Möglichkeiten ...
Möglichkeiten ...
Hallo zusammen,
nachdem Geschichten kommen und gehen, stehe ich vor der schrecklichen (und wunderbaren) Qual der Wahl für etwas Neues.
Da ihr das Schicksal der Charaktere genauso prägt wie ich, möchte ich dieses Mal direkt das Ruder an euch übergeben.
Zur Auswahl stehen mehrere unterschiedliche Richtungen. Stimmt ab, welcher Weg als Nächstes eingeschlagen werden soll!
nachdem Geschichten kommen und gehen, stehe ich vor der schrecklichen (und wunderbaren) Qual der Wahl für etwas Neues.
Da ihr das Schicksal der Charaktere genauso prägt wie ich, möchte ich dieses Mal direkt das Ruder an euch übergeben.
Zur Auswahl stehen mehrere unterschiedliche Richtungen. Stimmt ab, welcher Weg als Nächstes eingeschlagen werden soll!
Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

Marvel Universe #698
Marvel Universum #698 (Eigenkreation)
Prolog
Es gibt Welten, die niemals hätten existieren dürfen.
Es gibt Welten, deren Existenz durch einen einzigen Atemzug verändert wurde.
Eine Hand, die sich nicht ausstreckte.
Eine Tür, die nicht geöffnet wurde.
Eine Entscheidung, die anders getroffen wurde.
Und dann gibt es Welten, bei denen niemand sagen kann, wo der entscheidende Augenblick lag.
Erde 698 ist eine solche Welt.
Jenseits der Grenzen von Raum und Zeit, dort, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht länger voneinander getrennt sind, steht ein Wesen, das älter ist als die meisten Götter. Das Living Tribunal. Drei Gesichter. Drei Stimmen. Drei Aspekte eines einzigen Willens.
Das Gesicht der Notwendigkeit blickt auf die Welt.
Das Gesicht der Rache blickt auf die Welt.
Das Gesicht der Gerechtigkeit blickt auf die Welt.
Und die Welt blickt nicht zurück. Denn sie weiß nicht, dass sie betrachtet wird.
---
**NOTWENDIGKEIT:**
„Eine weitere Welt.“
**RACHE:**
„Eine weitere Möglichkeit.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Nein.“
Stille. Nicht die Stille eines leeren Raumes. Die Stille zwischen zwei Gedanken. Eine Stille, in der Sterne geboren und wieder ausgelöscht werden.
**GERECHTIGKEIT:**
„Keine Möglichkeit.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Eine Realität.“
**RACHE:**
„Erde 698.“
Vor ihnen liegt das Universum. Nicht als Kugel. Nicht als Galaxie. Nicht als Ansammlung von Sternen. Für das Living Tribunal ist ein Universum kein Ort. Es ist ein Geflecht. Millionen Milliarden Entscheidungen sind darin miteinander verbunden. Jede Existenz beeinflusst eine andere. Jede Handlung erzeugt Folgen, die wiederum neue Handlungen hervorbringen. Manche Welten sind einander beinahe gleich. Manche unterscheiden sich so geringfügig, dass selbst Sterbliche keinen Unterschied erkennen würden. Und manche entfernen sich von ihrem Ursprung wie ein Fluss, der irgendwo hinter einem Berg eine andere Richtung einschlägt.
Erde 698 ist kein vollkommen fremdes Universum. Ihre Menschen tragen bekannte Namen. Ihre Städte sind vertraut. Ihre Hoffnungen ähneln denen anderer Welten. Ihre Ängste ebenfalls. Und doch ist sie anders. Nicht wegen eines einzigen Ereignisses. Sondern wegen vieler. Einige sind klein. Andere wirken bedeutungslos. Manche werden niemals in Geschichtsbüchern erwähnt. Ein Mensch entscheidet sich, eine andere Universität zu besuchen. Ein anderer öffnet eine Tür. Eine Familie zieht in eine andere Straße. Ein Wissenschaftler begegnet einem Menschen, den er in einer anderen Welt niemals kennengelernt hätte. Ein Unternehmen entsteht nicht aus Rivalität, sondern aus Freundschaft. Ein Kind wächst mit einem anderen Kind auf. Ein Verlust wird zu einer Verbindung. Eine Verbindung wird zu einer Familie. Eine Familie wird zu etwas, das größer ist als Blut. Und irgendwo zwischen diesen scheinbar unbedeutenden Abweichungen beginnt die Welt, einen anderen Weg einzuschlagen.
**RACHE:**
„Sie glauben, ihre Entscheidungen seien frei.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Sind sie es nicht?“
**RACHE:**
„Jede Entscheidung hat eine Ursache.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Und jede Ursache hat eine Ursache.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Dann ist Freiheit eine Illusion.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Nein.“
Das dritte Gesicht blickt weiter auf die Erde.
„Freiheit bedeutet nicht, ohne Ursachen zu handeln.
Freiheit bedeutet, trotz dieser Ursachen wählen zu können.“
Das Tribunal schweigt. Auf der Erde vergeht währenddessen eine Sekunde. Dann eine weitere. Menschen werden geboren. Menschen sterben. Städte wachsen. Unternehmen entstehen. Familien zerbrechen. Andere Familien finden zueinander.
---
In einer dieser Familien wird ein Junge geboren. Peter Parker. Seine Geschichte beginnt nicht mit einer Spinne. Nicht mit einem Helden. Nicht mit einem Unfall. Sie beginnt mit Verlust. Seine leiblichen Eltern werden ihm genommen. Später werden auch jene Menschen, die seine Familie geworden sind, von ihm genommen. May. Ben. Ein Junge, der früh lernt, dass die Welt Menschen verlieren kann, die man liebt. Doch eine Person bleibt. Sarah Maxine. Ein Mädchen, das neben ihm aufwächst. Eine Freundin. Eine Vertraute. Eine Liebe, die älter ist als die meisten Erinnerungen, die beide besitzen. Zwei Kinder. Zwei Leben. Eine gemeinsame Geschichte. Und eine Entscheidung, die sie lange vor ihrer eigentlichen Bestimmung treffen werden.
**RACHE:**
„Sie werden leiden.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Viele werden leiden.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Und viele werden gerettet.“
**RACHE:**
„Zu welchem Preis?“
Keine Antwort. Denn das Tribunal kennt den Preis. Doch Wissen bedeutet nicht, dass der Preis vermieden werden kann.
---
In einer anderen Ecke dieser Welt sitzen zwei Männer in einem Raum voller Formeln. Oswald Osborn. Otto Octavius. In anderen Welten könnten sie Rivalen sein. Feinde. Männer, deren Ehrgeiz sie irgendwann auseinanderreißt. Hier erkennen sie etwas anderes. Sie erkennen einander. Zwei Verstande, die sich nicht gegenseitig zerstören müssen, um groß zu sein. Einer besitzt das Talent, aus Ideen Macht zu machen. Der andere besitzt das Talent, aus Vorstellungen Wirklichkeit zu machen. Gemeinsam erschaffen sie etwas. Ein Unternehmen. Eine Vision. Eine Familie von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Forschern.
**4OsCorp.**
Vier O.
Vier Kreise.
Vier Verbindungen.
Eine Zahl, die noch niemand versteht.
Noch.
**NOTWENDIGKEIT:**
„Sie werden Leben retten.“
**RACHE:**
„Und sie werden Leben verändern.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Das ist dasselbe.“
**RACHE:**
„Nein.
Es ist niemals dasselbe.“
---
Oswald Osborn hat einen Grund, warum er forscht. Otto Octavius hat einen anderen. Ein Körper kann versagen. Ein Geist kann weiterdenken. Ein Mensch kann wissen, wie er sich selbst retten könnte, und trotzdem nicht die Hände besitzen, um es zu tun. Manchmal ist das Grausamste an einer Krankheit nicht, dass sie den Verstand nimmt. Sondern dass sie ihn verschont. Otto wird eines Tages seinen eigenen Körper nicht mehr als selbstverständlich betrachten. Oswald wird eines Tages verstehen, wie viel ein Mensch bereit ist zu opfern, wenn jemand, den er liebt, langsam verschwindet. Doch nicht nur Otto wird gerettet werden. Auch andere. Eine Frau. Ein Kind. Menschen, deren Namen noch nicht bekannt sind. Forschung, die aus Verzweiflung geboren wurde, wird Leben verlängern. Technologie, die für einen Körper entwickelt wurde, wird für viele Körper funktionieren. Und dieselbe Forschung wird Türen öffnen, von denen ihre Erbauer noch nicht wissen, wohin sie führen. Denn jede Entdeckung ist auch eine Einladung.
---
Weiter entfernt arbeitet ein anderer Mann. Reed Richards. Er sucht Antworten auf Fragen, die größer sind als die Erde. Susan Richards steht an seiner Seite. Johnny Storm lacht angesichts von Gefahren, vor denen andere zurückweichen. Ben Grimm trägt eine Veränderung, die kein Mensch hätte überleben sollen. Vier Menschen. Eine Familie. Nicht durch Blut. Durch Schicksal. Und später werden zwei weitere Menschen Teil dieser Familie. Ein junger Mann und eine junge Frau. Sie werden nicht einfach aufgenommen, weil man zwei Fremden einen Gefallen tun möchte. Sie werden aufgenommen, weil sie bereits bewiesen haben, wer sie sind. Sie tragen Masken. Sie retten Menschen. Sie machen Fehler. Sie lernen. Sie werden Helden, bevor sie überhaupt verstehen, was ein Held sein soll. Und einer von ihnen wird versuchen, die Fantastic Family zu bestehlen.
Das Tribunal betrachtet den Moment.
**RACHE:**
„Das ist würdelos.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Es ist verzweifelt.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Es ist menschlich.“
Ein Augenblick. Ein anderer Ausgang wäre möglich. Die FF könnte sie festnehmen. Sie könnte sie fortschicken. Das Paar könnte getrennte Wege gehen. Die Geschichte könnte an diesem Punkt eine andere werden. Doch sie werden nicht fortgeschickt. Sie werden aufgenommen. Nicht als Angestellte. Nicht als Werkzeuge. Als Familie. Und damit wird eine Entscheidung getroffen, deren Folgen weit über das hinausreichen werden, was irgendeiner der Beteiligten zu diesem Zeitpunkt verstehen kann.
---
Dann kommt die Spinne. Nicht irgendeine Spinne. Eine Schöpfung menschlicher Wissenschaft. Eine Chimäre. Ein Wesen, dessen genetische Grundlage mehr trägt als die Erbauer jemals vollständig begreifen konnten. Dann kommt die Strahlung. Dann kommt der Unfall. Dann kommt Feuer. Ein Wesen stirbt. Zwei Menschen verändern sich. Und eine Tür schließt sich für immer.
**RACHE:**
„Sie hätten geheilt werden können.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Vielleicht.“
**RACHE:**
„Die Möglichkeit wird zerstört.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Ja.“
**RACHE:**
„Durch eine unbedachte Handlung.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Durch eine Handlung ohne Kenntnis ihrer Folgen.“
**RACHE:**
„Ist Unwissenheit eine Entschuldigung?“
**GERECHTIGKEIT:**
„Nein.
Aber sie ist ein Teil der Wahrheit.“
---
Zwei Menschen erwachen verändert. Zwei Körper. Zwei Bewusstseine. Eine gemeinsame Herkunft. Doch sie werden nicht dieselben sein. Denn Gene bestimmen nicht das Schicksal. Kräfte bestimmen nicht die Persönlichkeit. Und eine Maske macht keinen Helden. Was sie mit dem tun, was ihnen gegeben wurde, wird sie voneinander unterscheiden. Er wird versuchen, zu verstehen. Sie wird versuchen, selbst zu bestimmen. Beide werden fallen. Beide werden aufstehen. Und beide werden irgendwann Kinder bekommen. Nicht heute. Nicht morgen. Nicht in einer Welt, die ihnen ihre Zukunft garantiert. Aber irgendwann. Zwei Kinder. Zwillinge. Eine Tatsache, die selbst einen Mann wie Reed Richards überraschen wird. Sie werden gesund geboren werden. Klein. Leicht. Unscheinbar. Zunächst. Dann werden ihre Körper ihnen zeigen, dass manche Geschichten nicht mit der Geburt beginnen. Manche beginnen erst Jahre später. Wenn das Blut sich verändert. Wenn der Körper wächst. Wenn die Kindheit endet. Wenn etwas im Inneren erwacht, das seit Generationen darauf gewartet hat.
**NOTWENDIGKEIT:**
„Sie werden eine Wahl treffen.“
**RACHE:**
„Mehr als eine.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Alle Menschen tun das.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Diese Wahl wird Leben verändern.“
**RACHE:**
„Diese Wahl wird Schmerzen verursachen.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Und vielleicht wird sie jemanden retten.“
Das Tribunal blickt weiter. Doch es spricht nicht darüber, was geschehen wird. Denn selbst das Living Tribunal kennt den Unterschied zwischen einer Möglichkeit und einem Ereignis. Es kennt die Wege. Es kennt die Wahrscheinlichkeiten. Es kennt die Konsequenzen. Aber es nimmt den Menschen nicht ihre Entscheidungen ab.
---
Auf Erde 698 schläft währenddessen ein Kind. Irgendwo. Vielleicht in einem Krankenhaus. Vielleicht in einem kleinen Zimmer. Vielleicht in einem Zuhause, das noch gar nicht gebaut wurde. Es weiß nichts von 4OsCorp. Nichts von der Fantastic Family. Nichts von Spinnen. Nichts von Genetik. Nichts von den Entscheidungen, die vor seiner Geburt getroffen wurden. Es weiß nichts von den Welten, die neben seiner eigenen existieren. Es weiß nichts davon, dass es Universen gibt, in denen seine Eltern niemals zusammengekommen sind. Universen, in denen manche Menschen sterben. Andere überleben. Manche heiraten. Andere bleiben allein. Manche werden Helden. Andere werden Monster.
Und in manchen dieser Welten existieren Menschen, die auf Erde 698 niemals geboren werden.
Ihre Namen sind hier bedeutungslos. Ihre Leben sind hier nie geschehen. Ihre Plätze wurden nicht von ihnen eingenommen. Sie wurden von anderen Menschen gefüllt. Menschen, die niemals erfahren werden, dass ihre Existenz in einer anderen Realität unmöglich wäre. Denn eine Welt vermisst nichts, das sie niemals gekannt hat. Das ist eine der ältesten Wahrheiten des Multiversums.
---
**RACHE:**
„Warum beobachten wir sie?“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Weil sie existieren.“
**RACHE:**
„Wir beobachten unzählige Welten.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Aber nicht jede Welt erzählt dieselbe Geschichte.“
**RACHE:**
„Was macht diese Welt besonders?“
Das Tribunal schweigt. Zum ersten Mal scheint selbst die kosmische Instanz zu zögern. Dann antwortet Gerechtigkeit.
**GERECHTIGKEIT:**
„Nichts.“
Rache blickt auf die Erde.
Notwendigkeit ebenfalls.
**GERECHTIGKEIT:**
„Und alles.“
Denn Größe liegt nicht immer in kosmischen Kriegen. Nicht in Göttern. Nicht in Welten, die zerbrechen. Manchmal liegt sie in einem Jungen, der seine Familie verliert und trotzdem weiter liebt. In einer Frau, die ihr Leben selbst bestimmen will. In einem Wissenschaftler, der sich weigert, seinen Körper als sein Schicksal zu akzeptieren. In einem Mann, der seinen Freund retten will. In einer Familie, die aus Menschen besteht, die nicht durch Blut miteinander verbunden sind. In Kindern, die eines Tages Fähigkeiten erben werden, die niemand geplant hat. Und in Entscheidungen, die niemand treffen kann, ohne etwas zu riskieren.
Das Universum ist nicht groß, weil es unendlich viele Sterne besitzt. Es ist groß, weil jeder einzelne Mensch darin eine Zukunft besitzt, die noch nicht geschrieben wurde. Das Living Tribunal kennt die möglichen Enden. Es kennt die Wege, die zu ihnen führen. Doch es wird keinen davon erzwingen. Nicht hier. Nicht jetzt. Denn Erde 698 gehört ihren Bewohnern. Sie werden lieben. Sie werden verlieren. Sie werden Fehler machen. Sie werden vergeben. Sie werden sich gegenseitig retten. Und manchmal werden sie feststellen, dass die schwerste Entscheidung nicht darin besteht, zwischen Gut und Böse zu wählen. Sondern zwischen zwei Dingen, die beide richtig erscheinen.
Das Tribunal zieht sich zurück. Die Sterne bleiben. Die Erde dreht sich. Ein Junge schläft. Ein Mädchen träumt. Zwei Wissenschaftler arbeiten bis tief in die Nacht. Eine Familie sitzt gemeinsam an einem Tisch. Eine Spinne bewegt sich in einem Labor. Eine Zukunft wartet.
Und irgendwo jenseits von Zeit und Raum spricht eine Stimme ein letztes Mal:
„Dies ist Erde 698. Ihre Geschichte beginnt nicht mit dem Schicksal.“
Eine zweite Stimme folgt:
„Sie beginnt mit einer Entscheidung.“
Und die dritte:
„Und danach mit einer weiteren.“
Dann wird es still.
Die Geschichte beginnt.
Prolog
Es gibt Welten, die niemals hätten existieren dürfen.
Es gibt Welten, deren Existenz durch einen einzigen Atemzug verändert wurde.
Eine Hand, die sich nicht ausstreckte.
Eine Tür, die nicht geöffnet wurde.
Eine Entscheidung, die anders getroffen wurde.
Und dann gibt es Welten, bei denen niemand sagen kann, wo der entscheidende Augenblick lag.
Erde 698 ist eine solche Welt.
Jenseits der Grenzen von Raum und Zeit, dort, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht länger voneinander getrennt sind, steht ein Wesen, das älter ist als die meisten Götter. Das Living Tribunal. Drei Gesichter. Drei Stimmen. Drei Aspekte eines einzigen Willens.
Das Gesicht der Notwendigkeit blickt auf die Welt.
Das Gesicht der Rache blickt auf die Welt.
Das Gesicht der Gerechtigkeit blickt auf die Welt.
Und die Welt blickt nicht zurück. Denn sie weiß nicht, dass sie betrachtet wird.
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**NOTWENDIGKEIT:**
„Eine weitere Welt.“
**RACHE:**
„Eine weitere Möglichkeit.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Nein.“
Stille. Nicht die Stille eines leeren Raumes. Die Stille zwischen zwei Gedanken. Eine Stille, in der Sterne geboren und wieder ausgelöscht werden.
**GERECHTIGKEIT:**
„Keine Möglichkeit.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Eine Realität.“
**RACHE:**
„Erde 698.“
Vor ihnen liegt das Universum. Nicht als Kugel. Nicht als Galaxie. Nicht als Ansammlung von Sternen. Für das Living Tribunal ist ein Universum kein Ort. Es ist ein Geflecht. Millionen Milliarden Entscheidungen sind darin miteinander verbunden. Jede Existenz beeinflusst eine andere. Jede Handlung erzeugt Folgen, die wiederum neue Handlungen hervorbringen. Manche Welten sind einander beinahe gleich. Manche unterscheiden sich so geringfügig, dass selbst Sterbliche keinen Unterschied erkennen würden. Und manche entfernen sich von ihrem Ursprung wie ein Fluss, der irgendwo hinter einem Berg eine andere Richtung einschlägt.
Erde 698 ist kein vollkommen fremdes Universum. Ihre Menschen tragen bekannte Namen. Ihre Städte sind vertraut. Ihre Hoffnungen ähneln denen anderer Welten. Ihre Ängste ebenfalls. Und doch ist sie anders. Nicht wegen eines einzigen Ereignisses. Sondern wegen vieler. Einige sind klein. Andere wirken bedeutungslos. Manche werden niemals in Geschichtsbüchern erwähnt. Ein Mensch entscheidet sich, eine andere Universität zu besuchen. Ein anderer öffnet eine Tür. Eine Familie zieht in eine andere Straße. Ein Wissenschaftler begegnet einem Menschen, den er in einer anderen Welt niemals kennengelernt hätte. Ein Unternehmen entsteht nicht aus Rivalität, sondern aus Freundschaft. Ein Kind wächst mit einem anderen Kind auf. Ein Verlust wird zu einer Verbindung. Eine Verbindung wird zu einer Familie. Eine Familie wird zu etwas, das größer ist als Blut. Und irgendwo zwischen diesen scheinbar unbedeutenden Abweichungen beginnt die Welt, einen anderen Weg einzuschlagen.
**RACHE:**
„Sie glauben, ihre Entscheidungen seien frei.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Sind sie es nicht?“
**RACHE:**
„Jede Entscheidung hat eine Ursache.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Und jede Ursache hat eine Ursache.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Dann ist Freiheit eine Illusion.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Nein.“
Das dritte Gesicht blickt weiter auf die Erde.
„Freiheit bedeutet nicht, ohne Ursachen zu handeln.
Freiheit bedeutet, trotz dieser Ursachen wählen zu können.“
Das Tribunal schweigt. Auf der Erde vergeht währenddessen eine Sekunde. Dann eine weitere. Menschen werden geboren. Menschen sterben. Städte wachsen. Unternehmen entstehen. Familien zerbrechen. Andere Familien finden zueinander.
---
In einer dieser Familien wird ein Junge geboren. Peter Parker. Seine Geschichte beginnt nicht mit einer Spinne. Nicht mit einem Helden. Nicht mit einem Unfall. Sie beginnt mit Verlust. Seine leiblichen Eltern werden ihm genommen. Später werden auch jene Menschen, die seine Familie geworden sind, von ihm genommen. May. Ben. Ein Junge, der früh lernt, dass die Welt Menschen verlieren kann, die man liebt. Doch eine Person bleibt. Sarah Maxine. Ein Mädchen, das neben ihm aufwächst. Eine Freundin. Eine Vertraute. Eine Liebe, die älter ist als die meisten Erinnerungen, die beide besitzen. Zwei Kinder. Zwei Leben. Eine gemeinsame Geschichte. Und eine Entscheidung, die sie lange vor ihrer eigentlichen Bestimmung treffen werden.
**RACHE:**
„Sie werden leiden.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Viele werden leiden.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Und viele werden gerettet.“
**RACHE:**
„Zu welchem Preis?“
Keine Antwort. Denn das Tribunal kennt den Preis. Doch Wissen bedeutet nicht, dass der Preis vermieden werden kann.
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In einer anderen Ecke dieser Welt sitzen zwei Männer in einem Raum voller Formeln. Oswald Osborn. Otto Octavius. In anderen Welten könnten sie Rivalen sein. Feinde. Männer, deren Ehrgeiz sie irgendwann auseinanderreißt. Hier erkennen sie etwas anderes. Sie erkennen einander. Zwei Verstande, die sich nicht gegenseitig zerstören müssen, um groß zu sein. Einer besitzt das Talent, aus Ideen Macht zu machen. Der andere besitzt das Talent, aus Vorstellungen Wirklichkeit zu machen. Gemeinsam erschaffen sie etwas. Ein Unternehmen. Eine Vision. Eine Familie von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Forschern.
**4OsCorp.**
Vier O.
Vier Kreise.
Vier Verbindungen.
Eine Zahl, die noch niemand versteht.
Noch.
**NOTWENDIGKEIT:**
„Sie werden Leben retten.“
**RACHE:**
„Und sie werden Leben verändern.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Das ist dasselbe.“
**RACHE:**
„Nein.
Es ist niemals dasselbe.“
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Oswald Osborn hat einen Grund, warum er forscht. Otto Octavius hat einen anderen. Ein Körper kann versagen. Ein Geist kann weiterdenken. Ein Mensch kann wissen, wie er sich selbst retten könnte, und trotzdem nicht die Hände besitzen, um es zu tun. Manchmal ist das Grausamste an einer Krankheit nicht, dass sie den Verstand nimmt. Sondern dass sie ihn verschont. Otto wird eines Tages seinen eigenen Körper nicht mehr als selbstverständlich betrachten. Oswald wird eines Tages verstehen, wie viel ein Mensch bereit ist zu opfern, wenn jemand, den er liebt, langsam verschwindet. Doch nicht nur Otto wird gerettet werden. Auch andere. Eine Frau. Ein Kind. Menschen, deren Namen noch nicht bekannt sind. Forschung, die aus Verzweiflung geboren wurde, wird Leben verlängern. Technologie, die für einen Körper entwickelt wurde, wird für viele Körper funktionieren. Und dieselbe Forschung wird Türen öffnen, von denen ihre Erbauer noch nicht wissen, wohin sie führen. Denn jede Entdeckung ist auch eine Einladung.
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Weiter entfernt arbeitet ein anderer Mann. Reed Richards. Er sucht Antworten auf Fragen, die größer sind als die Erde. Susan Richards steht an seiner Seite. Johnny Storm lacht angesichts von Gefahren, vor denen andere zurückweichen. Ben Grimm trägt eine Veränderung, die kein Mensch hätte überleben sollen. Vier Menschen. Eine Familie. Nicht durch Blut. Durch Schicksal. Und später werden zwei weitere Menschen Teil dieser Familie. Ein junger Mann und eine junge Frau. Sie werden nicht einfach aufgenommen, weil man zwei Fremden einen Gefallen tun möchte. Sie werden aufgenommen, weil sie bereits bewiesen haben, wer sie sind. Sie tragen Masken. Sie retten Menschen. Sie machen Fehler. Sie lernen. Sie werden Helden, bevor sie überhaupt verstehen, was ein Held sein soll. Und einer von ihnen wird versuchen, die Fantastic Family zu bestehlen.
Das Tribunal betrachtet den Moment.
**RACHE:**
„Das ist würdelos.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Es ist verzweifelt.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Es ist menschlich.“
Ein Augenblick. Ein anderer Ausgang wäre möglich. Die FF könnte sie festnehmen. Sie könnte sie fortschicken. Das Paar könnte getrennte Wege gehen. Die Geschichte könnte an diesem Punkt eine andere werden. Doch sie werden nicht fortgeschickt. Sie werden aufgenommen. Nicht als Angestellte. Nicht als Werkzeuge. Als Familie. Und damit wird eine Entscheidung getroffen, deren Folgen weit über das hinausreichen werden, was irgendeiner der Beteiligten zu diesem Zeitpunkt verstehen kann.
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Dann kommt die Spinne. Nicht irgendeine Spinne. Eine Schöpfung menschlicher Wissenschaft. Eine Chimäre. Ein Wesen, dessen genetische Grundlage mehr trägt als die Erbauer jemals vollständig begreifen konnten. Dann kommt die Strahlung. Dann kommt der Unfall. Dann kommt Feuer. Ein Wesen stirbt. Zwei Menschen verändern sich. Und eine Tür schließt sich für immer.
**RACHE:**
„Sie hätten geheilt werden können.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Vielleicht.“
**RACHE:**
„Die Möglichkeit wird zerstört.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Ja.“
**RACHE:**
„Durch eine unbedachte Handlung.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Durch eine Handlung ohne Kenntnis ihrer Folgen.“
**RACHE:**
„Ist Unwissenheit eine Entschuldigung?“
**GERECHTIGKEIT:**
„Nein.
Aber sie ist ein Teil der Wahrheit.“
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Zwei Menschen erwachen verändert. Zwei Körper. Zwei Bewusstseine. Eine gemeinsame Herkunft. Doch sie werden nicht dieselben sein. Denn Gene bestimmen nicht das Schicksal. Kräfte bestimmen nicht die Persönlichkeit. Und eine Maske macht keinen Helden. Was sie mit dem tun, was ihnen gegeben wurde, wird sie voneinander unterscheiden. Er wird versuchen, zu verstehen. Sie wird versuchen, selbst zu bestimmen. Beide werden fallen. Beide werden aufstehen. Und beide werden irgendwann Kinder bekommen. Nicht heute. Nicht morgen. Nicht in einer Welt, die ihnen ihre Zukunft garantiert. Aber irgendwann. Zwei Kinder. Zwillinge. Eine Tatsache, die selbst einen Mann wie Reed Richards überraschen wird. Sie werden gesund geboren werden. Klein. Leicht. Unscheinbar. Zunächst. Dann werden ihre Körper ihnen zeigen, dass manche Geschichten nicht mit der Geburt beginnen. Manche beginnen erst Jahre später. Wenn das Blut sich verändert. Wenn der Körper wächst. Wenn die Kindheit endet. Wenn etwas im Inneren erwacht, das seit Generationen darauf gewartet hat.
**NOTWENDIGKEIT:**
„Sie werden eine Wahl treffen.“
**RACHE:**
„Mehr als eine.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Alle Menschen tun das.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Diese Wahl wird Leben verändern.“
**RACHE:**
„Diese Wahl wird Schmerzen verursachen.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Und vielleicht wird sie jemanden retten.“
Das Tribunal blickt weiter. Doch es spricht nicht darüber, was geschehen wird. Denn selbst das Living Tribunal kennt den Unterschied zwischen einer Möglichkeit und einem Ereignis. Es kennt die Wege. Es kennt die Wahrscheinlichkeiten. Es kennt die Konsequenzen. Aber es nimmt den Menschen nicht ihre Entscheidungen ab.
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Auf Erde 698 schläft währenddessen ein Kind. Irgendwo. Vielleicht in einem Krankenhaus. Vielleicht in einem kleinen Zimmer. Vielleicht in einem Zuhause, das noch gar nicht gebaut wurde. Es weiß nichts von 4OsCorp. Nichts von der Fantastic Family. Nichts von Spinnen. Nichts von Genetik. Nichts von den Entscheidungen, die vor seiner Geburt getroffen wurden. Es weiß nichts von den Welten, die neben seiner eigenen existieren. Es weiß nichts davon, dass es Universen gibt, in denen seine Eltern niemals zusammengekommen sind. Universen, in denen manche Menschen sterben. Andere überleben. Manche heiraten. Andere bleiben allein. Manche werden Helden. Andere werden Monster.
Und in manchen dieser Welten existieren Menschen, die auf Erde 698 niemals geboren werden.
Ihre Namen sind hier bedeutungslos. Ihre Leben sind hier nie geschehen. Ihre Plätze wurden nicht von ihnen eingenommen. Sie wurden von anderen Menschen gefüllt. Menschen, die niemals erfahren werden, dass ihre Existenz in einer anderen Realität unmöglich wäre. Denn eine Welt vermisst nichts, das sie niemals gekannt hat. Das ist eine der ältesten Wahrheiten des Multiversums.
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**RACHE:**
„Warum beobachten wir sie?“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Weil sie existieren.“
**RACHE:**
„Wir beobachten unzählige Welten.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Aber nicht jede Welt erzählt dieselbe Geschichte.“
**RACHE:**
„Was macht diese Welt besonders?“
Das Tribunal schweigt. Zum ersten Mal scheint selbst die kosmische Instanz zu zögern. Dann antwortet Gerechtigkeit.
**GERECHTIGKEIT:**
„Nichts.“
Rache blickt auf die Erde.
Notwendigkeit ebenfalls.
**GERECHTIGKEIT:**
„Und alles.“
Denn Größe liegt nicht immer in kosmischen Kriegen. Nicht in Göttern. Nicht in Welten, die zerbrechen. Manchmal liegt sie in einem Jungen, der seine Familie verliert und trotzdem weiter liebt. In einer Frau, die ihr Leben selbst bestimmen will. In einem Wissenschaftler, der sich weigert, seinen Körper als sein Schicksal zu akzeptieren. In einem Mann, der seinen Freund retten will. In einer Familie, die aus Menschen besteht, die nicht durch Blut miteinander verbunden sind. In Kindern, die eines Tages Fähigkeiten erben werden, die niemand geplant hat. Und in Entscheidungen, die niemand treffen kann, ohne etwas zu riskieren.
Das Universum ist nicht groß, weil es unendlich viele Sterne besitzt. Es ist groß, weil jeder einzelne Mensch darin eine Zukunft besitzt, die noch nicht geschrieben wurde. Das Living Tribunal kennt die möglichen Enden. Es kennt die Wege, die zu ihnen führen. Doch es wird keinen davon erzwingen. Nicht hier. Nicht jetzt. Denn Erde 698 gehört ihren Bewohnern. Sie werden lieben. Sie werden verlieren. Sie werden Fehler machen. Sie werden vergeben. Sie werden sich gegenseitig retten. Und manchmal werden sie feststellen, dass die schwerste Entscheidung nicht darin besteht, zwischen Gut und Böse zu wählen. Sondern zwischen zwei Dingen, die beide richtig erscheinen.
Das Tribunal zieht sich zurück. Die Sterne bleiben. Die Erde dreht sich. Ein Junge schläft. Ein Mädchen träumt. Zwei Wissenschaftler arbeiten bis tief in die Nacht. Eine Familie sitzt gemeinsam an einem Tisch. Eine Spinne bewegt sich in einem Labor. Eine Zukunft wartet.
Und irgendwo jenseits von Zeit und Raum spricht eine Stimme ein letztes Mal:
„Dies ist Erde 698. Ihre Geschichte beginnt nicht mit dem Schicksal.“
Eine zweite Stimme folgt:
„Sie beginnt mit einer Entscheidung.“
Und die dritte:
„Und danach mit einer weiteren.“
Dann wird es still.
Die Geschichte beginnt.
Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

Marvel Universe #646
Marvel Universum #646 (Eigenkreation)
Prolog
Es gibt im Multiversum keine erste Geschichte.
Keine letzte.
Nur Abzweigungen.
Unzählige Realitäten entstehen aus Entscheidungen, Zufällen, Verlusten und Begegnungen.
Manche unterscheiden sich kaum voneinander.
Andere sind so weit voneinander entfernt, dass selbst ihre Ähnlichkeiten bedeutungslos erscheinen.
Und doch tragen viele von ihnen dieselben Namen.
Dieselben Städte.
Dieselben Hoffnungen.
Dieselben Ängste.
Manche Menschen werden in einer Welt geboren und in einer anderen niemals existieren.
Manche sterben, obwohl sie in einer anderen Realität weiterleben.
Manche treffen sich immer wieder.
Nicht weil sie müssen.
Sondern weil manche Verbindungen älter zu sein scheinen als die Entscheidungen, durch die sie entstanden sind.
Jenseits von Raum.
Jenseits von Zeit.
Jenseits dessen, was selbst die mächtigsten Wesen des Multiversums als Wirklichkeit begreifen können, steht das Living Tribunal.
Drei Gesichter.
Drei Stimmen.
Eine Instanz.
Notwendigkeit.
Rache.
Gerechtigkeit.
Vor ihnen liegt eine Welt.
Eine von unzähligen.
Doch sie verweilen.
---
**NOTWENDIGKEIT:**
„Erde 646.“
**RACHE:**
„Eine vertraute Welt.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Vertraut.“
Eine Pause.
„Aber nicht dieselbe.“
Vor dem Tribunal breitet sich die Realität aus.
New York. Die Straßen. Die Hochhäuser. Das Licht. Die Schatten. Menschen, die leben, lieben, arbeiten, kämpfen und sterben, ohne zu wissen, dass ihre Welt nur eine von unzähligen Möglichkeiten ist. Eine Welt, in der Helden existieren. Eine Welt, in der Wissenschaft Grenzen überschreitet. Eine Welt, in der ein Mann im Kostüm durch die Häuserschluchten schwingt. Ein Junge, der zu einem Mann wurde. Peter Parker. Seine Geschichte ist in vielen Realitäten bekannt. Doch keine Geschichte bleibt überall gleich.
---
**RACHE:**
„Er hat verloren.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Wie viele Male?“
**RACHE:**
„Genug.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Und trotzdem steht er.“
Das Tribunal betrachtet ihn. Ein Leben, das von Verlust geprägt ist. Ein Mensch, der früh lernen musste, dass große Macht nicht bedeutet, große Kontrolle zu besitzen. Ein Held, der seine Verantwortung nicht deshalb trägt, weil es leicht wäre. Sondern weil er sie nicht ablegen kann. Peter Parker. Spider-Man.
In unzähligen Welten ist sein Leben von einem einzigen Satz geprägt: "Mit großer Macht kommt große Verantwortung."
Doch Verantwortung bedeutet nicht, dass das Schicksal einem Menschen alles nehmen muss. Nicht jede Welt verlangt denselben Preis. Nicht jede Geschichte endet am selben Ort. Nicht jede Spinne führt denselben Menschen zum selben Schicksal.
---
Das Tribunal blickt auf eine junge Frau.
Gwen Stacy.
**RACHE:**
„Hier stirbt sie nicht.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Nein.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Und genau darin liegt eine der größten Abweichungen.“
Ein einziger Moment. Eine einzige Möglichkeit. Ein Fall. Ein Tod, der hätte eintreten können. Doch er tritt nicht ein. Gwen Stacy lebt. Was für einen Sterblichen wie ein glücklicher Zufall erscheinen mag, ist für das Tribunal etwas anderes. Eine Abweichung. Ein gerettetes Leben. Eine Zukunft, die plötzlich möglich wird. Denn wenn ein Mensch stirbt, verschwinden nicht nur seine eigenen Möglichkeiten. Es verschwinden auch die Möglichkeiten aller Menschen, deren Leben durch ihn verändert worden wären. Ein gerettetes Leben kann daher mehr verändern als ein verhindertes Begräbnis. Es kann eine ganze Zukunft neu schreiben.
---
**NOTWENDIGKEIT:**
„Sie hätten sich niemals begegnen müssen.“
**RACHE:**
„Doch sie tun es.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Immer wieder.
Auf unterschiedliche Weise.
Unter unterschiedlichen Umständen.
Mit unterschiedlichen Namen für das, was zwischen ihnen entsteht.“
Vor dem Tribunal erscheinen vier Gestalten. Nicht gleichzeitig. Nicht vollständig. Nur als Möglichkeiten. Ein Mann. Drei Frauen. Peter Parker. Gwen Stacy. Mary Jane Watson. Felicia Hardy. Vier Leben. Vier Persönlichkeiten. Vier Wege. Vier Arten, einen Menschen zu lieben. Oder ihn herauszufordern. Oder ihn zu verstehen. Oder ihn zu verändern. Und doch ist etwas zwischen ihnen. Etwas, das selbst das Tribunal nicht einfach als Zufall bezeichnen würde.
---
**RACHE:**
„Eine Rivalin.“
Ein Bild.
Felicia.
**NOTWENDIGKEIT:**
„Eine Vertraute.“
Mary Jane.
**GERECHTIGKEIT:**
„Eine Überlebende.“
Gwen.
Stille.
Dann Peter.
**RACHE:**
„Und er.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Der Mittelpunkt.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Nein.“
Die drei Gesichter wenden sich einander zu.
„Nicht der Mittelpunkt.“
Eine längere Pause.
„Der Knoten.“
---
Denn ein Knoten besitzt keine Mitte. Er besitzt Verbindungen. Zieht man an einem Ende, bewegt sich ein anderes. Verändert man eine Beziehung, verändern sich die anderen. Eine Entscheidung zwischen zwei Menschen kann das Leben eines dritten verändern. Eine Liebe kann eine Freundschaft retten. Eine Freundschaft kann eine Liebe zerstören. Ein Verlust kann Menschen voneinander entfernen. Oder sie enger miteinander verbinden als zuvor. Das Tribunal sieht keine einfache Geschichte. Es sieht ein Geflecht. Und irgendwo darin befinden sich vier Menschen, deren Schicksale sich immer wieder kreuzen. Nicht zwingend auf dieselbe Weise. Nicht zwingend mit demselben Ausgang. Aber immer mit derselben eigentümlichen Anziehungskraft.
---
**RACHE:**
„Sie werden sich gegenseitig verletzen.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Ja.“
**RACHE:**
„Sie werden einander verlieren.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Möglicherweise.“
**RACHE:**
„Sie werden eifersüchtig sein.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Natürlich.“
**RACHE:**
„Sie werden Entscheidungen treffen, die sie später bereuen.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Wie jeder Mensch.“
**RACHE:**
„Und dennoch behauptest du, dies sei keine Tragödie.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Ich habe nicht gesagt, dass es keine Tragödie ist.
Ich sagte, dass eine Tragödie nicht zwangsläufig in einem Verlust endet.“
---
Die Welt dreht sich weiter. Peter Parker wird älter. Gwen Stacy wird älter. Mary Jane Watson wird älter. Felicia Hardy wird älter. Und jeder von ihnen entwickelt sich. Gwen ist nicht die Frau, die sie in einer anderen Realität geworden wäre. Mary Jane ist nicht bloß die Frau, die neben Peter steht. Felicia ist nicht bloß die Frau, die in der Dunkelheit verschwindet. Und Peter ist nicht bloß der Mann zwischen ihnen. Sie sind Menschen. Mit eigenen Wünschen. Eigenen Grenzen. Eigenen Fehlern. Eigenen Vorstellungen davon, was Liebe bedeutet. Das Tribunal kennt die möglichen Wege. Es kennt die Eifersucht. Die Nähe. Die Distanz. Die Momente, in denen jemand bleibt, obwohl er gehen könnte. Die Momente, in denen jemand geht, obwohl er bleiben möchte. Es kennt Entscheidungen, die noch nicht getroffen wurden. Doch es spricht nicht darüber. Denn eine Möglichkeit ist kein Spoiler. Eine Möglichkeit ist ein Versprechen.
---
**NOTWENDIGKEIT:**
„Warum sollte diese Welt von Bedeutung sein?“
**RACHE:**
„Weil vier Leben miteinander verbunden sind.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Nein.“
**RACHE:**
„Schon wieder widersprichst du.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Weil sie glauben werden, dass sie voneinander getrennt sind.“
Das Tribunal schweigt.
**GERECHTIGKEIT:**
„Das ist der Unterschied.“
---
Menschen glauben gerne, ihr Leben sei linear. Geburt. Kindheit. Liebe. Verlust. Alter. Tod. Doch für das Multiversum ist kein Leben eine Linie. Es ist ein Netz. Peter verändert Gwen. Gwen verändert Peter. Mary Jane verändert beide. Felicia verändert alle drei. Und jeder von ihnen wird wiederum durch die anderen verändert. Manchmal genügt ein einziger Satz. Manchmal eine Berührung. Manchmal eine Entscheidung, die niemand sonst bemerkt. Manchmal genügt es, dass jemand nicht stirbt. Und plötzlich existiert eine Zukunft, die vorher niemals möglich war.
---
Das Tribunal blickt weiter. Es sieht Peter Parker auf einem Dach stehen. Es sieht Gwen Stacy neben ihm. Es sieht Mary Jane. Es sieht Felicia. Doch das Bild verändert sich. Vier Menschen stehen zusammen. Dann drei. Dann zwei. Dann einer. Dann wieder vier. Das Bild zerfällt. Nicht weil die Zukunft ungewiss wäre. Sondern weil sie nicht feststeht.
---
**RACHE:**
„Wir kennen die möglichen Enden.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Wir kennen die Wege.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Aber wir wählen sie nicht.“
**RACHE:**
„Warum?“
**GERECHTIGKEIT:**
„Weil eine Zukunft, die erzwungen wird, keine Zukunft ist.“
---
Das Living Tribunal hat Welten gesehen, die von Göttern erschaffen wurden. Welten, die von Menschen zerstört wurden. Welten, die nie einen einzigen Stern hervorbrachten. Welten, in denen Helden zu Tyrannen wurden. Welten, in denen Tyrannen Helden wurden. Und Welten, in denen dieselben Menschen einander fanden und trotzdem völlig unterschiedliche Leben führten.
Erde 646 ist keine Welt ohne Schmerz. Keine Welt ohne Verlust. Keine Welt, in der jeder bekommt, was er sich wünscht. Sie ist auch keine perfekte Welt. Sie ist lediglich eine andere. Eine Welt, in der ein Tod nicht stattfindet. Eine Welt, in der eine Frau weiterlebt, deren Geschichte andernorts beendet wurde. Eine Welt, in der vier Menschen aufeinander treffen und etwas zwischen ihnen entsteht, dessen Namen sie selbst erst noch finden müssen. Vielleicht ist es Freundschaft. Vielleicht Liebe. Vielleicht Rivalität. Vielleicht alles zugleich.
Das Tribunal weiß es. Doch es wird den Bewohnern dieser Welt nicht sagen, was sie fühlen sollen. Denn Liebe ist keine kosmische Konstante. Sie ist eine Entscheidung. Immer wieder.
---
Ein letzter Blick auf die Erde. New York schläft nicht. Irgendwo schließt jemand eine Tür. Jemand anderes öffnet ein Fenster. Ein Mann setzt seine Maske auf. Eine Frau betrachtet ihn. Eine andere wartet auf ihn. Eine dritte lächelt, weil sie weiß, dass er kommen wird. Noch ist nichts entschieden. Noch ist niemand gezwungen, jemanden zu wählen. Noch hat niemand gewonnen. Noch hat niemand verloren. Die Geschichte ist nicht deshalb wichtig, weil das Tribunal weiß, wie sie endet. Sie ist wichtig, weil die Menschen, die darin leben, es nicht wissen. Und deshalb können sie wählen.
---
**NOTWENDIGKEIT:**
„Was wird aus ihnen?“
**RACHE:**
„Was sie daraus machen.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Wie immer.“
Die drei Stimmen werden eins.
„Dies ist Erde 646.“
Eine Welt, die einem bekannten Muster ähnelt. Eine Welt, die sich weigert, es vollständig zu wiederholen. Eine Welt, in der ein Tod nicht geschieht. Eine Welt, in der vier Schicksale miteinander verflochten sind. Eine Welt, in der niemand weiß, ob diese Verbindung sie retten oder zerstören wird.
Das Tribunal zieht sich zurück. Die Sterne bleiben. Die Erde dreht sich weiter. Und vier Menschen gehen ihren eigenen Wegen entgegen. Noch wissen sie nicht, dass ihre Wege bereits aufeinander zulaufen. Noch wissen sie nicht, wie oft sie einander begegnen werden. Noch wissen sie nicht, was sie einander bedeuten werden. Aber das Multiversum weiß es.
Und irgendwo jenseits von Zeit und Raum wartet das Living Tribunal. Es urteilt nicht. Es greift nicht ein. Es beobachtet. Denn die Geschichte von Erde 646 gehört nicht dem Tribunal. Sie gehört den Menschen, die sie leben. Und ihre Geschichte beginnt mit vier Menschen, die glauben, sie hätten die Wahl.
Prolog
Es gibt im Multiversum keine erste Geschichte.
Keine letzte.
Nur Abzweigungen.
Unzählige Realitäten entstehen aus Entscheidungen, Zufällen, Verlusten und Begegnungen.
Manche unterscheiden sich kaum voneinander.
Andere sind so weit voneinander entfernt, dass selbst ihre Ähnlichkeiten bedeutungslos erscheinen.
Und doch tragen viele von ihnen dieselben Namen.
Dieselben Städte.
Dieselben Hoffnungen.
Dieselben Ängste.
Manche Menschen werden in einer Welt geboren und in einer anderen niemals existieren.
Manche sterben, obwohl sie in einer anderen Realität weiterleben.
Manche treffen sich immer wieder.
Nicht weil sie müssen.
Sondern weil manche Verbindungen älter zu sein scheinen als die Entscheidungen, durch die sie entstanden sind.
Jenseits von Raum.
Jenseits von Zeit.
Jenseits dessen, was selbst die mächtigsten Wesen des Multiversums als Wirklichkeit begreifen können, steht das Living Tribunal.
Drei Gesichter.
Drei Stimmen.
Eine Instanz.
Notwendigkeit.
Rache.
Gerechtigkeit.
Vor ihnen liegt eine Welt.
Eine von unzähligen.
Doch sie verweilen.
---
**NOTWENDIGKEIT:**
„Erde 646.“
**RACHE:**
„Eine vertraute Welt.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Vertraut.“
Eine Pause.
„Aber nicht dieselbe.“
Vor dem Tribunal breitet sich die Realität aus.
New York. Die Straßen. Die Hochhäuser. Das Licht. Die Schatten. Menschen, die leben, lieben, arbeiten, kämpfen und sterben, ohne zu wissen, dass ihre Welt nur eine von unzähligen Möglichkeiten ist. Eine Welt, in der Helden existieren. Eine Welt, in der Wissenschaft Grenzen überschreitet. Eine Welt, in der ein Mann im Kostüm durch die Häuserschluchten schwingt. Ein Junge, der zu einem Mann wurde. Peter Parker. Seine Geschichte ist in vielen Realitäten bekannt. Doch keine Geschichte bleibt überall gleich.
---
**RACHE:**
„Er hat verloren.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Wie viele Male?“
**RACHE:**
„Genug.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Und trotzdem steht er.“
Das Tribunal betrachtet ihn. Ein Leben, das von Verlust geprägt ist. Ein Mensch, der früh lernen musste, dass große Macht nicht bedeutet, große Kontrolle zu besitzen. Ein Held, der seine Verantwortung nicht deshalb trägt, weil es leicht wäre. Sondern weil er sie nicht ablegen kann. Peter Parker. Spider-Man.
In unzähligen Welten ist sein Leben von einem einzigen Satz geprägt: "Mit großer Macht kommt große Verantwortung."
Doch Verantwortung bedeutet nicht, dass das Schicksal einem Menschen alles nehmen muss. Nicht jede Welt verlangt denselben Preis. Nicht jede Geschichte endet am selben Ort. Nicht jede Spinne führt denselben Menschen zum selben Schicksal.
---
Das Tribunal blickt auf eine junge Frau.
Gwen Stacy.
**RACHE:**
„Hier stirbt sie nicht.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Nein.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Und genau darin liegt eine der größten Abweichungen.“
Ein einziger Moment. Eine einzige Möglichkeit. Ein Fall. Ein Tod, der hätte eintreten können. Doch er tritt nicht ein. Gwen Stacy lebt. Was für einen Sterblichen wie ein glücklicher Zufall erscheinen mag, ist für das Tribunal etwas anderes. Eine Abweichung. Ein gerettetes Leben. Eine Zukunft, die plötzlich möglich wird. Denn wenn ein Mensch stirbt, verschwinden nicht nur seine eigenen Möglichkeiten. Es verschwinden auch die Möglichkeiten aller Menschen, deren Leben durch ihn verändert worden wären. Ein gerettetes Leben kann daher mehr verändern als ein verhindertes Begräbnis. Es kann eine ganze Zukunft neu schreiben.
---
**NOTWENDIGKEIT:**
„Sie hätten sich niemals begegnen müssen.“
**RACHE:**
„Doch sie tun es.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Immer wieder.
Auf unterschiedliche Weise.
Unter unterschiedlichen Umständen.
Mit unterschiedlichen Namen für das, was zwischen ihnen entsteht.“
Vor dem Tribunal erscheinen vier Gestalten. Nicht gleichzeitig. Nicht vollständig. Nur als Möglichkeiten. Ein Mann. Drei Frauen. Peter Parker. Gwen Stacy. Mary Jane Watson. Felicia Hardy. Vier Leben. Vier Persönlichkeiten. Vier Wege. Vier Arten, einen Menschen zu lieben. Oder ihn herauszufordern. Oder ihn zu verstehen. Oder ihn zu verändern. Und doch ist etwas zwischen ihnen. Etwas, das selbst das Tribunal nicht einfach als Zufall bezeichnen würde.
---
**RACHE:**
„Eine Rivalin.“
Ein Bild.
Felicia.
**NOTWENDIGKEIT:**
„Eine Vertraute.“
Mary Jane.
**GERECHTIGKEIT:**
„Eine Überlebende.“
Gwen.
Stille.
Dann Peter.
**RACHE:**
„Und er.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Der Mittelpunkt.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Nein.“
Die drei Gesichter wenden sich einander zu.
„Nicht der Mittelpunkt.“
Eine längere Pause.
„Der Knoten.“
---
Denn ein Knoten besitzt keine Mitte. Er besitzt Verbindungen. Zieht man an einem Ende, bewegt sich ein anderes. Verändert man eine Beziehung, verändern sich die anderen. Eine Entscheidung zwischen zwei Menschen kann das Leben eines dritten verändern. Eine Liebe kann eine Freundschaft retten. Eine Freundschaft kann eine Liebe zerstören. Ein Verlust kann Menschen voneinander entfernen. Oder sie enger miteinander verbinden als zuvor. Das Tribunal sieht keine einfache Geschichte. Es sieht ein Geflecht. Und irgendwo darin befinden sich vier Menschen, deren Schicksale sich immer wieder kreuzen. Nicht zwingend auf dieselbe Weise. Nicht zwingend mit demselben Ausgang. Aber immer mit derselben eigentümlichen Anziehungskraft.
---
**RACHE:**
„Sie werden sich gegenseitig verletzen.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Ja.“
**RACHE:**
„Sie werden einander verlieren.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Möglicherweise.“
**RACHE:**
„Sie werden eifersüchtig sein.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Natürlich.“
**RACHE:**
„Sie werden Entscheidungen treffen, die sie später bereuen.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Wie jeder Mensch.“
**RACHE:**
„Und dennoch behauptest du, dies sei keine Tragödie.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Ich habe nicht gesagt, dass es keine Tragödie ist.
Ich sagte, dass eine Tragödie nicht zwangsläufig in einem Verlust endet.“
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Die Welt dreht sich weiter. Peter Parker wird älter. Gwen Stacy wird älter. Mary Jane Watson wird älter. Felicia Hardy wird älter. Und jeder von ihnen entwickelt sich. Gwen ist nicht die Frau, die sie in einer anderen Realität geworden wäre. Mary Jane ist nicht bloß die Frau, die neben Peter steht. Felicia ist nicht bloß die Frau, die in der Dunkelheit verschwindet. Und Peter ist nicht bloß der Mann zwischen ihnen. Sie sind Menschen. Mit eigenen Wünschen. Eigenen Grenzen. Eigenen Fehlern. Eigenen Vorstellungen davon, was Liebe bedeutet. Das Tribunal kennt die möglichen Wege. Es kennt die Eifersucht. Die Nähe. Die Distanz. Die Momente, in denen jemand bleibt, obwohl er gehen könnte. Die Momente, in denen jemand geht, obwohl er bleiben möchte. Es kennt Entscheidungen, die noch nicht getroffen wurden. Doch es spricht nicht darüber. Denn eine Möglichkeit ist kein Spoiler. Eine Möglichkeit ist ein Versprechen.
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**NOTWENDIGKEIT:**
„Warum sollte diese Welt von Bedeutung sein?“
**RACHE:**
„Weil vier Leben miteinander verbunden sind.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Nein.“
**RACHE:**
„Schon wieder widersprichst du.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Weil sie glauben werden, dass sie voneinander getrennt sind.“
Das Tribunal schweigt.
**GERECHTIGKEIT:**
„Das ist der Unterschied.“
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Menschen glauben gerne, ihr Leben sei linear. Geburt. Kindheit. Liebe. Verlust. Alter. Tod. Doch für das Multiversum ist kein Leben eine Linie. Es ist ein Netz. Peter verändert Gwen. Gwen verändert Peter. Mary Jane verändert beide. Felicia verändert alle drei. Und jeder von ihnen wird wiederum durch die anderen verändert. Manchmal genügt ein einziger Satz. Manchmal eine Berührung. Manchmal eine Entscheidung, die niemand sonst bemerkt. Manchmal genügt es, dass jemand nicht stirbt. Und plötzlich existiert eine Zukunft, die vorher niemals möglich war.
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Das Tribunal blickt weiter. Es sieht Peter Parker auf einem Dach stehen. Es sieht Gwen Stacy neben ihm. Es sieht Mary Jane. Es sieht Felicia. Doch das Bild verändert sich. Vier Menschen stehen zusammen. Dann drei. Dann zwei. Dann einer. Dann wieder vier. Das Bild zerfällt. Nicht weil die Zukunft ungewiss wäre. Sondern weil sie nicht feststeht.
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**RACHE:**
„Wir kennen die möglichen Enden.“
**NOTWENDIGKEIT:**
„Wir kennen die Wege.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Aber wir wählen sie nicht.“
**RACHE:**
„Warum?“
**GERECHTIGKEIT:**
„Weil eine Zukunft, die erzwungen wird, keine Zukunft ist.“
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Das Living Tribunal hat Welten gesehen, die von Göttern erschaffen wurden. Welten, die von Menschen zerstört wurden. Welten, die nie einen einzigen Stern hervorbrachten. Welten, in denen Helden zu Tyrannen wurden. Welten, in denen Tyrannen Helden wurden. Und Welten, in denen dieselben Menschen einander fanden und trotzdem völlig unterschiedliche Leben führten.
Erde 646 ist keine Welt ohne Schmerz. Keine Welt ohne Verlust. Keine Welt, in der jeder bekommt, was er sich wünscht. Sie ist auch keine perfekte Welt. Sie ist lediglich eine andere. Eine Welt, in der ein Tod nicht stattfindet. Eine Welt, in der eine Frau weiterlebt, deren Geschichte andernorts beendet wurde. Eine Welt, in der vier Menschen aufeinander treffen und etwas zwischen ihnen entsteht, dessen Namen sie selbst erst noch finden müssen. Vielleicht ist es Freundschaft. Vielleicht Liebe. Vielleicht Rivalität. Vielleicht alles zugleich.
Das Tribunal weiß es. Doch es wird den Bewohnern dieser Welt nicht sagen, was sie fühlen sollen. Denn Liebe ist keine kosmische Konstante. Sie ist eine Entscheidung. Immer wieder.
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Ein letzter Blick auf die Erde. New York schläft nicht. Irgendwo schließt jemand eine Tür. Jemand anderes öffnet ein Fenster. Ein Mann setzt seine Maske auf. Eine Frau betrachtet ihn. Eine andere wartet auf ihn. Eine dritte lächelt, weil sie weiß, dass er kommen wird. Noch ist nichts entschieden. Noch ist niemand gezwungen, jemanden zu wählen. Noch hat niemand gewonnen. Noch hat niemand verloren. Die Geschichte ist nicht deshalb wichtig, weil das Tribunal weiß, wie sie endet. Sie ist wichtig, weil die Menschen, die darin leben, es nicht wissen. Und deshalb können sie wählen.
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**NOTWENDIGKEIT:**
„Was wird aus ihnen?“
**RACHE:**
„Was sie daraus machen.“
**GERECHTIGKEIT:**
„Wie immer.“
Die drei Stimmen werden eins.
„Dies ist Erde 646.“
Eine Welt, die einem bekannten Muster ähnelt. Eine Welt, die sich weigert, es vollständig zu wiederholen. Eine Welt, in der ein Tod nicht geschieht. Eine Welt, in der vier Schicksale miteinander verflochten sind. Eine Welt, in der niemand weiß, ob diese Verbindung sie retten oder zerstören wird.
Das Tribunal zieht sich zurück. Die Sterne bleiben. Die Erde dreht sich weiter. Und vier Menschen gehen ihren eigenen Wegen entgegen. Noch wissen sie nicht, dass ihre Wege bereits aufeinander zulaufen. Noch wissen sie nicht, wie oft sie einander begegnen werden. Noch wissen sie nicht, was sie einander bedeuten werden. Aber das Multiversum weiß es.
Und irgendwo jenseits von Zeit und Raum wartet das Living Tribunal. Es urteilt nicht. Es greift nicht ein. Es beobachtet. Denn die Geschichte von Erde 646 gehört nicht dem Tribunal. Sie gehört den Menschen, die sie leben. Und ihre Geschichte beginnt mit vier Menschen, die glauben, sie hätten die Wahl.
Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

Star Trek: Online Alternative
Star Trek
Online Alternative
Prolog
Die Sonne brannte sich durch meine Lider, ihre goldenen Strahlen wirkten nicht sanft, sondern aufdringlich, beinahe aggressiv, als wollten sie mich gewaltsam ins Bewusstsein zerren. Als ich die Augen öffnete, fühlte sich mein Blick stumpf an, als hätte jemand über Nacht Sand hineingestreut. Von draußen drang der Lärm der Großstadt herein, ein chaotisches Gemisch aus Motoren, Stimmen und einem unterschwelligen Dröhnen, das sich wie ein permanenter Druck auf meinen Schädel legte.
Ich setzte mich auf, langsam, vorsichtig, als müsste ich meinen eigenen Körper erst wieder erlernen. Meine Kleidung lag verstreut auf dem Boden, ungeordnet, fast wie Beweismaterial nach einer Tat. Hose und Pullover achtlos hingeworfen, die Stiefel halb verborgen unter einem Stuhl, jede Socke tief hineingestopft, als hätte ich sie mit Gewalt dort hineingedrückt. Meine Jacke lag gefaltet auf dem Tisch, zu ordentlich im Vergleich zum Rest, was mich misstrauisch machte.
Ein kaltes Gefühl kroch meinen Rücken hinauf. Wo war ich?
Das Hotel. Richtig. Aber die Erkenntnis brachte keine Erleichterung, nur ein dumpfes Unbehagen. Fremde Orte waren mir schon immer zuwider gewesen. Hier gab es keine vertrauten Winkel, keine Sicherheit. Alles roch anders, klang anders, fühlte sich falsch an.
Ein kurzer Gedanke an mein Auto in der Tiefgarage ließ mein Herz schneller schlagen. Bilder blitzten auf, zerkratzter Lack, eingeschlagene Scheiben, fremde Hände, die darin wühlten. Ich zwang mich, diese Vorstellung abzuschütteln, aber ein Rest blieb, nagend, hartnäckig.
Im Bad ließ ich das Wasser laufen, heißer, als es gut war. Als die Hitze meine Haut traf, zog sie sich reflexartig zusammen, Gänsehaut überzog meinen Körper, doch ich drehte weiter auf. Schmerz und Wärme verschwammen zu etwas Schwerem, fast Betäubendem. Ich schloss die Augen und ließ das Wasser über mich hinwegfließen, als könnte es mehr abwaschen als nur Schweiß und Müdigkeit.
Für einen Moment hatte ich das Gefühl, nicht allein zu sein. Ich riss die Augen auf. Nichts. Nur die beschlagene Glaswand und mein eigener Atem, der sich hektischer anhörte, als er sollte.
Zurück im Zimmer zog ich mich an, mechanisch, ohne nachzudenken. Als ich die Schlüssel nicht fand, schoss mir ein kurzer, scharfer Anflug von Panik durch den Körper. Meine Finger durchwühlten die Kleidung, schneller, aggressiver, bis ich sie endlich fand. Ein banaler Moment, der sich viel zu groß anfühlte.
Die Stadt verschluckte mich anschließend. Eine Stunde des Herumirrens, falsche Abzweigungen, sich wiederholende Straßenzüge, als hätte sich die Umgebung gegen mich verschworen. Als ich schließlich die Flügeltüren der Halle durchschritt, traf mich die Hitze der Menschenmenge wie eine Wand.
Der Geruch von Schweiß, Parfüm und Metall lag schwer in der Luft. Körper drängten sich aneinander, Haut streifte Haut, zu nah, zu viel. Ein Ellenbogen bohrte sich in meine Seite, jemand trat mir auf den Fuß. Für einen Moment setzte mein Atem aus, ein klaustrophobischer Reflex, der mich zurückweichen ließ.
Ich blieb am Rand, zwang mich zur Kontrolle. Doch mein Ziel lag im Zentrum. Die Stände verschwammen zu einem flackernden Panorama aus Technik. Cyberhelme glänzten unter grellem Licht, Nervenimplantate lagen ausgestellt wie chirurgische Versprechen, VR-Brillen wirkten wie Masken für eine andere Realität. Sensitiv-Anzüge hingen da, eng, körperbetont, ihre Oberflächen leicht schimmernd, fast lebendig. Ein kurzer Gedanke, wie sich solche Materialien auf nackter Haut anfühlen mussten, durchzuckte mich, unerwartet intensiv, bevor ich ihn abrupt verdrängte.
Ich drängte mich weiter vor, aggressiver, ließ mich vom Strom tragen, stieß zurück, wenn nötig. Die Menge wurde dichter, die Luft dünner. Stimmen wurden lauter, schriller, vermischten sich zu einem unverständlichen Rauschen.
Endlich erreichte ich den zentralen Stand.
Die Maschine war größer, als ich erwartet hatte. Metallstreben, durchzogen von pulsierendem Licht, bildeten eine Struktur, die gleichzeitig präzise und fremdartig wirkte. In ihrem Inneren flimmerte ein dreidimensionales Hologramm, so real, dass mein Gehirn einen Moment brauchte, um es als Projektion zu akzeptieren.
Ich trat ein. Die Welt verzerrte sich. Die Halle lag plötzlich unter mir, verkleinert, verzogen, als hätte jemand die Realität selbst manipuliert. Ein Gefühl von Macht hätte entstehen sollen. Stattdessen kroch Angst in mir hoch, kalt und rational.
Etwas stimmte nicht. Das Bild flackerte. Erst kaum merklich, dann stärker. Ein Zittern, das durch die Struktur lief. Techniker bewegten sich, ihre Gesichter angespannt, kontrolliert, zu kontrolliert. Kein Chaos, aber auch keine Ruhe.
Dann breitete sich die Störung aus. Nicht nur hier. Überall. Licht brach weg. Geräusche verstummten abrupt, als hätte jemand der Welt den Ton abgedreht. Für einen Bruchteil einer Sekunde herrschte absolute Leere. Und dann war ich weg.
Die Sonne kitzelte erneut meine Augen. Doch diesmal war ihr Licht falsch. Es war blau, kalt, unnatürlich, und es schnitt schärfer durch meine Wahrnehmung als zuvor. Als ich die Augen öffnete, traf mich keine Stadt, sondern Stille. Eine bedrückende, schwere Stille, die sich wie ein Gewicht auf meine Brust legte.
Ich setzte mich auf. Die Kleidung auf dem Boden war nicht meine. Stoffe, rau und fremd, Farben, die ich nicht gewählt hätte. Ich spürte bereits, bevor ich sie anzog, dass etwas nicht stimmte. Doch ich hatte keine Wahl. Als der Stoff meine Haut berührte, lief ein unkontrollierbares Zittern durch meinen Körper. Die Passform war perfekt. Zu perfekt. Ich suchte nach einem Spiegel, fand keinen. Ein wachsender Druck baute sich in meinem Kopf auf, ein instinktives Wissen, dass ich etwas Entscheidendes übersehen hatte.
Dann rannte ich hinaus. Die Hitze traf mich wie ein Schlag. Gleißend, erbarmungslos. Meine Augen suchten hektisch nach einer reflektierenden Oberfläche, fanden schließlich den Solarkollektor.
Ich trat näher. Und sah. Der Moment dehnte sich. Mein Magen krampfte sich zusammen, ein scharfer Schmerz zog durch meinen Körper, als hätte sich etwas in mir dagegen gewehrt, diese Realität zu akzeptieren. Die Haut, die mir entgegenblickte, war türkis. Glatt, fremd, unnatürlich. Hörner ragten aus meinem Schädel, gebogen, massiv. Meine Augen leuchteten, nicht menschlich, nicht vertraut.
Ich wich zurück, stolperte, fiel hart auf den Boden. Meine Hände tasteten über meinen Körper, als könnte ich die Illusion abstreifen, doch alles war real. Jede Bewegung, jede Berührung bestätigte es. Mein Atem raste. Gedanken überschlugen sich, zerfielen, setzten sich neu zusammen.
Ich war nicht mehr ich. Und irgendwo, tief in mir, regte sich ein Gefühl, das schlimmer war als Angst. Ein flackernder, dunkler Impuls. Als würde etwas in diesem neuen Körper erwachen. Ich presste die Hände gegen meinen Kopf, spürte unter meinen Fingern die harte, glatte Struktur meiner Hörner. Ein kalter Schauer lief durch mich hindurch, doch gleichzeitig war da etwas anderes. Etwas Vertrautes. Als hätte mein Körper längst gewusst, wie sich das anfühlen musste, als hätte er nur darauf gewartet, dass mein Verstand endlich nachzog.
"Das ist nicht real", murmelte ich, doch meine Stimme klang falsch. Tiefer. Rauer. Ein kehliges Kratzen lag darin, als würde jeder Laut durch einen fremden Apparat gepresst.
Ich schluckte. Selbst das fühlte sich anders an. Langsam, fast gegen meinen eigenen Willen, richtete ich mich auf. Meine Beine zitterten nicht. Im Gegenteil. Sie fühlten sich stabiler an als je zuvor, kraftvoll, geladen mit einer Energie, die ich so nie gekannt hatte. Als ich einen Schritt machte, war die Bewegung präzise, kontrolliert, beinahe elegant. Zu elegant.
Ich blickte erneut zum Solarkollektor. Mein Spiegelbild starrte mich an, regungslos, und doch hatte ich das Gefühl, als würde es mich beobachten. Nicht nur abbilden, sondern bewerten. Meine Augen. Sie leuchteten. Ein schwaches Glimmen, das mit jedem Atemzug intensiver wurde.
Ein Geräusch ließ mich herumfahren. Ein trockenes Knacken, irgendwo hinter mir. Dann ein weiteres. Schritte. Mein Herz setzte einen Schlag aus, bevor es noch schneller weiterhämmerte. Instinktiv spannte sich mein Körper an. Ich duckte mich leicht, meine Finger krümmten sich, als wären sie darauf vorbereitet, etwas zu greifen, zu zerreißen. Woher kam das? Ich hatte nie so reagiert. Nie. Die Schritte kamen näher. Langsam. Bedächtig. Kein hektisches Laufen, kein panisches Stolpern. Jemand wusste, dass ich hier war. Ein Geruch erreichte mich. Schweiß. Metall. Etwas Süßliches, das mich unwillkürlich an Blut denken ließ. Mein Magen zog sich zusammen, doch gleichzeitig lief mir das Wasser im Mund zusammen. Ein kurzer, schockierender Moment, in dem mein Körper auf eine Weise reagierte, die mein Verstand strikt ablehnte.
"Nein", flüsterte ich, doch mein Körper spannte sich weiter an.
Die Schritte stoppten. Stille. Dann trat etwas aus dem Schatten. Eine Gestalt. Menschlich, aber nicht ganz. Die Proportionen stimmten nicht. Zu lange Gliedmaßen, zu schmale Schultern. Die Haut wirkte fahl, fast grau, und spannte sich unnatürlich über die Knochen. Die Augen waren leer, und doch fixierten sie mich mit einer Intensität, die mir die Luft abschnürte.
Wir starrten uns an. Ein Moment, der sich zog. Dann bewegte sich die Gestalt. Schnell. Zu schnell. Ich hatte keine Zeit zu denken. Mein Körper reagierte von selbst. Ich wich aus, spürte, wie etwas an mir vorbeischoss, spürte den Luftzug, hörte ein scharfes Zischen. Meine Hand schnellte nach vorne, traf auf Widerstand. Fleisch. Ich packte zu. Zu fest. Ein widerwärtiges Knacken durchzog die Luft, als meine Finger sich in den Arm der Gestalt bohrten. Ein Schrei folgte, hoch, verzerrt, unmenschlich. Doch ich ließ nicht los. Im Gegenteil. Ein Ruck ging durch mich. Ein Impuls, roh und unkontrolliert. Ich riss. Der Widerstand gab nach. Warm. Nass. Für einen Sekundenbruchteil registrierte ich, was ich tat. Was ich gerade getan hatte. Dann setzte etwas in mir ein. Ein Rausch. Mein Atem ging stoßweise, meine Sicht verengte sich, fokussierte sich nur noch auf die Bewegung, auf das Ziel. Die Gestalt taumelte zurück, hielt sich den zerstörten Arm, doch ich sah keine Schwäche. Ich sah nur… Gelegenheit.
"Stopp", presste ich hervor, doch meine Beine bewegten sich bereits.
Ein weiterer Schritt. Dann noch einer. Die Grenze zwischen mir und diesem Körper begann zu verschwimmen. Und zum ersten Mal wurde mir klar, dass der eigentliche Verlust nicht mein Aussehen war. Sondern die Kontrolle.
Online Alternative
Prolog
Die Sonne brannte sich durch meine Lider, ihre goldenen Strahlen wirkten nicht sanft, sondern aufdringlich, beinahe aggressiv, als wollten sie mich gewaltsam ins Bewusstsein zerren. Als ich die Augen öffnete, fühlte sich mein Blick stumpf an, als hätte jemand über Nacht Sand hineingestreut. Von draußen drang der Lärm der Großstadt herein, ein chaotisches Gemisch aus Motoren, Stimmen und einem unterschwelligen Dröhnen, das sich wie ein permanenter Druck auf meinen Schädel legte.
Ich setzte mich auf, langsam, vorsichtig, als müsste ich meinen eigenen Körper erst wieder erlernen. Meine Kleidung lag verstreut auf dem Boden, ungeordnet, fast wie Beweismaterial nach einer Tat. Hose und Pullover achtlos hingeworfen, die Stiefel halb verborgen unter einem Stuhl, jede Socke tief hineingestopft, als hätte ich sie mit Gewalt dort hineingedrückt. Meine Jacke lag gefaltet auf dem Tisch, zu ordentlich im Vergleich zum Rest, was mich misstrauisch machte.
Ein kaltes Gefühl kroch meinen Rücken hinauf. Wo war ich?
Das Hotel. Richtig. Aber die Erkenntnis brachte keine Erleichterung, nur ein dumpfes Unbehagen. Fremde Orte waren mir schon immer zuwider gewesen. Hier gab es keine vertrauten Winkel, keine Sicherheit. Alles roch anders, klang anders, fühlte sich falsch an.
Ein kurzer Gedanke an mein Auto in der Tiefgarage ließ mein Herz schneller schlagen. Bilder blitzten auf, zerkratzter Lack, eingeschlagene Scheiben, fremde Hände, die darin wühlten. Ich zwang mich, diese Vorstellung abzuschütteln, aber ein Rest blieb, nagend, hartnäckig.
Im Bad ließ ich das Wasser laufen, heißer, als es gut war. Als die Hitze meine Haut traf, zog sie sich reflexartig zusammen, Gänsehaut überzog meinen Körper, doch ich drehte weiter auf. Schmerz und Wärme verschwammen zu etwas Schwerem, fast Betäubendem. Ich schloss die Augen und ließ das Wasser über mich hinwegfließen, als könnte es mehr abwaschen als nur Schweiß und Müdigkeit.
Für einen Moment hatte ich das Gefühl, nicht allein zu sein. Ich riss die Augen auf. Nichts. Nur die beschlagene Glaswand und mein eigener Atem, der sich hektischer anhörte, als er sollte.
Zurück im Zimmer zog ich mich an, mechanisch, ohne nachzudenken. Als ich die Schlüssel nicht fand, schoss mir ein kurzer, scharfer Anflug von Panik durch den Körper. Meine Finger durchwühlten die Kleidung, schneller, aggressiver, bis ich sie endlich fand. Ein banaler Moment, der sich viel zu groß anfühlte.
Die Stadt verschluckte mich anschließend. Eine Stunde des Herumirrens, falsche Abzweigungen, sich wiederholende Straßenzüge, als hätte sich die Umgebung gegen mich verschworen. Als ich schließlich die Flügeltüren der Halle durchschritt, traf mich die Hitze der Menschenmenge wie eine Wand.
Der Geruch von Schweiß, Parfüm und Metall lag schwer in der Luft. Körper drängten sich aneinander, Haut streifte Haut, zu nah, zu viel. Ein Ellenbogen bohrte sich in meine Seite, jemand trat mir auf den Fuß. Für einen Moment setzte mein Atem aus, ein klaustrophobischer Reflex, der mich zurückweichen ließ.
Ich blieb am Rand, zwang mich zur Kontrolle. Doch mein Ziel lag im Zentrum. Die Stände verschwammen zu einem flackernden Panorama aus Technik. Cyberhelme glänzten unter grellem Licht, Nervenimplantate lagen ausgestellt wie chirurgische Versprechen, VR-Brillen wirkten wie Masken für eine andere Realität. Sensitiv-Anzüge hingen da, eng, körperbetont, ihre Oberflächen leicht schimmernd, fast lebendig. Ein kurzer Gedanke, wie sich solche Materialien auf nackter Haut anfühlen mussten, durchzuckte mich, unerwartet intensiv, bevor ich ihn abrupt verdrängte.
Ich drängte mich weiter vor, aggressiver, ließ mich vom Strom tragen, stieß zurück, wenn nötig. Die Menge wurde dichter, die Luft dünner. Stimmen wurden lauter, schriller, vermischten sich zu einem unverständlichen Rauschen.
Endlich erreichte ich den zentralen Stand.
Die Maschine war größer, als ich erwartet hatte. Metallstreben, durchzogen von pulsierendem Licht, bildeten eine Struktur, die gleichzeitig präzise und fremdartig wirkte. In ihrem Inneren flimmerte ein dreidimensionales Hologramm, so real, dass mein Gehirn einen Moment brauchte, um es als Projektion zu akzeptieren.
Ich trat ein. Die Welt verzerrte sich. Die Halle lag plötzlich unter mir, verkleinert, verzogen, als hätte jemand die Realität selbst manipuliert. Ein Gefühl von Macht hätte entstehen sollen. Stattdessen kroch Angst in mir hoch, kalt und rational.
Etwas stimmte nicht. Das Bild flackerte. Erst kaum merklich, dann stärker. Ein Zittern, das durch die Struktur lief. Techniker bewegten sich, ihre Gesichter angespannt, kontrolliert, zu kontrolliert. Kein Chaos, aber auch keine Ruhe.
Dann breitete sich die Störung aus. Nicht nur hier. Überall. Licht brach weg. Geräusche verstummten abrupt, als hätte jemand der Welt den Ton abgedreht. Für einen Bruchteil einer Sekunde herrschte absolute Leere. Und dann war ich weg.
Die Sonne kitzelte erneut meine Augen. Doch diesmal war ihr Licht falsch. Es war blau, kalt, unnatürlich, und es schnitt schärfer durch meine Wahrnehmung als zuvor. Als ich die Augen öffnete, traf mich keine Stadt, sondern Stille. Eine bedrückende, schwere Stille, die sich wie ein Gewicht auf meine Brust legte.
Ich setzte mich auf. Die Kleidung auf dem Boden war nicht meine. Stoffe, rau und fremd, Farben, die ich nicht gewählt hätte. Ich spürte bereits, bevor ich sie anzog, dass etwas nicht stimmte. Doch ich hatte keine Wahl. Als der Stoff meine Haut berührte, lief ein unkontrollierbares Zittern durch meinen Körper. Die Passform war perfekt. Zu perfekt. Ich suchte nach einem Spiegel, fand keinen. Ein wachsender Druck baute sich in meinem Kopf auf, ein instinktives Wissen, dass ich etwas Entscheidendes übersehen hatte.
Dann rannte ich hinaus. Die Hitze traf mich wie ein Schlag. Gleißend, erbarmungslos. Meine Augen suchten hektisch nach einer reflektierenden Oberfläche, fanden schließlich den Solarkollektor.
Ich trat näher. Und sah. Der Moment dehnte sich. Mein Magen krampfte sich zusammen, ein scharfer Schmerz zog durch meinen Körper, als hätte sich etwas in mir dagegen gewehrt, diese Realität zu akzeptieren. Die Haut, die mir entgegenblickte, war türkis. Glatt, fremd, unnatürlich. Hörner ragten aus meinem Schädel, gebogen, massiv. Meine Augen leuchteten, nicht menschlich, nicht vertraut.
Ich wich zurück, stolperte, fiel hart auf den Boden. Meine Hände tasteten über meinen Körper, als könnte ich die Illusion abstreifen, doch alles war real. Jede Bewegung, jede Berührung bestätigte es. Mein Atem raste. Gedanken überschlugen sich, zerfielen, setzten sich neu zusammen.
Ich war nicht mehr ich. Und irgendwo, tief in mir, regte sich ein Gefühl, das schlimmer war als Angst. Ein flackernder, dunkler Impuls. Als würde etwas in diesem neuen Körper erwachen. Ich presste die Hände gegen meinen Kopf, spürte unter meinen Fingern die harte, glatte Struktur meiner Hörner. Ein kalter Schauer lief durch mich hindurch, doch gleichzeitig war da etwas anderes. Etwas Vertrautes. Als hätte mein Körper längst gewusst, wie sich das anfühlen musste, als hätte er nur darauf gewartet, dass mein Verstand endlich nachzog.
"Das ist nicht real", murmelte ich, doch meine Stimme klang falsch. Tiefer. Rauer. Ein kehliges Kratzen lag darin, als würde jeder Laut durch einen fremden Apparat gepresst.
Ich schluckte. Selbst das fühlte sich anders an. Langsam, fast gegen meinen eigenen Willen, richtete ich mich auf. Meine Beine zitterten nicht. Im Gegenteil. Sie fühlten sich stabiler an als je zuvor, kraftvoll, geladen mit einer Energie, die ich so nie gekannt hatte. Als ich einen Schritt machte, war die Bewegung präzise, kontrolliert, beinahe elegant. Zu elegant.
Ich blickte erneut zum Solarkollektor. Mein Spiegelbild starrte mich an, regungslos, und doch hatte ich das Gefühl, als würde es mich beobachten. Nicht nur abbilden, sondern bewerten. Meine Augen. Sie leuchteten. Ein schwaches Glimmen, das mit jedem Atemzug intensiver wurde.
Ein Geräusch ließ mich herumfahren. Ein trockenes Knacken, irgendwo hinter mir. Dann ein weiteres. Schritte. Mein Herz setzte einen Schlag aus, bevor es noch schneller weiterhämmerte. Instinktiv spannte sich mein Körper an. Ich duckte mich leicht, meine Finger krümmten sich, als wären sie darauf vorbereitet, etwas zu greifen, zu zerreißen. Woher kam das? Ich hatte nie so reagiert. Nie. Die Schritte kamen näher. Langsam. Bedächtig. Kein hektisches Laufen, kein panisches Stolpern. Jemand wusste, dass ich hier war. Ein Geruch erreichte mich. Schweiß. Metall. Etwas Süßliches, das mich unwillkürlich an Blut denken ließ. Mein Magen zog sich zusammen, doch gleichzeitig lief mir das Wasser im Mund zusammen. Ein kurzer, schockierender Moment, in dem mein Körper auf eine Weise reagierte, die mein Verstand strikt ablehnte.
"Nein", flüsterte ich, doch mein Körper spannte sich weiter an.
Die Schritte stoppten. Stille. Dann trat etwas aus dem Schatten. Eine Gestalt. Menschlich, aber nicht ganz. Die Proportionen stimmten nicht. Zu lange Gliedmaßen, zu schmale Schultern. Die Haut wirkte fahl, fast grau, und spannte sich unnatürlich über die Knochen. Die Augen waren leer, und doch fixierten sie mich mit einer Intensität, die mir die Luft abschnürte.
Wir starrten uns an. Ein Moment, der sich zog. Dann bewegte sich die Gestalt. Schnell. Zu schnell. Ich hatte keine Zeit zu denken. Mein Körper reagierte von selbst. Ich wich aus, spürte, wie etwas an mir vorbeischoss, spürte den Luftzug, hörte ein scharfes Zischen. Meine Hand schnellte nach vorne, traf auf Widerstand. Fleisch. Ich packte zu. Zu fest. Ein widerwärtiges Knacken durchzog die Luft, als meine Finger sich in den Arm der Gestalt bohrten. Ein Schrei folgte, hoch, verzerrt, unmenschlich. Doch ich ließ nicht los. Im Gegenteil. Ein Ruck ging durch mich. Ein Impuls, roh und unkontrolliert. Ich riss. Der Widerstand gab nach. Warm. Nass. Für einen Sekundenbruchteil registrierte ich, was ich tat. Was ich gerade getan hatte. Dann setzte etwas in mir ein. Ein Rausch. Mein Atem ging stoßweise, meine Sicht verengte sich, fokussierte sich nur noch auf die Bewegung, auf das Ziel. Die Gestalt taumelte zurück, hielt sich den zerstörten Arm, doch ich sah keine Schwäche. Ich sah nur… Gelegenheit.
"Stopp", presste ich hervor, doch meine Beine bewegten sich bereits.
Ein weiterer Schritt. Dann noch einer. Die Grenze zwischen mir und diesem Körper begann zu verschwimmen. Und zum ersten Mal wurde mir klar, dass der eigentliche Verlust nicht mein Aussehen war. Sondern die Kontrolle.
Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

Star Trek: Elite Task Force
Star Trek
Elite Task Force
Episode 0x0: Aller Anfang ...
Nur wenige Jahre waren vergangen, seit die Allianz aus den Trümmern eines Krieges hervorgegangen war, als sich in einem abgelegenen Abschnitt des Alpha-Quadranten ein Bauwerk erhob, das selbst im Maßstab der gewaltigen interstellaren Zivilisationen beinahe unwirklich wirkte.
Babylon.
Der Name stand inzwischen für weit mehr als nur eine Raumstation. Er bezeichnete ein Versprechen, eine politische Vision und zugleich eines der ehrgeizigsten Bauprojekte, das jemals von den Völkern des Quadranten begonnen worden war. Dort, wo die Grenzen der Föderation, des Klingonischen Reiches und des Romulanischen Sternenimperiums aufeinandertrafen, schwebte eine Konstruktion von einer Größe, die jeden gewöhnlichen Begriff von Raumstation sprengte.
Mit einer Länge von 9,6 Kilometern zog sich Babylon wie eine künstlich geschaffene Stadt durch die Schwärze des Alls. Ihre gewaltige Silhouette bestand aus miteinander verbundenen Modulen, gewaltigen Andocksektionen, Versorgungskomplexen, Wohnbereichen, diplomatischen Einrichtungen, Handelszentren, Forschungsanlagen und militärischen Verteidigungssektionen. Kilometerlange äußere Strukturen verliefen entlang des zentralen Stationskörpers und wurden von massiven Querstreben miteinander verbunden. Zwischen den einzelnen Bereichen lagen gewaltige Hohlräume, in denen Schiffe Platz fanden, während zahllose kleinere Transporter, Shuttles und Arbeitsfahrzeuge wie winzige Insekten zwischen den metallenen Kolossen umherglitten.
Die Außenhülle war an manchen Stellen in einem hellen, beinahe silbrig wirkenden Grau gehalten, während andere Bereiche von dunkleren, matten Panzersegmenten bedeckt waren. Die unterschiedlichen Farben und Materialien verrieten noch immer die Herkunft verschiedener Konstruktionsabschnitte. Föderale Bautechniken dominierten zwar das grundlegende Erscheinungsbild, doch klingonische Verstärkungen, romulanische Systeme und ferengische Handelsmodule waren ebenso in der Station zu finden. Babylon war dadurch nicht vollkommen einheitlich. Sie besaß vielmehr eine eigentümliche architektonische Vielfalt, die ihre politische Bedeutung bereits von außen erkennen ließ.
Keine andere Station im bekannten Raum konnte es mit ihrer Größe und Masse aufnehmen.
Selbst aus großer Entfernung wirkte Babylon nicht wie ein gewöhnliches Raumfahrzeug, sondern wie eine künstliche Welt.
Ihre schiere Dimension war nur schwer zu erfassen. Ein Schiff, das mit hoher Geschwindigkeit an der Station vorbeiflog, benötigte Minuten, um ihre gesamte Länge zu passieren. Von einem Ende zum anderen erstreckten sich Bereiche, die jeweils groß genug gewesen wären, um eigenständige Raumstationen zu beherbergen. Tausende Fensterreihen glitzerten im Licht ferner Sterne. Navigationslichter blinkten in regelmäßigen Abständen. Große Andocktore öffneten und schlossen sich langsam, während Energie- und Versorgungssysteme ihren Betrieb aufrechterhielten.
Und hinter dieser gewaltigen Hülle befand sich eine Bevölkerung, die einer mittelgroßen Stadt entsprach. Zehntausend Besatzungsmitglieder sorgten dafür, dass Babylon funktionierte.
Sie waren Techniker, Sicherheitsoffiziere, Wissenschaftler, Ärzte, Ingenieure, Piloten, Diplomaten, Logistiker, Händler, Verwaltungspersonal und Angehörige unzähliger weiterer Berufe. Hinzu kamen die Besucher, Botschafter, Händler, Reisenden und Vertreter fremder Mächte, die sich zeitweise auf der Station aufhielten.
Für viele von ihnen war Babylon längst mehr als ein Arbeitsplatz. Es war ein Zuhause. Für andere war sie ein neutraler Boden. Und für wieder andere war sie eine Gelegenheit. Der Ursprung dieses gewaltigen Projektes lag jedoch nicht in einem triumphalen Moment des Friedens, sondern in einem Krieg.
Im Jahr 2408 hatte der Allianz-Koalition-Krieg tiefe Spuren hinterlassen. Politische Spannungen, Fehlinterpretationen und gegenseitiges Misstrauen hatten sich zu einer Eskalation entwickelt, deren Folgen den beteiligten Mächten schmerzhaft vor Augen geführt hatten, wie schnell diplomatische Missverständnisse in offene Gewalt umschlagen konnten.
Als die Waffen schließlich schwiegen, blieb nicht nur die Erinnerung an die gefallenen Soldaten und zerstörten Schiffe zurück. Es blieb auch die Erkenntnis, dass viele der Auseinandersetzungen bereits wesentlich früher hätten beendet werden können, wenn es einen neutralen Ort gegeben hätte, an dem die verschiedenen Seiten miteinander hätten sprechen können.
Einen Ort, der keinem einzelnen Volk gehörte. Einen Ort, an dem ein klingonischer General einem romulanischen Diplomaten gegenüberstehen konnte, ohne dass bereits die Anwesenheit des jeweils anderen auf fremdem Territorium als Provokation verstanden werden musste. Einen Ort, an dem ein Föderationsvertreter mit einem Ferengi-Handelsmagnaten verhandeln konnte, während Wissenschaftler, Juristen und Beobachter anderer Völker die Gespräche begleiteten. Einen Ort, an dem Konflikte nicht erst dann behandelt wurden, wenn bereits Schiffe zerstört und Welten bedroht waren.
Aus dieser Überlegung entstand im Jahr 2408 das Babylon-Projekt.
Die Föderation übernahm dabei die federführende Rolle. Ihre Regierung stellte einen erheblichen Teil der technischen und organisatorischen Ressourcen bereit und entwickelte gemeinsam mit den Partnern die grundlegenden Konzepte für die Station. Die Klingonen, Romulaner und Ferengi unterstützten das Projekt sowohl diplomatisch als auch finanziell.
Die Zusammenarbeit war alles andere als selbstverständlich. Noch immer existierten politische Spannungen. Noch immer gab es persönliche Feindschaften. Noch immer misstrauten sich Angehörige verschiedener Spezies gegenseitig. Doch diesmal war die gemeinsame Vergangenheit nicht der Grund für einen neuen Konflikt. Sie war der Grund, weshalb man überhaupt zusammenarbeitete. Die Station sollte verhindern, dass sich die Geschichte wiederholte.
Der Name Babylon war dabei bewusst gewählt worden. Er sollte an einen Ort erinnern, an dem verschiedene Kulturen und Völker zusammenkamen, auch wenn die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs in unterschiedlichen Kulturen und historischen Überlieferungen unterschiedlich interpretiert wurde. Für die Verantwortlichen des Projektes stand jedoch vor allem eines im Vordergrund: Babylon sollte ein Treffpunkt werden.
Ein Ort der Verständigung. Ein Ort des Handels. Ein Ort, an dem selbst ein schwerwiegender Konflikt zunächst Worte hervorbringen sollte, bevor Waffen zum Einsatz kamen.
Der Bau dauerte Jahre. Je weiter die Konstruktion voranschritt, desto größer wurden die Dimensionen des Projektes. Neue Module mussten entwickelt werden. Versorgungssysteme mussten auf die enorme Größe der Station abgestimmt werden. Unterschiedliche technische Standards mussten miteinander kompatibel gemacht werden. Selbst scheinbar nebensächliche Dinge wie Luftzusammensetzung, Temperaturbereiche und künstliche Schwerkraft wurden zu komplexen Problemen, sobald Angehörige hunderter Spezies berücksichtigt werden mussten.
In den Korridoren mussten Beleuchtungssysteme installiert werden, die sowohl empfindliche Augen als auch Spezies mit völlig anderen Wahrnehmungsformen nicht beeinträchtigten. Medizinische Einrichtungen mussten auf biologische Unterschiede reagieren können. Quartiere mussten unterschiedliche atmosphärische Bedingungen ermöglichen. Türen, Transporter, Aufzüge und Kommunikationssysteme mussten mit den verschiedensten Körperformen und technischen Standards zurechtkommen.
Babylon war keine Station für ein Volk. Sie war für viele Völker gebaut worden. Kurz vor der Fertigstellung der ersten Station trat schließlich eine weitere Macht dem Projekt bei. Spezies 8472 entschied sich, einen eigenen Botschafter nach Babylon zu entsenden. Die Entscheidung löste innerhalb der Allianz nicht nur Neugier aus. Sie führte auch zu intensiven Sicherheitsberatungen. Die Erinnerungen an frühere Begegnungen mit Spezies 8472 waren bei vielen Angehörigen der Föderation noch frisch. Ihre biologischen Eigenschaften, ihre außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit und ihre technologischen Fähigkeiten machten sie zu einer Spezies, die selbst von erfahrenen Diplomaten mit Vorsicht betrachtet wurde. Doch genau deshalb war ihre Anwesenheit von besonderer Bedeutung. Babylon sollte nicht nur diejenigen zusammenbringen, mit denen eine Verständigung leichtfiel. Wenn das Projekt tatsächlich funktionieren sollte, musste es auch jenen Völkern eine Stimme geben, deren Verhältnis zur Allianz von Misstrauen und vergangenen Konflikten geprägt war. Als der Botschafter von Spezies 8472 schließlich offiziell in Babylon eintraf, wurde damit ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Station eröffnet.
Die erste Babylon-Station sollte nicht die letzte bleiben. Weitere Stationen waren geplant. Doch Babylon selbst war der Anfang. Im Jahr 2410 hatte sich bereits gezeigt, dass die Station nicht nur für diplomatische Zwecke von Bedeutung war. Der gewaltige Komplex entwickelte sich zu einem der wichtigsten Handelszentren des Quadranten.
Jeden Tag trafen durchschnittlich fünfzig bis sechzig zivile Schiffe ein. Frachter, Passagierschiffe, private Handelsschiffe, Forschungsschiffe und unterschiedlichste Transportfahrzeuge näherten sich den gewaltigen Andockanlagen. Manche Schiffe wirkten elegant und modern, andere waren sichtbar alt und mehrfach umgebaut worden. Einige trugen die klaren Linien föderaler Konstruktionen, während andere bereits von weitem ihre klingonische, romulanische, cardassianische oder ferengische Herkunft erkennen ließen.
Die Ankunft eines Schiffes auf Babylon war selten ein stiller Vorgang. Sensoren erfassten die Signatur des Schiffes, Navigationssysteme überprüften die Flugbahn, Kontrollzentren koordinierten Andockfenster und Versorgungseinrichtungen. Gleichzeitig bewegten sich Frachtcontainer durch kilometerlange Versorgungsschächte, während Händler ihre Waren anboten und Besucher die Station betraten.
Der Geruch innerhalb der Handelsbereiche war dementsprechend ebenso vielfältig wie die Bevölkerung. Es roch nach erhitztem Metall, synthetischen Nahrungsmitteln, Gewürzen fremder Welten, Maschinenöl, Desinfektionsmitteln und den charakteristischen Gerüchen zahlreicher Spezies. Aus manchen Restaurants drangen intensive Düfte exotischer Speisen. Händler boten Gewürze an, deren Geruch sich bereits mehrere Meter vor den Verkaufsständen bemerkbar machte. In anderen Bereichen dominierte dagegen der sterile Geruch medizinischer Einrichtungen.
Der Handel unterlag grundsätzlich keinen Beschränkungen. Fast alles konnte angeboten, gekauft oder verhandelt werden, solange die entsprechenden Gesetze und Sicherheitsbestimmungen eingehalten wurden. Eine wichtige Ausnahme bildeten Waffen. Waffenverkäufe durften auf Babylon durchaus verhandelt werden. Händler konnten Verträge aushandeln, Preise festlegen und Lieferbedingungen vereinbaren. Die tatsächliche Übergabe der Waffen an den Käufer durfte jedoch nicht über die Station erfolgen. Diese Regel war ein notwendiger Kompromiss. Babylon sollte ein Zentrum des Handels sein, aber kein Umschlagplatz für militärische Aufrüstung werden. Die Station verdiente dennoch einen erheblichen Teil ihres laufenden Budgets durch den Handel. Jeder Besucher musste beim Betreten der Station eine Art Zollabgabe entrichten. Die Gebühr war von der jeweiligen Person, dem Status und teilweise auch der Art des Aufenthalts abhängig. Für Händler galten zusätzliche Regelungen, insbesondere wenn größere Mengen an Waren eingeführt wurden.
Auch das lokale Transwarp-Terminal war kostenpflichtig. Das Terminal stellte eine der wichtigsten infrastrukturellen Einrichtungen Babylons dar. Schiffe konnten es nutzen, um Verbindungen zu entfernten Regionen herzustellen und dadurch Reisezeiten drastisch zu verkürzen. Die technische Anlage war entsprechend gewaltig. Tief im Inneren der Station befanden sich Generatoren, Leitungsnetze und Kontrollsysteme, die für den Betrieb des Terminals erforderlich waren.
Wer länger auf Babylon blieb, konnte eines der zahlreichen Quartiere nutzen. Die Unterkünfte unterschieden sich erheblich. Es gab einfache Räume für Reisende, die lediglich eine Übernachtungsmöglichkeit benötigten, komfortable Quartiere für Geschäftsreisende und geräumige Suiten für Diplomaten oder wohlhabende Besucher. Manche Bereiche konnten sogar an die biologischen Anforderungen bestimmter Spezies angepasst werden. Die Preise reichten entsprechend weit auseinander.
Doch so wichtig der Handel für das Überleben der Station war, so wenig stellte er den eigentlichen Zweck Babylons dar. Der Mittelpunkt der Station war die Diplomatie. Die Ratsversammlung von Babylon war das politische Herz des gewaltigen Komplexes. Der Saal selbst war entsprechend beeindruckend. Hohe, geschwungene Wände umschlossen einen weitläufigen Raum, dessen Architektur bewusst neutral gehalten worden war. Es gab keine dominierende Flagge. Kein Volk sollte beim Betreten den Eindruck gewinnen, dass es sich auf dem Territorium einer anderen Macht befand. Die Beleuchtung war weich und gleichmäßig. Helle Lichtflächen zeichneten sich in regelmäßigen Abständen über der Versammlungshalle ab und spiegelten sich auf den polierten Bodenflächen. Die Sitze der verschiedenen Delegationen waren so angeordnet, dass niemand unmittelbar über den anderen stand.
In diesem Raum wurde gestritten. Hart. Laut. Manchmal stundenlang. Aber hier wurde auch verhandelt. Verträge wurden ausgearbeitet. Grenzen diskutiert. Handelsabkommen geschlossen. Gefangene ausgetauscht. Konflikte untersucht. Entschuldigungen ausgesprochen und gelegentlich sogar alte Feindschaften beendet.
Alle Völker, die sich am Babylon-Projekt beteiligten, entsandten Botschafter auf die Station. Die Föderation bildete dabei eine Besonderheit. Sie wurde durch den jeweiligen Kommandanten der Station vertreten. Damit war der Kommandant Babylons nicht lediglich für die Sicherheit, den technischen Betrieb und die Besatzung verantwortlich. Er trug gleichzeitig eine diplomatische Verantwortung von enormer Bedeutung.
Im Jahr 2412 lag diese Verantwortung auf den Schultern von Admiral John Taggert. Taggert war ein Mann, dessen Erscheinung auf den ersten Blick nicht unbedingt erkennen ließ, welche außergewöhnliche Position er innehatte. Er war ein vollwertiger Betazoid und besaß jene charakteristische Fähigkeit seiner Spezies, die Telepathie. Für einen Kommandanten einer Station, auf der täglich Angehörige verschiedenster Spezies zusammenkamen, war diese Gabe von unschätzbarem Wert. Doch John Taggert besaß ein Geheimnis, das selbst innerhalb der Allianz beinahe niemand kannte. In seinem Körper lebte ein Trill-Symbiont. Diese Tatsache war streng geheim. Nicht nur offiziell geheim. Absolut geheim. Es gab in der gesamten Allianz weniger als fünf Personen, die davon wussten. Für die große Mehrheit der Menschen, Klingonen, Romulaner, Ferengi, Cardassianer und Angehörigen anderer Völker war John Taggert ausschließlich ein Betazoid. Niemand, der ihm im Alltag begegnete, konnte anhand seines Äußeren erkennen, dass in ihm ein zweites Bewusstsein lebte. Taggert hatte gelernt, dieses Wissen vollständig von seiner öffentlichen Identität zu trennen. Er trug die Verantwortung eines Admirals. Er war Kommandant von Babylon. Und gleichzeitig stand er an der Spitze der Elite Task Force. Diese beiden Aufgaben machten ihn zu einem der mächtigsten und zugleich exponiertesten Offiziere innerhalb der Allianz. Denn die ETF war inzwischen weit mehr als eine politische Idee. Die Schiffe der Eingreiftruppe konnten von Babylon aus eingesetzt werden. Ihre Offiziere erhielten Befehle von Taggert. Seine Entscheidungen konnten darüber bestimmen, ob ein unbekanntes Phänomen untersucht, ein Konflikt diplomatisch gelöst oder eine militärische Operation eingeleitet wurde.
Und Babylon selbst war nicht unbewaffnet. Trotz ihrer offiziellen Funktion als diplomatisches Zentrum war die Station eine militärische Festung. Ihre Energieversorgung bestand aus mehr als einem Dutzend Singularitäten und Warp-Kernen. Tief im Inneren der Station arbeiteten gewaltige Energiesysteme, deren erzeugte Leistung durch kilometerlange Leitungsnetze verteilt wurde. In den technischen Bereichen war ein konstantes tiefes Brummen zu hören, das sich durch Wände und Böden übertrug. Je nach Bereich mischten sich das rhythmische Summen von Generatoren, das Zischen von Kühlleitungen und die trockenen Geräusche automatisierter Systeme miteinander. Die Verteidigungsanlagen waren ebenso beeindruckend. Babylon verfügte über Multi-Metaphasen-Schilde. Ihre Bewaffnung umfasste Multi-Vektor-Torpedowerfer, die Torpedos verschiedener Typen einsetzen konnten. Photon-, Quantum-, Plasma- und Trikobalt-Torpedos standen zur Verfügung. Hinzu kamen Phaserlanzen, Disruptortürme und Plasmakanonen. Diese Waffen waren nicht als Symbol gedacht. Sie waren notwendig. Denn die Station befand sich an einem Ort, an dem ein Angriff aus mehreren Richtungen denkbar war. Die Dreiecksgrenze. Dort trafen die Einflussbereiche der Föderation, des Klingonischen Reiches und des Romulanischen Sternenimperiums aufeinander. In der Nähe befand sich Außenposten 234. Die Lage war strategisch bedeutend, gleichzeitig aber außergewöhnlich gefährlich. Denn Babylon befand sich nicht einfach in gewöhnlichem interstellarem Raum. Die Station lag im Inneren eines ceruleanischen Nebels. Schon aus großer Entfernung war dieser Nebel zu erkennen. Er erstreckte sich wie ein gewaltiges blaues Meer über den Sternenhimmel. Sein Ceruleanblau war nicht gleichmäßig. Dunklere, fast indigofarbene Regionen wechselten mit helleren Bereichen, in denen das Gas beinahe türkis schimmerte. Zwischen den blauen Wolken liefen weiße energetische Entladungen durch das Nebelgebiet. Sie waren nicht konstant. Manche verschwanden nach wenigen Sekunden. Andere breiteten sich wie leuchtende Äste durch die Gaswolken aus und tauchten ganze Bereiche des Nebels für einen Moment in ein kaltes, weißes Licht.
Für Besucher war dieser Anblick faszinierend. Die Sicht aus den großen Beobachtungsbereichen der Station gehörte zu den bekanntesten Eindrücken Babylons. Durch gewaltige Sichtfenster konnte man direkt in das blaue Leuchten des Nebels blicken. Das Licht der energetischen Entladungen spiegelte sich auf den Scheiben und tauchte die angrenzenden Bereiche in wechselnde Blau- und Weißtöne. Manche Besucher kamen ausschließlich deshalb. Sie standen schweigend vor den Fenstern, betrachteten die gewaltigen Gaswolken und warteten darauf, dass irgendwo im Nebel wieder eine weiße Entladung aufflammte. Andere hatten gelernt, den Anblick mit Vorsicht zu betrachten. Denn der ceruleanische Nebel besaß Eigenschaften, die Babylon gleichzeitig schützten und isolierten. Tarnvorrichtungen funktionierten innerhalb des Nebels nicht. Ebenso konnten Schildsysteme nicht eingesetzt werden. Die physikalischen Eigenschaften des Nebels störten die entsprechenden Systeme derart stark, dass weder eine gewöhnliche Tarnung noch konventionelle Schilde zuverlässig betrieben werden konnten.
Für Babylon bedeutete das eine ungewöhnliche Situation. Die Station konnte sich nicht einfach auf ihre Schilde verlassen. Sie konnte sich nicht unsichtbar machen. Ihre Verteidigung musste deshalb bereits vor dem eigentlichen Eintritt in den gefährlichen Bereich beginnen. Das wichtigste Schutzsystem war ein Minenfeld. Doch auch dieses Minenfeld war alles andere als gewöhnlich. Die Minen waren getarnt. Und sie konnten sich selbst replizieren. Das bedeutete, dass das Minenfeld nicht statisch war. Seine Größe und Zusammensetzung konnten sich verändern. Neue Minen konnten entstehen, wenn entsprechende Ressourcen und Bedingungen vorhanden waren. Ein Angreifer, der glaubte, eine Lücke im Verteidigungsring gefunden zu haben, konnte deshalb feststellen, dass diese Lücke längst wieder geschlossen worden war. Das Minenfeld machte den Zugang zu Babylon zu einem gefährlichen Unterfangen. Nur ein schmaler Korridor führte durch den Nebel zum sogenannten Auge. Dort lag die Station. Wer Babylon erreichen wollte, musste diesen Korridor kennen. Die Navigation war präzise. Ein kleiner Fehler konnte fatale Konsequenzen haben. Schiffe mussten ihre Geschwindigkeit kontrollieren, ihre Position exakt bestimmen und die vorgegebenen Navigationsdaten einhalten. Gleichzeitig mussten sie darauf achten, keine der getarnten Minen zu berühren. Die eigentliche Ironie bestand darin, dass die Station selbst dadurch zwar schwer anzugreifen, aber ebenso schwer zu erreichen war. Babylon war geschützt, weil sie isoliert war. Und sie war isoliert, weil sie geschützt werden musste. Innerhalb des Auges des Nebels lag die gewaltige Station schließlich wie ein künstlicher Koloss in einer blauen, leuchtenden Hölle. Ihre Positionslichter blinkten durch das Ceruleanblau. Schiffe näherten sich dem Andockbereich. Transporter verließen ihre Hangars. Forschungsshuttles starteten zu ihren Missionen. Angriffsjäger standen in ihren Bereitschaftsräumen. Personentransporter brachten Diplomaten, Händler und Reisende von einem Bereich der Station zum nächsten.
Tausende Menschen und Angehörige fremder Spezies gingen ihren täglichen Aufgaben nach, ohne zu wissen, welche Ereignisse sich außerhalb der Station bereits zusammenbrauten. In den diplomatischen Bereichen wurden Verträge diskutiert. In den Handelszentren wurden Preise verhandelt. In den Quartieren schliefen Reisende. In den Maschinenräumen arbeiteten Techniker. In den medizinischen Einrichtungen wurden Patienten behandelt. In den Sicherheitszentralen überwachten Offiziere die Sensoren. Und irgendwo tief im Inneren der Station befand sich das Büro ihres Kommandanten. John Taggert stand dort vor einem großen Sichtfenster. Das Licht des ceruleanischen Nebels zeichnete blaue Reflexe über sein Gesicht. Weiße Entladungen flackerten in der Ferne auf und verschwanden wieder. Für einen Moment wurde seine Silhouette von dem kalten Licht scharf umrissen, dann kehrte die gedämpfte Beleuchtung des Raumes zurück. Taggert hielt die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Sein Blick ruhte auf dem Nebel. Von außen wirkte er vollkommen ruhig. Doch als Betazoid nahm er gleichzeitig die unzähligen emotionalen Signale wahr, die durch die Station liefen. Angst. Aufregung. Erschöpfung. Ungeduld. Misstrauen. Hoffnung.
Zehntausend Besatzungsmitglieder erzeugten gemeinsam ein emotionales Echo, das für einen gewöhnlichen Menschen nicht wahrnehmbar gewesen wäre. Für Taggert war es ein ständiger Hintergrund. Er hatte gelernt, damit zu leben. Er hatte gelernt, die einzelnen Eindrücke voneinander zu trennen. Doch heute war etwas anders. Noch wusste er nicht genau, was. Seine Finger bewegten sich kaum merklich. Sein Gesicht blieb beherrscht, doch sein Blick wurde konzentrierter. Hinter der kontrollierten Miene lag die Erfahrung eines Mannes, der wusste, dass Babylon nicht nur ein Ort war, an dem andere Völker ihre Probleme lösten. Sie war selbst ein Brennpunkt. Ein Zentrum, an dem Interessen aufeinandertrafen. Ein Ort, an dem Händler Informationen kauften, Diplomaten Geheimnisse verbargen, Militärs ihre Möglichkeiten prüften und Wissenschaftler nach Antworten suchten. Und über allem stand die Elite Task Force. Die ETF war geschaffen worden, um unabhängig und objektiv zu handeln. Nun befand sich ihr Hauptquartier auf einer Station, die selbst mitten zwischen drei Großmächten lag. Taggert wusste, dass diese Kombination früher oder später eine Prüfung darstellen würde. Vielleicht sogar eine sehr harte. Er betrachtete erneut den Nebel. Eine weiße Entladung raste durch die blauen Wolken und tauchte für einen kurzen Moment das gesamte Sichtfeld in strahlendes Licht. Dann wurde es wieder dunkel. Die Station setzte ihren Kurs nicht fort. Sie bewegte sich nicht. Sie wartete. Babylon war gebaut worden, damit die Völker des Quadranten miteinander redeten, bevor sie aufeinander schossen. Sie war gebaut worden, um Konflikte zu verhindern. Sie war gebaut worden, um Wissen zu teilen, Handel zu ermöglichen und Frieden zu bewahren. Doch Frieden war niemals selbstverständlich. Er musste geschützt werden. Und manchmal musste jemand bereit sein, dorthin zu gehen, wo andere nicht hingehen konnten. Genau dafür existierte die Elite Task Force. Und genau dort, am Rand dreier Mächte, verborgen in einem leuchtend blauen Nebel und geschützt von einem unsichtbaren Minenfeld, sollte ihre Geschichte beginnen. Noch wusste niemand, welche Namen bald mit Babylon verbunden sein würden. Noch wusste niemand, welche Offiziere einander kennenlernen, welche Freundschaften entstehen und welche Feindschaften wachsen würden. Noch wusste niemand, welche Geheimnisse ans Licht kommen würden. Auch John Taggerts größtes Geheimnis blieb verborgen. Der Trill-Symbiont in seinem Körper war für die meisten Bewohner der Station nicht mehr als eine Tatsache, von deren Existenz sie nicht einmal ahnten. Und Taggert hatte nicht vor, daran etwas zu ändern. Noch nicht. Denn im Jahr 2412 stand Babylon erst am Beginn ihrer eigentlichen Aufgabe. Und während draußen das ceruleanische Licht über die gewaltige Außenhülle wanderte, wartete die größte Raumstation des bekannten Raumes auf ihren nächsten Besucher.
Auf den nächsten Konflikt.
Auf die nächste Krise.
Und auf den ersten Einsatz der Elite Task Force.
Elite Task Force
Episode 0x0: Aller Anfang ...
Nur wenige Jahre waren vergangen, seit die Allianz aus den Trümmern eines Krieges hervorgegangen war, als sich in einem abgelegenen Abschnitt des Alpha-Quadranten ein Bauwerk erhob, das selbst im Maßstab der gewaltigen interstellaren Zivilisationen beinahe unwirklich wirkte.
Babylon.
Der Name stand inzwischen für weit mehr als nur eine Raumstation. Er bezeichnete ein Versprechen, eine politische Vision und zugleich eines der ehrgeizigsten Bauprojekte, das jemals von den Völkern des Quadranten begonnen worden war. Dort, wo die Grenzen der Föderation, des Klingonischen Reiches und des Romulanischen Sternenimperiums aufeinandertrafen, schwebte eine Konstruktion von einer Größe, die jeden gewöhnlichen Begriff von Raumstation sprengte.
Mit einer Länge von 9,6 Kilometern zog sich Babylon wie eine künstlich geschaffene Stadt durch die Schwärze des Alls. Ihre gewaltige Silhouette bestand aus miteinander verbundenen Modulen, gewaltigen Andocksektionen, Versorgungskomplexen, Wohnbereichen, diplomatischen Einrichtungen, Handelszentren, Forschungsanlagen und militärischen Verteidigungssektionen. Kilometerlange äußere Strukturen verliefen entlang des zentralen Stationskörpers und wurden von massiven Querstreben miteinander verbunden. Zwischen den einzelnen Bereichen lagen gewaltige Hohlräume, in denen Schiffe Platz fanden, während zahllose kleinere Transporter, Shuttles und Arbeitsfahrzeuge wie winzige Insekten zwischen den metallenen Kolossen umherglitten.
Die Außenhülle war an manchen Stellen in einem hellen, beinahe silbrig wirkenden Grau gehalten, während andere Bereiche von dunkleren, matten Panzersegmenten bedeckt waren. Die unterschiedlichen Farben und Materialien verrieten noch immer die Herkunft verschiedener Konstruktionsabschnitte. Föderale Bautechniken dominierten zwar das grundlegende Erscheinungsbild, doch klingonische Verstärkungen, romulanische Systeme und ferengische Handelsmodule waren ebenso in der Station zu finden. Babylon war dadurch nicht vollkommen einheitlich. Sie besaß vielmehr eine eigentümliche architektonische Vielfalt, die ihre politische Bedeutung bereits von außen erkennen ließ.
Keine andere Station im bekannten Raum konnte es mit ihrer Größe und Masse aufnehmen.
Selbst aus großer Entfernung wirkte Babylon nicht wie ein gewöhnliches Raumfahrzeug, sondern wie eine künstliche Welt.
Ihre schiere Dimension war nur schwer zu erfassen. Ein Schiff, das mit hoher Geschwindigkeit an der Station vorbeiflog, benötigte Minuten, um ihre gesamte Länge zu passieren. Von einem Ende zum anderen erstreckten sich Bereiche, die jeweils groß genug gewesen wären, um eigenständige Raumstationen zu beherbergen. Tausende Fensterreihen glitzerten im Licht ferner Sterne. Navigationslichter blinkten in regelmäßigen Abständen. Große Andocktore öffneten und schlossen sich langsam, während Energie- und Versorgungssysteme ihren Betrieb aufrechterhielten.
Und hinter dieser gewaltigen Hülle befand sich eine Bevölkerung, die einer mittelgroßen Stadt entsprach. Zehntausend Besatzungsmitglieder sorgten dafür, dass Babylon funktionierte.
Sie waren Techniker, Sicherheitsoffiziere, Wissenschaftler, Ärzte, Ingenieure, Piloten, Diplomaten, Logistiker, Händler, Verwaltungspersonal und Angehörige unzähliger weiterer Berufe. Hinzu kamen die Besucher, Botschafter, Händler, Reisenden und Vertreter fremder Mächte, die sich zeitweise auf der Station aufhielten.
Für viele von ihnen war Babylon längst mehr als ein Arbeitsplatz. Es war ein Zuhause. Für andere war sie ein neutraler Boden. Und für wieder andere war sie eine Gelegenheit. Der Ursprung dieses gewaltigen Projektes lag jedoch nicht in einem triumphalen Moment des Friedens, sondern in einem Krieg.
Im Jahr 2408 hatte der Allianz-Koalition-Krieg tiefe Spuren hinterlassen. Politische Spannungen, Fehlinterpretationen und gegenseitiges Misstrauen hatten sich zu einer Eskalation entwickelt, deren Folgen den beteiligten Mächten schmerzhaft vor Augen geführt hatten, wie schnell diplomatische Missverständnisse in offene Gewalt umschlagen konnten.
Als die Waffen schließlich schwiegen, blieb nicht nur die Erinnerung an die gefallenen Soldaten und zerstörten Schiffe zurück. Es blieb auch die Erkenntnis, dass viele der Auseinandersetzungen bereits wesentlich früher hätten beendet werden können, wenn es einen neutralen Ort gegeben hätte, an dem die verschiedenen Seiten miteinander hätten sprechen können.
Einen Ort, der keinem einzelnen Volk gehörte. Einen Ort, an dem ein klingonischer General einem romulanischen Diplomaten gegenüberstehen konnte, ohne dass bereits die Anwesenheit des jeweils anderen auf fremdem Territorium als Provokation verstanden werden musste. Einen Ort, an dem ein Föderationsvertreter mit einem Ferengi-Handelsmagnaten verhandeln konnte, während Wissenschaftler, Juristen und Beobachter anderer Völker die Gespräche begleiteten. Einen Ort, an dem Konflikte nicht erst dann behandelt wurden, wenn bereits Schiffe zerstört und Welten bedroht waren.
Aus dieser Überlegung entstand im Jahr 2408 das Babylon-Projekt.
Die Föderation übernahm dabei die federführende Rolle. Ihre Regierung stellte einen erheblichen Teil der technischen und organisatorischen Ressourcen bereit und entwickelte gemeinsam mit den Partnern die grundlegenden Konzepte für die Station. Die Klingonen, Romulaner und Ferengi unterstützten das Projekt sowohl diplomatisch als auch finanziell.
Die Zusammenarbeit war alles andere als selbstverständlich. Noch immer existierten politische Spannungen. Noch immer gab es persönliche Feindschaften. Noch immer misstrauten sich Angehörige verschiedener Spezies gegenseitig. Doch diesmal war die gemeinsame Vergangenheit nicht der Grund für einen neuen Konflikt. Sie war der Grund, weshalb man überhaupt zusammenarbeitete. Die Station sollte verhindern, dass sich die Geschichte wiederholte.
Der Name Babylon war dabei bewusst gewählt worden. Er sollte an einen Ort erinnern, an dem verschiedene Kulturen und Völker zusammenkamen, auch wenn die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs in unterschiedlichen Kulturen und historischen Überlieferungen unterschiedlich interpretiert wurde. Für die Verantwortlichen des Projektes stand jedoch vor allem eines im Vordergrund: Babylon sollte ein Treffpunkt werden.
Ein Ort der Verständigung. Ein Ort des Handels. Ein Ort, an dem selbst ein schwerwiegender Konflikt zunächst Worte hervorbringen sollte, bevor Waffen zum Einsatz kamen.
Der Bau dauerte Jahre. Je weiter die Konstruktion voranschritt, desto größer wurden die Dimensionen des Projektes. Neue Module mussten entwickelt werden. Versorgungssysteme mussten auf die enorme Größe der Station abgestimmt werden. Unterschiedliche technische Standards mussten miteinander kompatibel gemacht werden. Selbst scheinbar nebensächliche Dinge wie Luftzusammensetzung, Temperaturbereiche und künstliche Schwerkraft wurden zu komplexen Problemen, sobald Angehörige hunderter Spezies berücksichtigt werden mussten.
In den Korridoren mussten Beleuchtungssysteme installiert werden, die sowohl empfindliche Augen als auch Spezies mit völlig anderen Wahrnehmungsformen nicht beeinträchtigten. Medizinische Einrichtungen mussten auf biologische Unterschiede reagieren können. Quartiere mussten unterschiedliche atmosphärische Bedingungen ermöglichen. Türen, Transporter, Aufzüge und Kommunikationssysteme mussten mit den verschiedensten Körperformen und technischen Standards zurechtkommen.
Babylon war keine Station für ein Volk. Sie war für viele Völker gebaut worden. Kurz vor der Fertigstellung der ersten Station trat schließlich eine weitere Macht dem Projekt bei. Spezies 8472 entschied sich, einen eigenen Botschafter nach Babylon zu entsenden. Die Entscheidung löste innerhalb der Allianz nicht nur Neugier aus. Sie führte auch zu intensiven Sicherheitsberatungen. Die Erinnerungen an frühere Begegnungen mit Spezies 8472 waren bei vielen Angehörigen der Föderation noch frisch. Ihre biologischen Eigenschaften, ihre außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit und ihre technologischen Fähigkeiten machten sie zu einer Spezies, die selbst von erfahrenen Diplomaten mit Vorsicht betrachtet wurde. Doch genau deshalb war ihre Anwesenheit von besonderer Bedeutung. Babylon sollte nicht nur diejenigen zusammenbringen, mit denen eine Verständigung leichtfiel. Wenn das Projekt tatsächlich funktionieren sollte, musste es auch jenen Völkern eine Stimme geben, deren Verhältnis zur Allianz von Misstrauen und vergangenen Konflikten geprägt war. Als der Botschafter von Spezies 8472 schließlich offiziell in Babylon eintraf, wurde damit ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Station eröffnet.
Die erste Babylon-Station sollte nicht die letzte bleiben. Weitere Stationen waren geplant. Doch Babylon selbst war der Anfang. Im Jahr 2410 hatte sich bereits gezeigt, dass die Station nicht nur für diplomatische Zwecke von Bedeutung war. Der gewaltige Komplex entwickelte sich zu einem der wichtigsten Handelszentren des Quadranten.
Jeden Tag trafen durchschnittlich fünfzig bis sechzig zivile Schiffe ein. Frachter, Passagierschiffe, private Handelsschiffe, Forschungsschiffe und unterschiedlichste Transportfahrzeuge näherten sich den gewaltigen Andockanlagen. Manche Schiffe wirkten elegant und modern, andere waren sichtbar alt und mehrfach umgebaut worden. Einige trugen die klaren Linien föderaler Konstruktionen, während andere bereits von weitem ihre klingonische, romulanische, cardassianische oder ferengische Herkunft erkennen ließen.
Die Ankunft eines Schiffes auf Babylon war selten ein stiller Vorgang. Sensoren erfassten die Signatur des Schiffes, Navigationssysteme überprüften die Flugbahn, Kontrollzentren koordinierten Andockfenster und Versorgungseinrichtungen. Gleichzeitig bewegten sich Frachtcontainer durch kilometerlange Versorgungsschächte, während Händler ihre Waren anboten und Besucher die Station betraten.
Der Geruch innerhalb der Handelsbereiche war dementsprechend ebenso vielfältig wie die Bevölkerung. Es roch nach erhitztem Metall, synthetischen Nahrungsmitteln, Gewürzen fremder Welten, Maschinenöl, Desinfektionsmitteln und den charakteristischen Gerüchen zahlreicher Spezies. Aus manchen Restaurants drangen intensive Düfte exotischer Speisen. Händler boten Gewürze an, deren Geruch sich bereits mehrere Meter vor den Verkaufsständen bemerkbar machte. In anderen Bereichen dominierte dagegen der sterile Geruch medizinischer Einrichtungen.
Der Handel unterlag grundsätzlich keinen Beschränkungen. Fast alles konnte angeboten, gekauft oder verhandelt werden, solange die entsprechenden Gesetze und Sicherheitsbestimmungen eingehalten wurden. Eine wichtige Ausnahme bildeten Waffen. Waffenverkäufe durften auf Babylon durchaus verhandelt werden. Händler konnten Verträge aushandeln, Preise festlegen und Lieferbedingungen vereinbaren. Die tatsächliche Übergabe der Waffen an den Käufer durfte jedoch nicht über die Station erfolgen. Diese Regel war ein notwendiger Kompromiss. Babylon sollte ein Zentrum des Handels sein, aber kein Umschlagplatz für militärische Aufrüstung werden. Die Station verdiente dennoch einen erheblichen Teil ihres laufenden Budgets durch den Handel. Jeder Besucher musste beim Betreten der Station eine Art Zollabgabe entrichten. Die Gebühr war von der jeweiligen Person, dem Status und teilweise auch der Art des Aufenthalts abhängig. Für Händler galten zusätzliche Regelungen, insbesondere wenn größere Mengen an Waren eingeführt wurden.
Auch das lokale Transwarp-Terminal war kostenpflichtig. Das Terminal stellte eine der wichtigsten infrastrukturellen Einrichtungen Babylons dar. Schiffe konnten es nutzen, um Verbindungen zu entfernten Regionen herzustellen und dadurch Reisezeiten drastisch zu verkürzen. Die technische Anlage war entsprechend gewaltig. Tief im Inneren der Station befanden sich Generatoren, Leitungsnetze und Kontrollsysteme, die für den Betrieb des Terminals erforderlich waren.
Wer länger auf Babylon blieb, konnte eines der zahlreichen Quartiere nutzen. Die Unterkünfte unterschieden sich erheblich. Es gab einfache Räume für Reisende, die lediglich eine Übernachtungsmöglichkeit benötigten, komfortable Quartiere für Geschäftsreisende und geräumige Suiten für Diplomaten oder wohlhabende Besucher. Manche Bereiche konnten sogar an die biologischen Anforderungen bestimmter Spezies angepasst werden. Die Preise reichten entsprechend weit auseinander.
Doch so wichtig der Handel für das Überleben der Station war, so wenig stellte er den eigentlichen Zweck Babylons dar. Der Mittelpunkt der Station war die Diplomatie. Die Ratsversammlung von Babylon war das politische Herz des gewaltigen Komplexes. Der Saal selbst war entsprechend beeindruckend. Hohe, geschwungene Wände umschlossen einen weitläufigen Raum, dessen Architektur bewusst neutral gehalten worden war. Es gab keine dominierende Flagge. Kein Volk sollte beim Betreten den Eindruck gewinnen, dass es sich auf dem Territorium einer anderen Macht befand. Die Beleuchtung war weich und gleichmäßig. Helle Lichtflächen zeichneten sich in regelmäßigen Abständen über der Versammlungshalle ab und spiegelten sich auf den polierten Bodenflächen. Die Sitze der verschiedenen Delegationen waren so angeordnet, dass niemand unmittelbar über den anderen stand.
In diesem Raum wurde gestritten. Hart. Laut. Manchmal stundenlang. Aber hier wurde auch verhandelt. Verträge wurden ausgearbeitet. Grenzen diskutiert. Handelsabkommen geschlossen. Gefangene ausgetauscht. Konflikte untersucht. Entschuldigungen ausgesprochen und gelegentlich sogar alte Feindschaften beendet.
Alle Völker, die sich am Babylon-Projekt beteiligten, entsandten Botschafter auf die Station. Die Föderation bildete dabei eine Besonderheit. Sie wurde durch den jeweiligen Kommandanten der Station vertreten. Damit war der Kommandant Babylons nicht lediglich für die Sicherheit, den technischen Betrieb und die Besatzung verantwortlich. Er trug gleichzeitig eine diplomatische Verantwortung von enormer Bedeutung.
Im Jahr 2412 lag diese Verantwortung auf den Schultern von Admiral John Taggert. Taggert war ein Mann, dessen Erscheinung auf den ersten Blick nicht unbedingt erkennen ließ, welche außergewöhnliche Position er innehatte. Er war ein vollwertiger Betazoid und besaß jene charakteristische Fähigkeit seiner Spezies, die Telepathie. Für einen Kommandanten einer Station, auf der täglich Angehörige verschiedenster Spezies zusammenkamen, war diese Gabe von unschätzbarem Wert. Doch John Taggert besaß ein Geheimnis, das selbst innerhalb der Allianz beinahe niemand kannte. In seinem Körper lebte ein Trill-Symbiont. Diese Tatsache war streng geheim. Nicht nur offiziell geheim. Absolut geheim. Es gab in der gesamten Allianz weniger als fünf Personen, die davon wussten. Für die große Mehrheit der Menschen, Klingonen, Romulaner, Ferengi, Cardassianer und Angehörigen anderer Völker war John Taggert ausschließlich ein Betazoid. Niemand, der ihm im Alltag begegnete, konnte anhand seines Äußeren erkennen, dass in ihm ein zweites Bewusstsein lebte. Taggert hatte gelernt, dieses Wissen vollständig von seiner öffentlichen Identität zu trennen. Er trug die Verantwortung eines Admirals. Er war Kommandant von Babylon. Und gleichzeitig stand er an der Spitze der Elite Task Force. Diese beiden Aufgaben machten ihn zu einem der mächtigsten und zugleich exponiertesten Offiziere innerhalb der Allianz. Denn die ETF war inzwischen weit mehr als eine politische Idee. Die Schiffe der Eingreiftruppe konnten von Babylon aus eingesetzt werden. Ihre Offiziere erhielten Befehle von Taggert. Seine Entscheidungen konnten darüber bestimmen, ob ein unbekanntes Phänomen untersucht, ein Konflikt diplomatisch gelöst oder eine militärische Operation eingeleitet wurde.
Und Babylon selbst war nicht unbewaffnet. Trotz ihrer offiziellen Funktion als diplomatisches Zentrum war die Station eine militärische Festung. Ihre Energieversorgung bestand aus mehr als einem Dutzend Singularitäten und Warp-Kernen. Tief im Inneren der Station arbeiteten gewaltige Energiesysteme, deren erzeugte Leistung durch kilometerlange Leitungsnetze verteilt wurde. In den technischen Bereichen war ein konstantes tiefes Brummen zu hören, das sich durch Wände und Böden übertrug. Je nach Bereich mischten sich das rhythmische Summen von Generatoren, das Zischen von Kühlleitungen und die trockenen Geräusche automatisierter Systeme miteinander. Die Verteidigungsanlagen waren ebenso beeindruckend. Babylon verfügte über Multi-Metaphasen-Schilde. Ihre Bewaffnung umfasste Multi-Vektor-Torpedowerfer, die Torpedos verschiedener Typen einsetzen konnten. Photon-, Quantum-, Plasma- und Trikobalt-Torpedos standen zur Verfügung. Hinzu kamen Phaserlanzen, Disruptortürme und Plasmakanonen. Diese Waffen waren nicht als Symbol gedacht. Sie waren notwendig. Denn die Station befand sich an einem Ort, an dem ein Angriff aus mehreren Richtungen denkbar war. Die Dreiecksgrenze. Dort trafen die Einflussbereiche der Föderation, des Klingonischen Reiches und des Romulanischen Sternenimperiums aufeinander. In der Nähe befand sich Außenposten 234. Die Lage war strategisch bedeutend, gleichzeitig aber außergewöhnlich gefährlich. Denn Babylon befand sich nicht einfach in gewöhnlichem interstellarem Raum. Die Station lag im Inneren eines ceruleanischen Nebels. Schon aus großer Entfernung war dieser Nebel zu erkennen. Er erstreckte sich wie ein gewaltiges blaues Meer über den Sternenhimmel. Sein Ceruleanblau war nicht gleichmäßig. Dunklere, fast indigofarbene Regionen wechselten mit helleren Bereichen, in denen das Gas beinahe türkis schimmerte. Zwischen den blauen Wolken liefen weiße energetische Entladungen durch das Nebelgebiet. Sie waren nicht konstant. Manche verschwanden nach wenigen Sekunden. Andere breiteten sich wie leuchtende Äste durch die Gaswolken aus und tauchten ganze Bereiche des Nebels für einen Moment in ein kaltes, weißes Licht.
Für Besucher war dieser Anblick faszinierend. Die Sicht aus den großen Beobachtungsbereichen der Station gehörte zu den bekanntesten Eindrücken Babylons. Durch gewaltige Sichtfenster konnte man direkt in das blaue Leuchten des Nebels blicken. Das Licht der energetischen Entladungen spiegelte sich auf den Scheiben und tauchte die angrenzenden Bereiche in wechselnde Blau- und Weißtöne. Manche Besucher kamen ausschließlich deshalb. Sie standen schweigend vor den Fenstern, betrachteten die gewaltigen Gaswolken und warteten darauf, dass irgendwo im Nebel wieder eine weiße Entladung aufflammte. Andere hatten gelernt, den Anblick mit Vorsicht zu betrachten. Denn der ceruleanische Nebel besaß Eigenschaften, die Babylon gleichzeitig schützten und isolierten. Tarnvorrichtungen funktionierten innerhalb des Nebels nicht. Ebenso konnten Schildsysteme nicht eingesetzt werden. Die physikalischen Eigenschaften des Nebels störten die entsprechenden Systeme derart stark, dass weder eine gewöhnliche Tarnung noch konventionelle Schilde zuverlässig betrieben werden konnten.
Für Babylon bedeutete das eine ungewöhnliche Situation. Die Station konnte sich nicht einfach auf ihre Schilde verlassen. Sie konnte sich nicht unsichtbar machen. Ihre Verteidigung musste deshalb bereits vor dem eigentlichen Eintritt in den gefährlichen Bereich beginnen. Das wichtigste Schutzsystem war ein Minenfeld. Doch auch dieses Minenfeld war alles andere als gewöhnlich. Die Minen waren getarnt. Und sie konnten sich selbst replizieren. Das bedeutete, dass das Minenfeld nicht statisch war. Seine Größe und Zusammensetzung konnten sich verändern. Neue Minen konnten entstehen, wenn entsprechende Ressourcen und Bedingungen vorhanden waren. Ein Angreifer, der glaubte, eine Lücke im Verteidigungsring gefunden zu haben, konnte deshalb feststellen, dass diese Lücke längst wieder geschlossen worden war. Das Minenfeld machte den Zugang zu Babylon zu einem gefährlichen Unterfangen. Nur ein schmaler Korridor führte durch den Nebel zum sogenannten Auge. Dort lag die Station. Wer Babylon erreichen wollte, musste diesen Korridor kennen. Die Navigation war präzise. Ein kleiner Fehler konnte fatale Konsequenzen haben. Schiffe mussten ihre Geschwindigkeit kontrollieren, ihre Position exakt bestimmen und die vorgegebenen Navigationsdaten einhalten. Gleichzeitig mussten sie darauf achten, keine der getarnten Minen zu berühren. Die eigentliche Ironie bestand darin, dass die Station selbst dadurch zwar schwer anzugreifen, aber ebenso schwer zu erreichen war. Babylon war geschützt, weil sie isoliert war. Und sie war isoliert, weil sie geschützt werden musste. Innerhalb des Auges des Nebels lag die gewaltige Station schließlich wie ein künstlicher Koloss in einer blauen, leuchtenden Hölle. Ihre Positionslichter blinkten durch das Ceruleanblau. Schiffe näherten sich dem Andockbereich. Transporter verließen ihre Hangars. Forschungsshuttles starteten zu ihren Missionen. Angriffsjäger standen in ihren Bereitschaftsräumen. Personentransporter brachten Diplomaten, Händler und Reisende von einem Bereich der Station zum nächsten.
Tausende Menschen und Angehörige fremder Spezies gingen ihren täglichen Aufgaben nach, ohne zu wissen, welche Ereignisse sich außerhalb der Station bereits zusammenbrauten. In den diplomatischen Bereichen wurden Verträge diskutiert. In den Handelszentren wurden Preise verhandelt. In den Quartieren schliefen Reisende. In den Maschinenräumen arbeiteten Techniker. In den medizinischen Einrichtungen wurden Patienten behandelt. In den Sicherheitszentralen überwachten Offiziere die Sensoren. Und irgendwo tief im Inneren der Station befand sich das Büro ihres Kommandanten. John Taggert stand dort vor einem großen Sichtfenster. Das Licht des ceruleanischen Nebels zeichnete blaue Reflexe über sein Gesicht. Weiße Entladungen flackerten in der Ferne auf und verschwanden wieder. Für einen Moment wurde seine Silhouette von dem kalten Licht scharf umrissen, dann kehrte die gedämpfte Beleuchtung des Raumes zurück. Taggert hielt die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Sein Blick ruhte auf dem Nebel. Von außen wirkte er vollkommen ruhig. Doch als Betazoid nahm er gleichzeitig die unzähligen emotionalen Signale wahr, die durch die Station liefen. Angst. Aufregung. Erschöpfung. Ungeduld. Misstrauen. Hoffnung.
Zehntausend Besatzungsmitglieder erzeugten gemeinsam ein emotionales Echo, das für einen gewöhnlichen Menschen nicht wahrnehmbar gewesen wäre. Für Taggert war es ein ständiger Hintergrund. Er hatte gelernt, damit zu leben. Er hatte gelernt, die einzelnen Eindrücke voneinander zu trennen. Doch heute war etwas anders. Noch wusste er nicht genau, was. Seine Finger bewegten sich kaum merklich. Sein Gesicht blieb beherrscht, doch sein Blick wurde konzentrierter. Hinter der kontrollierten Miene lag die Erfahrung eines Mannes, der wusste, dass Babylon nicht nur ein Ort war, an dem andere Völker ihre Probleme lösten. Sie war selbst ein Brennpunkt. Ein Zentrum, an dem Interessen aufeinandertrafen. Ein Ort, an dem Händler Informationen kauften, Diplomaten Geheimnisse verbargen, Militärs ihre Möglichkeiten prüften und Wissenschaftler nach Antworten suchten. Und über allem stand die Elite Task Force. Die ETF war geschaffen worden, um unabhängig und objektiv zu handeln. Nun befand sich ihr Hauptquartier auf einer Station, die selbst mitten zwischen drei Großmächten lag. Taggert wusste, dass diese Kombination früher oder später eine Prüfung darstellen würde. Vielleicht sogar eine sehr harte. Er betrachtete erneut den Nebel. Eine weiße Entladung raste durch die blauen Wolken und tauchte für einen kurzen Moment das gesamte Sichtfeld in strahlendes Licht. Dann wurde es wieder dunkel. Die Station setzte ihren Kurs nicht fort. Sie bewegte sich nicht. Sie wartete. Babylon war gebaut worden, damit die Völker des Quadranten miteinander redeten, bevor sie aufeinander schossen. Sie war gebaut worden, um Konflikte zu verhindern. Sie war gebaut worden, um Wissen zu teilen, Handel zu ermöglichen und Frieden zu bewahren. Doch Frieden war niemals selbstverständlich. Er musste geschützt werden. Und manchmal musste jemand bereit sein, dorthin zu gehen, wo andere nicht hingehen konnten. Genau dafür existierte die Elite Task Force. Und genau dort, am Rand dreier Mächte, verborgen in einem leuchtend blauen Nebel und geschützt von einem unsichtbaren Minenfeld, sollte ihre Geschichte beginnen. Noch wusste niemand, welche Namen bald mit Babylon verbunden sein würden. Noch wusste niemand, welche Offiziere einander kennenlernen, welche Freundschaften entstehen und welche Feindschaften wachsen würden. Noch wusste niemand, welche Geheimnisse ans Licht kommen würden. Auch John Taggerts größtes Geheimnis blieb verborgen. Der Trill-Symbiont in seinem Körper war für die meisten Bewohner der Station nicht mehr als eine Tatsache, von deren Existenz sie nicht einmal ahnten. Und Taggert hatte nicht vor, daran etwas zu ändern. Noch nicht. Denn im Jahr 2412 stand Babylon erst am Beginn ihrer eigentlichen Aufgabe. Und während draußen das ceruleanische Licht über die gewaltige Außenhülle wanderte, wartete die größte Raumstation des bekannten Raumes auf ihren nächsten Besucher.
Auf den nächsten Konflikt.
Auf die nächste Krise.
Und auf den ersten Einsatz der Elite Task Force.
Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

X-Online: Gefangen
X-Online
Gefangen
Prolog
Ein schmaler Sonnenstrahl fiel durch den Spalt zwischen Fensterrahmen und Rollladen und wanderte langsam über Pax' Gesicht. Die Wärme kitzelte unangenehm auf seiner Haut. Er verzog das Gesicht, drehte den Kopf zur Seite und zog die Bettdecke höher, als könnte er das Licht damit aussperren. Es half nichts. Pax öffnete die Augen. Für einige Sekunden starrte er einfach nur an die Zimmerdecke. Sein Blick war trüb, seine Gedanken schwer und langsam. Er wusste zunächst nicht einmal, wie spät es war. Sein Körper fühlte sich an, als hätte er die vergangenen Tage nicht geschlafen, sondern irgendwo auf einem harten Betonboden verbracht. Dann fiel es ihm wieder ein. Arbeit. Er war erst vor weniger als vier Stunden nach Hause gekommen. Ein leises Stöhnen entwich ihm, während er sich auf die Seite rollte. Die Matratze gab unter seinem Gewicht nach. Seine Muskeln protestierten, als er sich aufrichtete und mit beiden Händen über sein Gesicht fuhr. Seine Finger fühlten sich kalt an. Pax blinzelte mehrmals, bis seine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten. Auf dem kleinen Tisch neben seinem Bett stand die Uhr.
16:00 Uhr. "Verdammt."
Seine Stimme klang rau. Er hatte tatsächlich vier Stunden geschlafen. Mehr nicht. Und trotzdem fühlte er sich nicht einmal annähernd erholt. Pax schob die Beine über die Bettkante und blieb zunächst sitzen. Seine Füße berührten den kühlen Boden. Ein unangenehmer Schauer lief ihm über den Rücken. Er rieb sich über die Augen und wartete einen Moment, bis der leichte Schwindel verschwunden war. Dann stand er auf.
Das Zimmer war still. Nur das entfernte, dumpfe Geräusch des Straßenverkehrs drang durch das geschlossene Fenster. Von irgendwo aus dem Haus war ein Wasserrohr zu hören, das kurz knackte. Ansonsten herrschte Ruhe. Pax ging zum Fenster. Mit zwei Fingern griff er nach dem Griff des Rollladens und schob ihn ein Stück weiter nach oben. Das Licht der untergehenden Sonne strömte in den Raum. Pax hielt inne. Der Himmel hatte sich bereits in ein warmes Orange verwandelt. Zwischen den Häusern standen Wolken, deren Unterseiten in gedämpften Rot- und Violetttönen glühten. Die Sonne selbst stand bereits tief über dem Horizont und ließ die Fensterscheiben der gegenüberliegenden Gebäude aufleuchten. Es war kein Nachmittag mehr. Der Tag neigte sich bereits seinem Ende entgegen. Pax sah einen Moment lang nach draußen.
Dann seufzte er. "Na toll."
Er hatte den größten Teil seines freien Tages verschlafen. Nicht, dass er etwas geplant hätte. In den vergangenen Wochen war jeder Tag auf Arbeit ohnehin länger gewesen als der vorherige. Pax verließ das Schlafzimmer und ging ins Badezimmer. Er trug noch immer nur seine schwarzen Shorts. Seine Schritte waren langsam und etwas unsicher. Vor dem Spiegel blieb er kurz stehen. Sein Spiegelbild sah müde aus. Die Haare standen ihm wirr vom Kopf ab. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Seine Haut wirkte blasser als gewöhnlich. Pax betrachtete sich einige Sekunden lang.
"Du siehst beschissen aus."
Er öffnete den Wasserhahn. Das Wasser war kalt. Sehr kalt. Pax schöpfte es mit beiden Händen auf und presste es sich ins Gesicht. Sofort zog sich seine Haut zusammen. Ein scharfer Atemzug entwich ihm. Noch einmal. Und noch einmal. Er wusch sich gründlich, bis die Müdigkeit zumindest ein wenig nachließ. Trotzdem blieb dieses schwere Gefühl in seinem Körper bestehen. Der vergangene Monat hatte seine Spuren hinterlassen. Die Schweinegrippe hatte die Firma erreicht, in der Pax arbeitete. Zuerst waren es nur einige wenige Kollegen gewesen. Dann wurden es mehr. Die Krankheit selbst verlief bei den meisten Betroffenen nicht besonders schwer. Das Problem war die Quarantäne. Wer erkrankte, musste zu Hause bleiben. Und wer gesund blieb, musste die Arbeit derjenigen übernehmen, die fehlten. Pax hatte dabei besonders viel abbekommen. Er war Springer. Eigentlich bedeutete das, dass er dort eingesetzt wurde, wo gerade jemand gebraucht wurde. Eine praktische Position, wenn genügend Personal vorhanden war. In den vergangenen Wochen hatte diese Bezeichnung allerdings eine andere Bedeutung bekommen. Pax ersetzte nicht mehr einfach einen Kollegen. Er ersetzte drei. Teilweise sogar mehr. Seine Arbeitszeiten wechselten ständig. Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. Kaum hatte sich sein Körper an einen Rhythmus gewöhnt, wurde dieser wieder verändert. Schlaf war dadurch zu einer Angelegenheit geworden, die man irgendwo zwischen zwei Schichten einschieben musste. Pax hatte irgendwann aufgehört, auf die Uhr zu sehen, wenn er ins Bett ging. Er wusste ohnehin nie, wann er wieder aufstehen musste.
Nachdem er sich abgetrocknet hatte, verließ er das Badezimmer. In der Küche zog er sich eine lange Wüstentarnhose und ein kurzes schwarzes T-Shirt an. Dann stellte er Wasser auf und bereitete sich einen schwarzen Tee zu. Während das Wasser erhitzte, lehnte er sich mit beiden Händen auf die Arbeitsplatte. Seine Schultern fühlten sich schwer an. Als der Tee fertig war, nahm Pax die Tasse und setzte sich an den Küchentisch. Der Dampf stieg in dünnen Fäden aus der Tasse auf. Er nahm die Zeitung vom Tisch. Die heutige Ausgabe. Pax schlug sie auf. Politik. Wirtschaft. Sport. Ein Bericht über einen Verkehrsunfall. Ein weiterer Artikel über einen Mann, der wegen verschiedener Straftaten festgenommen worden war. Er las nichts davon wirklich. Seine Augen wanderten über die Überschriften, während sein Verstand irgendwo anders war. Es war eine Gewohnheit. Wenn er frei hatte, las er Zeitung. Nicht, weil ihn die Nachrichten besonders interessierten. Eigentlich fand er die meisten davon deprimierend. Aber manchmal war es ganz angenehm, sich über die Dummheiten anderer Menschen aufzuregen. Er blätterte um. Noch eine Seite. Dann noch eine. Eine Uhr piepte irgendwo in der Wohnung. Pax hob den Kopf. 17:00 Uhr.
Er sah aus dem Fenster. Die Sonne war inzwischen weiter gesunken. Ihre Scheibe war bereits zur Hälfte hinter dem Horizont verschwunden. Goldenes Licht lag über den Dächern und färbte die Wände der Gebäude in warme Farbtöne. Pax legte die Zeitung zur Seite. Er hob die Tasse an und trank den restlichen Tee in einem Zug aus. Die Flüssigkeit war noch heiß genug, dass sie ihm angenehm durch den Körper lief. Er stellte die Tasse ins Spülbecken. Der Gedanke, sie jetzt abzuwaschen, kam ihm kurz. Er verschwand genauso schnell wieder.
"Später."
Pax wandte sich um. Jetzt hatte er etwas anderes vor. Etwas, auf das er sich tatsächlich freute. Spaß. Er ging in den Raum, in dem seine VR-Ausrüstung aufgebaut war. Der Motion-Capture-Suit hing ordentlich an einem Ständer. Pax nahm ihn herunter. Der Anzug war tiefschwarz. In das Material waren zahlreiche dünne, weiße Linien und Punkte eingearbeitet. Sie folgten den Gelenken, den Muskeln und den wichtigsten Bewegungsachsen des menschlichen Körpers. Pax stieg hinein. Das Material lag eng an seiner Haut. Sehr eng. Das musste es auch. Der MCS durfte bei den Bewegungen des Trägers möglichst wenig Spielraum lassen. Jede Bewegung musste erfasst und an den Avatar übertragen werden. Pax zog den Reißverschluss hoch und überprüfte die Verbindungen. Alles saß. Er bewegte die Schultern. Dann die Arme. Die Finger. Die Knie. Der Anzug reagierte. Weiße Markierungen leuchteten kurz auf. Der Motion-Capture-Suit war eines der wichtigsten Geräte für X/O. Er sorgte dafür, dass Pax seinen Avatar nicht über einen Controller steuerte. Wenn er seinen Arm hob, hob sein Avatar ebenfalls den Arm. Wenn er sich duckte, duckte sich sein Avatar. Auch Berührungen konnten in begrenzter Form simuliert werden. Schwach. Sehr schwach. Ein leichter Druck, ein kaum wahrnehmbares Vibrieren, ein sanftes Signal auf der Haut. Von echter Berührung war das weit entfernt. Schmerz konnte der MCS nicht simulieren. Zum Glück. Zumindest war das die offizielle Meinung. Vielleicht würde die Technik irgendwann weit genug entwickelt sein. Vielleicht würde man eines Tages tatsächlich nicht mehr unterscheiden können, ob man gerade in der Realität oder in einer virtuellen Welt berührt wurde. Aber dieser Tag lag noch in weiter Ferne.
Pax griff nach der VRB. Die Virtual-Reality-Brille war schwerer, als sie aussah. Er setzte sie auf und richtete sie so aus, dass sie bequem saß. Das Display blieb dunkel. Noch. Pax setzte sich vor seinen Rechner. Auf dem Bildschirm des Tablet-PCs befand sich das bekannte X/O-Symbol. Ein schwarzes X innerhalb eines geometrischen Kreises. Pax tippte zweimal darauf. Das Programm öffnete sich. Eine Abfrage erschien.
VIRTUAL-REALITY-SOFTWARE UND HARDWARE AKTIVIEREN?
Pax bestätigte. Die Realität verschwand. Nicht langsam. Nicht allmählich. Sie war einfach weg. Für einen kurzen Augenblick sah Pax nichts. Dann öffnete sich vor ihm eine künstliche Welt. Die Erde. Eine blaugrüne Kugel schwebte vor der Schwärze des virtuellen Weltraums. Weißliche Wolken zogen über die Kontinente. Die Atmosphäre leuchtete in einem dünnen, blauen Saum. Pax hatte diesen Anblick schon unzählige Male gesehen. Trotzdem blieb er jedes Mal einen Augenblick lang stehen. Über der Erde schwebte der Torus. Ein gigantischer Ring aus Metall und Technologie, dessen Dimensionen jeden Maßstab sprengten. Segmente, Verstrebungen und gewaltige technische Strukturen zogen sich um den Planeten. Zwischen den einzelnen Bereichen lagen Wohnkomplexe, Grünanlagen und militärische Einrichtungen. Der Torus war nicht nur ein Wohngebiet. Er war Verteidigungsanlage, Infrastruktur und Lebensraum zugleich. An verschiedenen Stellen blinkten Lichter auf. Das Spiel lud. Pax schwebte währenddessen reglos über der Erde. Dann erschienen die ersten Hinweise.
Nicht absichtlich die Verbindung trennen. Das Spiel nicht auf unnormale Weise beenden. Den Computer nicht ausschalten. Andere Spieler nicht absichtlich behindern. Sich anständig verhalten. Höflich bleiben. Hilfsbereit sein. Bei Fragen sollte die Enzyklopädie konsultiert werden.
Pax überflog die Hinweise. Er kannte sie. Er kannte sie schon seit Jahren. Dann erschien eine weitere Meldung. Sie war anders. Die Schrift war rot. Deutlich größer. Eine Warnung.
WER DIE REGELN DES SPIELS VERLETZT, MUSS MIT EINER UNMITTELBAREN LÖSCHUNG AUS DEM SPIEL RECHNEN.
Pax hielt kurz inne. Die Formulierung war ungewöhnlich. "Löschung." Nicht Sperrung. Nicht Ausschluss. Löschung. Er kannte die Bedeutung aus dem Regelwerk. Der Avatar würde entfernt. Sämtliche Spieldaten des betreffenden Accounts konnten gelöscht werden. Das war ärgerlich. Mehr nicht. Zumindest hatte Pax es bisher immer so verstanden. Er bestätigte die Meldung mit einem Nicken. Vor ihm öffnete sich das Anmeldefenster. Benutzername. Passwort. Pax gab beides ein. Die Verifizierung erfolgte innerhalb weniger Sekunden. Danach erschien der Status seines Avatars.
HILBILIS DESTRUCTULUS ZUZAIMEI I.
Teladi. Blauhäutige Variante.
Aktueller Standort: Sektor Ausbeute des Molochs
Schiff: Sparverius
Status: aktiv
Pax bestätigte. Die virtuelle Welt veränderte sich. Das Bewusstsein für den eigenen Körper verschob sich. Pax war nicht länger ein Mensch in einer Wohnung. Er war Zuzaimei. Drei Klauen statt fünf Finger. Eine andere Körpergröße. Eine andere Körperform. Eine andere Haut. Ein anderer Blickwinkel. Sein selbst entworfener Sparverius befand sich unmittelbar vor ihm. Der Jäger war schwarz und weiß lackiert. Seine Grundform erinnerte tatsächlich an einen Falken. Die Front war schmal und spitz zulaufend. Die Flügel waren nach hinten gezogen und bildeten eine aggressive, aerodynamische Silhouette. Rot-blaue Muster zogen sich über die Außenhülle. Pax hatte sie selbst entworfen. Er hatte lange daran gearbeitet. Zu lange, wenn man ihn fragte. Aber das Ergebnis gefiel ihm. Er drehte das Schiff einmal um die Längsachse. Ein kurzer Moment des Stolzes durchströmte ihn. Sein Jäger sah gut aus. Sehr gut sogar. Pax bestätigte den Status. Die virtuelle Umgebung wurde endgültig real. Er war im Spiel. Der Übergang zwischen Mensch und Avatar war noch immer seltsam. Besonders die Hände. Pax hob die linke Hand. Drei Klauen bewegten sich. Er betrachtete sie. Dann schloss er die Finger und öffnete sie wieder. Nach einigen Sekunden war das fremdartige Gefühl verschwunden. Die Gewohnheit übernahm. Er legte die Hände auf die Steuerkonsolen. Die drei Klauen glitten über die Tasten. Einige Befehle wurden ausgeführt. Der Autopilot war deaktiviert worden, weil Pax den Jäger übernommen hatte. Er aktivierte ihn wieder. Das Schiff flog weiter. Vor ihm lag der Planet Sturzgeschäft. Der Anflug würde noch einige Minuten dauern. Pax hob seinen linken Arm. Zuzaimei tat dasselbe. Er tippte mit der rechten Klaue auf das Armband seines Avatars. Ein holographisches Fenster erschien. Nachrichten. Während seiner Abwesenheit hatten sich einige angesammelt. Pax öffnete die Liste.
"Unwichtig." Die erste Nachricht verschwand.
"Nicht interessant." Die zweite.
"Hmm." Er ging weiter.
"Naja." Die meisten Nachrichten waren belanglos.
Einige Spieler wollten wissen, wann wieder ein Seminar zu X/O stattfinden würde. Andere fragten nach Hilfe bei bestimmten Spielmechaniken. Ein paar Nachrichten stammten von Spielern, mit denen Pax irgendwann einmal gehandelt oder zusammengearbeitet hatte. Nichts davon war dringend. Pax arbeitete die Nachrichten durch. Dann blieb sein Blick an einer Zahl hängen. 5.153.632. Die Zahl der Sektoren. Pax runzelte die Stirn.
"Seit wann?"
Beim letzten Update waren es noch weniger gewesen. Viel weniger. Er öffnete die aktuellen Spieldaten. Die Zahl blieb bestehen. 5.153.632 Sektoren. Pax lehnte sich zurück. Mehr als fünf Millionen Sektoren. X/O hatte inzwischen mehr als fünfunddreißig Millionen Spieler. Eigentlich hätte das Spiel problemlos weitere Sektoren gebrauchen können. Trotzdem war die Größenordnung absurd. Die meisten Spieler hielten sich ohnehin in den Kernsektoren auf. Dort gab es Handelsstationen, Aufträge, Fraktionen und große Mengen an Nichtspielercharakteren. Dort spielte sich das soziale Leben von X/O ab. Auf den Handelsstationen trafen sich Spieler. Sie handelten. Sie unterhielten sich. Sie gründeten Gruppen. Manche standen einfach nur herum und redeten miteinander. Für viele Spieler war das inzwischen kaum noch von einem normalen Chat zu unterscheiden. Nur dass sie dabei nicht vor einem zweidimensionalen Bildschirm saßen. Sie standen tatsächlich nebeneinander. Pax schloss das Fenster. Warum also mehr als fünf Millionen Sektoren? Vielleicht planten die Entwickler ein neues Event. Vielleicht hatte man Artefakte versteckt. Seltene Gegenstände. Unbekannte Technologien. Vielleicht sogar neue Fraktionen. X/O war bekannt dafür, seine Spieler gelegentlich auf diese Weise zu überraschen.
Pax lächelte schwach. "Wer soll schon in deren Köpfe schauen?"
Er wandte sich wieder dem Flug zu. Der Autopilot setzte zum Landeanflug an. Pax bemerkte es kaum. Seine Gedanken waren noch immer bei der gewaltigen Zahl von Sektoren. Er bemerkte deshalb auch nicht, wann der Jäger auf dem Raumhafen aufsetzte. Er bemerkte nicht, wie die Landestützen ausfuhren. Er bemerkte nicht, wie die Triebwerke heruntergeregelt wurden. Erst das Ende des Landevorgangs brachte ihn zurück. Die Energiezellen wurden automatisch entladen. Neue Fracht wurde eingeladen. Sonnenblumen. Pax öffnete erneut seine Nachrichten. Die meisten hatte er bereits beantwortet. Es dauerte nur wenige Minuten. Dann war sein Posteingang leer. Pax lehnte sich zurück. Ein heller Gong erklang. Eine neue Nachricht. Er sah auf das Symbol. Wichtig. Pax runzelte die Stirn. Der Absender war ihm bekannt. Sehr gut sogar. Normalerweise bekam er von dieser Person keine Nachrichten, die als wichtig markiert waren. Er öffnete sie. Der Inhalt war kurz. Zu kurz.
*Komm so schnell wie möglich zur Handelsstation Enterfalle im Sektor Blaufeuer. Wir müssen reden. Es ist wichtig.*
Pax las die Nachricht zweimal. Sein Gesicht veränderte sich. Die Müdigkeit war für einen Augenblick vergessen.
"Was ist denn jetzt los?"
Er schrieb eine kurze Antwort. Keine Reaktion. Pax wartete nicht. Der Jäger hob ab. Das Triebwerk erwachte. Der Sparverius beschleunigte. Vor ihm lag das Sprungtor. Es befand sich im Zentrum des Sektors. Die Konstruktion unterschied sich deutlich von den alten Sprungtoren. Frühere Modelle hatten aus einem gewaltigen Ring und zwei Auslegern bestanden. Das neue System war anders. Drei gewaltige Ausleger standen voneinander getrennt im Raum. Jeder von ihnen besaß wiederum drei Stabilisatoren, die sich wie metallische Finger nach außen erstreckten. Zwischen den Konstruktionen flimmerte der Raum. Pax erhöhte die Geschwindigkeit. Die Entfernung schrumpfte. Ein Sprungtor pro Sektor. Das war das neue Konzept. Bei mehr als fünf Millionen Sektoren wäre das alte System nicht mehr praktikabel gewesen. Früher besaß ein Sektor bis zu sechs Tore. Ost. West. Nord. Süd. Oben. Unten. Jedes führte in einen bestimmten Nachbarsektor. Das neue System war vollkommen anders. Ein Sprungtor. Ein Zugang zu einem gigantischen Raum zwischen den Sektoren. Offiziell hatte dieser Raum keinen Namen. Die Entwickler vermieden Begriffe wie Hyperraum oder Subraum, weil niemand wirklich wusste, ob diese Bezeichnungen überhaupt zutreffend waren. Die Spieler hatten deshalb selbst einen Namen gewählt. Überlichtraum. Im Englischen Light Space. Lice. Pax mochte den Begriff. Das Sprungtor begann zu leuchten. Weiße und blaue Energie sammelte sich zwischen den drei Auslegern. Dann entstand der Sprungwirbel. Er sah aus wie ein gewaltiger Strudel aus Licht. Pax setzte den Jäger auf direkten Kurs. Das Schiff wurde schneller. Noch schneller. Dann verschwand die normale Umgebung. Der Lice öffnete sich. Blauweiß. Endlos. Wilde Energieströme zogen sich durch die Dunkelheit. Stürme tobten in der Ferne. Lichtblitze zuckten durch die Dimension und verschwanden wieder. Es war unmöglich, die Entfernung richtig einzuschätzen. Pax hatte einmal versucht, sich daran zu gewöhnen. Es war ihm nie gelungen. Der Überlichtraum wirkte nicht wie ein Ort, an dem sich ein Mensch aufhalten sollte. Aber X/O machte es möglich. Wenn man sich an die Navigationsbaken hielt. Wenn man nicht vom Kurs abwich. Wenn man wusste, wohin man flog. Und wenn man nicht zu lange blieb. Pax hatte bereits ganze Flotten im Lice gesehen. Spieler hatten Sprungwirbel bewacht und damit komplette Sektoren blockiert. Es war eine der neuen Formen der Kriegsführung geworden. Eine Flotte konnte einen einzigen Zugang kontrollieren und dadurch den Verkehr eines ganzen Sektors lahmlegen. Aber der Lice hatte seine Grenzen. Wer zu lange darin blieb, riskierte einen Sturm. Die Antriebssysteme der Schiffe erzeugten Interferenzen. Je länger ein Schiff im Überlichtraum blieb, desto stärker wurden diese Störungen. Irgendwann bildete sich ein Sturm. Und wenn man dann noch im Lice war, konnte selbst eine komplette Flotte ausgelöscht werden. Natürlich war das Teil der Spielmechanik. Die Entwickler wollten verhindern, dass Spieler sich dauerhaft im Überlichtraum versteckten. Sie wollten verhindern, dass Sektorblockaden für immer bestanden. Pax kannte die Erklärung. Er kannte sie seit Jahren. Trotzdem hatte er jedes Mal ein mulmiges Gefühl, wenn er durch diese blauweiße Dimension flog.
Er sah aus dem Cockpit. Energie tanzte an der Außenhülle entlang. Manchmal schien es, als würden die Stürme auf ihn reagieren. Pax wusste, dass das Unsinn war. Der Lice war kein lebendiges Wesen. Er konnte nicht reagieren. Das war nur eine Illusion, die durch die Darstellung entstand. Pax sah auf den Chronometer. Eine Stunde. Er blinzelte.
"Was?"
Eine ganze Realstunde war vergangen. Er hatte vollkommen vergessen, seinem Kontakt zu antworten. Pax öffnete das Nachrichtenfenster. Dann schrieb er hastig zurück. *Bin unterwegs.* Er zögerte. Dann fügte er hinzu: *Melde mich, sobald ich angekommen bin.* Absenden. Pax lehnte sich zurück. Der Sparverius flog weiter. Irgendwo vor ihm lag der Zielsektor. Pax kannte die Strecke. Er kannte den Weg. Er kannte den Lice. Und er wusste, dass er sich auf die Navigationsdaten verlassen konnte. Eigentlich. Denn dann geschah etwas. Ein greller Lichtblitz erschien vor ihm. Pax riss den Kopf hoch. Der Sprungwirbel war unmittelbar vor ihm. Er hatte ihn nicht kommen sehen. Die Energie verdichtete sich. Der Jäger wurde schneller. Pax griff instinktiv nach den Steuerkontrollen. Ein gigantisches Schiff erschien. Ein Zerstörer. Seine Silhouette war so gewaltig, dass der Sparverius daneben wie ein Spielzeug wirkte. Pax starrte auf das Schiff. Es kam direkt auf ihn zu. Keine Ausweichbewegung. Keine Kurskorrektur. Nichts. Für einen kurzen Augenblick schien es, als würde der Zerstörer den Jäger zerschmettern. Pax' Körper spannte sich an. Adrenalin schoss durch ihn. Dann erinnerte er sich. Phase. Der Jäger glitt durch den Zerstörer. Ohne Widerstand. Ohne Explosion. Ohne Schaden. Das riesige Schiff setzte seinen Weg fort. Pax atmete aus.
"Verdammt."
Sein Herz schlug schneller. Noch immer. Früher wäre eine solche Kollision tödlich gewesen. Bei den alten Sprungtoren war es immer wieder vorgekommen, dass Spieler beim Durchqueren mit anderen Schiffen kollidierten. Manchmal mit NPC-Schiffen. Manchmal mit anderen Spielern. Das Problem war irgendwann zu groß geworden. Zu viele Beschwerden. Zu viele Unfälle. Zu viele tote Avatare. Die Entwickler hatten deshalb den Phasenbereich eingeführt. Sobald ein Schiff diesen Bereich betrat, wurde es phasenverschoben. Eine Art Geisterzustand. Andere Objekte konnten nicht mehr mit ihm kollidieren. Man konnte sich nicht gegenseitig zerstören. Man konnte sich nicht absichtlich rammen. Man konnte den Phasenbereich allerdings auch nicht missbrauchen. Gravimetrische Verzerrungen verhinderten es. Ein Schiff wurde entweder in den Sprungwirbel gezogen oder aus dem Phasenbereich gedrückt. Pax hatte einmal versucht, sich mit einem anderen Spieler dort zu verstecken. Es hatte keine drei Sekunden funktioniert. Er schüttelte den Kopf. Das Spiel hatte für fast alles eine Lösung. Das war einer der Gründe, warum X/O so erfolgreich geworden war. Die Spieler konnten beinahe alles hinterfragen. Aber die Regeln funktionierten.
Pax blickte erneut in den Lice. Wie schnell er tatsächlich flog, wusste niemand genau. Fans hatten Berechnungen durchgeführt. Tausendfache Lichtgeschwindigkeit. Zehntausendfache. Noch mehr. Manche Berechnungen kamen auf theoretisch unendliche Geschwindigkeiten. Pax hatte einmal einen langen Artikel darüber gelesen. Er hatte ihn nach fünf Minuten geschlossen. Es war faszinierend, wie viel Zeit manche Spieler in Fragen investierten, die für das eigentliche Spiel völlig bedeutungslos waren. Aber vielleicht war genau das der Punkt. Nicht alles musste wichtig sein. Manche Dinge waren nur für die Atmosphäre da. Pax beobachtete die Energien außerhalb des Cockpits. Blau. Weiß. Violett. Dann wieder beinahe schwarz. Die Farben bewegten sich wie Wolken in einem Sturm. Pax spürte ein leichtes Vibrieren im MCS. Nicht stark. Nur ein kaum wahrnehmbares Signal. Das Schiff reagierte auf die Umgebung. Pax sah auf den Chronometer. Dann auf die Navigationsdaten. Noch ein Stück. Er wartete. Doch plötzlich erschien eine Nachricht. Er öffnete sie. Der Inhalt war kurz.
*Warte. Komm nicht zur Handelsstation. Wir treffen uns woanders.*
Pax starrte auf den Text. Seine Stirn legte sich in Falten. Er begann zu tippen. *Warum?* Die Nachricht wurde nicht beantwortet. Pax wartete. Nichts. Er überprüfte den Status seines Kontakts. Online. Sein Aktivcode zeigte ihn als aktiv an. Das bedeutete, dass er eingeloggt war. Der Aktivcode war eines der wichtigsten persönlichen Daten eines Spielers. Wer den Code besaß, konnte sehen, ob die betreffende Person online war. Man konnte sogar den Aufenthaltsort des Avatars bestimmen. Auch dann, wenn der Spieler selbst ausgeloggt war. Deshalb gab niemand seinen Aktivcode leichtfertig heraus. Zumindest sollte niemand das tun. Es gab genügend Spieler, die solche Codes sammelten. Einige verkauften sie in der realen Welt. Für Geld. Pax hatte davon gehört. Er hatte sogar schon einmal erlebt, wie ein Spieler wegen solcher Informationen belästigt worden war. Der Aktivcode hatte nichts mit dem Einloggen zu tun. Benutzername und Passwort waren davon unabhängig. Trotzdem war der Code notwendig, um anderen Spielern Nachrichten schicken zu können. Wer den Code nicht besaß, konnte keinen direkten Kontakt aufnehmen. Glücklicherweise konnte man Spieler blockieren. Pax hatte davon bereits mehrfach Gebrauch gemacht.
Er sah erneut auf die Nachricht. *Warte. Komm nicht zur Handelsstation.* Sein Blick blieb daran hängen. Etwas daran gefiel ihm nicht. Er wusste nur nicht, was. Dann erreichte der Sparverius das Ende des Lice. Ein gewaltiger Wirbel öffnete sich. Pax wurde nach vorne gezogen. Das Blauweiß verschwand. Der Weltraum erschien. Pax blinzelte. Und erst dann begriff er, dass etwas nicht stimmte. Vor ihm war kein ruhiger Sektor. Keine Handelsroute. Keine friedlichen Transporter. Keine Handelsstation. Keine vertrauten Lichter. Stattdessen sah er Feuer. Überall. Explosionen erhellten die Dunkelheit. Schiffe bewegten sich zwischen den gewaltigen Lichtblitzen. Raketen zogen helle Linien durch den Raum. Laserstrahlen trafen auf Schilde. Ein Schiff zerbrach. Die Trümmer wurden von einer Explosion auseinandergerissen. Pax starrte auf das Schlachtfeld.
Sein Mund öffnete sich leicht. "Was zum ...?"
Eine weitere Explosion erschütterte die Umgebung. Der Sparverius wurde von der Druckwelle erfasst. Warnungen leuchteten auf. Pax griff nach den Steuerkontrollen. Das Schiff reagierte. Dann erschien eine weitere Nachricht. *Zu spät.* Die Nachricht seines Kontakts. *Der Treffpunkt ist nicht mehr sicher. Wir müssen abbrechen.* Pax las die Worte. Sein Blick wanderte wieder nach draußen. Eine riesige Fregatte raste an seinem Jäger vorbei. Direkt dahinter folgte ein Schwarm kleiner Kampfschiffe. Pax drehte den Sparverius zur Seite. Ein Laserstrahl schoss wenige Meter an ihm vorbei. Sein MCS vibrierte. Pax zuckte zusammen. Die Simulation war schwach. Aber in diesem Moment fühlte sie sich real an. Viel zu real. Er wollte den Lice wieder betreten. Doch der Sprungwirbel hinter ihm begann bereits zu kollabieren.
Pax starrte darauf. "Nein."
Die Öffnung wurde kleiner. Ein Schiff raste hindurch. Dann ein weiteres. Dann verschwand der Wirbel vollständig. Pax saß mitten in einer Schlacht. Allein. Ohne zu wissen, wer kämpfte. Ohne zu wissen, warum gekämpft wurde. Und ohne zu wissen, warum sein Kontakt ihn ausgerechnet hierher geschickt hatte. Pax blickte auf die Statusanzeige. Seine Hände lagen still auf den Kontrollen. Zum ersten Mal seit Beginn seiner Spielsitzung fühlte sich X/O nicht mehr wie ein Spiel an. Noch wusste er nicht, warum. Noch konnte er nicht wissen, was geschehen war. Aber irgendwo tief in seinem Inneren begann ein Gedanke Gestalt anzunehmen. Etwas stimmte nicht.
Intermezzo
Es war düster. Nicht die angenehme Dunkelheit eines abgeschalteten Raumes, sondern eine schwere, beinahe greifbare Finsternis, die jede Kontur verschluckte. Nur wenige blaue Lichtstrahlen drangen durch die Dunkelheit. Sie kamen von irgendwo hoch oben und fielen schräg in den gewaltigen Saal. Staubpartikel schwebten darin. Sie bewegten sich langsam. Fast schwerelos. Die Wände waren kaum zu erkennen. Dort, wo das blaue Licht sie streifte, zeichneten sich glatte, dunkle Flächen ab. Metall oder Stein. Vielleicht etwas völlig anderes. Es war unmöglich, die Größe des Raumes einzuschätzen. Die Stille war vollkommen. Keine Stimmen. Kein Maschinenlärm. Kein Wind. Nichts. Der Saal wirkte wie ein Ort, an dem seit langer Zeit niemand mehr gewesen war. Wie ein Grab. Und trotzdem war es warm. Eine ungewöhnliche Wärme lag in der Luft. Sie hätte beruhigend wirken können. Tat es aber nicht. Denn trotz der angenehmen Temperatur kroch eine Kälte über den Rücken.
In der Mitte des Saales schwebte eine kleine Kugel. Sie war rot. Nicht einfach nur rot. Ihre Oberfläche pulsierte. Dunkelrot. Dann hellrot. Dann wieder dunkel. Eine Aura umgab sie. Sie flackerte wie Feuer. Die Kugel selbst bewegte sich nicht. Sie schwebte vollkommen reglos. Dann trat jemand aus der Dunkelheit. Die Gestalt blieb zunächst stehen. Das Gesicht war nicht zu erkennen. Nur die Umrisse des Körpers zeichneten sich schwach gegen das blaue Licht ab. Langsam hob die Person eine Hand. Die Finger näherten sich der roten Kugel. Dann berührten sie deren Oberfläche. Ein Ton erklang. Hell. Klar. Völlig unpassend für die bedrückende Stille des Saales. Eine Nachricht erschien. Die Stimme der Person war ruhig. Fast zufrieden.
"Ich habe ihn gefunden."
Gefangen
Prolog
Ein schmaler Sonnenstrahl fiel durch den Spalt zwischen Fensterrahmen und Rollladen und wanderte langsam über Pax' Gesicht. Die Wärme kitzelte unangenehm auf seiner Haut. Er verzog das Gesicht, drehte den Kopf zur Seite und zog die Bettdecke höher, als könnte er das Licht damit aussperren. Es half nichts. Pax öffnete die Augen. Für einige Sekunden starrte er einfach nur an die Zimmerdecke. Sein Blick war trüb, seine Gedanken schwer und langsam. Er wusste zunächst nicht einmal, wie spät es war. Sein Körper fühlte sich an, als hätte er die vergangenen Tage nicht geschlafen, sondern irgendwo auf einem harten Betonboden verbracht. Dann fiel es ihm wieder ein. Arbeit. Er war erst vor weniger als vier Stunden nach Hause gekommen. Ein leises Stöhnen entwich ihm, während er sich auf die Seite rollte. Die Matratze gab unter seinem Gewicht nach. Seine Muskeln protestierten, als er sich aufrichtete und mit beiden Händen über sein Gesicht fuhr. Seine Finger fühlten sich kalt an. Pax blinzelte mehrmals, bis seine Augen sich an das Licht gewöhnt hatten. Auf dem kleinen Tisch neben seinem Bett stand die Uhr.
16:00 Uhr. "Verdammt."
Seine Stimme klang rau. Er hatte tatsächlich vier Stunden geschlafen. Mehr nicht. Und trotzdem fühlte er sich nicht einmal annähernd erholt. Pax schob die Beine über die Bettkante und blieb zunächst sitzen. Seine Füße berührten den kühlen Boden. Ein unangenehmer Schauer lief ihm über den Rücken. Er rieb sich über die Augen und wartete einen Moment, bis der leichte Schwindel verschwunden war. Dann stand er auf.
Das Zimmer war still. Nur das entfernte, dumpfe Geräusch des Straßenverkehrs drang durch das geschlossene Fenster. Von irgendwo aus dem Haus war ein Wasserrohr zu hören, das kurz knackte. Ansonsten herrschte Ruhe. Pax ging zum Fenster. Mit zwei Fingern griff er nach dem Griff des Rollladens und schob ihn ein Stück weiter nach oben. Das Licht der untergehenden Sonne strömte in den Raum. Pax hielt inne. Der Himmel hatte sich bereits in ein warmes Orange verwandelt. Zwischen den Häusern standen Wolken, deren Unterseiten in gedämpften Rot- und Violetttönen glühten. Die Sonne selbst stand bereits tief über dem Horizont und ließ die Fensterscheiben der gegenüberliegenden Gebäude aufleuchten. Es war kein Nachmittag mehr. Der Tag neigte sich bereits seinem Ende entgegen. Pax sah einen Moment lang nach draußen.
Dann seufzte er. "Na toll."
Er hatte den größten Teil seines freien Tages verschlafen. Nicht, dass er etwas geplant hätte. In den vergangenen Wochen war jeder Tag auf Arbeit ohnehin länger gewesen als der vorherige. Pax verließ das Schlafzimmer und ging ins Badezimmer. Er trug noch immer nur seine schwarzen Shorts. Seine Schritte waren langsam und etwas unsicher. Vor dem Spiegel blieb er kurz stehen. Sein Spiegelbild sah müde aus. Die Haare standen ihm wirr vom Kopf ab. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten. Seine Haut wirkte blasser als gewöhnlich. Pax betrachtete sich einige Sekunden lang.
"Du siehst beschissen aus."
Er öffnete den Wasserhahn. Das Wasser war kalt. Sehr kalt. Pax schöpfte es mit beiden Händen auf und presste es sich ins Gesicht. Sofort zog sich seine Haut zusammen. Ein scharfer Atemzug entwich ihm. Noch einmal. Und noch einmal. Er wusch sich gründlich, bis die Müdigkeit zumindest ein wenig nachließ. Trotzdem blieb dieses schwere Gefühl in seinem Körper bestehen. Der vergangene Monat hatte seine Spuren hinterlassen. Die Schweinegrippe hatte die Firma erreicht, in der Pax arbeitete. Zuerst waren es nur einige wenige Kollegen gewesen. Dann wurden es mehr. Die Krankheit selbst verlief bei den meisten Betroffenen nicht besonders schwer. Das Problem war die Quarantäne. Wer erkrankte, musste zu Hause bleiben. Und wer gesund blieb, musste die Arbeit derjenigen übernehmen, die fehlten. Pax hatte dabei besonders viel abbekommen. Er war Springer. Eigentlich bedeutete das, dass er dort eingesetzt wurde, wo gerade jemand gebraucht wurde. Eine praktische Position, wenn genügend Personal vorhanden war. In den vergangenen Wochen hatte diese Bezeichnung allerdings eine andere Bedeutung bekommen. Pax ersetzte nicht mehr einfach einen Kollegen. Er ersetzte drei. Teilweise sogar mehr. Seine Arbeitszeiten wechselten ständig. Frühschicht, Spätschicht, Nachtschicht. Kaum hatte sich sein Körper an einen Rhythmus gewöhnt, wurde dieser wieder verändert. Schlaf war dadurch zu einer Angelegenheit geworden, die man irgendwo zwischen zwei Schichten einschieben musste. Pax hatte irgendwann aufgehört, auf die Uhr zu sehen, wenn er ins Bett ging. Er wusste ohnehin nie, wann er wieder aufstehen musste.
Nachdem er sich abgetrocknet hatte, verließ er das Badezimmer. In der Küche zog er sich eine lange Wüstentarnhose und ein kurzes schwarzes T-Shirt an. Dann stellte er Wasser auf und bereitete sich einen schwarzen Tee zu. Während das Wasser erhitzte, lehnte er sich mit beiden Händen auf die Arbeitsplatte. Seine Schultern fühlten sich schwer an. Als der Tee fertig war, nahm Pax die Tasse und setzte sich an den Küchentisch. Der Dampf stieg in dünnen Fäden aus der Tasse auf. Er nahm die Zeitung vom Tisch. Die heutige Ausgabe. Pax schlug sie auf. Politik. Wirtschaft. Sport. Ein Bericht über einen Verkehrsunfall. Ein weiterer Artikel über einen Mann, der wegen verschiedener Straftaten festgenommen worden war. Er las nichts davon wirklich. Seine Augen wanderten über die Überschriften, während sein Verstand irgendwo anders war. Es war eine Gewohnheit. Wenn er frei hatte, las er Zeitung. Nicht, weil ihn die Nachrichten besonders interessierten. Eigentlich fand er die meisten davon deprimierend. Aber manchmal war es ganz angenehm, sich über die Dummheiten anderer Menschen aufzuregen. Er blätterte um. Noch eine Seite. Dann noch eine. Eine Uhr piepte irgendwo in der Wohnung. Pax hob den Kopf. 17:00 Uhr.
Er sah aus dem Fenster. Die Sonne war inzwischen weiter gesunken. Ihre Scheibe war bereits zur Hälfte hinter dem Horizont verschwunden. Goldenes Licht lag über den Dächern und färbte die Wände der Gebäude in warme Farbtöne. Pax legte die Zeitung zur Seite. Er hob die Tasse an und trank den restlichen Tee in einem Zug aus. Die Flüssigkeit war noch heiß genug, dass sie ihm angenehm durch den Körper lief. Er stellte die Tasse ins Spülbecken. Der Gedanke, sie jetzt abzuwaschen, kam ihm kurz. Er verschwand genauso schnell wieder.
"Später."
Pax wandte sich um. Jetzt hatte er etwas anderes vor. Etwas, auf das er sich tatsächlich freute. Spaß. Er ging in den Raum, in dem seine VR-Ausrüstung aufgebaut war. Der Motion-Capture-Suit hing ordentlich an einem Ständer. Pax nahm ihn herunter. Der Anzug war tiefschwarz. In das Material waren zahlreiche dünne, weiße Linien und Punkte eingearbeitet. Sie folgten den Gelenken, den Muskeln und den wichtigsten Bewegungsachsen des menschlichen Körpers. Pax stieg hinein. Das Material lag eng an seiner Haut. Sehr eng. Das musste es auch. Der MCS durfte bei den Bewegungen des Trägers möglichst wenig Spielraum lassen. Jede Bewegung musste erfasst und an den Avatar übertragen werden. Pax zog den Reißverschluss hoch und überprüfte die Verbindungen. Alles saß. Er bewegte die Schultern. Dann die Arme. Die Finger. Die Knie. Der Anzug reagierte. Weiße Markierungen leuchteten kurz auf. Der Motion-Capture-Suit war eines der wichtigsten Geräte für X/O. Er sorgte dafür, dass Pax seinen Avatar nicht über einen Controller steuerte. Wenn er seinen Arm hob, hob sein Avatar ebenfalls den Arm. Wenn er sich duckte, duckte sich sein Avatar. Auch Berührungen konnten in begrenzter Form simuliert werden. Schwach. Sehr schwach. Ein leichter Druck, ein kaum wahrnehmbares Vibrieren, ein sanftes Signal auf der Haut. Von echter Berührung war das weit entfernt. Schmerz konnte der MCS nicht simulieren. Zum Glück. Zumindest war das die offizielle Meinung. Vielleicht würde die Technik irgendwann weit genug entwickelt sein. Vielleicht würde man eines Tages tatsächlich nicht mehr unterscheiden können, ob man gerade in der Realität oder in einer virtuellen Welt berührt wurde. Aber dieser Tag lag noch in weiter Ferne.
Pax griff nach der VRB. Die Virtual-Reality-Brille war schwerer, als sie aussah. Er setzte sie auf und richtete sie so aus, dass sie bequem saß. Das Display blieb dunkel. Noch. Pax setzte sich vor seinen Rechner. Auf dem Bildschirm des Tablet-PCs befand sich das bekannte X/O-Symbol. Ein schwarzes X innerhalb eines geometrischen Kreises. Pax tippte zweimal darauf. Das Programm öffnete sich. Eine Abfrage erschien.
VIRTUAL-REALITY-SOFTWARE UND HARDWARE AKTIVIEREN?
Pax bestätigte. Die Realität verschwand. Nicht langsam. Nicht allmählich. Sie war einfach weg. Für einen kurzen Augenblick sah Pax nichts. Dann öffnete sich vor ihm eine künstliche Welt. Die Erde. Eine blaugrüne Kugel schwebte vor der Schwärze des virtuellen Weltraums. Weißliche Wolken zogen über die Kontinente. Die Atmosphäre leuchtete in einem dünnen, blauen Saum. Pax hatte diesen Anblick schon unzählige Male gesehen. Trotzdem blieb er jedes Mal einen Augenblick lang stehen. Über der Erde schwebte der Torus. Ein gigantischer Ring aus Metall und Technologie, dessen Dimensionen jeden Maßstab sprengten. Segmente, Verstrebungen und gewaltige technische Strukturen zogen sich um den Planeten. Zwischen den einzelnen Bereichen lagen Wohnkomplexe, Grünanlagen und militärische Einrichtungen. Der Torus war nicht nur ein Wohngebiet. Er war Verteidigungsanlage, Infrastruktur und Lebensraum zugleich. An verschiedenen Stellen blinkten Lichter auf. Das Spiel lud. Pax schwebte währenddessen reglos über der Erde. Dann erschienen die ersten Hinweise.
Nicht absichtlich die Verbindung trennen. Das Spiel nicht auf unnormale Weise beenden. Den Computer nicht ausschalten. Andere Spieler nicht absichtlich behindern. Sich anständig verhalten. Höflich bleiben. Hilfsbereit sein. Bei Fragen sollte die Enzyklopädie konsultiert werden.
Pax überflog die Hinweise. Er kannte sie. Er kannte sie schon seit Jahren. Dann erschien eine weitere Meldung. Sie war anders. Die Schrift war rot. Deutlich größer. Eine Warnung.
WER DIE REGELN DES SPIELS VERLETZT, MUSS MIT EINER UNMITTELBAREN LÖSCHUNG AUS DEM SPIEL RECHNEN.
Pax hielt kurz inne. Die Formulierung war ungewöhnlich. "Löschung." Nicht Sperrung. Nicht Ausschluss. Löschung. Er kannte die Bedeutung aus dem Regelwerk. Der Avatar würde entfernt. Sämtliche Spieldaten des betreffenden Accounts konnten gelöscht werden. Das war ärgerlich. Mehr nicht. Zumindest hatte Pax es bisher immer so verstanden. Er bestätigte die Meldung mit einem Nicken. Vor ihm öffnete sich das Anmeldefenster. Benutzername. Passwort. Pax gab beides ein. Die Verifizierung erfolgte innerhalb weniger Sekunden. Danach erschien der Status seines Avatars.
HILBILIS DESTRUCTULUS ZUZAIMEI I.
Teladi. Blauhäutige Variante.
Aktueller Standort: Sektor Ausbeute des Molochs
Schiff: Sparverius
Status: aktiv
Pax bestätigte. Die virtuelle Welt veränderte sich. Das Bewusstsein für den eigenen Körper verschob sich. Pax war nicht länger ein Mensch in einer Wohnung. Er war Zuzaimei. Drei Klauen statt fünf Finger. Eine andere Körpergröße. Eine andere Körperform. Eine andere Haut. Ein anderer Blickwinkel. Sein selbst entworfener Sparverius befand sich unmittelbar vor ihm. Der Jäger war schwarz und weiß lackiert. Seine Grundform erinnerte tatsächlich an einen Falken. Die Front war schmal und spitz zulaufend. Die Flügel waren nach hinten gezogen und bildeten eine aggressive, aerodynamische Silhouette. Rot-blaue Muster zogen sich über die Außenhülle. Pax hatte sie selbst entworfen. Er hatte lange daran gearbeitet. Zu lange, wenn man ihn fragte. Aber das Ergebnis gefiel ihm. Er drehte das Schiff einmal um die Längsachse. Ein kurzer Moment des Stolzes durchströmte ihn. Sein Jäger sah gut aus. Sehr gut sogar. Pax bestätigte den Status. Die virtuelle Umgebung wurde endgültig real. Er war im Spiel. Der Übergang zwischen Mensch und Avatar war noch immer seltsam. Besonders die Hände. Pax hob die linke Hand. Drei Klauen bewegten sich. Er betrachtete sie. Dann schloss er die Finger und öffnete sie wieder. Nach einigen Sekunden war das fremdartige Gefühl verschwunden. Die Gewohnheit übernahm. Er legte die Hände auf die Steuerkonsolen. Die drei Klauen glitten über die Tasten. Einige Befehle wurden ausgeführt. Der Autopilot war deaktiviert worden, weil Pax den Jäger übernommen hatte. Er aktivierte ihn wieder. Das Schiff flog weiter. Vor ihm lag der Planet Sturzgeschäft. Der Anflug würde noch einige Minuten dauern. Pax hob seinen linken Arm. Zuzaimei tat dasselbe. Er tippte mit der rechten Klaue auf das Armband seines Avatars. Ein holographisches Fenster erschien. Nachrichten. Während seiner Abwesenheit hatten sich einige angesammelt. Pax öffnete die Liste.
"Unwichtig." Die erste Nachricht verschwand.
"Nicht interessant." Die zweite.
"Hmm." Er ging weiter.
"Naja." Die meisten Nachrichten waren belanglos.
Einige Spieler wollten wissen, wann wieder ein Seminar zu X/O stattfinden würde. Andere fragten nach Hilfe bei bestimmten Spielmechaniken. Ein paar Nachrichten stammten von Spielern, mit denen Pax irgendwann einmal gehandelt oder zusammengearbeitet hatte. Nichts davon war dringend. Pax arbeitete die Nachrichten durch. Dann blieb sein Blick an einer Zahl hängen. 5.153.632. Die Zahl der Sektoren. Pax runzelte die Stirn.
"Seit wann?"
Beim letzten Update waren es noch weniger gewesen. Viel weniger. Er öffnete die aktuellen Spieldaten. Die Zahl blieb bestehen. 5.153.632 Sektoren. Pax lehnte sich zurück. Mehr als fünf Millionen Sektoren. X/O hatte inzwischen mehr als fünfunddreißig Millionen Spieler. Eigentlich hätte das Spiel problemlos weitere Sektoren gebrauchen können. Trotzdem war die Größenordnung absurd. Die meisten Spieler hielten sich ohnehin in den Kernsektoren auf. Dort gab es Handelsstationen, Aufträge, Fraktionen und große Mengen an Nichtspielercharakteren. Dort spielte sich das soziale Leben von X/O ab. Auf den Handelsstationen trafen sich Spieler. Sie handelten. Sie unterhielten sich. Sie gründeten Gruppen. Manche standen einfach nur herum und redeten miteinander. Für viele Spieler war das inzwischen kaum noch von einem normalen Chat zu unterscheiden. Nur dass sie dabei nicht vor einem zweidimensionalen Bildschirm saßen. Sie standen tatsächlich nebeneinander. Pax schloss das Fenster. Warum also mehr als fünf Millionen Sektoren? Vielleicht planten die Entwickler ein neues Event. Vielleicht hatte man Artefakte versteckt. Seltene Gegenstände. Unbekannte Technologien. Vielleicht sogar neue Fraktionen. X/O war bekannt dafür, seine Spieler gelegentlich auf diese Weise zu überraschen.
Pax lächelte schwach. "Wer soll schon in deren Köpfe schauen?"
Er wandte sich wieder dem Flug zu. Der Autopilot setzte zum Landeanflug an. Pax bemerkte es kaum. Seine Gedanken waren noch immer bei der gewaltigen Zahl von Sektoren. Er bemerkte deshalb auch nicht, wann der Jäger auf dem Raumhafen aufsetzte. Er bemerkte nicht, wie die Landestützen ausfuhren. Er bemerkte nicht, wie die Triebwerke heruntergeregelt wurden. Erst das Ende des Landevorgangs brachte ihn zurück. Die Energiezellen wurden automatisch entladen. Neue Fracht wurde eingeladen. Sonnenblumen. Pax öffnete erneut seine Nachrichten. Die meisten hatte er bereits beantwortet. Es dauerte nur wenige Minuten. Dann war sein Posteingang leer. Pax lehnte sich zurück. Ein heller Gong erklang. Eine neue Nachricht. Er sah auf das Symbol. Wichtig. Pax runzelte die Stirn. Der Absender war ihm bekannt. Sehr gut sogar. Normalerweise bekam er von dieser Person keine Nachrichten, die als wichtig markiert waren. Er öffnete sie. Der Inhalt war kurz. Zu kurz.
*Komm so schnell wie möglich zur Handelsstation Enterfalle im Sektor Blaufeuer. Wir müssen reden. Es ist wichtig.*
Pax las die Nachricht zweimal. Sein Gesicht veränderte sich. Die Müdigkeit war für einen Augenblick vergessen.
"Was ist denn jetzt los?"
Er schrieb eine kurze Antwort. Keine Reaktion. Pax wartete nicht. Der Jäger hob ab. Das Triebwerk erwachte. Der Sparverius beschleunigte. Vor ihm lag das Sprungtor. Es befand sich im Zentrum des Sektors. Die Konstruktion unterschied sich deutlich von den alten Sprungtoren. Frühere Modelle hatten aus einem gewaltigen Ring und zwei Auslegern bestanden. Das neue System war anders. Drei gewaltige Ausleger standen voneinander getrennt im Raum. Jeder von ihnen besaß wiederum drei Stabilisatoren, die sich wie metallische Finger nach außen erstreckten. Zwischen den Konstruktionen flimmerte der Raum. Pax erhöhte die Geschwindigkeit. Die Entfernung schrumpfte. Ein Sprungtor pro Sektor. Das war das neue Konzept. Bei mehr als fünf Millionen Sektoren wäre das alte System nicht mehr praktikabel gewesen. Früher besaß ein Sektor bis zu sechs Tore. Ost. West. Nord. Süd. Oben. Unten. Jedes führte in einen bestimmten Nachbarsektor. Das neue System war vollkommen anders. Ein Sprungtor. Ein Zugang zu einem gigantischen Raum zwischen den Sektoren. Offiziell hatte dieser Raum keinen Namen. Die Entwickler vermieden Begriffe wie Hyperraum oder Subraum, weil niemand wirklich wusste, ob diese Bezeichnungen überhaupt zutreffend waren. Die Spieler hatten deshalb selbst einen Namen gewählt. Überlichtraum. Im Englischen Light Space. Lice. Pax mochte den Begriff. Das Sprungtor begann zu leuchten. Weiße und blaue Energie sammelte sich zwischen den drei Auslegern. Dann entstand der Sprungwirbel. Er sah aus wie ein gewaltiger Strudel aus Licht. Pax setzte den Jäger auf direkten Kurs. Das Schiff wurde schneller. Noch schneller. Dann verschwand die normale Umgebung. Der Lice öffnete sich. Blauweiß. Endlos. Wilde Energieströme zogen sich durch die Dunkelheit. Stürme tobten in der Ferne. Lichtblitze zuckten durch die Dimension und verschwanden wieder. Es war unmöglich, die Entfernung richtig einzuschätzen. Pax hatte einmal versucht, sich daran zu gewöhnen. Es war ihm nie gelungen. Der Überlichtraum wirkte nicht wie ein Ort, an dem sich ein Mensch aufhalten sollte. Aber X/O machte es möglich. Wenn man sich an die Navigationsbaken hielt. Wenn man nicht vom Kurs abwich. Wenn man wusste, wohin man flog. Und wenn man nicht zu lange blieb. Pax hatte bereits ganze Flotten im Lice gesehen. Spieler hatten Sprungwirbel bewacht und damit komplette Sektoren blockiert. Es war eine der neuen Formen der Kriegsführung geworden. Eine Flotte konnte einen einzigen Zugang kontrollieren und dadurch den Verkehr eines ganzen Sektors lahmlegen. Aber der Lice hatte seine Grenzen. Wer zu lange darin blieb, riskierte einen Sturm. Die Antriebssysteme der Schiffe erzeugten Interferenzen. Je länger ein Schiff im Überlichtraum blieb, desto stärker wurden diese Störungen. Irgendwann bildete sich ein Sturm. Und wenn man dann noch im Lice war, konnte selbst eine komplette Flotte ausgelöscht werden. Natürlich war das Teil der Spielmechanik. Die Entwickler wollten verhindern, dass Spieler sich dauerhaft im Überlichtraum versteckten. Sie wollten verhindern, dass Sektorblockaden für immer bestanden. Pax kannte die Erklärung. Er kannte sie seit Jahren. Trotzdem hatte er jedes Mal ein mulmiges Gefühl, wenn er durch diese blauweiße Dimension flog.
Er sah aus dem Cockpit. Energie tanzte an der Außenhülle entlang. Manchmal schien es, als würden die Stürme auf ihn reagieren. Pax wusste, dass das Unsinn war. Der Lice war kein lebendiges Wesen. Er konnte nicht reagieren. Das war nur eine Illusion, die durch die Darstellung entstand. Pax sah auf den Chronometer. Eine Stunde. Er blinzelte.
"Was?"
Eine ganze Realstunde war vergangen. Er hatte vollkommen vergessen, seinem Kontakt zu antworten. Pax öffnete das Nachrichtenfenster. Dann schrieb er hastig zurück. *Bin unterwegs.* Er zögerte. Dann fügte er hinzu: *Melde mich, sobald ich angekommen bin.* Absenden. Pax lehnte sich zurück. Der Sparverius flog weiter. Irgendwo vor ihm lag der Zielsektor. Pax kannte die Strecke. Er kannte den Weg. Er kannte den Lice. Und er wusste, dass er sich auf die Navigationsdaten verlassen konnte. Eigentlich. Denn dann geschah etwas. Ein greller Lichtblitz erschien vor ihm. Pax riss den Kopf hoch. Der Sprungwirbel war unmittelbar vor ihm. Er hatte ihn nicht kommen sehen. Die Energie verdichtete sich. Der Jäger wurde schneller. Pax griff instinktiv nach den Steuerkontrollen. Ein gigantisches Schiff erschien. Ein Zerstörer. Seine Silhouette war so gewaltig, dass der Sparverius daneben wie ein Spielzeug wirkte. Pax starrte auf das Schiff. Es kam direkt auf ihn zu. Keine Ausweichbewegung. Keine Kurskorrektur. Nichts. Für einen kurzen Augenblick schien es, als würde der Zerstörer den Jäger zerschmettern. Pax' Körper spannte sich an. Adrenalin schoss durch ihn. Dann erinnerte er sich. Phase. Der Jäger glitt durch den Zerstörer. Ohne Widerstand. Ohne Explosion. Ohne Schaden. Das riesige Schiff setzte seinen Weg fort. Pax atmete aus.
"Verdammt."
Sein Herz schlug schneller. Noch immer. Früher wäre eine solche Kollision tödlich gewesen. Bei den alten Sprungtoren war es immer wieder vorgekommen, dass Spieler beim Durchqueren mit anderen Schiffen kollidierten. Manchmal mit NPC-Schiffen. Manchmal mit anderen Spielern. Das Problem war irgendwann zu groß geworden. Zu viele Beschwerden. Zu viele Unfälle. Zu viele tote Avatare. Die Entwickler hatten deshalb den Phasenbereich eingeführt. Sobald ein Schiff diesen Bereich betrat, wurde es phasenverschoben. Eine Art Geisterzustand. Andere Objekte konnten nicht mehr mit ihm kollidieren. Man konnte sich nicht gegenseitig zerstören. Man konnte sich nicht absichtlich rammen. Man konnte den Phasenbereich allerdings auch nicht missbrauchen. Gravimetrische Verzerrungen verhinderten es. Ein Schiff wurde entweder in den Sprungwirbel gezogen oder aus dem Phasenbereich gedrückt. Pax hatte einmal versucht, sich mit einem anderen Spieler dort zu verstecken. Es hatte keine drei Sekunden funktioniert. Er schüttelte den Kopf. Das Spiel hatte für fast alles eine Lösung. Das war einer der Gründe, warum X/O so erfolgreich geworden war. Die Spieler konnten beinahe alles hinterfragen. Aber die Regeln funktionierten.
Pax blickte erneut in den Lice. Wie schnell er tatsächlich flog, wusste niemand genau. Fans hatten Berechnungen durchgeführt. Tausendfache Lichtgeschwindigkeit. Zehntausendfache. Noch mehr. Manche Berechnungen kamen auf theoretisch unendliche Geschwindigkeiten. Pax hatte einmal einen langen Artikel darüber gelesen. Er hatte ihn nach fünf Minuten geschlossen. Es war faszinierend, wie viel Zeit manche Spieler in Fragen investierten, die für das eigentliche Spiel völlig bedeutungslos waren. Aber vielleicht war genau das der Punkt. Nicht alles musste wichtig sein. Manche Dinge waren nur für die Atmosphäre da. Pax beobachtete die Energien außerhalb des Cockpits. Blau. Weiß. Violett. Dann wieder beinahe schwarz. Die Farben bewegten sich wie Wolken in einem Sturm. Pax spürte ein leichtes Vibrieren im MCS. Nicht stark. Nur ein kaum wahrnehmbares Signal. Das Schiff reagierte auf die Umgebung. Pax sah auf den Chronometer. Dann auf die Navigationsdaten. Noch ein Stück. Er wartete. Doch plötzlich erschien eine Nachricht. Er öffnete sie. Der Inhalt war kurz.
*Warte. Komm nicht zur Handelsstation. Wir treffen uns woanders.*
Pax starrte auf den Text. Seine Stirn legte sich in Falten. Er begann zu tippen. *Warum?* Die Nachricht wurde nicht beantwortet. Pax wartete. Nichts. Er überprüfte den Status seines Kontakts. Online. Sein Aktivcode zeigte ihn als aktiv an. Das bedeutete, dass er eingeloggt war. Der Aktivcode war eines der wichtigsten persönlichen Daten eines Spielers. Wer den Code besaß, konnte sehen, ob die betreffende Person online war. Man konnte sogar den Aufenthaltsort des Avatars bestimmen. Auch dann, wenn der Spieler selbst ausgeloggt war. Deshalb gab niemand seinen Aktivcode leichtfertig heraus. Zumindest sollte niemand das tun. Es gab genügend Spieler, die solche Codes sammelten. Einige verkauften sie in der realen Welt. Für Geld. Pax hatte davon gehört. Er hatte sogar schon einmal erlebt, wie ein Spieler wegen solcher Informationen belästigt worden war. Der Aktivcode hatte nichts mit dem Einloggen zu tun. Benutzername und Passwort waren davon unabhängig. Trotzdem war der Code notwendig, um anderen Spielern Nachrichten schicken zu können. Wer den Code nicht besaß, konnte keinen direkten Kontakt aufnehmen. Glücklicherweise konnte man Spieler blockieren. Pax hatte davon bereits mehrfach Gebrauch gemacht.
Er sah erneut auf die Nachricht. *Warte. Komm nicht zur Handelsstation.* Sein Blick blieb daran hängen. Etwas daran gefiel ihm nicht. Er wusste nur nicht, was. Dann erreichte der Sparverius das Ende des Lice. Ein gewaltiger Wirbel öffnete sich. Pax wurde nach vorne gezogen. Das Blauweiß verschwand. Der Weltraum erschien. Pax blinzelte. Und erst dann begriff er, dass etwas nicht stimmte. Vor ihm war kein ruhiger Sektor. Keine Handelsroute. Keine friedlichen Transporter. Keine Handelsstation. Keine vertrauten Lichter. Stattdessen sah er Feuer. Überall. Explosionen erhellten die Dunkelheit. Schiffe bewegten sich zwischen den gewaltigen Lichtblitzen. Raketen zogen helle Linien durch den Raum. Laserstrahlen trafen auf Schilde. Ein Schiff zerbrach. Die Trümmer wurden von einer Explosion auseinandergerissen. Pax starrte auf das Schlachtfeld.
Sein Mund öffnete sich leicht. "Was zum ...?"
Eine weitere Explosion erschütterte die Umgebung. Der Sparverius wurde von der Druckwelle erfasst. Warnungen leuchteten auf. Pax griff nach den Steuerkontrollen. Das Schiff reagierte. Dann erschien eine weitere Nachricht. *Zu spät.* Die Nachricht seines Kontakts. *Der Treffpunkt ist nicht mehr sicher. Wir müssen abbrechen.* Pax las die Worte. Sein Blick wanderte wieder nach draußen. Eine riesige Fregatte raste an seinem Jäger vorbei. Direkt dahinter folgte ein Schwarm kleiner Kampfschiffe. Pax drehte den Sparverius zur Seite. Ein Laserstrahl schoss wenige Meter an ihm vorbei. Sein MCS vibrierte. Pax zuckte zusammen. Die Simulation war schwach. Aber in diesem Moment fühlte sie sich real an. Viel zu real. Er wollte den Lice wieder betreten. Doch der Sprungwirbel hinter ihm begann bereits zu kollabieren.
Pax starrte darauf. "Nein."
Die Öffnung wurde kleiner. Ein Schiff raste hindurch. Dann ein weiteres. Dann verschwand der Wirbel vollständig. Pax saß mitten in einer Schlacht. Allein. Ohne zu wissen, wer kämpfte. Ohne zu wissen, warum gekämpft wurde. Und ohne zu wissen, warum sein Kontakt ihn ausgerechnet hierher geschickt hatte. Pax blickte auf die Statusanzeige. Seine Hände lagen still auf den Kontrollen. Zum ersten Mal seit Beginn seiner Spielsitzung fühlte sich X/O nicht mehr wie ein Spiel an. Noch wusste er nicht, warum. Noch konnte er nicht wissen, was geschehen war. Aber irgendwo tief in seinem Inneren begann ein Gedanke Gestalt anzunehmen. Etwas stimmte nicht.
Intermezzo
Es war düster. Nicht die angenehme Dunkelheit eines abgeschalteten Raumes, sondern eine schwere, beinahe greifbare Finsternis, die jede Kontur verschluckte. Nur wenige blaue Lichtstrahlen drangen durch die Dunkelheit. Sie kamen von irgendwo hoch oben und fielen schräg in den gewaltigen Saal. Staubpartikel schwebten darin. Sie bewegten sich langsam. Fast schwerelos. Die Wände waren kaum zu erkennen. Dort, wo das blaue Licht sie streifte, zeichneten sich glatte, dunkle Flächen ab. Metall oder Stein. Vielleicht etwas völlig anderes. Es war unmöglich, die Größe des Raumes einzuschätzen. Die Stille war vollkommen. Keine Stimmen. Kein Maschinenlärm. Kein Wind. Nichts. Der Saal wirkte wie ein Ort, an dem seit langer Zeit niemand mehr gewesen war. Wie ein Grab. Und trotzdem war es warm. Eine ungewöhnliche Wärme lag in der Luft. Sie hätte beruhigend wirken können. Tat es aber nicht. Denn trotz der angenehmen Temperatur kroch eine Kälte über den Rücken.
In der Mitte des Saales schwebte eine kleine Kugel. Sie war rot. Nicht einfach nur rot. Ihre Oberfläche pulsierte. Dunkelrot. Dann hellrot. Dann wieder dunkel. Eine Aura umgab sie. Sie flackerte wie Feuer. Die Kugel selbst bewegte sich nicht. Sie schwebte vollkommen reglos. Dann trat jemand aus der Dunkelheit. Die Gestalt blieb zunächst stehen. Das Gesicht war nicht zu erkennen. Nur die Umrisse des Körpers zeichneten sich schwach gegen das blaue Licht ab. Langsam hob die Person eine Hand. Die Finger näherten sich der roten Kugel. Dann berührten sie deren Oberfläche. Ein Ton erklang. Hell. Klar. Völlig unpassend für die bedrückende Stille des Saales. Eine Nachricht erschien. Die Stimme der Person war ruhig. Fast zufrieden.
"Ich habe ihn gefunden."
Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

