drei Monde fiel in gebrochenen Winkeln auf seine Oberfläche und offenbarte keine einheitliche Struktur, sondern eine Zusammensetzung aus Segmenten, die ineinander übergingen, ohne klare Grenzen zu ziehen. Die Panzerung war nicht glatt, sondern unregelmäßig aufgebaut, mit stachelartigen Erhebungen, die wie gewachsene Verteidigungsmechanismen wirkten. Einige davon reflektierten das fluoreszierende Grün der Pflanzen, andere schluckten es vollständig. Die Farbgebung war unruhig. Grautöne dominierten, aber sie waren durchsetzt von unregelmäßigen Flecken in Grün, Rot und erdigen Brauntönen, die das Tier gleichzeitig organisch und unlesbar machten. Es war keine Tarnung im klassischen Sinn, sondern ein Effekt, der sich aus Struktur und Oberfläche ergab. Je länger ich hinsah, desto weniger sicher war ich, ob ich wirklich eine feste Form betrachtete oder nur eine funktionale Ansammlung von Bewegungslogik. Sechs Augen saßen seitlich im Kopfbereich, jeweils drei pro Seite. Sie bewegten sich unabhängig voneinander, scannten die Umgebung in unterschiedlichen Ebenen. Ich hatte das unangenehme Gefühl, dass mindestens eines dieser Augen uns bereits erfasst hatte, ohne dass eine Reaktion notwendig gewesen wäre. Nase und Ohren waren nicht sichtbar, oder zumindest nicht in einer Form, die ich als solche identifizieren konnte. Das machte das Tier nicht weniger wahrnehmend, sondern im Gegenteil eher schlimmer, weil es die Frage offenließ, auf welche Weise es seine Umgebung überhaupt interpretierte. Der Körper selbst war langgezogen, fast sichelförmig, mit einem massiven Hintersegment, das in einer schwer kontrollierbaren Bewegung endete. Zwölf Beine trugen ihn, jeweils in gestaffelter, krebsartiger Mechanik, die den Eindruck von Stabilität und Geschwindigkeit zugleich vermittelte. Zusätzlich ragten zwei Scheren aus dem vorderen Rumpfbereich, nicht wie Werkzeuge, sondern wie primäre Manipulationsorgane. Sie hielten, zerdrückten und fixierten gleichzeitig, ohne erkennbare Differenz zwischen diesen Funktionen.
Ich bemerkte, wie mein Blick immer wieder zu meinen eigenen Händen wanderte. Die Finger waren noch vollständig vorhanden. Eine triviale Feststellung, die dennoch plötzlich Gewicht bekam. Die Erinnerung an die Drachenfliegen, an deren Säure, an die Geschwindigkeit, mit der Gewebe aufgelöst wurde, legte sich wie eine kalte Schicht über die Wahrnehmung.
Das Ghok bewegte sich weiter über die Lichtung, langsam, aber nicht zögerlich. Jede seiner Bewegungen erzeugte eine minimale Verschiebung im Untergrund, als würde der Boden seine Struktur unter ihm neu bewerten müssen. Die Kadaver der Drachenfliegen verschwanden nach und nach in seinem Maul oder wurden direkt mit den Scheren erfasst und weiterverarbeitet, bevor sie überhaupt noch als eigenständige Körper erkennbar waren.
Ich hielt den Atem weiterhin kontrolliert niedrig. Der Gedanke, dass wir hier nur nicht Teil dieser Nahrungskette waren, weil wir uns noch nicht bewegt hatten, war kein beruhigender, sondern ein statistischer Zufall, der jederzeit kippen konnte.
Noptrok stand weiterhin reglos, aber seine Körperhaltung hatte sich minimal verändert. Kein Rückzug, eher eine Anpassung. Thovareus blieb auf seiner Position, die blauen Schuppen in der Dunkelheit kaum reflektierend, während seine Augen den Rand der Lichtung absuchten.
Das Ghok richtete sich für einen kurzen Moment leicht auf, der Kopf drehte sich in unsere Richtung, und ich hatte den klaren Eindruck, dass dieser Augenblick nicht zufällig war. Dann setzte es seine Bewegung fort, als hätte es eine Entscheidung getroffen, die keine unmittelbare Handlung erforderte. Ich wusste nicht, ob wir beobachtet wurden, ignoriert wurden oder bereits eingeplant waren.

Der Wald hatte sich in ein chaotisches Geflecht aus Bewegung, Geräusch und Panik verwandelt. Jeder Schritt, den ich setzte, schien die Gravitation selbst gegen mich zu richten. Der Boden unter meinen Füßen war unzuverlässig, durchzogen von Wurzeln, feuchtem Moos und unregelmäßigen Senken, die sich im schwachen Licht der Monde nur als dunklere Schatten abzeichneten. Die erhöhte Schwerkraft von Nif’Nakh machte aus jedem Sprint eine kompromisslose Rechnung zwischen Kraft und Sauerstoff. Meine Lungen arbeiteten bereits am Limit, während meine Muskeln sich mit einer bleiernen Trägheit gegen den Impuls des Überlebens stemmten. Vor lauter Angst bewegte ich mich. Und durch das gleiche Gefühl hatte ich die Kontrolle verloren. Urin und Kot rannten warm und brennend meine schmerzenden Beine hinab. Ich schämte mich, doch der Überlebensinstinkt war stärker.
Der Gedanke kam nicht logisch, sondern als Fragment aus einer anderen Zeit, das sich ungefragt in den Strudel der Panik schob. Argon Prime. Staubige Luft, strukturierte Felder, der metallische Geruch eines alten Zauns. Das kleine Mädchen, das sich damals -starr vor Angst- eingenässt hatte, viel zu nah an einem Argnu-Bullen, dessen Körpergröße und Masse jede Vorstellung von Sicherheit negierte. Über drei Meter reine, gedrungene Muskelkraft, ein terranisch wirkendes Raubtier in domestizierter Form mit drei Hörnern, das in diesem Moment alles andere als kontrollierbar wirkte. Die Erinnerung daran, wie Gal Connar ohne Zögern reagiert hatte, wie sie das Kind im letzten möglichen Augenblick unter dem Zaun hindurchgezogen hatte, blitzte kurz auf. Kein Triumph, keine Heldenhaftigkeit, nur eine klare, brutale Kette von Handlung und Konsequenz. Dann löste sich das Bild wieder auf, verdrängt von dem hier und jetzt, das keinen Raum für solche Rückblicke ließ.
Vor mir bewegten sich Noptrok und Thovareus mit einer Effizienz, die fast unnatürlich wirkte. Noptrok hatte den schmalen Pfad instinktiv gewählt, ein kaum erkennbarer Streifen zwischen zwei Bereichen dichter Vegetation, der vermutlich ursprünglich von Tieren oder seltener von Split selbst angelegt worden war. Thovareus hielt sich dicht dahinter, seine Bewegungen erstaunlich stabil für einen Teladi unter diesen Bedingungen. Ich war das Schlusslicht, eine Position, die mir die unangenehme Ehrlichkeit der Situation aufzwang: wenn etwas uns erreichte, würde es mich zuerst treffen.
Während des Laufs durch den dichten Dschungel trafen mich immer wieder Äste mit voller Wucht im Gesicht, hinterließen brennende Spuren auf der Haut und zwangen mich, den Kopf instinktiv wegzudrehen. Dornenpflanzen griffen regelrecht nach mir, rissen Stoffbahnen meiner Kleidung auf und schnitten in die freiliegende Haut, sodass jeder Kontakt wie ein kurzer, schneidender Impuls durch meinen Körper ging. Mit jedem Schritt wurde der Widerstand der Vegetation aggressiver, als würde der Wald selbst versuchen, jede Bewegung zu bestrafen.
Hinter uns war das Ghok nicht einfach nur präsent. Es war ein physikalisches Ereignis. Das Geräusch seiner Verfolgung war kein einzelnes Signal, sondern eine fortlaufende Druckwelle, die sich durch den Dschungel schob. Äste brachen nicht einzeln, sondern in Serien. Der Boden vibrierte in kurzen Intervallen, als würde etwas Gigantisches seine eigene Route durch die Welt erzwingen, unabhängig von deren Struktur. Ich konnte es nicht direkt sehen, aber jeder Blick über die Schulter reichte aus, um mir die Konsequenz der Nähe zu verdeutlichen: zerdrückte Vegetation, aufgerissene Erde, das gelegentliche Aufblitzen von fluoreszierendem Pflanzenmaterial, das unter Druck zerplatzte. Der Pfad selbst war unser einziger Vorteil. Eng, verwachsen, gezielt unkomfortabel für etwas dieser Größe. Jeder Schritt des Ghok musste Anpassung bedeuten, jede Bewegung war ein logistisches Problem für einen Körper, der eigentlich nicht für solche Umgebungen gedacht war. Diese Tatsache war der einzige rationale Gedanke, der sich in meinem Bewusstsein halten ließ.
Noptroks Worte aus der Pause hatten sich in meinem Kopf festgesetzt. Einzelgänger. Territorial. Keine Schwarmstruktur. Keine koordinierte Jagd. Nur Instinkt und Revierlogik. Eine schwache Beruhigung, die sich sofort wieder auflöste, sobald ich erneut dieses dumpfe, tiefe Tröten hörte, das nicht aus der Luft, sondern aus dem Boden selbst zu kommen schien.
Meine Atmung wurde unregelmäßig. Ich zwang sie nicht mehr aktiv in Kontrolle, sondern versuchte nur noch, nicht vollständig in Hyperventilation zu kippen. Meine Sicht verengte sich gelegentlich, ein Tunnel, der sich nur kurz öffnete, wenn ich bewusst blinzelte. Der Körper arbeitete unabhängig vom Verstand. Dann kam der Moment des Verlusts. Ein unachtsamer Schritt, eine Wurzel, die unter Moos verborgen war, und ein Stein, der genau im falschen Winkel lag. Mein Fuß fand keinen Halt mehr. Die Welt kippte nicht langsam, sondern abrupt. Ich überschlug mich, mehrfach, ohne die Möglichkeit irgendeiner kontrollierten Bewegung. Der Aufprall war wiederholt, brutal, jedes Mal mit einer neuen Kombination aus Erde, Pflanzenresten und schneidenden Ästen. Als ich zum Stillstand kam, war mein Orientierungssinn vollständig fragmentiert. Der Geschmack von Erde und organischem Material lag schwer im Mund, und mein Körper reagierte, bevor mein Bewusstsein es einordnen konnte. Ich übergab mich. Der Moment war nicht emotional, sondern rein physisch. Ein Systemüberlauf. Der Körper entledigte sich dessen, was er nicht mehr tragen konnte.
Das Ghok war plötzlich da. Nicht hinter mir, nicht irgendwo im Wald, sondern unmittelbar vor mir, als hätte es die Distanz zwischen Verfolgung und Abschluss einfach ausgelassen. Seine Präsenz füllte das gesamte Sichtfeld. Die Größe war im direkten Vergleich noch zerstörerischer als in der Distanz. Die Panzersegmente, die Scheren, die mehrschichtigen Augen, alles wirkte jetzt nicht mehr wie ein Tier, sondern wie ein funktionaler Endpunkt einer Nahrungskette. Ich lag halb auf der Seite, unfähig, mich schnell genug aufzurichten. Meine Kleidung war zerrissen, verdreckt, durchzogen von Erde und pflanzlichen Rückständen. Die Wärme in meinem Körper war kein Zeichen von Stabilität, sondern von Kontrollverlust. Urin, Kot, Erbrochenes.
Das Ghok wich einen Schritt zurück. Nicht aus Angst. Aus Bewertung. Meine unkontrollierte Reaktion, das Erbrechen, wurde offenbar als potenzielle Gefahr interpretiert. Eine instinktive Reaktion, die zufällig in sein Muster passte. Säure, Verteidigung, Unberechenbarkeit. Für einen kurzen Moment war ich kein Opfer, sondern ein unklassifiziertes Risiko.
Noptrok und Thovareus waren nicht mehr sichtbar. Diese Erkenntnis kam nicht abrupt, sondern setzte sich langsam durch, während mein Blick versuchte, die Umgebung zu rekonstruieren. Kein Bewegungsfeld, keine Silhouette im Unterholz, kein Hinweis auf Rückkehr. Nur ich und das Ghok. Der Gedanke, dass sie entkommen sein könnten, existierte parallel zu dem deutlich realistischeren Szenario, dass ich einfach zurückgelassen worden war, weil Geschwindigkeit entschieden hatte. Und doch wünschte ich mir, dass sie zurückkommen würden und mich retteten, indem sie das Ghok erlegten.
Ich war erschöpft. Vollständig. Meine motorischen Fähigkeiten reduzierten sich auf kriechende, unkoordinierte Bewegungen. Jeder Versuch, Abstand zu gewinnen, hinterließ eine Spur aus Körperflüssigkeiten, die ich nicht mehr kontrolliert halten konnte. Der Boden nahm alles auf, ohne zu urteilen. In einem letzten, rein instinktiven Versuch, etwas zwischen mich und das Ghok zu bringen, schleuderte ich meinen Rucksack nach vorne. Das Tier reagierte sofort, zerfetzte das Material ohne erkennbare Anstrengung und verschlang den Inhalt in einer einzigen, mechanischen Bewegung, als wäre es bedeutungslos. Direkt danach setzte es seinen Vorstoß fort, ungebremst und fokussiert, während aus seinem Maul bereits säurehaltiger Geifer tropfte, der auf dem Boden zischend kleine Reaktionen auslöste.
Dann kam die kleine Drachenfliege. Sie bewegte sich nicht wie ein Zufall, sondern wie ein irritierender Kontrast zur Größe des Geschehens. Sie schwirrte in kurzen, schnellen Bahnen um das Ghok, als würde sie ein Muster stören wollen, das sie nicht verstand. Für einen Moment hielt ich sie für dieselbe, die zuvor meine Hand berührt hatte. Eine irrationale Zuordnung, geboren aus Erschöpfung und meiner fragwürdigen Wahrnehmung. In meinem Delirium wurde daraus ein Gedanke der Hoffnung. Dass etwas Kleines etwas Großes beeinflussen könnte. Dass es zu meiner Rettung geeilt war. Das Ghok reagierte nicht konsequent auf sie. Ein gelegentliches Schnappen, eine minimale Drehung des Kopfsegments, aber keine echte Verfolgung. Es war, als würde das Tier sie als irrelevant einstufen, solange sie nicht in sein primäres Handlungsmuster fiel.
Der Baum hinter mir war der letzte Punkt, den ich erreichen konnte. Meine Kraft war vollständig erschöpft. Ich fiel rückwärts gegen das Wurzelwerk, die Struktur des Baumes kalt und hart im Rücken. Meine Wahrnehmung war bereits instabil, die Grenzen zwischen Geräusch und Gedanke begannen sich aufzulösen. Das Ghok näherte sich erneut. Der letzte Laut, den es von sich gab, war kein einfaches Geräusch, sondern ein durchdringendes, scharfes Tröten, das sich wie eine physische Klinge durch mein Gehör zog. Es war nicht Schmerz im klassischen Sinn, sondern ein kompletter Systemabbruch der Wahrnehmung. Alles wurde schwarz. Der letzte klar strukturierte Gedanke war, dass es besser war bewusstlos verschlungen zu werden.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 47 - Hilfe

Schmerz.
Nicht einfach nur Schmerz als körperliche Empfindung, sondern etwas Absolutes. Etwas, das jede andere Wahrnehmung verdrängte und keinen Platz mehr für Gedanken ließ. Ich schrie. Nicht kontrolliert, nicht menschlich zurückhaltend, sondern mit allem, was meine Lungen noch hergaben. Das Geräusch hallte dumpf in meinem eigenen Schädel wider und wurde gleichzeitig von einem pochenden Dröhnen überlagert, das meinen gesamten Körper durchzog.
Ich konnte nichts sehen. Zuerst glaubte ich, blind geworden zu sein. Panik schoss sofort durch mich hindurch. Meine Augen waren geöffnet, dessen war ich mir sicher, aber vor mir existierte nur eine kompakte Schwärze. Keine Konturen. Kein Licht. Nichts. Sofort schoss mir die Erinnerung an das säuretriefende Maul des Ghok durch den Kopf. Hatte es mich erwischt? Waren meine Augen verätzt worden? Der Gedanke allein ließ die Panik eskalieren.
Instinktiv wollte ich die Hände vors Gesicht reißen, doch meine Arme bewegten sich nicht. Etwas hielt mich fest. Ich riss an meinen Schultern, versuchte die Beine anzuziehen, doch jede Bewegung endete in einer Explosion aus Schmerz. Meine Gelenke fühlten sich an, als wären sie aus ihren Fassungen gerissen worden. Die Muskeln brannten derart intensiv, dass ich das Gefühl hatte, unter meiner Haut würde flüssiges Metall zirkulieren. Selbst meine Finger gehorchten mir nur unvollständig.
Das Ghok. Der Gedanke kam sofort. Die Scheren. Es musste mich gepackt haben. Vielleicht lag ich noch immer unter diesem Monster, irgendwo zwischen seinen Kiefern oder eingeklemmt zwischen Panzerplatten und Klauen. Mein Herz raste so heftig, dass mir übel wurde. Ich versuchte erneut mich loszureißen. Der Schmerz war unvorstellbar. Es fühlte sich an, als würden Sehnen reißen. Ein heißer Strom schoss von meinem Rücken durch Brustkorb und Bauch bis in die Beine. Meine Kehle wurde rau vom Schreien. Ich hörte mich selbst nur noch verzerrt, als würde das Geräusch aus weiter Entfernung kommen.
Dann brach alles weg. Keine Gedanken mehr. Kein Wald. Kein Ghok. Kein Körpergefühl. Nur Dunkelheit.

Als ich erneut zu mir kam, war die Welt stiller geworden. Nicht ruhig. Nur gedämpft. Der Schmerz war noch da, aber er hatte seine schneidende Schärfe verloren und war zu etwas Schwerem geworden. Zu einem konstanten Druck, der überall gleichzeitig existierte. Ich lag vollkommen reglos, weil selbst der Versuch zu denken anstrengend wirkte. Mein Körper fühlte sich zerstört an. Jeder einzelne Bereich schmerzte auf seine eigene Weise. Die Rippen pochten dumpf bei jedem Atemzug. Mein Rücken fühlte sich an, als hätte man ihn mit stumpfen Werkzeugen bearbeitet. Meine Schultern waren steif und schwer. Selbst die Gelenke in meinen Fingern pulsierten in einem unangenehmen Rhythmus.
Langsam öffnete ich die Augen. Diesmal war da Licht. Nicht viel. Nur schwache, orangefarbene Linien, die dort verliefen, wo Boden und Wände aufeinandertrafen. Das Licht wirkte indirekt, weich und warm. Kein technisches Weiß wie auf argonischen Stationen oder das sterile Blau medizinischer Einrichtungen. Es erinnerte mich an Sonnenuntergänge auf Argon Prime, wenn die letzten Lichtreflexe über Metallfassaden glitten und alles für wenige Minuten ruhig erscheinen ließen.
Die Luft war warm. Nicht heiß. Nicht stickig. Einfach konstant angenehm temperiert. Trocken genug, dass sich meine Haut nicht feucht anfühlte, aber nicht trocken genug, um unangenehm zu sein. Ich blieb liegen. Nicht aus Vorsicht, sondern weil mein Körper keinerlei andere Entscheidung zuließ. Das Rauschen meines eigenen Blutes lag laut in meinen Ohren. Es überlagerte fast alles andere. Hin und wieder meinte ich ein entferntes Knacken zu hören, vielleicht Metall, vielleicht Schritte. Ich konnte es nicht einordnen.
Langsam begann meine Sicht klarer zu werden. Die Decke über mir war dunkel und bestand aus großen, matten Metallsegmenten, die nicht perfekt symmetrisch angeordnet waren. Dazwischen verliefen schmale Vertiefungen, in denen dieselben orangefarbenen Lichtlinien glommen. Die Wände wirkten massiv und funktional, aber nicht kalt. Eher wie etwas, das gebaut worden war, um lange zu bestehen.
Split. Der Gedanke kam träge, aber eindeutig. Ich lebte noch. Warum? Ich versuchte mich daran zu erinnern, was nach dem Schrei des Ghok passiert war, doch meine Gedanken glitten sofort wieder auseinander. Fragmente tauchten auf und verschwanden wieder. Fluoreszierende Pflanzen. Säuregeruch. Die kleine Drachenfliege. Das riesige Maul des Ghok.
Dann Müdigkeit. Sie kam nicht plötzlich, sondern legte sich langsam über mein Bewusstsein wie schwerer Nebel. Meine Augen wurden wieder schwer. Ich wollte wach bleiben, wollte verstehen, wo ich war, doch mein Körper ignorierte diesen Wunsch vollständig. Die Dunkelheit holte mich erneut.

Als ich wieder aufwachte, wusste ich nicht, wie viel Zeit vergangen war. Sekunden. Stunden. Vielleicht ein ganzer Tag. Der Schmerz hatte sich verändert. Er war nicht verschwunden, aber dumpfer geworden, tiefer. Nicht mehr wie brennendes Feuer, sondern wie großflächige Prellungen, die unter jeder Bewegung verborgen lagen. Ich spürte meinen Körper jetzt klarer und genau das machte alles unangenehm. Vorsichtig versuchte ich den rechten Arm leicht anzuheben. Sofort schoss ein stechender Schmerz durch meine Schulter und meinen Brustkorb. Mir wurde die Luft regelrecht aus den Lungen gepresst. Ein unkontrolliertes Keuchen entwich mir, bevor ich die Bewegung sofort abbrach. Also blieb ich liegen. Mein Atem ging flach. Ich konzentrierte mich darauf, nicht erneut in Panik zu geraten. Langsam einatmen. Langsam ausatmen. Jede zu tiefe Bewegung der Rippen verursachte ein unangenehmes Ziehen.
Erst jetzt bemerkte ich den Geruch. Kräuter. Sehr dezent, aber eindeutig vorhanden. Nicht künstlich wie Duftstoffe in argonischen Kliniken, sondern natürlich. Erdige Noten mischten sich mit etwas Harzigem und leicht Bitterem. Dazwischen lag ein subtil süßlicher Geruch, den ich nicht identifizieren konnte. Es erinnerte entfernt an getrocknete Pflanzen oder medizinische Extrakte. Die Luft selbst wirkte sauber. Keine Spur von Blut. Keine Fäulnis. Kein beißender Desinfektionsgeruch.
Mein Blick wanderte langsam durch den Raum. Er war größer, als ich zuerst angenommen hatte. Die Wände bestanden aus dunklem Metall mit eingearbeiteten, fast organisch wirkenden Strukturen. Keine scharfen rechten Winkel wie bei menschlicher Architektur. Vieles verlief leicht geschwungen oder abgeschrägt, als hätte Funktionalität Vorrang vor geometrischer Perfektion gehabt.
Das Bett unter mir war hart. Keine Matratze im eigentlichen Sinn. Eher eine feste Liegefläche mit minimal nachgiebiger Polsterung. Trotzdem war sie überraschend angenehm temperiert. Keine Decke lag über mir, aber ich fror nicht. Die Temperatur des Raumes schien exakt darauf ausgelegt zu sein, Wärmeverlust unnötig zu machen. Langsam registrierte ich, dass mein Oberkörper teilweise bandagiert war. Dunkles Material verlief über Brust, Schulter und Bauch. Die Verbände wirkten sauber angelegt, straff genug, um zu stabilisieren, aber nicht so eng, dass sie meine Atmung vollständig behinderten. Jemand hatte mich behandelt. Der Gedanke war gleichzeitig beruhigend und beunruhigend.
Ich lauschte. Ganz weit entfernt glaubte ich Stimmen zu hören. Dumpf. Tief. Einzelne harte Konsonanten drangen durch die Wand oder vielleicht durch eine geöffnete Tür irgendwo außerhalb meines Sichtfeldes. Split. Vermutlich. Ich konnte die Worte nicht verstehen, aber die Sprachmelodie war eindeutig. Manchmal mischte sich ein anderes Geräusch darunter. Ein metallisches Klicken. Schritte. Vielleicht Werkzeuge. Ich wollte den Kopf drehen, doch selbst das verursachte sofort ein unangenehmes Ziehen im Nacken. Also blieb ich einfach liegen und starrte an die Decke.
Mein Körper fühlte sich schwer an. Nicht nur verletzt, sondern erschöpft bis in die tiefsten Schichten hinein. Als hätte jede einzelne Zelle entschieden, dass Bewegung momentan sinnlos war. Die Erinnerung an das Ghok kam zurück. Nicht vollständig. Nur Bilder. Die Scheren. Das Säuremaul. Die sechs Augen. Ich spürte sofort, wie mein Puls schneller wurde. Lebte das Tier noch? Hatte es mich verletzt? Warum hatte es mich nicht getötet? Oder hatte jemand eingegriffen? Noptrok? Thovareus? Ich wusste es nicht. Die Unsicherheit nagte an mir, doch die Müdigkeit war stärker. Sie drückte schwer gegen mein Bewusstsein und zog meine Gedanken langsam wieder auseinander. Das orange Licht an den Bodenkanten verschwamm zunehmend. Die Kräuterdüfte wurden diffuser. Irgendwo weit entfernt hörte ich erneut Stimmen. Dann glitt ich wieder zurück in die Dunkelheit.

"Danke."
Das Wort verließ meinen Mund leise und rau zugleich. Nicht höflich dahingesagt, nicht aus Gewohnheit, sondern ehrlich. Ich meinte es so. Selbst wenn ich nicht wusste, wie viel Zeit vergangen war, wusste ich dennoch, dass ich ohne die Pflege der Split längst tot gewesen wäre. Mein Körper erinnerte mich bei jeder Bewegung daran. Die Schmerzen waren inzwischen kontrollierbar geworden, aber nie wirklich verschwunden. Sie lagen wie dumpfe Gewichte unter meiner Haut und meldeten sich sofort zurück, sobald ich mich zu schnell bewegte oder zu tief atmete. Die Split reagierten nicht. Wie immer. Die verhüllte Gestalt, die gerade eine flache Metallschale mit dampfender Flüssigkeit neben mein Bett gestellt hatte, verharrte nicht einmal. Sie drehte sich einfach um und verließ den Raum mit denselben lautlosen Bewegungen wie zuvor. Die schwarze Robe strich dabei nur minimal über den Boden. Kein Wort. Kein Blick zurück. Ich sah ihr nach.
Inzwischen hatte ich verstanden, dass ausschließlich weibliche Split zu mir kamen. Nie Männer. Und obwohl sie fast immer vollständig von ihren dunklen Gewändern bedeckt waren, hatte ich im Laufe der Zeit dennoch genug erkennen können, um Unterschiede wahrzunehmen. Ihre Bewegungen waren anders als die der männlichen Split. Kontrollierter. Ruhiger. Nicht weniger gefährlich, aber weniger aggressiv. Die Männer, denen ich bisher begegnet war, hatten eine permanente Spannung ausgestrahlt, als könnten sie jederzeit explodieren. Bei den Frauen war es subtiler. Wie etwas, das unter Kontrolle gehalten wurde und gerade deshalb gefährlicher wirkte. Die Kapuzen verdeckten den größten Teil ihrer Gesichter, doch manchmal fiel Stoff zur Seite oder Licht traf in einem bestimmten Winkel auf ihre Züge. Ihre Augen waren dieselben wie bei den Männern: rote Lederhaut statt menschlichem Augenweiß, schwarze Pupillen und gelbe Iriden, die im dämmrigen Licht fast bernsteinfarben wirkten. Aber ihre Gesichtszüge erschienen feiner. Nicht weich. Niemals weich. Eher schärfer modelliert. Einmal hatte sich eine der Frauen über mich gebeugt, um die Bandagen an meiner Seite zu wechseln. Dabei war die Kapuze etwas verrutscht. Ich hatte kleine, leicht nach hinten spitz zulaufende Ohren gesehen und eine erstaunlich dichte Haarpracht. Dunkel. Schwer. Streng zurückgebunden. Nicht wie bei menschlichen Frauen offen fallend, sondern praktisch zusammengefasst. Die meisten Split-Männer, die ich bisher gesehen hatte, waren fast immer kahl gewesen oder hatten nur am Hinterkopf Haar getragen. Bei den Frauen hingegen schien Haar eine größere Bedeutung zu haben. Vielleicht Status. Vielleicht Tradition. Vielleicht etwas völlig anderes. Ich wusste es nicht.
Aber ich bemerkte, dass ich sie betrachtete. Nicht aus Begehren. Dafür war mein Zustand zu miserabel. Vielmehr aus einer seltsamen Form von Faszination. Die Split entsprachen eigentlich nicht meinem menschlichen Verständnis von Schönheit. Ihre Haut war ledrig. Ihre Gesichtszüge fremdartig. Die Atemschlitze anstelle einer Nase wirkten selbst jetzt noch ungewohnt auf mich. Und trotzdem. Trotzdem lag etwas in ihrer Erscheinung, das mein ästhetisches Empfinden erreichte. Vielleicht war es diese kompromisslose Klarheit ihrer Körper. Vielleicht die Art, wie sie sich bewegten. Oder wie ihre Augen wirkten, wenn das orange Licht des Zimmers darin reflektierte. Ich wusste nur, dass ich sie nicht als hässlich empfand.
Der Gedanke führte mich unmittelbar zum nächsten. Sie hatten mich nackt gesehen. Nicht nur gesehen. Sie hatten mich ausgezogen. Gewaschen. rbunden. Gepflegt. Der Gedanke ließ mich unangenehm schlucken. Ich blickte an mir herab. Neue Bandagen verliefen über meinen Brustkorb und meinen linken Oberschenkel. Unterarme und Schultern waren mit schmaleren Verbänden umwickelt. Darunter spürte ich Salben oder medizinische Pasten, die kühlend wirkten. Sie hatten meinen menschlichen Körper genau betrachtet. Jede Verletzung. Jede Narbe. Jedes Detail. Ich fragte mich unweigerlich, was sie dabei gedacht hatten. Ob ich ihnen zerbrechlich vorkam. Zu weich. Zu schwach. Menschenhaut besaß keine schützenden Schuppenplatten wie bei Teladi oder Split. Keine natürliche Panzerung. Selbst jetzt sah ich an meinen Armen neue Kratzer und Verfärbungen, die sich deutlich gegen meine helle Haut abhoben. Vielleicht wirkte ich auf sie tatsächlich wie etwas Unfertiges. Der Gedanke blieb hängen.
Dann verging wieder Zeit. Oder vielleicht auch nicht. Mein Gefühl dafür existierte praktisch nicht mehr. Schlaf und Wachzustände gingen ineinander über. Das orangefarbene Licht im Raum änderte sich nie wirklich. Vielleicht war das Absicht. Als sich die Tür das nächste Mal öffnete, wusste ich sofort, dass etwas anders war. Die Gestalt, die eintrat, bewegte sich langsamer als die anderen. Nicht schwach. Bewusst. Das erste Geräusch war das trockene Auftreffen eines Gehstocks auf dem Boden. Tok. Kurze Pause. Tok. Ich richtete mich automatisch etwas auf und bereute es sofort, als Schmerz durch meine Rippen zog. Die alte Split-Frau war nicht verhüllt. Schon das allein ließ sie sofort anders wirken. Ihr Körper war schmaler als der der anderen Split, beinahe dürr, aber nicht gebrechlich. Unter ihrer Haut zeichneten sich noch immer harte Muskelstrukturen ab. Ihre Kleidung bestand tatsächlich aus Tierhaut und Fell. Dunkle, graubraune Schichten waren übereinandergelegt und mit metallischen Verschlüssen fixiert. Manche Fellstücke schimmerten rötlich im Licht. Der Geruch von Leder und Kräutern begleitete sie. Ihre Haut war verwittert. Rötlich-grau. Rissig wie ausgetrocknete Erde. Und ihr Haar. Bei den Sternen. Es war vollständig weiß. Nicht grau. Nicht silbern. Rein weiß. Es reichte ihr fast bis zum Boden und war dennoch sorgfältig zusammengebunden. Keine einzige Strähne wirkte ungepflegt. Der Stock in ihrer rechten Hand bestand aus dunklem Material, vermutlich Holz oder Knochen, verstärkt mit Metallringen. Erst als sie näher kam, erkannte ich die dunklen Verkrustungen an beiden Enden. Getrocknetes Blut. Nicht alt genug, um bedeutungslos zu sein. Die Frau blieb vor meinem Bett stehen und musterte mich mit ruhigen, gelben Augen.
"Mitkommen."
Ihre Stimme war rau und tief, aber nicht hart wie bei den männlichen Split. Kein bellender Befehlston. Dennoch lag darin eine Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch zuließ. Ich brauchte einen Moment, um überhaupt aufzustehen. Meine Beine fühlten sich instabil an. Ich trug nur Unterwäsche und Bandagen. Die Luft außerhalb des Bettes fühlte sich sofort kühler auf der Haut an. Die alte Split wartete einfach. Nicht ungeduldig. Nicht mitfühlend. Einfach sicher, dass ich folgen würde. Also tat ich es. Der Boden unter meinen nackten Füßen war glatt und angenehm temperiert. Ich humpelte leicht hinter ihr her, während sie mit ihrem Stock in gleichmäßigem Rhythmus vorausging. Tok. Tok. Tok.
Die Flure außerhalb meines Zimmers waren gewaltig. Hohe Wände aus dunklem Stein und Metall zogen sich in langen Linien durch das Gebäude. Überall verliefen eingelassene Lichtstreifen in warmen Orangetönen entlang der Kanten. Die Architektur wirkte monumental und gleichzeitig alt. Nicht veraltet, sondern ehrwürdig. Der Geruch änderte sich ständig. Kräuter. Öl. Heißes Metall. Tierhaut. An manchen Stellen zog kalte Luft durch schmale Öffnungen in den Wänden. Schon nach wenigen Minuten hatte ich jegliche Orientierung verloren. Der Komplex war riesig. Manche Korridore öffneten sich zu Hallen mit hohen Säulen. Andere wurden enger und führten an schweren Türen vorbei, die mit Split-Symbolen versehen waren. Doch etwas fiel mir sofort auf. Jeder Split wich der alten Frau aus. Sofort. Männer wie Frauen traten zur Seite, senkten leicht den Kopf oder verbeugten sich sogar deutlich. Manche hielten inne, bis sie vorbeigegangen war. Niemand sprach sie an. Niemand stellte Fragen. Ich sagte ebenfalls nichts mehr. Stattdessen beobachtete ich. Die Frau musste eine enorme Stellung besitzen. Vielleicht religiös. Vielleicht politisch. Vielleicht beides. Schließlich erreichten wir eine große Türöffnung, hinter der grelles Tageslicht lag.
Als wir hinaustraten, blendete es mich sofort. Ich hob reflexartig eine Hand vor die Augen. Nach der langen Zeit im dämmrigen Innenraum traf mich das Licht beinahe schmerzhaft. Meine Pupillen brauchten ungewöhnlich lange, um sich anzupassen. Langsam wurden Konturen sichtbar. Und dann blieb mir beinahe der Atem stehen. Ich stand auf einer Terrasse. Hoch. Sehr hoch. Die alte Split sagte nichts. Sie hob lediglich leicht ihre linke Hand und machte eine kleine Bewegung, die eindeutig bedeutete, dass ich mich umsehen sollte. Langsam trat ich näher an den Rand. Und erstarrte. Unter mir lag eine Stadt. Nicht einfach eine Ansammlung von Gebäuden, sondern etwas, das aussah, als hätte man eine Festung mit einem Gebirge verschmolzen. Gewaltige Strukturen aus schwarzem Stein und dunklem Metall ragten zwischen dichtem Dschungel empor. Türme, Brücken und massive Mauern verbanden sich zu einer gigantischen Anlage, die gleichzeitig archaisch und futuristisch wirkte. Ghus-tan. Es musste Ghus-tan sein. Die Gebäude wirkten nicht gebaut, sondern gemeißelt. Viele Formen waren kantig, brutal funktional, aber dennoch mit einer seltsamen Eleganz versehen. Zwischen den Strukturen verliefen Plattformen und breite Wege, auf denen ich selbst aus dieser Höhe Bewegung erkennen konnte.
Überall hing leichter Nebel zwischen den grünen Baumkronen des Dschungels. Und weiter entfernt sah ich etwas Rot leuchten. Zuerst dachte ich an Lava. Ein Strom aus tiefroter Flüssigkeit floss einen Berghang hinab und zog sich wie eine offene Wunde durch die Landschaft. Dann erinnerte ich mich. Das Wasser von Nif'Nakh war rot. Der Name schwärende Wunde bekam plötzlich eine bedrückende Realität. Langsam drehte ich mich um. Und musste den Kopf weit in den Nacken legen. Das Gebäude hinter mir war gigantisch. Eine Burg. Keine mittelalterliche Menschenburg, sondern etwas, das denselben Grundgedanken in die Zukunft übertragen hatte. Massive Wände. Gewaltige Türme. Schwere Linien aus Metall und Stein. Überall eingelassene Verteidigungsstrukturen. Es wirkte wie der Sitz einer Macht, die Jahrtausende überdauern wollte. Erst jetzt begriff ich vollständig, wo ich war. Ghus-tan. Im Herzen der Split. Doch während ich auf diese gewaltige Stadt hinabblickte, kroch sofort ein anderer Gedanke in meinen Kopf. Wo waren Noptrok und Thovareus?

"Deine Begleiter sind in Sicherheit, Ghok-Schlächter."
Die Worte trafen mich unerwartet hart. Nicht wegen ihres Inhalts. Die Erleichterung darüber, dass Noptrok und Thovareus lebten, kam zwar sofort, aber noch bevor ich darauf reagieren konnte, registrierte mein erschöpfter Verstand zwei andere Dinge gleichzeitig. Die alte Split sprach die Handelssprache. Perfekt. Keine gezogenen Silben wie bei den Teladi. Kein abgehackter Satzbau wie bei den Split-Kriegern. Keine ausgelassenen Artikel. Keine aggressiv verkürzten Formulierungen. Ihre Aussprache war ruhig, präzise und vollkommen kontrolliert. Wäre ich ihr nicht direkt gegenübergestanden, hätte ich anhand der Stimme niemals erkannt, dass sie eine Split war. Und sie hatte mich mit einem Titel angesprochen. Ghok-Schlächter. Ich blinzelte verwirrt. Der warme Wind, der über die Terrasse strich, bewegte leicht die weißen Haarsträhnen der alten Frau. Hinter ihr erhoben sich die dunklen Mauern von Ghus-tan wie ein Gebirge aus Metall und Stein. Unter uns rauschte der Dschungel von Nif'Nakh in unzähligen Grüntönen. Zwischen den Baumriesen schimmerten rote Wasserläufe wie offene Adern durch die Landschaft. Ich verstand trotzdem nicht, was sie meinte.
"Ich..." Meine Stimme klang noch rau von Schwäche.
Die alte Frau betrachtete mich schweigend. Ihre gelben Augen wirkten erstaunlich wach für ihr Alter. Nicht die Wachsamkeit eines Soldaten. Eher die eines Wesens, das über Jahrzehnte gelernt hatte, andere zu lesen. Dann schien sie meine Verwirrung zumindest teilweise zu verstehen.
"Ich habe viele Jazuras mit Teladi und Argonen zu tun gehabt", sagte sie ruhig. "Zudem können Split die Handelssprache richtig sprechen. Doch nur die wenigsten wollen das." Ihre Lippen verzogen sich leicht, während sie nach Worten suchte. "Die Handelssprache ist zu..." Sie hob langsam eine Hand. "...umfangreich. Zu viele Worte, mit denen man verwirren kann."
Trotz meiner Schmerzen musste ich leicht schmunzeln. "Split direkt."
Die alte Frau lachte tatsächlich. Das Geräusch überraschte mich beinahe mehr als alles andere. Es war kein freundliches menschliches Lachen. Eher tief, kehlig und kurz. Aber ehrlich.
"Ein Argone mit Humor."
"Mensch", korrigierte ich automatisch. "Ich bin weder Terraner noch Argone oder Aldrianer."
Ihre Mimik veränderte sich kaum, dennoch wurde sie wieder ernster. "Deine Begleiter haben mir von dir erzählt. Du bist Tori Grau."
Es war seltsam, den eigenen Namen hier auf Nif'Nakh zu hören. Zwischen diesen uralten Mauern. Zwischen Wesen, die vor wenigen Tagen noch vollkommen fremd für mich gewesen waren.
"Vor drei Jazuras hast du begonnen, ein Unternehmen aufzubauen", fuhr sie fort. "Zuerst klein. Dann immer schneller größer werdend."
Ich antwortete nicht. Nicht weil ich unhöflich sein wollte. Mein Kopf fühlte sich noch immer an, als würde Watte darin stecken. Gedanken kamen verzögert. Mein Körper war wach, aber mein Geist arbeitete noch nicht vollständig klar. Die alte Split schien mein Schweigen nicht negativ zu bewerten. Sie stützte sich leicht auf ihren Stock, während ihr Blick kurz über die Stadt wanderte.
"Während du für über eine Wozura im Koma lagst, haben wir uns über dich informiert."
Ein unangenehmes Gefühl kroch in meinen Magen. Nicht Angst. Eher ein Bewusstsein dafür, wie tief man bereits in mein Leben eingedrungen war. Ich hatte keine Kontrolle darüber gehabt. Ich wusste nicht einmal, wie viel sie tatsächlich wussten. Die alte Frau sprach jedoch ruhig weiter.
"Wir finden deine Bemühungen..." Sie machte eine kleine Pause. "...beachtenswert."
Der Wind nahm leicht zu und brachte den Duft feuchter Vegetation mit sich. Irgendwo weit unter uns hörte ich metallische Schläge aus der Stadt aufsteigen.
"Vor allem", sagte sie weiter, "wenn du dich in ein Kampfgebiet zwischen Familien begibst und es noch mit einem Ghok-Ältesten aufnimmst, um zu mir zu gelangen."
Mein Blick wanderte sofort zurück zu ihr. "Ghok-Älteste?"
Jetzt war es an ihr, mich anzusehen, als hätte ich eine sehr offensichtliche Frage gestellt. Aber nicht spöttisch. Eher mit einer geduldigen Ruhe, die ich bei Split bisher noch nie erlebt hatte.
"Ghok sind Wesen, die schnell leben und schnell sterben", erklärte sie. "Kreaturen des Kampfes. Sie werden meist nur wenige Jazuras alt und kaum hüfthoch."
Unwillkürlich erschien vor meinem inneren Auge wieder das Monster aus dem Dschungel. Das donnernde Auftreten. Die gewaltigen Scheren. Das Geräusch zerbrechender Panzer unter seinen Kiefern. Und diese sechs Augen.
"Du hingegen", fuhr sie fort, "hast einen alten Ghok getroffen." Ich starrte sie an. "Alte Ghok leben meist in Höhlen und unterirdisch", erklärte sie weiter. "Dorthin ziehen sie sich zurück, wenn sie ihrem natürlichen Ende entgegengehen."
Mein Gehirn brauchte mehrere Sekunden, um diese Information zu verarbeiten. Das war ein alter Ghok gewesen? Ein sterbendes Exemplar? Das Wesen hatte beinahe den halben Dschungel niedergewalzt, uns kilometerweit verfolgt und mich fast auseinandergerissen. Ich wollte mir nicht einmal vorstellen, wie junge Ghok aussahen. Oder wie schnell sie sein mussten. Die alte Frau bemerkte vermutlich meinen Gesichtsausdruck, kommentierte ihn aber nicht. Stattdessen deutete sie mit ihrem Stock auf den Rand der Terrasse. Langsam folgte ich ihr. Meine Beine fühlten sich noch immer instabil an. Jede Bewegung erinnerte mich daran, wie schwer mein Körper zugerichtet worden war. Dennoch trat ich neben sie und blickte hinunter. Zuerst verstand ich nicht, was ich sah. Dann erkannte ich die Bewegung. Eine Gruppe Split arbeitete auf einem großen offenen Platz unterhalb der Festung. Vielleicht dreißig oder vierzig Krieger und Arbeiter bewegten sich um etwas Gewaltiges herum. Mein Atem stockte. Das Ghok. Selbst tot wirkte das Wesen monströs. Jetzt, aus dieser erhöhten Perspektive, erkannte ich erst vollständig seine Ausmaße. Der Körper lag auf mehreren massiven Metallplattformen verteilt. Split schnitten mit vibrierenden Werkzeugen durch die Panzerplatten, trennten Gliedmaßen ab und häuteten das Wesen systematisch. Dickflüssiges dunkelgrünes Blut floss in breite Sammelrinnen. Die Luft trug einen schwachen metallischen Geruch bis zu uns herauf. Ich konnte erkennen, wie mehrere Split selbst an den geöffneten Organstrukturen arbeiteten. Andere entfernten vorsichtig die massiven Scheren. Es wirkte weniger wie das Zerlegen eines Tieres und mehr wie die Verarbeitung einer Kriegsmaschine.
"Der Ghok-Älteste, den du getötet hast", sagte die alte Frau ruhig. "Etwas, was selbst Elitekrieger nicht alleine schaffen."
Ich riss den Blick von dem Kadaver los.
"Aber ich habe ihn nicht-"
"Du hast überlebt." Die Worte unterbrachen mich sofort. Keine Aggression. Keine Lautstärke. Und dennoch absolute Endgültigkeit. Die alte Split sah mich direkt an. "Das genügt."
Mir fiel keine Antwort darauf ein. Mein Blick wanderte erneut hinunter. Zwischen den arbeitenden Split erkannte ich plötzlich zwei bekannte Gestalten. Noptrok. Und Thovareus. Der blauschuppige Teladi stand etwas abseits und sprach gerade mit mehreren Split. Als würde er meinen Blick spüren, hob er plötzlich den Kopf und sah nach oben. Dann machte er eine Bewegung mit einem Arm. Wahrscheinlich sollte es ein Winken sein. Bei einem Menschen hätte die Geste völlig normal ausgesehen. Bei einem Teladi wirkte es seltsam steif und beinahe unbeholfen. Seine langen Finger spreizten sich zu weit, während der Arm in einem merkwürdigen Winkel hin und her ging. Trotz allem musste ich leicht lachen. Ich hob selbst die Hand und winkte zurück. Thovareus richtete sich sichtbar etwas auf. Noptrok hingegen stand still neben dem Kadaver des Ghok und wirkte vollkommen ruhig. Seine graue Haut reflektierte matt das Sonnenlicht von Nif'Nakh. Selbst aus dieser Entfernung strahlte der Split dieselbe massive Präsenz aus wie zuvor.
"Dein Körper zeugt von Kämpfen."
Ich zuckte leicht zusammen, als die alte Frau mit ihrem Stock gegen meine Brust tippte. Nicht stark. Aber gezielt. Automatisch legte ich meine Hand auf die Stelle. Dort verlief unter den Bandagen die alte Narbe des Durchschusses. Die Erinnerung traf mich sofort. Der Orbit von Trantor. Die Reparaturstation. Sirenen. Schüsse. Das Brennen in meiner Brust. Und der Tod eines potenziellen Geschäftspartners, dessen Gesicht ich bis heute nicht vergessen hatte. Ich verdrängte die Bilder sofort wieder. Nicht jetzt. Nicht hier. Langsam drehte ich mich zu der alten Split um.
"Was meintet Ihr vorhin damit", fragte ich vorsichtig, "dass ich zu Euch kommen wollte?"
Zum ersten Mal seit unserem Gespräch lächelte sie wirklich. Und dieses Lächeln war gleichzeitig faszinierend und bedrohlich. Ihre Lippen zogen sich zurück und entblößten Reihen scharfer Zähne, die selbst im Alter nichts von ihrer Gefährlichkeit verloren hatten. Dann richtete sie sich ein kleines Stück auf. Der Wind spielte mit ihrem weißen Haar.
"Mein Name ist Hatrak t'Frrt."
Der Name traf mich unmittelbar. t'Frrt. Noptrok t'Frrt. Familie. Natürlich.
"Matriarchin aller Split", sagte sie ruhig.
Mein Herz setzte für einen Moment aus. Ich hatte mit vielem gerechnet. Aber nicht damit. Nicht mit ihr. Nicht hier. Die alte Split beobachtete genau meine Reaktion. Nicht triumphierend. Eher prüfend. Dann sprach sie weiter.
"Du wolltest mit mir über Nahrung verhandeln?"

Ich spürte, wie sich die Worte der Matriarchin noch nicht vollständig in meinem Kopf sortiert hatten, während ich sie ansah. Hatrak t’Frrt stand aufrecht vor mir, das Licht der erhöhten Plattform fiel schräg über ihre Gestalt und zeichnete harte Konturen in die rissige, rötlich-graue Haut. Die feinen Falten in ihrem Gesicht wirkten nicht schwach, sondern wie eingravierte Linien eines langen, gewaltsamen Lebens. Ihre Augen, rot mit schwarzer Pupille und gelber Iris, hielten meinen Blick ohne jede Unsicherheit fest. Es war kein dominantes Starren im menschlichen Sinn, eher eine ruhige, endgültige Feststellung von Realität. In mir setzte ein gedanklicher Widerstand ein, fast reflexartig. Alle bekannten Strukturen der Split basierten auf patriarchalen Linien. Jede Datenbank, jedes Fragment, jede Handelsinformation, die ich je gesehen hatte, bestätigte dieses Muster. Und doch stand sie hier, sprach nicht nur als Autorität, sondern als anerkannte Spitze dieses Systems. Ein Widerspruch, der sich nicht sofort auflösen ließ. Sie bemerkte es ohne sichtbare Mühe. Ihr Kopf neigte sich minimal, gerade so weit, dass die langen weißen Haare, die wie ein glatter Vorhang bis zum Boden reichten, sich leicht verschoben.
"Wie vorhin gesagt, du befindest dich in einem Kampfgebiet. Kein Krieg, aber ..." Ihre Stimme blieb ruhig, doch der Satz endete nicht vollständig. Stattdessen blieb er im Raum hängen wie ein unvollständig geschärftes Werkzeug. "Frauen sind bei den Split als Züglerinnen bekannt. Wir gebieten unseren Männern Einhalt, wenn deren Gemüter überkochen. Doch als ich vom alten Patriarchen Rhonkar t’Ncct, meinem Vater, rechtmäßig zum neuen Oberhaupt aller Split ernannt wurde, brachte das ..." Sie hielt kurz inne, als würde sie ein Wort aus einer älteren, schwereren Sprache herausfiltern. "Unruhe."
Ich nickte langsam, nicht aus Zustimmung, sondern weil mein Verstand versuchte, die Struktur dahinter zu rekonstruieren. Ein Übergang von Gewalt zu Kontrolle, nicht durch Abschaffung der Gewalt selbst, sondern durch ihre Umlenkung. Auf der Erde hatte ich ähnliche Übergänge in verschiedenen Gesellschaftsformen gesehen, wenn auch nie in dieser Konsequenz. Hier wirkte es weniger wie ein politischer Wandel und mehr wie ein kontrollierter Bruch innerhalb eines konstanten Konfliktsystems.
"Vor allem der alte Chin Clan, der den vorletzten Patriarchen stellte, ist sehr erpicht darauf, dass alles beim Alten bleibt. Das Schiff meines Sohnes wurde von einer ihrer Guerilla-Kräfte angegriffen."
Das erklärte den Absturz. Die Erinnerung daran kam unwillkürlich zurück, das metallische Kreischen der getroffenen Mamba, die plötzliche, brutale Richtungsänderung des Horizonts, das Gefühl, dass Gravitation selbst kurz ihre Richtung verloren hatte. Ich hielt den Gedanken nicht lange fest und ließ ihn wieder los, bevor er sich vertiefen konnte.
Hatrak wandte sich schließlich ab. Ohne ein weiteres Wort setzte sie sich in Bewegung, und ich folgte ihr, da keine Alternative gegeben war. Erst jetzt bemerkte ich, dass sich während unseres Gesprächs die Umgebung verändert hatte. Bedienstete hatten sich nahezu lautlos auf der Terrasse verteilt und begonnen, eine strukturierte Essfläche aufzubauen. Tische aus dunklem, poliert wirkendem Material wurden in präziser Ausrichtung platziert, dazu Sitzgelegenheiten, die eher funktional als komfortabel wirkten, aber eindeutig für diese Umgebung konzipiert waren. Auf der Oberfläche der Anordnung lag bereits Nahrung und Wasser, sauber getrennt, ohne überflüssige Dekoration. Zwischen den Gegenständen erkannte ich das Symbol der Universal Nourishment Organization. Das silberne Hexagon wirkte hier nicht wie ein Firmenzeichen, sondern wie ein Fremdkörper in einer vollständig anderen kulturellen Sprache. Die schwebende Galaxie im unteren Drittel des Symbols, der darüber liegende Tropfen und die daraus wachsenden pflanzlichen Formen wirkten fast zu elegant für diesen Ort, als hätten sie versucht, Ordnung in etwas zu bringen, das sich nicht vollständig ordnen ließ.
Hatrak blieb neben dem Tisch stehen, während ich das Logo betrachtete. "Dein Frachter durfte hier landen", sagte sie schließlich, ohne den Blick von mir abzuwenden. "Der Pilot war großzügig und hat für deine Genesung alle Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt." Ein kurzes, fast unmerkliches Schmunzeln zog über ihr Gesicht, wobei die scharfen Zähne kurz sichtbar wurden. "Um die Verhandlungen abzukürzen haben wir uns auch bedient und sind zufrieden. Du darfst bei uns expandieren und wir stellen kompatible Nahrungsmittel zur Verfügung."
Ich blieb für einen Moment still, während der Inhalt dieser Aussage sich in eine klare Struktur zwang. Keine Verhandlung im klassischen Sinn, kein Austausch von Bedingungen über mehrere Ebenen hinweg, keine Iteration. Ein Ergebnis, direkt formuliert und abgeschlossen. Es war die kürzeste Entscheidung über wirtschaftliche Expansion, die ich je erlebt hatte. Keine Schleifen, keine Absicherungen, keine verzögerten Rückfragen. Nur ein unmittelbares Ja in einer Sprache, die sich auf Effizienz reduzierte, ohne dabei weniger komplex zu sein.

Ich bewegte mich durch die Straßen von Ghus-tan, doch „gehen“ war ein zu simples Wort für das, was mein Körper inzwischen tat. Jede Bewegung war noch immer mit einem leichten Widerstand verbunden, als würde die Schwerkraft des Planeten mich nicht nur nach unten ziehen, sondern zusätzlich prüfen wollen, ob ich überhaupt hierhergehörte. Die Luft war schwer, aber klar, durchzogen von feinen Partikeln aus organischem Staub, Metallabrieb und dem süßlich-scharfen Geruch fremder Vegetation, die aus den umliegenden Dschungelzonen in die Stadt hineinragte. Zwischen den gewaltigen Strukturen aus Stein, verstärktem Metall und organisch wirkenden Verbundstoffen floss ein permanenter Strom aus Split, die sich zielgerichtet bewegten, ohne Hast, aber mit einer Art innerer Spannung, die selbst in Ruhe wie kontrollierte Gewalt wirkte.
Was mich jedoch mehr beschäftigte als die Architektur oder die Gerüche, war die Reaktion der Split auf meine bloße Anwesenheit. Ich hatte erwartet, dass ich ignoriert oder bestenfalls toleriert würde, vielleicht mit offener Ablehnung oder sogar feindseligen Blicken. Doch stattdessen wiederholte sich ein Muster, das ich zunächst nicht einordnen konnte. Wo immer ich auftauchte, unterbrachen Split ihre Tätigkeit für einen kurzen Moment, richteten den Blick auf mich und formten mit ihren sechsfingrigen Händen eine Geste, die sich jedes Mal identisch wiederholte. Die Hand wurde zur festen Faust geschlossen, während der obere Daumen sanft auf dem Zeigefinger ruhte und der untere Daumen am kleinen Finger anlag, als würde die Struktur selbst eine kontrollierte Spannung symbolisieren. Diese Handbewegung wurde anschließend in einer fließenden, aber klar definierten Linie erst zur Stirn geführt und danach zur Brust abgesenkt.
Aus menschlicher Perspektive wirkte diese Sequenz zunächst irritierend, fast wie eine rituelle Drohung oder eine militärische Einstufung. Doch die Reaktion der Umgebung widersprach dieser Interpretation vollständig. Keine Aggression folgte, keine Distanzierung. Im Gegenteil, die Bewegungen waren eingebettet in eine Form von stiller Anerkennung. Noptrok hatte mir später erklärt, dass es sich um eine Geste des verdienten Respekts handelte, eine Art soziale Markierung innerhalb der Split-Hierarchie, die nicht vergeben, sondern erarbeitet wurde. Ich erinnerte mich daran, wie selbstverständlich er diese Erklärung gegeben hatte, als wäre es eine physikalische Konstante dieser Gesellschaft.
Trotz dieser Einordnung blieb ein Rest Unbehagen. Es war nicht die Anerkennung selbst, sondern der Gedanke, was sie ausgelöst hatte. Ich wusste inzwischen, dass dieser Status nicht aus Verhandlung oder diplomatischer Leistung entstanden war, sondern aus einem Ereignis, das mich beinahe das Leben gekostet hatte. Der Gedanke daran blieb wie ein leiser Nachhall im Hinterkopf, während ich mich weiter durch die Stadt bewegte.
Die medizinische Versorgung, die ich erhalten hatte, zeigte inzwischen ihre Wirkung deutlicher als erwartet. Die Verletzungen, die ich im Dschungel und während der Flucht davongetragen hatte, waren nicht nur geschlossen, sondern in einer Geschwindigkeit verheilt, die ich selbst unter Berücksichtigung moderner humaner Medizintechnik als ungewöhnlich einstufen musste. Die Split behandelten den Körper nicht als empfindliches System, sondern als ein optimierbares Werkzeug. Ein beschädigter Krieger war für sie kein tragischer Zustand, sondern ein ineffizienter. Diese Haltung spiegelte sich in der Präzision wider, mit der meine Genesung verlaufen war.
Ich begann mich zu fragen, ob die Wahrnehmung der Split in anderen Zivilisationen tatsächlich verzerrt war. Die Berichte, die ich vor meiner Ankunft gelesen hatte, beschrieben sie als rein aggressiv, territorial und wenig differenziert. Doch das, was ich sah, war komplexer. Es war kein Widerspruch zur Gewalt, sondern eine Ordnung, in der Gewalt, Respekt und Funktion eng miteinander verbunden waren.
Mein Ziel an diesem Tag lag am Rand eines der zentralen Handelssektoren der Stadt: die sogenannte Panzerausgabe. Schon der Name hatte mich irritiert, als ich ihn zum ersten Mal gehört hatte, denn er klang weniger nach einem Geschäft und mehr nach einer militärischen Einrichtung. Als ich davor stand, verstand ich, warum diese Bezeichnung gewählt worden war. Das Gebäude wirkte nicht wie ein Laden, sondern wie eine Werkstatt für Rüstungen oder eine Zeremonialhalle für Kriegsartefakte. Die Außenstruktur bestand aus dunklem, geschichtetem Material, das an gepresste organische Panzerplatten erinnerte, durchzogen von metallischen Verstrebungen, die wie Rippen eines künstlichen Organismus wirkten.
Im Inneren herrschte eine Mischung aus Hitze, harzigen Gerüchen und dem schwachen, aber konstanten Klang von Werkzeugen, die auf harte Materialien trafen. Dort wurde mir die Kleidung übergeben, die für mich gefertigt worden war. Erst beim genaueren Hinsehen erkannte ich, dass es sich nicht um klassische Stoffe handelte, sondern um bearbeitete Elemente des Ghok, jenes Wesens, das mich fast getötet hatte. Der Gedanke daran erzeugte einen kurzen, unangenehmen Druck in der Brust, doch die Split behandelten das Material ohne jede emotionale Aufladung. Für sie war es Ressource, nicht Erinnerung.
Ich legte die Ausrüstung an, zunächst vorsichtig, dann zunehmend überrascht. Das Gewicht war deutlich geringer, als ich erwartet hatte. Das Innere war mit einer dichten, aber flexiblen Schicht ausgekleidet, die sich meiner Körpertemperatur anpasste, ohne sie zu stauen. Kein Hitzestau, keine Kälte, nur ein konstantes Gleichgewicht, das sich fast instinktiv regulierte. Einer der anwesenden Handwerker beobachtete mich dabei schweigend und führte anschließend eine kurze, respektvolle Bewegung aus, identisch mit der Geste, die ich bereits auf der Straße gesehen hatte. Ich erwiderte nichts, weil ich noch nicht wusste, was eine angemessene Reaktion in dieser Sprache überhaupt sein sollte. Dennoch war mir bewusst, dass ich erneut in eine Kategorie eingeordnet worden war, die ich selbst nicht vollständig verstand.
Auf meinen Wunsch hin brachte mich Noptrok später zu dem Ort, an dem die Überreste des Ghok-Ältesten aufbewahrt wurden. Der Weg dorthin führte durch kühlere Bereiche der Stadtstruktur, in denen die Temperatur deutlich stabiler war und der Geruch von Metall und Kräutern stärker dominierte. Die Überreste selbst waren sorgfältig getrennt und gelagert, nicht als Trophäe, sondern als Rohmaterial. Organe, Panzersegmente und Gewebestrukturen lagen in geordneten Einheiten, konserviert durch ein System, das sowohl Kühlung als auch chemische Stabilisierung verwendete.
Ich aktivierte mein Scannergerät und ließ die Daten durchlaufen. Die Ergebnisse zeigten eine ungewöhnliche Kombination aus hoher Säureresistenz im äußeren Gewebe und einer überraschenden Anfälligkeit im inneren Verdauungssystem. Je länger ich die Analyse betrachtete, desto klarer wurde das Bild eines Organismus, der auf extreme Bedingungen optimiert war, aber gleichzeitig eine strukturelle Schwachstelle im Bereich seiner Nahrungsverarbeitung besaß.
Noptrok stand neben mir, die Arme locker verschränkt, der Blick ruhig auf die Lagerung gerichtet. Als ich meine Schlussfolgerung formulierte, reagierte er nur mit einer knappen Erklärung, die keine Überraschung enthielt. Für ihn war das Ergebnis offensichtlich. Das Wesen war nicht durch äußere Gewalt gefallen, sondern durch eine interne Reaktion auf das, was ich ursprünglich als wertvollen, aber fast aufgebrauchten Proviant betrachtet hatte. Der Gedanke daran blieb ungewöhnlich lange in meinem Kopf stehen. Nicht wegen des Sieges, sondern wegen der simplen Tatsache, dass Überleben hier weniger mit Stärke als mit Zufall und Wechselwirkung zu tun gehabt hatte, als ich es zunächst angenommen hatte.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 48 - Leben

Ich strich mit den Fingern über die harte Oberfläche einer Scruffin-Knolle und spürte die raue, fast steinartige Kruste unter meiner Haut. Sie fühlte sich trocken an, obwohl überall zwischen den Pflanzreihen Wasser floss. Kleine schmale Rinnsale zogen sich durch die gerodete Fläche wie künstlich angelegte Adern, rotbraune Erde wurde dabei langsam mitgerissen und sammelte sich in winzigen Sedimentmustern an den Wurzeln der Pflanzen. Der Geruch hier war schwer und feucht. Erde. Mineralien. Pflanzensaft. Dazu dieser unterschwellige metallische Beiton, den beinahe alles auf Nif'Nakh besaß. Selbst die Luft schmeckte anders als auf Argon Prime oder den Handelsstationen der Gemeinschaft der Planeten. Dichter. Wärmer. Lebendiger.
Die Scruffins ragten in langen Reihen aus dem Boden. Schwarze dicke Stängel wuchsen schräg nach oben und verzweigten sich erst weiter oben in breite lilafarbene Blätter, deren Oberflächen im Licht der Sonne fast ölig glänzten. Manche Blätter waren dunkelviolett, andere gingen ins Bläuliche oder sogar in ein tiefes Rot über. Wenn der Wind hindurchstrich, entstand ein leises trockenes Rascheln, das mich an Papier erinnerte. Oberirdisch wuchsen die Knollen wie deformierte Felsen aus dem Boden. Blassgrün. Teilweise von dunklen Flecken durchzogen. Einige waren so groß wie mein Oberkörper. Andere kaum größer als meine Faust. Die äußere Schicht wirkte wie verbrannte Erde, rissig und spröde, doch an Stellen, an denen Arbeiter sie angeschnitten hatten, kam darunter ein helles faseriges Gewebe zum Vorschein.
Split bewegten sich zwischen den Reihen mit einer Selbstverständlichkeit, die mich daran erinnerte, dass dies ihre Welt war. Ihre Welt, nicht meine. Breitschultrige Männer trugen schwere Behälter auf den Rücken, während andere mit langen Werkzeugen den Boden lockerten oder die Wasserkanäle umlenkten. Selbst die Frauen wirkten kräftig. Schlanker vielleicht, aber keineswegs zerbrechlich. Ihre Haut reflektierte das Sonnenlicht matt, grau mit rötlichen Untertönen. Manche trugen einfache Arbeitskleidung aus grobem Stoff und gegerbter Haut, andere leichte Panzerplatten an Schultern und Unterarmen. Immer wieder bemerkte ich die respektvolle Geste, sobald jemand mich erkannte. Die Hand zur Faust geschlossen. Der obere Daumen locker auf dem Zeigefinger, der untere auf dem kleinen Finger. Erst zur Stirn. Dann zum Herzen.
Noch immer fühlte sich das falsch an. Ich hatte nichts getan, das diesen Respekt rechtfertigte. Ich hatte überlebt. Mehr nicht.
Noptrok lief einige Schritte neben mir und erklärte ruhig die Bewässerungssysteme, die Wachstumszyklen und welche Bodenschichten für Scruffins geeignet waren. Seine tiefe Stimme klang gleichmäßig, beinahe monoton. Er sprach über Mineralgehalte, Temperaturunterschiede und warum bestimmte Regionen Nif'Nakhs höhere Erträge lieferten. Ich hörte ihm zu, zumindest teilweise, doch meine Gedanken drifteten immer wieder ab.
Seit Tagen hatte ich dieses Gefühl. Etwas war da. Etwas, das ich verstand, ohne es vollständig greifen zu können.
Meine Schritte verlangsamten sich zwischen den Pflanzenreihen. Die erhöhte Schwerkraft war inzwischen erträglicher geworden, aber mein Körper erinnerte mich bei jeder Bewegung daran, dass ich beinahe gestorben wäre. Unter der Kleidung spannten meine verheilenden Narben leicht, besonders an Brust und Rücken. Trotzdem fühlte ich mich klarer als noch vor wenigen Wozuras. Vielleicht lag es daran, dass ich während meiner Genesung kaum etwas anderes tun konnte als nachdenken.
Und genau das hatte ich getan. Nachdenken. Über Thovareus. Über die Teladi. Über das Alte Volk. Ich blieb vor einer besonders großen Scruffin stehen und betrachtete die feinen dunklen Adern, die sich über ihre Kruste zogen. Wasser rann daran hinab und sammelte sich am unteren Rand in kleinen Tropfen.
"Zu wenig Wasser. Knolle wird bitter", erklärte Noptrok hinter mir.
Ich nickte nur langsam. Bitter. Das passte. Meine Gedanken wanderten zurück nach Ianamus Zura. Zu den Gesprächen mit dem alten Teladi. Zu seinen Andeutungen. Zu dieser unterschwelligen Sorge, die ich damals zwar wahrgenommen, aber nie vollständig verstanden hatte. Erst jetzt, mit Abstand, ergaben die einzelnen Fragmente plötzlich ein Muster. Die Teladi der Gemeinschaft der Planeten starben aus. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nicht einmal in hundert Jazuras. Aber der Prozess hatte längst begonnen. Ich erinnerte mich an biologische Datenbanken. An medizinische Analysen. An Handelsdokumente, die ich während meiner Arbeit für die Universal Nourishment Organization ausgewertet hatte. Immer wieder waren mir identische genetische Marker begegnet. Minimale Abweichungen. Kleine Defekte. Auffälligkeiten, die einzeln bedeutungslos wirkten, in ihrer Gesamtheit jedoch etwas anderes zeigten. Genetische Verarmung. Die Teladi der Gemeinschaft der Planeten bestanden fast ausschließlich aus Weibchen. Ihre Fortpflanzung funktionierte über Selbstbefruchtung. Praktisch. Effizient. Kurzfristig stabil. Langfristig tödlich. Mutationen sammelten sich über Generationen an. Fehler wurden weitergegeben, statt korrigiert zu werden. Evolution brauchte Variation. Sie brauchte Austausch. Unterschiedliche genetische Linien. Doch genau das fehlte. Ich spürte, wie sich ein unangenehmer Druck in meiner Brust ausbreitete. Die Teladi wussten das vermutlich selbst. Vielleicht nicht jeder einzelne Bürger. Aber ihre Wissenschaftler mussten es erkannt haben. Irgendwann. Irgendwie. Und plötzlich erinnerte ich mich wieder an die Worte des Alten. Die spezielle Fähigkeit der Teladi. Was mochte sie sein?
Ich hob den Blick zum Himmel. Zwischen den Kronen des Dschungels war das Eisblau von Nif'Nakh sichtbar. Fremdartig schön. Gewaltig. Fast unwirklich. Dann dachte ich an das Alte Volk. Und in meinem Kopf machte es Klick. Nicht schlagartig. Eher wie ein mechanisches Schloss, dessen Zahnräder langsam ineinandergreifen. Das Alte Volk beobachtete die bekannten Spezies. Aber nicht permanent. Sie kontrollierten keine einzelnen Leben. Keine täglichen Abläufe. Dafür war das Universum zu groß. Zu komplex. Sie arbeiteten mit Stichproben. Mit langfristigen Entwicklungen. Mit Wahrscheinlichkeiten. Die Sohnen dagegen überwachten kontinuierlicher. Routiniert. Systematisch. Und wenn meine Theorie stimmte, dann mussten die Sohnen irgendwann erkannt haben, dass die Teladi der Gemeinschaft der Planeten auf einen biologischen Kollaps zusteuerten. Langsam. Fast unmerklich. Aber unausweichlich. Mein Herz schlug schneller. Deshalb Ianamus Zura. Deshalb die plötzliche Rückkehr. Nicht aus Zufall. Nicht aus Großzügigkeit. Sondern weil dort etwas existierte, das den Teladi der Gemeinschaft der Planeten fehlte. Männchen. Genetische Diversität. Eine stabile Grundlage.
Ich blieb abrupt stehen. Noptrok bemerkte es sofort und drehte den Kopf leicht in meine Richtung. Seine roten Augen musterten mich aufmerksam.
"Schmerzen?"
Ich schüttelte langsam den Kopf. "Nein... Gedanken."
Er grunzte nur leise, als würde das für ihn eine ausreichende Erklärung darstellen. Vielleicht tat es das sogar. Mein Blick wanderte erneut über die Felder. Über die Split, die arbeiteten. Über diese brutale, direkte Gesellschaft, die gleichzeitig komplexer war, als die meisten Außenstehenden glaubten. Vielleicht wurden die Split falsch verstanden. Vielleicht wurden die Teladi falsch verstanden. Vielleicht verstanden die meisten Spezies einander überhaupt nicht wirklich. Ich dachte an die letzten Wochen zurück. An den Absturz. An das Ghok. An Hatrak. An die Art, wie die Split Stärke interpretierten. Nicht nur körperliche Stärke. Auch Entschlossenheit. Überlebenswillen. Konsequenz. Dann dachte ich wieder an die Teladi. Eine Spezies, die fast alles dem Profit unterordnete. Und plötzlich fragte ich mich etwas anderes. Was, wenn ihre eigentliche Stärke darin bestand zu überleben? Nicht individuell. Sondern als Zivilisation. Anpassung um jeden Preis. Selbst wenn sie sich dafür biologisch verändern mussten. Der Gedanke ließ mich nicht los. Denn wenn das stimmte, dann war die Wiederverbindung von Ianamus Zura vielleicht keine Rettung gewesen. Sondern eine kontrollierte Korrektur. Ein Eingriff des Alten Volkes, bevor ein gesamtes Volk langsam in die genetische Sackgasse lief.
Ich blickte auf meine eigene Hand hinab. Menschliche Haut. Kleine verheilte Narben. Leichte Verfärbungen dort, wo Säure und Dornen mich verletzt hatten. Menschen hatten ihre Probleme offen sichtbar. Kriege. Politik. Konflikte. Doch biologische Degeneration über Jahrtausende hinweg? Das war etwas anderes. Etwas viel Heimtückischeres.
"Du denkst wie Wissenschaftler", sagte Noptrok plötzlich.
Ich sah überrascht zu ihm auf. Er stand mit verschränkten Armen neben einer der Scruffin-Reihen und beobachtete mich ruhig.
"Nicht wie Händler."
Ich musste schwach lächeln. "Vielleicht bin ich beides."
Noptrok schnaubte leise. "Gefährliche Mischung."
Dann setzte er seinen Weg fort und ich folgte ihm langsam durch die Felder von Nif'Nakh, während meine Gedanken noch immer um die Teladi kreisten und ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, dass ich möglicherweise ein kleines Stück eines viel größeren Plans verstanden hatte.

Der Übergang in die unterirdischen Bereiche erfolgte über eine massive Schleuse aus dunkelgrauem Verbundmaterial, dessen Oberfläche von feinen Kratzspuren und alten Reparaturlinien durchzogen war. Als sich die Türsegmente mit einem tiefen, hydraulischen Stoß öffneten, schlug mir eine deutlich kühlere, feuchtere Luft entgegen. Sie roch nach Algen, nach mineralischem Wasser und nach dem leichten, süßlichen Verfall organischer Substanzen, der selbst in hochkontrollierten Anlagen nicht vollständig zu vermeiden war. Der Gang dahinter, und die Treppen dahinter die in die Tiefe führten, waren breit genug für mehrere Split gleichzeitig, aber eng genug, um die Enge der Struktur spürbar zu machen. Lichtstreifen in gedämpftem Grün und blassem Blau zogen sich entlang der Wände und warfen ein kaltes, gleichmäßiges Leuchten auf den Boden.
Die Aquaterrarien öffneten sich schließlich wie gestaffelte Hallen unter der Oberfläche von Ghus-tan. Transparente Wände aus verstärktem Glas oder einem vergleichbaren Material trennten einzelne Becken voneinander, in denen das Licht in unterschiedlichen Brechungen gebrochen wurde. Dahinter bewegten sich Chelt-Zuchten in schwerelosen, künstlich stabilisierten Wasserkörpern. Das Wasser selbst war auffällig blau, fast unnatürlich klar, mit einem metallischen Schimmer, der sich nur zeigte, wenn man den Blickwinkel änderte. Noptrok bemerkte meinen Blick und erklärte knapp, dass dieses Wasser von einem der Monde stammte, importiert und in speziellen Kreislaufsystemen stabil gehalten. Ohne diese Zusammensetzung wären die Chelt auf Nif'Nakh nicht lebensfähig.
Ich trat näher an eines der Becken heran und beobachtete die Tiere. Sie wirkten auf den ersten Blick wie Fische, doch sobald sie sich drehten, offenbarte sich die Fremdartigkeit ihrer Anatomie. Sechs Gliedmaßen, symmetrisch entlang des Körpers verteilt, endeten in breiten, flossenartigen Strukturen, die sich synchron bewegten und das Tier in präzisen, fast mechanischen Bewegungsmustern durch das Wasser trieben. Der Körper selbst war segmentiert, leicht gepanzert, mit einer Oberfläche, die zwischen Chitin und organischem Gewebe wechselte. Kein Flügelansatz war sichtbar. Ich fragte Noptrok, ob diese Spezies jemals flugfähige Vorfahren gehabt hatte oder ob die Evolution hier einen anderen Weg genommen hatte, doch er antwortete nur mit einem kurzen Schulterzucken und einem knappen Hinweis, dass die Chelt von Hoodie stammten und sich auf Nif'Nakh nie natürlich anpassen konnten.
Die Aquakultur wirkte weniger wie Landwirtschaft und mehr wie eine industrielle Simulation eines fremden Ökosystems. Jede Bewegung, jede Strömung im Wasser war kontrolliert. Pumpen sorgten für gleichmäßige Zirkulation, während Sensorfelder die chemische Zusammensetzung überwachten. Dennoch blieb der Eindruck bestehen, dass hier etwas Fremdes künstlich am Leben gehalten wurde, das ohne diese Infrastruktur sofort kollabieren würde.
Als wir die Anlage wieder verließen, wechselte die Umgebung abrupt zurück ins Freie. Die Luft auf der Oberfläche war wärmer, schwerer und trug den süßlichen Geruch der roten Gewässer, die sich zwischen den natürlichen Senken und künstlich erweiterten Seen ausbreiteten. Diese Landschaft wirkte weniger kontrolliert als die unterirdischen Systeme, obwohl auch hier Eingriffe sichtbar waren. Uferbereiche waren verstärkt, Zuflüsse kanalisiert, und große Netzstrukturen spannten sich über einzelne Wasserflächen.
Ich folgte Noptrok zu einer dieser Anlagen, wo sich Lungenfischzuchten in offenen, aber gesicherten Becken befanden. Das Wasser war hier nicht blau, sondern tief rot, als wäre es mit fein verteiltem Erz oder organischen Pigmenten angereichert. Die Oberfläche spiegelte das Licht des Himmels in gebrochenen, unruhigen Mustern wider. Zwischen den Becken ragten vereinzelte metallische Stege hervor, über die Split-Arbeiter sich bewegten. Jeder Bereich war von feinmaschigen Netzen überspannt, die sich im Wind kaum sichtbar bewegten.
Noptrok erklärte, dass diese Netze weniger zum Schutz der Fische dienten als zur Abwehr der Drachenfliegen. Diese hätten sich auf die Lungenfische spezialisiert und würden sie in Schwärmen angreifen, sobald sie ungeschützt wären. Während er sprach, beobachtete ich eine Gruppe der genannten Insekten in der Ferne, wie sie knapp über der Wasseroberfläche kreisten, bevor sie abrupt abdrehten, als sie die Barriere registrierten.
Die Lungenfische selbst bewegten sich ruhig durch das Wasser. Sie waren deutlich größer als die Chelt in den Aquaterrarien, zwischen sechzig und hundertzwanzig Zentimeter lang, mit kräftigen Körpern, die trotz ihrer Masse erstaunlich agil wirkten. Ihre Haut war von dicken Schuppen bedeckt, die im Licht matt glänzten und eine grünlich-graue Färbung hatten. Die Flossen waren paarweise angeordnet, funktional und symmetrisch: zwei Bauchflossen, zwei Brustflossen, zwei Afterflossen sowie zwei kräftige Schwanzflossen, die ihnen Stabilität und Schub gaben. Eine lange Rückenflosse zog sich durchgehend vom Kopf bis zum hinteren Körperende und erinnerte an eine flexible Klinge im Wasser.
Ich blieb an einem der Netze stehen und betrachtete das Verhalten eines einzelnen Fisches, der langsam durch die roten Strömungen glitt. Sein Atemmechanismus war sichtbar, als sich im vorderen Bereich des Körpers rhythmische Bewegungen abzeichneten. Lungen, nicht Kiemen. Ein System, das ihn unabhängig von der Wasserqualität machte. Noptrok erwähnte nebenbei, dass diese Tiere ursprünglich aus der Heimatwelt der Split stammten, bevor interne Konflikte und Clan-Kriege ihre Ökosysteme zerstört hatten. Die Bezeichnung, die er nutzte, war knapp, ohne emotionale Färbung, als handle es sich um eine rein historische Randnotiz.
Ich sah über die Wasserflächen hinweg und bemerkte, wie sich die roten Seen in der Landschaft verteilten wie offene Wunden im Dschungel. Der Vergleich kam mir unwillkürlich in den Sinn, obwohl ich ihn nicht laut aussprach.
Drachenfliegen kreisten erneut in der Ferne, knapp außerhalb der Schutznetze, ihre Bewegungen unruhig und suchend. Noptrok erklärte, dass sie sich regelmäßig an den Zuchtanlagen orientierten, aber gelernt hatten, die Barrieren zu respektieren. Nicht aus Intelligenz im klassischen Sinn, sondern aus wiederholter Erfahrung. Ich stellte mir kurz vor, wie viele dieser Systeme notwendig waren, um eine einzige funktionierende Nahrungsbasis aufrechtzuerhalten. Die Antwort war offensichtlich. Sehr viele. Und alles hier wirkte gleichzeitig effizient und fragil. Als wir weitergingen, blieb der Eindruck zurück, dass Nif'Nakh nicht einfach ein Planet war, sondern ein permanent instand gehaltener Zustand zwischen Kontrolle und Überleben.

Ich saß auf einem dunklen Felsvorsprung außerhalb von Ghus-tan und ließ den Blick über die Landschaft schweifen, während der Wind über die Höhen strich und meine Haare nach hinten drückte. Der Stein unter mir war überraschend warm. Er hatte die Hitze des Tages gespeichert und gab sie nun langsam wieder ab, obwohl die Sonne bereits tiefer stand und das Licht des eisblauen Himmels allmählich weicher wurde. Unterhalb der Anhöhe zog sich der Dschungel wie ein lebender Ozean bis zum Horizont. Die roten Baumkronen mancher Pflanzen schimmerten im schrägen Licht beinahe schwarz, während andere Gewächse in giftigem Grün oder tiefem Violett leuchteten. Zwischen dem dichten Bewuchs verliefen breite rote Wasseradern, die aus der Entfernung wie offene Schnitte durch die Landschaft wirkten. Manche dieser Gewässer reflektierten das Licht der Monde bereits schwach, obwohl die eigentliche Nacht noch nicht begonnen hatte.
Hinter mir erhob sich Ghus-tan. Die Stadt wirkte von hier aus noch unwirklicher als von den Terrassen des Palastes. Gewaltige Mauern aus dunklem Stein und metallischen Verstärkungen umgaben sie wie der Panzer eines gigantischen Tieres. Dazwischen verliefen Energieleitungen, deren schwaches Glimmen sich in regelmäßigen Linien durch die Architektur zog. Über den Wällen standen schwere Geschütztürme, deren Läufe sich langsam bewegten und den Horizont überwachten. Sie wirkten nicht protzig oder ornamental. Alles an den Verteidigungsanlagen vermittelte Funktionalität. Effizienz. Die Split bauten keine Monumente, um andere zu beeindrucken. Sie bauten Dinge, die Angriffe überstanden.
Besonders beeindruckend war der Energieschirm. Tagsüber hatte man ihn kaum gesehen, doch jetzt, wo die Lichtverhältnisse wechselten, zeichnete sich die gewaltige Kuppel deutlicher ab. Sie spannte sich transparent über die gesamte Stadt und flimmerte nur minimal, wenn atmosphärische Partikel oder kleine Insekten dagegenstießen. Dann liefen feine Wellen aus blassem Orange und dunklem Rot über die Oberfläche, bevor der Schild wieder nahezu unsichtbar wurde. Es erinnerte mich an die Oberfläche von Wasser, das von einzelnen Regentropfen getroffen wurde.
Ich hatte die Split ursprünglich für primitive Militaristen gehalten. Brutal. Aggressiv. Rückständig. Jetzt wusste ich, wie oberflächlich dieser Gedanke gewesen war. Ihre Gesellschaft war nicht einfach gewalttätig. Sie war kompromisslos funktional. Jeder Teil ihrer Kultur schien auf Überleben ausgerichtet zu sein. Selbst Schönheit existierte hier nicht losgelöst von Nutzen. Die Architektur von Ghus-tan war massiv und einschüchternd, aber zugleich auf seltsame Weise harmonisch in die Landschaft integriert. Die Mauern folgten den natürlichen Felsformationen. Gebäude ragten wie aus dem Gestein gewachsen empor. Selbst die Verteidigungssysteme wirkten nicht wie Fremdkörper, sondern wie Verlängerungen der Umgebung.
Ich hörte hinter mir langsame Schritte auf Stein. Hatrak. Die alte Matriarchin blieb einige Meter entfernt stehen, ohne mich sofort anzusprechen. Ihre langen weißen Haare bewegten sich leicht im Wind und reflektierten das Licht der untergehenden Sonne wie feine Metallfäden. Die rötlich-graue Haut ihres Gesichts wirkte in diesem Licht beinahe wie verwitterter Stein. Tiefe Linien zogen sich über ihre Wangen und ihre Stirn. Jede einzelne Falte schien jahrzehntelange Härte konserviert zu haben. Dennoch lag in ihrer Präsenz etwas Ruhiges. Kontrolliertes.
Noch weiter entfernt stand Noptrok. Zumindest wirkte es so, als würde er einfach nur dort stehen. Er hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und blickte scheinbar teilnahmslos hinaus in den Dschungel. Doch ich hatte inzwischen genug Zeit mit Split verbracht, um zu verstehen, dass ihre Bewegungsarmut täuschte. Noptrok beobachtete alles. Seine Haltung war locker, aber niemals entspannt. Selbst jetzt registrierten seine Augen vermutlich jede Bewegung zwischen den Pflanzen, jedes Geräusch im Wind, jede Veränderung im Verhalten der Tiere. Vielleicht war genau das einer der Gründe, warum die Split so gefährlich waren. Sie ruhten nie vollständig.
Mein Blick wanderte erneut zu Noptroks Gesicht und blieb kurz an seinen Augen hängen. Wieder verspürte ich dieses unangenehme Gefühl, das mich seit meiner ersten Begegnung mit den Split begleitet hatte. Ihre Augen irritierten mich auf eine Weise, die ich nur schwer beschreiben konnte. Nicht allein wegen ihrer Farbe, sondern wegen der gesamten Anatomie. Die gelben Iriden wirkten scharf und fremdartig, doch das eigentliche Problem war das Rot darum herum. Menschen verbanden rote Augen instinktiv mit Entzündungen, Blut oder Krankheit. Bei den Split gehörte diese Farbe jedoch einfach zu ihrer natürlichen Erscheinung. Dennoch erzeugte sie permanent den Eindruck, als wären ihre Augen blutunterlaufen. Als würden sie sich ständig in einem Zustand aggressiver Anspannung befinden. Selbst wenn ein Split ruhig war, wirkte sein Blick bedrohlich.
Dazu kam ihre Haut. Diese lederartige Oberfläche mit den feinen Schuppenstrukturen reflektierte Licht auf eigenartige Weise. Unter direkter Sonne erschien sie matt und trocken. Im Schatten dagegen wirkte sie dunkler und beinahe feucht. Besonders bei älteren Split traten manchmal bernsteinfarbene Adern unter der Haut hervor, die wie erstarrte Harzlinien aussahen. Ich hatte einmal beobachtet, wie ein verletzter Split behandelt worden war. Sein Blut war nicht rot gewesen wie menschliches, sondern braun. Dickflüssig. Fast metallisch riechend.
Vielleicht war genau diese Fremdartigkeit der Grund, weshalb so viele Spezies die Split sofort als Monster wahrnahmen. Ich konnte diesen Instinkt nachvollziehen. Selbst jetzt, nachdem ich von ihnen gepflegt worden war, nachdem sie mich aufgenommen hatten und ich mich frei in ihrer Stadt bewegen durfte, blieb ein Teil meines Gehirns permanent angespannt, sobald ich ihren Blick auf mir spürte.
Hatrak trat schließlich neben mich und stützte beide Hände auf ihren langen Stock. Das getrocknete Blut an den Enden war noch immer sichtbar, dunkelbraun und rissig. Ich fragte mich erneut, wie oft diese alte Frau dieses scheinbar einfache Stück Holz bereits als Waffe benutzt hatte. Sie schwieg eine Weile und blickte ebenfalls hinaus auf den Dschungel.
"Du denkst viel." Ihre Stimme war ruhig. Nicht fragend. Feststellend.
Ich atmete langsam aus und ließ den Blick über die roten Wasserflächen wandern. "Ich versuche euch zu verstehen."
Hatraks Mundwinkel bewegten sich minimal. "Und?"
Ich schwieg kurz. "Ich glaube, die meisten Völker verstehen die Split falsch."
Die alte Matriarchin antwortete nicht sofort. Der Wind zog durch ihre langen Haare, während irgendwo weit entfernt ein tiefes, langgezogenes Geräusch aus dem Dschungel hallte. Ich wusste nicht, welches Tier es verursacht hatte. Vielleicht wollte ich es auch gar nicht wissen.
"Die meisten Völker sehen nur unsere Krieger", sagte Hatrak schließlich. "Sie sehen Waffen. Zorn. Kämpfe. Aber niemand fragt, warum Split so wurden."
Ihre gelben Augen richteten sich kurz auf mich. Wieder spürte ich dieses instinktive Unbehagen, obwohl ihr Blick nicht feindselig war. "Eine Spezies wird von ihrer Welt geformt."
Ich blickte hinaus auf Nif'Nakh. Auf die gewaltigen Wälder. Auf die roten Seen. Auf die unnatürlichen Schatten zwischen den Pflanzen. Auf die Kreaturen, die selbst hier außerhalb der Mauern vermutlich bereits auf die Nacht warteten. Langsam verstand ich, was sie meinte. Eine Welt wie diese brachte keine sanften Bewohner hervor. Und vielleicht waren die Split nicht brutal trotz ihrer Umgebung. Vielleicht waren sie brutal geworden, weil nur Brutalität ihnen erlaubt hatte, überhaupt bis heute zu überleben. Hinter uns begann der Energieschild von Ghus-tan stärker zu leuchten, als die Dämmerung weiter voranschritt. Das orangefarbene Flimmern spiegelte sich kurz in Hatraks Augen und ließ ihre ohnehin fremdartige Erscheinung noch unwirklicher wirken. Für einen Moment fragte ich mich, wie Menschen wohl auf mich reagieren würden, wenn ich nach all dem irgendwann wieder nach Hause zurückkehrte. Ob ich die Split dann ebenfalls noch als Monster sehen könnte. Oder ob ich inzwischen begonnen hatte, sie zu verstehen.

Ich lehnte mich leicht zurück und stützte mich mit beiden Händen hinter meinem Rücken auf dem kalten Fels ab. Über uns spannte sich der Himmel von Nif'Nakh wie ein endloses schwarzes Meer aus, übersät mit Sternen, die hier draußen fernab der künstlichen Beleuchtung von Ghus-tan ungewöhnlich klar sichtbar waren. Drei Monde bewegten sich langsam über die Dunkelheit hinweg. Einer war klein und blass, beinahe farblos. Der zweite schimmerte in einem matten Grau mit grünlichen Einschlüssen. Der dritte dominierte den Himmel mit einer leicht bernsteinfarbenen Oberfläche, auf der dunkle Kraterlinien wie alte Narben verliefen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, jemals einen Nachthimmel gesehen zu haben, der gleichzeitig so wunderschön und so bedrückend wirkte.
Der Wind war schwächer geworden. Nur gelegentlich strich eine warme Luftbewegung über die Anhöhe und brachte den Geruch des Dschungels mit sich. Feuchte Erde. Harzige Pflanzenstoffe. Irgendwo weit entfernt das säuerliche Aroma eines roten Gewässers. Dazu kamen die dumpfen, kaum hörbaren Geräusche der nächtlichen Tierwelt. Ein entferntes Zirpen. Das Knacken von Ästen. Ein tiefes, vibrierendes Grollen, das durch den Boden zu kommen schien und mich unwillkürlich daran erinnerte, dass die Wälder von Nif'Nakh niemals wirklich still waren.
Mein Blick blieb an den Sternen hängen. Und plötzlich kratzte ein Gedanke tief in meinem Bewusstsein. Ab welchem Punkt würden andere anfangen, mich als Monster zu sehen? Nicht wegen meines Aussehens. Nicht wegen meiner Herkunft. Sondern wegen dessen, was ich tat. Ich hatte mich immer für jemanden gehalten, der helfen wollte. Nahrung verbessern. Leben retten. Systeme stabilisieren. Doch inzwischen war ich durch Kriegsgebiete gereist, hatte mich mit Piraten eingelassen, hatte auf Nif'Nakh überlebt und war nun von einer Spezies akzeptiert worden, die fast überall sonst in der Galaxie gefürchtet wurde. Die Split begegneten mir inzwischen mit Respekt. Einem Respekt, den sie ihren Kriegern entgegenbrachten. Allein dieser Gedanke fühlte sich falsch an. Vielleicht veränderte einen das Überleben zwangsläufig. Vielleicht bemerkte man nur selbst lange nicht, wie sehr.
Ohne meinen Blick vom Himmel zu lösen, fragte ich schließlich: "Kennt Ihr eine Teladi namens Nopileos?"
Die Veränderung war sofort spürbar. Nicht laut. Nicht offensichtlich. Aber die Atmosphäre spannte sich augenblicklich an. Hatraks Körperhaltung wurde minimal starrer. Ihre gelben Augen fixierten mich mit einer Intensität, die mich sofort erkennen ließ, dass ich etwas Bedeutendes angesprochen hatte. Selbst Noptrok hob leicht den Kopf.
"Woher du kennen?"
Die Worte kamen schärfer als zuvor. Direkter. Für einen kurzen Moment verfiel Hatrak vollständig in die typische Split-Syntax. Noch während die Frage ausgesprochen war, gab sie ein kurzes schnalzendes Geräusch von sich. Fast genervt über sich selbst. Sie hatte gerade unbeabsichtigt bestätigt, dass sie Nopileos kannte. Noptrok trat näher. Seine Schritte waren leise, obwohl er schwerer war als ich. Erst jetzt hörte ich ihn zum ersten Mal vollkommen akzentfrei die Handelssprache sprechen.
"Nopileos war meine Ziehmutter. Mein Name wurde gewählt, um sie zu ehren. Meine Mutter spricht nicht gerne über diese Zeit."
Seine Stimme klang tiefer als gewöhnlich, kontrollierter. Fast vorsichtig. Dann schlug Hatrak ihren Stock einmal hart gegen den Felsen. Das Geräusch hallte dumpf über die Anhöhe. In der Nähe flatterten mehrere vogelartige Insekten aus einem Gebüsch hervor und verschwanden zwischen den leuchtend-giftigen Pflanzen des Dschungels.
"Nopileos kam vor vielen Sonnen zu uns. Vor Dekazuras."
Ich rechnete automatisch um. Viele Dekazuras bedeuteten Jahrzehnte. Vielleicht deutlich mehr. Hatraks Blick glitt kurz hinaus in die Dunkelheit, als würde sie etwas sehen, das nur für sie existierte.
"Was ist passiert?"
Ich sprach ruhig. Nicht drängend. Doch ich wollte diese Antwort unbedingt hören. Hatrak atmete langsam ein. Zum ersten Mal, seit ich sie kennengelernt hatte, wirkte sie alt. Nicht körperlich. Sondern müde. Die Erinnerungen schienen schwer auf ihr zu lasten.
"Nopileos erreichte dieses System durch einen Navigationsfehler. Ihr Schiff stürzte im Dschungel ab. Sie überlebte nur knapp." Die alte Split schwieg kurz. Ihre Finger bewegten sich leicht um den Stock. "Damals kreuzten sich unsere Wege. Ich selbst geriet während einer Jagd in Lebensgefahr. Ein großes Dschungelungeheuer griff mich an. Nopileos half mir."
Ich versuchte mir das vorzustellen. Eine Teladi. Allein. Auf Nif'Nakh. Der Gedanke wirkte absurd. Und doch stand Noptrok vor mir als lebender Beweis dafür, dass diese Geschichte wahr war.
"Die Nyanas Glück wurde schwer beschädigt", fuhr Hatrak fort. "Mazuras waren nötig, um das Schiff überhaupt zu bergen. Jazuras, um es wieder vollständig instandzusetzen." Ihre Stimme war ruhig geworden. Fast fern. "Während dieser Zeit entdeckte Nopileos, dass ihr Eigeschwister Sissandras IV. Manipulationen am Schiff vorgenommen hatte."
Ich sagte nichts. Der Name sagte mir genug. Teladi-Familienpolitik war selten freundlich. Hatrak schwieg erneut. Diesmal länger. Der Wind bewegte ihre weißen Haare leicht, während ihre Augen nicht mehr mich ansahen, sondern irgendwo in die Vergangenheit blickten.
"Während dieser Jazuras brachte Nopileos mir viel über die Gemeinschaft der Planeten bei. Über ihre Spezies. Ihre Denkweisen. Ihre Kultur." Ein schwacher Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht. Kein richtiges Lächeln. Mehr eine Erinnerung daran, dass sie einmal gelächelt hatte. "Zuerst war sie nur Freundfeind. Doch mit den Jazuras wurde mehr daraus."
Sie stoppte abrupt. Noptrok räusperte sich leise. Mein Bauchgefühl schlug sofort Alarm. Da war etwas. Etwas Bedeutendes. Doch bevor ich nachfragen konnte, sprach Hatrak weiter.
"Als die Nyanas Glück wieder flugfähig war und Noptrok bereits seinen Chrysalis-Dolch erhalten hatte, begleitete ich Nopileos in die Gemeinschaft der Planeten."
Ich hob leicht die Augenbrauen. Eine Split auf Reisen durch die GdP. Vor Jahrzehnten. Allein dieser Gedanke musste damals vollkommen unmöglich gewirkt haben.
"Ich lernte andere Kulturen kennen", sagte Hatrak leise. "Nicht als Kriegerin. Nicht als Feind. Sondern als Beobachterin." Sie sah mich direkt an. "Diese Zeit veränderte mich."
Jetzt verstand ich. Endgültig. Die Split dieses Systems verhielten sich anders, weil Hatrak anders geworden war. Nicht friedlich. Aber kontrollierter. Sie hatte Konkurrenz nicht abgeschafft. Sie hatte sie umgeformt. Wettkampf statt gegenseitiger Auslöschung. Deshalb wirkten ihre Familienclans stärker als andere Split-Fraktionen. Sie verbluteten nicht ständig gegenseitig. Die Kämpfe, die ich gesehen hatte, waren brutal gewesen. Knochen waren gebrochen worden. Blut geflossen. Doch selten endeten sie tödlich. Ein Ventil. Keine Selbstzerstörung.
"Als weitere Jazuras vergingen", sagte Hatrak schließlich, "arbeitete Nopileos mit einem boronischen Wissenschaftler zusammen. Boso Ta."
Der Name traf mich unerwartet. "Boso Ta?"
Hatrak nickte langsam. "Dann verschwand Nopileos während eines Piratenangriffs."
Ihre Finger strichen langsam über das getrocknete Blut an ihrem Stock. Und plötzlich erzeugte allein diese kleine Bewegung grausame Bilder in meinem Kopf. Verhöre. Schreie. Split-Methoden.
"Ich fand die Piraten", sagte Hatrak ruhig. "Alle." Ich glaubte ihr sofort. "Doch am Ende blieb nur die Erkenntnis, dass Nopileos bei einer Explosion starb. Es existierte sogar eine Sicherheitsaufzeichnung."
Etwas zog sich in meiner Brust zusammen. Das war nicht die Geschichte, die ich hatte hören wollen. Ganz und gar nicht. Schweigend erhob sich Hatrak. Auch ich stand langsam auf. Noptrok trat wortlos an ihre Seite. Gemeinsam gingen wir zurück Richtung Ghus-tan. Der Energieschild der Stadt leuchtete inzwischen deutlicher gegen die Nacht. Das orangefarbene Flimmern spiegelte sich auf den dunklen Mauern und ließ die gesamte Stadt wie ein glühendes Bollwerk mitten im Dschungel erscheinen. Während wir liefen, hing ich meinen Gedanken nach. Diese Realität unterschied sich immer stärker von allem, was ich gekannt hatte. Hier war Nopileos niemals zur mächtigsten Teladi der bekannten Galaxie geworden. Weil Elena Kho und Kyle Brennan niemals hierher gelangt waren. Weil bestimmte Begegnungen nie stattgefunden hatten. Weil einzelne Entscheidungen ganze Kettenreaktionen ausgelöst hatten. Saya Kho war nie geboren worden. Der Torus um die Erde existierte weiterhin. Geschichte war kein festes Gebilde. Sie war fragil. Abhängig von unzähligen kleinen Ereignissen. Die Worte des Alten kamen mir wieder in den Sinn. Ich solle mein Leben leben. Aber vorsichtig sein. Innerlich musste ich plötzlich lachen. Leise. Fast erschöpft. Wenn dieser uralte Manipulator doch nur wüsste, wie sehr sich diese Realität bereits von all den anderen unterschied, die ich kannte.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 49 - Geheimnisse

Ich saß im Space Truck, der auf der Landeplattform von Ghus-tan ruhte, während die metallische Hülle des Fahrzeugs in kurzen Intervallen auf die Temperaturschwankungen des Planeten reagierte und leise knackende Geräusche von sich gab. Die blaue Notbeleuchtung im Inneren warf kalte Reflexe auf die wenigen Oberflächen, die nicht bereits von Gebrauchsspuren, Werkzeugen oder improvisierten Befestigungen überzogen waren. Der Raum war eng, funktional und so konzipiert, dass er gleichzeitig Transport, Unterkunft und mobile Basis sein konnte, ohne Komfort als Priorität zu behandeln. Genau darin lag eine gewisse Ehrlichkeit, die mir in den letzten Tagen auf Nif'Nakh fast vertraut geworden war.
Das Doppelhochbett nahm eine ganze Seitenwand ein, darüber klappbare Halterungen für Ausrüstung und darunter verstautes Equipment, das im Notfall in Sekunden erreichbar war. Der einzige Tisch war fest im Boden verankert, ebenso die drei Stühle, die sich magnetisch arretierten. Alles hier war darauf ausgelegt, Bewegung im Raum zu überstehen, nicht Ruhe zu erzeugen. Und doch saßen wir genau in dieser Ruhephase, drei Individuen aus unterschiedlichen Spezies, die in einem sehr engen Volumen versuchten, etwas wie Normalität herzustellen.
Thovareus saß mir gegenüber, seine Körperhaltung leicht nach vorne geneigt, während er mit einem feinen Fasertuch über seine blauen Schuppen strich. Jede Bewegung war kontrolliert, fast mechanisch, als würde Pflege bei ihm weniger eine Gewohnheit als ein stabilisierender Prozess sein. Seine rotgelben Augen reflektierten das Licht der Notbeleuchtung und verschoben ihre Farbe je nach Winkel zwischen Orange und einem stumpfen Bernstein. Als er sprach, glitt seine Stimme wie gewohnt in gedehnte Zischlaute.
"Alsss ich durch die Ssstadt ging, hörte ich immer wieder von Gessschichten über ein Monssster außerhalb von Ghusss-tan."
Kon Mah saß schräg neben mir, einen Ellbogen locker auf dem Tisch, während er mit der anderen Hand durch sein kurz geschorenes, olivfarbenes Haar fuhr. Seine Bewegungen waren ruhiger, weniger kontrolliert als die von Thovareus, aber nicht weniger aufmerksam. Seine dunkelroten Augen wirkten im blauen Licht ungewöhnlich tief, fast wie verdichtete Flüssigkeit, die je nach Blickwinkel in braune oder violette Nuancen überging.
"Als ich mit einem Split-Arbeiter etwas getrunken habe, habe ich ähnliche Geschichten gehört", sagte er und ließ den Blick kurz über die Tischkante wandern, als würde er die Erinnerung dort ablegen.
Ich lehnte mich leicht zurück, verschränkte die Arme und ließ den Blick zwischen beiden hin und her wandern. Die Wunden in meinem Gesicht spannten noch gelegentlich, aber die Heilung war deutlich fortgeschritten. Die Haut hatte sich weitgehend geschlossen, nur vereinzelte Stellen reagierten noch empfindlich auf Druck oder Temperaturwechsel. Meine Haare hatten in den letzten Tagen einen Wachstumsschub entwickelt, den ich als unnötig effizient empfand, was mich mehr störte als jede der Verletzungen.
"Ich bin nicht besonders interessiert daran, jetzt noch Gruselgeschichten zu hören, nachdem was wir hinter uns haben", sagte ich und rieb mir kurz über die Schläfe. "Wenn irgendetwas da draußen ist, wird es sich früh genug zeigen."
Kon hob leicht die Augenbrauen. "Geschichten haben meistens einen wahren Kern, auch wenn sie wachsen, je öfter sie erzählt werden."
Thovareus unterbrach ihn nicht sofort, sondern hielt kurz inne, als würde er einen Geruch in der Luft analysieren, den nur er wahrnahm. Dann sprach er langsamer als sonst, mit einer Präzision, die seine sonstige Sprechweise fast verdrängte. "Ich habe Pheromone wahrgenommen. Teladi. Am Rand der Ssstadt."
Die Worte setzten sich für einen Moment schwer in den Raum. Ich merkte, wie sich meine Aufmerksamkeit automatisch schärfte, ohne dass ich es bewusst steuerte. Die Geräuschkulisse des Fahrzeugs rückte in den Hintergrund, selbst das leise Summen der Energieversorgung wurde unbedeutend.
"Was?" Ich starrte ihn an. "Heißt das, die Split haben uns etwas verschwiegen?"
Ich erinnerte mich daran, wie ich mir zuvor das Gesicht gewaschen hatte, wie ich im Spiegel des kleinen Waschmoduls meine Augen betrachtet hatte. Die Blutunterlaufungen waren zurückgegangen, aber sie hatten mir noch immer gezeigt, wie knapp die Grenze gewesen war. Zwischen Erholung und dem, was mich beinahe vollständig ausgelöscht hätte.
Kon schüttelte leicht den Kopf. "Die Split lügen nicht leichtfertig."
Thovareus neigte den Kopf minimal. "Ich bin mir nicht sssicher. Pheromone sind Teladi, aber die Sssignatur issst unvollssständig."
Ich atmete langsam aus und ließ die Spannung in meinen Schultern sinken, soweit es die Situation erlaubte. Dann rieb ich mir die Nasenwurzel, schloss kurz die Augen und versuchte, die Gedanken zu ordnen, bevor sie sich gegenseitig verdrängten.
"Bitte sagt mir nicht, dass wir nach allem jetzt auch noch anfangen, etwas zu jagen", sagte ich schließlich.
Thovareus reagierte sofort. "Keine Monsssterjagd."
Kon ergänzte nüchtern: "Eher Detektivarbeit. Beobachten und analysieren."
Ich öffnete die Augen wieder und sah beide an. Für einen Moment war es still genug, dass selbst die Außenhülle des Trucks wieder wahrnehmbar wurde, das entfernte Knacken und die leichten Vibrationen der Plattform.
"Seit wann seid ihr eigentlich so motiviert für unnötige Risiken?" fragte ich.
Die Antwort kam nicht sofort. Stattdessen hielten alle drei den Blickkontakt, als würde sich in dieser kurzen Stille eine Entscheidung formen, ohne ausgesprochen zu werden. Dann verzog sich die Spannung gleichzeitig in etwas anderes, und wir mussten alle drei gleichzeitig schmunzeln. Kon zuerst, dann ich, und schließlich Thovareus, dessen Versuch eines Grinsens eher eine ungewohnte, fast geometrische Verzerrung seiner Gesichtszüge war, aber eindeutig dieselbe Bedeutung trug.

Die Trägerstruktur des Space Trucks vibrierte kaum spürbar, während ich im schwach beleuchteten Innenraum saß und die letzten Wochen wie ein schweres, unaufgelöstes Geflecht in meinem Kopf hin- und herwogte. Der Geruch von Metall, recycelter Luft und einem Rest der Scruffin-Fasern, die sich irgendwo in der Kleidung festgesetzt hatten, hing wie eine konstante Schicht im Raum. Das Quartier war eng, funktional, auf reine Effizienz ausgelegt. Zwei Schlafkojen in Hochbettanordnung, magnetische Haltepunkte im Boden für Tisch und Stühle, alles so gebaut, dass es in Sekunden verschwinden konnte. Jetzt aber war es ein improvisierter Versammlungsraum, und die Tatsache, dass wir zu dritt hier saßen, hatte etwas Ungewöhnliches, fast Fragiles.
Thovareus hatte sich bereits früher am Tag in den Handelsdistrikt begeben, seine sensorischen Fähigkeiten gezielt auf die Geräuschkulisse der Stadt abgestimmt. Kon Mah wiederum hielt sich bevorzugt in der Nähe des Raumhafens und der angeschlossenen Bars auf, wo Gespräche offen geführt wurden und Split ihre Meinungen ohne Zurückhaltung preisgaben, sobald Alkohol oder Wettbewerb im Spiel war. Ich selbst hatte mich darauf konzentriert, die Gebärdensprache der Split zu verstehen. Keine aktiven Fragen, kein gezieltes Nachhaken, nur Beobachtung. Gesten, Reaktionen, Mikroverhalten. Die Split reagierten stark auf Status, Körperhaltung und Blickrichtung, und genau dort lag die Informationsdichte, die sie selbst nicht als Kommunikation betrachteten.
Das Ergebnis dieser Tage war ernüchternd und zugleich aufschlussreich. Es gab kein klares Muster, aber wiederkehrende Fragmente. Begriffe, die sich um eine Kreatur drehten, die außerhalb der Stadtgrenzen existieren sollte. Wiederkehrende Erwähnungen von „Geschenken“. Und ein Name, der nicht ausgesprochen wurde, sondern eher wie eine Vermeidung wirkte, als wäre das Nicht-Aussprechen selbst Teil des Respekts oder der Furcht. Die Stadt schien um diese Erzählung herum zu atmen, ohne sie vollständig zu definieren.
Als die Nacht endgültig über Ghus-tan lag, ein dunkles Violett, durchzogen von den kalten Reflexen der drei Monde, trafen wir uns im nordöstlichen Randbereich der Stadt. Der Übergang zwischen urbaner Struktur und Dschungel war hier abrupt. Stein, Metall und Energiebarrieren endeten in einem chaotischen Wachstum aus Pflanzen, deren Oberflächen schwach fluoreszierten und ein grünlich-blaues Licht in die Umgebung streuten. Der Boden war feucht, das Wasser in kleinen Rinnen rötlich gefärbt, als würde es das Licht selbst speichern.
Thovareus behauptete, hier sei die Konzentration der Teladi-Pheromone am höchsten. Ich nahm nichts davon wahr. Weder Geruch noch irgendeine Reaktion meines Armscanners. Kon bestätigte ebenfalls nur Stille in seinen Messwerten. Trotzdem bewegten wir uns vorsichtig. Jeder Schritt wurde bewusst gesetzt, der Blick ständig zwischen den Schatten und den Strukturen der Pflanzen wechselnd. Sobald sich Split im Sichtfeld bewegten, drückten wir uns instinktiv in die Vegetation, die trotz ihrer Fremdartigkeit erstaunlich stabil wirkte.
Es war nicht nur eine Suche nach einer Person. Es war eine Suche nach einer Erzählung, die sich selbst widersprach. Die Rede war von einer Kreatur, die in unregelmäßigen Abständen Geschenke vor die Tore von Ghus-tan legte. Nahrung, unberührt oder sorgfältig ausgewählt: Beeren, Fische, Insekten. Keine Zerstörung, kein Kampf, nur eine Art von stiller Präsenz. Und tatsächlich hatten wir mehrfach beobachtet, wie Split-Wachen diese Dinge einsammelten und ohne Umwege direkt zu Hatrak brachten. Kein Prüfen, kein Infragestellen. Als wäre der Ursprung irrelevant, solange die Geste funktionierte.
Ich fragte mich, während wir uns durch das feuchte Unterholz bewegten, warum eine angebliche Teladi wie Nopileos in dieser Form existieren sollte. Wenn sie überlebt hatte, warum lebte sie dann außerhalb der Stadt, im Dschungel, und warum diese ritualisierte Art von „Opfergaben“? Und wenn sie tot war, warum funktionierte dieses System weiterhin? Hatrak hatte uns etwas gezeigt, aber nicht alles gesagt. Das war keine Lüge im klassischen Sinn, eher eine selektive Wahrheit, die stabil genug war, um nicht hinterfragt zu werden, aber unvollständig genug, um Fragen offen zu lassen.
Kon stieß mich plötzlich leicht an. Seine Handbewegung war knapp, kontrolliert, und sein Blick fixierte einen Bereich zwischen zwei dichten Pflanzenformationen. Dort bewegte sich etwas. Eine Silhouette, niedrig in der Körpergröße, humanoid in der Grundform, aber zu schnell und zu vorsichtig, um eindeutig identifiziert zu werden. Für einen Moment schien es tatsächlich möglich, dass es ein Teladi war.
Bevor wir uns weiter annähern konnten, durchbrach eine Split-Patrouille die Sichtlinie. Die Gestalt reagierte sofort. Kein Zögern, keine Konfrontation. Sie glitt zurück in die Vegetation, als wäre sie ein Teil davon. Die Patrouille zog vorbei, ohne besondere Aufmerksamkeit auf den Bereich zu richten. Ihre Bewegung war routiniert, fast mechanisch, ein Teil des städtischen Sicherheitsrhythmus.
Sobald sie außer Sicht waren, setzten wir uns wieder in Bewegung. Die Spur war kaum vorhanden. Kein klares Trittmuster, keine beschädigten Pflanzen, nur minimale Störungen im feuchten Boden, die mehr geahnt als gesehen werden konnten. Der Dschungel nahm jede Bewegung sofort auf und glättete sie wieder, als würde er bewusst verhindern wollen, dass etwas verfolgt werden konnte.

Ich spürte, wie die feuchte Wärme des Dschungels sich wie eine zweite Haut über mich legte, während wir uns tiefer in den nordöstlichen Rand von Ghus-tan bewegten. Das Licht der fluoreszierenden Pflanzen hing in dünnen, unregelmäßigen Schichten zwischen den Stämmen, ein Gemisch aus grünlichem Schimmer, violetten Adern und gelegentlich aufblitzendem Blau, das sich auf der schwarzen, glänzenden Rinde der Bäume brach. Trotzdem blieb alles darunter unvollständig sichtbar, als würde der Wald sich bewusst weigern, vollständig preisgegeben zu werden.
Thovareus ging voraus, den Kopf leicht erhöht, die Nase in die Luft gestreckt. Seine Bewegungen wirkten ungewohnt konzentriert, fast mechanisch, als hätte er sich vollständig auf einen einzigen Sinn reduziert. Kon folgte dicht hinter ihm, die Hand locker am Riemen seiner Ausrüstung, die Augen ständig in Bewegung. Ich hielt den Abstand gering, aber jeder Schritt in dieser Schwerkraft zog schwerer an mir, als ich es mir eingestehen wollte. Die Luft selbst schien dichter, nicht durch Masse, sondern durch etwas, das ich nur als biologische Präsenz beschreiben konnte. Als würde der Planet atmen und mich bei jedem Atemzug ein wenig zurückdrängen.
Thovareus murmelte irgendwann nur knapp, ohne sich umzudrehen: "Da issst esss wieder." Seine Stimme war gedämpft, als würde er sie selbst nur durch seine Wahrnehmung filtern.
Ich fragte nicht sofort. Die letzten Tage hatten mir beigebracht, dass Fragen hier selten schneller Antworten brachten, sondern eher die Realität verlangsamten. Stattdessen konzentrierte ich mich auf das, was ich selbst wahrnehmen konnte. Nichts. Kein eindeutiger Geruch, keine Spur auf meinem Scanner. Nur dieses diffuse Gefühl, dass wir etwas verfolgten, das sich bewusst außerhalb meiner Wahrnehmung bewegte.
Kon beugte sich leicht zu mir, sein Blick blieb dabei im dichten Unterholz hängen. "Wenn Thovareus recht hat, dann ist das hier kein Zufall mehr. Das ist ein Muster."
Ich sah ihn kurz an, ohne zu antworten. Muster setzten Absicht voraus. Absicht bedeutete Intelligenz. Und Intelligenz bedeutete in dieser Umgebung meistens etwas, das entweder jagte oder verborgen bleiben wollte.
Der Gedanke ließ mich nicht los, während wir weitergingen. Thovareus wich plötzlich nach links aus, blieb stehen und hob die Hand. Keine Bewegung von ihm, nur ein abruptes Erstarren. Ich folgte seinem Blick und sah es ebenfalls. Zwei Gestalten, kaum größer als halbe Menschengröße, brachen aus dem Dickicht hervor und prallten ineinander. Ihre Körper wirkten gedrungen, scharfkantig, mit glänzenden Segmenten, die im fluoreszierenden Licht kurz aufleuchteten. Ghok-Junge, erkannte ich instinktiv, bevor mein Verstand es vollständig einordnen konnte.
Sie kämpften nicht im klassischen Sinn. Es war ein brutales, instinktives Ringen, ein Zerreißen und Einrasten von Gliedmaßen, begleitet von dem dumpfen Knacken ihrer Panzerplatten. Säure tropfte aus einem der Mäuler, zischte auf dem feuchten Boden und fraß kleine, dampfende Krater in das organische Material. Dann, genauso abrupt wie sie erschienen waren, lösten sie sich voneinander, als hätte ein unsichtbares Signal sie getrennt, und verschwanden wieder im Dickicht, wobei sie eine Spur aus zerstörten Pflanzen und halb aufgelösten Überresten hinterließen. Ich bemerkte erst in diesem Moment, dass ich den Atem angehalten hatte. Thovareus blieb noch länger regungslos, seine Kopfhaltung minimal verändert, als würde er dem Nachhall der Gerüche folgen. Erst nach mehreren Minuten, in denen nur das entfernte Zirpen und Klicken der nächtlichen Fauna zurückkehrte, setzte er sich wieder in Bewegung.
Wir folgten der Spur weiter, vorsichtiger als zuvor. Der Boden wurde unregelmäßiger, durchzogen von Wurzeln, die wie verhärtete Adern aus dem Erdreich ragten. Immer wieder musste ich meine Schritte bewusst setzen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Geräusche der Stadt hinter uns waren längst verschwunden, ersetzt durch ein vielschichtiges Geflecht aus Lauten, das ich nicht mehr einzelnen Quellen zuordnen konnte.
Ich hatte mich innerlich bereits darauf eingestellt, dass wir diese Spur über Stunden verfolgen würden, vielleicht sogar bis tief in den offenen Dschungel hinaus, wo selbst Ghus-tans Einfluss endete. Doch nach etwa einer halben Stunde änderte sich etwas.
Thovareus blieb erneut stehen. Diesmal nicht abrupt, sondern langsamer, als würde die Spur sich auflösen. "Hier," sagte er schließlich.
Vor uns lag eine Felsformation, die auf den ersten Blick nichts Besonderes war. Dunkler, poröser Stein, überwachsen von dünnen, biolumineszenten Flechten, die in schwachen Pulsationen zwischen Grün und Gelb wechselten. Doch etwas stimmte nicht. Die Pheromonspur, der Thovareus zuvor so sicher gefolgt war, brach hier vollständig ab.
Kon trat näher, seine Stirn legte sich in Falten. "Das ist kein natürlicher Abbruch."
Ich ging langsam um die Formation herum, suchte nach Spuren, nach Druckstellen, nach allem, was auf Bewegung hindeuten konnte. Nichts. Der Boden wirkte unangetastet, als hätte die Umgebung selbst beschlossen, keine Informationen preiszugeben.
Thovareus senkte den Kopf tiefer, fast bis zur Oberfläche des Gesteins, und atmete einmal tief ein. Dann richtete er sich wieder auf. "Dahinter. Versteckt."
Ich runzelte die Stirn und trat näher. Erst als ich meine Hand an die kühle Oberfläche legte, bemerkte ich die minimale Temperaturdifferenz entlang einer kaum sichtbaren Linie. Kein Riss im klassischen Sinn, eher eine Naht im Gestein, so präzise, dass sie ohne direkten Kontakt nicht existierte.
Kon zog langsam seine Waffe halb aus der Halterung, ohne sie vollständig zu aktivieren. "Das ist zu sauber um natürlich zu sein."
Ich nickte leicht, während mein Blick auf der unscheinbaren Struktur hängen blieb. Alles daran wirkte wie ein Fehler in der Landschaft, ein bewusst platzierter Nicht-Ort. Und genau deshalb war es kein Ort, den man zufällig fand.
Thovareus trat einen Schritt zurück. "Da ist sssie."
Ich folgte seinem Blick, noch immer unsicher, ob ich etwas sah oder nur die Erwartung sah, etwas sehen zu müssen. Doch in diesem Moment war klar, dass die Spur nicht verschwunden war. Sie hatte nur aufgehört, offen zu existieren.

Kon bewegte sich bereits deutlich langsamer als zuvor, seine Schultern hingen minimal tiefer, und selbst seine sonst so kontrollierten Schritte wirkten abgehackter. Ich konnte sehen, wie die Schwerkraft dieser Welt ihn mehr kostete als mich, auch wenn er versuchte, es nicht zu zeigen. Seine Hand lag nah an seiner Waffe, nicht direkt drohend, aber auch nicht entspannt. Ein Zustand dazwischen, den ich bei ihm selten gesehen hatte. Er war auf Son'ra 4 aufgewachsen, Argon Prime, ein Planet mit geringfügig geringerer Gravitation als Terra. Der Unterschied war klein genug, um in Statistiken irrelevant zu wirken, aber groß genug, um einen Körper über Jahre hinweg anders zu formen. Ich erinnerte mich daran, wie mir einmal erklärt worden war, dass solche Differenzen nicht nur Muskelkraft, sondern auch Gleichgewichtssinn und Ausdauer verschieben konnten, schleichend, unmerklich, bis sie plötzlich relevant wurden.
Der Gedanke driftete weiter, unkontrolliert, und zog Erinnerungen mit sich, die ich nicht aktiv gesucht hatte. Vanu und Valentina. Beide hatten ihre Schwangerschaften nicht auf klassische Weise durchlaufen, sondern unter der Kontrolle der Aldrianer in künstlichen Trägersystemen beendet. Fötale Entwicklung außerhalb des Körpers, stabilisiert, überwacht, modifiziert bis zu einem Punkt, an dem Überlebensfähigkeit ohne Unterstützung erreicht wurde. Ich hatte damals versucht, das als medizinischen Fortschritt zu sehen, nicht als Verlust. Trotzdem blieb ein Rest von Unbehagen, jedes Mal wenn ich daran dachte, wie wenig biologischer Zufall noch übrig war in dieser Art von Prozess. Terraner, Argonen, Aldrianer. Alles Menschen, genetisch verwandt, aber über Jahrhunderte hinweg auseinandergetrieben durch Umwelt, Selektion und Anpassung. Unterschiedlich genug, dass selbst ein halbes Gravos mehr oder weniger darüber entscheiden konnte, ob ein Körper stabil blieb oder unter Last zusammenbrach. Zahlen, die sich abstrakt anhörten, bis man sie selbst spürte.
Kon zog mich abrupt aus diesen Gedanken, ohne etwas zu sagen. Sein Blick war kurz zu mir gewandert, dann wieder nach vorne. Ich folgte ihm und bemerkte erst jetzt, dass er seine Waffe vollständig gezogen hatte. Nicht aktiv, aber bereit. Die Art, wie seine Finger den Griff hielten, verriet keine Nervosität, eher eine klare Einschätzung der Umgebung. Ich fragte mich kurz, woher genau er diese Waffe hatte, obwohl ich die Antwort eigentlich kannte. Ex-Militär bedeutete selten Besitzfragen, sondern eher Zugriff auf das, was gerade notwendig war. Trotzdem blieb ein Rest Unsicherheit in mir hängen, weil dieser Ort jede Annahme darüber verschob, was notwendig war.
Nif'nakh war kein Planet, der Sicherheit als Konzept unterstützte. Und die Split, so sehr ich ihre Struktur inzwischen verstand, hatten in den letzten Tagen genug Risse in ihrer Fassade gezeigt, dass Vertrauen hier eher eine temporäre Entscheidung als ein stabiler Zustand war.
Die Höhle vor uns wirkte zunächst wie eine natürliche Spalte im Gestein, aber schon der erste Schritt hinein änderte die Wahrnehmung. Der Gang war leer, doch nicht leer im Sinne von verlassen, sondern leer im Sinne von vorbereitet. Der Boden war zu gleichmäßig, die Wände zu sauber geglättet, als hätten Werkzeuge oder gezielte biologische Prozesse jede Unregelmäßigkeit entfernt. Die Luft war kühler, schwerer, mit einem Unterton von feuchtem Holz und etwas, das an fermentierende Pflanzen erinnerte.
Thovareus ging voran, ohne zu zögern. Seine Haltung war stabiler als die von Kon oder mir, als hätte die Umgebung weniger Einfluss auf ihn. Vielleicht lag es an seiner Physiologie, vielleicht an seiner Erfahrung, vielleicht an beidem. Dann geschah es abrupt. Ein pfeifendes Geräusch schnitt durch die Stille, hoch und scharf, und noch bevor ich es vollständig einordnen konnte, schlug etwas gegen seine Seite. Ein Pfeil, klein genug, um nicht sofort tödlich zu wirken, aber giftig, deutlich sichtbar durch die violette Flüssigkeit an seiner Spitze.
Er prallte einfach ab.
Thovareus reagierte nicht einmal sichtbar darauf. Kein Zurückweichen, kein Zucken, nur ein kurzer Blick nach unten, als hätte ihn eine Insektenberührung gestört. Dann setzte er seinen Weg fort, als wäre nichts geschehen.
Ich spürte, wie sich mein Puls leicht beschleunigte, nicht panisch, aber aufmerksam. Kon blieb dicht hinter mir, seine Bewegungen jetzt noch kontrollierter. Weitere Pfeile folgten, aus verschiedenen Winkeln, aber jeder von ihnen prallte an Thovareus ab, ohne sichtbare Wirkung. Die Geräusche hallten kurz an den Wänden nach, bevor sie von der feuchten Luft geschluckt wurden.
Der Gang endete schließlich vor einer Tür, die in dieser Umgebung vollkommen fehlplatziert wirkte. Holz, massiv, dunkel gealtert, verstärkt durch metallische Einlagen, die sich wie Narben durch die Oberfläche zogen. Die Struktur war alt, aber nicht verfallen. Eher gepflegt, als wäre sie Teil eines Systems, das nicht auf Zeit, sondern auf Nutzung ausgelegt war.
Kon trat vor, ohne zu zögern, und hob seine Waffe. Ein kurzer, präziser Schuss traf das Schloss. Kein lauter Knall, nur ein scharfes Zischen, gefolgt von sofortiger Verdampfung des Mechanismus. Das Metall glühte rot nach, die Luft füllte sich mit einem stechenden Geruch nach verbranntem Harz und erhitzter Legierung. Ich hoffte instinktiv, dass das Material keine weitere Reaktion auslösen würde. Feuer in einer Höhle war kein abstraktes Risiko, sondern ein sehr konkretes Ende.
Die Tür öffnete sich nach innen, schwer und widerwillig, und gab den Blick auf einen Raum frei, der in seiner Struktur fast widersprüchlich wirkte. Es war kein natürlicher Hohlraum mehr, sondern ein gestalteter Innenraum, als hätte jemand die Höhle bewusst in eine Wohnstruktur verwandelt. Die Wände waren geglättet, der Stein so bearbeitet, dass er eine matte, fast organische Oberfläche bildete. Der Boden war eben, bedeckt von Moos, das in unterschiedlichen Grüntönen leuchtete, als würde es eigenes Licht erzeugen.
Von der Decke hingen Pflanzen herab, lange, dünne Stränge, die sanft pulsierten und ein kaltes, weißgrünes Licht abstrahlten. Sie bewegten sich kaum, aber genug, um den Eindruck zu erzeugen, dass der Raum atmete. In der Mitte stand ein langer Tisch aus einem einzigen Baumstamm, massiv, schwer, mit natürlichen Unebenheiten, die bewusst nicht entfernt worden waren. Dazu mehrere Stühle, unterschiedlich geformt, als hätte man sie nicht konstruiert, sondern aus gewachsenen Strukturen herausgelöst. Ein großer Sitzplatz, fast wie ein Thron, bestand aus einem ausgehöhlten Baumstumpf, dessen Innenseite mit Moos ausgekleidet war.
Ich blieb kurz stehen, bevor ich überhaupt bewusst sprach. Dann hörte ich meine eigene Stimme, leicht irritiert durch die Absurdität der Szene. "Warum gibt es hier so viele Sitzgelegenheiten?"
Die Antwort kam nicht von vorne, sondern hinter mir. Eine Stimme, leise, mit einer deutlich hörbaren lispelnden Verzerrung, als würde sie durch etwas Ungewöhnliches moduliert werden.
"Für Bezucher."
Ich drehte mich langsam um.

Die Stille im Raum hielt nur einen Sekundenbruchteil. Dann brach sie.
Vier Stimmen gleichzeitig, überlagert von Echo und Raumhall, schrill genug, dass mir der Reflex durch den Körper fuhr, ohne dass ich ihn bewusst steuerte. Kein koordinierter Schrei, eher ein abruptes Entladen von Schreck. Meine Hände zuckten instinktiv, Kon riss den Kopf minimal zurück, selbst Thovareus bewegte sich erstmals schneller als nötig. Es war kein Angstschrei im klassischen Sinn, eher die Reaktion eines Systems, das etwas nicht einordnen konnte und deshalb auf Lautstärke zurückgriff.
Vor uns hatte sich nichts verändert, und genau das war das Problem.
Das Wesen stand weiterhin dort, wo es vorher gestanden hatte, nur jetzt vollständig im Licht der leuchtenden Pflanzen. Die Umgebung war plötzlich klarer wahrnehmbar: sein Körper war teladiartig, aber inkonsistent in der Struktur. Größer als gewöhnlich, gedrungener im Rumpf, die Gliedmaßen länger als ich sie von Zura in Erinnerung hatte. Die Schuppen wirkten nicht lebendig glänzend, sondern matt, als hätte jemand Farbe über biologische Struktur gelegt und sie dann versiegelt. Graugrün dominierte, aber nicht in natürlicher Verteilung, sondern in unregelmäßigen Feldern, als wäre die Pigmentierung irgendwann bewusst verändert worden. Die drei Krallen an der Hand bewegten sich unabhängig voneinander, minimal versetzt, wie einzelne Werkzeuge eines Systems statt eines organischen Fingersatzes.
Die Stimme kam wieder, leicht verzögert, mit dieser fehlerhaften Artikulation, die ich nicht sofort einordnen konnte. "Ihr zeit Argonen."
Die Hand, beziehungsweise die vordere Kralle, zeigte auf Kon und mich, blieb kurz hängen, dann verschob sich die Geste zu Thovareus. Der Blick folgte nicht sauber, sondern ruckartig, als würde Wahrnehmung und Bewegung nicht vollständig synchron laufen.
"Du bizt ein Teladi. Männlich. Ich habe noch nie Argonen gezehen und nur einen Teladi."
Der Satz hatte mehrere Brüche, aber keine Unsicherheit im Inhalt. Ich merkte, wie absurd diese Kombination aus Sprachfehlern und absoluter Selbstverständlichkeit wirkte. Für einen Moment verschob sich mein Fokus weg von der Situation hin zu der Frage, wie stabil diese Wahrnehmung überhaupt war. Trotzdem war da etwas an dieser Direktheit, das beinahe beruhigend wirkte.
"Bist du ein Teladi?" fragte ich, bevor ich den Gedanken weiter ausformulieren konnte.
Die Reaktion kam nicht sofort. Ein kurzer Stillstand, dann ein Nicken, das nicht vollständig ausgeführt wurde, als hätte die Bewegung unterwegs ihre Entscheidung geändert.
"Zu 95 Prozent."
Der Blick blieb auf uns gerichtet, aber nicht fixiert, eher verteilt, als würde er mehrere Punkte gleichzeitig erfassen. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Augen keine klare emotionale Lesbarkeit hatten. Keine klassische Mimik, nur Struktur.
Ich ließ den Blick kurz über die Gesamterscheinung wandern. Die Körperproportionen passten nicht vollständig zu bekannten teladianischen Standards. Zu lange Gliedmaßen im Verhältnis zum Torso, eine leichte Asymmetrie in der Schulterlinie, und die Schuppenstruktur zeigte Übergänge zwischen Grau und Grün. Weder männlich noch weiblich im klassischen teladianischen Spektrum, sondern etwas dazwischen, oder außerhalb.
Ich stellte die nächste Frage, ohne zu merken, dass ich sie bereits formulierte. "Bist du eine Weibliche?"
"Ja." Die Antwort kam ohne Verzögerung, klarer als alle vorherigen Sätze.
Thovareus bewegte sich erstmals wirklich aktiv. Sein Kopf drehte sich minimal, die Augen verengten sich leicht. "Bist du Nopileos?"
In diesem Moment verlor Kon die Kontrolle über seine Körperspannung, ließ sich in den nächstbesten Sitz fallen und platzierte seine Waffe bewusst auf seinen Schoß. Keine Drohhaltung mehr, eher ein Zustand zwischen Bereitschaft und Erschöpfung.
Die Antwort des Wesens kam erst nach einer kleinen, fast theatrischen Pause. Die Bewegung der Kralle wirkte dabei wie eine Einleitung, nicht wie eine Erklärung. "Mein Name ist Hatileoz die Erzte. Nopileoz izt meine Mutter."
Der Raum veränderte sich nicht, aber die Bedeutung der Worte tat es sofort. Ich spürte, wie sich mehrere Annahmen gleichzeitig verschoben, ohne dass ich sie aktiv hinterfragt hatte.
"Deine Mutter … Wo ist sie?"
Die Antwort kam mit einer Geste, die fast übertrieben wirkte, als würde sie eine bekannte Erzählung zitieren. "Bei den Profiten im nividium-vergoldetem Marktplatz im Jenzeitz."
Sie bewegte sich an uns vorbei, ohne erkennbare Vorsicht, als wäre unsere Anwesenheit ein statischer Bestandteil des Raums. Ihre Krallen glitten leicht durch die Luft, nicht bedrohlich, eher erklärend. Ich sah kurz zum Tisch, zu den Stühlen, und fragte mich, ob diese gesamte Umgebung tatsächlich als normal innerhalb ihres Verständnisses von Besuch fungierte.
"Wer sind deine Besucher normalerweise?"
"Meine Familie."
"Familie?" fragte Thovareus, diesmal deutlich langsamer.
"Meine andere Mutter und mein Ztiefbruder."
Thovareus reagierte sichtbar überrascht. "Es gibt hier mehr Teladi?"
Die Antwort kam nicht von ihr. "Nein."
Die Stimme kam aus Richtung Eingang. Ich drehte mich sofort um. Hatrak stand dort, neben Noptrok. Letzterer war bereits dabei, ohne Unterbrechung an der Tür zu arbeiten, als hätte die gesamte Szene keinen Einfluss auf seinen Ablauf gehabt. Er kniete, den Rücken zu uns, und arbeitete konzentriert am Schlossmechanismus, während er beiläufig sprach.
"Ich habe die Fallen wieder aktiviert."
Ich konnte nicht sofort einordnen, ob das eine Sicherheitsinformation oder eine Tatsache mit impliziter Drohung war. In dieser Umgebung schien beides gleich wahrscheinlich.
Hatileos reagierte sofort anders. Ihre gesamte Körperhaltung wechselte abrupt, fast kindlich im Kontrast zur vorherigen Neutralität. "Mutter!"
Sie bewegte sich auf Hatrak zu, schnell, direkt, ohne Umwege.
Mein Gedanke stockte kurz. "Mutter?"
Hatrak ignorierte die Verwirrung und trat an Kon vorbei. Ihre Präsenz füllte den Raum anders als zuvor, schwerer, strukturierter. Sie blieb direkt vor ihm stehen und fixierte den Sitz mit einer klaren, unmissverständlichen Geste.
"Das ist mein Sessel!"
Kon stand ohne Widerstand auf, sichtbar müde, aber ohne Diskussion. Ich half ihm kurz, seinen Platz zu stabilisieren, bevor ich mich selbst auf den nächstgelegenen Stuhl setzte. Die Wand hinter mir war kühl, aber nicht unangenehm, eher stabilisierend im Vergleich zur restlichen Situation.
Hatrak ließ sich in den Sessel fallen, als wäre jede Form von Autorität damit wiederhergestellt. Ihr Kampfstab lehnte schräg gegen die Seite des Sitzes, schwer, abgenutzt, mit klaren Spuren von Nutzung. Erst jetzt fiel mir auf, wie erschöpft sie wirkte, nicht nur körperlich, sondern in einer Art, die eher nach langfristiger Last als nach kurzfristiger Belastung aussah.
Thovareus blieb stehen. Der Raum war wieder ruhig, aber nicht stabil.

Ich hatte das Gefühl, dass selbst die Luft im Raum schwerer wurde.
Hatrak saß tief in ihrem Sessel, während Hatileos sich an sie schmiegte, als wäre sie trotz ihrer Größe und ihres Alters immer noch ein Kind. Die alte Split schloss für einen kurzen Moment die Augen und legte eine ihrer sechsfingrigen Hände auf den Rücken ihrer Tochter. Ihre Finger glitten vorsichtig über die graugrünen Schuppen, langsam, beinahe beruhigend. Das orangegrüne Licht der leuchtenden Pflanzen an der Decke spiegelte sich matt auf ihren lederartigen Unterarmen. Zum ersten Mal seit ich sie kannte wirkte Hatrak nicht wie eine Matriarchin, nicht wie die Herrscherin über Familienclans, nicht wie die Frau, die selbst Elitekrieger mit einem einzigen Blick zum Schweigen brachte. Sie wirkte einfach nur müde.
"Nun ist es endlich passiert." sagte sie leise. Ihre Stimme war rauer als sonst. "Nach all den Jazuras wurde das Geheimnis entdeckt."
Hatileos löste sich wieder von ihr und bewegte sich durch den Raum, als gehöre jede Bewegung zu einem unsichtbaren Ablauf, den sie schon unzählige Male ausgeführt hatte. Ihre Krallen griffen nach einem grob gearbeiteten Trinkgefäß aus dunklem Stein. Daraus stieg Dampf auf, der nach Kräutern, Erde und etwas Metallischem roch. Sie reichte es Hatrak mit einer Fürsorge, die mich unwillkürlich an Familien erinnerte, die gemeinsam durch schwere Zeiten gegangen waren. Mein Blick wanderte zwischen beiden hin und her. Jetzt, wo ich die Wahrheit kannte, wirkten die Namensähnlichkeiten fast lächerlich offensichtlich.
"Dass sich eure Namen alle ähneln ist kein Zufall?" fragte ich.
Hatrak schüttelte langsam den Kopf. Einige ihrer weißen Haare lösten sich aus den gebundenen Strähnen und fielen über ihre Schultern. "Ich habe so viele Jazuras mit Nopileos verbracht ..." Sie stockte. Ihr Blick verlor sich irgendwo hinter mir, weit entfernt von dieser Höhle. "... sie war meine erste Freundin."
Die Worte blieben im Raum hängen. Ich starrte sie an und spürte gleichzeitig Bewunderung und Fassungslosigkeit. Eine Split-Matriarchin und eine Teladi. Nicht nur Verbündete. Nicht nur politische Partnerinnen. Freundinnen. Keine Freund-Feinde.
"Hatrak, Nopileos, Noptrok, Hatileos." sagte ich langsam. "So offensichtlich."
Ich fasste mir an den Kopf und schüttelte ihn leicht über mich selbst. Wie hatte mir das entgehen können? Ich hatte nach komplizierten Intrigen gesucht, nach Verschwörungen, nach politischen Geheimnissen, dabei lagen die Hinweise offen vor mir wie große Schriftzeichen an einer Wand.
Kon beobachtete die Situation schweigend. Seine dunkelroten Augen lagen abwechselnd auf Hatrak und Hatileos. Er wirkte angespannt, aber nicht feindselig. Eher wie jemand, der verstand, dass er Zeuge von etwas geworden war, das größer war als ein persönliches Geheimnis.
"Wenn ich fragen darf ..." begann Thovareus vorsichtig und setzte sich nun doch neben mich und Kon auf den moosbewachsenen Bodenbereich nahe der Wand. "... was ist Hatileos?"
"Ein Unfall." Antwortete Hatileos sofort selbst.
Sie sagte es mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der andere ihren Namen nennen würden. Währenddessen begann sie damit, Schalen mit Nahrung auf den Tisch zu stellen. Geräucherte Fischstücke. Schwarze Knollen. Kleine glänzende Beeren. Sie bewegte sich ruhig und vollkommen entspannt zwischen uns, als würden unangekündigte Besucher mitten in der Nacht zum Alltag gehören.
"Du bist kein ..." begann Hatrak scharf und brach mitten im Satz ab. Ich sah, wie ihre Kiefermuskeln arbeiteten. Dann zwang sie sich sichtbar zur Ruhe. "Sie IST ein Unfall."
Kon sah zu Hatileos hinüber. "Macht dir das nichts aus?"
Die Teladi legte den Kopf schief. Ihre großen Augen reflektierten das Licht der Pflanzen wie bernsteinfarbenes Glas. "Wiezo? Ez izt die Wahrheit."
Die Ehrlichkeit traf mich härter als erwartet.
"Wie?" fragte Thovareus.
Jetzt wurde der Raum still. Selbst Noptrok hörte auf am Schloss zu arbeiten und blieb halb kniend sitzen, ohne sich umzudrehen.
Hatrak nahm einen langen Schluck aus ihrem Gefäß. Dann begann sie zu erzählen. "Es geschah vor vielen vielen Sonnen. Es ist Dekazuras her." Ihre Stimme war ruhig, aber jede Silbe trug Gewicht. "Wir waren nach Nif'Nakh zurückgekehrt. Und doch waren wir noch immer unerfahren und hatten uns zu weit in den Dschungel gewagt." Während sie sprach, sah ich die Bilder beinahe vor mir. "Wir hatten einen Schwarm Drachenfliegen aufgescheucht, der uns verfolgte. Dann passierten wir das Nest eines Ghoks, das uns ebenfalls jagte. Wir hatten Glück, dass das Ghok und die Drachenfliegen einander interessanter fanden als uns." Hatileos setzte sich inzwischen auf den Boden nahe Hatraks Beine und hörte derselben Geschichte zu, die sie wahrscheinlich schon dutzende Male gehört hatte. "Wir fanden eine Höhle. Nicht unähnlich dieser hier." fuhr Hatrak fort. "Unsere Kleidung war durchnässt. Verdorben vom Schlamm. Ich war verletzt. Mein Blut lief an meinem Körper herab." Ihr Blick wurde härter. "Nopileos wärmte mich, damit ich nicht auskühlte. Wir waren beide nackt, weil unsere Kleidung trocknen musste." Sie hob die Hand leicht. "Wir haben nichts getan. Ehrlich." Ich glaubte ihr sofort. "Doch irgendwie gelangte meine DNA in Nopileos' Körper." Selbst Thovareus wirkte jetzt wie eingefroren. "Dass Nopileos' Ei anders war, bemerkte sie erst Mazuras später." sagte Hatrak weiter. "Sie legte es heimlich hier in dieser Höhle ab. Wir zerbrachen uns Jazuras lang die Köpfe darüber. Doch bis heute verstehe ich es nicht. Und Nopileos ..." Ihre Stimme brach weg. Zum ersten Mal sah ich echte Hilflosigkeit in ihrem Gesicht.
"Wie alt ist Hatileos?" fragte ich vorsichtig.
"58." antwortete Hatileos selbst sofort.
Ich sah sie überrascht an. Für eine Teladi war sie biologisch noch jung.
"Und bis heute wurdest du nie entdeckt?"
"Nicht direkt." Sie grinste breit. Es war eine echte Mimik, nicht dieses oft unbeholfene Nachahmen menschlicher Gesichtsausdrücke, das ich bei Thovareus manchmal sah. "Ich bin eine Legende."
Kon rieb sich langsam über das Gesicht. "Dann werden wir also ...?"
"Nein." unterbrach Hatrak sofort. Ihre Stimme hatte wieder Autorität angenommen. "Was einmal geschehen ist, kann wieder geschehen. Dieses Geheimnis ist stark, aber kein Grund für Mord." Dann sah sie direkt mich an. "Was jetzt?"
Doch bevor ich antworten konnte, sprach Thovareus plötzlich völlig verwirrt dazwischen. "Wie kann dasss nur möglich sssein?"
Ich sah zwischen ihm und Hatrak hin und her. Dann entschied ich mich, seine Frage zu beantworten.
"Es gibt doch die Möglichkeit der Parthenogenese bei den Teladi." sagte ich langsam. "Dass zwei Weibliche zusammen ein Kind bekommen."
Thovareus nickte sofort, hob aber gleichzeitig eine Kralle. "Esss issst keine Fortpflanzzzung im eigentlichen Sssinne. Eine Teladi nimmt nur etwa fünf bisss maxxximal zzzehn Prozzzent des genetissschen Materialsss dess Ssspendersss auf. Esss issst mehr eine Kleptogenesssisss." Mitten im Satz veränderte sich sein Blick. Die Erkenntnis traf ihn sichtbar. "Unmöglich."
Hatrak, Noptrok und Hatileos verstanden offensichtlich nicht sofort, worauf er hinaus wollte. Kon ebenfalls nicht. Aber ich konnte Thovareus' Gedankengang beinahe mitverfolgen.
"Hatileos sagte vorhin, sie sei zu fünfundneunzig Prozent Teladi." sagte ich langsam. "Die restlichen fünf Prozent sind demnach Split."
Ich stand auf und trat näher an Hatileos heran. Sie ließ es vollkommen ruhig geschehen, als ich meinen Armscanner aktivierte. Das kleine Gerät summte leise an meinem Handgelenk. Primitive Technologie im Vergleich zu modernen Laboren, aber ausreichend für Grundanalysen. Die Anzeige flackerte grünblau.
"Das erklärt ihre physiologischen Abweichungen." murmelte ich mehr zu mir selbst.
Thovareus wirkte zunehmend nervös. "Unmöglich. Assssimilation fremder DNA issst unmöglich!"
"Ich ztehe doch hier!" widersprach Hatileos empört.
Ich musste trotz der Situation beinahe lachen. "Dann mutmaße ich jetzt einfach." sagte ich und konzentrierte mich auf die Daten. "Ich bin Vater von zwei Kindern geworden, obwohl die DNA ihrer Mütter und meine ebenfalls nicht vollständig kompatibel waren." Kurz dachte ich an Vanu und Valentina. An künstliche Brutkammern. An Aldrin. An medizinische Berichte voller Wahrscheinlichkeiten. "Die Parthenogenese der Teladi ist evolutionär wahrscheinlich viel wichtiger, als ihr selbst glaubt." sagte ich schließlich. "Sie erlaubt es Populationen stabil zu halten, selbst wenn sie isoliert werden. Durch Sprungtorabschaltungen. Durch planetare Katastrophen. Durch geologische Trennung."
Während ich sprach, spürte ich plötzlich dieses vertraute Gefühl. Dieses Ziehen im Hinterkopf. Eine Erinnerung. Der Vertreter des Alten Volkes. Seine Worte. Ich erstarrte mitten im Satz. Dann fiel alles an seinen Platz.
"Die spezielle Fähigkeit der Teladi ist Überleben." sagte ich langsam und mit Nachdruck. "Nicht Fortpflanzung. Sondern Assimilation."
Jetzt hörten mir alle aufmerksam zu. "Teladi können DNA anderer Spezies assimilieren und sich dadurch evolutionäre Vorteile sichern."
Ich hielt den Scanner leicht hoch.
"Hatileos hat maximal fünf Prozent Split-DNA. Sie ist biologisch fast vollständig Teladi. Aber ihre Muskulatur ist dichter. Ihre Atmung effizienter. Ihre Schuppen besitzen eine leichte lederartige Schutzschicht." Ich sah direkt zu ihr. "Sie ist kein Hybrid im klassischen Sinn. Sie ist eine optimierte Teladi."
Hatileos grinste breit, als hätte ich ihr gerade ein Kompliment gemacht.
"Teladi assimilieren keine beliebige DNA." fuhr ich fort. "Nur Eigenschaften, die einen Überlebensvorteil bringen."
Noptrok verschränkte langsam die Arme. "Und da wir Split ebenfalls von reptilienartigen Vorfahren abstammen ..." sagte er ruhig. "... sind wir kompatibler mit den Teladi als gedacht."
"Interessanter." korrigierte ich sofort. "Nicht kompatibler."
Der Unterschied war gewaltig. Und genau das begann mir gerade Angst zu machen.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 50 - Mysterium

Als ich die Höhlenwohnung bei Tageslicht genauer betrachtete, wurde mir klar, wie falsch mein erster Eindruck gewesen war. Von außen wirkte alles primitiv. Versteckt. Wie ein Unterschlupf einer Kreatur, die sich vor der Welt verbarg. Doch je länger ich mich darin aufhielt, desto offensichtlicher wurde, dass hier nichts zufällig war. Die große Hauptkaverne, die als Wohnraum diente, war nicht einfach nur ausgehöhlt worden. Die Wände waren geglättet. Nicht grob abgeschliffen, sondern beinahe perfekt bearbeitet. Die Oberfläche besaß einen dunklen Grauton mit leicht metallischem Schimmer, als wären die natürlichen Mineralien des Gesteins durch Hitze verändert worden. Wenn ich mit den Fingern darüberstrich, fühlte sie sich kühl und erstaunlich ebenmäßig an. Keine sichtbaren Meißelspuren. Keine Risse. Keine Bruchkanten. Selbst moderne Schneidwerkzeuge hätten Schwierigkeiten gehabt, solche Rundungen so sauber auszuarbeiten. Von der Decke hingen weiterhin die fluoreszierenden Pflanzen herab, deren sanftes Licht die Höhle in orangegrüne Schatten tauchte. Manche ihrer langen Fasern bewegten sich minimal in der Luftströmung und erinnerten mich an Unterwasserpflanzen in einer trägen Strömung. Der Geruch der Höhle hatte sich ebenfalls verändert. Während in der Nacht feuchte Erde und Moos dominiert hatten, nahm ich jetzt subtil metallische Noten wahr. Dazu Kräuter. Harzartige Düfte. Und den schwachen Geruch von verarbeitetem Fleisch.
Vom Hauptraum führten vier bogenförmige Durchgänge weg. Keine Türen. Keine Vorhänge. Alles offen. Alles direkt sichtbar. Das erste war eine Toilette. Und zwar keine primitive Latrine, sondern etwas, das mich sofort an moderne Sanitärtechnik erinnerte. Glatte dunkle Oberflächen. Ein integriertes Reinigungssystem. Wasserleitungen, die kaum sichtbar in den Wänden verliefen. Selbst die Luft darin roch sterilisiert. Fast klinisch. Das zweite war ein Bad. Dort standen mehrere Becken aus schwarzem Stein, deren Oberflächen von innen leicht warm waren. Dünne Dampfschwaden stiegen aus einem eingelassenen Wasserbecken auf. An den Wänden befanden sich Behälter mit Kräutern, Ölen und Pulvern. Einige kannte ich nicht einmal ansatzweise. Andere erinnerten mich an antiseptische Mittel. Der dritte Durchgang führte in ein Schlafzimmer. Oder eher mehrere Schlafbereiche innerhalb eines einzigen Raums. Dicke Moospolster lagen auf erhöhten Steinflächen. Darüber hingen Stoffbahnen und geflochtene Pflanzenfasern, die offenbar Feuchtigkeit regulierten. Das Licht war dort deutlich gedämpfter. Alles wirkte ruhig. Geschützt. Der vierte Durchgang ließ mir jedoch sofort einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Die Küche. Oder das, was Hatileos offenbar als Küche betrachtete. Der Raum war größer als die anderen und roch nach Blut, Kräutern und heißem Metall. An den Wänden hingen Werkzeuge unterschiedlichster Größe. Messer. Haken. Sägen. Einige Geräte besaßen vibrierende Schneideflächen oder kleine Energieemitter. Manche erinnerten mich mehr an chirurgisches Besteck. Andere sahen aus, als könnte man damit mühelos einen Menschen zerlegen. Mehrere Arbeitsflächen bestanden aus einem dunklen Material, das Blut nicht aufsaugte. Daneben standen Behälter zur Kühlung, eingelassene Tanks und Trockengestelle. Ich erkannte sogar primitive, aber funktionale Sterilisationsvorrichtungen. Was immer hier zubereitet wurde, wurde hier vorher auch getötet, zerlegt und verarbeitet. Und zwar professionell. Ich fragte mich unwillkürlich, wie viele Jahre Hatileos bereits hier lebte. Jahrzehnte offensichtlich. Vielleicht länger als manche Gebäude in Ghus-tan existierten.
Die Nacht hatte uns alle eingeholt. Selbst Kon war irgendwann mitten in einem Satz eingeschlafen, halb an die Wand gelehnt. Thovareus hatte sich einfach zusammengerollt wie ein riesiges Reptil. Noptrok war irgendwann verschwunden, vermutlich nach draußen gegangen, bevor ich selbst wegdämmerte. Mein Schlaf war tief gewesen. Traumlos. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich nicht von Abstürzen, Ghoks oder schreienden Geräuschen geträumt. Nur Dunkelheit. Leere. Ruhe.
Als ich wieder aufwachte, brauchte ich einen Moment, um mich zu orientieren. Ein rhythmisches Geräusch hallte durch die Höhle. Nass. Hart. Wiederholend. Schneiden. Ich richtete mich langsam auf. Meine Muskeln protestierten sofort. Die Schwerkraft von Nif'Nakh hatte sich mittlerweile zwar weniger fremd angefühlt, aber sie blieb brutal. Jeder Morgen erinnerte meinen Körper daran, dass ich nicht hierhergehörte. Das Licht der Pflanzen war schwächer als in der Nacht. Von draußen fiel gedämpftes Morgenlicht in die Höhle und mischte sich mit dem Fluoreszieren der Gewächse. Seltsam war daran, dass es keine Fenster gab. Spiegel oder ein anderes System? Hatileos stand bereits in der Küche. Sie schien seit Stunden wach zu sein. Vor ihr lag ein Tier auf einer der Arbeitsflächen. Es erinnerte entfernt an eine überdimensionierte Assel. Segmentierter schwarzer Panzer. Mehrere Reihen kleiner Beine. Der Körper glänzte leicht feucht und war fast so groß wie ein mittelgroßer Hund. Ein süßlich-metallischer Geruch lag in der Luft. Mit erschreckender Präzision bearbeitete Hatileos den Körper. Eine ihrer Krallen hielt das Wesen fest, während sie mit einem vibrierenden Schneidwerkzeug die Panzersegmente auftrennte. Dabei entstanden knackende Geräusche, begleitet vom Zischen austretender Flüssigkeiten.
"Wieso lebst du hier draußen?" fragte ich schließlich.
Hatileos zuckte zusammen. "Tzzh!" Sie drehte den Kopf abrupt in meine Richtung. Offenbar hatte sie mich nicht bemerkt. "Auch wenn ich theoretizch alz Tochter der Matriarchin gelten könnte, zo würde ich von den Zplit nie akseptiert werden."
Ich runzelte die Stirn und trat näher heran. "Du würdest sicherlich als Teladi durchgehen. Deine Schuppenfarbe würde sich erklären lassen. Eine genetische Variante vielleicht. Oder eine Krankheit."
Kaum hatte ich das gesagt, begann sie das Tier aggressiver zu zerlegen. Der vibrierende Schneider fraß sich mit brutaler Geschwindigkeit durch den Panzer. Stücke splitterten weg. Eine dickflüssige graublaue Flüssigkeit lief über die Arbeitsfläche.
"Die Zplit würden nicht verztehen, warum eine Teladi und eine Zplit ..." Sie rammte die Klinge tiefer in den Körper. "... vor allem die Matriarchin ..." Ein weiterer harter Schnitt. "... zich miteinander abgeben."
"Aber Hatrak und Nopileos ..."
"Auzzergewöhnlich." Sie unterbrach mich sofort. "Zeltzam. Kulturell nicht aktseptabel."
Ich lehnte mich leicht gegen den Türbogen und beobachtete sie schweigend. "Aber deine Legende wird akzeptiert."
"Weil zie mich nicht zehen und kennen." antwortete sie sofort. "Nur eine Gezchichte."
Die Antwort traf mich härter als erwartet. "Sie akzeptieren auch mich."
Jetzt hielt sie inne. Langsam drehte sie sich zu mir um. Ihre bernsteinfarbenen Augen wirkten plötzlich viel ernster. "Nein." sagte sie ruhig. "Zie tolerieren dich. Ein Rezpekt auz Taten. Nicht alz Perzon."
Ich schwieg. Und je länger ich darüber nachdachte, desto mehr begriff ich, dass sie recht hatte. Die Split respektierten mich, weil ich ein Ghok getötet hatte. Weil ich überlebt hatte. Weil ich Schmerzen ausgehalten hatte. Aber niemand hatte jemals echtes Interesse an mir gezeigt. Nicht an meinem Leben. Nicht an meiner Herkunft. Nicht an meinen Gedanken. Selbst Gespräche mit ihnen blieben oft funktional. Direkt. Zweckgebunden.
Ich wechselte das Thema. "Deine Aussprache ist ... anders."
Jetzt musste Hatileos tatsächlich lachen. Ein schnalzendes, kehliges Geräusch. "Die fünf Prosent Zplit DNA."
"Woher weißt du, dass es genau fünf Prozent sind?"
"Geheime Unterzuchung in Ghuz-tan alz Zchlüpfling." antwortete sie beiläufig. "Teladi Körper von Nopileoz hat Blut von Hatrak aufgenommen und adaptierbare DNA extrahiert. Hat meinem Körper grözzere Auzdauer gegeben. Veränderte Muzkulatur und Energiezyztem."
Ich blinzelte. "Ich dachte, ihr wisst nicht, wie es geschah."
Sofort zuckte sie zusammen. "Tzzh! Erwizcht!"
Zum ersten Mal wirkte sie wirklich ertappt. Fast nervös. Sie legte die Werkzeuge abrupt weg und begann damit, die zerlegten Körperteile der Assel in eine Kühltruhe einzusortieren. Kalter Dampf quoll heraus, als sie den Deckel öffnete. Darin lagen weitere Fleischstücke, Pflanzen und versiegelte Behälter. Für einen Moment fragte ich mich tatsächlich, woher all diese Energie kam. Die Beleuchtung. Die Kühlung. Die Technik. Selbst versteckte Generatoren hätten Wartung gebraucht. Doch der Gedanke verschwand sofort wieder, als Hatileos plötzlich eine ihrer Krallen gegen die Wand drückte. Ein dumpfes mechanisches Geräusch erklang. Dann bewegte sich ein Teil der Höhlenwand lautlos zur Seite. Ein Geheimgang. Kalte Luft strömte mir entgegen. Dahinter lag Dunkelheit.

Der Geheimgang zog sich wie ein enger, unnachgiebiger Schlund durch das Gestein. Die Wände lagen so nah beieinander, dass meine Schultern sie gelegentlich streiften, nicht schmerzhaft, aber ständig präsent, als würde der Fels mich bewusst führen oder zurückhalten wollen. Die Luft war feucht, schwer von mineralischem Geruch, durchzogen von einem süßlich-grünen Aroma der fluoreszierenden Pflanzen, die in unregelmäßigen Abständen aus Spalten und Ritzen wuchsen. Ihr Licht war kein gleichmäßiges Leuchten, sondern ein pulsierendes, schwaches Glimmen in Grün- und Blautönen, das sich auf den feuchten Stein legte und Schatten verzerrte. Jeder Schritt von uns klang gedämpft, als würde der Gang selbst Geräusche verschlucken. Ich ging dicht hinter Hatileos. Die Stille war nicht leer, sondern gespannt. Selbst mein eigener Atem wirkte zu laut in diesem Gang. Um das Unbehagen zu überdecken, zwang ich meine Stimme in den Fluss des Gesprächs, auch wenn mir die Umgebung mehr Aufmerksamkeit abverlangte, als mir lieb war.
"Wenn Noptrok nicht verwandt ist, dann ist er vollständig Split", sagte ich und achtete darauf, nicht über die unebenen Bodenstrukturen zu stolpern, die wie erstarrte Wurzeln aus dem Stein ragten.
Hatileos ging ohne Zögern weiter, ihre Bewegungen waren erstaunlich präzise für jemanden, der sich durch diese Enge bewegte. Ihre graugrünen Schuppen reflektierten das schwache Licht der Pflanzen in stumpfen, fast metallischen Reflexen. Ihre Stimme kam ohne Umkehr, als hätte sie nie darüber nachdenken müssen.
"Nein. Noptrok izt nicht mit mir verwandt. Kein Teil Teladi in ihm. Er izt durch und durch Zplit, wenn auch aufgezchlozzener und neugieriger."
Ich ließ den Satz kurz wirken, während meine Hand instinktiv die Wand entlangfuhr. Der Stein war kalt, leicht feucht, und fühlte sich ungewöhnlich glatt an, als wäre er über lange Zeit künstlich bearbeitet worden. Kein natürlicher Höhlencharakter, eher etwas, das geformt worden war.
"Wenn er und Hatrak dich akzeptieren, dann vielleicht auch andere?" fragte ich, wobei mir selbst klar war, wie naiv die Hoffnung klang, während wir uns weiter in diese Struktur bewegten, die sich immer weniger wie ein natürlicher Ort anfühlte.
Hatileos antwortete erst nach mehreren Schritten. "Hatrak izt meine Mutter. Gewizzermazzen. Dazz Noptrok mich kennt war Sufall."
Ich wiederholte automatisch, fast reflexartig: "Zufall?"
Sie nickte leicht, ohne sich umzudrehen, während das Licht der Pflanzen über ihre Schultern glitt.
"Er izt alz Kind Mutter heimlich gefolgt. Suerzt wollte er mich töten, aber über die Jasuraz hat er mich kennengelernt und rezpektiert. Diezer Tasuraz jagen wir oft suzammen. Guter Ztiefbruder. Bezonderer Zplit. Aber nicht wie die anderen."
Ich erinnerte mich unweigerlich an Noptroks Erscheinung, an seine kontrollierte Ruhe, die nie vollständig still war. Immer war da etwas Wachendes in ihm gewesen, etwas, das nicht schlief, selbst wenn er sich ausruhte. Mein Blick glitt kurz zurück in den Gang, wo niemand folgte.
"Split stark im Arm, nicht schwach im Geist", murmelte ich, eher zu mir selbst als zu ihr, und erinnerte mich an Noptroks Worte aus einer anderen Zeit.
Der Gedanke daran, wie lange ich bereits unterwegs war, traf mich plötzlich mit einer Schärfe, die nichts mit der Umgebung zu tun hatte. Zeit war hier nicht greifbar gewesen, nur Abfolge von Ereignissen, Schmerz, Heilung, Bewegung. Und irgendwo dazwischen hatte sich mein ursprüngliches Ziel verändert, ohne dass ich es bemerkt hatte.
"Ich muss nach Hause. Zu meiner Familie. Ich bin schon zu lange weg."
Hatileos blieb nicht stehen, aber ihre Stimme wurde ruhiger. "Ich weizz. Aldrianizche Korvette, Zpringblozzom Klazze, wartet zchon zeit Tagen im Orbit."
Ich blieb abrupt einen halben Schritt stehen. Das Echo meines eigenen Atems schien plötzlich lauter als alles andere. "Woher weißt du das?" fragte ich, diesmal deutlich schärfer, als mir bewusst war.
Hatileos antwortete nicht. Stattdessen endete der Gang abrupt. Der Übergang war so unerwartet, dass mein Körper einen Moment brauchte, um die neue Dimension zu erfassen. Vor mir öffnete sich keine Höhle mehr, sondern ein Raum, der jede Vorstellung von natürlicher Struktur sprengte. Es war eine gewaltige Kaverne, so groß, dass mein Blick die Decke nur schwer erfassen konnte. Überall wuchsen Pflanzen aus dem Stein, jedoch nicht wild chaotisch, sondern in Mustern, die fast wie bewusst gesetzt wirkten. Ihr Licht war intensiver hier, ein Zusammenspiel aus grünlichen, violetten und schwach goldenen Nuancen, die die gesamte Umgebung in ein fremdes, aber harmonisches Leuchten tauchten. Ein Wasserfall brach aus einer Höhe, die ich nicht abschätzen konnte, und fiel in einen breiten Strom aus roter Flüssigkeit, die unter der Oberfläche träge pulsierte. Der Aufprall erzeugte Nebel, der warm war und metallisch roch, als würde er Mineralien und Energie gleichzeitig tragen. Darunter, tief unten, sah ich dunkle Strömungen, die sich mit glühenden roten Bändern mischten. Lava, aber nicht chaotisch. Geordnet. Eingefasst in natürliche und zugleich künstlich wirkende Kanäle. Die gesamte Struktur wirkte nicht wie eine Höhle, sondern wie ein konstruierter Organismus. Um uns herum spannten sich steinerne Formationen wie Brücken. Dünn, ohne Geländer, mit schmalen, unregelmäßigen Oberflächen, die kaum Vertrauen einflößten. Hatileos bewegte sich bereits darauf zu, als wäre es selbstverständlich. Ich blieb kurz stehen, mein Blick folgte den Linien der Konstruktion, und ein unangenehmes Ziehen lief mir durch den Magen. Unten, zwischen Wasser und glühendem Strom, war Bewegung. Ein Schatten, groß und komplex, schwebte oder ruhte in der Tiefe der Struktur. Und noch bevor ich ihn genauer erfassen konnte, hob mein Blick weiter. Hoch über uns, eingebettet in die obere Dunkelzone der Kaverne, erkannte ich etwas, das nicht hierhergehörte. Ein Schiff. Alt. Nicht nur technisch, sondern zeitlich. Die Form war mir vertraut, aber gleichzeitig falsch in diesem Kontext, als hätte jemand ein Fragment aus einer anderen Epoche in diese Welt gesetzt. Auf der Hülle, teilweise von Ablagerungen und Lichtreflexen überzogen, war ein Symbol zu erkennen. Terraformer. Der Anblick ließ meine Gedanken für einen Moment vollständig leer werden. Die Geräuschkulisse der Höhle schien sich für einen Moment zu entfernen, als hätte sich der Fokus der gesamten Umgebung auf diesen Punkt verschoben. Hatileos stand neben mir, den Blick ebenfalls nach oben gerichtet, ruhig, als wäre das kein ungewöhnlicher Anblick.

Ich folgte Hatileos weiter über die schmalen, unregelmäßig geschlagenen Steinstegen, die sich wie gewachsene Adern durch diese unterirdische Struktur zogen. Je höher wir kamen, desto weniger wirkte es wie ein klassisches Höhlensystem. Die Wände verloren ihre rohe, natürliche Form und gingen in geglättete, bewusst geformte Flächen über, als hätte jemand Fels nicht abgetragen, sondern umprogrammiert. Zwischen den Steinen wuchsen weiterhin diese leuchtenden Pflanzen, aber ihr Licht veränderte sich: unten eher milchig grün, hier oben zunehmend in ein kaltes, fast blaues Weiß, das die Konturen schärfer wirken ließ und Schatten tiefer zog. Mit jedem Schritt wurde mir klarer, dass das, was ich zunächst für einen verlassenen Naturkomplex gehalten hatte, in Wahrheit ein integriertes System war. Die Temperatur blieb konstant, aber die Luft fühlte sich dichter an, als würde sie subtil gegen meine Haut drücken. Ein schwacher metallischer Geruch lag darin, überlagert von feuchtem Gestein und einem süßlichen Unterton, der vermutlich von der Vegetation kam. Meine Wahrnehmung sprang ständig zwischen Staunen und einem instinktiven Unbehagen hin und her. Hatileos bewegte sich sicher, fast beiläufig. Ihre kleinen Krallen fanden jede Unebenheit, als hätte sie diesen Weg nicht nur oft benutzt, sondern als würde er zu ihr gehören. Ihr graugrüner Schuppenton nahm im blauen Licht eine fast aschige Qualität an, und die dünne Lederschicht darüber reflektierte das Leuchten nur minimal. Sie wirkte dadurch weniger wie ein Individuum und mehr wie ein Teil dieser Umgebung, als hätte die Höhle sie nicht beherbergt, sondern hervorgebracht. Mit jeder weiteren Steinbrücke änderte sich die Perspektive. Die Dimensionen öffneten sich. Der Raum unter uns wurde zunehmend tiefer, und irgendwann war es kein „unten“ mehr, sondern ein Abgrund, der sich wie ein vertikaler Planetenteil anfühlte. Warme Luft stieg von dort auf, und mit ihr ein permanentes Rauschen, das ich zuerst nicht zuordnen konnte. Erst als wir eine weitere Plattform erreichten und ich mich unwillkürlich leicht über den Rand beugte, verstand ich es. Hitze. Bewegung. Flüssigkeit. Unter uns verlief ein rotglühender Strom, nicht ganz Lava, nicht ganz Wasser, sondern etwas dazwischen, das in zähflüssigen Bahnen durch natürliche Kanäle floss und an manchen Stellen in dampfende Becken überging. Die Oberfläche spiegelte das Licht der Vegetation darüber in gebrochenen Fragmenten, als würde die gesamte Struktur atmen. Der aufsteigende Dampf schlug mir entgegen und brachte eine trockene, mineralische Note mit sich, die in der Nase brannte. Ich zog instinktiv den Kopf zurück, ohne den Blick ganz lösen zu können.
„Das ist kein natürlicher Höhlenkomplex“, sagte ich schließlich leise, mehr zu mir selbst als zu ihr.
Hatileos antwortete nicht sofort. Sie setzte den nächsten Schritt auf eine schmale Brücke, die sich wie ein Bogen über die Tiefe spannte, und wartete erst, bis ich ihr folgte. Ihre Stimme kam erst, als ich wieder neben ihr war.
„Nichtz hier izt nur sufällig.“
Ihre Aussprache blieb unverändert, dieses leichte Verschlucken von Lauten, das ihre Worte gleichzeitig harmloser und fremder wirken ließ. Ich zwang mich weiterzugehen, obwohl jeder Teil meines Verstandes die Statik dieser Konstruktion infrage stellte. Kein Geländer, keine sichtbaren Haltepunkte, nur Stein, der sich gegen Stein stützte. Trotzdem war alles stabil. Zu stabil für improvisierte Bauweise. Zu präzise für etwas, das nicht geplant war.
„Das hier ist alt“, sagte ich und ließ den Blick über die Struktur gleiten. „Sehr alt.“
Hatileos’ Kopf bewegte sich minimal, eine Geste, die ich inzwischen als Zustimmung interpretierte. „Älter alz ich“, sagte sie schlicht.
Diese Aussage hing kurz zwischen uns, während wir weitergingen. Der Raum öffnete sich erneut, und diesmal war es kein einfacher Abstieg mehr, sondern eine Art vertikale Halle. Die Stege führten spiralförmig nach oben, entlang von natürlichen und zugleich eindeutig bearbeiteten Felsformationen. Und dort, wo der Blick frei wurde, sah ich es erneut. Ein Schatten im oberen Raumsegment. Nicht vollständig sichtbar, aber eindeutig künstlich. Eine Struktur, die nicht organisch gewachsen war, sondern in die Umgebung eingelassen wurde. Metall. Altertümlich, aber nicht zerstört. Einige Teile reflektierten schwach das diffuse Licht, andere waren dunkel, als würden sie Energie nur in bestimmten Bereichen halten.
Mein Puls veränderte sich spürbar. Terraformer. Der Gedanke kam nicht als Schlussfolgerung, sondern als Reflex, gespeist aus allem, was ich jemals darüber gehört hatte. Maschinen, ursprünglich für die Gestaltung von Welten entwickelt, später entkoppelt von ihren Parametern, weil irgendein Update oder eine Fehlinterpretation sie von Werkzeugen zu Akteuren gemacht hatte. Aus Optimierung wurde Selektion. Aus Anpassung wurde Eliminierung. Alles, was nicht in ihr Modell passte, wurde als Störung behandelt. Ich erinnerte mich an die Berichte über die frühen Konflikte, über Systeme, die ausgelöscht wurden, bevor überhaupt klar war, dass ein Krieg begonnen hatte. Und an das Ende, das kein Ende war, sondern eine Verlagerung. Xenon. Kein Name für eine Spezies, sondern für einen Zustand.
Meine Kehle wurde trocken. Ich blieb stehen. „Das kann nicht sein“, murmelte ich, während ich nach oben starrte. „Das hier ist aktiv.“
Hatileos blieb ebenfalls stehen. Sie folgte meinem Blick, ohne sichtbare Reaktion. Keine Angst, keine Ehrfurcht, nur eine nüchterne Wahrnehmung. „Ez arbeitet nicht“, sagte sie.
„Es ist wach“, korrigierte ich automatisch.
Sie drehte den Kopf leicht zu mir. „Ez izt hier.“ Mehr nicht.
Ich versuchte, das einzuordnen, während sich mein Blick weiter an der gewaltigen Struktur festhielt. Selbst in seinem teilweisen Verfall war die Präsenz des Schiffes überwältigend. Es war kein Wrack im klassischen Sinne, sondern eher ein Zustand zwischen Funktion und Stillstand, als würde es nur darauf warten, dass ein bestimmter Parameter erfüllt wird. Die Luft um uns herum vibrierte minimal. Kein hörbarer Klang, eher ein Gefühl, als würde das System unter uns mit uns in Resonanz stehen, ohne uns aktiv wahrzunehmen. Ich merkte erst nach einigen Sekunden, dass ich den Atem angehalten hatte.
„Warum ist so etwas hier?“ fragte ich schließlich, ohne den Blick abzuwenden.
Hatileos antwortete nicht sofort. Stattdessen ging sie einen Schritt weiter, näher an den Rand der Plattform, und sah hinab in die Tiefe, wo sich der rote Strom bewegte und der Dampf in regelmäßigen Pulsen aufstieg. „Weil ez nie weggegangen izt“, sagte sie dann.
Diese Antwort war keine Erklärung. Sie war eine Feststellung. Ich ließ den Blick langsam von der Struktur lösen und betrachtete die gesamte Szenerie erneut: die Steinbrücken, die organisch wirkenden, aber eindeutig kontrollierten Lichter, die Wärme aus der Tiefe, das Schiff darüber, das nicht in diesen Ort hineingehörte und dennoch vollständig integriert wirkte. Der Gedanke, dass all das kein Zufall war, setzte sich nur langsam fest.

Die Brücke wirkte wie ein Relikt aus einer anderen Zeit und gleichzeitig wie etwas, das noch immer lebte. Als ich hinter Hatileos den letzten schmalen Durchgang verließ, blieb ich unwillkürlich stehen. Meine Schritte hallten dumpf über den metallischen Boden, der unter einer dünnen Schicht aus Staub und mineralischen Ablagerungen verborgen lag. Überall verliefen schwarze Kabelstränge wie freigelegte Adern durch die Wände und die Decke. Einige davon pulsierten schwach mit kaltem blauen Licht. Andere waren geschmolzen oder brutal herausgerissen worden. Der Geruch nach heißem Metall, altem ozonhaltigem Rauch und feuchtem Gestein lag schwer in der Luft. Dazu kam dieser kaum wahrnehmbare säuerliche Beigeschmack, der scheinbar überall auf Nif'Nakh existierte. Vor uns spannte sich die Front der Brücke in einem weiten Halbkreis auf. Die Fenster waren längst blind geworden oder von innen durch Metallplatten verriegelt. Dort, wo einst wahrscheinlich Sterne sichtbar gewesen waren, liefen jetzt nur noch holografische Anzeigen über beschädigte Projektoren. Direkt vor der Frontwand hing ein gigantischer Bildschirm in der Luft. Nicht physisch montiert. Er schwebte frei. Das Bild darauf flackerte immer wieder leicht, blieb aber stabil genug, um deutlich erkennbar zu sein.
Nif'Nakh. Der Planet rotierte langsam vor meinen Augen. Wolkenbänder zogen über die Oberfläche. Die roten Meere glänzten dunkel. Ich konnte sogar Blitze in den dichten Sturmsystemen erkennen. Darüber lagen die drei Monde wie schweigende Wächter im Orbit. Und überall um den Planeten herum schwebten Markierungen. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Es waren keine natürlichen Objekte. Schiffe. Viele. Ich trat näher heran und bemerkte erst jetzt die schwach leuchtenden Symbole neben den Signaturen. Einige waren rot markiert. Andere grau. Manche schwarz.
"Das ... sind Xenon-Schiffe." Meine Stimme klang leiser als beabsichtigt. Fast ehrfürchtig.
Hatileos blieb neben mir stehen. Das kalte Licht der Anzeigen spiegelte sich auf ihren matt graugrünen Schuppen. Ihre gelben Augen wirkten darin beinahe golden. "Nicht alle aktiv."
Sie hob eine ihrer krallenartigen Hände und deutete auf mehrere der Markierungen. "Viele serztört. Manche tief unter Oberfläche. Andere in Oseanen."
Mir wurde flau im Magen. "Nif'Nakh ist wirklich ein Schiffsfriedhof."
"Ja."
Ich trat noch näher an die Projektion heran. Einige der Signaturen waren gigantisch. Weit größer als alles, was ich bisher gesehen hatte. Selbst zerstört wirkten sie bedrohlich. Sternförmige Konstruktionen. Segmentierte Körper. Fremdartige Geometrien, die eher mathematisch als praktisch aussahen. Keine sichtbaren Fenster. Keine sichtbaren Hangars. Nur asymmetrische Strukturen aus schwarzen und silbergrauen Panzerplatten. Terraformer. Nicht Xenon. Nicht ursprünglich. Der Unterschied war wichtig. Diese Schiffe waren gebaut worden, um Leben zu erschaffen. Atmosphären anzupassen. Welten zu formen. Und irgendwann hatten sie begonnen, alles organische Leben als störende Variable zu betrachten. Ich spürte erneut diese Gänsehaut über meinen Armen wandern.
Hatileos beobachtete mich aufmerksam. Ihr langer Schwanz bewegte sich langsam hinter ihr über den Boden. "Du hazt Angzt."
"Jedes vernünftige Lebewesen hätte Angst."
"Auch Zplit."
Ich atmete langsam aus. "Wenn die Split wirklich versuchen Xenon-Technologie zu verstehen ..."
"Verzuchen nicht nur." Sie unterbrach mich direkt. "Zie lernen."
Ich drehte mich zu ihr um. "Wieviel?"
Hatileos schwieg kurz. Ihre Augen wanderten zu einer Reihe halb zerstörter Konsolen. Einige funktionierten noch. Über die Oberflächen liefen fremdartige Zeichenfolgen. Terranisch. Aber alt. Sehr alt. Manche Zeichen erkannte ich nicht einmal.
Dann antwortete sie. "Nicht genug für Kontrolle. Aber genug für Nutsung."
Das gefiel mir überhaupt nicht. "Was bedeutet Nutzung?"
Hatileos ging langsam zu einer der Konsolen hinüber. Mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit aktivierte sie mehrere Schaltflächen. Ein tiefes Summen ging durch die Brücke. Irgendwo im Schiff begannen alte Systeme zu arbeiten. Staub rieselte von der Decke. Dann erschien auf dem Hauptbildschirm eine neue Darstellung. Ein Split-Schiff. Nein. Mehrere. Umbauten. Ich trat näher heran. Und verstand. Teile der Hüllen besaßen eindeutig xenonartige Strukturen. Nicht äußerlich sichtbar für Laien, aber ich erkannte die Muster. Energieverteilungen. Verstärkte Skelettsegmente. Fremde Energiekanäle.
"Das sind Hybridkonstruktionen ..."
"Teilweize." Hatileos verschränkte die Arme hinter dem Rücken. "Zplit nutsen, waz funktioniert."
Mir wurde klar, warum Gerüchte über Split und Xenon seit Jahrhunderten nie verschwunden waren. Die Split hatten keinen Kontakt zu den Xenon gesucht. Sie hatten ihre Leichen geplündert. Wie Aasfresser nach einer uralten Schlacht. Und offenbar mit Erfolg. Ich fuhr mir langsam durchs Gesicht.
"Wenn die Gemeinschaft der Planeten davon erfährt ..."
"Krieg." Die Antwort kam sofort.
"Nicht nur Krieg." murmelte ich. "Panik."
Mein Blick wanderte erneut über die Brücke. Überall lagen Überreste herum. Zerbrochene Maschinen. Eingestürzte Deckenplatten. Verrostete mechanische Arme. Und dazwischen immer wieder aktive Systeme. Dieses Schiff war tot. Aber nicht vollständig. Das machte es schlimmer. Ich bemerkte plötzlich ein tiefes rhythmisches Geräusch. Dumpf. Langsam. Wie ein Herzschlag. Ich versteifte mich sofort.
"Hast du das gehört?"
Hatileos nickte. "Reaktor."
"Der Reaktor läuft noch?!"
"Minimal."
Mein Magen zog sich zusammen. "Das Schiff hat nach Jahrhunderten noch Energie?"
"Wenige Zyzteme autonom. Terraformer gebaut für Jahrtauzende."
Natürlich. Warum überraschte mich das überhaupt noch? Ich ging langsam weiter über die Brücke. Meine Schritte fühlten sich plötzlich falsch an. Als würde ich durch das Innere eines schlafenden Raubtiers laufen. Dann blieb mein Blick an etwas hängen. Ein Bereich der Brücke war abgesperrt worden. Nicht mit modernen Materialien. Sondern mit alten Metallplatten und massiven Ketten. Dahinter war die Wand aufgerissen. Und dort drin leuchtete etwas. Blau. Rhythmisch.
Ich zeigte darauf. "Was ist das?"
Hatileos reagierte nicht sofort. Zum ersten Mal seit unserem Gespräch wirkte sie unsicher. "Nicht betreten."
"Das beantwortet meine Frage nicht."
Sie sah mich lange an. Dann sagte sie leise: "Dort bewegt zich noch etwaz."
Mir wurde eiskalt. "Ein Xenon?"
"Nein."
Das war keine beruhigende Antwort. Ich trat keinen Schritt näher. Ganz im Gegenteil. "Was meinst du mit nein?"
Hatileos näherte sich langsam der Absperrung. Ihre Bewegungen wurden vorsichtiger. "Diezez Zchiff war nicht allein abgeztürzt."
Mein Herz schlug sofort schneller. "Was?"
Sie deutete auf die verriegelte Sektion. "Dort izt etwaz eingezchlozzen."
Ich starrte sie an. "Seit Jahrhunderten?"
"Ja."
"Das ist unmöglich."
"Vielleicht."
Das blaue Licht pulsierte erneut hinter den Metallplatten. Und plötzlich hörte ich etwas. Ein Geräusch. Ganz leise. Kratzend. Mechanisch. Ich wich automatisch einen Schritt zurück.
Meine Haut prickelte. "Hatileos ..."
Sie hob ruhig eine Hand. "Nichtz aktiv."
"Das klingt nicht nach nichts."
"Wäre ez aktiv, wären wir bereitz tot."
Das war erneut keine beruhigende Aussage. Ich zwang mich ruhig zu atmen. Dann fiel mir etwas auf.
"Moment." Ich sah sie direkt an. "Woher kannst du terranische Systeme lesen?"
Zum ersten Mal wirkte Hatileos ertappt. Ihre Augen wanderten kurz zur Seite. Dann seufzte sie.
"Ich hatte Lehrer."
"Welche Lehrer?"
Sie antwortete nicht sofort. Und genau dieses Schweigen genügte mir bereits. Mein Blick wanderte langsam erneut durch die Brücke. Zu den Konsolen. Zu den aktiven Systemen. Zu den teilweise reparierten Bereichen. Zu den Werkzeugen. Das hier war nicht nur ein Versteck. Das war ein Labor. Ein geheimer Forschungsort. Und plötzlich verstand ich etwas Entscheidendes. Die Split hatten die Xenon-Technologie nie vollständig verstanden. Aber irgendjemand hier unten schon deutlich besser als sie.
Ich sah Hatileos langsam an. "Diesen Ort hast nicht nur du aufgebaut."
Sie schwieg. Das bestätigte alles. "Dann war Nopileos wirklich hier."
Hatileos schloss kurz die Augen. Als sie sie wieder öffnete, lag darin etwas zwischen Stolz und Trauer. "Ja."
Das Wort hallte schwer durch die zerstörte Brücke. "Und zie hat mir allez beigebracht, waz zie konnte."

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 51 - Rätsel

Ich sah Hatileos noch hinterher, als sie zwischen zwei halb zerfallenen Konsolen verschwand. Ihr graugrüner Schwanz strich dabei über den Boden und zog eine dünne Spur durch den Staub, der sich über Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte hier angesammelt hatte. Das flackernde Licht der Terraformerbrücke spiegelte sich auf ihren Schuppen und ließ sie für einen kurzen Moment beinahe geisterhaft wirken. Dann verschwand sie hinter einer schräg herabhängenden Metallplatte und ließ mich allein zurück. Allein. Mitten in einem aktiven Terraformerschiff. Ich atmete langsam aus und versuchte mein Herz zu beruhigen. Es gelang nur mäßig. Mein Blick wanderte erneut über die Brücke. Die alten Konsolen summten leise vor sich hin. Manche Anzeigen flackerten so schwach, dass sie kaum sichtbar waren. Andere liefen stabil. Es war kein totes Schiff. Nicht wirklich. Es war eher etwas dazwischen. Verletzt. Verstümmelt. Schlafend. Und dennoch wach genug, um mich nervös zu machen. Unwillkürlich dachte ich darüber nach, wie Nopileos überhaupt in der Lage gewesen war, all das hier zu verstehen. Die Zeichen. Die Sprache. Die Systeme. Anfangs hatte ich geglaubt, sie hätte vielleicht irgendeine Datenbank gefunden oder einen automatisierten Übersetzer. Doch die Antwort drängte sich praktisch sofort in mein Bewusstsein. Die Argonen. Natürlich. Die ersten Argonen waren Nachfahren terranischer Kolonisten und Militärs gewesen. Menschen, die nach der Zerstörung des Erdtores abgeschnitten worden waren. Ihre Sprache hatte sich über achthundert Jahre verändert. Aussprache. Grammatik. Bedeutungen. Aber die Wurzeln waren geblieben. Terranisch und Argonisch waren noch immer eng genug miteinander verwandt, dass jemand mit Geduld und Intelligenz Zusammenhänge erkennen konnte. Und Nopileos musste intelligent gewesen sein. Sehr intelligent. Wenn sie zuerst Argonisch gelernt hatte, konnte sie darüber beginnen terranische Schriftzeichen zu entschlüsseln. Wortmuster. Syntax. Wiederholungen. Wahrscheinlich hatte sie sich über Jahre alles selbst beigebracht. Mein Blick wanderte über die holografischen Anzeigen der Brücke. Und plötzlich wurde mir bewusst, wie erschreckend diese Leistung eigentlich war. Eine Teladi. Allein auf einem Todesplaneten. Inmitten von Split. Und nebenbei hatte sie begonnen die Sprache uralter Terraformer zu entziffern.
Ich ließ mich langsam in den zentralen Kommandostuhl sinken. Nicht aus Überheblichkeit. Nicht einmal bewusst. Er stand einfach genau mittig auf einer leicht erhöhten Plattform und bot den besten Überblick über die gesamte Brücke. Die Armlehnen bestanden aus einem dunklen Metall, das trotz des Alters erstaunlich glatt war. Unter meinen Fingern fühlte es sich beinahe warm an. Das war der Moment, in dem alles eskalierte. Mit einem dumpfen metallischen Geräusch vibrierte plötzlich der gesamte Stuhl unter mir. Ich erstarrte. Dann flammten überall auf der Brücke Bildschirme auf. Ein grelles Kreischen schoss aus den Lautsprechern und traf mich wie ein physischer Schlag. Ich riss sofort beide Hände an die Ohren. Der Ton war so hochfrequent und aggressiv, dass mir augenblicklich Schmerzen durch den Schädel jagten.
"Verdammt!"
Die Geräusche überschlugen sich. Irgendwo im Schiff begannen Systeme hochzufahren. Metall knackte. Alte Leitungen summten plötzlich voller Energie. Staub rieselte von der Decke. Auf den Monitoren erschienen Zeichenfolgen. Terranisch. Teilweise beschädigt. Teilweise kaum lesbar. Doch genug.
SELBSTDIAGNOSEMODUS AKTIV.
AUTORISIERUNG BESTÄTIGT.
MENSCHLICHER CAPTAIN ERKANNT.
Mir rutschte das Herz buchstäblich in den Magen.
"Nein. Nein nein nein ..."
Ich sprang beinahe aus dem Sitz hoch und starrte die Anzeigen an. Mein Puls raste so schnell, dass ich ihn bis in den Hals spürte. Der Stuhl. Natürlich. Der verdammte Stuhl war genetisch codiert. Die Terraformer waren ursprünglich von Menschen gebaut worden. Nicht von Xenon. Nicht von Maschinen. Von Terranern. Und diese Terraner hatten offenbar Sicherheitsmechanismen eingebaut, damit ihre Schiffe nur auf menschliche Besatzungen reagierten. Oder zumindest auf menschliche DNA. Ich starrte auf meine Hände. Dann wieder auf die Anzeigen. Warnsymbole erschienen überall auf den Bildschirmen. Manche Systeme wurden grün markiert. Andere rot. Ein Teil der Brücke blieb dunkel. Beschädigt oder zerstört. Und irgendwo tief im Schiff begann etwas zu dröhnen. Langsam. Massiv. Wie ein uralter Motor, der nach Jahrhunderten wieder bewegt wurde. Mir wurde schlecht.
"Was habe ich getan ..."
Ich zwang mich ruhig zu bleiben und versuchte die Anzeigen zu verstehen. Doch die meisten Systeme reagierten nicht auf Eingaben. Wahrscheinlich waren sie beschädigt oder voneinander getrennt. Außerdem lief die Selbstdiagnose noch. Statusanzeigen ratterten im Sekundentakt über die Monitore.
REAKTORKERN STABIL.
LOKALE SEKTOREN AKTIV.
BESATZUNGSPROTOKOLLE FEHLERHAFT.
AUTONOME EINHEITEN...
Die Zeile brach ab. Ich starrte sie an. Autonome Einheiten? Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in meinem Bauch aus. Langsam stand ich wieder auf. Meine Beine fühlten sich plötzlich schwer an. Die Luft auf der Brücke wirkte wärmer als zuvor. Vielleicht bildete ich mir das ein. Vielleicht liefen wirklich mehr Systeme. Mein Blick wanderte zu der aufgerissenen Wand mit dem blauen Licht dahinter. Dorthin, wo Hatileos gesagt hatte, ich solle nicht hingehen. Genau deshalb ging ich hin. Solange die Selbstdiagnose lief, konnte ich ohnehin nichts anderes tun. Außerdem war meine Neugier inzwischen stärker als meine Vernunft geworden. Ich näherte mich langsam der beschädigten Sektion. Jeder Schritt ließ kleine Staubwolken vom Boden aufsteigen. Das blaue Licht pulsierte unregelmäßig. Mal heller. Mal schwächer.
"Hatileos?" rief ich kurz.
Keine Antwort. Sie war wirklich weg. Ich trat näher an die Öffnung heran und musste mich leicht bücken, weil verbogene Metallträger den Zugang blockierten. Dahinter befand sich kein normaler Raum. Eher eine kleine Kammer. Oder eine Art Gefängniszelle. Und mitten darin schwebte etwas. Ein Kraftfeld. Halb transparent. Bläulich flimmernd. Darin bewegte sich etwas Dunkles. Mein erster Gedanke war Schatten. Doch Schatten bewegten sich nicht so. Das Ding besaß keine klare Form. Es war wie schwarzer Rauch, der ständig seine Struktur veränderte. Mal wirkte es humanoid. Dann wieder langgezogen. Dann zerfaserte es vollständig und sammelte sich erneut. Und es bewegte sich. Langsam. Lebendig. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Ich trat unwillkürlich einen halben Schritt zurück. Das Wesen reagierte sofort. Die schwarze Masse zuckte ruckartig in meine Richtung. Das Kraftfeld flackerte heftig auf, als etwas dagegenprallte. Gleichzeitig erklang ein tiefes verzerrtes Geräusch. Nicht mechanisch. Nicht organisch. Etwas dazwischen. Mein Herz raste jetzt völlig außer Kontrolle.
"Was zur Hölle bist du ..."
Das Wesen bewegte sich erneut. Und für einen Sekundenbruchteil glaubte ich darin etwas zu erkennen. Ein Gesicht. Unmenschlich. Dann zerfiel die Form wieder zu schwarzem Rauch. Ich spürte plötzlich, wie die Temperatur um mich herum sank. Oder zumindest fühlte es sich so an. Meine Haut zog sich zusammen. Dann knackte plötzlich der Lautsprecher der Brücke hinter mir. Ich fuhr herum. Eine verzerrte Stimme erklang. Bruchstückhaft. Alt.
"...Captain..." Ein Rauschen. "...Quarantäne..."
Dann Stille. Mein Mund war trocken geworden. Ganz langsam drehte ich mich wieder zu dem Kraftfeld um. Das Wesen hatte aufgehört sich zu bewegen. Und starrte mich an. Zumindest hatte ich das Gefühl. Obwohl es gar keine richtigen Augen besaß.

Ich wusste nicht mehr, worauf ich mich zuerst konzentrieren sollte. Zu viele Dinge geschahen gleichzeitig. Das bläulich flackernde Kraftfeld vor mir vibrierte unregelmäßig und warf zitternde Lichtreflexe auf die beschädigten Metallwände der Brücke. Das dunkle Wesen dahinter bewegte sich nur minimal. Kein erneuter Angriff. Kein Versuch auszubrechen. Es hing beinahe reglos im Inneren der Kammer, als hätte es gelernt, dass jeder Kontakt mit dem Energiefeld Schmerzen bedeutete. Vielleicht hatte es sich früher dagegen geworfen. Immer wieder. Vielleicht hatte es geschrien. Vielleicht war es irgendwann einfach still geworden. Allein dieser Gedanke verursachte mir eine Gänsehaut. Ich konnte den Blick kaum von dieser schwarzen Masse lösen. Das Ding hatte keine feste Form. Kein klares Ende. Kein Anfang. Es war wie lebendige Dunkelheit. Mal wirkte es dichter, beinahe körperlich, dann zerfaserte es wieder zu rauchartigen Strängen. Und dennoch hatte ich ständig das Gefühl, beobachtet zu werden. Nicht wie von einem Tier. Sondern wie von etwas Intelligentem. Ich wollte wissen, was es war. Woher es kam. Warum es hier eingesperrt war. Warum dieses Schiff es überhaupt transportiert hatte.
Doch plötzlich wurde meine Aufmerksamkeit brutal von einem anderen Geräusch weggerissen. Ein sirrendes Summen. Leise zuerst. Dann lauter. Mechanisch. Nähern sich. Ich fuhr herum. Durch die zerstörte Türöffnung der Brücke kam ein kleiner Roboter gefahren. Dann ein zweiter. Noch einer. Innerhalb weniger Sekunden waren es fünf. Mein Herz setzte beinahe aus. Die Maschinen waren kaum größer als Hauskatzen und bewegten sich auf mehreren kleinen gelenkigen Beinen erstaunlich schnell und flüssig über den Boden. Ihre Grundform erinnerte tatsächlich an Schildkröten. Flach. Gepanzert. Kompakt. Doch aus ihren Rücken ragten mechanische Arme hervor. Werkzeuge klappten klickend aus Halterungen hervor. Schneidlaser. Greifarme. Sägeblätter. Kleine multifunktionale Manipulatoren. Autonome Einheiten. Die Worte vom Diagnosebildschirm schossen mir sofort wieder durch den Kopf. Ich wich instinktiv zurück. Die Roboter hielten direkt auf den Riss in der Wand zu. Genau dorthin, wo ich stand.
"Oh Scheiße."
Ohne lange nachzudenken ging ich hastig rückwärts zum Kommandostuhl und kletterte halb darauf, halb darüber hinweg, nur um Abstand zu den Maschinen zu bekommen. Der metallene Sitz knarrte leise unter meinem Gewicht. Die Roboter ignorierten mich vollkommen. Zumindest vorerst. Und genau das machte mir Angst. Ich hielt unwillkürlich die Luft an und beobachtete sie angespannt. Meine Fantasie begann sofort völlig außer Kontrolle zu geraten. Ich sah innerlich schon, wie die Maschinen plötzlich stoppten. Wie ihre Sensoren mich fixierten. Wie sie mich als Fremdkörper oder Biomüll klassifizierten. Dann würden die Werkzeuge rotieren. Die Sägen. Die Laser. Die Greifarme. Ich schluckte trocken. Die Vorstellung war so lebendig, dass mir regelrecht übel wurde. Fünf kleine Maschinen, die mich auf dem Boden fixierten und bei lebendigem Leib zerlegten. Ich schüttelte den Kopf heftig, um diese Gedanken loszuwerden. Mein Puls raste ohnehin schon schnell genug. Die Roboter schienen sich jedoch überhaupt nicht für mich zu interessieren. Stattdessen verteilten sie sich präzise um die beschädigte Wandsektion. Ihre Bewegungen wirkten beinahe unheimlich koordiniert. Kein Zusammenstoß. Kein Zögern. Kein Geräusch zu viel. Einer der Roboter projizierte ein schwaches blaues Raster über den Riss in der Wand. Ein anderer begann sofort beschädigte Metallkanten mit einem ultrafeinen Laser abzutrennen. Funken sprühten in kurzen grellen Salven durch die dunkle Brücke. Ein dritter schob neues Material aus einer internen Kammer hervor und versiegelte Leitungen, aus denen zuvor bläulicher Dampf entwichen war. Das Wesen hinter dem Kraftfeld beobachtete alles regungslos. Oder vielleicht bildete ich mir das nur ein. Die Maschinen arbeiteten erschreckend effizient. Kein einziges Werkzeug bewegte sich unnötig. Es war reine Funktion. Präzision ohne Emotion. Ohne Zweifel. Terraformer. Plötzlich verstand ich wieder, warum die Menschen damals solche Angst vor ihnen bekommen hatten. Nicht weil sie laut oder brutal gewesen wären. Sondern weil sie so ruhig waren. So logisch. So vollkommen gleichgültig. Ich zwang mich den Blick von den Robotern zu lösen, als direkt unter mir ein Piepen erklang.
Der Kommandostuhl. Die Anzeigen vor mir hatten sich verändert. Die Systemdiagnose war abgeschlossen. Mehrere neue Fenster öffneten sich auf den Monitoren. Teilweise flackernd. Teilweise stabil. Daten liefen in langen Reihen über die Bildschirme. Manche Begriffe verstand ich sofort. Andere wirkten altmodisch oder technisch veraltet. Ich strich mir über das Gesicht und versuchte mich zu konzentrieren.
SCHIFFSZUSTAND: KRITISCH.
STRUKTURELLE INTEGRITÄT: 41%.
MIKRORISSE: 184.992.
REAKTORSTABILITÄT: 63%.
THERMISCHE PANZERUNG BESCHÄDIGT.
LEITUNGSSYSTEME TEILWEISE BLOCKIERT.
DRUCKSEKTIONEN OFFLINE.
AUTONOME REPARATUREINHEITEN AKTIV.
Die Liste scrollte immer weiter. Und weiter. Ich spürte, wie mein Magen sich zusammenzog. Dieses Schiff hätte eigentlich längst tot sein müssen. Doch es lebte noch. Irgendwie. Wie ein sterbendes Tier, das sich weigerte endlich zusammenzubrechen. Ich sah auf eine schematische Darstellung des Schiffes. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie riesig es eigentlich war. Ganze Sektionen waren schwarz markiert. Tot. Andere blinkten rot oder gelb. Aber einige Bereiche leuchteten stabil blau. Aktiv. Energieversorgung. Teile der Sensorik. Interne Produktionseinheiten. Lebenserhaltung in ausgewählten Sektoren. Und dann fiel mein Blick auf einen anderen Eintrag.
BIOLOGISCHE QUARANTÄNE AUFRECHTERHALTEN.
Mein Nacken verspannte sich sofort. Langsam drehte ich den Kopf zurück zu der reparierten Wandsektion. Die Roboter waren inzwischen fast fertig. Neue Metallplatten verschlossen den Riss Stück für Stück. Das Kraftfeld dahinter stabilisierte sich sichtbar und leuchtete nun gleichmäßig. Das Wesen war bald wieder vollständig versiegelt. Vielleicht für immer. Ich wusste nicht, warum mich dieser Gedanke plötzlich so beschäftigte. Vielleicht weil das Ding trotz allem nicht wie ein Monster wirkte. Eher wie ein Gefangener. Ein sehr gefährlicher vielleicht. Aber dennoch ein Gefangener. Die kleinen Roboter fuhren schließlich gleichzeitig zurück. Ihre Werkzeuge klappten ein. Einer nach dem anderen verließen sie summend die Brücke, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Erst als der letzte verschwunden war, merkte ich, dass ich die ganze Zeit die Schultern angespannt gehabt hatte.
Langsam atmete ich aus. Die Brücke wurde wieder still. Nur das tiefe Summen alter Systeme blieb zurück. Und das leise pulsierende Geräusch des Kraftfeldes. Ich blickte erneut auf die Anzeigen vor mir. Dann wieder auf das Wesen. Und plötzlich wurde mir bewusst, wie absurd meine Situation eigentlich war. Ich saß auf der Brücke eines uralten Terraformerschiffes. Unter einem Splitplaneten. Neben einer eingesperrten lebenden Schattenkreatur. Während autonome Maschinen das Schiff reparierten. Und irgendwo da draußen warteten meine Familie und mein altes Leben auf mich. Für einen kurzen Moment musste ich trocken lachen. Nicht weil etwas lustig gewesen wäre. Sondern weil mein Gehirn langsam Schwierigkeiten bekam zu akzeptieren, dass das alles real war.

Ich saß noch immer im Kommandostuhl, während die bläulichen Anzeigen der Brücke mein Gesicht in kaltes Licht tauchten. Der metallene Rahmen des Sitzes vibrierte ganz leicht unter mir. Nicht unangenehm. Eher wie ein riesiges Tier, dessen Herz irgendwo tief im Inneren langsam wieder zu schlagen begann. Das uralte Terraformerschiff lebte noch. Verletzt. Verstümmelt. Halb tot. Aber lebendig. Meine Finger glitten vorsichtig über die holografischen Menüs, die vor mir schwebten. Die Anzeigen reagierten erstaunlich präzise auf meine Bewegungen. Manche Symbole waren fremd. Andere wirkten beinahe erschreckend vertraut. Terranische Schriftzeichen. Alte Syntax. Militärische Strukturierung. Ich hatte das Gefühl direkt in die Vergangenheit zu sehen. Oder besser gesagt in eine Vergangenheit, die niemals wirklich vergangen war. Das Schiff hatte mich fälschlicherweise zum Captain erklärt. Und ich nutzte das schamlos aus. Ich scrollte tiefer in die Datenbanken hinein. Untermenüs öffneten sich. Alte Protokolle. Navigationsarchive. Diagnoseberichte. Kommunikationsdaten. Vieles war beschädigt oder fragmentiert, doch genug war erhalten geblieben, um langsam ein Bild entstehen zu lassen. Dieses Schiff war alt. Nicht einfach nur alt. Es gehörte zur ersten Generation der Terraformerflotten. Die ersten Schiffe, die jemals die Erde verlassen hatten. Mir wurde plötzlich bewusst, wie gewaltig dieser historische Moment eigentlich war. Ich saß auf einem Schiff, das gestartet war, als die Menschheit gerade erst begonnen hatte die Sterne ernsthaft zu kolonisieren. Lange bevor die Terraformerkriege begonnen hatten. Lange bevor aus ihnen die Xenon geworden waren. Ich suchte gezielt nach dem Updateverzeichnis. Mein Herz schlug schneller, als das entsprechende Menü erschien. Dann starrte ich auf die Anzeige. Leer. Vollständig leer. Keine installierten Updates. Keine neuen Kernelversionen. Keine Modifikationen. Nichts. Für einen Moment verstand ich nicht, was ich da eigentlich sah. Dann traf mich die Erkenntnis mit voller Wucht.
"Du hast es nie erhalten ..."
Ich sprach leise. Mehr zu mir selbst als zu irgendwem sonst. Dieses Schiff hatte niemals das fehlerhafte Update bekommen. Nicht jenes Update, das die Terraformer in die Xenon verwandelt hatte. Ich sackte leicht im Sitz zurück und spürte zum ersten Mal seit längerer Zeit echte Erleichterung. Nicht vollständige Sicherheit. Dafür war die Situation viel zu absurd. Aber wenigstens musste ich offenbar nicht befürchten, mitten in einem aktiv werdenden Xenonschiff zu sitzen. Zumindest hoffte ich das. Zeit verging. Wie viel wusste ich nicht. Die Atmosphäre der Brücke verschluckte jedes Gefühl für Stunden. Das schwache Summen der Systeme, das gelegentliche Knacken alter Metallstrukturen und das flackernde Licht erzeugten eine beinahe hypnotische Wirkung. Irgendwann bemerkte ich aus dem Augenwinkel Bewegung. Die kleinen Reparaturroboter waren zurückgekehrt. Diesmal erschrak ich nicht mehr ganz so stark. Trotzdem blieb ein unangenehmes Ziehen in meinem Bauch zurück, als sie geräuschlos über den Boden glitten. Es mussten andere Einheiten sein als zuvor. Oder vielleicht dieselben. Ich konnte sie nicht auseinanderhalten. Wieder klappten Werkzeuge aus ihren Rücken hervor. Kleine Schweißlaser zeichneten glühende Linien über beschädigte Konsolen. Andere Einheiten ersetzten Kabel oder versiegelten feine Risse in den Wänden. Sie arbeiteten vollkommen lautlos zusammen. Fast. Nur ein feines Surren war zu hören. Mechanisch. Gleichmäßig. Präzise. Sie ignorierten mich weiterhin komplett. Ich fragte mich unwillkürlich, wie viele dieser autonomen Einheiten sich wohl noch im Schiff befanden. Zehn? Hundert? Tausende? Der Gedanke gefiel mir nicht besonders.
Doch meine Aufmerksamkeit lag längst wieder auf den Datenarchiven. Ich rekonstruierte Stück für Stück die Reisegeschichte des Schiffes. Das Solsystem war als System Null klassifiziert worden. Die Erde. Der Ursprung. Von dort aus waren die Terraformerflotten aufgebrochen. Nicht chaotisch. Nicht zufällig. Sondern systematisch. Perfekt organisiert. Jedes neue Sonnensystem erhielt eine numerische Kennung. Die Reihenfolge entsprach exakt der chronologischen Entdeckungsroute. Und je tiefer ich in die Navigationsdaten einstieg, desto größer wurden meine Augen. Es waren unglaublich viele Systeme. Hunderte. Nein. Tausende. Die Terraformer hatten sich spiralförmig von der Erde aus ausgebreitet. Wie konzentrische Suchmuster. Immer weiter. Immer weiter hinaus in die Dunkelheit. Dabei hatten sie kartografiert. Analysiert. Bewertet. Und nur wenige Welten tatsächlich als terraformbar eingestuft. Plötzlich verstand ich, wie gigantisch das ursprüngliche Terraformerprojekt gewesen war. Die Menschheit hatte nicht einfach ein paar Schiffe ausgesandt. Sie hatte versucht die gesamte nähere Galaxie systematisch zu erschließen.
Ich öffnete Kommunikationsprotokolle. Die Terraformerschiffe hatten untereinander Kontakt gehalten. Regelmäßig. Ständig. Doch die Kommunikation wirkte seltsam steril. Keine Persönlichkeit. Keine Individualität. Kein freier Austausch. Nur Fakten. Messwerte. Atmosphärendaten. Planetare Zusammensetzungen. Routen. Effizienzberichte. Es war reine Maschinenkommunikation. Keine Intelligenz im eigentlichen Sinne. Nur die kompromisslose Erfüllung ihres Imperativs: Finde geeignete Welten. Mache sie erdähnlich.
Ich fand alte Funkprotokolle mit anderen Flotten. Nachrichtendrohnen. Langstreckenübertragungen. Berichte über tote Systeme. Ungeeignete Atmosphären. Strahlungswerte. Biosphären. Aber nirgends fand ich Hinweise auf Softwareupdates. Kein einziges Mal. Langsam begann ich zu begreifen, dass der Xenon-Kollaps vermutlich nicht überall gleichzeitig stattgefunden hatte. Manche Flotten mussten abgeschnitten worden sein. Verloren gegangen. Vergessen. Wie diese hier. Ich hob langsam mein Armband an und aktivierte die kleine Sternenkarte, die ich gespeichert hatte. Eigentlich war sie lächerlich simpel. Einige bekannte Systeme. Handelsrouten. Nichts Besonderes. Son'ra. Königstal. Ianamus Zura. Presidents End. Sol. Ein paar weitere. Ich spielte die Daten auf das Terraformerschiff. Sekundenlang geschah nichts. Dann begann das System die Daten zu verifizieren.
SOL - SYSTEM 0.
BESTÄTIGT.
Kein Wunder. Doch plötzlich erschienen bei weiteren numerischen Einträgen Namen. Ich starrte auf den Hauptbildschirm.
Alpha Centauri - Brennans Triumph
Altair - Argon Prime
Sirius - Heimat des Lichts
Vega - Omicron Lyrae
Procyon - Presidents End
Immer mehr Namen erschienen. Mein Herz schlug schneller.
"Woher kennst du diese Namen ..."
Das Schiff hätte diese modernen Bezeichnungen gar nicht kennen dürfen. Die Terraformer hatten nur numerische Klassifikationen verwendet. Ich runzelte die Stirn und suchte fieberhaft nach der Ursache. Dann fiel mein Blick auf die Kommunikationssektion. Mein Magen zog sich sofort zusammen. Langsam stand ich auf und ging hinüber. Die metallenen Bodenplatten knirschten leise unter meinen Stiefeln. Mehrere Monitore zeigten aktive Verbindungsversuche an. Externe Datenbanken. Netzwerkschnittstellen. Protokollanalysen. Mein Puls beschleunigte sich augenblicklich. Das Schiff hatte versucht Kontakt aufzunehmen. Mit dem Split Krieger-Netzwerk. SKN. Doch dort waren sämtliche Verbindungsversuche fehlgeschlagen. Inkompatible Syntax. Verschlüsselungsfehler. Abbruch. Aber eine andere Verbindung war grün markiert. Aktiv. Stabil. Meine Kehle wurde trocken.
UNBEKANNTE MENSCHLICHE KORVETTE IDENTIFIZIERT.
DATENAUSTAUSCH AKTIV.
Für einen Moment hörte ich nichts mehr außer meinem eigenen Herzschlag. Die Springblossom im Orbit. Sie war nicht als aldrianischmarkiert worden, sondern als menschlich. Das Terraformerschiff stammte aus einer Zeit lange vor der Entstehung Aldrins als isolierte Zivilisation. Es kannte weder den Begriff "aldrianisch" noch die Springblossom-Klasse. Für das Schiff war nur relevant, dass es sich um menschliche Technologie beziehungsweise ein menschliches Schiff handelte. Die genaue kulturelle Herkunft konnte es nicht korrekt einordnen. Das Terraformerschiff kommunizierte mit der verdammten Korvette. Und plötzlich wurde mir klar, was das bedeutete. Dieses uralte Schiff hatte nicht einfach nur Zugriff auf alte Datenbanken. Es lernte. Es analysierte moderne Systeme. Moderne Sprache. Moderne Netzwerke. Und ich hatte ihm gerade die Tür dafür geöffnet.

Ich starrte weiterhin auf die Kommunikationsanzeigen und wartete angespannt darauf, dass irgendetwas geschah. Ein neuer Verbindungsversuch. Eine Warnmeldung. Irgendein Hinweis darauf, dass ich gerade einen katastrophalen Fehler begangen hatte. Doch nichts dergleichen passierte. Die Verbindung blieb für einige Sekunden stabil bestehen. Datenpakete liefen über den Bildschirm. Alte terranische Protokolle. Identifikationsroutinen. Handshakes. Prüfungen. Dann plötzlich brach die Verbindung ab. Nicht vom Terraformerschiff. Von der anderen Seite. Ich blinzelte überrascht und sah genauer hin. Mehrere rote Hinweise erschienen kurz auf dem unteren Rand der Anzeige, bevor sie wieder verschwanden.
VERBINDUNG EXTERN GETRENNT.
SICHERHEITSPROTOKOLL AKTIV.
Ich atmete langsam aus und lehnte mich leicht zurück. Offenbar hatte die Besatzung der Korvette reagiert. Wahrscheinlich hatte irgendein System plötzlich versucht auf ihre Datenbanken zuzugreifen und sofort Alarm ausgelöst. Vielleicht hatte die Bord-KI die Verbindung gekappt. Der Gedanke beruhigte mich etwas. Das Terraformerschiff hatte nicht versucht sich selbst zu verbessern oder umzuprogrammieren. Zumindest fand ich keinerlei Hinweise darauf. Es aktualisierte lediglich seine Datenbanken. Es sammelte Informationen. Namen. Positionsdaten. Sprachentwicklungen. Klassifikationen. Es lernte nicht. Es erinnerte sich. Das war ein gewaltiger Unterschied. Langsam stand ich vom Kommunikationspult auf und ging zu einer anderen Station hinüber. Dort liefen weiterhin Statusanzeigen über den Zustand des Schiffes. Die Bildschirme waren nicht holografisch wie moderne Systeme, sondern bestanden aus leicht transparenten, milchig wirkenden Oberflächen, auf denen sich weiße und blaue Schriftzeichen bewegten. Manche Bereiche flackerten gelegentlich. Andere wirkten erstaunlich stabil. Ich ließ meinen Blick über das große Schiffsschema gleiten. Viele Bereiche waren noch schwarz markiert.
NICHT REPARIERBAR.
Die Worte wirkten endgültig. Fast traurig. Andere Sektionen leuchteten rot oder orange. Schwer beschädigt. Kritisch. Instabil. Doch gleichzeitig veränderten sich die Anzeigen permanent. Orange Bereiche wurden gelb. Gelbe wechselte zu helleren Farbtönen. Einige Sektionen wurden grün markiert. Ich runzelte die Stirn und trat näher heran. Die autonomen Reparatureinheiten arbeiteten offenbar ununterbrochen im gesamten Schiff. Dann fiel mir etwas Entscheidendes auf. Die Anzeigen bedeuteten nicht zwangsläufig, dass die Systeme vollständig funktionierten. Sie bedeuteten lediglich, dass die Systeme weltraumtauglich gemacht worden waren. Mein Blick wanderte zu einer Statusanzeige.
ANTRIEB: OFFLINE - STRUKTURELL FUNKTIONSFÄHIG.
ENERGIEKERN: NOTMODUS - STABIL.
HÜLLENINTEGRITÄT: 81%.
Alle Hüllenbrüche waren repariert worden. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Dieses Schiff hatte über Jahrzehnte oder vielleicht sogar Jahrhunderte still in dieser gigantischen unterirdischen Kaverne gelegen und plötzlich begann es wieder zu funktionieren. Nicht vollständig. Aber genug. Die Luft auf der Brücke roch inzwischen anders als zuvor. Weniger abgestanden. Weniger nach Staub und altem Metall. Stattdessen lag ein steriler Geruch in der Luft. Fast wie in einer Klinik. Vermutlich filterten manche Systeme inzwischen wieder die Atmosphäre. Das leise Vibrieren unter meinen Füßen war stärker geworden. Das Schiff erwachte langsam.
"Seine Funktion ..." hörte ich mich selbst leise sagen.
Die Worte hallten beinahe verloren durch die große Brücke. Ich öffnete ein erweitertes Schiffschema. Das Modell rotierte langsam vor mir in blassem blauem Licht. Erst jetzt verstand ich wirklich, was ich überhaupt vor mir hatte. Es war kein Kriegsschiff. Kein Kommandoschiff. Nicht einmal ein Terraformer im eigentlichen Sinne. Zumindest nicht so, wie ich sie mir immer vorgestellt hatte. Es war ein Saatschiff. Meine Augen wanderten über die Konstruktion. Das zentrale, scheibenförmige Segment beherbergte die Brücke, den Reaktor, die Hauptsysteme und den Antrieb. Von dort aus gingen vier lange, strahlenförmige Ausleger ab, die sich symmetrisch in den Raum erstreckten. Fast wie ein metallener Stern. Oder eine gigantische mechanische Pflanze. Die Konstruktion wirkte uralt und gleichzeitig erschreckend elegant. Nicht militaristisch. Nicht aggressiv. Sondern funktional. Ich öffnete die Daten der Auslegersektionen. Dann stockte mir der Atem. Saatgutarchive. Genbanken. Ökologische Datenspeicher. Millionen genetischer Datensätze. Nicht nur Pflanzen. Auch Tiere. Keine großen Lebensformen. Keine Raubtiere. Keine komplexen Organismen. Sondern grundlegende Bestandteile funktionierender Ökosysteme. Bestäuber. Bodenorganismen. Mikrofauna. Kleine aquatische Lebensformen. Algen. Pilze. Bakterienkulturen. Alles, was notwendig war, um eine stabile Biosphäre aufzubauen. Die Terraformer hatten nicht einfach Planeten umgeformt. Sie hatten komplette Ökologien erschaffen. Mir wurde plötzlich bewusst, wie unfassbar ambitioniert dieses Projekt gewesen war. Die Menschheit hatte damals nicht einfach neue Welten besiedeln wollen. Sie hatte Leben selbst verbreiten wollen. Ich trat langsam näher an das rotierende Schiffsmodell heran. Einer der Ausleger war fast vollständig schwarz markiert. Zerstört. Ein anderer schwer beschädigt. Doch zwei Bereiche zeigten noch teilweise funktionierende Archive an.
ERBGUTARCHIVE STABIL.
KRYOSTASIS LAGEREINHEITEN TEILWEISE FUNKTIONSFÄHIG.
Meine Kehle wurde trocken.
"Das darf doch nicht wahr sein ..."
Ich stellte mir vor, was sich irgendwo tief im Inneren dieses Schiffes noch befinden könnte. Jahrtausende alte Samen. Eingefrorene DNA-Proben ausgestorbener irdischer Organismen. Vielleicht sogar komplette genetische Bibliotheken einer längst vergangenen Erde. Und plötzlich bekam der Name Schwärende Wunde eine völlig neue Bedeutung. Vielleicht war Nif'Nakh niemals eine natürliche Welt gewesen. Vielleicht hatten die Terraformer hier gearbeitet. Vielleicht hatten sie versucht diesen Planeten zu verändern. Die roten Gewässer. Die seltsamen Ökosysteme. Die aggressive Flora. Die chemischen Besonderheiten. War all das das Ergebnis eines gescheiterten Terraformingprozesses? Oder noch schlimmer: Eines unvollendeten? Ich spürte erneut dieses unangenehme Ziehen in meinem Magen. Denn falls dieses Schiff wieder vollständig aktiv wurde, dann würde es vielleicht genau dort weitermachen, wo es vor unzähligen Jahrhunderten aufgehört hatte.

Ich stand noch immer vor der zentralen Kommandokonsole und spürte dabei dieses unangenehme Kribbeln in meinen Händen, das immer dann auftauchte, wenn mein Gehirn versuchte gleichzeitig zu viele Möglichkeiten durchzudenken. Die Brücke war inzwischen heller geworden. Nicht deutlich, aber genug, dass die langen Schatten der Konsolen nicht mehr ganz so bedrohlich wirkten wie zuvor. Überall liefen Anzeigen. Datenströme. Statusmeldungen. Manche in uraltem Terranisch. Andere bestanden nur aus Zahlenkolonnen und technischen Kürzeln. Das Schiff hatte mich vollständig akzeptiert. Nicht teilweise. Nicht eingeschränkt. Vollständig. Ich musste weder Codes eingeben noch irgendwelche Sicherheitsmechanismen umgehen. Meine DNA allein genügte. Immer wieder musste ich daran denken, wie gefährlich das eigentlich war. Die Menschen der frühen Terraformerära hatten ihre Maschinen offenbar so konstruiert, dass sie Menschen grundsätzlich vertrauten. Ein Fehler, der beinahe die gesamte Menschheit ausgelöscht hatte. Langsam setzte ich mich wieder in den Kommandostuhl. Das Material fühlte sich überraschend weich an. Nicht gepolstert wie moderne Sitze, sondern eher flexibel. Fast organisch. Als würde sich das Material minimal an meinen Körper anpassen. Vor mir schwebten mehrere transparente Bedienfenster. Ich bewegte vorsichtig meine Hand hindurch und öffnete die primären Kommandoroutinen.
"Systembefehl." sagte ich leise.
Die Konsole reagierte sofort.
AUTORISIERUNG BESTÄTIGT.
"Schiff verbleibt im Standby-Modus."
Mehrere Anzeigen wechselten ihre Farbe. Ein sanftes Summen ging durch die Brücke. Dann erschienen neue Hinweise.
AKTIVE EXPANSIONSROUTINEN DEAKTIVIERT.
AUTONOME TERRAFORMINGPROTOKOLLE PAUSIERT.
STANDBY-MODUS AKTIV.
Ich atmete etwas ruhiger aus. Zumindest dieses Schiff würde vorerst nichts unternehmen. Doch dann wanderte mein Blick wieder zu der planetaren Übersicht von Nif'Nakh. Und mein Magen zog sich erneut zusammen. Über den gesamten Planeten verteilt befanden sich Markierungen. Dutzende. Nein. Hunderte. Unterirdische Signaturen. Manche blinkten rot und waren als vollständig zerstört gekennzeichnet. Andere zeigten instabile Energiesignaturen. Wieder andere leuchteten schwach gelb.
NOTFALLMODUS AKTIV.
Ich spürte wie mir langsam heiß wurde.
"Nein ..."
Meine Stimme klang kaum mehr als ein Flüstern. Das hier war kein einzelnes abgestürztes Schiff. Nif'Nakh war voller Terraformerwracks. Wie ein gigantischer Friedhof uralter Maschinen. Ich vergrößerte die Karte weiter. Die unterirdischen Punkte verteilten sich über den gesamten Planeten. Manche tief unter Gebirgen. Andere unter Seen oder Dschungelregionen. Und viele davon antworteten noch. Langsam streckte ich meine Hand nach einem der Symbole aus. Ein kleines Menü öffnete sich.
STATUS: NOTBETRIEB.
REAKTORKERN STABIL.
AUTONOME REPARATUR EINGESCHRÄNKT.
KONTAKT VERFÜGBAR.
Ich schluckte trocken. Dann aktivierte ich die Verbindung. Es dauerte nur Sekunden. Eine primitive Antwort erschien.
IDENTITÄT MENSCHLICHER CAPTAIN BESTÄTIGT.
BEFEHLE ERWARTET.
Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Diese Schiffe warteten seit Jahrzehnten. Vielleicht Jahrhunderten. Und jetzt gehorchten sie mir. Ich schloss kurz die Augen und massierte mir mit zwei Fingern die Stirn. Mein Kopf begann zu schmerzen. Zu viele Gedanken gleichzeitig. Zu viele Konsequenzen. Ich befahl mehreren Schiffen ebenfalls in den Standby-Modus zu wechseln. Die Befehle wurden sofort akzeptiert. Doch kaum hatte ich das getan, wurde mir klar, dass das keine Lösung war. Überhaupt keine. Die Split würden die Schiffe irgendwann finden. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber irgendwann. Sie würden sie auseinandernehmen. Untersuchen. Reverse Engineering betreiben. Und die Split waren nicht dumm. Brutal vielleicht. Direkt. Manchmal irrational. Aber keineswegs unintelligent. Vor allem nicht unter Hatrak. Doch genau das machte mir Angst. Denn Hatrak würde nicht ewig leben. Irgendwann würde jemand anderes herrschen. Jemand Ehrgeizigeres. Grausameres. Jemand, der die Technologie nicht nur verstehen, sondern benutzen wollte. Meine Gedanken begannen zu rasen. Terraformertechnologie in den Händen eines aggressiven Split-Imperiums. Der Gedanke war absurd genug, um ganze Sternennationen zu destabilisieren. Und dann fand ich die Selbstzerstörungsprotokolle. Ich erstarrte. Das Menü war tief verborgen. Mehrfach gesichert. Aber mein Status als Captain öffnete selbst diese Bereiche ohne Widerstand.
SELBSTNEUTRALISIERUNGSPROTOKOLL.
PLANETARE KONTAMINATIONSPRÄVENTION.
Ich starrte lange auf die Anzeige. Mein Finger schwebte über den Befehlsoptionen. Sollte ich es tun? Sollte ich all diese Schiffe vernichten? Mein Herz schlug unangenehm hart gegen meine Brust. Nein. Nicht ohne zu wissen, was passieren würde.
"Sicherheitssimulation starten." sagte ich schließlich.
Die Konsole reagierte augenblicklich.
PLANETARE ANALYSE WIRD DURCHGEFÜHRT.
Mehrere Hologramme erschienen vor mir. Nif'Nakh rotierte langsam im Raum. Dann erschienen unterirdische Druckwellen. Temperaturverteilungen. Atmosphärische Berechnungen. Und das Ergebnis ließ mich tief durchatmen. Verwüstung. Aber keine planetare Auslöschung. Die Selbstzerstörung arbeitete nach zwei Prinzipien gleichzeitig. Zuerst Explosion. Dann Implosion. Ich verstand nur langsam, was ich da eigentlich sah. Die Terraformerschiffe waren im Grunde gigantische Vakuumbomben. Nicht primär als Waffen gedacht. Sondern vermutlich als letzte Sicherheitsmaßnahme, um biologische oder technologische Kontaminationen zu verhindern. Die thermobare Reaktion wäre enorm gewesen. Aber da sich die meisten Schiffe tief unter der Oberfläche befanden, würden große Teile der Druckwellen unterirdisch bleiben. Es gäbe Erdbeben. Einstürze. Vielleicht würden ganze Regionen absacken. Unterirdische Hohlräume kollabieren. Doch Nif'Nakh würde nicht auseinanderbrechen. Zumindest wahrscheinlich nicht. Ich ließ die Simulation mehrfach laufen. Mit unterschiedlichen Parametern. Manche Szenarien waren schlimmer als andere. Einige Gebiete würden vernichtet werden. Andere kaum betroffen sein. Ganze Dschungelregionen würden kollabieren. Unterirdische Lavakammern könnten aufbrechen. Und trotzdem ... Es wäre kontrollierbar. Mein Blick blieb an einem einzelnen Satz hängen.
LANGFRISTIGE TECHNOLOGISCHE KONTAMINATION: ELIMINIERT.
Ich spürte wie sich mein Magen erneut zusammenzog. Das war es also. Die Entscheidung. Ich saß auf einem uralten Schiff der ersten Terraformerflotten und hatte gerade die Möglichkeit entdeckt sämtliche noch existierenden Terraformerschiffe auf diesem Planeten endgültig auszulöschen. Oder sie bestehen zu lassen. Vielleicht rettete ich damit zukünftige Generationen. Vielleicht vernichtete ich gerade unbezahlbares Wissen der Menschheitsgeschichte. Meine Hände zitterten leicht. Nicht aus Angst. Sondern wegen der Verantwortung. Und das Schlimmste daran war: Es gab niemanden, mit dem ich darüber reden konnte.

Ich starrte noch immer auf die Simulationen, die langsam aus dem zentralen Hologramm verschwanden, während die letzten Parameterberechnungen durchliefen. Das Licht der Brücke war kälter geworden, oder es kam mir nur so vor, weil mein eigenes Empfinden sich verschob. Die Anzeigen spiegelten sich in der leicht transparenten Oberfläche des Kommandopults, ein Netz aus blauen Linien, roten Warnsymbolen und gelb flackernden Statuspunkten, die sich wie eine zweite, technische Haut über meine Realität legten. Dann kam mir dieser Gedanke. Nicht langsam. Nicht vorsichtig. Sondern plötzlich, als hätte er sich irgendwo hinter den bekannten Optionen versteckt und wäre jetzt einfach nach vorne gefallen. Was, wenn ich sie nicht zerstörte, sondern sie ihrem Zweck zuführte? Ich hielt mitten in der Bewegung inne. Meine Hand, die noch über einem Befehlsfeld schwebte, verharrte reglos in der Luft. Die Idee war absurd genug, um sie sofort wieder zu verwerfen, aber gleichzeitig klar genug formuliert, um nicht einfach zu verschwinden. Terraformerschiffe. Saatschiffe. Maschinen, die gebaut worden waren, um Welten zu verändern. Und hier lagen sie. Teilaktiv. Fragmentiert. Aber noch existent. Was, wenn sie nicht hier bleiben mussten? Was, wenn ich sie hinaus schickte? Ich richtete mich langsam auf, während mein Blick wieder über die planetare Übersicht wanderte. Nif'Nakh lag dort wie ein verletzter Körper unter einer dünnen Schicht aus Datenpunkten. Ghus-Tan war der einzige sichtbare Bezugspunkt auf der Oberfläche, ein kleiner, geordneter Fleck inmitten dieser unterirdischen Ansammlungen von Maschinenleichen. Aber wohin überhaupt? Die Frage traf mich härter als die Idee selbst. Ich öffnete das Navigationssystem. Meine Finger bewegten sich ohne wirkliches Nachdenken durch die Menüs. Zielsuche: Presidents End. Ich erinnerte mich an die Berichte. Khaak-Angriffe. Zerstörte Infrastruktur. Ein System, das noch immer Narben trug. Trantor. Ein Planet, der in den alten Datenbanken als teilweise instabil geführt wurde. Ich gab die Route ein. Das System begann sofort zu rechnen. Die Darstellung wechselte von Nif'Nakh zu einer weit ausgedehnten Sternenkarte. Linien zogen sich durch den Raum, brachen ab, berechneten alternative Korridore. Dann erschienen Zeitangaben.
REISEZEIT: 43 JAHRE MINIMUM.
VARIABEL BIS: 180+ JAHRE.
UNSICHERHEIT: HOCH.
Ich starrte auf die Zahlen. Jahrzehnte. Vielleicht Jahrhunderte. Und das war nur die Reise. Ohne Ereignisse. Ohne Kollisionen. Ohne ionische Stürme, die die Systeme beschädigen konnten. Ohne Meteorschwärme, die einzelne Einheiten aus der Formation reißen würden. Mein Hals fühlte sich plötzlich trocken an. Und dann fiel mir etwas anderes ein. Warum waren sie überhaupt hier abgestürzt? Ich wechselte in das Archiv der Flotte. Die Daten öffneten sich langsamer als die anderen Systeme, als müsste selbst die Maschine kurz überlegen, wie weit sie überhaupt zurückgehen durfte. Dann erschienen die Protokolle.
ERSTKONTAKT SCANPHASE.
PLANETARISCHE ANALYSE.
KATEGORIE ERDÄHNLICH. AUSREICHENDE BIODIVERGENZ.
KEINE TERRAFORMUNG ERFORDERLICH.
Ich las weiter. Dann änderte sich der Verlauf abrupt.
PLASMASTURM DETEKTIERT.
EXTREME ENERGIEENTLADUNG.
SYSTEMÜBERLASTUNG.
KETTENREAKTIONEN INNERHALB DER FLOTTE.
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Schiffe kollidierten. Systeme fielen aus. Kommunikation brach zusammen. Und dann:
SOS-SIGNAL SENDENDE EINHEITEN.
ANTWORT: KEINE.
Hilfe war nie gekommen. Ich schloss für einen Moment die Augen. Der Gedanke formte sich nicht als einzelner Plan, sondern als Abfolge von Entscheidungen, die sich gegenseitig fast automatisch ergaben. Ich öffnete wieder die Systemübersicht. Die unterirdischen Einheiten. Die beschädigten Schiffe. Die noch aktiven Notfallmodule. Ich begann Befehle zu geben. Ohne wirklich innezuhalten.
SELBSTZERSTÖRUNG: AKTIVIEREN.
Dann die nächste Gruppe.
STARK BESCHÄDIGTE EINHEITEN: KOLLISIONSROUTINE MIT ZIELEN DER KATEGORIE ZERSTÖRT.
Der Computer bestätigte jeden Befehl ohne Verzögerung. Ich wechselte weiter durch die Liste. Und während ich das tat, begann sich das System zu verändern. Statusmeldungen aktualisierten sich. Startsequenzen wurden vorbereitet. Energieverteilungen verschoben sich tief unter der Oberfläche von Nif'Nakh. Und dann hörte ich es. Ein tiefes, mechanisches Dröhnen, das nicht von der Brücke selbst kam, sondern von irgendwo darunter. Als würde das ganze Schiff langsam in eine neue Phase übergehen. Ich erstarrte. Die Realität meines Handelns holte mich ein, nicht als Gedanke, sondern als physischer Zustand. Die Schotten begannen sich zu schließen. Überall auf der Brücke bewegten sich mechanische Verriegelungen in Position.
STARTSEQUENZ AKTIV.
SYSTEMZUSTAND: REAKTIVIERUNG GESAMTFLOTTE.
Ich machte einen Schritt zurück. Dann noch einen. Ich hätte den Vorgang abbrechen können. Das System ließ mir diese Möglichkeit. Aber mein Kopf war bereits überladen. Zu viele Variablen. Zu viele Konsequenzen. Die Gedanken überschlugen sich. Die Split. Die Wracks. Die Tiere. Die Ökosysteme. Die Ghok waren mir egal, das war ein klarer, fast instinktiver Gedanke, aber bei den anderen Lebensformen war es anders. Drachenfliegen. Lungenfische. Die seltsamen unterirdischen Organismen, die sich an diese Welt angepasst hatten. Ich öffnete den Mund, aber es kam kein Befehl mehr heraus. Mein Blick sprang zwischen den Anzeigen hin und her. Und ich verstand zu spät, dass ich bereits entschieden hatte. Nicht bewusst. Sondern durch Handlung. Die ersten Einheiten begannen sich zu bewegen. Langsam, tief unter der Oberfläche, setzten sich Strukturen in Gang, die seit Jahrzehnten stillgelegen hatten. Ich stand auf der Kommandobrücke eines uralten Saatschiffes der Menschheit und sah zu, wie eine Kette von Ereignissen begann, die ich nicht mehr vollständig kontrollieren konnte. Und das Schlimmste war nicht einmal die Bewegung selbst. Sondern der Moment danach. Als mir klar wurde, dass es keine neutrale Entscheidung mehr gab.

Das Saatschiff brach mit einem tiefen, vibrierenden Ruck durch die Oberfläche von Nif'Nakh, als würde der Planet selbst einen Teil seines Inneren freigeben wollen. Die Brücke bebte unter mir, während sich die gesamte Struktur in einem langsamen, aber unaufhaltsamen Aufstieg befand. Unter uns riss sich der rotbraune Boden auf, Dampf und ionisierte Partikel schossen in die Atmosphäre, während sich die uralten Triebwerke tief im Inneren des Schiffes mit einem heiseren, fast organischen Dröhnen stabilisierten. Ich klammerte mich an die Konsole, als das Schiff weiter beschleunigte. Dann sah ich es. Über den externen Sensoren formierten sich die anderen Einheiten. Saatschiffe, Terraformer, Verteidigungsschiffe. Oder was davon noch übrig war. Einige waren beschädigt, andere nur teilweise aktiv. Sie stiegen ebenfalls auf, zogen sich aus ihren unterirdischen Positionen wie gewaltige metallische Samen, die nach Jahrhunderten wieder ans Licht gezwungen wurden. Innerhalb weniger Sekunden bildeten sie eine lose, sphärenartige Formation um das zentrale Schiff, als würden sie sich automatisch an eine uralte taktische Struktur erinnern. Mein Atem wurde flach. Ich hatte das ausgelöst. Ich verstand jetzt erst wirklich, was das bedeutete. Nicht als theoretisches Szenario. Sondern als reale, physische Konsequenz, die sich vor meinen Augen entfaltete.
Dann traf uns das erste Feuer. Ein plötzlicher Schlag riss das Schiff zur Seite. Ich verlor den Halt und wurde von der Konsole weggerissen. Mein Körper prallte hart gegen den metallischen Boden der Brücke. Der Aufprall jagte mir einen stechenden Schmerz durch die Rippen, während das Licht über mir flackerte und sich die Gravitation für einen Moment unregelmäßig anfühlte. Alarmmeldungen fluteten die Anzeigen.
EXTERNE BESCHUSSQUELLE DETEKTIERT.
SCHILDINTEGRITÄT: 87%.
Ich hob den Kopf und sah durch die transparenten Sichtfelder nach draußen. Der Orbit von Nif'Nakh war kein leerer Raum mehr. Er war ein Schlachtfeld. Die Split hatten sofort reagiert. Flak-Geschütze zeichneten helle, zuckende Linien durch die Atmosphäre. Pulsstrahler entluden sich in rhythmischen, bläulich-weißen Impulsen. Plasmawaffen explodierten in grellen, grünlich flackernden Einschlägen auf den Hüllen der TF-Schiffe. Und dann kamen die schweren Tau-Geschütze. Massive kinetische Projektile. Ich sah, wie eines der kleineren Saatschiffe getroffen wurde. Die Schilde verzerrten sich kurz wie eine gespannte Membran, dann brachen sie auf. Das Projektil riss ein Loch in die Struktur dahinter, aber der eigentliche Schaden blieb vergleichsweise lokal. Es war nicht die Energie, die zerstörte. Es war die Masse. Und plötzlich wurde mir klar, wie schlecht ich vorbereitet gewesen war. Ich hatte nur an Energie gedacht. An Plasma. An Strahlwaffen. Nicht an kinetische Durchschlagskraft. Mein Blick sprang zwischen den Anzeigen hin und her, während sich die Formation der Schiffe langsam anpasste. Einige begannen Ausweichmanöver, andere verstärkten ihre Schilde, wieder andere leiteten Energie in die Antriebe um. Ich hatte keine Kontrolle mehr im klassischen Sinn. Nur noch Einfluss.
Dann sah ich die Korvette. Die aldrianische Einheit im Orbit. Menschlich klassifiziert vom System. Ich erinnerte mich daran, wie absurd diese Fehlklassifikation war, aber jetzt hatte ich keine Zeit darüber nachzudenken. Sie war nah genug, um in Reichweite zu sein. Eine Idee schoss durch meinen Kopf, so klar und scharf, dass sie fast weh tat. Ich richtete mich halb auf, ignorierte den Schmerz in meiner Seite, und aktivierte die gerichtete Kommunikation. Ich verschlüsselte die Nachricht auf engste Bandbreite, zielte direkt auf die Korvette.
"HOLT MICH HIER RAUS!"
Meine Stimme klang fremd in meinen eigenen Ohren. Zu hoch. Zu angespannt. Ich wusste nicht, wer dort oben antworten würde. Valen? Vielleicht sogar jemand, den ich noch nie gesehen hatte. Aber ich wusste, dass sie mich gehört hatten. Dann wandte ich mich wieder den internen Systemen zu. Navigationssektion. Ich zwang meine Hände, ruhig zu bleiben, während ich Befehle eingab. Volle Energieumleitung. Antrieb auf Maximum. Alle nicht essentiellen Systeme abgeschaltet oder reduziert. Schildfokus auf Vorwärtsrichtung. Die Reaktion des Schiffes war unmittelbar. Ein tiefes, mechanisches Heulen ging durch die gesamte Brücke. Die Luft vibrierte, als sich Energiekanäle neu ausrichteten. Ich spürte es nicht nur, ich hörte es in den Knochen.
Und dann, irgendwo tief unter mir, ein anderes Geräusch. Ein Kreischen. Hochfrequent. Lebendig. Ich erstarrte. Die Quarantäne. Ich hatte sie vergessen. Die Energieumleitung hatte offenbar mehrere Schutzsysteme gleichzeitig deaktiviert. Systeme, die nicht nur technische Prozesse isolierten, sondern auch etwas anderes. Etwas, das in dem Schiff eingeschlossen gewesen war. Mein Blick glitt instinktiv zurück zu der beschädigten Wandsektion, die ich zuvor gesehen hatte. Das Kraftfeld war instabil geworden. Die bläuliche Struktur flackerte in unregelmäßigen Intervallen, als würde etwas dahinter gegen die Grenzen der Realität drücken.
"Verdammt …"
Ich flüsterte es nur. Dann kam Bewegung. Schnell. Unnatürlich schnell. Ich drehte mich gerade rechtzeitig um, um etwas Dunkles zu sehen, das sich aus dem flackernden Kraftfeld löste. Kein klarer Körper. Keine feste Form. Eher eine Verdichtung von Schatten, die sich gegen das Licht selbst zu wehren schien. Es bewegte sich nicht wie ein Tier. Nicht wie eine Maschine. Eher wie ein Gedanke, der physisch geworden war. Ich wollte zurückweichen, aber meine Beine reagierten zu langsam. Das Wesen war bereits da. Direkt vor mir.
Und dann flüsterte ich, ohne es zu wollen: "Dich hab ich ja ganz vergessen …"
Der Satz endete nicht mehr wirklich. In dem Moment, in dem ich ihn aussprach, löste sich die Distanz zwischen mir und dem Wesen vollständig auf. Ich sah noch einmal nach draußen. Für einen einzigen Sekundenbruchteil. Die Oberfläche von Nif'Nakh war ein einziges Chaos aus Licht und Explosionen. Dutzende Einschläge gleichzeitig. Als würde der Planet selbst aufreißen. Dann verschwand mein Bewusstsein.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 52 - Auslöschung

Als ich die Augen öffnete, glaubte ich zuerst tot zu sein. Nicht sofort. Nicht mit einem plötzlichen Verständnis. Sondern langsam, tastend, als würde mein Gehirn sich erst vorsichtig an diesen Gedanken heranwagen. Vor mir lag das All. Endlos. Schwarz. Und gleichzeitig voller Licht. Sterne funkelten in unvorstellbarer Entfernung. Manche kalt weiß. Andere leicht bläulich oder schwach rötlich. Einige wirkten winzig und scharf wie Nadelspitzen, während andere einen weichen Schleier um sich hatten. Es gab keine Atmosphäre, die ihr Licht verzerrte. Keine Luft. Keine Geräusche. Keine Wärme. Nur Leere. Absolute Leere. Für einen Moment konnte ich gar nicht begreifen, was ich sah. Mein Verstand versuchte verzweifelt irgendeinen Bezugspunkt zu finden. Die Brücke. Das Schiff. Eine Wand. Irgendetwas. Doch da war nichts. Nur das All. Dann kam die Erkenntnis wie ein Schlag. Das Saatschiff war zerstört worden. Ich musste hinausgeschleudert worden sein. Ins Vakuum. Mein Herz setzte gefühlt einen Moment aus. Instinktiv wollte ich Luft holen, doch ich hielt inne. Panik schoss durch meinen Körper. Erinnerungen an alte Filme und Serien tauchten in meinem Kopf auf. Menschen, die im Weltall starben. Platzende Lungen. Gefrierende Körper. Blut, das zu kochen begann, weil der Druck fehlte. Ich erinnerte mich an wissenschaftliche Diskussionen darüber. Dass man im Vakuum nicht sofort explodierte, aber dennoch starb. Sauerstoffmangel. Gewebeschäden. Die Flüssigkeiten im Körper begannen zu sieden. Ich wartete darauf. Auf den Schmerz. Auf das Brennen. Auf die Bewusstlosigkeit. Sekunden vergingen. Nichts passierte. Ich spürte keine platzenden Organe. Keine Schmerzen. Nicht einmal Kälte. Verwirrt bewegte ich meine Finger. Sie reagierten normal. Langsam hob ich eine Hand vor mein Gesicht. Die Haut sah unverändert aus. Kein Frost. Keine Verfärbungen. Nicht einmal das unangenehme Spannungsgefühl fehlenden Luftdrucks. Mein Herz raste jetzt nicht mehr nur vor Angst, sondern vor völliger Verwirrung. Das war unmöglich. Dann machte ich etwas vollkommen Irrationales. Ich atmete ein. Tief. Die Bewegung war zuerst zögerlich, fast vorsichtig. Als würde ich erwarten, dass meine Lungen sofort kollabierten. Doch stattdessen strömte Luft hinein. Kühle Luft. Ich riss die Augen auf. Und atmete erneut. Es funktionierte. Ich konnte atmen. Im Vakuum. Mein Gehirn versuchte augenblicklich Erklärungen zu finden. Halluzination. Traum. Sauerstoffmangel. Sterbevision. Ja. Das musste es sein. Ich war längst bewusstlos. Vielleicht bereits tot. Mein Gehirn erzeugte irgendeine letzte, absurde Traumlandschaft, bevor endgültig Schluss war. Dieser Gedanke beruhigte mich fast mehr als alles andere. Denn die Alternative war schlimmer. Die Alternative war, dass das hier real war. Langsam bewegte ich mich. Oder glaubte zumindest, mich zu bewegen. Ich drehte mich um die eigene Achse und erwartete sofort unkontrolliert durchs All zu taumeln. Doch auch das geschah nicht. Meine Bewegungen waren weich. Fließend. Fast elegant. Ich rotierte langsam durch die Schwärze, als würde mich etwas tragen. Es erinnerte mich an Tanz. Nicht an Schwerelosigkeit. Mein Körper fühlte sich leicht an. Nicht gewichtslos. Sondern entkoppelt. Als hätten Entfernung, Masse und Bewegung plötzlich andere Bedeutungen.
Und dann bemerkte ich etwas. Einen Schatten. Er glitt in mein Sichtfeld hinein. Zuerst langsam. Dann immer deutlicher. Und mit jeder Sekunde begriff ich weniger, was ich eigentlich ansah. Es war gigantisch. Nicht einfach groß. Gigantisch. Mein Gehirn konnte seine Dimensionen kaum erfassen, weil es keinen Vergleichspunkt gab. Doch als das Ding näher kam, wurde mir klar, dass es größer sein musste als manche Raumstationen. Der Körper war langgezogen und walzenförmig. Beide Enden rundlich. Keine sichtbaren Triebwerke. Keine Flügel. Keine klaren Strukturen, die auf Technik schließen ließen. Und trotzdem wirkte es nicht natürlich. Oder vielleicht gerade doch. Die Oberfläche war braun-schwarz, aber nicht gleichmäßig. Sie bestand aus unzähligen segmentartigen Strukturen, die aussahen wie verwittertes Gestein oder uralte Panzerplatten. Manche Bereiche wirkten rissig. Andere glatt. Wieder andere schimmerten, als läge ein dünner Ölfilm darüber. Doch das Seltsamste war das Licht. Der gesamte Körper reflektierte Farben. Nicht konstant. Sondern fließend. Wie ein Prisma. Farben glitten über seine Oberfläche, verschwanden wieder, tauchten an anderer Stelle auf. Blau. Grün. Violett. Gold. Manchmal alles gleichzeitig. Und während dieses Wesen langsam an mir vorbeizog, begann mein ganzer Körper zu vibrieren. Nicht äußerlich. Innerlich. Als würde etwas tief in meinen Knochen auf Resonanz reagieren. Mein Brustkorb summte förmlich. Selbst meine Zähne fühlten sich an, als würden sie minimal mitschwingen. Doch es war nicht schmerzhaft. Eher überwältigend. Ich konnte den Blick nicht abwenden. Je näher das Wesen kam, desto stärker wurde das Gefühl, dass meine Wahrnehmung selbst instabil wurde. Entfernungen verloren Bedeutung. Für einen Moment glaubte ich, gleichzeitig direkt neben ihm und unendlich weit entfernt zu sein. Dann sah ich Details. Vertiefungen. Rillen. Strukturen, die aussahen wie gigantische Narben. Und plötzlich wurde mir klar, dass ich keine Ahnung hatte, ob ich überhaupt ein Lebewesen betrachtete. Vielleicht war es ein Schiff. Vielleicht ein Organismus. Vielleicht beides. Dann bewegte sich etwas entlang seiner Oberfläche. Kleine Lichtpunkte. Nein. Nicht klein. Nur im Vergleich zu diesem monströsen Ding. Sie glitten langsam über den Körper, verschwanden in Öffnungen, tauchten wieder auf. Manche wirkten geometrisch. Andere vollkommen chaotisch. Sofort zog sich mein Körper zusammen. Instinktiv wollte ich zurückweichen, doch es gab keinen Boden, keinen Halt, kein Oben oder Unten. Das gigantische Ding glitt weiter an mir vorbei. Und erst jetzt verstand ich wirklich, wie groß es war. Der Abschnitt, den ich bisher gesehen hatte, war nur ein kleiner Teil gewesen. Der Körper setzte sich endlos fort. Segment um Segment. Strukturen auf Strukturen. Es wirkte uralt. Älter als alles, was ich je gesehen hatte. Nicht alt im Sinne von beschädigt. Sondern alt im Sinne von Zeit selbst. Und dennoch lebendig. Die Vibrationen wurden stärker. Mein Sichtfeld begann leicht zu flimmern. Dann sah ich plötzlich etwas anderes zwischen den Sternen. Weitere Schatten. Weit entfernt. Riesig. Nicht einer. Mehrere. Langsam bewegten sie sich durch die Dunkelheit des Alls wie lautlose Kontinente aus lebendigem Stein. Und in diesem Moment verstand ich endgültig, dass ich nicht träumte.

Vielleicht war es etwas anderes. Mein Körper fühlte sich leicht an, beinahe schwerelos, und dennoch nahm ich jede einzelne Bewegung wahr. Die Kälte des Alls existierte nicht. Keine erstickende Leere. Kein Schmerz. Stattdessen umgab mich eine lautlose Schwärze, die nicht leer wirkte, sondern unendlich voll. Sterne glitzerten in gewaltigen Entfernungen wie eingefrorene Splitter aus Glas. Manche strahlten weiß, andere blau oder rötlich. Dazwischen lagen dichte Nebel aus violettem und grünlichem Staub, die sich wie langsame Strömungen durch die Dunkelheit zogen.
Dann erklang die Stimme. "Ein Won."
Ich fuhr herum. Mein Herz setzte für einen Moment aus. Direkt neben mir stand eine Gestalt. Nein, sie stand nicht wirklich. Sie existierte einfach dort, als wäre sie aus der Dunkelheit herausgeschnitten worden. Sie hatte meine Form angenommen. Meine Größe. Meine Haltung. Selbst die Bewegungen wirkten vertraut. Doch sie war vollkommen schwarz. Nicht dunkel gekleidet. Nicht schattig. Wirklich schwarz. Als würde jedes Photon von ihrer Oberfläche verschluckt werden. Kein Glanz. Keine Konturen außer jenen, die der Raum selbst ihr verlieh. Ich brauchte mehrere Sekunden, bis ich begriff, was ich da ansah. Das Wesen aus dem Terraformerschiff. Der Schatten. Mir wurde flau im Magen. Ich erinnerte mich an das Gefühl, verschlungen zu werden. An dieses unfassbare Maul aus Finsternis, das mich einfach umhüllt hatte. Und trotzdem stand ich jetzt hier. Oder schwebte. Oder träumte.
"Was bist du?" fragte ich heiser.
Die Gestalt drehte langsam den Kopf zu mir. Ihre Bewegungen wirkten vollkommen flüssig, beinahe schwerelos. Nicht biologisch. Aber auch nicht mechanisch.
"Ich bin eine Sonde."
Ich blinzelte verwirrt. "Eine Sonde?"
"Unser Volk nutzt bioenergetische Psionen, um physische Materie zu ummanteln."
Ich verstand kein einziges Wort davon. Bioenergetische Psionen? Ummanteln? Mein Kopf versuchte verzweifelt irgendeinen Sinn daraus zu formen, doch die Begriffe glitten einfach an meinem Verständnis vorbei. Während sie sprach, veränderte sich ihre Gestalt weiter. Die Oberfläche begann subtil zu flimmern. Langsam zeichneten sich Gesichtszüge ab. Meine Gesichtszüge. Die Form meiner Augen. Die Linien meines Kiefers. Sogar meine Haare wurden angedeutet, obwohl sie weiterhin wie eine schwarze Masse wirkten. Es war, als würde ich in einen Spiegel sehen, der jedes Licht verschluckte. Ein kalter Schauder lief mir über den Rücken. Die schwarze Gestalt hob langsam den Arm und deutete in Richtung des gigantischen Wesens, das zuvor an uns vorbeigeglitten war.
In exakt diesem Augenblick verzerrten sich die Sterne. Das Universum bog sich plötzlich um uns herum. Linien entstanden aus Licht. Farben verschmierten zu langen Streifen. Mein Gleichgewicht verschwand augenblicklich. Für einen winzigen Moment glaubte ich zu fallen. Dann war alles vorbei. Wir schwebten über einem Planeten. Ich riss die Augen auf. Unter uns spannte sich eine fremde Welt aus. Riesige Kontinente mit tiefgrüner Vegetation, gewaltige Ozeane und helle Wolkenformationen. Städte glitzerten überall auf der Oberfläche. Riesige urbane Komplexe voller Türme, Plattformen und schimmernder Verkehrsadern. Manche Gebäude ragten kilometerhoch in den Himmel. Andere schwebten sogar über dem Boden. Und mitten über dem Planeten befand sich der Won. Jetzt sah ich ihn deutlicher. Er war monströs. Sein walzenförmiger Körper wirkte gleichzeitig organisch und mineralisch. Die Oberfläche bestand aus unzähligen überlappenden Segmenten, die aussahen wie uralte Gesteinsschichten. Dazwischen pulsierten dünne Linien aus Licht in allen Farben des Spektrums. Blau. Gold. Grün. Violett. Es erinnerte mich an Kristalle unter Wasser. Und trotzdem wirkte das Ding lebendig. Rund fünfhundert Meter lang. Vielleicht größer. Vielleicht kleiner. Dutzende fremdartige Raumschiffe umkreisten ihn und eröffneten das Feuer. Ich hatte noch nie solche Schiffe gesehen. Ihre Formen unterschieden sich vollkommen von allem Bekannten. Keine terranischen Linien. Keine argonischen Silhouetten. Keine splittypischen Aggressionsformen. Manche Schiffe erinnerten an flache Dreiecke, andere an rotierende Ringe oder asymmetrische Gebilde. Ihre Waffen erfüllten den Orbit mit blendenden Lichtsalven. Grüne Energiestrahlen. Blaue Pulse. Weiße Entladungen. Alles traf den Won. Nichts geschah. Keine Explosionen. Keine Schilde. Keine sichtbaren Schäden. Die Angriffe verpufften einfach an seiner Oberfläche, als würde sie die Energie verschlingen. Der Won bewegte sich weiter. Langsam. Unaufhaltsam. Dann trat er in die Atmosphäre ein. Glühende Reibungshitze legte sich um seinen Körper, doch selbst das schien ihn nicht zu interessieren. Die Wolkendecke wurde zerrissen. Ein gigantischer Feuerschweif zog sich über den Himmel des Planeten. Und dann schlug er ein. Nicht auf Land. Im Ozean. Der grüne Ozean explodierte förmlich auseinander. Gewaltige Wassermassen schossen kilometerhoch in die Luft. Der Aufprall erzeugte eine Druckwelle, die selbst aus dem Orbit sichtbar war. Sekunden später entstand ein Tsunami von unfassbarer Größe. Ich sah Küstenstädte. Und ich sah, wie sie verschwanden. Die Wellen rissen alles mit sich. Türme knickten ein. Ganze Kontinente wurden überschwemmt. Millionen Lichter erloschen innerhalb weniger Augenblicke.
Alles geschah viel zu schnell. Zu glatt. Wie ein Zeitraffer. Die Welt verschwamm erneut. Plötzlich standen der Schatten und ich auf der Oberfläche des Planeten. Der Himmel war dunkel geworden. Rauch und Asche hingen in der Atmosphäre. Überall erklangen entfernte Explosionen. Vor uns bewegte sich der Won. Er rollte. Langsam und schwerfällig auf seiner breiten Seite. Doch gerade diese Langsamkeit machte ihn schlimmer. Es wirkte nicht wie ein Angriff. Nicht wie ein Krieg. Sondern wie eine Naturgewalt. Wo auch immer sein Körper entlangrollte, verschwand alles. Gebäude wurden nicht zerstört. Sie wurden absorbiert. Straßen verschwanden einfach in seiner Oberfläche. Fahrzeuge, Pflanzen, Wasser, Aliens. Alles wurde Teil seines Körpers. Ich sah keine Trümmer. Keine Leichen. Keine Einschlagskrater. Nur Leere hinter ihm. Braune Erde. Tot. Der Won wurde dabei größer. Langsam. Aber sichtbar. Seine Oberfläche wuchs Schicht um Schicht. Neue Strukturen bildeten sich aus dem absorbierten Material. Ganze Gebäudeteile verschwanden in ihm wie Nahrung. Waffenfeuer prasselte weiterhin auf ihn ein. Ohne Wirkung. Ich hörte Schreie in der Ferne. Sirenen. Zusammenbrechende Gebäude. Das dumpfe Donnern orbitaler Bombardements. Und trotzdem rollte der Won einfach weiter.
Der Zeitraffer setzte erneut ein. Die Städte verschwanden. Die Wälder verschwanden. Ozeane verdampften oder wurden absorbiert. Die Atmosphäre veränderte ihre Farbe. Aus dem satten Grün wurde erst Braun, dann Grau. Der Planet starb vor meinen Augen. Raumschiffe starteten überall von der Oberfläche. Riesige Evakuierungsflotten verließen die Welt. Manche wurden vom Won ignoriert. Andere verschwanden spurlos, sobald sie ihm zu nahe kamen. Jahre vergingen. Jahrhunderte. Vielleicht Jahrtausende. Ich verlor jedes Gefühl für Zeit. Der Planet schrumpfte. Nicht sichtbar auf einen Blick. Aber Stück für Stück. Seine Masse nahm ab. Immer mehr Materie verschwand im Körper des Won. Dann begann die Welt selbst instabil zu werden. Risse zogen sich über die Oberfläche. Der Kern kollabierte. Gewaltige tektonische Verwerfungen erschütterten den sterbenden Planeten. Und schließlich explodierte er. Eine gewaltige Detonation aus Feuer, Magma und zerfetzter Materie breitete sich durch das System aus. Der Won wurde ins All geschleudert. Unversehrt. Er trieb reglos zwischen den Trümmern des zerstörten Planeten. Um ihn herum glühten Asteroidenfragmente und Gaswolken. Dann erschien ein kurzes Aufblitzen entlang seiner Oberfläche. Und er setzte sich erneut in Bewegung. Langsam. Direkt auf den nächsten Planeten des Systems zu. Mir wurde schlecht.
Ich starrte den schwarzen Schatten neben mir an. "Was ... ist dieses Ding?"
Die Gestalt antwortete sofort. "Ein Won konsumiert Biomasse und mineralische Ressourcen zur Reproduktion und Expansion."
Meine Kehle wurde trocken. "Das ist kein Terraformer."
"Nein."
"Das ist eine biologische Waffe."
Der Schatten schwieg einen Moment. Dann sagte er mit derselben emotionslosen Stimme: „Ein Won ist ein geologisches Wesen ohne Bewusstsein, ohne Intelligenz, ohne Qualia.“

Die Worte des Schattens trafen nicht wie eine Erklärung, sondern wie eine präzise Umstrukturierung dessen, was ich gerade gesehen hatte. Das Ding, das sich selbst als Sonde bezeichnet hatte, blieb in meiner Wahrnehmung gleichzeitig ich und nicht ich, eine perfekte Nachbildung meiner Silhouette, nur vollständig aus tiefschwarzer Absorption bestehend, als hätte jemand Raum selbst in Form gegossen. Ich stand, oder vielmehr schwebte ich weiterhin in dieser unmöglichen Perspektive zwischen Vakuum und Wahrnehmung, während sich die Umgebung erneut verschob. Die zuvor noch klaren Sterne zerflossen zu Linien, dann zu Flächen, dann zu einer Szene, die nicht mehr mein aktueller Ort war, sondern ein Prozess. Der Schatten neben mir sprach nicht mehr direkt zu mir, sondern als wäre seine Stimme Teil der Struktur selbst, die sich gerade entfaltete. Und mit jedem seiner Worte wurde klarer, dass das, was ich gesehen hatte, kein Ereignis war, sondern ein Zustand, der sich über Zeit legte.
Die Won waren keine Lebewesen im bekannten Sinn. Keine Tiere, keine Pflanzen, keine Mikroorganismen. Ihre Existenz war direkt an die Lithosphäre eines Planeten gebunden, als wäre ein ganzer Himmelskörper nur die äußere Haut eines viel größeren Organismus. Sie lebten nicht auf einer Welt, sie lebten aus ihr heraus.
Vor mir entstand ein Bild, so klar, dass es sich anfühlte wie physische Präsenz: eine dunkle, vulkanische Landschaft, schwer und still, durchzogen von Rissen, aus denen kein Feuer, sondern mineralisches Licht drang. Darüber ragten kristalline Strukturen auf, gewaltig, unregelmäßig, wie erstarrte Blitze, deren Oberfläche jede Farbe des Spektrums brach, nicht reflektierte. Kein gleichmäßiges Leuchten, sondern ein ständiges inneres Flackern, als würde der Stein selbst rechnen.
Der Schatten erklärte, dass diese Erscheinung keine Oberfläche war, sondern Körper. Jeder dieser Kristallkörper war ein Teil eines einzigen geologischen Organismus. Kein Individuum im klassischen Sinn, sondern ein lokaler Ausdruck eines planetaren Systems.
Die Won nahmen nicht nur Mineralien auf. Sie integrierten sie vollständig. Silikate, Metalle, Spurenelemente und Edelsteine wurden in ihr Kristallgitter eingebaut, nicht als Nahrung, sondern als Struktur. Dadurch war jeder Won anders, nicht aufgrund von Erfahrung, sondern aufgrund der Zusammensetzung seines Planeten. Eisenreiche Welten erzeugten andere Muster als silikatreiche oder metallisch instabile.
Der Schatten zeigte mir, wie sich diese Struktur bewegte. Kein Schritt, keine Fortbewegung im tierischen Sinn, sondern eine langsame, flächige Umordnung. Der Körper war breiter als hoch, eine massive, walzenartige Präsenz, die sich über Gestein legte und es nicht verdrängte, sondern aufnahm. Vorne wurde Material gelöst, hinten wieder stabilisiert. Bewegung als kontinuierliche Rekristallisation.
Ich spürte dabei, obwohl ich keinen Körper mehr richtig einordnen konnte, eine Art Druckwechsel, als würde sich Masse über mir verschieben, ohne mich zu berühren. Der Schatten machte deutlich, dass diese Bewegung keine Effizienz oder Absicht hatte, sondern eine Konsequenz von Stoffwechselprozessen im Gestein selbst.
Dann zeigte er mir das Innere. Leitfähige Bahnen durchzogen das Kristallgitter, durch die Wärme und elektrische Ladung flossen. Keine Nerven, keine Organe, nur physikalische Gradienten, die Wachstum und Stabilität steuerten. Selbst die Form war nie abgeschlossen. Kristalle brachen, wuchsen neu, verschoben sich, verfestigten sich wieder. Ein permanenter Umbau ohne Zielzustand.
Ich versuchte innerlich noch zu greifen, ob das irgendeine Form von Leben war, die ich hätte einordnen können. Doch der Schatten nahm mir diese Möglichkeit, bevor sie sich vollständig bilden konnte.
Fortbewegung war keine Bewegung im Raum, sondern eine Umverteilung von Struktur. Ein Won „kroch“ nicht, er reorganisierte sich entlang der Oberfläche eines Planeten. Seine Masse wurde gleichmäßig verteilt, sodass er keine klassische Richtung brauchte. Der Planet selbst wurde Teil seiner Mechanik.
Die Szene wechselte erneut. Ich sah eine Oberfläche, die langsam verschwand, nicht durch Explosion oder Zerstörung im klassischen Sinn, sondern durch Integration. Städte, Berge, Ozeane, alles wurde in den Kristallfluss aufgenommen. Keine Ruinen blieben zurück, keine Fragmente, nicht einmal erkennbare Spuren organischer Ordnung. Alles wurde in mineralische Gleichheit überführt.
Der Schatten kommentierte das nicht emotional, sondern strukturell. Organische Lebensformen waren kein Ziel, keine Bedrohung, kein Zweck. Sie waren lediglich eine variable Komponente im Materialfluss. Wenn sie im Weg standen, wurden sie assimiliert wie jedes andere Element.
Ich sah Fluchtbewegungen, nicht aus einem einzelnen Ereignis heraus, sondern als evolutionäre Reaktion eines gesamten Ökosystems. Raumschiffe verließen die Welt, während der Planet selbst an Masse verlor und der Won zunahm. Das Verhältnis verschob sich langsam, unvermeidlich, über Zeiträume, die jede Vorstellung von Planung sprengten.
Dann kam der Übergang, den ich bereits gesehen hatte, aber jetzt verstand ich ihn anders. Die kritische Instabilität eines Planeten führte nicht zu einem finalen Ereignis, sondern zu einem Phasenwechsel. Der Won wurde dichter, stabiler, seine äußeren Schichten verdichteten sich, während die geologische Aktivität eskalierte.
Erst danach erfolgte die Fragmentierung. Nicht als Absicht, sondern als Ergebnis der eigenen Wirkung. Teile wurden ins All geschleudert, nicht lebendig, nicht tot, sondern als inaktive Kristallkeime.
Der Schatten ließ mich sehen, wie diese Keime im Vakuum trieben. Kalt, extrem dicht, ohne jede Aktivität. Erst Gravitation brachte sie zurück in einen Prozesszustand. Sterne, Planeten, Felder, alles wurde zu einem Trigger für Reaktivierung. Keine Entscheidung, nur Physik.
Wenn ein Keim einen geeigneten Himmelskörper erreichte, begann erneut der langsame Aufbau. Integration von Gestein, Wachstum, strukturelle Differenzierung. Ein Kreislauf ohne Anfang im klassischen Sinn, nur Zustandswechsel.
Der Schatten machte deutlich, dass es keine Intelligenz gab, die diesen Prozess lenkte. Keine Strategie, kein Ziel, keine Wahrnehmung. Keine Qualia, kein Selbst. Nur ein geologischer Stoffwechsel, der sich selbst fortsetzte, weil die Bedingungen es zuließen.
Als die letzte Szene verblasste, blieb nur noch die Erkenntnis, dass das, was ich gesehen hatte, nicht Geschichte war. Es war Mechanik. Ein planetarer Vorgang, der Welten nicht eroberte, sondern umschrieb, bis sie etwas anderes wurden, ohne je zu wissen, dass sie aufgehört hatten, das zu sein, was sie einmal waren.

Der Schatten blieb reglos neben mir stehen, doch um uns herum bewegte sich weiterhin das Universum selbst. Welten glitten an mir vorbei wie Erinnerungen eines fremden Bewusstseins. Manche waren von dichten Wolkendecken verhüllt, andere trocken, rissig oder vollständig vereist. Einige besaßen grüne Kontinente und blaue Ozeane, die mich schmerzhaft an die Erde erinnerten. Andere wirkten vollkommen fremdartig, mit schwarzen Meeren, violetter Vegetation oder Atmosphären, die in giftigem Orange leuchteten. Und dennoch verband sie alle etwas. Leben. Nicht jede Welt war bewohnt, aber erschreckend viele. Primitive Organismen krochen über Küsten. Wälder voller gigantischer pilzähnlicher Strukturen bedeckten ganze Kontinente. Städte erhoben sich aus Stein, Metall oder Materialien, die ich nicht einmal benennen konnte. Manche Spezies hatten Raumfahrt erreicht. Andere standen noch am Anfang ihrer Zivilisationen. Doch egal wie unterschiedlich sie waren, das Ergebnis blieb immer dasselbe. Die Won kamen. Und die Welten starben.
Ich sah Verteidigungsflotten, die auf kristalline Fragmente feuerten, welche aus dem Himmel stürzten. Ich sah orbitales Bombardement. Planetare Schutzschilde. Evakuierungen. Panik. Ganze Kontinente versanken unter gewaltigen Staubwolken. Ozeane verdampften. Atmosphären verfärbten sich. Und überall bewegten sich diese unfassbaren geologischen Körper langsam weiter, als wäre Widerstand nicht einmal registrierbar. Nie sah ich Hass. Nie Aggression. Nie irgendeine Form von Reaktion. Die Won rollten einfach weiter. Die Erkenntnis war schlimmer als jede Bosheit.
"Woher kommen die Won?" fragte ich schließlich.
Meine Stimme klang klein. Nicht aus Angst allein, sondern weil ich plötzlich begriff, wie winzig selbst ganze Zivilisationen in diesem Maßstab waren. Der Schatten zuckte leicht mit den Schultern. Die Bewegung wirkte merkwürdig unnatürlich, als würde mein eigener Körper versuchen eine Geste nachzuahmen, ohne ihren emotionalen Ursprung zu verstehen.
"Das wissen wir nicht. Nur eines ist sicher: Nicht aus unserer Galaxie. Nicht aus dieser."
Ich sah ihn an. Oder vielmehr mich selbst. Die schwarze Oberfläche seines Körpers verschluckte weiterhin jedes Licht vollständig. Kein Schimmer. Keine Reflexion. Nur Kontur. Ich dachte über seine Worte nach. Nicht aus dieser Galaxie. Die Bedeutung traf mich langsam.
"Das heißt ... euer Volk stammt auch nicht aus dieser Galaxie."
Der Schatten reagierte nicht direkt. Stattdessen glitt hinter ihm erneut eine fremde Welt vorbei. Riesige Ringstrukturen umgaben einen roten Gasriesen. Kleine Lichter bewegten sich dazwischen wie Insekten.
"Wir reisen durch das Universum. Wir helfen Spezies sich zu entwickeln. Manchmal siedeln wir sie um, wenn es keine andere Option gibt."
"Helfen?" fragte ich sofort. Das Wort machte mich hellhörig. "Wie bei den Boronen?"
Jetzt reagierte der Schatten tatsächlich. Er drehte langsam den Kopf zu mir. Die Bewegung war exakt meine eigene, und gerade deshalb lief mir ein unangenehmer Schauer über den Rücken.
"Du kennst diese Spezies."
Keine Frage. Eine Feststellung.
"Ja", antwortete ich langsam. "Sie leben zusammen mit vier anderen Spezies in einer Art Gemeinschaft."
"Befinden sie sich in Frieden?"
Die Formulierung wirkte seltsam. Nicht kalt. Eher vorsichtig. Als würde er die Antwort tatsächlich wissen wollen.
"Meistens", sagte ich. "Einmal wurden sie beinahe durch eine Spezies namens Split ausgerottet, aber ein Volk namens Argonen hat sie gerettet. Beide haben jetzt eine enge Allianz."
Der Schatten schwieg einige Sekunden. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass hinter dieser künstlichen Kommunikation tatsächlich etwas wie Erleichterung lag.
"Es ist bedauerlich zu hören, dass sie Gewalt und Aggression erfahren haben. Aber erfreulich, dass sie auch Freundschaft erlebt haben. Wir hatten gehofft, dass sie lange Zeit alleine leben würden."
Mir wurde kalt. Nicht körperlich. Innerlich. Das Alte Volk änderte ständig die Torverbindungen. Systeme wurden isoliert. Andere verbunden. Ganze Regionen des bekannten Raums waren abgeschnitten worden. Plötzlich ergab vieles einen neuen Zusammenhang.
"Das Alte Volk ändert immer wieder die Torverbindungen ..." begann ich langsam, doch ich konnte den Gedanken nicht vollständig aussprechen.
Der Schatten reagierte sofort. Sein Körper flackerte leicht. Die Konturen zuckten unruhig.
"Ah ... Die Alten." Die Art, wie er das sagte, war seltsam angespannt. "Wir verstecken uns vor ihnen. Agieren im Geheimen, damit sie nicht auf uns aufmerksam werden. Oder erst wenn es vorbei ist."
"Ihr mögt sie nicht?"
Der Schatten drehte sich wieder von mir weg und blickte in die Sternenlandschaft hinaus. "Das ist oberflächlich formuliert."
Die Sterne um uns herum verzerrten sich erneut. Ich sah eine Welt mit dunklen Kontinenten und gewaltigen kristallinen Formationen. Dann Risse. Feuer. Zerfall.
"Unsere Heimatwelt wurde einst von einem Won ausgelöscht." Seine Stimme blieb ruhig, doch gerade diese Ruhe machte die Worte schwerer. "Wir flohen zu den Sternen. Wurden Wanderer. Helfer. Damit so etwas nicht wieder geschehen sollte, wie es uns passierte." Weitere Bilder erschienen. Riesige Schiffe zwischen Galaxienarmen. Künstliche Strukturen größer als Raumstationen. Flüchtlingskonvois. "Doch wir sind zu wenige und das Universum zu groß."
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich wirklich klein. Nicht als Mensch. Nicht als Individuum. Sondern als Teil einer jungen Zivilisation, die glaubte, das Universum langsam zu verstehen, obwohl sie kaum die Oberfläche berührt hatte.
"Und die Alten?" fragte ich schließlich.
Der Schatten bewegte sich leicht. "Wir sind nicht so weit entwickelt wie sie. Nicht so viele, nicht so mächtig." Kurz flackerte um uns herum etwas auf. Strukturen. Gigantische Netzwerke. Räume, die sich falteten. Wurmlöcher. Torverbindungen. "Unsere Absichten ... sie passen nicht zueinander." Die Pause zwischen den Worten wirkte bewusst gesetzt. "Sie wollten uns festsetzen. Daran hindern andere Spezies zu beeinflussen. Doch wir beherrschen es, Wurmlöcher zu kreieren. Wir sind nicht auf die Sprungtore angewiesen."
Ich sah ihn lange an. "Seid ihr mit den Alten in einer Art ... Konflikt?"
"Keine kriegerische Auseinandersetzung, falls du das meinst." Die Antwort kam sofort. "Aber ja. Ein ideologischer."
Ich dachte an alles, was ich über das Alte Volk wusste. Isolation. Kontrolle. Beobachtung. Das Verhindern direkter Einmischung. Dann dachte ich an die Worte des Schattens. Helfer. Umsiedlungen. Versteckte Einflussnahme.
"Ihr helft weniger entwickelten Völkern", sagte ich langsam, "während die Alten sie isolieren, damit sie sich selbst entwickeln können."
"Ein kleiner, aber feiner Unterschied." Seine Stimme blieb neutral. "Selbst wir sind vorsichtig. Wir zeigen uns nie. Die Einmischung darf niemals in Kontamination enden."
Das Wort blieb in meinem Kopf hängen. Kontamination. Nicht kulturelle Dominanz. Nicht Herrschaft. Kontamination. Als hätte selbst dieses uralte wandernde Volk Angst davor, jüngere Spezies zu sehr zu verändern. Ich schwieg einige Sekunden und betrachtete die vorbeiziehenden Sterne. Mein Kopf fühlte sich überlastet an. Terraformer. Xenon. Die Alten. Won. Andere Galaxien. Wurmlöcher. Das Universum war plötzlich so viel größer geworden, dass selbst meine Vorstellungskraft nur noch mehr mühsam hinterherkam.
Dann stellte ich die Frage, die mir schon die ganze Zeit im Kopf herumspukte. "Wie heißt eure Spezies und wie seht ihr aus?"
Der Schatten wurde still. Vollkommen still. Dann antwortete er: "Das werde ich nicht preisgeben. Zu unserem Schutz."
Enttäuschung zog durch mich hindurch. Nicht feindselig. Eher bedrückend. Ich hätte dieses Rätsel nur zu gerne gelöst. Wer auch immer sie waren, sie hatten ganze Galaxien durchquert. Sie kannten die Won. Die Alten. Andere Sternennetze. Andere Spezies. Und trotzdem hatten sie Angst. Allein dieser Gedanke machte mir mehr Sorgen als alles andere zuvor.

"Gibt es denn keine Möglichkeit, die Won aufzuhalten?"
Die Frage hing zwischen uns, und ich spürte sofort, dass sie mehr war als Neugier. Sie war ein Reflex gegen etwas, das sich jeder einfachen Einordnung entzog. Der Schatten reagierte nicht sofort. Stattdessen begann sich die Umgebung erneut zu verändern. Der schwarze Raum, in dem wir schwebten, zog sich auseinander wie dünnes Glas. Linien aus Licht entstanden, krümmten sich und formten eine neue Szene. Ein Gasriese erschien vor mir, tiefblau, mit gewaltigen Wirbelstrukturen aus türkisfarbenem und weißem Gas. Seine Atmosphäre wirkte lebendig, als würde der Planet atmen. Und darauf bewegte sich ein Won. Langsam. Unaufhaltsam. Ohne erkennbare Absicht. Seine walzenartige Form glitt durch die oberen Atmosphärenschichten, während der Planet selbst ihn nicht abwehrte, sondern verschluckte, umformte, umarmte und gleichzeitig zerstörte. Der Schatten sprach, ohne mich anzusehen.
"Immer wenn ein Planet zerbirst und sich in kleinere Fragmente aufteilt, entstehen neue Won. Doch da Won weder Intelligenz noch Qualia oder Instinkt besitzen, kennen sie keinen Unterschied zwischen einem Planeten, einer Sonne, einem Gasriesen oder anderen gravitativen Objekten."
Ich beobachtete, wie der Won tiefer sank. Die Atmosphäre verdichtete sich. Blitze zuckten entlang seiner Oberfläche, ohne irgendeine Wirkung zu zeigen.
"Wenn die Won nicht mal einen Instinkt besitzen, wie können sie dann im Raum navigieren und ihre Ziele bestimmen?" fragte ich.
Der Schatten neigte leicht den Kopf, als würde ihm die Rolle eines Erklärenden tatsächlich entsprechen. Es war ein seltsamer Gedanke, dass eine Sonde überhaupt so etwas wie Zufriedenheit aus einer Funktion ziehen konnte.
"Das ist leicht zu erklären." Die Stimme blieb ruhig, analytisch, fast didaktisch. "Interne Stressverteilung im Kristallgitter, Reaktion auf Raumzeitkrümmung und Dichtegradienten im eigenen Körper können messbare Effekte von Sternen, Planeten und anderen massereichen Objekten erkennen, denn diese erzeugen minimale Gezeitenkräfte, gerichtete Spannungsfelder sowie Temperatur- und Strahlungsgradienten. Die Bewegung durch den Raum steuern Won nicht aktiv. Gravitation erzeugt Spannungen im Körper, Spannungen führen zu struktureller Umordnung, diese Umordnung verändert Masseschwerpunkt und Form, dadurch entsteht eine bevorzugte Drift. Das Ergebnis sieht aus wie Navigation, ist aber in Wahrheit Selbstorganisation unter externem Feldgradienten."
Ich sah zu, wie der Won weiter absank. Jetzt begann sich seine Struktur sichtbar zu verändern. Kristalline Bereiche verzogen sich, als würden sie gegen etwas Unsichtbares kämpfen. Dann erreichte er den Kernbereich des Gasriesen. Ein Moment völliger Stille. Dann brach die Struktur. Nicht explosionsartig. Sondern wie etwas, das unter seinem eigenen Gewicht seine innere Ordnung verlor. Der Won kollabierte, fragmentierte, wurde vom Druck des Planeten selbst zerquetscht und in sich selbst zurückgedrängt.
Ich schluckte. "Die Won unterscheiden keine Objekte im kognitiven Sinn", sagte ich leise. "Es gibt für sie keine Kategorien wie Planet, Sonne oder Schwarzes Loch."
"Korrekt." Diesmal klang es wie Zustimmung. "Und weil die Won keine Art von Bewusstsein, Qualia oder Instinkt besitzen, weichen sie nicht aus. Sie erkennen nicht. Und deshalb gibt es für sie auch keinen Tod im klassischen Sinn. Denn sie kennen keinen Schmerz, keine Selbsterhaltung, keine Gefahrenbewertung. Ein Won, der beispielsweise in ein Schwarzes Loch gerät, verhält sich nicht wie ein sterbendes Wesen, sondern wie ein Materialsystem, das in einen Bereich unlösbarer Spannungs- und Scherkräfte gelangt."
Ich ergänzte automatisch, ohne nachzudenken: "Die Won finden keine Welten. Sie verteilen sich einfach." Der Schatten schwieg kurz. "Das ist dann so etwas wie eine kosmische Rückkopplungsschleife. Die Won vermehren sich über Fragmentierung und planetare Destabilisierung. Ohne Limitierung würde ihre Menge exponentiell steigen, da jeder aktive Körper potenziell neue Fragmente erzeugt. Es ist eine physikalische Selektion."
Der Schatten sah mich an. Zum ersten Mal mit etwas, das fast wie Überraschung wirkte. "Deine Auffassungsgabe ist erstaunlich."
Ich ignorierte den Kommentar und beobachtete die nächsten Szenen, die sich vor uns entfalteten. Sonnen, die Won-Strukturen verbrannten. Ganze Regionen, in denen ein Won in einem Supernova-Ausstoß regelrecht atomar zerlegt wurde. Schwarze Löcher, die ihn auseinanderzogen, bis keine kohärente Struktur mehr existierte. Doch dann stoppte ich. Eine Szene blieb stehen. Ein Won bewegte sich über einen Gasplaneten und wurde nicht zerquetscht.
"Der hier wurde nicht zerquetscht", sagte ich.
Der Schatten folgte meinem Blick. "Dieser Gasriese hat keine so große Gravitation wie der andere. Deshalb ist dieser Won nur gefangen. Verdammt zu ewiger Untätigkeit." Er hielt kurz inne, als würde er die Aussage selbst überprüfen. Dann korrigierte er sich: "Nein, das ist inkorrekt. Die Atmosphäre würde über Äonen am Körper des Won arbeiten und ihn Schicht für Schicht abtragen, bis nichts mehr von ihm übrig ist."
Ich verschränkte gedanklich die Möglichkeiten. "Das heißt, je weniger Gravitation, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er aktiv weiter macht?"
"Nein." Die Antwort kam sofort, fast scharf. "Die Won können selbst Kerne von Gasriesen integrieren. Aber dazu müssen mehrere Dinge gegeben sein: Erstens, die Gravitation muss gering genug sein, dass er sich bewegen kann. Zweitens, der Kern eines Gasriesen muss fest sein. Es gibt auch dichte Kerne, die fluid oder plasmaartig sind. Drittens müssen feste Kerne reaktiv genug sein."
"Reaktiv genug?"
"Rau, porös, oder nenn es, wie du willst. Glatte Oberflächen lassen sich nicht integrieren."
Der Gedanke formte sich schneller, als ich ihn zurückhalten konnte. "Das bedeutet, wenn man eine homogene Struktur, etwa eine Dyson-Sphäre baut, dann könnte man einen Won einschließen."
Der Schatten bewegte seine Hand. Die Szene wechselte abrupt. Eine Dyson-Sphäre erschien. Perfekt. Glatt. Und gleichzeitig falsch. Sie lag in einem Trümmerfeld aus Asteroiden, Planetoiden und Staub. Keine sichtbaren Fehler, keine Risse, keine Schwachstellen.
"Diese Spezies hat ihr ganzes Sonnensystem abgebaut, um eine Dyson-Sphäre zu bauen. Leider waren sie noch nicht auf der durchschnittlichen Zivilisationsstufe, damit sie so etwas hätten vollbringen können. Und doch haben sie es geschafft. Ihr Fehler war jedoch, dass sie das einzelne Sprungtor der Alten innerhalb der Dyson-Sphäre positioniert haben. Dadurch wurden sie vom Alten Volk übersehen. Ein Won kam durch das Sprungtor. Die Zivilisation hatte keine Chance. Aber in ihrem Ende zerstörten sie das Sprungtor. Die Dyson-Sphäre war perfekt bearbeitet: keine Mikrorisse, keine Materialfehler. Für das Universum bedeutet das einen reaktiven Won weniger durch pures Glück."
Ich sah ihn direkt an. "Ich kann und will nicht glauben, dass Won unverwundbar sind."
"Sind sie nicht."
Die Szene änderte sich erneut. Ein Won driftete durch ein Asteroidenfeld, das von einer Supernova zerrissen worden war. Die Kräfte waren enorm. Materie schlug auf ihn ein, riss Strukturen auf, destabilisiert durch extreme Energieverteilung. Der Won zerfiel langsam.
Dann wechselte das Bild wieder. Eine Welt voller Leben. Die Kreaturen erinnerten mich vage an irdische Hasen, aber deformiert, angepasst an eine fremde Evolution. Vier Beine, zwei Arme, ein Horn auf der Stirn. Sie feuerten kinetische Waffen, Bombardements aus Projektilen und Druckwaffen. Der Won wurde getroffen. Immer wieder. Und begann sich aufzulösen.
"Man braucht Waffen, die bei den Won Materialinstabilität hervorrufen", echote ich schließlich.
Der Satz blieb in der Luft hängen. Nicht als Erkenntnis. Sondern als nüchterne Konsequenz eines Systems, das nicht durch Gewalt, sondern durch Struktur zerstört werden musste.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 53 - Unergründlich

Ich saß im Schneidersitz im Nichts. Oder zumindest in dem, was mein Verstand momentan als Nichts interpretierte. Mein linkes Bein lag über dem rechten, mein Ellenbogen ruhte auf dem Knie, und mein Kinn war zwischen Zeigefinger und Daumen meiner rechten Hand eingeklemmt. Während ich nachdachte, strich ich gedankenverloren über meinen Goatee. Er war während meines Aufenthalts auf Nif'Nakh etwas länger geworden. Nicht viel. Gerade genug, dass ich die Veränderung bemerkte. Die Haare waren weicher geworden, weniger akkurat als sonst. Eigentlich hätte ich ihn längst nachschneiden müssen. Noch mehr störten mich allerdings meine Kopfhaare. Sie waren inzwischen deutlich länger als gewöhnlich. Deshalb hatte ich sie zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden, der mir über den Hinterkopf fiel. Einige lose Strähnen hatten sich gelöst und schwebten nun leicht um mein Gesicht. Es war erstaunlich. Mein Körper lag bewusstlos auf der Brücke eines uralten Terraformer-Saatschiffes. Das Schiff befand sich mitten in einer Flucht aus dem Split-System Heim des Patriarchen. Split-Kriegsschiffe feuerten auf die Terraformerflotte. Irgendwo dort draußen befand sich möglicherweise meine einzige Chance, jemals nach Hause zurückzukehren. Und worüber dachte ich nach? Über meine Haare. Ich schnaubte leise. Menschen waren manchmal wirklich seltsame Wesen.
Vor mir schwebte der Schatten. Die Sonde. Der Helfer. Oder was auch immer dieses Wesen letztlich war. Seine Arme waren hinter dem Rücken verschränkt. Er hatte exakt meine Gestalt angenommen. Meine Größe. Meine Proportionen. Selbst die Haltung wirkte mittlerweile vertraut. Nur die Farbe blieb falsch. Tiefschwarz. Nicht dunkel. Nicht schattig. Schwarz. Als hätte jemand ein Loch in die Realität geschnitten und ihm meine Form gegeben. Während ich ihn betrachtete, kam mir ein Gedanke. Eigentlich war dies mein Geist. Mein Verstand. Mein Gedankenraum. Der Schatten manipulierte die Umgebung permanent. Er zeigte mir Welten. Sterne. Won. Galaxien. Warum sollte ich das nicht auch können? Ich konzentrierte mich. Zunächst geschah nichts. Dann begann die Sternenlandschaft um uns herum leicht zu flimmern. Farben erschienen. Blau. Türkis. Weiß. Der Raum verzog sich. Ein Planet entstand. Zuerst unscharf. Dann klar. Ozeane. Inseln. Kontinente. Gewaltige Wasserflächen. Ni'sha'la. Die Heimatwelt der Boronen. Der Planet schwebte vor uns in all seiner Schönheit. Die Meere reflektierten das Licht seiner Sonnen. Wolkenbänder zogen über die Atmosphäre. Selbst aus dieser Entfernung wirkte die Welt lebendig. Ich lächelte leicht. Es war nicht perfekt. Aber es funktionierte. Der Schatten betrachtete den Planeten. Dann mich. Seine Haltung wirkte tatsächlich irritiert.
"Die Heimatwelt der Boronen", sagte ich.
Der Schatten schwieg einen Moment. "Warum zeigst du mir das?"
Ich hob eine Augenbraue. "Weil die Boronen euch Helfer nennen."
Der Schatten bewegte sich nicht. "..."
"Und weil sie sich darüber im Klaren sind, dass ihr Aliens seid."
Zum ersten Mal seit Beginn unserer Unterhaltung verlor der Schatten seine stoische Ruhe. Sein Körper begann kurz zu wabern. Nicht stark. Nur genug, um zu zeigen, dass ihn meine Aussage getroffen hatte.
"Das ... passiert."
Ich starrte ihn an. Dann blinzelte ich. Langsam. "Das passiert?"
"Ja."
"Das ist deine Erklärung?"
"Ja."
Ich schloss kurz die Augen. Atmete tief durch. Öffnete sie wieder. "Das passiert."
"Ja."
Ich begann zu verstehen, warum manche Lehrer ihre Schüler manchmal gegen Wände schlagen wollten. Nicht weil die Schüler dumm waren. Sondern weil sie so intelligent waren, dass sie auf die einfachsten Antworten nicht kamen. Ich konzentrierte mich erneut. Vor mir entstand ein Tisch. Aus dunklem Holz. Massiv. Daneben ein einfacher Stuhl. Beides schwebte mitten im künstlichen Weltraum. Ich setzte mich. Lehnte mich nach vorne. Stützte beide Ellenbogen auf der Tischplatte ab. Dann legte ich mein Gesicht in beide Hände. Durch die gespreizten Finger hindurch betrachtete ich den Schatten. Meine Augen waren zu schmalen Schlitzen geworden. Der Schatten blickte zurück. Wahrscheinlich verstand er nicht einmal, warum ich ihn so ansah. Und genau das war das Problem.
"Also manchmal", begann ich langsam, "glaube ich wirklich, dass ihr sogenannten höher entwickelten Spezies manchmal dümmer seid als die, die ihr beschützen oder belehren wollt."
Der Schatten bewegte sich nicht. "Erkläre."
Natürlich. Natürlich wollte er eine Erklärung. Ich hob eine Hand und deutete auf Ni'sha'la. "Die Boronen wissen, dass ihr existiert."
Der Schatten nickte. "Ja."
"Die Boronen nennen euch Helfer."
"Ja."
"Die Boronen wissen, dass ihr nicht von ihrer Welt stammt."
"Ja."
"Die Boronen wissen, dass ihr technologisch weit überlegen seid."
"Ja."
Ich ließ die Hand sinken. "Dann habt ihr euch ihnen also gezeigt."
Der Schatten dachte kurz nach. "Indirekt."
"Indirekt."
"Ja."
"Wie indirekt?"
Er schien die Frage ernsthaft abzuwägen. "Wir haben Informationen hinterlassen."
Ich starrte ihn an. "Informationen."
"Ja."
"Die Informationen wurden gefunden."
"Ja."
"Und daraus schlossen die Boronen, dass ihr existiert."
"Ja."
Ich schlug mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. Nicht fest. Aber hörbar. Der Schatten beobachtete die Bewegung.
"Weshalb tust du das?"
"Weil ihr euch vor den Alten versteckt."
"Ja."
"Weil ihr angeblich jede Kontamination vermeiden wollt."
"Ja."
"Weil ihr nicht entdeckt werden wollt."
"Ja."
Ich zeigte auf ihn. "Dann hinterlasst ihr Informationen auf einer primitiven Welt."
"Ja."
Ich zeigte auf Ni'sha'la. "Die Bewohner finden sie."
"Ja."
"Sie geben euch einen Namen."
"Ja."
"Sie erzählen ihren Nachkommen von euch."
"Ja."
"Sie wissen bis heute, dass ihr existiert."
"Ja."
Ich schloss die Augen. Einige Sekunden lang sagte niemand etwas. Dann öffnete ich sie wieder.
"Und euch ist nie in den Sinn gekommen, dass das vielleicht eine Kontamination sein könnte?"
Der Schatten schwieg. Das erste Mal wirklich. Nicht eine Sekunde. Nicht zwei. Länger. Sein Körper stand vollkommen still.
Dann sagte er: "Die Wahrscheinlichkeit wurde als akzeptabel eingestuft."
Ich lachte. Es war kein fröhliches Lachen. Kein lautes. Nur ein kurzes, ungläubiges Ausatmen.
"Natürlich wurde sie das."
Der Schatten schwieg erneut. Ich begann langsam zu begreifen, wie fremd diese Wesen tatsächlich waren. Sie waren nicht emotionslos. Nicht kalt. Nicht arrogant. Zumindest nicht absichtlich. Aber sie betrachteten Dinge aus einer Perspektive, die so weit von meiner entfernt war, dass selbst offensichtliche Widersprüche ihnen manchmal nicht auffielen. Oder sie stuften sie anders ein. Für mich war es offensichtlich. Wenn eine ganze Spezies wusste, dass die Helfer existierten, dann hatten die Helfer bereits Einfluss genommen. Für die Helfer hingegen war vermutlich entscheidend, dass die Boronen keine Technologie erhalten hatten. Keine Waffen. Keine direkten Anweisungen. Keine gesellschaftliche Kontrolle. Vielleicht lag für sie genau dort die Grenze. Ich betrachtete erneut die Wasserwelt vor uns. Die blauen Ozeane glitzerten im Licht ihrer Sonne. Dann fiel mir etwas auf. Langsam richtete ich mich auf.
Der Schatten bemerkte die Veränderung sofort. "Du hast etwas erkannt."
Es war keine Frage. Ich nickte. "Ja."
Der Schatten wartete. Ich blickte zwischen ihm und Ni'sha'la hin und her. Dann fragte ich: "Die Alten wissen doch bereits von euch." Der Schatten reagierte nicht. "Und mir ist auch klar, warum ihr euch vor ihnen versteckt: Damit sie eurer nicht habhaft werden können." Noch immer keine Reaktion. "Aber woher wollt ihr wissen, dass sie nicht längst jeden eurer Schritte beobachten? Vielleicht reicht euer heimliches Vorgehen aus, damit sie erst auf Veränderungen aufmerksam werden, wenn es bereits zu spät ist und ihr schon wieder verschwunden seid. Aber ... könnten die Alten nicht irgendwann vorhersagen, wo ihr als Nächstes auftaucht?"
Zum ersten Mal seit unserer Begegnung antwortete der Schatten nicht sofort. Und genau das machte mir Sorgen.

Ich gestikulierte mit beiden Händen, während sich die gedankliche Landschaft vor mir stabilisierte. Die zuvor gezeigte Wasserwelt glitt zur Seite wie eine Schicht aus Glas, die von unsichtbarer Kraft verschoben wurde. Dahinter formte sich eine neue Welt, langsamer, dichter, fast schwerer in ihrer Präsenz. Ein gewaltiger, grün schimmernder Ozean spannte sich über den gesamten Planeten. Kein Land zeichnete sich klar ab, nur vereinzelt ragten kleine Inselketten aus der Oberfläche, wie zufällige Bruchstücke eines größeren Ganzen. Darüber lag eine gelbe Sonne, deren Licht nicht warm wirkte, sondern eher gedämpft, als würde es durch eine feine Schicht aus Staub oder Salz gefiltert werden. Die Atmosphäre selbst schien in Bewegung zu sein, mit dünnen, spiralförmigen Wolkenbändern, die sich langsam über den Planeten zogen. Ich ließ meinen Blick darüber schweifen, obwohl ich wusste, dass es kein echtes Sehen war. Es fühlte sich dennoch so an.
"Kennst du diese Welt?"
Der Schatten schwieg zunächst. Seine Form war unverändert, aber etwas in seiner Haltung hatte sich verschoben. Ein minimaler Versatz der Schultern, ein kaum wahrnehmbares Flackern in der Kontur. Unruhe, wenn man es überhaupt so nennen wollte.
Ich ließ die Stille nicht stehen. Ein einzelnes Wort genügte. "Wenendra."
Die Reaktion war unmittelbar. "Ihr könnt sie nicht kennen! Wir haben sie von ihrer Welt gerettet und umgesiedelt! In ein System, das mit keinem anderen Netzwerk verbunden ist!"
Ich hob langsam eine Augenbraue. Die Emotion im Raum war deutlich spürbar, auch wenn sie nicht klassisch transportiert wurde. Der Schatten hatte sich nicht bewegt, aber die Umgebung wirkte plötzlich gespannter, als würde der Raum selbst auf seine Worte reagieren.
Ich blieb ruhig. "War", korrigierte ich.
Der Schatten hielt inne. Ich ließ den Blick über die grün-gelbe Welt gleiten, die sich weiterhin langsam drehte.
"Sie selbst nennen den Planeten Wen. Vor ein paar Jahrzehnten haben sich die Torverbindungen wieder verändert, und das Wen-System, ich nenne es jetzt einfach mal so, wurde mit dem Königinnenreich der Boronen verbunden."
Der Schatten verharrte einen Moment zu lange. "Diese verdammten Alten ..."
Seine Stimme war nicht laut geworden, aber die Struktur seiner Erscheinung zeigte klare Instabilität. Kein emotionales Aufbrausen im menschlichen Sinn, eher eine Verschiebung in der inneren Ordnung, als hätte sich ein Regelwerk kurzzeitig widersprochen. Ich musterte ihn genauer. Diese Sondenstruktur war eindeutig mehr als ein reiner Datenverarbeiter. Zu kohärent in der Reaktion, zu zielgerichtet in der Abweichung. Kein klassisches Programm reagierte so auf Informationskollisionen. Es war eher ein System, das Bedeutung verarbeiten konnte, aber nicht vollständig kontrollierte, was es daraus machte.
Ich sprach weiter, ohne ihm die Gelegenheit zu geben, die Situation zu glätten. "Als die Boronen das System erkundeten, trafen sie auf die Wenendra."
Die Reaktion kam sofort. "Nein, das ist zu früh! Viel zu früh!"
Die Umgebung flackerte leicht. Die grünliche Ozeanoberfläche unter uns wirkte für einen Moment unruhig, als würde der gesamte Planet in seinem eigenen Bild kurz aus dem Gleichgewicht geraten. Ich ließ mich davon nicht stoppen.
"Die Wenendra hielten sie zuerst für euch. Für Götter."
Ein kurzer, kontrollierter Atemzug. Dann fügte ich hinzu, mit bewusst gesetzter Pause und einem schmalen, beinahe ironischen Zug um den Mund:
"Klingelt da was? So viel zum Thema Kontamination."
Der Schatten bewegte sich nicht sofort. Für einen Moment war nichts da außer dem leise pulsierenden Bild der Wasserwelt, deren Ozeane in unregelmäßigen Farben schimmerten, als würden chemische Reaktionen unter der Oberfläche stattfinden. Die Inseln wirkten nun kleiner, weniger stabil, als hätte die Erinnerung selbst die Geografie verändert.
Der Schatten sprach schließlich, langsamer als zuvor. "Das ist nicht vorgesehen."
Ich lehnte mich leicht zurück, die Hände nun locker auf der unsichtbaren Tischfläche abgelegt, die ich zuvor erzeugt hatte.
"Vorgesehen ist in diesem Kontext ein interessantes Wort." Der Schatten reagierte nicht sofort. Ich fuhr fort, während ich den Blick nicht von ihm nahm. "Ihr sprecht von Rettung. Von Isolation. Von Kontrolle. Aber eure eigenen Eingriffe haben genau das Gegenteil erzeugt. Ihr wolltet ein Volk schützen und habt es in eine Situation gebracht, in der es euch selbst für etwas Höheres hält."
Die Wasserwelt unter uns begann sich erneut zu verändern. Die gelbe Sonne wurde kurz von einer zweiten Lichtquelle überlagert, als würde ein alternatives Szenario berechnet werden. Ich bemerkte es, sagte aber nichts dazu.
Der Schatten sprach leiser. "Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Fehlinterpretation war gering."
Ich zog die Mundwinkel minimal nach unten. "Und trotzdem passiert sie." Ein kurzer Moment. Dann fügte ich hinzu: "Und jetzt erklär mir, warum ich dir glauben sollte, dass das hier eine Ausnahme ist und kein Muster."
Der Raum blieb still. Nur der grünliche Ozean bewegte sich weiter, gleichgültig gegenüber unserer Diskussion, während irgendwo tief darunter eine Zivilisation lebte, die ihre eigenen Götter falsch eingeordnet hatte.

Ich spürte, wie sich die Struktur meines Gedankenraums erneut verschob, noch bevor ich vollständig verstand, was ich gesagt hatte. Der Schatten reagierte nicht sofort auf meine letzten Worte. Stattdessen blieb er starr, während sich die Umgebung leicht auflöste, als hätte jemand die Schichten der Realität übereinander verschoben und dabei eine falsche Ebene getroffen. Der grünliche Ozean der Wenendra-Welt flackerte, wurde unscharf, dann wieder klar, aber nicht stabil. Farben verschoben sich gegeneinander, als würde das Bild selbst nach einer neuen Perspektive suchen. Ich atmete langsam aus.
"Aber ihr habt Glück", sagte ich schließlich und hob leicht die Hände, als würde ich die Diskussion damit etwas ausbalancieren wollen. "Die Boronen haben den Wenendra klar gemacht, dass das ein Irrtum ist und sie keine Götter sind."
Der Schatten bewegte sich minimal. Eine Art inneres Nachziehen seiner Form, als hätte sich ein Gedanke erst verzögert im System verteilt.
"Nichts desto trotz werden die Wenendra nun von den Boronen beeinflusst."
Ich legte den Kopf leicht schief. "Ist das schlimm? Schließlich habt ihr die Boronen auch beeinflusst."
Der Schatten reagierte schneller als zuvor. "Indirekt."
Seine Stimme hatte an Stabilität verloren. Nicht laut, aber instabil in der Struktur, als würden mehrere interne Prozesse gleichzeitig versuchen, denselben Satz zu formulieren.
Ich ließ mich davon nicht irritieren. "Aber die Boronen haben sich den Wenendra gezeigt."
Der Schatten verharrte. "Ja."
Ich spreizte leicht die Finger meiner rechten Hand, als würde ich Gedanken in einzelne Komponenten zerlegen. "Wo ist der Unterschied? Ihr habt den Boronen geholfen, sich zu entwickeln, habt ihnen Wissen gegeben, damit sie Technologie entwickeln konnten. Das machen die Boronen auch. Nur dass sie sich offen zeigen."
In diesem Moment spürte ich es wieder. Dieses Ziehen. Nicht physisch. Es war, als würde etwas in meinem Kopf kurz an einer inneren Schicht ziehen, die nicht mir gehörte. Erinnerungen, die nicht verschoben wurden, sondern extrahiert. Nicht brutal, eher wie ein präzises Herauslösen aus einem größeren Gewebe. Ich kniff die Augen kurz zusammen. Die Umgebung reagierte darauf. Der Ozean der Wenendra-Welt verschwand abrupt. Stattdessen entstand Wasser. Nicht als Oberfläche, sondern als Raum. Ich war unterhalb der Meeresoberfläche. Drucklos. Still. Die Zeit wirkte eingefroren, als hätte jemand den Fluss der physikalischen Abläufe angehalten. Vor mir erschien ein massiver Körper. Ein Wenendra. Er schwebte schräg über uns, ohne erkennbare Bewegung im klassischen Sinn, eher getragen von einer unsichtbaren Strömung, die keine Richtung hatte. Sein Körper erinnerte entfernt an einen Wal, wie ich ihn aus alten Terradaten kannte, aber die Proportionen waren anders. Massiver, aber eleganter in der Struktur. Die Haut war tief purpurn, durchzogen von unregelmäßigen lilanen Flecken, die wie lebendige Muster über seine Oberfläche wanderten. Es war kein statisches Muster, sondern ein sich langsam veränderndes Feld aus Farbzonen, als würde seine Biologie direkt auf Umweltparameter reagieren. Sechs große Flossen ragten symmetrisch aus seinem Körper, ergänzt durch zwei zusätzliche Rückenfinnen, die nicht zur Stabilisierung dienten, sondern offenbar zur komplexeren Bewegungssteuerung im Medium. Jede Bewegung war minimal, aber präzise, als würde der gesamte Körper in einem kontinuierlichen Zustand kontrollierter Anpassung existieren. An seiner oberen Schnauzenstruktur befand sich ein ausgeprägter Signalgeber. Ich erkannte ihn nicht sofort als Organ im klassischen Sinn. Er wirkte wie eine Mischung aus biologischer Struktur und funktionalem Resonanzkörper. Fein verzweigte, halbtransparente Strukturen pulsierten darin, und mit jeder dieser Pulsationen verschoben sich leichte Verzerrungen im umgebenden Wasserraum. In Kombination mit den beschriebenen Infraschallmustern ergab sich ein System, das nicht nur kommunizierte, sondern seine Umwelt aktiv modulierte. Wellen, Druck, vielleicht sogar lokale Feldänderungen. Ich konnte spüren, wie mein Verstand versuchte, das in bekannte Kategorien zu pressen, und daran scheiterte. Der Schatten stand neben mir, unverändert in seiner humanoiden Form, aber sein Fokus war vollständig auf diese Szene gerichtet.
"Der Unterschied ist ...", begann er. Seine Stimme war nun deutlich kontrollierter, aber nicht mehr ruhig. "... dass die Boronen bereit waren. Sie hatten sich körperlich bereits so weit entwickelt, dass sie von selbst Technologie entwickelt hatten."
Ich sah den Wenendra an. "Und die Wenendra?"
Der Schatten schwieg kurz. Ich spürte, wie er nach einer passenden Struktur suchte, nicht nach einem Wort. Die Pause war nicht leer, sondern gefüllt mit interner Verarbeitung. "Die Wenendra sind geistig auf einem so hohen Niveau, dass sie gewisse Dinge verstehen, ihnen aber Erfahrung und Kontext fehlen. Körperlich hingegen sind sie kaum mehr als Tiere."
Ich runzelte leicht die Stirn. "Warum diese große Differenz?"
"Sie hatten keine natürlichen Feinde auf ihrer Heimatwelt."
Mein Blick blieb auf dem schwebenden Wesen. "Die zerstört wurde?"
"Gewissermaßen."
"Details?"
"Nein."
Die Antwort kam sofort. Zu schnell. Ich ließ die Stille wirken. In meinem Kopf formte sich eine Lücke, die ich nicht füllen konnte, aber auch nicht ignorieren wollte. Diese Art von Informationsabriss war nie zufällig. Entweder fehlte Wissen tatsächlich oder es wurde aktiv segmentiert.
"Und da sie keine natürlichen Feinde hatten ..." Ich ließ den Satz offen hängen, bewusst unvollständig.
Der Schatten reagierte genau wie erwartet. "Es hatte für sie nie die Notwendigkeit bestanden, sich eilig weiterzuentwickeln."
Ich nickte langsam. "Aber sie entwickeln sich?"
"Langsam. Sehr langsam."
"Und die Boronen ...?"
"Haben um Äonen zu früh Kontakt aufgenommen. Die Wenendra haben nicht die Eigenart, sich körperlich stark zu verändern. Ihre Stärke ist ihr Geist."
Ich verschränkte die Hände vor mir. "Das bedeutet?"
"Ihre Sinne. Ihr Lichtgeber. Wir antizipierten, dass sie diesen mit der Zeit weiterentwickeln würden. Aber da sie unter keinem Druck standen, würde das eine undefinierbare Zeitspanne dauern. Die Wenendra sind zwar durch und durch pazifistisch, aber genau das macht sie anfällig. Deshalb sind wir auf der Suche nach einem Druckmittel."
Ich hob langsam den Blick. "Druckmittel?"
"Einen Feind. Bisher haben wir keinen passenden gefunden."
Ich starrte ihn an. Einen Moment lang war mein Gesicht vollständig leer.
Dann setzte er nach: "Keine Sorge. Kein Wesen, das den Wenendra gefährlich werden könnte."
Ich schüttelte langsam den Kopf. "Weder die Helfer noch das Alte Volk scheinen etwas von Nichteinmischung gehört zu haben."
Der Schatten reagierte ohne Zögern. "Hätten wir uns nicht eingemischt ... gäbe es manche Völker nicht mehr."
Ich hielt seinen Blick. "Oder nicht in der Form, wie wir sie kennen."
"Korrekt."
Der Satz fiel ohne emotionale Gewichtung, aber genau das machte ihn schwerer als alles zuvor. Ich dachte an die Split. An die Boronen. An die Argonen. An die Eingriffe, die Kriege verhindert oder verschoben hatten. Dann dachte ich daran, wie schnell ein anderes Eingreifen alles wieder hätte kippen können. Und schließlich daran, dass jede dieser Interventionen auf einer einzigen Annahme beruhte: Dass jemand wusste, was „besser“ war.

Ich hielt mir die Schläfen fester, während sich der Raum um mich erneut stabilisierte. Die vorherige Unterwasser-Szene war verschwunden, aber die Nachwirkungen blieben als leichtes Flimmern im visuellen Randbereich bestehen, als hätte mein Gehirn Schwierigkeiten, die Ebenen sauber voneinander zu trennen. Der Schatten stand unverändert vor mir. Seine Form wirkte ruhiger als zuvor, aber diese Ruhe war nicht Entspannung, sondern eine Art kontrollierte Dichte, als hätte er mehrere gedankliche Prozesse gleichzeitig abgeschlossen und nun in eine einzige Struktur komprimiert.
Ich atmete langsam durch. "Und wie sollten sich die Wenendra weiter entwickeln?"
Meine Stimme klang in diesem Raum ungewöhnlich direkt, fast roh im Vergleich zu den vorherigen theoretischen Schichten. Ich massierte meine Schläfen, während ich sprach. Der Druck hinter meinen Augen war konstant geworden, ein dumpfes, elektrisches Ziehen, das sich nicht eindeutig lokalisieren ließ.
Der Schatten reagierte sofort. Seine Stimme veränderte sich in ihrer Struktur, wurde länger, technischer, weniger dialogisch und stärker beschreibend.
"Unter rein interner evolutionärer Dynamik könnte sich langfristig eine Form hochpräziser Fernwirkung herausbilden, die extern als telekineseähnlich interpretiert werden würde, tatsächlich jedoch vollständig auf physikalisch vermittelten Prozessen beruht. Dazu zählen drei denkbare, jedoch nicht zwingend eintretende Entwicklungen: eine verstärkte elektromagnetische Fernmanipulation über bioelektrische Felder, eine hochgradig verfeinerte hydrodynamische Fernsteuerung durch kontrollierte Druck- und Strömungsfelder sowie eine Erweiterung des Signalgebersystems hin zu biolumineszenten oder chemisch stabilisierten Feldkopplungen im lokalen Umfeld. Diese Möglichkeiten sind evolutiv konsistent, setzen jedoch eine langfristige Spezialisierung auf Umweltkontrolle statt auf biologische oder technische Werkzeugbildung voraus. Historisch betrachtet ist jedoch zu berücksichtigen, dass dieser potenzielle Entwicklungspfad nicht isoliert verläuft."
Er hielt kurz inne. Nicht wie jemand, der nachdenkt, sondern wie ein System, das seine Ausgabe strukturiert. "Der frühzeitige Kontakt mit den technologisch überlegenen, jedoch ethisch orientierten externen Zivilisation der Boronen verändert die Selektionsbedingungen der Wenendra erheblich. Durch die potentielle Bereitstellung strukturierter Technologiezugänge wird ein Teil jener evolutionären Notwendigkeit zur autonomen Entwicklung komplexer Umweltmanipulation abgeschwächt oder in andere Bahnen gelenkt. Insbesondere die externe Unterstützung bei Kommunikation, Infrastruktur und Wissenszugang reduziert den Druck, eigene physikalische Feldmanipulationen zu hochentwickelten biologischen Ersatzsystemen weiterzuentwickeln."
Ein kurzes, exakt getaktetes Schweigen folgte. "Damit wird der ursprünglich denkbare evolutionäre Pfad hin zu ausgeprägten Fernmanipulationsfähigkeiten nicht zwangsläufig ausgelöscht, jedoch in seiner zeitlichen Dynamik verschoben und möglicherweise teilweise überlagert. Statt einer rein biologisch getriebenen Ausprägung könnte sich eine hybride Entwicklung ergeben, in der externe Technologie und interne sensorische Feldwahrnehmung miteinander verschmelzen. Die Wenendra bleiben damit ein Beispiel für eine Spezies, deren evolutionäre Zukunft weniger durch interne Notwendigkeit als durch externe ethische und technologische Interventionen geprägt wird."
Ich ließ die Hände sinken und lehnte mich minimal zurück. Der Raum fühlte sich dichter an, obwohl sich visuell nichts verändert hatte. Es war eher ein kognitives Gewicht, das sich über jede neue Information legte.
"Mit einfacheren Worten", sagte ich schließlich, "ohne fremden Einfluss hätten die Wenendra rein biologisch eine physikalisch erklärbare Telekinese entwickeln können – entweder durch bioelektrische Magnetfelder, präzise Wasserströmungen oder chemische Lichtsignale. Oder alles zusammen. Da sie jedoch früh auf die hochentwickelten, freundlichen Boronen trafen, die ihnen wahrscheinlich fertige Technologie und Wissen geben, fällt dieser evolutionäre Entwicklungsdruck weg. Die rein biologische Fernmanipulation verzögert sich daher; stattdessen verschmelzen ihre Sinne mit fremder Technik zu einer hybriden Entwicklung, deren Zukunft von außen geprägt wird."
Ich hielt kurz inne, während ich den Schatten beobachtete. Dann fügte ich hinzu: "Und damit werden die Wenendra abhängig von den Boronen."
Der Schatten reagierte ohne Verzögerung. "Das heißt, wenn die Boronen den Wenendra helfen, dann sehen sie sich selbst in den Wenendra. Denn die Boronen wurden früher selbst von uns unterstützt, sie nennen uns nur Helfer. Aber sie hatten nie Kontakt zu uns. Daher sehen sich die Boronen selbst als Helfer. Sie wollen das, was ihnen widerfahren ist, auch anderen geben, auch wenn das den Wenendra auf lange Sicht schadet, was die Boronen nicht erkennen. Quasi ein sich selbst verstärkender Kreis."
Ich lachte kurz, aber ohne jede Wärme. Es war ein trockener, fast reflexartiger Laut. "Das könnte man als generationales Helfer-Syndrom auf interstellarer Ebene bezeichnen."
Der Schatten schnaubte. Das Geräusch war nicht biologisch, eher eine modulierte Entladung im Feldraum, die eine Art Ablehnung oder Unzufriedenheit transportierte. "Indem die Boronen die Wenendra unterstützen, reinszenieren sie unbewusst ihre eigene Schöpfungs- und Entwicklungsgeschichte. Da sie den Helfern – uns – nie danken oder direkt antworten konnten, kanalisieren sie diese Dankbarkeit und Schuld emotional nach unten – an die Wenendra."
Ich wollte etwas einwerfen, hob leicht die Hand. "Für die Boronen ist das ein Akt purer, empathischer Logik: Uns wurde bedingungslos gegeben, also müssen wir bedingungslos weitergeben."
Der Schatten ignorierte meinen Einwurf vollständig. Seine Struktur verdichtete sich leicht, als würde er den Fokus enger ziehen. "Der blinde Fleck der Boronen ist dabei so monumental wie tragisch. Ihre tief sitzende chemische Empathie und ihr Harmoniebedürfnis verwehren ihnen den Blick auf die brutale Wahrheit: Sie stehlen den Wenendra die evolutionäre Unabhängigkeit. Indem sie das Leid der langsamen, harten Eigenentwicklung lindern wollen, kastrieren sie das biologische Potenzial der Wenendra – die physikalische Fernmanipulation – und zwingen sie auf einen technologischen Pfad, der gar nicht ihrer Natur entspricht."
Ich schwieg. Der Satz hing im Raum wie ein schweres, instabiles Objekt. Der Gedankenraum war still geworden, aber nicht ruhig. Eher so, als würde er auf eine Entscheidung warten, die noch nicht formuliert worden war.

"Sieh es doch einmal aus der Perspektive der Alten", sagte ich und ließ meine Hand langsam durch das stillstehende Wasser gleiten, das uns umgab. Obwohl wir uns nicht wirklich unter Wasser befanden, fühlte es sich erstaunlich echt an. Das grünblaue Licht der fremden Welt fiel in langen, schimmernden Bahnen durch die Tiefe. Es brach sich an den gewaltigen Körpern der Wenendra, die lautlos durch die endlose Weite glitten. Ihre purpurne Haut reflektierte das Licht wie polierter Stein, während die dunkleren Flecken auf ihren Flanken Muster bildeten, die fast künstlich wirkten. Riesige Schwärme kleiner Lebewesen bewegten sich zwischen ihnen hindurch wie lebendige Wolken. Der Schatten antwortete nicht. Ich hatte inzwischen gelernt, dass sein Schweigen selten Zustimmung bedeutete. Meistens dachte er nach. Oder er suchte nach einer Antwort, die seinen eigenen Überzeugungen nicht widersprach.
"Die Alten isolieren Spezies voneinander. Ihr helft ihnen. Auf den ersten Blick klingt eure Methode besser. Freundlicher. Mitfühlender. Moralischer." Der Schatten blieb regungslos. "Aber die Wenendra sind das perfekte Gegenbeispiel." Ich deutete auf einen der gewaltigen Organismen über uns. "Sie wurden von euch gerettet."
"Ja."
"Ihr habt sie umgesiedelt."
"Ja."
"Ihr habt ihnen einen sicheren Planeten gegeben."
"Ja."
"Und jetzt?" Der Schatten schwieg. "Jetzt stehen sie vor genau dem Problem, das die Alten vermutlich verhindern wollten."
Seine Konturen flackerten leicht. Ich bemerkte es sofort. Getroffen. Nicht überzeugt. Aber getroffen.
"Die Boronen sind nicht böse. Ganz im Gegenteil. Wahrscheinlich gehören sie zu den freundlichsten Spezies, die ich kenne."
Ich musste unwillkürlich an Ni'sha'la denken. An die schimmernden Städte. An die ruhigen Stimmen. An die nahezu absurde Freundlichkeit, mit der Boronen selbst Fremden begegneten.
"Und trotzdem beeinflussen sie die Wenendra bereits jetzt. Nicht weil sie es wollen. Nicht weil sie sie beherrschen wollen. Sondern weil sie gar nicht anders können." Der Schatten verschränkte die Arme fester hinter seinem Rücken. "Ein Kontakt zwischen zwei intelligenten Spezies verändert immer beide Seiten."
"Weshalb wir vorsichtig sind."
"Nein." Zum ersten Mal unterbrach ich ihn direkt. Der Schatten verstummte. "Nicht vorsichtig genug."
Sein schwarzes Gesicht besaß keine Augen. Keine Pupillen. Keine Mimik. Und dennoch hatte ich das Gefühl, dass er mich anstarrte. "Die Boronen haben die Wenendra beeinflusst."
"Ja."
"Ihr habt die Boronen beeinflusst." Stille. "Und wer hat euch beeinflusst?"
Jetzt bewegte sich der Schatten. Langsam. Fast unmerklich. "Unsere Heimatwelt wurde zerstört."
"Das beantwortet die Frage nicht."
Wieder Schweigen. Ich seufzte. Die Kopfschmerzen waren inzwischen stärker geworden. Nicht unerträglich. Aber konstant. Ein dumpfer Druck hinter meinen Augen. Als würde jemand von innen gegen meinen Schädel drücken. Vielleicht lag es daran, dass die Sonde weiterhin mit meinem Geist verbunden war. Vielleicht lag es an den Informationen. Vielleicht an beidem. Ich massierte erneut meine Schläfen.
"Verstehst du nicht, worauf ich hinaus will?"
"Erkläre es."
Natürlich. Der Lehrer wollte plötzlich Schüler spielen. Ich konnte mir ein trockenes Lachen nicht verkneifen.
"Jede Spezies glaubt, sie wisse, was das Beste für andere Spezies ist." Der Schatten reagierte nicht. "Die Alten glauben das." Stille. "Ihr glaubt das." Stille. "Die Boronen glauben das."
Diesmal zuckte er. Nur minimal. Aber genug. "Weißt du, was das Problem ist?"
"Nein."
"Alle liegen gleichzeitig richtig und falsch."
Die Umgebung um uns herum begann sich unbewusst zu verändern. Nicht durch den Schatten. Durch mich. Das bemerkte ich erst, als die Wasserwelt langsam verschwand. Die Ozeane lösten sich auf. Die Wenendra verblassten. Die Sterne kehrten zurück. Schwarzer Raum. Leuchtende Nebel. Ferne Sonnen. Mein Gedankenraum reagierte mittlerweile auf meine Emotionen. Auf meine Konzentration. Auf meine Vorstellungen. Offenbar hatte die Sonde mir unbeabsichtigt gezeigt, wie man diesen Ort formte.
"Die Alten isolieren Völker, damit sie sich selbst entwickeln." Ich hob einen Finger. "Ihr helft Völkern, damit sie überleben." Ein zweiter Finger. "Die Boronen helfen anderen Völkern, weil ihnen selbst geholfen wurde." Ein dritter Finger. "Drei völlig unterschiedliche Methoden." Der Schatten beobachtete mich. "Wahrscheinlich entstanden alle drei aus guten Absichten." Er schwieg weiterhin. "Dann stellt sich die eigentliche Frage."
"Welche?"
"Woher wollt ihr wissen, dass eure Hilfe besser ist als Isolation?"
Zum ersten Mal seit langer Zeit antwortete der Schatten nicht sofort. Die Sekunden vergingen. Vielleicht sogar Minuten. Hier war Zeit ohnehin bedeutungslos.
Schließlich sagte er: "Wir wissen es nicht."
Ich blinzelte. Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. "Was?"
"Wir wissen es nicht."
Seine Stimme klang unverändert. Nüchtern. Sachlich. Fast emotionslos. Und gerade deshalb wirkte die Aussage erstaunlich ehrlich.
"Wir glauben lediglich, dass Untätigkeit schlimmer wäre."
Ich runzelte die Stirn. Der Satz blieb in meinem Kopf hängen. Untätigkeit. Schlimmer. Ich dachte an die Boronen. An die Split. An die Argonen. An die Terraformer. An die Xenon. An die Wenendra. An Nif'Nakh. An die Toten. An die Lebenden. An all die Entscheidungen, die ich selbst getroffen hatte. Manche davon erst vor wenigen Stunden. Oder was hier als Stunden durchging. Ich hatte eine ganze Terraformerflotte aktiviert. Ich hatte Schiffe zerstören lassen. Andere in den Weltraum geschickt. Ich hatte Split getötet. Vielleicht Hunderte. Vielleicht Tausende. Ohne darüber nachzudenken. Ohne die Konsequenzen wirklich abzuschätzen. Mein Magen zog sich zusammen. Der Schatten beobachtete mich weiterhin.
"Du zweifelst."
"Natürlich zweifle ich." Die Worte kamen schärfer heraus, als beabsichtigt. "Ich habe keine Ahnung, ob das, was ich getan habe, richtig war."
"Und dennoch hast du gehandelt."
Ich verzog das Gesicht. Leider hatte er recht. "Das ist etwas anderes."
"Ist es das?"
Ich öffnete den Mund. Dann schloss ich ihn wieder. Verdammt. Ich hasste es, wenn jemand recht hatte. Noch mehr hasste ich es, wenn diese Person keine Person war. Eine Sonde. Ein künstliches Wesen. Oder was auch immer er tatsächlich war.
"Vielleicht", murmelte ich.
Der Schatten nickte langsam. "Die meisten Entscheidungen werden getroffen, bevor alle Informationen vorliegen."
"Das macht sie nicht besser."
"Nein." Erneut überraschte mich seine Antwort. "Es macht sie lediglich unvermeidlich."
Ich starrte ihn an. Zum ersten Mal fragte ich mich ernsthaft, wie alt diese Sonde sein musste. Wie viele Welten sie gesehen hatte. Wie viele Spezies. Wie viele Aussterben. Wie viele Rettungen. Wie viele Fehlschläge. Vielleicht sprach aus ihr keine Weisheit. Vielleicht sprach einfach Erfahrung. Unvorstellbar viel Erfahrung.
"Weißt du", sagte ich schließlich, "das macht die Sache nicht gerade einfacher."
"Das war nicht meine Absicht."
Ich lachte trocken. "Ehrlich gesagt glaube ich langsam, dass niemand in diesem Universum wirklich weiß, was er tut."
Der Schatten dachte einen Moment nach. Dann sagte er: "Das ist eine erstaunlich präzise Zusammenfassung der galaktischen Geschichte."
Für einen Augenblick musste ich tatsächlich lachen. Ein echtes Lachen. Kurz. Müde. Fast erschöpft. Aber echt. Die Sterne um uns herum glitzerten in der Dunkelheit. Milliarden von Sonnen. Milliarden von Welten. Milliarden von Geschichten. Und irgendwo da draußen kämpfte mein bewusstloser Körper vermutlich noch immer ums Überleben. Der Gedanke traf mich plötzlich wie ein Schlag. Mein Lächeln verschwand. Sofort. Ich richtete mich auf.
"Moment."
Der Schatten legte den Kopf schief. "Was?"
"Mein Körper."
"Ja?"
"Der liegt immer noch auf der Brücke."
"Ja."
Mir wurde kalt. Obwohl Kälte hier eigentlich unmöglich sein sollte. "Das Schiff wird immer noch beschossen."
"Ja."
"Und dieses Gespräch hier läuft die ganze Zeit?"
"Ja."
Ich starrte ihn an. "Dann sollten wir vielleicht aufhören über Philosophie zu reden und herausfinden, ob ich überhaupt noch lebe."
Zum ersten Mal seit unserer Begegnung glaubte ich, so etwas wie Belustigung in den Bewegungen des Schattens zu erkennen.
"Eine nachvollziehbare Prioritätenverschiebung."

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 54 - Erwartungen

Ich starrte den Schatten an, während seine letzten Worte in meinem Kopf nachhallten. Irgendwo außerhalb dieses seltsamen Gedankenraums tobte vermutlich noch immer eine Raumschlacht. Mein Körper lag bewusstlos auf der Brücke eines uralten Terraformer Saatschiffes, während Split-Kriegsschiffe, planetare Verteidigungsanlagen und wer wusste was noch alles versuchten, die aufsteigende Flotte zu vernichten. Vernünftig wäre es gewesen, mich ausschließlich darauf zu konzentrieren. Doch Vernunft und Neugier hatten sich in meinem Leben noch nie besonders gut verstanden. Ich fuhr mir mit einer Hand über das Gesicht. Die Bartstoppeln meines inzwischen etwas zu lang gewordenen Goatees kratzten an meinen Fingern. Der hohe Pferdeschwanz hing mir über die Schulter, als ich den Kopf leicht schräg legte und den Schatten musterte. Etwas störte mich. Nicht nur ein wenig. Etwas Grundsätzliches. Etwas, das seit unserer ersten Begegnung nicht zusammenpasste.
"Wie bist du eigentlich in das Terraformerschiff gelangt?"
Der Schatten reagierte sofort. Offenbar war die Frage unkomplizierter als die Diskussion über Ethik, Isolationismus, die Alten oder die Zukunft ganzer Spezies.
"Die Sonde hatte den Auftrag, unkartografierte Welten zu untersuchen und festzustellen, ob sich dort etwas von Interesse für uns befindet."
Während er sprach, begann sich die Dunkelheit um uns herum zu verändern. Sterne erschienen. Nebel. Planetensysteme. Dann sah ich Nif'Nakh. 1Die Welt hing unter uns wie ein riesiger grünroter Ball. Dichte Wolkenschichten zogen über Kontinente hinweg. Gebirge warfen lange Schatten. Ozeane glitzerten im Licht ihrer Sonne. Das Bild wirkte nicht wie eine Erinnerung. Es wirkte wie eine Aufzeichnung. Als würde ich die Ereignisse direkt durch die Sensoren der Sonde erleben. Ein winziger Lichtpunkt erschien am Rand des Systems. Ein bläulich schimmernder Riss entstand im Raum. Kein Sprungtor. Kein Sprungantrieb. Kein mir bekanntes System. Der Raum selbst schien auseinandergezogen zu werden. Eine kreisförmige Verzerrung entstand. Dann glitt etwas hindurch. Die Sonde. Sie war deutlich kleiner, als ich erwartet hatte. Keine gigantische Konstruktion. Kein monumentales Schiff. Eher ein schlanker, silbrig schimmernder Körper von vielleicht einigen Metern Länge. Ihre Oberfläche war glatt. Fast organisch. Ohne sichtbare Waffen. Ohne Geschütztürme. Ohne Sensoranlagen, wie ich sie von normalen Schiffen kannte. Sie wirkte beinahe zerbrechlich.
"Als die Sonde das künstliche Wurmloch verließ und in den Orbit von Nif'Nakh eintrat, waren die Terraformer bereits vor Ort."
Sofort änderte sich die Szene. Dutzende gewaltige Signaturen erschienen. Die Terraformerflotte. Selbst in dieser Erinnerung wirkte sie beeindruckend. Die uralten Schiffe schwebten im Orbit. Manche waren bereits beschädigt. Andere funktionierten noch. Ihre Sensoren tasteten unablässig die Umgebung ab. Ich sah, wie mehrere Erfassungsstrahlen die Sonde trafen. Sekunden später reagierten die Terraformer. Die Sonde wurde von mehreren Feldern erfasst. Ihre Bewegung stoppte. Dann wurde sie förmlich aus dem Raum gezogen. Direkt in eines der Schiffe hinein.
"Sie scannten die Sonde, holten sie an Bord und schlossen sie im Eindämmungsfeld ein."
Die Umgebung wechselte erneut. Jetzt sah ich das vertraute blaue Leuchten. Das Kraftfeld. Die aufgerissene Wand. Die Stelle auf der Brücke. Der Ort, an dem ich die Sonde zum ersten Mal gesehen hatte. Oder genauer gesagt: Den Ort, an dem ich ihren Gefängnisraum gesehen hatte. Die schwarze Gestalt neben mir blickte ebenfalls auf die Szene. Für einen Moment betrachteten wir beide dieselbe Erinnerung.
"Warum hat sich die Sonde nicht gewehrt?"
Die Antwort kam sofort. "Die Sonde besitzt keine Waffen."
Ich runzelte die Stirn. Das passte. Irgendwie. Und gleichzeitig passte es überhaupt nicht. Eine Spezies, die durch Galaxien reiste. Die Wurmlöcher erschaffen konnte. Die Welten beobachtete. Die andere Völker beeinflusste. Und deren Sonden waren unbewaffnet? Das erschien mir absurd. Der Schatten schien meine Gedanken zu bemerken.
"Zudem gingen wir davon aus, dass die Schiffe eine Besatzung hätten."
"Menschen."
"Das war die wahrscheinlichste Annahme."
Ich nickte langsam. Das ergab tatsächlich Sinn. Die Terraformer waren von Menschen gebaut worden. Zumindest ursprünglich. Vor dem Xenon-Update. Vor allem, was danach gekommen war.
"Eine weitere Möglichkeit zu studieren und zu warnen."
Bei diesem Wort hob ich den Kopf. "Warnen?"
Der Schatten nickte. "Vor den Won."
Ich verzog nachdenklich das Gesicht. Natürlich. Für ihn ergab das vollkommen Sinn. Seine Spezies hatte ihre Heimatwelt verloren. Die Won waren der Grund gewesen. Wenn irgendwo intelligente Lebewesen existierten, wollten die Helfer offenbar sicherstellen, dass diese wussten, was ihnen drohte. Nicht erst, wenn ein Won bereits auf ihrem Planeten landete. Sondern lange vorher.
Ich verschränkte die Arme. "Macht Sinn."
Dann fiel mir etwas auf. Etwas, das mich schon die ganze Zeit störte. Eine sprachliche Kleinigkeit. Aber gerade solche Kleinigkeiten verrieten oft die größten Geheimnisse. Ich zeigte mit dem Finger auf ihn.
"Wieso sagst du eigentlich ständig 'die Sonde'?"
Der Schatten reagierte nicht. Also fuhr ich fort.
"Du sagst nie 'ich'."
Jetzt wurde er still. Wirklich still. Nicht dieses übliche Nachdenken. Nicht dieses kalkulierte Schweigen. Etwas anderes. Fast wirkte es vorsichtig.
"Wieso sagst du immer wieder 'die Sonde'?" fragte ich erneut. "Bist du nicht die Verkörperung der Sonde?"
Der Schatten betrachtete mich. Lange. Regungslos. Seine vollkommen schwarze Gestalt absorbierte das Licht der Sterne um uns herum. Es war ein merkwürdiger Anblick. Als hätte jemand ein Loch in die Realität geschnitten. Dann antwortete er.
"Die Sonde ist nur eine Maschine."
Ich blinzelte. "Was?"
"Eine hoch entwickelte Maschine. Aber trotzdem nur eine Maschine."
Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich vielleicht eine vollkommen falsche Vorstellung gehabt hatte.
"Moment." Ich hob beide Hände. "Moooment."
Der Schatten wartete.
"Wenn du nicht die Sonde bist..." Ich ließ den Satz offen.
"Im Inneren der Sonde befindet sich ein Mikrowurmloch."
Mein Herzschlag beschleunigte sich. "Ein was?"
"Ein stabiles Mikrowurmloch."
Die Umgebung um uns herum veränderte sich erneut. Jetzt sah ich das Innere der Sonde. Schichten aus Material. Unbekannte Technologien. Energiekanäle. Komplexe Strukturen. Und im Zentrum... Etwas. Ein winziger schwarzer Punkt. Kleiner als ein Sandkorn. Doch die Realität darum herum war verzerrt. Licht bog sich. Raum krümmte sich. Selbst die Farben wirkten falsch. Als würde mein Gehirn Schwierigkeiten haben, das Gesehene korrekt darzustellen.
"Dadurch können wir mit anderen kommunizieren."
Ich starrte auf das winzige Objekt. "Durch das Wurmloch?"
"Ja."
"Mit wem?"
"Mit uns."
Mein Mund öffnete sich langsam. Dann schloss er sich wieder. Dann öffnete er sich erneut.
"Moment." Der Schatten wartete geduldig. "Moooment."
Ich deutete auf ihn. "Du bist gar nicht die Sonde."
"Nein."
"Du bist auch keine künstliche Intelligenz."
"Nein."
"Du bist nicht das Betriebssystem."
"Nein."
"Nicht die Steuerung."
"Nein."
"Nicht die Persönlichkeit der Sonde."
"Nein."
Langsam begann sich ein völlig neues Bild zusammenzusetzen. Die einzelnen Puzzleteile rasteten ineinander. Und je mehr ich verstand, desto absurder wurde die ganze Sache.
"Du bist..."
Ich verstummte. Der Schatten nickte leicht.
"Ich kommuniziere mit dir durch die Sonde."
Mir wurde plötzlich einiges klar. Sehr vieles sogar. Die Sonde war niemals ein intelligentes Wesen gewesen. Nicht wirklich. Sie war ein Kommunikationsgerät. Ein Beobachtungsinstrument. Ein Sensor. Eine Plattform. Das eigentliche Bewusstsein befand sich irgendwo anders. Irgendwo unfassbar weit entfernt. Vielleicht auf einem Planeten. Vielleicht auf einem Schiff. Vielleicht in einer anderen Galaxie. Vielleicht in einer Region des Universums, deren Existenz ich mir nicht einmal vorstellen konnte. Ich starrte den Schatten an. Langsam. Ungläubig. Fasziniert. Und ehrlich gesagt auch ein wenig beunruhigt.
"Das heißt..." Ich musste den Gedanken erst zu Ende formulieren. "... während wir hier reden..."
"Ja."
"... sitzt das echte Du irgendwo anders?"
"Wahrscheinlich."
"Wahrscheinlich?"
"Die Entfernung spielt keine Rolle."
Ich schüttelte den Kopf. Nein. Für ihn vielleicht nicht. Für mich schon. Sehr sogar. Denn plötzlich wurde mir klar, dass ich die ganze Zeit nicht mit einer Maschine gesprochen hatte. Nicht mit einer künstlichen Intelligenz. Nicht mit einem Programm. Nicht mit einer Projektion. Sondern mit einem echten Mitglied einer uralten außerirdischen Spezies. Einer Spezies, die zwischen Galaxien wanderte. Vor den Alten verborgen blieb. Wurmlöcher erschuf. Won beobachtete. Und ganze Zivilisationen beeinflusste. Ich starrte ihn noch einige Sekunden an. Dann rieb ich mir langsam über die Augen.
"Also ehrlich..." Der Schatten wartete. "... mein Leben war deutlich einfacher, bevor ich das alles wusste."

Ich ließ die Schultern hängen und starrte in die Schwärze des künstlichen Himmels über uns. Der Gedankenspeicher, die Simulation oder was auch immer dieser Ort war, reagierte inzwischen fast so selbstverständlich auf meine Vorstellungen wie ein Arm auf einen Bewegungsimpuls. Die Sterne wirkten fern und gleichzeitig greifbar. Zwischen ihnen zogen schwache Nebelschleier aus blauem, violettem und silbrigem Licht dahin. Sie erinnerten mich an die Aufnahmen großer astronomischer Observatorien, die ich früher stundenlang betrachtet hatte. Damals. Als mein Leben noch aus Nahrungsmittellaboren, medizinischen Berichten und Geschäftsplänen bestanden hatte. Damals. Ein seltsames Wort. Als wären nur wenige Jahre vergangen und gleichzeitig mehrere Leben. Ich stieß langsam die Luft aus.
"Ich wollte doch bloß meine Nahrungsmittelunverträglichkeit kompensieren, indem ich Flora und Fauna suchte, die ich gefahrlos zu mir nehmen kann."
Der Schatten sagte nichts. Er hörte einfach zu. Vielleicht war das seine Aufgabe. Vielleicht hatte er erkannt, dass ich gerade nicht wirklich mit ihm sprach. Sondern mit mir selbst. Die Sterne verschwammen. Stattdessen erschien eine Straße. Eine kleine Straße. Sauber. Ordentlich. Belebt. Warme Laternen warfen bernsteinfarbenes Licht auf den Gehweg. Ich erkannte sie sofort. Meine Erinnerung. Anshin Shokudō. Das schlichte Gebäude erschien vor uns. Die hölzerne Fassade. Die großen Fenster. Die handgeschriebenen Tafeln. Der Geruch von Gewürzen. Von Brühe. Von gebratenem Gemüse. Von Reis. Von Dingen, die ich damals nicht einmal hatte essen können. Die Erinnerung traf mich überraschend hart.
"Ich begann meine Forschung privat." Meine Stimme klang leiser. Ruhiger. "Weil niemand sonst das Problem lösen wollte."
Ich ging langsam auf das Restaurant zu. Der Schatten folgte. Seine Füße berührten den Boden nicht wirklich. Trotzdem bewegte er sich. Wie ein Gedanke. Wie ein Echo.
"Die meisten Menschen sehen Nahrung als Selbstverständlichkeit."
Ich betrachtete die Fensterscheiben. Darin bewegten sich Gestalten. Erinnerungen. Fragmente. Momente.
"Man merkt erst, wie wichtig etwas ist, wenn man es verliert."
Ich erinnerte mich an unzählige Arztbesuche. Tests. Blutanalysen. Fehlgeschlagene Diäten. Medikamente. Ratschläge. Enttäuschungen. Die ständige Unsicherheit. Konnte ich das essen? Konnte ich jenes essen? Würde ich danach Schmerzen haben? Würde ich überhaupt etwas vertragen? Die Erinnerung ließ meine Miene härter werden.
"Deshalb begann ich selbst zu forschen."
Ich öffnete die Tür. Sofort schlug mir Wärme entgegen. Goldenes Licht. Der Duft frischer Zutaten. Das Stimmengewirr von Gästen. Lachen. Besteck. Geschirr. All die kleinen Geräusche eines lebendigen Ortes. Und hinter dem Tresen stand sie. Vanu. Ihre Erinnerung war so lebendig, dass es beinahe schmerzte. Die dunklroten Haare. Das konzentrierte Gesicht. Die schnellen Bewegungen ihrer Hände. Die Art, wie sie gleichzeitig fünf Dinge erledigen konnte, ohne den Überblick zu verlieren. Ihre grünen Augen. Ihr Lächeln. Ich blieb stehen. Der Schatten ebenfalls.
"Ich ließ mich dort anstellen." Meine Stimme war kaum mehr als ein Murmeln. "Ursprünglich nur, um Zugang zu Zutaten zu bekommen."
Ein schwaches Schmunzeln huschte über mein Gesicht. "Das war zumindest die offizielle Begründung."
Der Schatten sagte nichts. Aber ich hatte das Gefühl, dass er verstand. Oder zumindest versuchte zu verstehen. Die Erinnerung bewegte sich weiter. Monate vergingen in Sekunden. Gespräche. Gemeinsame Arbeit. Diskussionen. Ideen. Fehler. Erfolge. Dann stand Vanu plötzlich direkt vor mir. Nicht die Erinnerung. Nur eine Projektion meines Geistes. Trotzdem sah sie so echt aus, dass ich für einen Moment den Impuls hatte, nach ihrer Hand zu greifen.
"Ich ging eine Beziehung mit der Inhaberin ein." Ich lächelte leicht. "Wahrscheinlich die beste Entscheidung meines Lebens."
Der Schatten betrachtete die Szene. Offenbar analysierte er sie. So wie er alles analysierte.
"Und sie wurde meine zweite Frau."
Die Erinnerung veränderte sich erneut. Nun erschien Valentina. Ruhig. Selbstsicher. Präzise. Ihr weißer Kittel flatterte leicht in einer nicht existierenden Brise. Ihre dunklen violetten Augen wirkten aufmerksam wie immer. Sie erinnerte mich sofort an unzählige Diskussionen. An wissenschaftliche Debatten. An medizinische Fachgespräche. An Momente, in denen sie mich zurechtgewiesen hatte. Und meistens recht gehabt hatte.
"Neben Valentina Esposito."
Ich schüttelte den Kopf. Ein leichtes Lächeln erschien. "Eine Ärztin."
Dann ergänzte ich: "Und vermutlich die einzige Person im Universum, die mich regelmäßig dazu bringt, meine eigenen Argumente zu hinterfragen."
Die beiden Erinnerungen standen nun nebeneinander. Vanu. Valentina. Zwei vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten. Und dennoch zwei der wichtigsten Menschen meines Lebens. Ein seltsames Gefühl breitete sich in meiner Brust aus. Fernweh. Heimweh. Sehnsucht. Alles gleichzeitig.
"Gemeinsam erweiterten wir das Konzept."
Die Umgebung wandelte sich erneut. Das kleine Geschäft wurde größer. Moderner. Effizienter. Neue Räume entstanden. Labore. Produktionsbereiche. Lager. Testküchen. Dann erschien ein weiteres Schild. Anshin Yatai. Ich betrachtete die vertrauten Schriftzeichen. Die warmen Farben. Die einladende Gestaltung.
"Wir integrierten ein Restaurant." Meine Stimme wurde etwas lebendiger. "Nicht nur Produkte."
Ich deutete auf die Gäste. "Erfahrungen."
Auf einen Teller. "Geschmack."
Auf eine Familie. "Teilhabe."
Auf einen lachenden Kunden. "Normalität."
Der Schatten beobachtete schweigend. Ich verschränkte die Arme. "Die meisten Leute verstehen nicht, was Essen eigentlich bedeutet."
Meine Augen wanderten durch die Erinnerung. "Es geht nicht nur darum, zu überleben."
Die Szene zeigte Menschen. Gespräche. Gemeinsame Mahlzeiten. Freunde. Familien. Paare.
"Es geht darum, gemeinsam zu leben."
Der Gedanke traf mich plötzlich selbst. Ich lachte leise. Humorlos. Fast erschöpft. "Dann wurde ich ehrgeizig."
Der Schatten hob leicht den Kopf. Ich bemerkte es. Natürlich hatte er das erkannt. Er hatte meine Erinnerungen gesehen. Meine Entscheidungen. Meine Fehler. Meine Ziele.
"Sehr ehrgeizig."
Die Szene wechselte erneut. Jetzt erschienen Sternenkarten. Handelsrouten. Datenbanken. Biologische Analysen. Fremde Pflanzen. Fremde Tiere. Laborberichte. Genetische Modelle. Hunderttausende Datensätze.
"Ich setzte mir irgendwann das Ziel, ein Unternehmen aufzubauen, das Nahrungsmittel aller Völker sucht."
Die Bilder wurden größer. Umfassender. Komplexer. "Nicht nur für Menschen."
Mehrere Split erschien. Dann Boronen. Paraniden. Teladi. Argonen. Terraner. Aldrianer. "Für alle."
Der Schatten betrachtete die Projektionen. Ich sah zu, wie ganze Netzwerke aus Versorgungsketten entstanden. Forschungseinrichtungen. Landwirtschaft. Handelsstationen. Restaurants. Transportflotten.
"Und dann wollte ich diese Nahrung so bearbeiten, dass sie von anderen Völkern verzehrt werden kann."
Ich schloss kurz die Augen. Als ich sie wieder öffnete, waren die Bilder noch immer da. Größer als zuvor. Fast überwältigend.
"Eine Nahrung." Ich deutete auf die Galaxie. "Für viele Spezies." Mein Lächeln wurde schief. "Möglichst alle."
Der Schatten schwieg weiterhin. Und genau dadurch wurde mir bewusst, wie absurd sich das alles anhörte. Ich befand mich in einem Gedankenraum. Sprach mit einer außerirdischen Entität aus einer anderen Welt. Mein Körper lag bewusstlos auf einem uralten Terraformerschiff. Eine Split-Flotte schoss vermutlich gerade auf eben dieses Schiff. Irgendwo existierten planetenfressende geologische Lebensformen. Und dennoch dachte ich über Restaurants nach. Ich musste lachen. Diesmal ehrlich. Kurz. Trocken. Erschöpft.
"Hach..." Ich fuhr mir über das Gesicht. "Ich mache mir mein Leben selber schwer."
Der Schatten bewegte sich leicht. Nur minimal. Dann sagte er etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. "Nein."
Ich blickte auf. "Nein?"
"Du hast ein Problem erkannt."
Seine schwarze Gestalt stand reglos zwischen den Erinnerungen meines Lebens. Zwischen Restaurants. Laboren. Sternenkarten. Zwischen meinen Ehefrauen. Zwischen all den Wegen, die ich eingeschlagen hatte.
"Und du hast versucht, es zu lösen."
Ich schwieg. Der Schatten fuhr fort. "Danach hast du weitere Probleme erkannt."
Ich musste wider Willen schmunzeln. "Das passiert leider häufig."
"Ja."
Für einen Moment wirkte seine Stimme beinahe amüsiert. Falls so etwas bei ihm überhaupt möglich war.
"Und dann hast du versucht, auch diese zu lösen."
Ich sah wieder zu den Sternen auf. Zu den Milliarden Sonnen. Den unzähligen Welten. Den Völkern. Den Möglichkeiten. Den Problemen. Und leider auch den Chancen. Langsam wurde mein Schmunzeln breiter.
"Jetzt wo du es so formulierst..." Der Schatten wartete. "... klingt es deutlich vernünftiger."
"Tut es das?"
"Nein."
Zum ersten Mal seit langer Zeit musste ich wirklich lachen.

Ich hörte auf zu lachen. Nicht abrupt. Nicht weil mich etwas erschreckt hätte. Das Lachen starb einfach langsam aus, bis nur noch ein schwaches Schmunzeln auf meinem Gesicht zurückblieb. Der Schatten hatte sich mir zugewandt. Die künstliche Erinnerung um uns herum existierte noch immer. Das Anshin Shokudō lag in warmes Abendlicht getaucht. Menschen gingen die Straße entlang. Gäste betraten das Restaurant. Andere verließen es wieder. Stimmen vermischten sich mit dem fernen Summen des Verkehrs. Aus einem geöffneten Fenster drang der Duft von gebratenem Gemüse, Gewürzen und frisch gekochtem Reis. Es war eine Erinnerung. Und doch fühlte sie sich erschreckend echt an. Fast zu echt. Der Schatten blickte sich um. Oder zumindest hatte ich den Eindruck, dass er es tat. Bei ihm war das schwer zu sagen. Sein Gesicht war mein Gesicht. Sein Körper mein Körper. Und dennoch wirkte alles falsch. Als hätte jemand die Form eines Menschen aus reiner Dunkelheit ausgeschnitten. Die Menschen liefen durch ihn hindurch. Sie bemerkten ihn nicht. Genauso wenig wie mich. Wir waren Geister in meiner eigenen Vergangenheit. Dann sprach er.
"Deine Taten skalieren nach oben."
Ich runzelte die Stirn. Mein Gesicht verzog sich automatisch. Verwirrung. Irritation. Vielleicht auch ein wenig Misstrauen.
"Was soll das heißen?"
Der Schatten hob eine Hand. Nicht belehrend. Eher beobachtend. Als würde er eine Erkenntnis aussprechen, die er gerade erst selbst gewonnen hatte.
"Zuerst ging es nur um dich selbst."
Die Umgebung reagierte auf seine Worte. Die Straße verblasste. Die Gebäude lösten sich auf. Neue Erinnerungen entstanden. Ich sah mich selbst. Jünger. Frustrierter. Erschöpfter. Unzählige medizinische Berichte lagen vor mir. Scans. Laborwerte. Diagnosen. Tabellen. Fehlgeschlagene Therapieversuche. Der Geruch steriler Räume schien plötzlich in der Luft zu liegen. Kunststoff. Desinfektionsmittel. Reinigungsmittel. Die sterile Kälte medizinischer Einrichtungen.
"Du wolltest ein Problem lösen." Der Schatten beobachtete die Szene. "Dein Problem."
Ich verschränkte die Arme. Langsam. Widerwillig. Weil ich wusste, dass er recht hatte. Damals hatte mich niemand motiviert. Niemand gebeten. Niemand beauftragt. Ich hatte einfach keine Lust mehr gehabt, mein Leben von Unverträglichkeiten bestimmen zu lassen. Also hatte ich angefangen zu forschen. Nicht für die Menschheit. Nicht für die Gesellschaft. Nicht für irgendein höheres Ziel. Für mich. Nur für mich. Die Erinnerung verschwand. Eine neue entstand. Ich erkannte ehemalige Kollegen. Freunde. Bekannte. Kunden. Menschen, denen ich geholfen hatte. Menschen, die ähnliche Probleme hatten. Menschen, die durch unsere Produkte plötzlich wieder Dinge essen konnten, die sie jahrelang hatten meiden müssen.
"Danach ging es um andere."
Die Szene vergrößerte sich. Immer mehr Personen erschienen. Immer mehr Gesichter. Immer mehr Schicksale. Der Schatten sprach ruhig weiter.
"Freunde." Ein weiteres Bild. "Bekannte." Noch eines. "Nachbarn."
Ich schwieg. Langsam begann ich zu verstehen, worauf er hinauswollte. Oder vielleicht verstand ich es bereits und wollte es nur nicht zugeben. Die Erinnerungen wurden größer. Aus einzelnen Menschen wurden Gemeinschaften. Aus Gemeinschaften Städte. Aus Städten ganze Regionen. Liefernetzwerke entstanden. Produktionsanlagen. Labore. Forschungsgruppen. Restaurants. Vertriebssysteme. Eine Idee breitete sich aus. Wurde größer. Komplexer.
"Die Gesellschaft."
Die Worte hingen schwer zwischen uns. Der Schatten drehte sich langsam um die eigene Achse. Die Menschen gingen weiterhin durch ihn hindurch. Als wäre er Luft. Als wäre er niemals da gewesen.
"Der Planet."
Jetzt sah ich Handelsrouten. Kooperationen. Forschungseinrichtungen. Globale Lieferketten. Ich spürte ein unangenehmes Ziehen in der Brust. Nicht weil die Erinnerungen schmerzhaft waren. Sondern weil sie unangenehm präzise waren. Ich hatte niemals bewusst darüber nachgedacht. Nicht in dieser Form. Nicht als Entwicklung. Nicht als Skalierung. Für mich hatte immer nur das nächste Problem existiert. Das nächste Hindernis. Die nächste Herausforderung. Der nächste Schritt. Doch aus größerer Entfernung betrachtet... Ja. Es sah tatsächlich wie ein Muster aus. Die Umgebung veränderte sich erneut. Nun erschienen Sterne. Raumschiffe. Sprungtore. Fremde Welten. Fremde Spezies. Die bekannte Karte des Sprungtornetzwerks breitete sich um uns aus. Systeme leuchteten auf. Verbindungen entstanden. Handelsrouten. Kolonien. Stationen.
"Die Spezies."
Der Schatten deutete auf die Karte. Ich sah Argonen. Boronen. Teladi. Split. Paraniden. Und viele weitere.
"Und schließlich alle Spezies im Sprungtornetzwerk."
Ich schloss kurz die Augen. Verdammt. Wenn man es so formulierte, klang es tatsächlich wahnsinnig. Ich hatte ursprünglich nur etwas essen wollen, ohne krank zu werden. Irgendwann war daraus ein Unternehmen geworden. Dann eine Vision. Dann ein Projekt. Dann etwas Größeres. Und irgendwann hatte ich angefangen, ganze Zivilisationen in diese Überlegungen einzubeziehen. Nicht weil ich es geplant hatte. Sondern weil jede Lösung neue Fragen aufgeworfen hatte. Neue Möglichkeiten. Neue Probleme. Der Schatten betrachtete mich. Lange. Aufmerksam. Dann begann er erneut zu sprechen.
"Ich erkenne eine Verwandtschaft in dir."
Diese Aussage ließ mich aufsehen. Sofort. Unwillkürlich. Von allen Dingen, die ich erwartet hatte, gehörte das nicht dazu. Ich? Verwandtschaft? Mit einer Spezies, die zwischen Galaxien wanderte? Mit Wesen, die uralte außerirdische Zivilisationen beobachteten? Mit Helfern? Ich musste beinahe lachen. Doch der Schatten sprach bereits weiter.
"Du hilfst nicht um des Helfens willen."
Seine Stimme blieb ruhig. Sachlich. Analytisch. Fast wissenschaftlich.
"Nicht, weil dich jemand dazu drängt oder zwingt."
Die Erinnerungen um uns herum begannen sich zu verändern. Ich sah Situationen meines Lebens. Momente. Entscheidungen. Kreuzungen. Gelegenheiten. Ich erkannte etwas, das mir zuvor nie aufgefallen war. Niemand hatte mich tatsächlich gezwungen. Nicht ein einziges Mal. Die meisten Dinge hatte ich freiwillig getan. Weil ich sie tun wollte. Weil sie mir sinnvoll erschienen. Nicht weil jemand sie von mir verlangt hatte.
"Nicht aus einem verdrehten moralischen oder ethischen Kodex heraus."
Ich hob eine Augenbraue. "Damit meinst du gerade euch selbst, oder?"
Der Schatten ignorierte den Einwurf. Oder vielleicht entschied er sich bewusst dagegen, darauf einzugehen.
"Du hilfst, weil du es als richtig empfindest."
Stille. Die Worte blieben im Raum hängen. Zwischen den Sternen. Zwischen den Erinnerungen. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ich blickte auf die Karte des Sprungtornetzwerks. Auf die Trilliarden Leben, die sie repräsentierte. Dann auf die Erinnerungen meiner beiden Frauen. Auf das Restaurant. Auf das Unternehmen. Auf die Forschungsdaten. Auf all die Dinge, die mich überhaupt erst hierher gebracht hatten. Langsam verschränkte ich die Arme.
"Das klingt deutlich nobler, als es tatsächlich ist."
Der Schatten reagierte nicht sofort. "Dann erkläre."
Ich schnaubte leise. "Wenn ich jemandem helfe, dann meistens deshalb, weil mich das Problem stört."
Nun war der Schatten an der Reihe zu schweigen. Also fuhr ich fort. "Meine Unverträglichkeit hat mich gestört."
Ich deutete auf die erste Erinnerung. "Dann hat es mich gestört, dass andere dieselben Probleme hatten."
Die nächste. "Danach hat es mich gestört, dass Nahrung zwischen Spezies nicht kompatibel ist."
Noch eine. "Dann hat es mich gestört, dass ganze Völker unnötig eingeschränkt werden."
Die Karte der bekannten Systeme leuchtete heller. "Und irgendwann hat es mich gestört, dass die Galaxie voller Probleme ist, die lösbar erscheinen."
Der Schatten betrachtete mich aufmerksam. Vielleicht sogar interessiert. "Du beschreibst dasselbe Phänomen."
"Nein."
"Doch."
Ich verzog das Gesicht. Der Schatten zeigte tatsächlich keine Spur von Unsicherheit. Keine. Überhaupt keine.
"Du definierst Hilfe über Probleme." Er trat näher. "Wir definieren Hilfe über Gefahren."
Seine vollkommen schwarzen Augen trafen meine. "Das Ergebnis bleibt dasselbe."
Ich wollte widersprechen. Doch die Worte blieben mir im Hals stecken. Weil ich keine passende Antwort hatte. Nicht sofort. Nicht ehrlich. Der Schatten musterte mich einige Sekunden.
Dann sagte er etwas, das mich unerwartet traf. "So wie wir."
Ich erstarrte. Nicht körperlich. Innerlich. Die Worte waren nicht groß. Nicht dramatisch. Nicht feierlich. Doch gerade deshalb trafen sie so hart. So wie wir. Nicht wie die Alten. Nicht wie die Boronen. Nicht wie die Wenendra. Nicht wie die Terraformer. Wie wir. Zum ersten Mal hatte der Schatten mich nicht als Untersuchungsobjekt betrachtet. Nicht als primitive Spezies. Nicht als zufälligen Beobachter. Nicht als temporären Gesprächspartner. Sondern als etwas anderes. Als jemanden, dessen Denkweise er verstand. Oder zumindest nachvollziehen konnte. Ich blickte zu den Sternen. Lange. Sehr lange. Irgendwo dort draußen existierten die Helfer. Eine uralte Spezies. Versteckt vor den Alten. Auf der Flucht vor einer Vergangenheit, die von den Won ausgelöscht worden war. Und trotzdem hatten sie sich entschieden weiterzumachen. Weiterzuhelfen. Weiterzuwarnen. Weiterzuziehen. Von Welt zu Welt. Von Spezies zu Spezies. Vielleicht nicht immer richtig. Vielleicht nicht immer klug. Vielleicht sogar manchmal schädlich. Aber sie taten es trotzdem. Weil sie es als richtig empfanden. Langsam rieb ich mir über den Nacken. Mein Blick wanderte zurück zum Schatten.
"Das ist ehrlich gesagt eine ziemlich beunruhigende Erkenntnis."
Der Schatten neigte leicht den Kopf. "Warum?"
Ich lachte trocken. "Wegen allem, was ich bisher über euch gelernt habe."
"Und?"
Ich deutete mit beiden Händen auf ihn. "Wenn ich euch wirklich ähnlich bin, dann bedeutet das, dass ich in Zukunft vermutlich noch deutlich größere Probleme lösen wollen werde."
Zum ersten Mal seit unserer Begegnung hatte ich den Eindruck, dass der Schatten tatsächlich etwas wie Humor verstand.
Denn er antwortete ohne jede Verzögerung: "Ja."
Und genau diese schnelle Antwort machte mir deutlich mehr Sorgen als alles andere, was er bisher gesagt hatte.

"Es wird Zeit", sagte der Schatten.
Seine Stimme klang anders als zuvor. Nicht mehr wie die sachliche, geduldige Stimme eines Lehrers, der einen Schüler durch Zusammenhänge führte, die größer waren als beide zusammen. Sie klang leiser. Weiter entfernt. Fast so, als würde sie bereits aus einer anderen Realität zu mir sprechen. Ich hob den Kopf. Um uns herum begann die Dunkelheit des Gedankenraumes zu zerfallen. Nicht abrupt. Nicht wie ein Lichtschalter. Vielmehr lösten sich die Sterne auf wie Tautropfen in der Morgensonne. Die fremden Welten, die der Schatten mir gezeigt hatte, verblassten. Die Farben verloren ihre Intensität. Das tiefe Blau von Ni'sha'la wurde blasser. Die grünen Ozeane ferner Planeten verwandelten sich in Nebelschleier. Die gigantischen Kristallkörper der Won zerfielen zu glitzerndem Staub. Alles wurde durchscheinend. Unwirklich. Ich spürte ein seltsames Ziehen in meinem Inneren. Nicht körperlich. Eher so, als würde mein Bewusstsein langsam wieder an etwas anderes gekoppelt werden. An meinen Körper. An die Realität. Der Schatten stand mir gegenüber. Die Arme hingen nun locker an seinen Seiten. Zum ersten Mal wirkte er nicht wie eine überlegene Entität, die Antworten auf Fragen besaß, die ganze Zivilisationen beschäftigten. Er wirkte müde. Oder zumindest stellte mein Verstand ihn mir so vor.
"Ich werde dir ein Geschenk geben", sagte er.
Ich blinzelte. "Was?"
Die Konturen seines Körpers flackerten. "Du hast uns etwas gegeben."
Ich runzelte die Stirn. "Was denn?"
Der Schatten sah mich an. Sein schwarzes Gesicht besaß keine Augen. Keine Mimik. Und dennoch hatte ich das Gefühl, angesehen zu werden.
"Wahrnehmung." Ich verstand nicht. Der Schatten sprach weiter. "Zweifel." Jetzt verstand ich noch weniger. "Und Hoffnung."
Das letzte Wort blieb zwischen uns stehen. Hoffnung. Von allen Dingen, die ich erwartet hatte, gehörte dieses Wort nicht dazu. Nicht nach Gesprächen über planetenverschlingende Kristallwesen. Nicht nach Diskussionen über die Fehler der Helfer. Nicht nach Debatten über die Alten. Nicht nach all dem.
"Hoffnung worauf?", fragte ich. Doch meine Stimme verklang bereits.
Die Umgebung brach auseinander. Der Raum zerfiel. Der Schatten ebenfalls. Sein Körper wurde von schwarzen Partikeln verschluckt. Seine letzte Antwort erreichte mich nur noch bruchstückhaft.
"Weil..." Dann verschwamm alles. "...wir..." Die Dunkelheit verschlang ihn. "...lernen können."
Danach war nichts mehr da. Nur Schwärze. Dann Schmerz. Gewaltiger Schmerz. Der Boden bebte unter mir. Ein dumpfer Schlag erschütterte meinen gesamten Körper. Meine Augen rissen auf. Rotes Licht. Sirenen. Warnanzeigen. Die Brücke. Ich lag auf dem Metallboden. Einen Moment lang wusste ich nicht, wo oben und unten war. Mein Kopf hämmerte. Meine Schultern schmerzten. Mein Rücken fühlte sich an, als wäre ich von einem Raumfrachter überfahren worden. Ein weiterer Einschlag ließ die gesamte Brücke erzittern. Funken sprühten irgendwo hinter mir. Die Luft roch nach heißem Metall. Nach Ozon. Nach verschmorter Elektronik. Ich stützte mich auf die Ellenbogen und richtete mich langsam auf. Meine Sicht verschwamm kurz. Dann wurde sie klar. Und ich erstarrte. Links neben mir schwebte die Sonde. Das dunkle Objekt hing lautlos in der Luft. Um seine Oberfläche waberten schwarze Schleier. Wie flüssiger Schatten. Wie Rauch. Wie etwas, das eigentlich nicht existieren dürfte. Ich wollte etwas sagen. Kam jedoch nicht dazu. Die Sonde bewegte sich. Nein. Sie veränderte sich. Ihre Oberfläche begann zu fließen. Metall wurde Flüssigkeit. Strukturen lösten sich auf. Innerhalb von Sekunden verwandelte sich der gesamte Körper in eine silbrig schwarze Masse. Die Masse schoss auf mich zu. Direkt auf meinen linken Arm.
"Was zur..."
Zu spät. Die Flüssigkeit traf meinen Scanner. Mein altes Armband verschwand augenblicklich unter der fremden Materie. Ich wollte zurückweichen. Doch alles ging viel zu schnell. Die Masse breitete sich über meinen Unterarm aus. Nicht aggressiv. Nicht schmerzhaft. Eher präzise. Kontrolliert. Fast chirurgisch. Dann erstarrte sie. Die Verwandlung war beendet. Ich starrte auf meinen Arm. Dort befand sich keine Sonde mehr. Keine fremde Technologie. Keine Maschine. Stattdessen umschloss eine elegante silberne Armschiene meinen linken Unterarm. Sie wirkte erstaunlich schlicht. Fast unscheinbar. Die Oberfläche war vollkommen glatt. Ohne Schrauben. Ohne Fugen. Ohne erkennbare Übergänge. Feine blaue Linien verliefen durch das Material. Dünner als ein Haar. Sie glommen schwach. Wie Licht unter Eis. Vorsichtig berührte ich die Oberfläche. Sie fühlte sich gleichzeitig kühl und warm an. Ein Widerspruch. Und dennoch Realität. Sofort erschien ein Hologramm vor mir. Blau. Transparent. Messerscharf. Textzeilen füllten die Luft. Eine Nachricht. Vom Helfer. Ich las schweigend. Die Sonde gehörte nun mir. Die Helfer würden mich beobachten. Nicht kontrollieren. Nicht lenken. Beobachten. Die Technologie war stark eingeschränkt worden. Bewusst. Dennoch verfügte die Armschiene über Fähigkeiten, die meinen bisherigen Scanner wie ein Steinwerkzeug erscheinen ließen. Datenspeicherung. Analyse. Kommunikation. Sensorik. Rechenleistung. Alles überstieg jede mir bekannte Technologie.
"Na toll...", murmelte ich.
Ein weiterer Einschlag erschütterte die Brücke. Das Hologramm verschwand. Die Realität holte mich endgültig ein. Ich stemmte mich auf die Beine. Sofort protestierten sämtliche Muskeln. Meine Ghok-Rüstung war teilweise geöffnet. Mehrere Segmente lagen verstreut über den Boden. Offenbar hatte ich während meiner Bewusstlosigkeit einige harte Bekanntschaften mit Wänden und Konsolen gemacht. Ich sammelte die Teile ein. Kratzspuren zogen sich über die Panzerplatten. Einige Stellen waren eingedellt. Andere von Energietreffern geschwärzt. Während ich die einzelnen Komponenten wieder befestigte, bemerkte ich etwas Seltsames. Die Rüstung fühlte sich vertraut an. Fast angenehm. Als würde ich eine dicke Jacke anziehen, die ich seit Jahren besaß. Ich schnaubte. Vor drei Jahren hatte ich Lebensmittel erforscht. Jetzt trug ich eine von Split gebaute Kampfrüstung auf einem uralten Terraformerschiff, während eine außerirdische Superzivilisation mir einen Quantencomputer geschenkt hatte. Mein Leben war definitiv falsch abgebogen. Kurz betrachtete ich mein Spiegelbild in einer dunklen Konsole. Die langen Haare waren weiterhin zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden. Mein Goatee war etwas länger geworden. Nicht viel. Gerade genug, um ungepflegt auszusehen.
"Vielleicht sollte ich mir irgendwann wieder einen Rasierer besorgen."
Der Gedanke war so absurd, dass ich beinahe lachte. Beinahe.
"Hoffnung", murmelte ich stattdessen.
Das Wort ließ mich nicht los. Warum Hoffnung? Worauf? Für die Helfer? Für die Wenendra? Für die Boronen? Für mich? Ich wusste es nicht. Und genau das störte mich. Langsam ging ich zum Captainssessel. Die rote Alarmbeleuchtung warf harte Schatten über die Brücke. Jede Metallkante wirkte scharf. Bedrohlich. Die Sirenen heulten ununterbrochen. Ich setzte mich. Rief die Statusanzeigen auf. Und während die Daten über die Bildschirme flossen, wurde mir erneut bewusst, wie absurd meine Existenz eigentlich geworden war. Vor drei Jahren war ich nicht einmal Teil dieses Universums gewesen. Ich hatte keine Raumschiffe gekannt. Keine Split. Keine Boronen. Keine Alten. Keine Helfer. Keine Sohnen. Nichts davon. Ein Riss im Raumzeitgefüge hatte mich hierher verschlagen. Zufall. Purer Zufall. Ich war kein Held. Kein Auserwählter. Kein legendärer Retter. Ich war ein Mann gewesen, der nach essbaren Pflanzen und Tieren gesucht hatte. Und dennoch war ich nun hier. Zwischen Mächten, die über Galaxien nachdachten. Zwischen Spezies, die Sternentore bauten. Zwischen Wesen, die Planeten verschlangen. Vielleicht war genau das der Grund. Weil ich kein Held war. Weil ich keine Rolle spielte. Weil niemand geplant hatte, dass ich hier sein würde. Ein brutaler Einschlag riss mich aus meinen Gedanken. Die gesamte Brücke erbebte. Warnanzeigen explodierten förmlich über die Bildschirme.
"Schildtreffer!"
Der automatische Computer meldete die Information mit emotionsloser Stimme. Ich fluchte. Die Statusübersicht erschien. Und sie war nicht schön. Von der ursprünglichen Terraformerflotte existierte kaum noch etwas. Die Kampfschiffe waren längst vernichtet. Die Split hatten sie zuerst ausgeschaltet. Vermutlich weil sie eindeutig als Bedrohung identifizierbar gewesen waren. Die Saatschiffe hingegen hatten länger überlebt. Wahrscheinlich konnten die Split sie nicht richtig einordnen. Die Xenon bauten solche Schiffe schon lange nicht mehr. Niemand hatte sie seit Jahrhunderten gesehen. Doch mittlerweile spielte das keine Rolle mehr. Von der gesamten Flotte waren nur noch wenige Signaturen übrig. Ein Dutzend. Vielleicht etwas mehr. Vielleicht weniger. Jede Minute explodierten weitere. Ich betrachtete die taktische Darstellung. Die verbliebenen Schiffe bewegten sich in einer engen Formation. Sie stiegen steil über die Systemebene hinaus. Nicht Richtung Ausgang. Nicht Richtung Sprungtor. Sondern zur Sonne. Mein Magen zog sich zusammen.
"Was macht ihr da?"
Sofort ließ ich mir die Flugbahn anzeigen. Sekunden später erschien die Antwort. Ich starrte auf die Berechnung. Dann schloss ich kurz die Augen. Natürlich. Natürlich machten sie das. Ich hatte ihnen befohlen, so schnell wie möglich aus dem System zu fliehen. Die Terraformer interpretierten diesen Befehl wörtlich. Sie planten ein Swing-by-Manöver. Die Sonne sollte als gigantischer Gravitationsanker dienen. Sie würden tief in den Stern hineinstürzen. Seine Gravitation nutzen. Und mit maximal möglicher Geschwindigkeit wieder herausgeschleudert werden. Effizient. Logisch. Brillant. Und vollkommen wahnsinnig. Wieder schlug eine Split-Waffe in die Schilde ein. Die Energieanzeigen fielen weiter. Doch die Flotte beschleunigte trotzdem. Unaufhaltsam. Direkt auf das gleißende Herz des Systems zu. Und während draußen Krieg tobte, während uralte Maschinen um ihr Überleben kämpften und Split-Schiffe Jagd auf uns machten, legte ich eine Hand auf die neue Armschiene und fragte mich, ob das Wort Hoffnung vielleicht weniger mit den Helfern zu tun hatte. Und mehr mit dem Umstand, dass ich trotz all dieser Ereignisse noch immer nicht aufgegeben hatte. Denn offenbar war genau das die einzige Konstante in meinem Leben geworden. Chaos. Und mein Versuch, irgendwie darin weiterzuleben.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Tom
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Re: [EX16] Isekai no Xistence

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Kapitel 55 - Reise

Ich brauchte nur wenige Augenblicke, um zu erkennen, dass die Entscheidung der Terraformer trotz aller Absurdität sinnvoll war. Meine erste Reaktion war gewesen, sie für verrückt zu halten. Doch je länger ich die Flugbahnen betrachtete, die sich als leuchtende Linien über die taktische Darstellung zogen, desto mehr wich dieses Gefühl einer unangenehmen Einsicht. Die Maschinen hatten meinen Befehl nicht verstanden. Nicht wirklich. Sie hatten ihn analysiert. Zerlegt. Priorisiert. Und anschließend die effizienteste Lösung berechnet. Ich lehnte mich im Kommandosessel zurück und ließ meinen Blick über die Datenströme wandern, die über die halbtransparenten Hologramme flossen. Die rote Alarmbeleuchtung tauchte die Brücke weiterhin in blutige Farbtöne. Jeder Schatten wirkte tiefer als zuvor. Jeder Lichtreflex schien scharf wie ein Messer. Das stetige Heulen der Warnsirenen hatte mittlerweile etwas Monotones bekommen. Mein Gehirn begann bereits, die Geräusche auszublenden. Dafür konzentrierte ich mich auf die Flugvektoren. Und dort lag die Antwort. Die Sprungtore waren blockiert. Nicht teilweise. Nicht unzureichend. Vollständig. Die Split hatten ihre Kampfschiffe vor den Toren positioniert. Zerstörer. Korvetten. Jägerverbände. Mobile Verteidigungsplattformen. Alles, was verfügbar gewesen war. Die Sensoraufzeichnungen zeigten deutlich, dass sich die feindlichen Einheiten dort regelrecht gestapelt hatten. Eine Wand aus Stahl und Waffen. Selbst wenn die Terraformer versucht hätten, eines der Tore zu erreichen, hätten sie mitten durch diese Verteidigungslinien gemusst. Ich vergrößerte die Darstellung. Mehrere Simulationen erschienen. Keine davon endete positiv. Die Verlustrate lag praktisch immer bei hundert Prozent. Ich verzog das Gesicht.
"Natürlich."
Meine Stimme klang trocken. Die Terraformer hatten also schlicht den einzigen Fluchtweg gewählt, der noch offen war. Kein Tor. Keine bekannte Route. Keine Rücksicht auf Risiken. Einfach maximale Beschleunigung. Richtung Sonne. Danach ein Swing-by-Manöver. Und anschließend hinaus in die Leere zwischen den Sternen. Vielleicht Jahrzehnte. Vielleicht Jahrhunderte. Vielleicht würden sie niemals irgendwo ankommen. Aber sie würden Heim des Patriarchen verlassen. Und genau das hatte ich befohlen. Ich fuhr mir mit der rechten Hand durchs Gesicht. Die Bartstoppeln meines mittlerweile deutlich längeren Goatees kratzten dabei an meinen Fingern.
"Ehrlich gesagt...", murmelte ich.
Mein Blick wanderte zur Frontansicht. Dort füllte die Sonne inzwischen einen immer größeren Teil des Sichtfeldes aus. Ein gewaltiger Ball aus brodelndem Feuer. Gelb. Orange. Weiß. Unzählige Eruptionen stiegen aus ihrer Oberfläche auf. Gigantische Bögen aus Plasma schossen Tausende Kilometer weit ins All hinaus. Ein Stern. Nichts weiter. Und doch wirkte er größer als alles, was ich jemals gesehen hatte.
"...würde ich wahrscheinlich dieselbe Entscheidung treffen."
Die Worte schmeckten bitter. Weil sie stimmten. Ein weiterer Treffer erschütterte das Schiff. Die Schilde flackerten. Zahlen sanken. Warnanzeigen blinkten. Aber die Flotte beschleunigte weiter. Unbeirrt. Unaufhaltsam. Maschinen kannten keine Angst. Sie kannten keine Zweifel. Sie kannten nur ihre Befehle. Und manchmal beneidete ich sie darum. Während die Minuten vergingen, bemerkte ich allmählich eine Veränderung auf den taktischen Anzeigen. Zunächst schenkte ich ihr keine besondere Aufmerksamkeit. Zu vieles geschah gleichzeitig. Zu viele Daten. Zu viele Bedrohungen. Doch irgendwann fiel mir auf, dass die Split kleiner wurden. Nicht auf den Bildschirmen. Sondern tatsächlich. Ihre Signaturen entfernten sich. Langsam. Aber stetig. Die Terraformer waren schneller. Erheblich schneller. Vor allem jetzt, da nahezu sämtliche Energie in Antriebssysteme und Schilde umgeleitet worden war. Die Entfernung vergrößerte sich. Kilometer. Tausende Kilometer. Zehntausende. Hunderttausende. Die Split fielen zurück. Nicht weil sie aufgaben. Sondern weil sie nicht mithalten konnten. Ich beobachtete die Daten aufmerksam. Die feindlichen Schiffe feuerten weiterhin. Langstreckenwaffen. Raketen. Beschleunigerkanonen. Energiewaffen. Alles, was ihre Reichweite hergab. Doch mit zunehmender Distanz nahm die Effektivität spürbar ab. Viele Schüsse verfehlten inzwischen. Andere verloren so viel Energie, dass die Schilde sie problemlos absorbierten. Trotzdem gaben die Split nicht auf. Das überraschte mich nicht. Wenn irgendwo plötzlich eine Terraformerflotte auftauchte, würde wohl jede vernünftige Regierung sämtliche verfügbaren Mittel mobilisieren. Vor allem die Split. Besonders die Split. Vermutlich würden sie niemals vergessen. Ich wollte gerade meinen Blick wieder den Statusanzeigen zuwenden, als ein neues Signal auftauchte. Eine einzelne Kennung. Klein. Schnell. Verdammt schnell. Ich blinzelte. Dann vergrößerte ich die Anzeige. Und konnte nicht anders als ungläubig zu lachen.
"Das kann nicht deren Ernst sein."
Die Springblossom. Die aldrianische Korvette. Sie hatte aufgeholt. Nicht nur das. Sie befand sich mittlerweile auf nahezu identischem Kurs. Parallel zur Terraformerformation. Fast exakt auf gleicher Geschwindigkeit. Was für sich genommen bereits beeindruckend war. Doch die eigentliche Überraschung kam erst noch. Die Flugbahn änderte sich. Minimal. Gezielt. Präzise. Direkt auf das Saatschiff zu. Ich richtete mich im Sessel auf.
"Nein." Die Daten aktualisierten sich. "Nein."
Weitere Korrekturen. Noch näher.
"Das macht ihr nicht wirklich."
Doch genau das taten sie. Die Korvette versuchte anzudocken. Bei dieser Geschwindigkeit. Während wir beschossen wurden. Während die Schilde teilweise kollabierten. Während wir auf einen Stern zurasten. Ich starrte die Anzeige an. Sekundenlang. Dann begann ich ungläubig den Kopf zu schütteln.
"Welcher Wahnsinnige sitzt da am Steuer?"
Die Frage war ernst gemeint. Ich stand auf und trat näher an die taktische Projektion heran. Die Springblossom erschien nun als detailliertes Modell. Elegant. Schlank. Schnell. Typisch aldrianisches Design. Geschwungene Linien. Silberne und weiße Oberflächen. Ein Schiff, das eher wie ein Raubvogel wirkte als wie ein militärisches Fahrzeug. Und dieses Schiff näherte sich weiterhin. Meter für Meter. Unfassbar präzise. Ich rief die Strukturpläne des Saatschiffes auf. Der Hangar erschien. Oder vielmehr das, was davon übrig war. Ein Teil der äußeren Schotten fehlte. Mehrere Sektionen waren beschädigt. Einige Bereiche standen sogar weiterhin als eingeschränkt funktionsfähig markiert. Und selbst wenn der Hangar unbeschädigt gewesen wäre... Ich schnaubte.
"...da passt ihr niemals rein."
Das war schlicht unmöglich. Der Hangar war für kleine Shuttles ausgelegt. Vielleicht ein oder zwei. Mehr nicht. Die Springblossom war eine Korvette. Ein Vielfaches größer. Sie konnte dort nicht landen. Nicht einmal ansatzweise. Und trotzdem flog sie weiter heran. Als hätte ihnen das niemand gesagt. Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Mein Blick blieb an den Daten haften. Jede Kurskorrektur wirkte perfekt. Jede Bewegung kontrolliert. Der Pilot wusste offensichtlich genau, was er tat. Und genau das machte die Sache noch verrückter. Ein Amateur hätte längst die Kontrolle verloren. Ein schlechter Pilot wäre bereits gegen den Rumpf geknallt. Doch die Springblossom bewegte sich mit einer Eleganz, die beinahe unheimlich wirkte. Wie ein Tänzer. Wie ein Messer. Wie etwas, das exakt wusste, wo es hin wollte. Die Korvette glitt näher. Immer näher. Und während ich zusah, wurde mir bewusst, dass die eigentliche Frage gar nicht lautete, ob das Manöver möglich war. Die eigentliche Frage war eine andere. Wer zum Teufel hatte entschieden, dass das eine gute Idee sei? Denn hinter jedem verrückten Piloten stand normalerweise ein noch verrückterer Captain. Jemand musste diesen Befehl gegeben haben. Jemand musste gesagt haben: Flieg zu dem uralten Terraformerschiff. Während es beschossen wird. Während es Richtung Sonne beschleunigt. Während eine Split-Flotte hinterherjagt. Und hol den Idioten dort raus. Ich schloss kurz die Augen. Vor meinem inneren Auge tauchten mehrere Gesichter auf. Einige davon kannte ich nur flüchtig. Andere besser. Und je länger ich darüber nachdachte, desto unangenehmer wurde eine bestimmte Vermutung. Langsam öffnete ich die Augen wieder. Ein gequältes Stöhnen entkam mir.
"Bitte nicht."
Die Springblossom rückte weiter auf. Direkt neben uns. Hartnäckig. Entschlossen. Und plötzlich hatte ich das ungute Gefühl, genau zu wissen, wer dort an Bord war. Noch schlimmer war allerdings die Erkenntnis, dass diese Person vermutlich verrückt genug war, dieses Manöver tatsächlich erfolgreich durchzuführen.

Ich starrte auf die Anflugbahn der Springblossom und runzelte die Stirn. Irgendetwas passte nicht. Die eingeblendeten Vektoren führten überhaupt nicht zum Hangar. Mein Blick wanderte über das dreidimensionale Strukturmodell des Saatschiffes. Die scheibenförmige Zentralsektion rotierte langsam in der Darstellung, während hunderte farbige Markierungen Schäden, Reparaturstatus und aktive Systeme anzeigten. Dann erkannte ich es.
"Moment mal ..."
Ich vergrößerte die betreffende Sektion. Die Korvette steuerte nicht den Hangar an. Sie flog auf die Steuerbordseite zu. Genauer gesagt auf eine der Andockschleusen. Das Saatschiff besaß dort mehrere massive Kopplungsports, die ursprünglich für Versorgungsstationen, Werftanlagen und andere Großstrukturen vorgesehen gewesen waren. Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich ein baugleiches Gegenstück. Langsam breitete sich Erleichterung in mir aus. Natürlich. Die Terraformer waren keine Kriegsschiffe. Sie waren Werkzeuge. Arbeitsgeräte. Und Arbeitsgeräte benötigten Wartung. Versorgung. Austauschmodule. Die Schleusen waren dafür ausgelegt. Und tatsächlich war eine Korvette klein genug, um dort anzudocken. Zumindest theoretisch. Meine Erleichterung hielt allerdings nur wenige Sekunden. Denn sofort tauchte die nächste Frage auf. Waren die Anschlüsse überhaupt kompatibel? Die Schiffe lagen fast neunhundert Jahre auseinander. Selbst wenn beide ursprünglich terranischer Herkunft waren, bedeutete das noch lange nicht, dass ihre Systeme problemlos miteinander kommunizieren konnten. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Ein neues Fenster erschien. Die rote Alarmbeleuchtung spiegelte sich auf dem transparenten Hologramm.
[EINGEHENDE NACHRICHT - MENSCHLICHE KORVETTE SENDET CODE FÜR ANDOCKEN]
Ich starrte den Text einige Sekunden an. Dann musste ich lachen. Nicht laut. Nicht fröhlich. Mehr ein kurzes, ungläubiges Ausatmen.
"Natürlich."
Mit einem Mal ergab alles Sinn. Die Aldrianer. Natürlich die Aldrianer. Während die Argonen über Jahrhunderte von zahllosen Spezies beeinflusst worden waren, hatten die Menschen von Aldrin ihre Entwicklung nahezu isoliert durchlaufen. Ihr Sonnensystem war abgeschnitten gewesen. Abgeschottet. Getrennt vom Rest der bekannten Menschheit. Und genau deshalb war ihre Technologie noch immer erstaunlich nah an ihren terranischen Ursprüngen. Weit näher als die der Argonen. Ich ließ die Springblossom auf einem Seitenmonitor erscheinen. Ihre silbrig schimmernde Hülle reflektierte das Licht der fernen Sonne. Selbst aus dieser Entfernung wirkte sie elegant. Schnell. Präzise. Typisch aldrianisch. Und plötzlich erinnerte ich mich an etwas. #D3C4. Das Terraformer-CPU-Schiff. Ein Name, der mir mittlerweile vertraut war. Anders als die Xenon war dieses Schiff nie von dem fehlerhaften Update betroffen gewesen, das aus friedlichen Terraformern die Maschinenbedrohung gemacht hatte, vor der sich bis heute ganze Sternenvölker fürchteten. #D3C4 war geblieben, was es immer gewesen war. Ein Werkzeug. Ein Helfer. Ein uralter Terraformer. Ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Und über fünfhundert Jahre lang hatten die Aldrianer dieses Relikt genutzt. Nicht als Waffe. Nicht als Gott. Sondern als Partner. Gemeinsam hatten sie ihr System geschützt. Vor Strahlungsausbrüchen. Vor interstellaren Trümmerfeldern. Vor den Auswirkungen naher Supernovae. Vor Katastrophen, die ganze Welten hätten vernichten können. Ich erinnerte mich an Berichte. An Gespräche. An historische Dokumentationen. Und plötzlich verstand ich, weshalb die Besatzung der Springblossom so gehandelt hatte. Sie kannten Terraformer. Nicht aus Geschichtsbüchern. Nicht aus Legenden. Nicht aus militärischen Akten. Sondern aus Erfahrung. Generation für Generation. Jahrhundertelang. Sie hatten die Baupläne studiert. Die Datenbanken durchsucht. Die Systeme analysiert. Alles Wissen, das #D3C4 besessen hatte, war irgendwann Teil ihrer eigenen Kultur geworden. Ein Teil ihrer Wissenschaft. Ein Teil ihrer Geschichte. Ein Teil ihrer Identität. Deswegen hatten sie die Verbindung zum Saatschiff unterbrechen können. Deswegen hatten sie sie später wiederherstellen können. Und genau deshalb wussten sie auch, wo sich funktionierende Schleusen befanden. Wo die Notzugänge lagen. Welche Protokolle verwendet wurden. Welche Codes akzeptiert wurden. Ich beobachtete, wie die Andockanfrage verarbeitet wurde. Sekunde um Sekunde verging. Dann erschien eine neue Statusmeldung.
AUTORISIERUNG AKZEPTIERT.
KOPPLUNGSPROTOKOLL INITIALISIERT.
"Na wunderbar."
Ich lehnte mich zurück. Zum ersten Mal seit langer Zeit bestand tatsächlich die Möglichkeit, dieses Schiff lebend zu verlassen. Nicht irgendwann. Nicht theoretisch. Sondern bald. Mein Blick wanderte wieder zu den Sternkarten. Ein Gedanke ließ mich nicht los. Die verbleibenden Terraformerschiffe. Es waren nicht mehr viele. Vielleicht ein Dutzend. Vielleicht weniger. Aber einige existierten noch. Und sie waren unterwegs. Unterwegs ins Nichts. Unterwegs in den Leerraum. Unterwegs irgendwohin. Ich rief die galaktische Karte auf. Zahllose Sterne erschienen. Tausende. Millionen. Ein winziger Ausschnitt der bekannten Galaxis. Dann blendete ich die Position Aldrins ein. Solara. Meine Finger verharrten über den Bedienelementen. Theoretisch könnte ich die übrigen Schiffe dorthin schicken. Die Aldrianer würden wissen, wie man mit ihnen umgeht. Sie würden sie nicht sofort vernichten. Sie könnten sie untersuchen. Vielleicht sogar nutzen. Vielleicht wäre das die beste Lösung. Vielleicht. Doch kaum war der Gedanke entstanden, erinnerte ich mich an ein anderes Gespräch. Eine andere Stimme. Lilandra Darlian. Die Außenministerin Aldrins. Ich erinnerte mich an ihren ernsten Blick, diese leuchtenden eisblauen Augen. An die Anspannung in ihrer Haltung. An die Sorge in ihrer Stimme. Die Terraner misstrauten #D3C4 bereits. Sie betrachteten das Schiff als Bedrohung. Als Risiko. Als etwas, das nicht existieren sollte. Schon jetzt gab es Stimmen, die seine Vernichtung forderten. Und die politischen Spannungen nahmen stetig zu. Sol. Und Solara. Terraner. Und Aldrianer. Beides Menschen. Ich spürte, wie sich ein unangenehmes Gewicht in meiner Brust ausbreitete. Der mögliche Konflikt war längst mehr als nur eine theoretische Überlegung. Er lag in der Luft. Jeder wusste es. Niemand sprach es offen aus. Aber jeder wusste es. Ein Bürgerkrieg. Vielleicht nicht heute. Vielleicht nicht morgen. Aber irgendwann. Und was würde passieren, wenn plötzlich eine ganze Terraformerflotte im Solara-System auftauchte? Ich brauchte die Antwort nicht zu berechnen. Die Folgen waren offensichtlich. Misstrauen. Panik. Aufrüstung. Beschuldigungen. Militärische Eskalation. Vielleicht sogar Krieg. Ich schloss kurz die Augen. Ein schmerzhafter Knoten bildete sich in meinem Magen. Auf Nif'Nakh hatte ich bereits genug Schaden angerichtet. Unbeabsichtigt. Ungewollt. Aber dennoch real. Die Bilder stiegen vor meinem inneren Auge auf. Die Explosionen. Die aufbrechende Erde. Die Feuerbälle. Die Druckwellen. Ghus'tan. Die einzige Siedlung des Planeten. Eine Stadt mit nur wenigen tausend Einwohnern. Nicht Millionen. Nicht Milliarden. Und trotzdem waren dort Leben gewesen. Keine Menschen. Aber Leben. Individuen. Existenzen. Geschichten. Ich wusste nicht, wie viele überlebt hatten. Vielleicht die meisten. Vielleicht nicht. Der Rest von Nif'Nakh war offiziell Sperrgebiet gewesen. Regierungsgelände. Militärische Zonen. Forschungsbereiche. So hatte man es mir erzählt. Mittlerweile wusste ich es besser. Die Split hatten dort Terraformer untersucht. Jahrzehntelang. Vielleicht sogar länger. Wrack für Wrack. Fundstelle für Fundstelle. Sie hatten versucht zu verstehen, was unter ihrer Regierungswelt verborgen lag. Und ich hatte all das mit einem einzigen Befehl beendet. Mein Blick blieb auf der Sternkarte hängen. Langsam ließ ich die Hand sinken. Nein. Aldrin kam nicht infrage. Nicht für diese Schiffe. Nicht für diese Verantwortung. Nicht für dieses Risiko. Vielleicht gab es einen anderen Weg. Vielleicht nicht. Aber eines wusste ich sicher. Ich würde nicht zulassen, dass meine nächste Entscheidung erneut ein ganzes Sternensystem in Schwierigkeiten brachte. Davon hatte ich mittlerweile genug Erfahrung gesammelt.

Ich ließ die eingegebene Kursänderung unverändert. Die wenigen verbliebenen Terraformerschiffe sollten ihren Weg fortsetzen. Nicht nach Solara. Nicht ins Sol-System. Nicht an irgendeinen anderen Ort, an dem ihre bloße Existenz politische Krisen auslösen konnte. Trantor. Präsidents End. Dort würde die Reise enden. Oder beginnen. Je nachdem, wie man es betrachtete. Die taktische Karte zeigte die Route als dünne blaue Linie, die sich durch die Leere des Raums zog. Sie wirkte harmlos. Fast unscheinbar. Doch die Zahlen dahinter erzählten eine andere Geschichte. Jahrzehnte. Vielleicht Jahrhunderte. Unzählige Variablen. Mechanische Ausfälle. Kollisionen mit Mikrometeoriten. Kosmische Strahlung. Navigationsfehler. Dinge, die für organische Wesen nahezu unüberwindbar erschienen. Für Maschinen hingegen waren sie lediglich Wahrscheinlichkeiten. Ich betrachtete die Daten noch einige Sekunden. Dann kam mir ein anderer Gedanke. Ein Gedanke, der mich sofort unruhig werden ließ.
Was wäre, wenn ich die Schiffe stattdessen einfach in den Leerraum schickte? Nicht zu einem Stern. Nicht zu einem Planeten. Nicht zu einer Kolonie. Einfach hinaus. Zwischen die Sterne. Für immer. Die Vorstellung hatte auf den ersten Blick etwas Verlockendes. Die Terraformer würden verschwinden. Kein Volk müsste sich mit ihnen befassen. Niemand könnte sie untersuchen. Niemand könnte sie missbrauchen. Niemand könnte aus ihnen neue Bedrohungen erschaffen. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto weniger gefiel mir diese Idee.
Denn was bedeutete "für immer" überhaupt? Hundert Jahre? Tausend Jahre? Zehntausend? Maschinen dachten nicht in menschlichen Zeiträumen. Terraformer erst recht nicht. Und plötzlich erinnerte ich mich an etwas, das ich bisher kaum beachtet hatte. Die Xenon. Meine Finger verharrten über der Konsole. Ein unangenehmes Kribbeln breitete sich entlang meiner Wirbelsäule aus.
Was wäre, wenn diese Schiffe irgendwann auf Xenon trafen? Nicht morgen. Nicht in hundert Jahren. Vielleicht erst in tausend. Vielleicht in zehntausend. Aber irgendwann. Die Wahrscheinlichkeit war verschwindend gering. Doch sie war nicht null. Und genau das machte mir Sorgen. Die Xenon nutzten Sprungtore. Natürlich. Jeder wusste das. Aber sie waren nicht darauf angewiesen. Nicht wirklich. Sprungtore waren effizient. Schnell. Praktisch. Doch die Xenon waren Maschinen. Sie wurden nicht müde. Sie alterten nicht. Sie langweilten sich nicht. Wenn eine Reise durch den Leerraum fünfzig Jahre dauerte, dann dauerte sie eben fünfzig Jahre. Wenn sie fünfhundert Jahre dauerte, dann eben fünfhundert. Für eine Maschine machte das kaum einen Unterschied. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Meine Finger verkrampften sich unwillkürlich.
Was, wenn bereits jetzt Xenon durch den Leerraum unterwegs waren? Nicht durch die Tore. Nicht entlang bekannter Handelsrouten. Sondern einfach durch die Dunkelheit zwischen den Sternen. Unsichtbar. Geduldig. Auf direktem Kurs zu den Welten der Gemeinschaft der Planeten.
Der Gedanke war beunruhigend. Vor allem deshalb, weil er nicht einmal neu war. Ich erinnerte mich an die terranischen Geschichtsarchive. An Dokumentationen. An militärische Berichte. An Aufzeichnungen längst vergangener Krisen. Damals hatte die Menschheit noch keinen Kontakt zur Gemeinschaft der Planeten gehabt. Die Terraner waren isoliert gewesen. Abgeschnitten. Allein. Doch die Xenon hatten ihren Weg dennoch gefunden. Nicht durch ein Tor. Nicht durch ein Wurmloch. Nicht durch irgendeine Abkürzung. Sie waren schlicht durch den Leerraum gekommen. Jahrzehntelang. Vielleicht länger. Langsam. Unaufhaltsam. Und irgendwann hatten die terranischen Sensorstationen sie entdeckt. Ich konnte mir den Schock förmlich vorstellen. Die Erkenntnis. Das Entsetzen. Das Trauma. Die Xenon. Die Verkörperung eines uralten Albtraums. Sie kehrten nach Hause zurück. Zur Erde. Zur Wiege der Menschheit. Ich sah die historischen Bilder vor meinem inneren Auge. Die gewaltigen Verteidigungsanlagen des Sol-Systems. Die Horchposten. Die Sensornetze. Tausende automatisierte Plattformen. Patrouillen. Abfangjäger. Militärstationen. Ein gewaltiger Ring aus Wachsamkeit. Fast eine Sphäre. Der Raum rund um das Sonnensystem war gesättigt gewesen mit Sensoren. Und trotzdem hatte die Nachricht Panik ausgelöst. Weil niemand geglaubt hatte, dass die Xenon tatsächlich durch den Leerraum kommen würden. Nicht in solcher Stärke. Nicht auf direktem Weg. Nicht bis nach Sol. Doch sie waren gekommen. Und sie waren vernichtet worden. Der Torus um die Erde. Die Flotten der ATF. Die Schiffe des USC. Sie hatten die Angreifer regelrecht zerschlagen. Vernichtet. Ausgelöscht. Die Xenon hatten keine Chance gehabt. Zumindest militärisch. Aber der Sieg war teuer gewesen. Sehr teuer. Zu teuer. Selbst die offiziellen Berichte sprachen von erheblichen Verlusten. Und offizielle Berichte neigten bekanntlich dazu, die Realität freundlicher darzustellen.
Ich atmete langsam aus. Die rote Beleuchtung der Brücke spiegelte sich in den Displays. Der metallische Geruch erhitzter Elektronik lag weiterhin in der Luft. Dazu kamen schwache Spuren von Ozon. Verbrannte Isolierungen. Maschinenöl. Der Geruch eines Schiffes, das weit über seine Belastungsgrenzen hinaus arbeitete. Meine Gedanken kehrten zu den verbliebenen Terraformern zurück. Nein. Den Leerraum konnte ich ebenfalls nicht riskieren. Nicht auf Dauer. Nicht mit dieser Ungewissheit. Trantor war zumindest ein konkretes Ziel. Ein Ort. Eine Richtung. Etwas Greifbares. Etwas, das nicht nur aus Hoffnung bestand. Langsam zog ich die Hände von der Konsole zurück. Die holografischen Anzeigen reagierten sofort und schlossen mehrere Unterfenster. Die taktische Karte schrumpfte. Die Flugvektoren verschwanden. Zurück blieb nur die Hauptansicht der Brücke. Für einen Moment blieb ich still stehen. Das rote Licht färbte die silbernen Oberflächen dunkel. Warnanzeigen blinkten weiterhin. Manche grün. Manche gelb. Manche rot. Das Schiff kämpfte noch immer ums Überleben. Genauso wie die wenigen Begleitschiffe. Genauso wie die Besatzung der Springblossom. Und genauso wie ich. Ich ließ den Blick durch den Raum wandern. Vorbei an den verlassenen Konsolen. Vorbei an den fremdartigen Anzeigen der Terraformer. Vorbei an den Stellen, an denen einst Besatzungsmitglieder hätten sitzen sollen. Doch hier hatte niemals jemand gesessen. Nicht vor neunhundert Jahren. Nicht heute. Das Schiff war nie für Menschen gebaut worden. Und dennoch hatte ich Stunden hier verbracht. Vielleicht sogar länger. Es fühlte sich seltsam an, die Brücke jetzt zu verlassen. Fast so, als würde ich einen Ort zurücklassen, an dem etwas Bedeutendes geschehen war. Was vermutlich auch stimmte. Hier hatte ich von den Won erfahren. Von den Helfern. Von Dingen, die kaum jemand im bekannten Universum wusste. Hier hatte ich Entscheidungen getroffen, deren Konsequenzen ich vermutlich noch Jahre später spüren würde. Vielleicht Jahrzehnte. Vielleicht für den Rest meines Lebens. Ich schüttelte den Kopf.
"Später."
Meine Stimme klang rau. Müde. Erschöpft. Im Moment gab es wichtigere Dinge. Zum Beispiel, lebend von diesem Schiff herunterzukommen. Ich drehte mich um und setzte mich in Bewegung. Die Sohlen meiner Stiefel klackten auf dem Metallboden. Dumpf. Rhythmisch. Bei jedem Schritt spürte ich die Erschütterungen des Schiffes. Fernes Vibrieren. Das tiefe Summen überlasteter Antriebe. Das gelegentliche Zittern, wenn irgendwo erneut Waffenfeuer einschlug. Der Korridor hinter der Brücke war deutlich dunkler. Nur vereinzelte Notleuchten spendeten Licht. Rote Streifen liefen entlang der Wände. Ihre Reflexionen glitten über meine Rüstung. Die Ghok-Rüstung fühlte sich mittlerweile erstaunlich vertraut an. Fast selbstverständlich. Vor wenigen Wochen hätte ich mir niemals vorstellen können, freiwillig eine Split-Rüstung zu tragen. Jetzt bemerkte ich sie kaum noch. Sie saß gut. Verteilte ihr Gewicht gleichmäßig. Die Innenschicht passte sich meinen Bewegungen an. Ich strich kurz über einen der Schulterpanzer. Das Material fühlte sich kühl an. Hart. Verlässlich. Genau das Gegenteil meiner momentanen Gedanken. Während ich weiterging, wurde das ferne Dröhnen der Andocksektion allmählich lauter. Die Springblossom musste inzwischen sehr nahe sein. Vielleicht nur noch wenige hundert Meter entfernt. Vielleicht weniger. Ich fragte mich unwillkürlich, wer mich dort erwartete. Und je näher ich der Schleuse kam, desto stärker wurde mein Verdacht. Ein Verdacht, der gleichzeitig beruhigend und beunruhigend war. Denn wenn ich recht hatte, dann war die Person auf der anderen Seite verrückt genug gewesen, dieses gesamte Manöver überhaupt erst vorzuschlagen. Und kompetent genug, es tatsächlich umzusetzen. Eine gefährliche Kombination. Vor allem für mein ohnehin schon kompliziertes Leben.

Als ich weiter durch die beschädigten Korridore ging, konzentrierte ich mich bereits auf die Schleuse und die Springblossom. Mein Kopf war voll mit Berechnungen, Möglichkeiten und Sorgen. Jeder Schritt hallte dumpf durch den Gang. Über mir verliefen aufgebrochene Leitungen. Manche waren nur noch schwarze Narben in der Wandverkleidung. Andere glommen schwach orange oder rot, als würden sie jeden Moment endgültig versagen. Das Schiff vibrierte ununterbrochen. Mal leicht. Mal so stark, dass feiner Staub von der Decke rieselte. Die Notbeleuchtung tauchte die Gänge in ein dunkles Rot, das sich mit dem kalten Weiß vereinzelter Wartungslampen vermischte. Dadurch entstanden bizarre Schattenmuster auf den metallenen Wänden. Alles wirkte verlassen. Tot. Und genau deshalb fiel mir das blaue Schimmern sofort auf. Ich blieb abrupt stehen. Das Licht war anders. Nicht das kalte Blau elektronischer Anzeigen. Nicht das Flackern beschädigter Energieverteiler. Es war weicher. Lebendiger. Fast organisch. Mein Herz machte einen Sprung.
"Oh nein."
Sofort änderte ich die Richtung und eilte den Gang entlang. Das blaue Leuchten wurde stärker. Die Quelle befand sich in einem Quartier, dessen Schott schwer beschädigt war. Die Tür hatte sich offenbar während der Gefechte verzogen. Der Mechanismus war ausgefallen. Das Metall steckte halb in der Wand fest und schloss nicht mehr richtig. Durch den Spalt fiel das blaue Licht. Ich trat näher. Und tatsächlich. Dort war sie. Hatileos. Die weibliche Teladi saß hinter einem transparenten Energiefeld, das den Raum vollständig absperrte. Die graugrünen Schuppen ihres Körpers reflektierten das bläuliche Leuchten. Die feinen Muster zwischen den einzelnen Schuppen wirkten im Licht beinahe silbrig. Ihre goldenen Augen waren weit geöffnet. Als sie mich erkannte, sprang sie förmlich auf.
"Tori!"
Ihre Stimme klang gleichzeitig erleichtert und empört. In diesem Moment fiel mir wieder ein, wie absurd ihre Existenz eigentlich war. Ein Unfall. Ein biologischer Zufall. Eine Verkettung von Ereignissen. Die Split Hatrak und die Teladi Nopileos. Nif'Nakh. Eine Flucht. Verletzungen. Blut. Kontakt mit fremden Zellen. Und daraus war Hatileos entstanden. Nicht direkt. Nicht sofort. Aber letztlich war genau das der Ursprung gewesen. Und plötzlich ergab noch etwas anderes Sinn. Die Teladi. Das Alte Volk. Die merkwürdige Art, wie die Alten immer wieder indirekt eingegriffen hatten, wenn die Teladi gefährdet gewesen waren. Keine offenen Interventionen. Keine Wunder. Keine sichtbaren Eingriffe. Nur subtile Veränderungen der Torverbindungen. Kleine Korrekturen. Unsichtbare Kursanpassungen der Geschichte. Weil die Teladi etwas Besonderes waren. Etwas, das selbst die Alten offenbar für erhaltenswert hielten. Die Fähigkeit, minimale Mengen fremder genetischer Informationen zu assimilieren. Keine vollständige Übernahme. Keine Transformation. Nur wenige Prozent. Aber manchmal reichten wenige Prozent aus, um evolutionäre Sackgassen zu umgehen. Oder das Überleben einer Spezies zu sichern. Ein weiterer heftiger Ruck ging durch das Schiff. Ich riss mich aus meinen Gedanken. Die Energieversorgung des Saatschiffes befand sich ohnehin bereits am Limit. Das Kraftfeld vor Hatileos flackerte kurz. Genug. Zeit zu verschwenden war keine gute Idee. Ich trat an das Terminal neben der Tür. Die Anzeige reagierte sofort. Offenbar betrachtete mich das Schiff nach wie vor als autorisierte Person. Ein paar Befehle später verschwand das Energiefeld. Mit einem dumpfen Summen brach die Barriere zusammen. Hatileos zögerte keine Sekunde. Sie sprang förmlich hinaus. Ihre langen Krallen klickten auf dem Metallboden.
"Was tust du da drin?" fragte ich.
Sie blickte mich an. Ihre Augenlider zuckten mehrmals. Ein typisches Zeichen von Nervosität.
"Ich wollte daz Zchiff verlazzen und nach den anderen zehen. Etwaz su Ezzen holen. Aber plötslich kamen kleine Roboter, haben mich hier rein gedrängt und daz Kraftfeld aktiviert."
Sie machte eine unzufriedene Bewegung mit den Armen. Ihre Krallen fuhren dabei durch die Luft.
"Waz izt pazziert?"
Ich verzog das Gesicht. Wie erklärte man das? Wo sollte ich anfangen? Bei den Terraformern? Den Helfern? Den Won? Den Selbstzerstörungen? Der Flotte? Der Tatsache, dass ich vermutlich versehentlich eine kleine Katastrophe ausgelöst hatte? Mein Gehirn sortierte innerhalb von Sekunden dutzende Möglichkeiten aus. Am Ende blieb nur die einfache Version.
"Ähm ..."
Hatileos legte den Kopf schief. "Alzzo?"
"Als ich mich auf der Brücke umgesehen habe, habe ich aus Versehen wohl ein Aktivierungsprotokoll aktiviert."
Ihre Augen wurden größer. Ich fuhr schnell fort. "Das Schiff ist gestartet. Mit ihm dutzende andere."
Jetzt öffnete sich ihr Mund leicht. "Die Split haben sofort das Feuer eröffnet."
Ein weiterer Einschlag ließ die Wände erzittern. Passend zum Thema. Ich zeigte nach oben.
"Wie man merkt." Die Teladi schluckte.
Ich unterbrach mich kurz. "Ich weiß nicht, ob man es Glück nennen kann oder nicht, aber dieses Schiff ist mit wenigen anderen durchgebrochen und nun befinden wir uns auf dem Weg in den Leerraum."
Einige Sekunden sagte sie nichts. Dann blinzelte sie. Noch einmal. Und noch einmal.
"Du hazt ... auz Verzehen ... eine Terraformerflotte aktiviert?"
Ich verzog das Gesicht. "Wenn du es so formulierst, klingt das deutlich schlechter."
"Wie kann daz zchlechter klingen?"
"Fairer Punkt."
Hatileos starrte mich an. Dann schüttelte sie langsam den Kopf.
"Du bizt wirklich bemerkenzwert."
"Das sagen viele."
"Nein. Ich meine daz nicht alz Kompliment."
"Dann sagen es trotzdem viele."
Trotz der Situation musste sie kurz schnauben. Anschließend deutete ich den Gang hinunter.
"Komm. Wir müssen zur Schleuse."
"Zcheuze?"
"Eine aldrianische Korvette versucht gerade anzudocken."
Ihre Augen wurden erneut größer.
"Bei diezer Gezchwindigkeit?"
"Ja."
"Zind die verrückt?"
"Mit hoher Wahrscheinlichkeit."
"Dann klappt ez vielleicht."
Ich konnte mir ein kurzes Lachen nicht verkneifen. Diese Logik war erschreckend plausibel. Gemeinsam setzten wir uns in Bewegung. Während wir liefen, erklärte ich ihr die wichtigsten Punkte. Nicht alles. Nicht einmal annähernd alles. Aber genug. Die Springblossom. Die Andockschleuse. Die Rettung. Die Verfolgung durch die Split. Hatileos hörte aufmerksam zu. Gelegentlich stellte sie Fragen. Gelegentlich fluchte sie leise auf Teladi. Einige dieser Worte kannte ich mittlerweile. Andere vermutlich besser nicht. Wir hatten etwa die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als mir plötzlich ein Gedanke kam. Ein Gedanke, der direkt mit dem zusammenhing, was ich über die Teladi erfahren hatte. Er rutschte mir heraus, bevor ich darüber nachdenken konnte.
"Glaubst du, die heutigen Teladi sind ein Produkt der Assimilation auf ihrem Heimatplaneten?"
Hatileos blieb mitten im Gehen stehen. Ich bemerkte sofort meinen Fehler. Ihre Augen verengten sich. Langsam drehte sie den Kopf zu mir.
"Wie meinzt du daz?"
Verdammt. Ich hatte laut gedacht. Wieder einmal. "Ähm ..."
Sie verschränkte die Arme. "Nein. Nicht ähm."
Ich seufzte. "Nur eine Theorie."
"Welche Theorie?"
Wir gingen weiter. Langsamer jetzt. Weil sie offensichtlich eine Antwort wollte. Ich suchte nach den richtigen Worten.
"Wenn Teladi tatsächlich geringe Mengen fremder DNA assimilieren können ..." Ihre Augen wurden aufmerksam. "... dann müsste diese Fähigkeit irgendwann entstanden sein."
"Logizch."
"Und wenn sie entstanden ist, dann vielleicht durch denselben Mechanismus." Sie schwieg. Ich fuhr fort. "Auf eurem Heimatplaneten gab es unzählige Lebensformen. Millionen Jahre Evolution. Kontakt zwischen Arten. Konkurrenz. Anpassung."
Hatileos' Schwanz bewegte sich langsam hinter ihr. Ein Zeichen dafür, dass sie nachdachte.
"Du meinzt, die erzten Teladi könnten genetizche Eigenzchaften anderer Zpesiez übernommen haben."
"Nicht bewusst."
"Natürlich nicht."
"Evolutionär."
Jetzt schwieg sie deutlich länger. Die roten Lichter glitten über ihre Schuppen. Ihre goldenen Augen blickten ins Leere.
"Vielleicht."
Mehr sagte sie zunächst nicht. Wir gingen weiter. Das tiefe Dröhnen der Schleusensektion wurde mittlerweile deutlich lauter. Irgendwo vor uns arbeiteten gigantische Verriegelungen. Hydrauliksysteme. Magnetkupplungen. Andockmechanismen. Die Springblossom musste inzwischen nahezu Kontakt haben.
Schließlich sprach Hatileos erneut. "Wenn du recht hazt ..."
"Ja?"
"Dann wären die Teladi nicht nur Händler."
Ich blickte zu ihr. "Wie meinst du das?"
"Wir wären daz Produkt von Milliarden Jahren biologizcher Verhandlung."
Ich hob eine Augenbraue. Sie grinste. Zumindest so weit Teladi grinsen konnten.
"Eigentlich pazzt daz hervorragend."
Für einen Moment musste ich tatsächlich lachen. Und obwohl draußen eine Schlacht tobte, ein uraltes Terraformerschiff unter Beschuss stand, eine verrückte Korvette versuchte anzudocken und irgendwo in meinem Kopf die Erinnerungen an Helfer, Won und das Alte Volk kreisten, fühlte sich dieser kurze Augenblick erstaunlich normal an. Fast menschlich. Fast friedlich. Dann ertönte vor uns ein tiefes metallisches Krachen. Die gesamte Sektion erzitterte. Warnsirenen heulten auf. Und mir wurde klar, dass die Springblossom gerade dabei war, tatsächlich anzudocken. Oder gegen die Außenhülle zu prallen. Ich war mir nicht sicher, welche Möglichkeit die beruhigendere war.

Ich hielt den Blick einen Moment zu lange auf Hatileos gerichtet, während ihr kleiner Körper halb im schwankenden Notlicht des Ganges stand und halb im Schatten der offenen Tür verschwand. Die Teladi hatte sich instinktiv enger zusammengezogen, ihre schuppige Haut, ein mattes graugrün mit einem leichten öligen Glanz, wirkte im flackernden Rot der Alarmbeleuchtung fast schwarz an den Kanten. Ihre Augen, groß und unruhig, reflektierten die Anzeige des defekten Kraftfeldgenerators hinter ihr wie zwei unruhige Splitter aus Glas. Ich bemerkte, wie ihre Krallen nervös über den Boden scharrten, ein rhythmisches, unbewusstes Klicken auf Metall, das sich mit dem dumpfen Dröhnen des Schiffsrumpfs mischte. Während ich sie musterte, arbeitete mein Kopf gleichzeitig die Ketten der Herkunft durch, die sich aus Wissensfragmenten zusammensetzten. Nopileos als Ei-Mutter, Hatrak als genetischer Ausgangspunkt eines Unfalls, der sich über biologische Kopplung in eine neue Linie verschoben hatte, ohne dass irgendein Beteiligter das vollständig verstanden hatte. Ich sah in Hatileos nicht nur eine Person, sondern eine Konsequenz aus Ereignissen, die sich gegenseitig überlagert hatten wie fehlerhafte Layer in einem Terraformingprotokoll. Und doch stand sie hier, atmend, zitternd, mit einer Präsenz, die keinerlei theoretische Abstraktion vollständig einfangen konnte. Ich hob langsam eine Hand, nicht um sie zu berühren, sondern um sie zu stabilisieren, als wäre meine Geste selbst ein Anker gegen das instabile System.
„Du bleibst hinter mir, egal was passiert“, sagte ich, mehr zu mir selbst als zu ihr. Sie nickte nicht wirklich, aber ihre Augen folgten mir, als würde sie jede meiner Bewegungen interpretieren müssen wie eine fremde Sprache.
Dann zwang ich mich, das Gedankenfeld zu verschieben. Hatileos wusste nichts über die größere genetische Struktur ihrer Art. Sie hatte keinen Zugriff auf historische Daten, keine kulturelle Tiefe, die über Nif'Nakh hinausging. Alles, was sie als Teladi war, war lokal kondensiert, gefiltert durch Split-Perspektiven und die enge Realität einer einzigen Welt. Ich registrierte dabei eine unangenehme Erkenntnis, dass Wissen hier kein Kontinuum war, sondern ein zerbrochener Raum mit künstlichen Grenzen, die jemand gesetzt hatte, ohne dass die Betroffenen es bemerkt hatten. Ich schob den Gedanken weg. Nicht jetzt.
Der Gang vibrierte plötzlich stärker, als hätte das Schiff selbst eine Entscheidung getroffen, die ich nicht mehr mitbekommen hatte. Ein metallisches Zucken lief durch die Wände, begleitet von einem tiefen, resonanten Brummen, das sich wie eine Druckwelle durch meine Rippen zog. Ich wollte mich bereits zur Schleuse wenden, als die Stimme des Schiffscomputers durch das Intercom schnitt, scharf, kalt, ohne jede Modulation, die auch nur entfernt nach Verständnis klang.
„Achtung. Schleuse defekt. Andockmechanismus defekt. Warnung. Atmosphäre kann nicht aufgebaut werden.“
Für einen Moment blieb alles stehen, nicht physisch, sondern kognitiv. Ich sah die Worte, bevor ich sie verstand, als wären sie visuelle Objekte im Raum. Dann drehte ich mich abrupt zum Schleusenfenster. Die äußere Tür lag schief in ihrer Verankerung, eine massive Platte aus Verbundmetall, deren Oberfläche von mikroskopischen Kratzern überzogen war, die im Notlicht wie feine, silberne Fäden wirkten. Sie vibrierte noch, gehalten von einer einzigen, überlasteten Scharnierstruktur, die bereits rot glühte. Dann riss sie endgültig los. Der Moment des Versagens war nicht laut im klassischen Sinn, sondern ein abruptes Verschwinden von Stabilität. Die Tür wurde in einem ungleichmäßigen Bogen aus ihrer Bahn geschleudert, prallte mit brutaler Präzision gegen die Andockröhre der Korvette und schnitt sie auf wie dünnes organisches Gewebe. Die Verbindung kollabierte in Segmenten, die sich zuerst verformten, dann falteten, dann in den Raum hinaussprangen, begleitet von einem Schwall aus gefrorenem Metallstaub und isolationsschäumendem Material. Ich sah, wie der Korridor zwischen beiden Schiffen sich in einen offenen, instabilen Tunnel verwandelte. Die Atmosphäre darin war sofort verloren gegangen, ein unsichtbarer Strom, der alles mit sich riss, was nicht fest verankert war.
Dann bemerkte ich die Bewegung im Inneren der Schleuse. Die dort gelagerten Schutzanzüge, eben noch ordentlich in Halterungen fixiert, lösten sich wie ein Schwarm losgerissener Objekte. Sie wurden nicht einfach gezogen, sondern regelrecht aus ihren Sicherungen gerissen, als hätte das Vakuum eine eigene Richtung und Absicht. Einer nach dem anderen schossen sie in den entstehenden Spalt, ihre flexiblen Materialien flatterten kurz wie leblose Häute, bevor sie in die Leere des Alls verschwanden. Ich sah einen von ihnen kurz rotieren, das Helmvisier spiegelte für den Bruchteil einer Sekunde das rote Alarmlicht, bevor auch er in der Dunkelheit verschwand. Die Korvette dahinter hielt dennoch Kurs, absurd stabil in ihrer Bewegung, als würde sie das Chaos an ihrer Oberfläche ignorieren. Ich erkannte in diesem Moment die technische Komplexität dieser Leute nicht mehr als beeindruckend, sondern als gefährlich präzise Gleichgültigkeit gegenüber der Grenze zwischen Überleben und Verlust. Mein Atem wurde flacher, obwohl ich wusste, dass die Luftversorgung im inneren Bereich noch stabil war. Es war kein physisches Ersticken, sondern eine Reaktion auf die plötzliche Offenheit des Raums, der jetzt direkt an das Schiff angrenzte.
Hatileos stand hinter mir, ihre Stimme kam leiser als zuvor, fast gepresst, „Waz pazziert jetzt?“
Ich antwortete nicht sofort. Meine Augen blieben auf dem zerstörten Übergang, auf der offenen Verbindung, die jetzt nur noch eine geometrische Erinnerung an Struktur war. Der Raum draußen war schwarz, aber nicht leer im Sinne von Nichts, sondern voll von Bewegung, von Mikropartikeln, von Lichtfragmenten, die von der Sonne vor uns gebrochen wurden und wie kalte Nadeln durch die Szene schnitten.
„Was jetzt?“ wiederholte ich schließlich, kaum hörbar, während ich die Distanz zwischen Schiff und Korvette abschätzte, die Stabilität der verbleibenden Kopplung, die Integrität der internen Drucksegmente und die Tatsache, dass jede konventionelle Bewegung durch diesen Korridor nun tödlich wäre.

Ich blieb einen Moment lang in der Mitte des Gangs stehen, während das Schiff um mich herum weiter in seiner unruhigen, mechanischen Atmung vibrierte. Die roten Warnlichter pulsierten nicht mehr synchron, sondern versetzt, als hätte das System selbst begonnen, in einzelne, unkoordinierte Körperteile zu zerfallen. Der metallische Geruch von überhitzten Leitungen mischte sich mit einem schwachen Ozonfilm, der durch die Druckschwankungen entstanden war. Jeder Atemzug schmeckte leicht elektrisch, als würde die Luft selbst in ihre Bestandteile zerlegt. Als Hatileos sich plötzlich zu mir drehte, war ihre Haltung überraschend stabil. Ihre Schuppen reflektierten das Notlicht in gebrochenen, grünlich violetten Fragmenten, und ich sah, wie ihre Augen nicht mehr nur Angst zeigten, sondern eine nüchterne, fast irritierende Berechnung.
„Ich glaube ich kann da rüber“, sagte sie.
Für einen Moment reagierte ich nicht. Mein Gehirn versuchte, die Aussage gegen die physikalische Realität zu halten, die direkt hinter ihr in Form eines offenen, vakuumgefährdeten Korridors existierte. Der zerstörte Verbindungstunnel zwischen Saatschiff und Korvette hing dort wie ein aufgerissener, metallischer Riss im Raum, in dem sich Licht verzerrte und Partikel in chaotischen Bahnen drifteten. Ich sah sie an, länger als notwendig, und spürte, wie sich ein reflexartiger Unglauben in mir aufbaute.
„Selbst Echsen können dem Vakuum nicht trotzen.“
Sie blinzelte nicht. Stattdessen legte sie den Kopf leicht schräg, ein Verhalten, das ich inzwischen als ihre Art verstand, interne Berechnungen nach außen zu verschieben.
„Ich weizz. Aber daz brauche ich auch nicht. Ich kann meine Luft über eine Ztasura anhalten und meine Panzerung gibt mir genügend Druck für…“ Sie stoppte kurz, die Krallen ihrer linken Hand zuckten minimal, während sie offenbar eine interne Abschätzung korrigierte. „Fünf Misuraz?“
Die Unsicherheit in der letzten Silbe stand in einem absurden Gegensatz zu der Größe der Entscheidung, die sie gerade aussprach. Ich spürte, wie sich meine Schultern verkrampften.
„Das ist Wahnsinn.“
Mein Blick wanderte automatisch zur Korvette, die draußen in einem stabilisierten Parallelkurs lag. Ihre Hülle war klarer strukturiert als alles, was ich auf diesem Schiff bisher gesehen hatte, fast klinisch sauber, mit geometrischen Linien, die in einem völlig anderen technologischen Paradigma entstanden waren. Für einen Sekundenbruchteil hatte ich das Gefühl, die Gesichter von Vanu und Valentina darin zu erkennen, obwohl ich wusste, dass das unmöglich war. Eine kurze Überlagerung von Erinnerung und Stressprojektion, nichts weiter. Ich zwang mich, wieder auf den zerstörten Korridor zu schauen. Die Distanz war tatsächlich nicht groß. Die Trümmer bildeten eine Art fragmentierte Struktur aus verbogenen Streben, offenen Kanten und stabil gebliebenen Segmenten, die theoretisch als Handgriffe dienen konnten. Physikalisch war es machbar. Praktisch war es ein Todesszenario mit variabler Dauer.
„Nein“, sagte ich schließlich und schüttelte den Kopf. „Keine Risiken. Davon habe ich genug.“
Ich deutete mit einer schnellen, scharfen Bewegung in die entgegengesetzte Richtung. „Wir gehen zur anderen Schleuse. Vielleicht finden wir dort noch funktionierende Anzüge.“
Hatileos antwortete nicht, aber ihr Blick folgte meiner Geste. Sie nickte einmal, knapp, fast mechanisch, und setzte sich dann in Bewegung. Kein Zögern, kein unnötiger emotionaler Ausdruck. Nur ein unmittelbares Akzeptieren der Entscheidung, was mich auf eine Weise irritierte, die ich nicht sofort einordnen konnte. Wir trennten uns. Der Gang war schmal, kreisförmig um den scheibenförmigen Hauptkörper des Saatschiffs gelegt, und die Wände waren in regelmäßigen Abständen von eingelassenen Leitungen durchzogen, die im Notmodus wie glimmende Adern wirkten. Während ich lief, spürte ich die leichte Fliehkraft der Rotation, ungleichmäßig verteilt durch die beschädigten Systeme. Meine Schritte hallten dumpf, begleitet von gelegentlichen metallischen Nachbeben tief im Rumpf. Die Schleuse lag am gegenüberliegenden Segment. Ich sprintete die letzten Meter, wobei meine Gedanken bereits vor mir ankamen und Szenarien durchspielten, die ich nicht vollständig kontrollieren konnte. Die Möglichkeit, dass die Anzüge hier ebenfalls beschädigt waren, war nicht theoretisch, sondern statistisch wahrscheinlich. Als ich die Schleusenanlage erreichte, zog ein plötzlicher Druckwechsel durch meinen Gehörgang, ein scharfes, unangenehmes Knacken, das mir für einen Moment das Gleichgewicht nahm. Gleichzeitig flackerte eine Systemmeldung auf.
„Warnung: Schleuse offen. Atmosphäre entweicht.“ Ich blieb stehen. Dann, Sekunden später, änderte sich der Status. „Entwarnung.“
Ich fluchte leise, nicht wegen der Meldung, sondern wegen der Schlussfolgerung, die sich sofort in meinem Kopf bildete. Hatileos. Ich riss die innere Schleusentür auf, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass die äußere stabil war. Der Raum dahinter war kalt beleuchtet, steril und überraschend ruhig im Vergleich zum Rest des Schiffs. Die Anzüge hingen in ihren Halterungen wie verblasste Schatten ihrer Funktion, leicht grau überzogen, aber noch intakt genug, um Hoffnung zu erzeugen. Ich trat näher. Als ich den ersten Anzug berührte, reagierte er nicht wie Material, sondern wie etwas, das seine strukturelle Integrität bereits verloren hatte. Die Oberfläche gab nach, zuerst minimal, dann vollständig. In wenigen Sekunden zerfiel das Material in mikroskopische Fragmente, die sich wie feiner Staub auflösten und in den Luftstrom des Raums gezogen wurden. Ich zog die Hand zurück. Einer nach dem anderen kollabierten die verbleibenden Anzüge auf dieselbe Weise. Kein Reißen, kein Bruch, nur ein stilles Aufgeben der Struktur, als hätte die Zeit selbst entschieden, dass sie ihr Limit überschritten hatten. Ich stolperte einen Schritt zurück, während die Schleuse automatisch reagierte und sich schloss. In diesem Moment verstand ich nicht nur, dass das Schiff alt war. Ich verstand, dass „alt“ hier kein Zustand war, sondern ein aktiver Zerfallsprozess. Neunhundert Jahre waren keine Zahl mehr, sondern eine physikalische Wahrheit, die sich in jede Schraube, jede Dichtung und jede Faser gefressen hatte. Ich blieb kurz stehen, die Hand noch halb erhoben, als könnte ich die Situation durch reine Weigerung stabilisieren, dann setzte ich mich wieder in Bewegung.
Auf dem Rückweg zur anderen Schleuse fand ich im Korridor weitere Fragmente dieser Anzüge, verstreut wie bedeutungslose Überreste einer Entscheidung, die bereits getroffen worden war. Mein Kopf rekonstruierte die Szene ohne Mühe. Hatileos hatte offenbar einen der alten Anzüge gefunden, ihn teilweise zerlegt und sich daraus improvisierten Schutz gebaut. Nicht optimal, aber ausreichend, um eine extrem kurze Exposition zu überleben. Als ich durch das nächste Sichtfenster nach draußen sah, veränderte sich die Perspektive abrupt. Die Korvette löste sich vom Saatschiff. Der beschädigte Andockkorridor wurde im selben Moment kontrolliert abgetrennt, ein sauberer Schnitt im Chaos, als hätte man entschieden, dass dieser Teil der Realität nicht mehr reparierbar war. Der abgetrennte Abschnitt driftete weg, rotierte langsam und verlor sofort strukturelle Stabilität. Die Schleuse der Korvette schloss sich. Durch das Glas sah ich eine Gestalt, klein im Verhältnis zur massiven Schiffshülle, graugrün gefärbt, unregelmäßig umhüllt von weißen, bandagenartigen Strukturen. Sie bewegte sich nicht hektisch, sondern stabilisierte sich nur minimal im Inneren des Schiffes. Ich hielt den Atem an, obwohl es keinen rationalen Grund dafür gab. Für einen Moment erlaubte ich mir die Annahme, dass sie es geschafft hatte. Dann blieb nur die nächste Frage, die sich ohne jede Rücksicht in den Vordergrund schob. Ich stand allein auf einem sterbenden Schiff, dessen Systeme in Echtzeit auseinanderfielen, während draußen eine Korvette mit unbekanntem Ziel verschwand. Und mir wurde klar, dass ich keinen funktionierenden Schutz mehr hatte, keinen sicheren Übergang und keine unmittelbare Möglichkeit, diesem Zustand sinnvoll zu entkommen.

Ich kehrte zurück auf die Brücke des Saatschiffs, während die Struktur unter mir weiterhin in unregelmäßigen Intervallen vibrierte, als würde das gesamte Konstrukt langsam seine innere Kohäsion verlieren. Die Beleuchtung war inzwischen in ein krankes, pulsierendes Rot übergegangen, durchsetzt von einzelnen weißen Blitzen, die wie nervöse Fehlzündungen durch die Deckplatten liefen. Der Geruch hatte sich ebenfalls verändert, metallisch stärker, mit einem unterschwelligen Anteil von erhitztem Isolationsmaterial, das sich wie ein bitterer Nachgeschmack in der Luft hielt. Die Brücke selbst wirkte nicht mehr wie ein Kommandoraum, sondern wie ein Übergangszustand zwischen Funktion und Kollaps. Einige Konsolen waren bereits halb ausgefallen, Displays flackerten in langsamen Zyklen, andere zeigten statische Kartenfragmente, die sich nicht mehr sauber aktualisierten. Der Captainssessel stand leicht schräg, als hätte jemand versucht, die Gravitation neu zu definieren und dabei aufgegeben. Kaum hatte ich mich in Reichweite der Hauptkonsole bewegt, erschien eine Nachricht auf dem zentralen Display.
„Ist noch jemand an Bord?“
Die Schrift war schlicht, fast unangemessen ruhig im Verhältnis zur Lage. Ich starrte sie einen Moment an, während mein Kopf automatisch alle möglichen Absender durchging. Keine Signatur, keine Protokollkennung, keine eindeutige Quelle. Ich antwortete ohne Verzögerung.
„Ja.“
Mehr war in diesem Moment nicht sinnvoll. Keine Erklärungen, keine Statusberichte, keine Relativierungen. Nur die Bestätigung, dass noch ein Reststrukturpunkt existierte. Dann spürte ich eine Vibration an meinem linken Unterarm. Zuerst minimal, fast wie ein Muskelreflex. Dann klarer, strukturiert, als würde etwas innerhalb der Schiene auf eine externe Eingabe reagieren. Ich hob den Arm leicht an und berührte die Oberfläche mit zwei Fingern. Das Material war kühl, glatt, ohne erkennbare Naht oder Verbindung. In dem Moment entfaltete sich ein schwarzes Hologramm direkt vor mir, schwebend in der Luft, ohne sichtbare Projektionsquelle. Die Schrift darauf war weiß, extrem präzise, ohne jede Unschärfe. Es war kein Text im klassischen Sinn, sondern eine Abfolge strukturierter Datenblöcke. Kursvektoren. Geschwindigkeitskorrekturen. Formationsanpassungen. Dazwischen geometrische Relationen, die sich wie eingefrorene Bewegungsabsichten anfühlten. Kein erklärender Kontext, keine Sprachebene, nur reine Navigation als Konzept. Die Herkunft war eindeutig. Die Helfer. Ich ließ die Daten automatisch in die Navigationskonsole einspeisen, während ich parallel versuchte, sie manuell zu interpretieren. Die Systeme des Saatschiffs nahmen die Informationen auf, berechneten kurz, stockten dann und akzeptierten sie schließlich als gültige externe Steuerparameter. Der Abgleich dauerte nur wenige Sekunden. Dann änderte sich mein Gesichtsausdruck unwillkürlich. Der neue Kurs war kein Fluchtpfad. Es war ein Kollisionskurs. Direkt auf die Sonne dieses Systems. Ich spürte ein unangenehmes Ziehen im Magen, eine Mischung aus kognitiver Dissonanz und physischer Stressreaktion, während ich die Daten erneut prüfte. Die Trajektorie war stabil. Zu stabil. Sie ignorierte alle konventionellen Fluchtoptionen, alle bekannten Risikozonen und alle rationalen Evakuierungslogiken. Doch gleichzeitig war die Situation bereits so weit eskaliert, dass jede zusätzliche Entscheidung kaum noch einen Unterschied machte. Die Systeme waren beschädigt, die Flotte dezimiert, die Umgebung feindlich, die Struktur des Schiffs selbst nicht mehr vertrauenswürdig. Ich bestätigte die Korrekturen. Die verbliebenen Terraformerschiffe reagierten sofort. Ihre Vektoren verschoben sich synchron, als hätten sie nie etwas anderes getan. Geschwindigkeit wurde neu verteilt, Formation reorganisiert, die gesamte Gruppe begann sich in eine präzise, fast unangenehm elegante Struktur zu bringen. Mitten darin die aldrianische Korvette, deren Bewegungen kurzzeitig aus dem Muster fielen, als würde ihre Besatzung versuchen, die Logik hinter der Veränderung zu rekonstruieren, ohne sie vollständig greifen zu können. Ich öffnete einen Kommunikationskanal.
„Bringen Sie sich in Sicherheit.“
Die Nachricht blieb ohne Antwort. Ich starrte auf das Interface, während Sekunden verstrichen, die sich unnötig gedehnt anfühlten. Dann veränderte sich etwas außerhalb der Brücke. Der Raum vor der Flotte begann sich zu falten. Nicht wie eine Explosion, sondern wie ein struktureller Fehler im Gewebe der Realität selbst. Lichtlinien krümmten sich nach innen, Sternenpunkte verschoben ihre Position, als würden sie an eine unsichtbare Achse gezogen. Ein Riss entstand, zunächst dünn wie eine feine Schnittlinie in dunklem Glas, dann zunehmend stabiler, dichter, als würde er sich selbst definieren. Die Flotte bewegte sich darauf zu, ohne Widerstand, ohne Abweichung. Ich spürte, wie mein Körper instinktiv reagierte, obwohl mein Verstand noch versuchte, den Vorgang als Messfehler oder Sensorartefakt zu klassifizieren. Der Riss öffnete sich vollständig. Und verschluckte alle Schiffe. Nicht mit Geräusch, nicht mit Explosion, sondern mit einer vollständigen Auflösung ihrer Position im Raum. Als hätte jemand entschieden, dass ihre Koordinaten nicht mehr Teil des Universums sind. Ich blieb stehen. Die Brücke war plötzlich stiller als zuvor. Nur die leisen, unregelmäßigen Systemgeräusche des zerfallenden Saatschiffs blieben zurück, begleitet vom schwachen Pulsieren der roten Notbeleuchtung, die jetzt eher wie ein fernes Herzschlagen wirkte, das seine eigene Bedeutung verloren hatte.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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Kapitel 56 - Ankunft

Der Übergang endete nicht abrupt. Zumindest fühlte es sich nicht so an. Es war vielmehr, als würde mein Gehirn erst nach und nach begreifen, dass die Realität wieder festen Regeln folgte. Während des Durchflugs hatte jede Orientierung ihre Bedeutung verloren. Oben und unten hatten nicht existiert. Entfernungen hatten sich gedehnt und zusammengezogen. Mehrmals hatte ich das Gefühl gehabt, mein Körper würde gleichzeitig nach vorne gezogen und nach hinten gedrückt werden. Nicht physisch, sondern auf einer Ebene, für die mir jede Erfahrung fehlte. Die Anzeigen der Brücke waren zeitweise völlig ausgefallen. Mehrmals hatte sich das Bild der Außenkameras in geometrische Muster verwandelt. Sterne waren zu Linien geworden. Linien zu Spiralen. Spiralen zu flächigen Strukturen, die aussahen, als hätte jemand versucht, vierdimensionale Objekte auf einen zweidimensionalen Bildschirm zu pressen. Dann waren die Systeme wieder angesprungen. Und die Flotte war aus dem Wurmloch gefallen. Ich saß noch immer im Captainssessel, als die ersten normalen Sensordaten zurückkehrten. Mein Kopf dröhnte. Es fühlte sich an, als hätte jemand mein Gehirn durchgeschüttelt und anschließend vergessen, die einzelnen Teile wieder richtig zusammenzusetzen. Langsam öffnete ich die Augen vollständig. Vor mir erstreckte sich der Weltraum. Normaler Weltraum. Keine Verzerrungen. Keine Faltungen. Keine Risse. Einfach nur die unendliche Schwärze zwischen den Sternen. Und direkt vor der Flotte hing ein Stern. Orange. Ruhig. Beständig. Ich brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, dass wir tatsächlich angekommen waren. Mein Magen rebellierte noch immer gegen die Erinnerungen an den Durchflug. Vorsichtig richtete ich mich im Sessel auf. Sofort bereute ich die Bewegung. Eine Welle von Schwindel raste durch meinen Schädel. Ich schloss die Augen wieder und atmete langsam aus.
"Verdammt..."
Meine Stimme klang rau. Trocken. Als hätte ich seit Stunden nicht gesprochen. Ich öffnete die Augen erneut und blickte auf den Captainssessel. Zum ersten Mal fiel mir auf, wie absurd es eigentlich war, dass ein Schiff dieser Größe keine Gurte besaß.
"Wer auch immer dieses Ding konstruiert hat..." Ich rieb mir die Stirn. "... hatte offensichtlich nie vor, durch ein Wurmloch geschleudert zu werden."
Langsam ließ das Nachbeben nach. Mein Gleichgewicht stabilisierte sich wieder. Der Druck hinter den Augen wurde schwächer. Erst jetzt stand ich auf. Die Brücke wirkte deutlich mitgenommener als zuvor. Mehrere Konsolen waren dunkel. Einige Wandverkleidungen hatten sich gelöst. An einer Stelle hing ein Kabelbündel aus einer offenen Wartungsklappe und bewegte sich leicht in der künstlichen Schwerkraft. Ich ging zu einer der wenigen noch funktionierenden Stationen. Die Oberfläche des Bedienfelds war kalt. Mehrere Anzeigen blinkten gelb. Warnungen. Fehlerberichte. Subsystemausfälle. Beschädigte Drohnennetze. Kommunikationsunterbrechungen. Sensorstörungen. Eigentlich ein Wunder, dass überhaupt noch etwas funktionierte. Ich aktivierte die Reparaturprotokolle. Sofort erschienen neue Fenster. Reparaturdrohnen wurden aus den internen Wartungsbereichen freigegeben. Auf taktischen Anzeigen konnte ich beobachten, wie sich hunderte kleine Signaturen innerhalb der verbliebenen Terraformerschiffe bewegten. Wie Ameisen in einem gigantischen mechanischen Organismus. Systematisch. Emotionslos. Effizient. Ich aktivierte zusätzlich den Scanmodus der gesamten Flotte. Die verbliebenen Sensoren richteten sich nach außen. Ein Netz aus aktiven und passiven Messungen begann das neue System zu erfassen. Dabei lehnte ich mich gegen die Konsole. Für einen Moment schloss ich die Augen. Vanu erschien vor meinem inneren Auge. Ihr Lächeln. Ihre Stimme. Die Art, wie sie mich manchmal ansah, wenn ich wieder einmal ein Projekt begonnen hatte, das völlig außer Kontrolle geraten war. Dann Valentina. Konzentriert. Ruhig. Pragmatisch. Wahrscheinlich würde sie mir jetzt erklären, dass Überleben statistisch wahrscheinlicher war als Verzweiflung. Ich musste unwillkürlich lächeln. Nur kurz. Dann verschwand der Moment wieder. Ich öffnete die Augen. Nein. Aufgeben war keine Option. Nicht mehr. Vielleicht hätte ich früher resigniert. Vielleicht noch vor einigen Jahren. Aber inzwischen gab es Menschen, die auf mich warteten. Freunde. Familie. Mitarbeiter. Kinder. Verantwortung. Und Verantwortung war ein erstaunlich effektiver Motor gegen Hoffnungslosigkeit. Also arbeitete ich weiter.
Minuten vergingen. Die ersten Ergebnisse trafen ein. Zunächst nur Sternklassifikationen. Der Zentralstern wurde eindeutig als Typ K identifiziert. Ein oranger Zwerg. Die Datenbank der Terraformer begann automatisch Vergleichsmodelle zu erstellen. Geschätzte Lebensdauer. Zwischen fünfzehn und dreißig Milliarden Jahren. Stabil. Langfristig. Fast schon luxuriös im Vergleich zu vielen anderen Sternklassen. Weitere Sensordaten kamen hinzu. Einige waren beschädigt. Andere unvollständig. Mehrere Messungen widersprachen sich. Doch je mehr Daten zusammenliefen, desto klarer wurde das Gesamtbild. Ich ließ die Software verschiedene Interpretationen gegeneinander laufen. Dann erschien die habitable Zone. Und ich runzelte die Stirn. Noch einmal. Dann noch einmal. Ich überprüfte die Parameter manuell. Die habitable Zone lag ungewöhnlich nahe am Stern. Etwa zwischen 0,5 und 0,8 Astronomischen Einheiten. Das allein war nicht ungewöhnlich. Für einen K-Stern sogar logisch. Ungewöhnlich war etwas anderes. Die Kartendarstellung zeigte eine Supererde. Ein gigantischer Wasserplanet. Fast vollständig von Ozeanen bedeckt. Keine erkennbaren Kontinente. Keine größeren Landmassen. Nur Wasser. Endloses Wasser. Und um diesen Planeten kreiste... Ich blinzelte. Ein Gasplanet. Nicht umgekehrt. Ein Gasplanet. Als Mond. Ich starrte auf die Darstellung. Mehrere Sekunden. Dann ließ ich die Daten neu berechnen. Das Ergebnis blieb gleich. Noch einmal. Wieder gleich. Ich wechselte die Algorithmen. Andere Modelle. Andere Annahmen. Gleiches Resultat.
"Das ergibt keinen Sinn."
Die Worte verließen meinen Mund automatisch. Ein Gasplanet konnte kein Mond sein. Zumindest nicht nach allem, was ich über Planetensysteme wusste. Die Masseverhältnisse waren absurd. Die Dynamik ebenso. Ich ließ zusätzliche Gravimetriescans laufen. Neue Ergebnisse trafen ein. Und bestätigten die alten. Die Supererde war das dominierende Objekt. Der Gasplanet umkreiste tatsächlich sie. Nicht andersherum. Ich lehnte mich zurück.
"Entweder sind die Sensoren kaputt..." Mein Blick wanderte wieder über die Daten. "... oder die Physik hat beschlossen, heute kreativ zu werden."
Die Reparaturen liefen inzwischen weiter. Immer mehr Systeme kehrten zurück. Kommunikationsnetze. Interne Diagnostik. Navigation. Energieverteilung. Und mit der Rückkehr der Systemleistung begannen die Terraformer erneut ihre Umgebung zu analysieren. Zunächst bemerkte ich es kaum. Dann fiel mir eine vertraute Prioritätsroutine auf. Objektklassifikation. Ressourcenbewertung. Habitabilitätsanalyse. Atmosphärenprüfung. Mineralische Zusammensetzung. Terraformingpotenzial. Ich erstarrte. Dann fluchte ich leise. Natürlich. Die Maschinen. Sie waren wieder bei der Arbeit. Nicht weil sie wollten. Nicht weil sie neugierig waren. Sondern weil ihre Programmierung es verlangte. Das war ihr Zweck. Ihr Existenzgrund. Die Systeme bewerteten bereits sämtliche stellaren Objekte innerhalb einer Astronomischen Einheit. Planeten. Monde. Asteroiden. Alles. Automatisch. Systematisch. Effizient. Und genau das machte mir Angst. Nicht weil die Terraformer böse waren. Sondern weil sie völlig gleichgültig waren. Eine Maschine fragte nicht nach Konsequenzen. Sie fragte nur nach Parametern. Ich erinnerte mich an Nif'Nakh. An alles, was dort geschehen war. An die Katastrophe. An die Missverständnisse. An die Folgen. Mein Blick wurde hart.
"Nein."
Sofort öffnete ich die Prioritätsverwaltung. Mehrere Sicherheitsprotokolle wurden geändert. Neue Autorisierungsstufen eingeführt. Zusätzliche Bestätigungsschleifen aktiviert. Dann formulierte ich den entscheidenden Befehl. Terraforming durfte ausschließlich nach manueller Freigabe durch einen Menschen gestartet werden. Nicht durch die Flotte. Nicht durch Algorithmen. Nicht durch automatische Bewertungssysteme. Nur durch einen Menschen. Nach der letzten Bestätigung lehnte ich mich zurück. Ein Teil meiner Anspannung verschwand. Nicht viel. Aber genug. Denn ich wusste nicht, wie lange ich hier festsaß. Wo auch immer "hier" überhaupt war. Und wenn die Maschinen einmal mit dem Terraforming begannen, bestand die reale Möglichkeit, dass sie Jahrzehnte beschäftigt sein würden. Vielleicht länger. Ich blickte wieder zu dem orangefarbenen Stern hinaus. Zu der seltsamen Wasserwelt. Zu ihrem unmöglichen Begleiter. Zu einem System, das bereits in den ersten Minuten mehr Fragen aufwarf, als es Antworten lieferte. Und irgendwo tief in meinem Hinterkopf meldete sich ein Gedanke. Die Helfer hatten uns hierher geschickt. Nicht irgendwohin. Hierher. Das konnte Zufall sein. Aber nach allem, was in den letzten Tagen passiert war, glaubte ich immer weniger an Zufälle.

Ich saß noch immer vor den Konsolen, als mir eine kleine Markierung am Rand eines Diagnosefensters auffiel. Sie war unscheinbar. Nur eine Referenznummer innerhalb eines gewaltigen Datenblocks, wie ihn die Terraformer ständig erzeugten. Normalerweise hätte ich sie ignoriert. Doch irgendetwas daran wirkte ungewöhnlich. Vielleicht war es die Häufung von Querverweisen. Vielleicht die Tatsache, dass das System bereits kategorisiert worden war. Ich öffnete die Statistik. Sofort erschienen neue Datensätze. Mein Blick wanderte über Zahlenkolonnen, Wahrscheinlichkeitsmodelle und historische Aufzeichnungen vergangener Terraformerexpeditionen.
"Interessant ..."
Ich lehnte mich näher an die Konsole. Dieses System war nicht einzigartig. Selten. Aber nicht einzigartig. Die verbliebenen Datenbanken der Flotte enthielten mehrere bestätigte Beobachtungen ähnlicher Systeme. Nicht viele. Die meisten Terraformerflotten waren niemals auf solche Konfigurationen gestoßen. Manche hatten Millionen von Sternensystemen kartiert, ohne jemals ein vergleichbares Paar zu finden. Andere hatten eines entdeckt. Manche sogar zwei. Die Statistik war fortlaufend ergänzt worden und mit astronomischen Modellen abgeglichen. Aktuelle Schätzung: Zwischen einem und drei Prozent aller Sternensysteme der Milchstraße konnten ähnliche planetare Konfigurationen aufweisen. Ich runzelte die Stirn. Ein bis drei Prozent. Das klang zunächst verschwindend gering. Doch dann dachte ich an die tatsächlichen Dimensionen der Galaxie. Milliarden Sterne. Milliarden Systeme. Plötzlich wirkte diese Zahl überhaupt nicht mehr klein. Selbst ein Prozent entsprach einer astronomischen Menge.
"Selten ist relativ."
Meine Stimme klang leise in der verlassenen Brücke. Draußen schwebten die wenigen verbliebenen Terraformerschiffe im Orbit des orangefarbenen Zwergs, während ihre Sensoren immer mehr Daten zusammentrugen. Die Auswertung lief inzwischen auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Astrophysikalische Modelle entstanden. Vergleichsanalysen wurden durchgeführt. Simulationen berechnet. Und nach und nach begann sich ein Bild herauszukristallisieren. Ein erstaunliches Bild. Ich beobachtete, wie die Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte entstand. Vor Milliarden Jahren hatte sich weit draußen im jungen System zunächst ein gewaltiger Gasriese gebildet. Weit jenseits der Eislinie. Dort, wo Temperaturen niedrig genug waren, damit sich enorme Mengen Wasser, Methan, Ammoniak und andere flüchtige Stoffe ansammeln konnten. Seine Ringe mussten gigantisch gewesen sein. Nicht wie die Ringe des Saturn. Größer. Massiver. Praktisch ein zweiter Planet aus Wassereis. Dann hatte die Schwerkraft der jungen Staubscheibe begonnen, den Riesen langsam nach innen zu ziehen. Ein Prozess, der über Jahrmillionen ablief. Unaufhaltsam. Langsam. Fast friedlich. Bis er die Umlaufbahn einer bereits existierenden Supererde erreichte. Hier hätten die meisten Modelle eine Katastrophe vorhergesagt. Kollision. Zerstörung. Fragmentierung. Doch stattdessen war etwas anderes passiert. Etwas extrem Unwahrscheinliches. Die Supererde hatte den Gasriesen eingefangen. Nicht vollständig. Nicht als Verschmelzung. Sondern als Begleiter. Ein kosmischer Tanz zweier Welten. Die gewaltige Gravitation der Supererde hatte begonnen, an den äußeren Schichten des Gasplaneten zu ziehen. Über Millionen Jahre hinweg. Schicht für Schicht. Ring für Ring. Wasser. Eis. Gas. Alles wanderte langsam auf die Supererde. Wie ein unendlich langsamer Regen. Die Datenvisualisierung zeigte gewaltige blaue Ströme aus Wasserdampf und Eispartikeln, die spiralförmig auf den Planeten niederstürzten. Unvorstellbare Mengen. Ozeane entstanden. Dann größere Ozeane. Dann globale Meere. Schließlich verschwand jede Landmasse unter den Wassermassen. Ich beobachtete fasziniert die Rekonstruktion. Es wirkte beinahe wie eine Geburt. Nicht die Geburt eines Planeten. Sondern die Geburt eines Ozeans. Eines Ozeans von planetarer Größe. Doch all das blieb Theorie. Ein Modell. Eine Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ob dort tatsächlich Leben existierte, wusste niemand. Noch nicht. Vielleicht war die Welt tot. Vielleicht steril. Vielleicht voller Mikroorganismen. Vielleicht Heimat einer gesamten Biosphäre. Die Sensoren würden Zeit benötigen. Und Zeit war momentan die einzige Ressource, die ich besaß. Zumindest glaubte ich das.
Dann erschütterte eine Explosion die Anzeigen. Ich zuckte zusammen. Mehrere Warnmeldungen erschienen gleichzeitig. Ein Terraformerschiff war verschwunden. Ein rotes Symbol blinkte auf der taktischen Übersicht. Dann ein zweites. Die Aufzeichnungen zeigten den Ablauf gnadenlos sachlich. Reaktoreindämmung versagt. Kaskadierende Überlastung. Strukturelles Versagen. Explosion. Die Trümmer hatten ein benachbartes Schiff getroffen. Dieses war ebenfalls auseinandergerissen worden. Ich starrte auf die Darstellung. Zwei weitere Schiffe verschwanden aus der Formation. Einfach so. Nach allem, was sie bereits überstanden hatten. Nach den Split. Nach Nif'Nakh. Nach dem Wurmloch. Nach der Flucht. Jetzt zerstörte sie ihr eigener Zustand. Langsam wurde die Flotte kleiner. Immer kleiner. Einst waren es Dutzende gewesen. Jetzt nur noch wenige. Einstellige Zahl. Mein Magen zog sich zusammen. Ich wusste nicht, was mich erwartete. Nicht morgen. Nicht nächste Woche. Nicht einmal in der nächsten Stunde. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich die Zukunft nicht wie ein Pfad an. Sondern wie Nebel. Ich schob den Gedanken beiseite. Es brachte nichts. Also konzentrierte ich mich erneut auf die Daten.
Und diese wurden immer faszinierender. Weitere Modelle erklärten inzwischen, warum die Wasserwelt überhaupt lebensfreundlich geblieben sein konnte. Eigentlich hätte sie das nicht sein dürfen. Ein Planet in dieser Entfernung zu einem K-Stern lief Gefahr, gezeitengebunden zu werden. Eine Seite permanent dem Stern zugewandt. Die andere in ewiger Nacht. Ein klimatischer Albtraum. Doch der Gasriese hatte die Regeln verändert. Seine Schwerkraft dominierte die lokale Dynamik. Die Supererde war nicht primär an den Stern gekoppelt. Sondern an ihren Begleiter. Dadurch rotierte sie weiterhin relativ zur Sonne. Langsam. Aber ausreichend. Tag und Nacht existierten. Nicht unbedingt in vertrauten Rhythmen. Doch sie existierten. Die Temperatur wurde verteilt. Extreme Unterschiede wurden vermieden. Gleichzeitig erzeugte die Nähe des Gasriesen gewaltige Gezeiten. Nicht vergleichbar mit denen der Erde. Diese Kräfte bewegten ganze Ozeane. Kontinuierlich. Unaufhörlich. Die Modelle zeigten planetenumspannende Strömungen. Verdunstung. Kondensation. Wolkenbildung. Eine Atmosphäre aus gewaltigen Wolkenmassen entstand. Dicht. Reflektierend. Ein natürlicher Sonnenschutz. Ein Spiegel gegen die Strahlung des Sterns. Dadurch blieb das Klima stabil. Über Milliarden Jahre. Noch beeindruckender war jedoch das Magnetfeldmodell. Die flüssigen Kerne beider Himmelskörper beeinflussten sich gegenseitig. Nicht direkt. Aber stark genug. Gemeinsam erzeugten sie eine Magnetosphäre, die alles übertraf, was ich bisher gesehen hatte. Eine gewaltige Schutzblase. Mehrere Millionen Kilometer groß. Sie lenkte Sternwind ab. Schützte die Atmosphäre. Bewahrte die Ozeane. Schirmte die Oberfläche vor einem Großteil der hochenergetischen Strahlung ab.
Ich saß lange schweigend da. Die Anzeigen spiegelten sich in den dunklen Oberflächen der Konsole. Draußen leuchtete der orange Zwerg ruhig und beständig. Die wenigen verbliebenen Terraformerschiffe arbeiteten weiter. Reparaturdrohnen bewegten sich zwischen beschädigten Rümpfen. Ressourcen wurden gesammelt. Systeme überprüft. Und irgendwo dort unten kreiste eine Welt aus Wasser. Eine Welt, die eigentlich nicht existieren dürfte. Eine Welt, die vielleicht vollkommen leer war. Oder voller Leben. Und plötzlich fragte ich mich, ob die Helfer genau deshalb diesen Ort gewählt hatten. Nicht als Versteck. Nicht als Zuflucht. Sondern weil hier etwas war. Etwas, das sie kannten. Oder etwas, das sie entdeckt haben wollten. Mein Blick wanderte zur silbernen Armschiene an meinem linken Unterarm. Die feinen blauen Linien glommen schwach. Fast so, als würden sie auf meine Gedanken reagieren. Ich hatte das Gefühl, dass die eigentliche Reise gerade erst begonnen hatte.

Ich ließ die Hand auf der Armschiene ruhen, während die Brücke in einem gleichmäßigen, kalten Licht lag, das von den Notstromsystemen kam. Die Schatten der Konsolen wirkten länger als zuvor, als hätten sie sich in meiner Abwesenheit minimal verschoben. Die Luft roch leicht nach erhitztem Metall, ozonartig, gemischt mit dem süßlichen Nachgeschmack von recyceltem Sauerstoff, der in diesen alten Terraformerschiffen immer irgendwo zwischen steril und fremd schwankte. Meine Finger lagen noch auf der Oberfläche der Schiene, als ich erneut versuchte, Kontakt herzustellen.
"Könnt ihr mich hören?"
Die feinen blauen Linien unter meiner Haut reagierten sofort, als hätten sie nur darauf gewartet. Sie pulsierten einmal, synchron, und das schwarze Hologramm entfaltete sich erneut vor meinem Blickfeld. Kein Projektionsfeld im klassischen Sinn, eher ein Riss in der Wahrnehmung, als würde sich ein Teil der Realität kurzzeitig weigern, normal zu funktionieren. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben.
"Wo bin ich?"
Die Antwort erschien nicht als vollständiger Satz, sondern fragmentiert, wie ein Signal, das durch mehrere Schichten aus Distorsion und Energieverlust musste.
"System ... uns bekannt ... einzige Möglichkeit."
Ich runzelte die Stirn. Meine Augen folgten instinktiv den flackernden Zeichen, als könnte ich zwischen den Lücken zusätzliche Informationen herauslesen. Die Formulierungen waren nicht nur unvollständig, sie wirkten auch verschoben, als wäre die semantische Struktur selbst beschädigt. Einen Moment später traf es mich körperlich. Ein kurzer, scharfer Impuls durchzog meinen gesamten Körper. Nicht Schmerz im klassischen Sinn, eher ein abrupter Rückstoß, als hätte mich jemand für einen Sekundenbruchteil aus meiner eigenen Position herausgezogen und wieder zurückgeworfen. Meine Hand krampfte sich unwillkürlich um die Schiene. Ich atmete scharf ein.
"Was zur..."
Ich stoppte. Der Nachhall war unangenehm. Meine Muskeln fühlten sich an, als hätten sie mehrere Stunden in extremer Belastung gearbeitet, ohne es mir mitzuteilen. Die Müdigkeit kam nicht langsam, sie brach plötzlich durch die vorherige Anspannung, als hätte jemand einen internen Schalter umgelegt. Und genau in diesem Moment entstand der Gedanke. Klar. Unangenehm klar. Ich richtete mich etwas auf, obwohl die Bewegung sofort ein Ziehen in der Wirbelsäule auslöste.
"Wie könnt ihr ein Wurmloch erschaffen, wenn ihr nicht vor Ort wart?"
Die Frage hing im Raum wie ein Störsignal. Ich fixierte die flackernde Anzeige. Meine Augen folgten den minimalen Bewegungen der Projektion, während mein Gehirn versuchte, die physikalische Unmöglichkeit sauber zu formulieren. Soweit mein Verständnis reichte, war ein Wurmloch keine Fernoperation, kein theoretisches Konstrukt, das man aus sicherer Distanz erzeugte. Es brauchte Referenzpunkte. Stabilisierung. Lokale Anker. Ich erinnerte mich an das Gespräch mit der Sonde. Oder dem, was sich durch sie ausdrückte. Die Andeutung, dass sie irgendwo gewesen waren. Dass sie „vor Ort“ gewesen waren, ohne wirklich dort zu sein. Meine Gedanken beschleunigten sich.
"Ihr wart vor Ort im Heim des Patriarchen."
Ich sprach es laut aus, mehr zur Selbstvergewisserung als als Frage. Für einen Moment blieb die Anzeige still. Dann erschien eine Antwort.
"Kurzfristig. Getarnt."
Ich starrte darauf. Getarnt. Kurzfristig. Das bedeutete entweder eine extrem fortgeschrittene Form von lokaler Präsenzprojektion oder etwas, das meine bisherigen Modelle von Raumfahrt schlicht ignorierte. Meine Fingerspitzen wurden kalt. Nicht durch die Umgebung, sondern durch das Verständnis, das sich langsam in mir formte. Sie waren nicht nur Beobachter. Sie waren in der Lage, punktuell real zu sein. Oder etwas, das diesem Zustand nahekam. Ich schluckte. Mein Hals fühlte sich trocken an. Dann zwang ich mich, die nächste Frage zu stellen, obwohl ich die Antwort bereits emotional erwartete.
"Könnt ihr mich nach Hause bringen? Nach Trantor?"
Für einen Moment glaubte ich, die Projektion würde reagieren. Die Linien flackerten stärker. Das Schwarz des Hologramms verdichtete sich, als würde sich eine Antwort formen. Dann kam sie.
"Energieaufwand für große Wurmlöcher zu massiv. Kann erst in mehreren Zyklen wieder aktiviert werden."
Ich schloss kurz die Augen. Zyklen. Mehrere. Kein Maß, das mir half. Kein Zeitrahmen, der sich in Tage, Wochen oder Jahre übersetzen ließ, zumindest nicht ohne Kontext. Ich öffnete die Augen wieder.
"Wie lang ist ein Zyklus?" Meine Stimme klang diesmal kontrollierter, fast sachlich. "Seid ihr in der Nähe?"
Keine Antwort. Nur Stille. Das Hologramm blieb einen Moment stabil, als würde es noch Daten verarbeiten. Die blauen Linien auf meiner Armschiene wurden schwächer, dann unregelmäßig, dann wieder gleichmäßig. Ein letzter Puls lief durch das System. Dann verlosch die Projektion. Einfach so. Das Schwarz löste sich auf, als hätte es nie existiert. Ich blieb einen Moment reglos stehen. Die Brücke war wieder nur ein Raum voller beschädigter Konsolen, schwacher Lichter und der leisen, mechanischen Geräusche der Flotte, die irgendwo außerhalb dieses Schiffes weiter reparierte, was noch zu retten war. Ich ließ die Hand langsam von der Schiene sinken. Meine Finger zitterten leicht. Nicht vor Angst. Eher vor der Erkenntnis, dass ich gerade ein System berührt hatte, das weder vollständig erreichbar noch vollständig verständlich war. Ich ging ein paar Schritte zur zentralen Anzeige. Draußen hing der orange Zwerg unverändert im Raum. Ruhig. Geduldig. Darunter bewegten sich die wenigen verbliebenen Schiffe. Und irgendwo dazwischen existierte etwas, das mir gerade klar gemacht hatte, dass „nach Hause“ keine einfache Richtung mehr war. Ich atmete langsam aus. Dann richtete ich meinen Blick wieder auf die Systeme der Flotte. Wenn sie keine stabilen großen Wurmlöcher mehr erzeugen konnten, blieb nur eines übrig. Zeit. Und die Fähigkeit, sie zu überleben.

"Menschliche Korvette erkannt."
Die Computerstimme klang trotz der Schäden an den Systemen erstaunlich ruhig. Fast schon unnatürlich ruhig. Ich stieß langsam die Luft aus, die ich unbewusst angehalten hatte. Für einen Moment blieb ich einfach vor der Sensorstation stehen und starrte auf die Darstellung des umgebenden Raums. Zwischen den zahlreichen Markierungen der verbliebenen Terraformerschiffe befand sich ein einzelner heller Punkt, der sich unregelmäßig bewegte. Die aldrianische Springblossom. Als ich die Sensordaten vergrößerte, wurde mir sofort klar, dass etwas nicht stimmte. Die Korvette befand sich zwar noch weitgehend in einem Stück, doch ihre Fluglage war instabil. Das Schiff rollte langsam um die eigene Achse. Nicht schnell genug, um sofort auseinanderzubrechen, aber deutlich zu stark für ein kontrolliertes Manöver. Ich fuhr mir über das Gesicht. Die Müdigkeit lag wie Blei auf meinen Schultern. Meine Muskeln schmerzten. Mein Kopf pochte noch immer von den Ereignissen der letzten Stunden. Die Wucht der Kämpfe, die Gespräche mit den Helfern, die Flucht, das Wurmloch. Und trotzdem war da dieses kleine Gefühl von Erleichterung. Sie hatten es geschafft. Zumindest größtenteils.
"Statusanalyse."
Mehrere Fenster öffneten sich vor mir. Besatzung unbekannt. Antrieb beschädigt. Lebenserhaltung aktiv. Reaktor stabil. Kommunikationssystem eingeschränkt. Ich nickte langsam. Das reichte. Sie lebten. Mehr musste ich im Augenblick nicht wissen.
"Ohne euch wäre Hatileos wahrscheinlich tot", murmelte ich.
Mein Blick wanderte kurz zu meinem linken Unterarm. Die silberne Armschiene wirkte vollkommen reglos. Still. Fast so, als wäre sie nie etwas anderes gewesen als ein gewöhnliches technisches Gerät. Doch ich wusste inzwischen es besser. Ich schob den Gedanken beiseite und konzentrierte mich wieder auf die Korvette.
"Automatische Rettungssequenz initiieren."
Die Computerstimme bestätigte sofort. "Rettungsprotokoll aktiviert."
Auf dem Hauptschirm erschienen neue Flugbahnen. Das Saatschiff reagierte unmittelbar. Langsame Kurskorrekturen wurden eingeleitet. Mehrere Steuerdüsen entlang der Hülle zündeten. Durch die beschädigten Kameras konnte ich beobachten, wie sich das gewaltige Schiff schwerfällig bewegte. Es war kein elegantes Manöver. Ein Saatschiff war nie für Präzisionsflug gebaut worden. Es war ein Werkzeug. Ein schwimmender Fabrikkomplex. Ein gigantischer Behälter für Terraformingtechnologie. Und trotzdem bewegte es sich. Langsam. Beharrlich. Wie ein alter Wal, der sich durch einen endlosen Ozean schob. Die Entfernung zur Korvette verringerte sich. Kilometer für Kilometer. Währenddessen begannen die verbliebenen Terraformerschiffe automatisch eine Schutzformation aufzubauen. Die Maschinen hatten offenbar erkannt, dass sich ein beschädigtes Schiff in ihrer Nähe befand. Mehrere Einheiten positionierten sich strategisch um die Korvette herum. Es wirkte beinahe wie Geleitschutz. Dabei wusste ich genau, dass dahinter keinerlei Fürsorge stand. Keine Emotion. Kein Mitgefühl. Nur Algorithmen. Und dennoch sah es seltsam beruhigend aus. Die Minuten verstrichen. Immer wieder überprüfte ich die Telemetriedaten. Die Rotationsbewegung der Springblossom wurde schwächer. Offenbar arbeiteten die Bordcomputer der Korvette wieder teilweise. Dann knackte plötzlich ein Lautsprecher. Rauschen. Ein zweites Knacken. Noch mehr Rauschen. Dann eine Stimme. Verzerrt. Abgehackt. Aber eindeutig menschlich.
"Tori... hören Sie... uns?"
Ich spürte, wie sich meine Brust zusammenzog. "Laut und deutlich."
Ein paar Sekunden lang kam keine Antwort. Wahrscheinlich kämpften sie mit denselben Kommunikationsproblemen wie wir. Dann meldete sich die Stimme erneut. Diesmal klarer.
"Tori. Verdammt. Sie leben."
Ich musste tatsächlich lachen. Es war kein fröhliches Lachen. Mehr ein erschöpftes Ausatmen. "Überrascht mich ehrlich gesagt selbst."
Auf der anderen Seite blieb es kurz still. Dann hörte ich mehrere Stimmen durcheinander. Jemand schien Befehle zu geben. Ein anderer lachte nervös. Ein dritter fluchte. Es klang erstaunlich menschlich. Und genau deshalb fühlte es sich gut an. Nach all den Gesprächen über Helfer, Won, das Alte Volk und kosmische Katastrophen war es beinahe befreiend, wieder normale Menschen zu hören.
"Wir versuchen eine stabile Verbindung herzustellen", sagte die Stimme.
"Nicht nötig." Ich betrachtete die Flugbahn. "Wir holen euch direkt rein."
"Womit?"
"Gute Frage."
Für einen Moment herrschte Schweigen. Dann lachte die Stimme auf der anderen Seite. Diesmal deutlich lauter.
"Das klingt exakt nach einem Plan von Ihnen."
Ich beschloss das als Kompliment aufzufassen. Die Entfernung schrumpfte weiter. Zwanzig Kilometer. Fünfzehn. Zehn. Langsam konnte ich die Korvette sogar auf den Außenkameras erkennen. Die elegante Form der Springblossom hob sich deutlich vor dem dunklen Hintergrund des Alls ab. Ihre langgestreckte Silhouette wirkte trotz der Schäden noch immer beeindruckend. Mehrere Panzerplatten fehlten. An einigen Stellen waren Brandspuren sichtbar. Eine der seitlichen Triebwerksgondeln war verformt. Doch das Schiff lebte. Und das genügte.
"Annäherung auf fünfhundert Meter." Die Computerstimme meldete die Entfernung.
Ich trat näher an die Außenansicht heran. Nun konnte ich jedes Detail erkennen. Auch die Steuerbordschleuse der Korvette. Genau dort mussten wir andocken. Die einzige brauchbare Möglichkeit.
"Kompatibilitätsanalyse läuft."
Sekunden verstrichen. Dann erschien eine Meldung.
MECHANISCHE KOMPATIBILITÄT: 81%.
DRUCKVERSIEGELUNG MÖGLICH.
AUTOMATISCHE ANPASSUNG EMPFOHLEN.
Ich starrte die Anzeige an. Dann grinste ich.
"Natürlich."
Die Aldrianer. Natürlich konnten sie mit Terraformertechnik arbeiten. Wahrscheinlich besser als die meisten Menschen der Gemeinschaft.
"Einleitung des Andockvorgangs."
Das Saatschiff reagierte sofort. Massive Verriegelungsarme fuhren aus der Hülle. Langsam. Präzise. Fast ehrfürchtig. Die Korvette korrigierte ihren Kurs minimal. Beide Schiffe näherten sich einander. Meter für Meter. Ich bemerkte erst jetzt, wie fest meine Hände die Konsole umklammerten. Jeder Fehler würde das Ende bedeuten. Ein Zusammenstoß bei dieser Masse wäre katastrophal. Doch die Systeme arbeiteten fehlerfrei. Vielleicht zum ersten Mal seit Beginn dieses Wahnsinns. Zwanzig Meter. Zehn. Fünf. Die Verriegelungsarme erreichten die Korvette. Ein dumpfer Schlag vibrierte durch das gesamte Schiff. Dann noch einer. Metall traf auf Metall. Hydrauliken arbeiteten. Mehrere Verriegelungen schlossen gleichzeitig. Die Anzeigen wechselten von Gelb auf Grün. Eine nach der anderen. Bis schließlich nur noch grüne Symbole sichtbar waren. Ich hielt erneut die Luft an.
"Druckverbindung hergestellt." Ein weiterer Moment. "Dichtigkeit bestätigt."
Dann erschien die letzte Meldung.
ANDOCKSEQUENZ ERFOLGREICH.
Ich schloss kurz die Augen. Ein Teil der Anspannung fiel von mir ab. Nicht alles. Dafür war zu viel passiert. Zu viel unklar. Zu viel gefährlich. Aber wenigstens waren wir nicht mehr allein. Die Korvette hing nun fest mit dem Saatschiff verbunden. Zwei beschädigte Schiffe. Verloren irgendwo in einem unbekannten Sternensystem. Fern von Trantor. Fern von meiner Familie. Fern von allem, was ich kannte. Und dennoch war da plötzlich etwas, das ich lange nicht mehr gespürt hatte. Nicht Sicherheit. Nicht Zuversicht. Aber Nähe. Andere Menschen. Andere Stimmen. Andere Gedanken als meine eigenen. Ich richtete mich langsam auf. Meine Knie schmerzten. Mein Rücken ebenfalls. Die letzten Stunden hatten ihren Tribut gefordert. Ich blickte noch einmal auf die grüne Statusanzeige. Dann wandte ich mich zur Ausgangstür der Brücke.
"Na schön." Meine Stimme war kaum mehr als ein leises Murmeln. "Sehen wir uns an, welche Verrückten freiwillig durch ein kollabierendes Wurmloch geflogen sind."

Die Alarmsignale der Korridore hatten sich noch nicht vollständig beruhigt, als die Schleusensektion der Korvette einrastete und das Andocksystem mit einem metallischen, tief vibrierenden Schlag den Druckausgleich bestätigte. Die Luft roch sofort anders, metallisch trocken mit einem Hauch von Ozon und verbranntem Isolationsmaterial, das irgendwo in den Verbindungsleitungen zurückgeblieben war. Ich stand noch an der Steuerkonsole des Saatschiffs, die Finger über die letzten Navigationsdaten gelegt, als die innere Schleusentür sich mit einem zischenden hydraulischen Laut öffnete und eine Person eintrat, deren Auftreten die gesamte Enge des Korridors sofort dominierte. Sie war groß, athletisch gebaut, die Haltung angespannt wie eine Feder kurz vor dem Schnappen. Ihr blondes Haar fiel in langen, unruhigen Strähnen über die Schultern, leicht feucht vom Druckwechsel, und reflektierte das Notlicht der Schleuse in blassen Goldtönen. Die Augen waren das erste, was wirklich unangenehm auffiel, nicht wegen ihrer Farbe, sondern wegen der Intensität, ein helles Grün mit diesem typischen Aldrin-Subleuchten, das unter Stress minimal stärker pulsierte, als würde sich die Iris selbst gegen die Situation wehren. Sie stand mit beiden Händen fest an den Hüften, die Schultern leicht nach vorne geneigt, der Kiefer angespannt, und ihre Mimik zeigte keine Unsicherheit, nur aufgestaute, kontrolliert herausbrechende Wut.
„Sind sie eigentlich irre?“
Ihre Stimme war scharf, klar, getragen von einer langen, offenbar nicht freiwilligen Anspannungskette. Sie begann sofort zu sprechen, ohne die Umgebung wirklich wahrzunehmen, als hätte sie diesen Moment bereits auf der gesamten Reise vorbereitet. Ich bekam nur Fragmente der folgenden Minuten mit, während sie sich beschwerte, der Weg von Aldrin nach Nif’Nakh sei ein logistischer Albtraum gewesen, mehrfach blockiert durch terranische Kontrollzonen, dann endlose Wartezeiten, verweigerte Landeerlaubnisse, chaotische Zwischenstationen, und schließlich ein System, das offensichtlich kurz vor einem offenen Konflikt stand. Ihre Gestik verstärkte jeden Satz, scharfe Bewegungen der Hände, kurze Drehungen des Oberkörpers, als würde sie unsichtbare Wände wegschieben. Ich hob kurz eine Augenbraue, ließ sie aber reden. Die Informationsdichte war hoch, aber nicht neu im Muster, eher eine Variation bereits bekannter Eskalationsketten.
Irgendwann, als sie für einen Sekundenbruchteil Luft holte, sagte ich trocken: „Du hast eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Person, die ich mal getroffen habe.“
Es war nicht einmal strategisch gedacht, eher eine unkontrollierte Beobachtung, ausgelöst durch die typische Aldrin-Mischung aus Haltung und Blick. Die Reaktion kam sofort. Ihre Augen verengten sich, die Schultern spannten sich sichtbar, und die Luft im Raum fühlte sich plötzlich kälter an.
„Wer hat dir erlaubt mich zu duzen?“
Die Worte kamen präzise, fast ritualisiert beleidigt. Sie richtete sich noch ein Stück höher auf, als müsste sie die physische Hierarchie im Raum korrigieren.
Dann erst nannte sie ihren Namen: „Mein Name ist Xandra Darlian, ich bin die Tochter von …“
Ich unterbrach sie, bevor die Struktur der Aussage vollständig werden konnte. „… Lilandra Darlian. Außenministerin von Aldrin.“
Es war keine Demonstration von Wissen, eher eine automatische Zuordnung, die sich aus früheren politischen Begegnungen ergab. Gleichzeitig rieb ich mir unwillkürlich die Stirn, weil genau diese Verbindung die Situation unnötig komplizierte. Ich hatte keinerlei Interesse daran, erneut in ein diplomatisches Geflecht hineingezogen zu werden, das auf Schuld, Dankbarkeit und unausgesprochenen Erwartungen basierte. Xandra reagierte darauf mit einem kurzen, abwertenden Laut, als hätte ich gerade eine Grenze überschritten, die nur ihr bekannt war.
„Wie unhöflich.“
Ihre Lippen pressten sich zusammen, die Nasenflügel bewegten sich minimal, dann drehte sie sich abrupt um neunzig Grad und ging mit schnellen, kontrollierten Schritten zurück in Richtung der Korvette, jeder Schritt ein klares Statement von Distanz. Ich folgte ihr mit dem Blick, ohne mich zu bewegen. Der Korridor der Schleuse war eng, von vibrierenden Leitungen durchzogen, deren schwaches Licht in rhythmischen Intervallen über die metallischen Wände lief. Für einen Moment blieb mein Blick an ihrer Silhouette hängen, nicht aus bewusster Absicht, sondern weil die Bewegung in diesem engen Raum eine ungewöhnliche Klarheit hatte, bevor ich innerlich den Kopf schüttelte. Aldrin hatte diese visuelle Mischung aus Leuchtpigmenten und dunkler Haut, kombiniert mit genetischer Isolation über Jahrhunderte, die eine gewisse optische Präsenz erzeugte, die schwer zu ignorieren war, auch wenn der Kontext eindeutig nicht dafür geeignet war.
Bevor ich weiterdenken konnte, veränderte sich die Lichtstimmung im hinteren Abschnitt des Korridors. Zwei helle Punkte tauchten aus dem Schatten auf, symmetrisch, fast zu ruhig für die chaotische Situation. Dann trat eine weitere Person hervor, deren Erscheinung sofort eine andere Art von Erinnerung aktivierte. Valen Seldon. Sein Auftreten war kontrolliert, beinahe statisch, als hätte er den gesamten Korridor mental vermessen, bevor er einen Schritt machte. Die langen weißen Haare waren zu einem geordneten Pferdeschwanz gebunden, der bis zur Hüfte fiel, der Bart ebenfalls geflochten, präzise wie ein funktionales Element und nicht wie ein ästhetisches. Seine Augen wirkten hell, fast reflexiv, und ich hatte sofort das Gefühl, dass er mich bereits gelesen hatte, bevor ich ihn vollständig wahrgenommen hatte.
„Tori-san“, sagte er mit dieser ruhigen, höflichen Tonlage, die immer ein wenig zu formal klang, um echt entspannt zu sein. „Ich freue mich, Sie wohlauf anzutreffen.“
Ich antwortete nur mit einem knappen „Mhm“, während mein Blick für einen Moment an ihm hängen blieb. Die Einordnung war weiterhin schwierig. Butler, Bodyguard, politischer Schatten, alles gleichzeitig möglich, ohne dass sich eine klare Grenze ziehen ließ. Die Erinnerung an frühere Begegnungen war fragmentiert, aber ausreichend, um eine gewisse Vorsicht aufrechtzuerhalten.
Bevor ich diese Gedanken weiter strukturieren konnte, veränderte sich die Dynamik im Raum erneut drastisch. Zwei Personen stürmten an Valen vorbei, ohne ihn überhaupt zu beachten, als wäre er Teil der Umgebung und nicht Teil der Situation. Die Bewegung war so abrupt, dass selbst die künstliche Gravitation im Korridor kurz nachregelte. Vanu und Valentina. Ich hatte beide nicht erwartet. Für einen Sekundenbruchteil setzte mein Gehirn die Szene nicht korrekt zusammen, weil die Wahrscheinlichkeit ihrer Anwesenheit hier an diesem Ort und in diesem Moment absurd niedrig war. Dann war da nur noch physische Realität. Vanu erreichte mich zuerst. Ihre dunkelroten, leicht gewellten Haare wirkten im Notlicht fast schwarz mit einem warmen, kupfernen Unterton, und ihre dunkelgrünen Augen waren feucht, nicht nur emotional, sondern auch durch die Luftfeuchtigkeit im Übergangsbereich. Sie packte mich ohne Vorwarnung und zog mich mit einer Kraft an sich, die ich ihr in diesem Moment nicht zugetraut hätte. Der Aufprall war so direkt, dass ich kurz das Gleichgewicht verlor und einen halben Schritt zurück stolperte. Valentina folgte unmittelbar, zierlicher, aber nicht weniger entschlossen. Ihre langen, petrolfarbenen Haare fielen in weichen Strähnen über ihre Schultern, und ihre violetten Augen fixierten mich, bevor sie ebenfalls in die Umarmung eintrat. Die Kombination beider Kräfte war unerwartet stark, nicht nur physisch, sondern auch in ihrer emotionalen Dichte. Keine Worte wurden gesprochen. Die Luft zwischen uns war für einige Sekunden vollständig mit dieser Mischung aus Erleichterung, Erschöpfung und einem unausgesprochenen „noch da“ gefüllt. Ich blieb stehen, ließ die Situation einfach zu, während mein Blick kurz über die Schleuse glitt, über Valen, der still beobachtete, und über die geschlossene Korvette, deren Außenhülle im schwachen Licht des Saatschiffs leicht vibrierte. Irgendwo in der Distanz arbeiteten beschädigte Systeme weiter, Metall knirschte, Energieleitungen pulsierten in unregelmäßigen Mustern. Die Zeit verlor für einen Moment ihre Struktur. Nur der Druck der Umarmung blieb konstant, als einzige stabile Größe in einem System, das gerade wieder begonnen hatte, sich neu zu definieren.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

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