Kapitel 98 - Offenbarungen
Der Morgen auf Altrix Nova hatte diese seltene Ruhe, die sich beinahe künstlich anfühlte, wenn ich daran dachte, wie viel Unruhe außerhalb unseres Quartiers auf mich wartete. Hinter dem großen Aussichtsfenster zog Monarch in weiter Entfernung seine Bahn durch das System. Sein Licht lag gedämpft auf den glatten Flächen der Wohnmodule und ließ die Scheiben unserer Einrichtung einen warmen Schimmer annehmen. Die beiden Sonnen standen noch nicht hoch genug über Trantor, um das Licht des Gasriesen vollständig zu verdrängen, und irgendwo tief in den Wänden summten die Lebenserhaltungssysteme mit ihrem gleichmäßigen, kaum wahrnehmbaren Grundton. Asahi und Hoshiko schliefen noch. Allein dieser Umstand machte den Morgen bereits ungewöhnlich friedlich. Ich saß mit einer Tasse Tee am Tisch und hielt beide Hände um das warme Gefäß. Keffa hatte ich gar nicht erst angerührt. Vanu und Valentina liebten das Zeug, aber mein Magen hatte seine Meinung dazu nie geändert. Tee war für mich die deutlich angenehmere Lösung.
Der Türsummer durchbrach die Ruhe so unvermittelt, dass ich unwillkürlich innehielt. Vanu hob den Kopf, Valentina sah von ihrem Platz aus zur Tür, und für einen Moment sagte niemand etwas. Der Blick, den wir drei wechselten, war beinahe derselbe. Wer sollte um diese Uhrzeit etwas von uns wollen? Ich stellte die Tasse ab und aktivierte mit einer kleinen Handbewegung die Überwachung. Das Bild der Eingangskamera erschien auf der Wandfläche neben dem Tisch. Vor unserer Tür stand Marteena Somers. Kurze blonde Haare, die Hände vor dem Körper ineinandergelegt, die Schultern etwas angespannter als gewöhnlich. Sie sah nicht aus, als wäre sie wegen einer politischen Angelegenheit gekommen. Das beruhigte mich einerseits, machte mich andererseits neugierig. Nach allem, was in den vergangenen Tagen und Stunden passiert war, hatte ich mir angewöhnt, bei jedem unerwarteten Besuch zunächst mit dem Schlimmsten zu rechnen. Diesmal wirkte das Bild vor mir allerdings beinahe harmlos. Ich stand auf und ging zur Tür. Das leise Geräusch meiner Schritte auf dem Boden vermischte sich mit dem Summen der Station, bevor ich die Verriegelung löste und die Tür öffnete. Marteena sah auf und lächelte sofort freundlich, wenn auch ein wenig verlegen.
„Guten Morgen, Grau-san. Entschuldigen Sie bitte die frühe Störung.“ Ihre Stimme klang ruhig, doch ich bemerkte, wie ihre Finger sich ineinander verhakten und wieder lösten. Ich trat zur Seite und gab ihr den Weg frei.
„Guten Morgen. Komm herein.“
Marteena bedankte sich leise und trat ein. Ihr Blick wanderte kurz durch den Wohnbereich, dann blieb er an Vanu und Valentina hängen. Beide begrüßten sie freundlich, und ich schloss hinter ihr die Tür. Für einen Augenblick stand Marteena einfach da, als hätte sie den eigentlichen Grund ihres Besuches auf dem Weg hierher mehrfach geprobt und nun vergessen, wie man damit begann. Ich setzte mich wieder an den Tisch und deutete auf einen freien Platz. Sie nahm ihn, blieb aber ungewöhnlich steif sitzen.
„Was führt dich so früh zu uns?“
Marteena sah mich an. Dann auf ihre Hände. Sie knetete ihre Finger so intensiv, dass ich beinahe glaubte, sie würde sich gleich selbst die Hände zerdrücken. Schließlich holte sie tief Luft. „Es ist mir etwas peinlich, aber ich möchte mehr über Xandra erfahren.“
Da lag also der Hund begraben. Ich musste mich beherrschen, nicht sofort zu grinsen. Nicht, weil ich Marteena auslachen wollte, sondern weil sich in meinem Kopf mehrere kleine Puzzleteile plötzlich zusammenfügten. Sie hatte irgendwann einmal beiläufig erwähnt, dass sie und Xandra ein Paar gewesen waren. Damals hatte ich dem keine besondere Bedeutung beigemessen. Inzwischen war es allerdings kaum noch zu übersehen. Marteena suchte auffällig oft Xandras Nähe. Wenn sie mit ihr sprach, versuchte sie die Unterhaltung immer wieder in eine bestimmte Richtung zu lenken. Und jedes Mal, wenn das Gespräch einen Punkt erreichte, an dem es persönlich werden konnte, schien Xandra entweder nichts zu bemerken oder mit bemerkenswerter Geschicklichkeit auszuweichen.
Ich sah kurz zu meinen beiden Frauen. Vanu hatte die Lippen fest zusammengepresst, um ein Grinsen zu unterdrücken. Valentina sah demonstrativ in ihre Tasse, doch ihre Mundwinkel verrieten sie ebenfalls. Ich wusste genau, warum sie beide so aussahen. Ich war als politischer Verhandler, Unternehmer und Diplomat vielleicht nicht völlig nutzlos, aber wenn es um romantische Angelegenheiten anderer Leute ging, war meine Erfolgsbilanz eher überschaubar. Ich öffnete bereits den Mund, um Marteena zu fragen, was genau sie über Xandra wissen wollte. Ich hatte noch nicht einmal entschieden, wo ich anfangen sollte, als der Türsummer erneut ertönte.
Wir alle sahen zur Tür. Ich schloss für einen Moment die Augen. Natürlich. Mit einer kurzen Handbewegung rief ich erneut das Überwachungsbild auf. Diesmal musste ich nicht lange überlegen. Vor der Tür stand Xandra.
Hinter mir hörte ich, wie Marteena scharf die Luft einzog. „Verdammt.“
Ich sah zu ihr. Ihr Gesicht war innerhalb eines Augenblicks deutlich röter geworden. Sie hatte sich halb von ihrem Stuhl erhoben und blickte zur Tür, als könnte sie allein durch ihren Blick verhindern, dass sie sich öffnete.
„Ich möchte hier nicht von Xandra erwischt werden.“
Vanu war bereits aufgestanden. Valentina folgte ihr mit einem Ausdruck, der verriet, dass beide die Situation mindestens genauso amüsant fanden wie ich. Ohne viele Worte gingen sie zu Marteena. Vanu legte ihr eine Hand an den Arm und deutete in Richtung des angrenzenden Zimmers. Marteena sah erst Vanu, dann Valentina und schließlich mich an. Für einen Moment schien sie überlegen zu wollen, ob sie protestieren sollte. Dann gab sie auf und ließ sich von den beiden Frauen mitnehmen. Ihre Schritte waren hastig, und kurz bevor sie hinter der Tür des anderen Zimmers verschwand, warf sie mir noch einen flehenden Blick zu. Ich musste wieder an mich halten. Die Tür zu unserem Wohnbereich blieb hinter den beiden Frauen geschlossen. Im Quartier war es plötzlich auffallend still. Nur das gleichmäßige Summen der Station und das leise Klirren meiner Teetasse auf dem Tisch waren noch zu hören. Dann betätigte ich den Türöffner. Xandra stand vor mir und sah mich mit ihrem vertrauten, ruhigen Blick an. Ich kannte diesen Blick inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie vermutlich keine Ahnung hatte, was sich gerade wenige Schritte hinter mir abspielte.
Ich trat zur Seite. „Guten Morgen, Xandra. Komm herein.“
Xandra nickte und betrat das Quartier. Ich schloss die Tür hinter ihr und spürte dabei bereits, wie mir ein unangenehmes Gefühl zwischen Belustigung und Hilflosigkeit in den Nacken kroch. Ich hatte Kriege überstanden, politische Krisen überlebt, Terraformer verteidigt und eine neue Regierung auf die Beine gestellt. Trotzdem war ich mir ziemlich sicher, dass nichts davon mich auf das vorbereitete, was nun vermutlich auf mich zukam. Denn ich hatte noch immer keine Ahnung, wie man jemandem romantische Ratschläge gab. Und jetzt saß eine ehemalige Geliebte von Xandra im Nebenzimmer, während diese direkt vor mir stand.
Die Minuten vergingen quälend langsam. Nachdem Vanu und Valentina Marteena im Nebenraum untergebracht hatten, kehrten beide nicht gleichzeitig zurück. Erst kam Vanu wieder, einige Zeit später Valentina. Beide verhielten sich dabei so selbstverständlich, als wäre nichts Ungewöhnliches geschehen. Xandra schien das tatsächlich nicht verdächtig zu finden. Sie konnte von ihrem Platz aus nicht in das Zimmer sehen, und offenbar hatte sie keinen Grund, sich über die getrennten Rückkehrzeiten Gedanken zu machen. Ich war mir allerdings ziemlich sicher, dass Marteena jedes Wort mithörte. Die Wände waren zwar nicht dünn, aber innerhalb unseres Quartiers war es still genug, dass eine angespannte Person im Nebenraum vermutlich jedes etwas lautere Gespräch verfolgen konnte. Allein der Gedanke daran machte die ohnehin schon merkwürdige Situation noch schwieriger.
Xandra saß mir gegenüber und wirkte zunehmend nervös. Ihre Haltung war angespannt, ihre Hände lagen zunächst auf ihren Oberschenkeln, wanderten dann aber immer wieder zueinander, bis ihre Finger sich ineinander verschränkten. Mehrmals setzte sie an zu sprechen und hielt wieder inne. Ich kannte sie inzwischen gut genug, um zu merken, dass sie mit etwas rang, das ihr ausgesprochen schwerfiel. Dabei erinnerte ich mich unwillkürlich an die Momente, in denen sie mich aus Versehen als ihren Vater bezeichnet hatte. Das war nicht nur beim ersten Treffen geschehen. Es war ihr später noch einige Male herausgerutscht, meist in Situationen, in denen sie nicht darüber nachzudenken schien. Ich hatte mich irgendwann gefragt, warum. Die offensichtlichen Unterschiede zwischen Toru und mir waren schließlich nicht zu übersehen. Toru hatte lange silberblonde Haare und grüne Augen, während meine Haare kurz und schwarz waren und meine Augen blaugrün. Trotzdem hatte Xandra selbst immer wieder betont, dass wir uns nicht nur äußerlich, sondern auch in unserem Charakter ähnelten. Damals hatte ich das als ihre persönliche Wahrnehmung betrachtet. Jetzt begann ich zu ahnen, dass mehr dahinterstecken könnte.
Ich sah zu Vanu und Valentina. Beide hatten Xandra aufmerksam im Blick. Vanu saß etwas zurückgelehnt da und beobachtete sie mit einem Ausdruck, den ich nur schwer deuten konnte. Valentina dagegen wirkte beinahe amüsiert, obwohl auch sie nichts sagte. Ich kannte meine beiden Frauen gut genug, um zu erkennen, dass sie offenbar bereits eine Vorstellung davon hatten, wohin dieses Gespräch führen würde. Vanu schüttelte kaum merklich den Kopf. Valentina verdrehte für einen kurzen Moment die Augen. Ich sah zwischen ihnen und Xandra hin und her und fragte mich, was mir entging. Je länger Xandra um das eigentliche Thema herumredete, desto stärker wurde mein Eindruck, dass sie selbst nicht wusste, wie sie anfangen sollte. Sie sprach über ihre Vergangenheit, über Toru, darüber, wie sie mich kennengelernt hatte und wie sich ihre Sicht auf mich verändert hatte. Ich hörte ihr zu, doch in meinem Kopf blieb ständig dieselbe Frage hängen: Worauf wollte sie hinaus?
Schließlich konnte ich es nicht mehr ertragen und vergrub mein Gesicht in beiden Händen. Nicht aus Verzweiflung über Xandra, sondern weil ich inzwischen beinahe körperlich spürte, dass dieses Gespräch auf etwas Persönliches hinauslief und ich trotzdem nicht wusste, wie ich es einordnen sollte. Meine Finger lagen an meinen Schläfen, während ich versuchte, die einzelnen Aussagen zusammenzufügen. Xandra hatte Toru für tot gehalten. Das war mir bekannt. Wenn man den Vater verloren glaubte und dann plötzlich jemandem begegnete, der einem in gewisser Weise an ihn erinnerte, konnte das offenbar etwas auslösen. Trotzdem verstand ich noch immer nicht, was sie mir eigentlich sagen wollte. Ich hob den Kopf wieder und sah sie an.
Xandra atmete tief durch. Ihre Schultern hoben und senkten sich langsam. Dann sah sie mir direkt in die Augen. Ihre Stimme war leiser geworden. Ich ließ die Hände sinken und wartete. Neben mir hörte ich, wie Vanu sich etwas auf ihrem Sitz bewegte. Valentina blieb vollkommen still. Ich hatte mittlerweile das Gefühl, dass selbst die Geräusche der Station leiser geworden waren, obwohl ich genau wusste, dass nur meine Aufmerksamkeit eine andere geworden war.
Xandra senkte den Blick. „Als ich dich kennengelernt habe, habe ich in dir eine Vaterfigur gesehen.“
Ich sagte nichts. Die Worte trafen mich nicht völlig unerwartet, weil ich inzwischen verstanden hatte, warum sie mich gelegentlich mit Toru verwechselt hatte. Trotzdem war es etwas anderes, es direkt aus ihrem Mund zu hören. Ich erinnerte mich daran, wie verwirrend ihr Verhalten mir gegenüber anfangs gewirkt hatte. Jetzt ergab zumindest ein Teil davon einen Sinn. Toru war für sie tot gewesen. Dann war er plötzlich wieder aufgetaucht, und damit hatte sich vermutlich auch ihr Bild von mir verändert.
Xandra rieb nervös ihre Hände aneinander. „Ich habe Toru bis dahin für tot gehalten. Und dann ist er plötzlich wieder aufgetaucht. Kurz vor Starlights Konzert in Novum Nadiria.“
Ich nickte langsam. Ich wusste noch genau, was dieser Moment für sie bedeutet hatte. Trotzdem wartete ich darauf, dass sie endlich zum eigentlichen Grund ihres Besuches kam. Je länger sie sprach, desto deutlicher wurde mir, dass sie um etwas herumredete. Sie baute ihre Erklärung sorgfältig auf, machte immer wieder Umwege und kehrte zu Dingen zurück, die ich längst verstanden hatte. Ich sah kurz zu Vanu. Sie schüttelte erneut den Kopf. Valentina verdrehte wieder die Augen und verschränkte die Arme. Offenbar wussten die beiden bereits, worauf das hinauslief. Ich war der Einzige, der noch im Nebel stand.
Xandra hob schließlich wieder den Blick. Ihr Gesicht war gerötet, und ich konnte sehen, wie schwer ihr die nächsten Worte fielen. Ich wusste nicht, ob ich sie ermutigen oder ihr lieber noch etwas Zeit lassen sollte. Also sagte ich nichts. Ich wartete einfach. Dann kam es. „Ich habe mich in dich verliebt, Tori.“
Für einige Herzschläge konnte ich überhaupt nicht reagieren. Ich starrte Xandra an, während mein Verstand versuchte, die Worte mit dem zusammenzubringen, was ich bisher verstanden hatte. Neben mir blieb es vollkommen still. Ich hörte nur das tiefe, gleichmäßige Summen der Station und irgendwo in der technischen Infrastruktur ein kaum wahrnehmbares Schalten eines Relais.
Mein erster Gedanke war nicht einmal, was ich darauf antworten sollte. Mein erster Gedanke war Marteena. Ich wartete förmlich darauf, dass aus dem Nebenraum ein entrüsteter Schrei kam. Ich stellte mir bereits vor, wie die Tür aufgerissen wurde, Marteena herausgestürmt kam und uns beide mit Vorwürfen überschüttete. Nach allem, was ich über ihre frühere Beziehung zu Xandra wusste und nach dem, was ich an diesem Morgen erlebt hatte, erschien mir das beinahe zwangsläufig. Doch nichts geschah. Kein Schrei. Keine aufgerissene Tür. Keine wütenden Schritte. Nur Stille. Eine viel zu ruhige Stille. Ich sah unwillkürlich zur Tür des Nebenraums. Sie blieb geschlossen. Mein Blick wanderte zurück zu Xandra, die noch immer vor mir saß und offensichtlich auf meine Reaktion wartete. Ich wusste beim besten Willen nicht, was ich sagen sollte. Eine politische Krise hätte ich leichter analysieren können. Ein militärischer Konflikt hätte wenigstens klare Parameter gehabt. Aber das hier war etwas, bei dem jede Antwort Konsequenzen für Menschen haben konnte, die mir wichtig waren.
Dann ertönte erneut der Türsummer. Ich zuckte beinahe zusammen. Vanu und Valentina sahen ebenfalls zur Tür. Xandra fuhr herum, und in ihrem Gesicht erschien augenblicklich derselbe Ausdruck, den Marteena wenige Minuten zuvor getragen hatte. Ich aktivierte die Überwachung und sah auf die Anzeige. Valen.
Xandra stieß hörbar die Luft aus und schloss für einen Moment die Augen. „Verdammt.“ Ich musste unwillkürlich an Marteena denken. Offenbar war sie nicht die Einzige, die an diesem Morgen Besuch von einer Person vermeiden wollte. Xandra erhob sich hastig. Ihre Nervosität war nun deutlich stärker als zuvor. Sie sah zur Tür und dann zu mir. „Ich will ihn jetzt nicht sehen.“
Ich kannte Valen als ihren ständigen Begleiter. Er war fast immer in ihrer Nähe gewesen, und nach Xandras Reaktion war ziemlich eindeutig, dass sie seine Gegenwart inzwischen als belastend empfand. Ich konnte ihr das zumindest in diesem Moment nicht verdenken. Nach ihrem Geständnis war vermutlich jeder zusätzliche Besucher das Letzte, was sie gebrauchen konnte.
Vanu stand bereits auf. Valentina folgte ihr, ohne dass eine von beiden ein Wort sagen musste. Sie gingen zu Xandra und führten sie ruhig in ein anderes Zimmer. Diesmal nahmen sie nicht den Raum, in dem Marteena verborgen war. Ich war ihnen dafür dankbar. Es wäre kaum noch erklärbar gewesen, wenn sich dort plötzlich zwei Personen getroffen hätten, wobei eine ausgerechnet vor Xandra versteckt worden war.
Xandra verschwand mit Vanu hinter der zweiten Tür. Kurz darauf hörte ich das leise Einrasten der Tür. Ich blieb allein im Wohnbereich zurück und sah auf die Eingangstür. Hinter einer Tür wartete Marteena, zu der Valentina gegangen war. Hinter einer anderen Xandra, die mit Vanu wartete. Vor mir stand Valen. Und im Kinderzimmer dieses Quartiers schliefen noch immer Asahi und Hoshiko, völlig ahnungslos davon, dass sich der ruhige Morgen ihrer Eltern gerade in eine Situation verwandelt hatte, für die mir jede politische Erfahrung dieser Galaxie nutzlos erschien. Ich strich mir über das Gesicht, stand auf und ging zur Tür. Langsam begann ich zu glauben, dass dieser Morgen noch sehr lang werden würde.
Ich hatte inzwischen das Gefühl, dass mein Quartier an diesem Morgen zu einem Sammelpunkt für Menschen geworden war, die einander möglichst nicht begegnen sollten. Ich ließ Valen eintreten und schloss hinter ihm die Tür. Sein Blick wanderte kurz durch den Wohnbereich, blieb an mir hängen und ging dann weiter. Ich konnte nicht erkennen, ob ihm etwas ungewöhnlich vorkam. Vanu war nicht zu sehen. Valentina ebenfalls nicht. Das war vermutlich besser so. Dass sich zwei Frauen in zwei verschiedenen Zimmern versteckten, wobei eine von der Anwesenheit der anderen nichts wissen durfte, war ohnehin schon absurd genug. Dass es sich bei einer davon um Xandra handelte und bei der anderen um Marteena, machte die Sache nicht gerade einfacher.
Valen blieb einige Schritte von mir entfernt stehen und sah mich ernst an. Seine Haltung war ruhig, doch sein Gesicht zeigte eine Konzentration, die ich von ihm kannte. Er hatte offensichtlich etwas Bestimmtes auf dem Herzen. „Grau-dono, ich würde gerne unter vier Augen mit Ihnen sprechen.“
Ich sah ihn einen Moment lang an. Unter vier Augen. Ich hätte beinahe gelacht. Nicht, weil ich seine Bitte nicht ernst nahm, sondern weil mir beim besten Willen kein Ort einfiel, an dem sie sich gerade erfüllen ließ. Vanu war bei Xandra geblieben. Valentina hatte nach Marteena gesehen. Wenn ich jetzt eine der beiden holen ließ, konnte ich damit genau das Problem erzeugen, das ich gerade unbedingt vermeiden wollte. Ein anderes Zimmer vorzuschlagen, hätte ebenfalls bedeutet, eine Erklärung dafür liefern zu müssen, warum wir den Wohnbereich verlassen sollten. Und diese Erklärung besaß ich nicht.
Ich deutete schließlich auf die Sitzgruppe. „Setz Sie sich. Wir können hier sprechen.“
Valen nickte und nahm Platz. Ich setzte mich ihm gegenüber, während ich gleichzeitig versuchte, nicht zur Tür des Zimmers zu sehen, in dem Xandra verborgen war. Noch weniger wollte ich an die andere Tür denken. Ich hatte das ungute Gefühl, dass dieses Gespräch ohnehin schwierig genug werden würde, ohne dass ich erklären musste, warum mein Quartier plötzlich über mehr verschlossene Türen verfügte als gewöhnlich.
Valen begann ohne weitere Umschweife. Seine Stimme blieb ruhig, beinahe sachlich, doch bereits die ersten Worte ließen mich aufmerksamer werden. „Ich bin Torus Onkel.“
Ich brauchte einen Moment, um die Information einzuordnen. Mein Blick blieb auf seinem Gesicht liegen. Ich kannte Toru zwar nicht besonders gut, aber um zu wissen, dass seine Familie aus mehr Personen bestehen musste, wie beispielsweise Xandra und Lilandra, war mir durchaus bewusst. Trotzdem hatte ich nicht erwartet, ausgerechnet hier und jetzt einen weiteren Teil dieser Geschichte präsentiert zu bekommen. Valen wartete nicht darauf, dass ich eine Frage stellte. Er begann einfach zu erzählen.
Vor mehr als fünfzehn Jahren, sagte er, hätten Toru und er gemeinsam im solaraischen Freiwilligen Corps gedient. Der Name war mir unbekannt, deswegen erklärte Valen den Charakter dieser Organisation genauer. Sie umfasste zwar eine militärische Grundausbildung, war aber keineswegs ausschließlich eine militärische Einrichtung. Vieles drehte sich um Pionierarbeit, Forschung und wissenschaftliche Aufgaben. Solaraner, die dort dienten, mussten lernen, sich in unbekannten Umgebungen zu bewegen, technische und wissenschaftliche Probleme unter schwierigen Bedingungen zu lösen und notfalls auch mit den Gefahren fremder Welten umzugehen.
Ich hörte aufmerksam zu. Valens Blick war während seiner Erzählung nicht auf mich gerichtet, sondern irgendwo knapp an mir vorbei, als würde er in Erinnerungen suchen. Ich sagte nichts. Je länger er sprach, desto deutlicher wurde mir, dass diese Geschichte für ihn nicht einfach eine Aneinanderreihung alter Ereignisse war. Er erzählte mir von Toru in einer Zeit, in der der junge Aldrianer von den neuen Verbindungen zum Commonwealth begeistert gewesen war. Offenbar war er damit nicht allein gewesen. Viele junge Aldrianer hatten die Öffnung als Chance betrachtet. Nach einer langen Phase der Isolation erschien das Commonwealth wie ein riesiger Raum voller Möglichkeiten. Neue Welten, neue Spezies, neue Ökosysteme, neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Valen dagegen hatte diese Entwicklung mit größerer Vorsicht betrachtet. Er gehörte einer älteren Generation an, die die Isolation Solaras noch selbst gekannt hatte. Gleichzeitig hatte er auch die Öffnung und die Verbindung zum Commonwealth miterlebt. Er war deshalb nicht grundsätzlich gegen Veränderung gewesen, doch seine Haltung war von einer alten aldrianischen Überzeugung geprägt.
„Das All ist feindlich. Schutz hat Vorrang vor Expansion.“ Valen sagte den Satz ohne Pathos. Gerade deshalb blieb er mir im Gedächtnis. Ich verstand inzwischen, warum er so vorsichtig wirkte, ohne verschlossen zu sein. Er war kein Aldrianer, der jede Öffnung ablehnte. Er wollte nur, dass diejenigen, die hinausgingen, verstanden, was sie damit riskierten.
Genau deshalb habe er Toru gewarnt, als dieser die Gelegenheit bekam, ins Commonwealth zu fliegen. Besonders die aldrianische Biologie bereitete ihm Sorgen. Aldrianer waren an ihre eigene Umwelt angepasst, und eine Anpassung an andere Ökologien konnte schwierig und langwierig sein. Ein Aufenthalt in einer fremden Biosphäre war nicht einfach mit einem Ortswechsel gleichzusetzen. Der Körper musste sich anpassen, und das brauchte Zeit.
Valen hatte Toru außerdem darauf hingewiesen, dass er Xandra nicht allein lassen sollte. Bei diesem Namen veränderte sich etwas in seinem Gesicht. Nur geringfügig, aber ich bemerkte es. Seine Stimme wurde weicher, als er von Xandra sprach. Damals sei sie noch ein kleines Kind gewesen. Toru habe sie trotzdem mitnehmen wollen. Ich runzelte die Stirn. Valen erklärte mir, dass Toru dafür sogar einen Plan gehabt habe. Er wollte Xandra mit ins Commonwealth nehmen. Für Toru schien das damals die beste Lösung zu sein. Seine Arbeit im Freiwilligen Corps hatte ihn immer wieder für längere Zeit von seiner Familie getrennt, und Xandra wollte bei ihrem Vater sein. Für ein Kind, das seinen Vater regelmäßig über längere Zeit nicht sah, war dieser Wunsch nachvollziehbar. Doch Xandras Mutter, Lilandra Darlian, habe sich geweigert. Valen sprach ihren Namen mit einer Selbstverständlichkeit aus, die mich kurz innehalten ließ. Natürlich kannte ich Lilandra. Sie war Xandras Mutter und Torus Frau gewesen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits den Posten der Außenministerin des Solara-Systems inne. Ihre Position und ihre Verantwortung machten die Entscheidung vermutlich noch schwerwiegender. Toru hatte sich davon nicht abbringen lassen. Er habe versucht, Xandra mitzunehmen. Valen verwendete nicht direkt das Wort Entführung, doch seine Schilderung ließ wenig Raum für eine andere Interpretation. Er wollte Xandra gegen den Willen ihrer Mutter mitnehmen. Valen hatte versucht, ihn davon abzubringen. Er hatte ihm erklärt, dass er diesen Schritt bereuen könnte, dass er damit seine Familie zerstören würde und dass er Xandra nicht einfach aus ihrer Heimat reißen konnte. Trotzdem hatte Valen ihm ein Fluchtschiff organisiert. Ich sah ihn bei diesen Worten länger an. Er bemerkte meinen Blick.
„Ich war dagegen. Aber ich habe ihn nicht aufgehalten.“
Seine Stimme klang nüchtern, doch ich konnte darin etwas erkennen, das wie Bedauern wirkte. Er habe nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Er wollte Toru die Flucht nicht erleichtern, aber er hatte ihm letztlich die Möglichkeit dazu gegeben. Für Valen war das offenbar eine Entscheidung, über die er auch Jahre später noch nachdachte.
Toru wurde von Lilandra erwischt. Damit war die Ehe beendet. Lilandra verhängte ein Kontaktverbot zu Xandra und verwies Toru aus dem Solara-System. Er musste alleine fliegen. Valen sprach diese Ereignisse ohne Übertreibung aus, doch gerade die nüchterne Art machte die Geschichte schwerer. Ich stellte mir unwillkürlich das Bild eines kleinen Kindes vor, das seinen Vater begleiten wollte, einer Mutter, die das verhindern musste, und eines Mannes, der überzeugt gewesen war, ausgerechnet durch diesen Schritt das Richtige für seine Tochter zu tun. Ich sagte nichts. Valen fuhr fort. Er selbst hatte Xandra damals nur als Baby gekannt. Trotzdem war sie ihm offenbar sofort ans Herz gewachsen. Später habe er sie nur aus der Ferne beobachtet. Nachdem Toru verschwunden war, hatte Valen eine Entscheidung getroffen, die mir fast noch überraschender erschien als die Geschichte selbst. Er bewarb sich als Bediensteter in der Darlian-Dynastie. Dabei verschleierte und verschwieg er seine Herkunft. Ich hob leicht die Augenbrauen. Er hatte also jahrelang in der Nähe von Xandra gelebt, ohne ihr zu sagen, wer er war. Nicht als Onkel, nicht als Teil von Torus Familie, sondern als jemand, der offiziell eine völlig andere Stellung hatte. Ich fragte mich, wie oft er Xandra wohl gesehen hatte, ohne dass sie auch nur ahnte, wer vor ihr stand.
Dann kam Valen auf Toru zu sprechen. Nach seinem Verschwinden verlor sich seine Spur. Lange Zeit wusste offenbar niemand genau, was mit ihm geschehen war. Erst später wurde entdeckt, wie knapp Toru dem Tod entkommen war. Er war mit seinem Schiff durch unterschiedlichste Biosphären gereist und hatte sich immer wieder neuen Umgebungen ausgesetzt. Genau das, wovor Valen ihn gewarnt hatte. Das Problem war nicht, dass Toru fremde Welten besucht hatte. Das Problem war, dass er nie lange genug blieb, um sich an eine Umgebung vollständig zu akklimatisieren. Valen beschrieb es als eine stetige Belastung für seinen Körper. Neue Atmosphären, neue Umweltbedingungen, neue biologische Einflüsse und immer wieder die nächste Reise. Toru habe seine körperlichen Symptome durchaus bemerkt, aber sich selbst gegenüber heruntergespielt. Er wollte weiter. Immer weiter. Neue Orte sehen, neue Dinge erforschen, neue Welten kennenlernen. Vielleicht, so vermutete Valen, war darin auch der Versuch verborgen gewesen, nicht über Xandra nachdenken zu müssen. Ich wusste nicht, ob das tatsächlich Torus Motivation gewesen war. Valen konnte es ebenfalls nicht sicher wissen. Er formulierte es vorsichtig, eher als eine Möglichkeit, die ihm im Nachhinein plausibel erschien. Aber der Gedanke blieb bei mir hängen. Toru hatte seine Familie verloren und war danach immer weiter gereist. Schließlich war sein Körper nicht mehr in der Lage gewesen, mitzuhalten. Während einer Reise zu einem neuen Ziel kollabierte er an Bord seines Schiffes. Danach hätten die Sohnen ihn gerettet. Valen wusste selbst nicht alle Einzelheiten, doch was er mir erzählen konnte, reichte aus, um das Bild zu vervollständigen. Die Sohnen handelten im Auftrag der Ancients. Sie retteten Toru und machten ihn schließlich zum Wächter des Sonnensystems President's End, das inzwischen Rhea hieß.
Ich saß ihm gegenüber und schwieg. Die Geschichte veränderte mein Bild von Toru nicht vollständig, aber sie fügte ihm eine Seite hinzu, die ich bisher nicht gekannt hatte. Der Toru, den ich erlebt hatte, war für mich der rätselhafte Mann gewesen, der über Dinge wusste, die weit außerhalb meiner Vorstellung lagen, und der trotzdem Entscheidungen traf, die oft erstaunlich persönlich wirkten. Nun wusste ich zumindest, dass hinter seiner Geschichte nicht nur die Ancients, die Sohnen und seine Aufgabe als Wächter standen. Es gab eine Familie. Eine Ehe. Eine Tochter. Eine Trennung. Und einen Mann, der offenbar versucht hatte, seine Schuld und seinen Verlust in immer neuen Reisen zu ertränken.
Valen lehnte sich etwas zurück. Für einen Moment sah er zur Tür, dann wieder zu mir. „Xandra weiß nichts davon.“
Valen sprach weiter und machte deutlich, dass sie weder von ihrer Verwandtschaft mit ihm wusste noch von der gemeinsamen Vergangenheit zwischen ihm und Toru. Sie wusste nichts von seiner Rolle beim Fluchtversuch, nichts von seiner Herkunft und nichts von den Umständen, unter denen Toru Solara verlassen hatte.
Ich sah zur Tür des Zimmers, hinter der Xandra verborgen war. Nur wenige Schritte trennten uns. Und plötzlich erschien mir die verschlossene Tür nicht mehr wie eine bloße praktische Lösung für ein kompliziertes Gespräch. Dahinter befand sich eine Frau, die gerade erst erfahren hatte, dass ihre Gefühle für mich etwas waren, mit dem sie selbst nicht umzugehen wusste. Sie wusste nicht, dass der Mann, der vermutlich seit Jahren in ihrer Nähe gewesen war, der Onkel ihres Vaters war. Ich lehnte mich langsam zurück und ließ die Luft aus meinen Lungen entweichen. Für einen Moment wusste ich nicht, was schwerer wog: das, was ich gerade erfahren hatte, oder das Wissen, dass Xandra davon eigentlich nichts wissen sollte, aber wahrscheinlich mitgehört hatte.
Valen schwieg einen Augenblick, nachdem er seine Erzählung beendet hatte. Ich bemerkte, wie sein Blick kurz zur geschlossenen Tür des Zimmers wanderte, in dem Vanu bei Xandra geblieben war. Dann sah er wieder mich an. Sein Gesicht wirkte nachdenklicher als zuvor, und die Spannung um seine leuchtend grauen Augen verriet mir, dass ihn die Geschichte selbst mehr beschäftigte, als er es bisher gezeigt hatte. Im Hintergrund summten leise die Lebenserhaltung und die technischen Systeme des Quartiers. Durch die großen Fenster fiel gedämpftes Licht in den Raum und legte helle Streifen auf den Boden, während die Geräusche des morgendlichen Altrix Nova kaum bis hierher drangen.
Valen verschränkte die Hände hinter dem Rücken und atmete langsam aus. Seine Haltung war noch immer gerade, doch die Sicherheit, mit der er kurz zuvor gesprochen hatte, war einer gewissen Unsicherheit gewichen. "Ich weiß nicht, ob ich es Xandra sagen soll."
Ich sah ihn fragend an. Nach allem, was er mir gerade erzählt hatte, war mir durchaus klar, warum er zögerte. Er hatte jahrzehntelang geschwiegen, seine Herkunft verborgen und Xandra nur aus der Entfernung beobachtet. Nun stand er plötzlich vor der Möglichkeit, ihr zu erzählen, dass er nicht irgendein alter Bekannter ihres Vaters war, sondern Torus Onkel und damit Teil ihrer eigenen Familiengeschichte.
Valen fuhr sich langsam mit einer Hand über das Kinn. "Oder ob es eine schlechte Idee wäre."
Ich lehnte mich etwas zurück und betrachtete ihn. Seine Stimme klang nicht nach Angst vor einer möglichen Reaktion. Eher nach der Sorge, mit einer Wahrheit, die er selbst so lange zurückgehalten hatte, noch mehr Schaden anzurichten. "Mir ist aufgefallen, dass sich meine Beziehung zu ihr in letzter Zeit sehr verschlechtert hat."
Ich sagte zunächst nichts. Das war schwer zu übersehen gewesen. Xandra hatte schon bei Valens Erscheinen eine Reaktion gezeigt, die weit über gewöhnliche Abneigung hinausging. Seine bloße Anwesenheit hatte genügt, um sie nervös werden zu lassen. Ich wusste allerdings nicht, wie viel davon auf seine ständige Nähe, wie viel auf ihre gemeinsame Vergangenheit und wie viel auf Dinge zurückging, die ich noch immer nicht kannte.
Valen senkte den Blick. "Ich würde das gern wieder verbessern."
Seine Worte blieben einen Moment zwischen uns stehen. Ich wollte gerade antworten, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung bemerkte. Mein Blick wanderte zur Seite, und mir blieb beinahe die Luft weg. Xandra stand im Türrahmen. Ich wusste nicht, wie lange sie dort bereits gestanden hatte. Vanu war nur als Schemen hinter ihr zu sehen, und die Tür stand so weit offen, dass ich den dunkleren Raum dahinter erkennen konnte. Xandra hatte eine Hand am Türrahmen liegen. Ihr Gesicht war vollkommen angespannt. Ihre grün leuchtenden Augen lagen auf Valen, und in ihrem Blick lag etwas, das ich nicht eindeutig einordnen konnte. Enttäuschung, Wut und etwas Verletztes lagen so dicht beieinander, dass ich keine klare Grenze dazwischen erkennen konnte.
Valen drehte sich zu ihr um.
Xandra sah ihn nur einen Augenblick an. "Nicht mehr nötig."
Ihre Stimme war leise, aber jedes einzelne Wort war deutlich zu verstehen. Dann stieß sie sich vom Türrahmen ab und ging los. Nicht langsam, nicht zögernd. Sie stürmte aus dem Quartier, so schnell, dass ich nur noch das kurze Echo ihrer Schritte auf dem Boden hörte.
Valen reagierte sofort. Er setzte sich in Bewegung und folgte ihr mit schnellen Schritten. "Xandra!"
Ich blieb sitzen und sah den beiden hinterher. Noch bevor ich wirklich begriffen hatte, was gerade passiert war, war Valen ebenfalls durch die Tür verschwunden. Für einen kurzen Moment lag eine merkwürdige Stille über dem Quartier. Ich hörte nur die gedämpften Geräusche des Korridors und das gleichmäßige Summen der technischen Systeme.
Dann kam ein schlurfendes Geräusch aus dem anderen Zimmer. Ich drehte den Kopf. Marteena erschien im Türrahmen. Sie sah aus, als hätte sie in den vergangenen Minuten derart unter Spannung gestanden, als ihr Zustand ohnehin vermuten ließ. Ihre Bewegungen waren langsam und schwerfällig. Hinter ihr folgte Valentina, die sie offenbar bis hierher begleitet hatte. Marteenas Blick ging sofort in meine Richtung. Für einen kurzen Moment sah sie mich einfach nur an. Dann verengten sich ihre Augen. Sie ging an mir vorbei.
Als sie auf gleicher Höhe mit mir war, blieb sie kurz stehen und sah mich finster an. "Ich werde um Xandra kämpfen!"
Ich kam nicht einmal dazu, darauf zu reagieren. Marteena setzte ihren Weg fort und verschwand ebenfalls aus dem Quartier. Ich hörte ihre Schritte im Korridor, die sich langsam entfernten. Dann schloß sich die Tür mit einem Zischen. Ich blieb davor stehen. Für einige Sekunden sagte niemand etwas. Schließlich lehnte ich mich mit dem Rücken gegen die geschlossene Tür. Das kühle Material drückte durch meine Kleidung gegen meinen Rücken. Ich schloss die Augen und hob beide Hände an mein Gesicht. Mit Daumen und Zeigefinger massierte ich mir die Nasenwurzel. Hinter meinen geschlossenen Lidern flimmerten die letzten Minuten noch einmal vor meinem inneren Auge auf. Valens Geschichte. Xandra im Türrahmen. Ihre Worte. Ihr Ausbruch. Valens Verfolgung. Marteenas Erklärung, dass sie um Xandra kämpfen würde. Ich atmete langsam durch die Nase ein und wieder aus. Der Druck hinter meiner Stirn nahm dadurch nicht ab.
"Schmerztabletten?" Valentinas Stimme kam von meiner Seite. Ich öffnete die Augen ein Stück und sah sie an. Sie stand nur wenige Schritte entfernt und betrachtete mich mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Besorgnis und kaum unterdrücktem Amüsement lag.
"Unbedingt."
Ich ließ mich langsam an der Tür hinunterrutschen. Mein Rücken glitt an dem Material entlang, bis ich schließlich auf dem Boden saß. Ich streckte die Beine ein wenig aus und ließ den Kopf gegen die Tür sinken. Vanu kam ohne ein Wort zu mir. Ich bemerkte sie erst richtig, als sie sich neben mich setzte. Dann legte sie ihren rechten Arm um mich und lehnte ihren Kopf gegen meine linke Schulter. Ihre Wärme drang durch den Stoff meiner Kleidung, und für einen Moment war allein diese vertraute Nähe angenehm beruhigend. Ich schloss wieder die Augen.
"Mit dir wird es nie langweilig."
Ich schnaubte nur. Mehr fiel mir dazu beim besten Willen nicht ein.

