[EX16] Isekai no Xistence

Hier könnt ihr eure FanFictions, aber auch eure eigenen Prosas reinstellen.
Benutzeravatar
Tom
Gründer
Gründer
Beiträge: 4110
Registriert: Fr 17. Jan 2014, 19:39
Wohnort: Bavaria
Kontaktdaten:

Re: [EX16] Isekai no Xistence

Beitrag von Tom »

Bild

Kapitel 98 - Offenbarungen

Der Morgen auf Altrix Nova hatte diese seltene Ruhe, die sich beinahe künstlich anfühlte, wenn ich daran dachte, wie viel Unruhe außerhalb unseres Quartiers auf mich wartete. Hinter dem großen Aussichtsfenster zog Monarch in weiter Entfernung seine Bahn durch das System. Sein Licht lag gedämpft auf den glatten Flächen der Wohnmodule und ließ die Scheiben unserer Einrichtung einen warmen Schimmer annehmen. Die beiden Sonnen standen noch nicht hoch genug über Trantor, um das Licht des Gasriesen vollständig zu verdrängen, und irgendwo tief in den Wänden summten die Lebenserhaltungssysteme mit ihrem gleichmäßigen, kaum wahrnehmbaren Grundton. Asahi und Hoshiko schliefen noch. Allein dieser Umstand machte den Morgen bereits ungewöhnlich friedlich. Ich saß mit einer Tasse Tee am Tisch und hielt beide Hände um das warme Gefäß. Keffa hatte ich gar nicht erst angerührt. Vanu und Valentina liebten das Zeug, aber mein Magen hatte seine Meinung dazu nie geändert. Tee war für mich die deutlich angenehmere Lösung.
Der Türsummer durchbrach die Ruhe so unvermittelt, dass ich unwillkürlich innehielt. Vanu hob den Kopf, Valentina sah von ihrem Platz aus zur Tür, und für einen Moment sagte niemand etwas. Der Blick, den wir drei wechselten, war beinahe derselbe. Wer sollte um diese Uhrzeit etwas von uns wollen? Ich stellte die Tasse ab und aktivierte mit einer kleinen Handbewegung die Überwachung. Das Bild der Eingangskamera erschien auf der Wandfläche neben dem Tisch. Vor unserer Tür stand Marteena Somers. Kurze blonde Haare, die Hände vor dem Körper ineinandergelegt, die Schultern etwas angespannter als gewöhnlich. Sie sah nicht aus, als wäre sie wegen einer politischen Angelegenheit gekommen. Das beruhigte mich einerseits, machte mich andererseits neugierig. Nach allem, was in den vergangenen Tagen und Stunden passiert war, hatte ich mir angewöhnt, bei jedem unerwarteten Besuch zunächst mit dem Schlimmsten zu rechnen. Diesmal wirkte das Bild vor mir allerdings beinahe harmlos. Ich stand auf und ging zur Tür. Das leise Geräusch meiner Schritte auf dem Boden vermischte sich mit dem Summen der Station, bevor ich die Verriegelung löste und die Tür öffnete. Marteena sah auf und lächelte sofort freundlich, wenn auch ein wenig verlegen.
„Guten Morgen, Grau-san. Entschuldigen Sie bitte die frühe Störung.“ Ihre Stimme klang ruhig, doch ich bemerkte, wie ihre Finger sich ineinander verhakten und wieder lösten. Ich trat zur Seite und gab ihr den Weg frei.
„Guten Morgen. Komm herein.“
Marteena bedankte sich leise und trat ein. Ihr Blick wanderte kurz durch den Wohnbereich, dann blieb er an Vanu und Valentina hängen. Beide begrüßten sie freundlich, und ich schloss hinter ihr die Tür. Für einen Augenblick stand Marteena einfach da, als hätte sie den eigentlichen Grund ihres Besuches auf dem Weg hierher mehrfach geprobt und nun vergessen, wie man damit begann. Ich setzte mich wieder an den Tisch und deutete auf einen freien Platz. Sie nahm ihn, blieb aber ungewöhnlich steif sitzen.
„Was führt dich so früh zu uns?“
Marteena sah mich an. Dann auf ihre Hände. Sie knetete ihre Finger so intensiv, dass ich beinahe glaubte, sie würde sich gleich selbst die Hände zerdrücken. Schließlich holte sie tief Luft. „Es ist mir etwas peinlich, aber ich möchte mehr über Xandra erfahren.“
Da lag also der Hund begraben. Ich musste mich beherrschen, nicht sofort zu grinsen. Nicht, weil ich Marteena auslachen wollte, sondern weil sich in meinem Kopf mehrere kleine Puzzleteile plötzlich zusammenfügten. Sie hatte irgendwann einmal beiläufig erwähnt, dass sie und Xandra ein Paar gewesen waren. Damals hatte ich dem keine besondere Bedeutung beigemessen. Inzwischen war es allerdings kaum noch zu übersehen. Marteena suchte auffällig oft Xandras Nähe. Wenn sie mit ihr sprach, versuchte sie die Unterhaltung immer wieder in eine bestimmte Richtung zu lenken. Und jedes Mal, wenn das Gespräch einen Punkt erreichte, an dem es persönlich werden konnte, schien Xandra entweder nichts zu bemerken oder mit bemerkenswerter Geschicklichkeit auszuweichen.
Ich sah kurz zu meinen beiden Frauen. Vanu hatte die Lippen fest zusammengepresst, um ein Grinsen zu unterdrücken. Valentina sah demonstrativ in ihre Tasse, doch ihre Mundwinkel verrieten sie ebenfalls. Ich wusste genau, warum sie beide so aussahen. Ich war als politischer Verhandler, Unternehmer und Diplomat vielleicht nicht völlig nutzlos, aber wenn es um romantische Angelegenheiten anderer Leute ging, war meine Erfolgsbilanz eher überschaubar. Ich öffnete bereits den Mund, um Marteena zu fragen, was genau sie über Xandra wissen wollte. Ich hatte noch nicht einmal entschieden, wo ich anfangen sollte, als der Türsummer erneut ertönte.
Wir alle sahen zur Tür. Ich schloss für einen Moment die Augen. Natürlich. Mit einer kurzen Handbewegung rief ich erneut das Überwachungsbild auf. Diesmal musste ich nicht lange überlegen. Vor der Tür stand Xandra.
Hinter mir hörte ich, wie Marteena scharf die Luft einzog. „Verdammt.“
Ich sah zu ihr. Ihr Gesicht war innerhalb eines Augenblicks deutlich röter geworden. Sie hatte sich halb von ihrem Stuhl erhoben und blickte zur Tür, als könnte sie allein durch ihren Blick verhindern, dass sie sich öffnete.
„Ich möchte hier nicht von Xandra erwischt werden.“
Vanu war bereits aufgestanden. Valentina folgte ihr mit einem Ausdruck, der verriet, dass beide die Situation mindestens genauso amüsant fanden wie ich. Ohne viele Worte gingen sie zu Marteena. Vanu legte ihr eine Hand an den Arm und deutete in Richtung des angrenzenden Zimmers. Marteena sah erst Vanu, dann Valentina und schließlich mich an. Für einen Moment schien sie überlegen zu wollen, ob sie protestieren sollte. Dann gab sie auf und ließ sich von den beiden Frauen mitnehmen. Ihre Schritte waren hastig, und kurz bevor sie hinter der Tür des anderen Zimmers verschwand, warf sie mir noch einen flehenden Blick zu. Ich musste wieder an mich halten. Die Tür zu unserem Wohnbereich blieb hinter den beiden Frauen geschlossen. Im Quartier war es plötzlich auffallend still. Nur das gleichmäßige Summen der Station und das leise Klirren meiner Teetasse auf dem Tisch waren noch zu hören. Dann betätigte ich den Türöffner. Xandra stand vor mir und sah mich mit ihrem vertrauten, ruhigen Blick an. Ich kannte diesen Blick inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie vermutlich keine Ahnung hatte, was sich gerade wenige Schritte hinter mir abspielte.
Ich trat zur Seite. „Guten Morgen, Xandra. Komm herein.“
Xandra nickte und betrat das Quartier. Ich schloss die Tür hinter ihr und spürte dabei bereits, wie mir ein unangenehmes Gefühl zwischen Belustigung und Hilflosigkeit in den Nacken kroch. Ich hatte Kriege überstanden, politische Krisen überlebt, Terraformer verteidigt und eine neue Regierung auf die Beine gestellt. Trotzdem war ich mir ziemlich sicher, dass nichts davon mich auf das vorbereitete, was nun vermutlich auf mich zukam. Denn ich hatte noch immer keine Ahnung, wie man jemandem romantische Ratschläge gab. Und jetzt saß eine ehemalige Geliebte von Xandra im Nebenzimmer, während diese direkt vor mir stand.
Die Minuten vergingen quälend langsam. Nachdem Vanu und Valentina Marteena im Nebenraum untergebracht hatten, kehrten beide nicht gleichzeitig zurück. Erst kam Vanu wieder, einige Zeit später Valentina. Beide verhielten sich dabei so selbstverständlich, als wäre nichts Ungewöhnliches geschehen. Xandra schien das tatsächlich nicht verdächtig zu finden. Sie konnte von ihrem Platz aus nicht in das Zimmer sehen, und offenbar hatte sie keinen Grund, sich über die getrennten Rückkehrzeiten Gedanken zu machen. Ich war mir allerdings ziemlich sicher, dass Marteena jedes Wort mithörte. Die Wände waren zwar nicht dünn, aber innerhalb unseres Quartiers war es still genug, dass eine angespannte Person im Nebenraum vermutlich jedes etwas lautere Gespräch verfolgen konnte. Allein der Gedanke daran machte die ohnehin schon merkwürdige Situation noch schwieriger.
Xandra saß mir gegenüber und wirkte zunehmend nervös. Ihre Haltung war angespannt, ihre Hände lagen zunächst auf ihren Oberschenkeln, wanderten dann aber immer wieder zueinander, bis ihre Finger sich ineinander verschränkten. Mehrmals setzte sie an zu sprechen und hielt wieder inne. Ich kannte sie inzwischen gut genug, um zu merken, dass sie mit etwas rang, das ihr ausgesprochen schwerfiel. Dabei erinnerte ich mich unwillkürlich an die Momente, in denen sie mich aus Versehen als ihren Vater bezeichnet hatte. Das war nicht nur beim ersten Treffen geschehen. Es war ihr später noch einige Male herausgerutscht, meist in Situationen, in denen sie nicht darüber nachzudenken schien. Ich hatte mich irgendwann gefragt, warum. Die offensichtlichen Unterschiede zwischen Toru und mir waren schließlich nicht zu übersehen. Toru hatte lange silberblonde Haare und grüne Augen, während meine Haare kurz und schwarz waren und meine Augen blaugrün. Trotzdem hatte Xandra selbst immer wieder betont, dass wir uns nicht nur äußerlich, sondern auch in unserem Charakter ähnelten. Damals hatte ich das als ihre persönliche Wahrnehmung betrachtet. Jetzt begann ich zu ahnen, dass mehr dahinterstecken könnte.
Ich sah zu Vanu und Valentina. Beide hatten Xandra aufmerksam im Blick. Vanu saß etwas zurückgelehnt da und beobachtete sie mit einem Ausdruck, den ich nur schwer deuten konnte. Valentina dagegen wirkte beinahe amüsiert, obwohl auch sie nichts sagte. Ich kannte meine beiden Frauen gut genug, um zu erkennen, dass sie offenbar bereits eine Vorstellung davon hatten, wohin dieses Gespräch führen würde. Vanu schüttelte kaum merklich den Kopf. Valentina verdrehte für einen kurzen Moment die Augen. Ich sah zwischen ihnen und Xandra hin und her und fragte mich, was mir entging. Je länger Xandra um das eigentliche Thema herumredete, desto stärker wurde mein Eindruck, dass sie selbst nicht wusste, wie sie anfangen sollte. Sie sprach über ihre Vergangenheit, über Toru, darüber, wie sie mich kennengelernt hatte und wie sich ihre Sicht auf mich verändert hatte. Ich hörte ihr zu, doch in meinem Kopf blieb ständig dieselbe Frage hängen: Worauf wollte sie hinaus?
Schließlich konnte ich es nicht mehr ertragen und vergrub mein Gesicht in beiden Händen. Nicht aus Verzweiflung über Xandra, sondern weil ich inzwischen beinahe körperlich spürte, dass dieses Gespräch auf etwas Persönliches hinauslief und ich trotzdem nicht wusste, wie ich es einordnen sollte. Meine Finger lagen an meinen Schläfen, während ich versuchte, die einzelnen Aussagen zusammenzufügen. Xandra hatte Toru für tot gehalten. Das war mir bekannt. Wenn man den Vater verloren glaubte und dann plötzlich jemandem begegnete, der einem in gewisser Weise an ihn erinnerte, konnte das offenbar etwas auslösen. Trotzdem verstand ich noch immer nicht, was sie mir eigentlich sagen wollte. Ich hob den Kopf wieder und sah sie an.
Xandra atmete tief durch. Ihre Schultern hoben und senkten sich langsam. Dann sah sie mir direkt in die Augen. Ihre Stimme war leiser geworden. Ich ließ die Hände sinken und wartete. Neben mir hörte ich, wie Vanu sich etwas auf ihrem Sitz bewegte. Valentina blieb vollkommen still. Ich hatte mittlerweile das Gefühl, dass selbst die Geräusche der Station leiser geworden waren, obwohl ich genau wusste, dass nur meine Aufmerksamkeit eine andere geworden war.
Xandra senkte den Blick. „Als ich dich kennengelernt habe, habe ich in dir eine Vaterfigur gesehen.“
Ich sagte nichts. Die Worte trafen mich nicht völlig unerwartet, weil ich inzwischen verstanden hatte, warum sie mich gelegentlich mit Toru verwechselt hatte. Trotzdem war es etwas anderes, es direkt aus ihrem Mund zu hören. Ich erinnerte mich daran, wie verwirrend ihr Verhalten mir gegenüber anfangs gewirkt hatte. Jetzt ergab zumindest ein Teil davon einen Sinn. Toru war für sie tot gewesen. Dann war er plötzlich wieder aufgetaucht, und damit hatte sich vermutlich auch ihr Bild von mir verändert.
Xandra rieb nervös ihre Hände aneinander. „Ich habe Toru bis dahin für tot gehalten. Und dann ist er plötzlich wieder aufgetaucht. Kurz vor Starlights Konzert in Novum Nadiria.“
Ich nickte langsam. Ich wusste noch genau, was dieser Moment für sie bedeutet hatte. Trotzdem wartete ich darauf, dass sie endlich zum eigentlichen Grund ihres Besuches kam. Je länger sie sprach, desto deutlicher wurde mir, dass sie um etwas herumredete. Sie baute ihre Erklärung sorgfältig auf, machte immer wieder Umwege und kehrte zu Dingen zurück, die ich längst verstanden hatte. Ich sah kurz zu Vanu. Sie schüttelte erneut den Kopf. Valentina verdrehte wieder die Augen und verschränkte die Arme. Offenbar wussten die beiden bereits, worauf das hinauslief. Ich war der Einzige, der noch im Nebel stand.
Xandra hob schließlich wieder den Blick. Ihr Gesicht war gerötet, und ich konnte sehen, wie schwer ihr die nächsten Worte fielen. Ich wusste nicht, ob ich sie ermutigen oder ihr lieber noch etwas Zeit lassen sollte. Also sagte ich nichts. Ich wartete einfach. Dann kam es. „Ich habe mich in dich verliebt, Tori.“
Für einige Herzschläge konnte ich überhaupt nicht reagieren. Ich starrte Xandra an, während mein Verstand versuchte, die Worte mit dem zusammenzubringen, was ich bisher verstanden hatte. Neben mir blieb es vollkommen still. Ich hörte nur das tiefe, gleichmäßige Summen der Station und irgendwo in der technischen Infrastruktur ein kaum wahrnehmbares Schalten eines Relais.
Mein erster Gedanke war nicht einmal, was ich darauf antworten sollte. Mein erster Gedanke war Marteena. Ich wartete förmlich darauf, dass aus dem Nebenraum ein entrüsteter Schrei kam. Ich stellte mir bereits vor, wie die Tür aufgerissen wurde, Marteena herausgestürmt kam und uns beide mit Vorwürfen überschüttete. Nach allem, was ich über ihre frühere Beziehung zu Xandra wusste und nach dem, was ich an diesem Morgen erlebt hatte, erschien mir das beinahe zwangsläufig. Doch nichts geschah. Kein Schrei. Keine aufgerissene Tür. Keine wütenden Schritte. Nur Stille. Eine viel zu ruhige Stille. Ich sah unwillkürlich zur Tür des Nebenraums. Sie blieb geschlossen. Mein Blick wanderte zurück zu Xandra, die noch immer vor mir saß und offensichtlich auf meine Reaktion wartete. Ich wusste beim besten Willen nicht, was ich sagen sollte. Eine politische Krise hätte ich leichter analysieren können. Ein militärischer Konflikt hätte wenigstens klare Parameter gehabt. Aber das hier war etwas, bei dem jede Antwort Konsequenzen für Menschen haben konnte, die mir wichtig waren.
Dann ertönte erneut der Türsummer. Ich zuckte beinahe zusammen. Vanu und Valentina sahen ebenfalls zur Tür. Xandra fuhr herum, und in ihrem Gesicht erschien augenblicklich derselbe Ausdruck, den Marteena wenige Minuten zuvor getragen hatte. Ich aktivierte die Überwachung und sah auf die Anzeige. Valen.
Xandra stieß hörbar die Luft aus und schloss für einen Moment die Augen. „Verdammt.“ Ich musste unwillkürlich an Marteena denken. Offenbar war sie nicht die Einzige, die an diesem Morgen Besuch von einer Person vermeiden wollte. Xandra erhob sich hastig. Ihre Nervosität war nun deutlich stärker als zuvor. Sie sah zur Tür und dann zu mir. „Ich will ihn jetzt nicht sehen.“
Ich kannte Valen als ihren ständigen Begleiter. Er war fast immer in ihrer Nähe gewesen, und nach Xandras Reaktion war ziemlich eindeutig, dass sie seine Gegenwart inzwischen als belastend empfand. Ich konnte ihr das zumindest in diesem Moment nicht verdenken. Nach ihrem Geständnis war vermutlich jeder zusätzliche Besucher das Letzte, was sie gebrauchen konnte.
Vanu stand bereits auf. Valentina folgte ihr, ohne dass eine von beiden ein Wort sagen musste. Sie gingen zu Xandra und führten sie ruhig in ein anderes Zimmer. Diesmal nahmen sie nicht den Raum, in dem Marteena verborgen war. Ich war ihnen dafür dankbar. Es wäre kaum noch erklärbar gewesen, wenn sich dort plötzlich zwei Personen getroffen hätten, wobei eine ausgerechnet vor Xandra versteckt worden war.
Xandra verschwand mit Vanu hinter der zweiten Tür. Kurz darauf hörte ich das leise Einrasten der Tür. Ich blieb allein im Wohnbereich zurück und sah auf die Eingangstür. Hinter einer Tür wartete Marteena, zu der Valentina gegangen war. Hinter einer anderen Xandra, die mit Vanu wartete. Vor mir stand Valen. Und im Kinderzimmer dieses Quartiers schliefen noch immer Asahi und Hoshiko, völlig ahnungslos davon, dass sich der ruhige Morgen ihrer Eltern gerade in eine Situation verwandelt hatte, für die mir jede politische Erfahrung dieser Galaxie nutzlos erschien. Ich strich mir über das Gesicht, stand auf und ging zur Tür. Langsam begann ich zu glauben, dass dieser Morgen noch sehr lang werden würde.

Ich hatte inzwischen das Gefühl, dass mein Quartier an diesem Morgen zu einem Sammelpunkt für Menschen geworden war, die einander möglichst nicht begegnen sollten. Ich ließ Valen eintreten und schloss hinter ihm die Tür. Sein Blick wanderte kurz durch den Wohnbereich, blieb an mir hängen und ging dann weiter. Ich konnte nicht erkennen, ob ihm etwas ungewöhnlich vorkam. Vanu war nicht zu sehen. Valentina ebenfalls nicht. Das war vermutlich besser so. Dass sich zwei Frauen in zwei verschiedenen Zimmern versteckten, wobei eine von der Anwesenheit der anderen nichts wissen durfte, war ohnehin schon absurd genug. Dass es sich bei einer davon um Xandra handelte und bei der anderen um Marteena, machte die Sache nicht gerade einfacher.
Valen blieb einige Schritte von mir entfernt stehen und sah mich ernst an. Seine Haltung war ruhig, doch sein Gesicht zeigte eine Konzentration, die ich von ihm kannte. Er hatte offensichtlich etwas Bestimmtes auf dem Herzen. „Grau-dono, ich würde gerne unter vier Augen mit Ihnen sprechen.“
Ich sah ihn einen Moment lang an. Unter vier Augen. Ich hätte beinahe gelacht. Nicht, weil ich seine Bitte nicht ernst nahm, sondern weil mir beim besten Willen kein Ort einfiel, an dem sie sich gerade erfüllen ließ. Vanu war bei Xandra geblieben. Valentina hatte nach Marteena gesehen. Wenn ich jetzt eine der beiden holen ließ, konnte ich damit genau das Problem erzeugen, das ich gerade unbedingt vermeiden wollte. Ein anderes Zimmer vorzuschlagen, hätte ebenfalls bedeutet, eine Erklärung dafür liefern zu müssen, warum wir den Wohnbereich verlassen sollten. Und diese Erklärung besaß ich nicht.
Ich deutete schließlich auf die Sitzgruppe. „Setz Sie sich. Wir können hier sprechen.“
Valen nickte und nahm Platz. Ich setzte mich ihm gegenüber, während ich gleichzeitig versuchte, nicht zur Tür des Zimmers zu sehen, in dem Xandra verborgen war. Noch weniger wollte ich an die andere Tür denken. Ich hatte das ungute Gefühl, dass dieses Gespräch ohnehin schwierig genug werden würde, ohne dass ich erklären musste, warum mein Quartier plötzlich über mehr verschlossene Türen verfügte als gewöhnlich.
Valen begann ohne weitere Umschweife. Seine Stimme blieb ruhig, beinahe sachlich, doch bereits die ersten Worte ließen mich aufmerksamer werden. „Ich bin Torus Onkel.“
Ich brauchte einen Moment, um die Information einzuordnen. Mein Blick blieb auf seinem Gesicht liegen. Ich kannte Toru zwar nicht besonders gut, aber um zu wissen, dass seine Familie aus mehr Personen bestehen musste, wie beispielsweise Xandra und Lilandra, war mir durchaus bewusst. Trotzdem hatte ich nicht erwartet, ausgerechnet hier und jetzt einen weiteren Teil dieser Geschichte präsentiert zu bekommen. Valen wartete nicht darauf, dass ich eine Frage stellte. Er begann einfach zu erzählen.
Vor mehr als fünfzehn Jahren, sagte er, hätten Toru und er gemeinsam im solaraischen Freiwilligen Corps gedient. Der Name war mir unbekannt, deswegen erklärte Valen den Charakter dieser Organisation genauer. Sie umfasste zwar eine militärische Grundausbildung, war aber keineswegs ausschließlich eine militärische Einrichtung. Vieles drehte sich um Pionierarbeit, Forschung und wissenschaftliche Aufgaben. Solaraner, die dort dienten, mussten lernen, sich in unbekannten Umgebungen zu bewegen, technische und wissenschaftliche Probleme unter schwierigen Bedingungen zu lösen und notfalls auch mit den Gefahren fremder Welten umzugehen.
Ich hörte aufmerksam zu. Valens Blick war während seiner Erzählung nicht auf mich gerichtet, sondern irgendwo knapp an mir vorbei, als würde er in Erinnerungen suchen. Ich sagte nichts. Je länger er sprach, desto deutlicher wurde mir, dass diese Geschichte für ihn nicht einfach eine Aneinanderreihung alter Ereignisse war. Er erzählte mir von Toru in einer Zeit, in der der junge Aldrianer von den neuen Verbindungen zum Commonwealth begeistert gewesen war. Offenbar war er damit nicht allein gewesen. Viele junge Aldrianer hatten die Öffnung als Chance betrachtet. Nach einer langen Phase der Isolation erschien das Commonwealth wie ein riesiger Raum voller Möglichkeiten. Neue Welten, neue Spezies, neue Ökosysteme, neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Valen dagegen hatte diese Entwicklung mit größerer Vorsicht betrachtet. Er gehörte einer älteren Generation an, die die Isolation Solaras noch selbst gekannt hatte. Gleichzeitig hatte er auch die Öffnung und die Verbindung zum Commonwealth miterlebt. Er war deshalb nicht grundsätzlich gegen Veränderung gewesen, doch seine Haltung war von einer alten aldrianischen Überzeugung geprägt.
„Das All ist feindlich. Schutz hat Vorrang vor Expansion.“ Valen sagte den Satz ohne Pathos. Gerade deshalb blieb er mir im Gedächtnis. Ich verstand inzwischen, warum er so vorsichtig wirkte, ohne verschlossen zu sein. Er war kein Aldrianer, der jede Öffnung ablehnte. Er wollte nur, dass diejenigen, die hinausgingen, verstanden, was sie damit riskierten.
Genau deshalb habe er Toru gewarnt, als dieser die Gelegenheit bekam, ins Commonwealth zu fliegen. Besonders die aldrianische Biologie bereitete ihm Sorgen. Aldrianer waren an ihre eigene Umwelt angepasst, und eine Anpassung an andere Ökologien konnte schwierig und langwierig sein. Ein Aufenthalt in einer fremden Biosphäre war nicht einfach mit einem Ortswechsel gleichzusetzen. Der Körper musste sich anpassen, und das brauchte Zeit.
Valen hatte Toru außerdem darauf hingewiesen, dass er Xandra nicht allein lassen sollte. Bei diesem Namen veränderte sich etwas in seinem Gesicht. Nur geringfügig, aber ich bemerkte es. Seine Stimme wurde weicher, als er von Xandra sprach. Damals sei sie noch ein kleines Kind gewesen. Toru habe sie trotzdem mitnehmen wollen. Ich runzelte die Stirn. Valen erklärte mir, dass Toru dafür sogar einen Plan gehabt habe. Er wollte Xandra mit ins Commonwealth nehmen. Für Toru schien das damals die beste Lösung zu sein. Seine Arbeit im Freiwilligen Corps hatte ihn immer wieder für längere Zeit von seiner Familie getrennt, und Xandra wollte bei ihrem Vater sein. Für ein Kind, das seinen Vater regelmäßig über längere Zeit nicht sah, war dieser Wunsch nachvollziehbar. Doch Xandras Mutter, Lilandra Darlian, habe sich geweigert. Valen sprach ihren Namen mit einer Selbstverständlichkeit aus, die mich kurz innehalten ließ. Natürlich kannte ich Lilandra. Sie war Xandras Mutter und Torus Frau gewesen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits den Posten der Außenministerin des Solara-Systems inne. Ihre Position und ihre Verantwortung machten die Entscheidung vermutlich noch schwerwiegender. Toru hatte sich davon nicht abbringen lassen. Er habe versucht, Xandra mitzunehmen. Valen verwendete nicht direkt das Wort Entführung, doch seine Schilderung ließ wenig Raum für eine andere Interpretation. Er wollte Xandra gegen den Willen ihrer Mutter mitnehmen. Valen hatte versucht, ihn davon abzubringen. Er hatte ihm erklärt, dass er diesen Schritt bereuen könnte, dass er damit seine Familie zerstören würde und dass er Xandra nicht einfach aus ihrer Heimat reißen konnte. Trotzdem hatte Valen ihm ein Fluchtschiff organisiert. Ich sah ihn bei diesen Worten länger an. Er bemerkte meinen Blick.
„Ich war dagegen. Aber ich habe ihn nicht aufgehalten.“
Seine Stimme klang nüchtern, doch ich konnte darin etwas erkennen, das wie Bedauern wirkte. Er habe nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Er wollte Toru die Flucht nicht erleichtern, aber er hatte ihm letztlich die Möglichkeit dazu gegeben. Für Valen war das offenbar eine Entscheidung, über die er auch Jahre später noch nachdachte.
Toru wurde von Lilandra erwischt. Damit war die Ehe beendet. Lilandra verhängte ein Kontaktverbot zu Xandra und verwies Toru aus dem Solara-System. Er musste alleine fliegen. Valen sprach diese Ereignisse ohne Übertreibung aus, doch gerade die nüchterne Art machte die Geschichte schwerer. Ich stellte mir unwillkürlich das Bild eines kleinen Kindes vor, das seinen Vater begleiten wollte, einer Mutter, die das verhindern musste, und eines Mannes, der überzeugt gewesen war, ausgerechnet durch diesen Schritt das Richtige für seine Tochter zu tun. Ich sagte nichts. Valen fuhr fort. Er selbst hatte Xandra damals nur als Baby gekannt. Trotzdem war sie ihm offenbar sofort ans Herz gewachsen. Später habe er sie nur aus der Ferne beobachtet. Nachdem Toru verschwunden war, hatte Valen eine Entscheidung getroffen, die mir fast noch überraschender erschien als die Geschichte selbst. Er bewarb sich als Bediensteter in der Darlian-Dynastie. Dabei verschleierte und verschwieg er seine Herkunft. Ich hob leicht die Augenbrauen. Er hatte also jahrelang in der Nähe von Xandra gelebt, ohne ihr zu sagen, wer er war. Nicht als Onkel, nicht als Teil von Torus Familie, sondern als jemand, der offiziell eine völlig andere Stellung hatte. Ich fragte mich, wie oft er Xandra wohl gesehen hatte, ohne dass sie auch nur ahnte, wer vor ihr stand.
Dann kam Valen auf Toru zu sprechen. Nach seinem Verschwinden verlor sich seine Spur. Lange Zeit wusste offenbar niemand genau, was mit ihm geschehen war. Erst später wurde entdeckt, wie knapp Toru dem Tod entkommen war. Er war mit seinem Schiff durch unterschiedlichste Biosphären gereist und hatte sich immer wieder neuen Umgebungen ausgesetzt. Genau das, wovor Valen ihn gewarnt hatte. Das Problem war nicht, dass Toru fremde Welten besucht hatte. Das Problem war, dass er nie lange genug blieb, um sich an eine Umgebung vollständig zu akklimatisieren. Valen beschrieb es als eine stetige Belastung für seinen Körper. Neue Atmosphären, neue Umweltbedingungen, neue biologische Einflüsse und immer wieder die nächste Reise. Toru habe seine körperlichen Symptome durchaus bemerkt, aber sich selbst gegenüber heruntergespielt. Er wollte weiter. Immer weiter. Neue Orte sehen, neue Dinge erforschen, neue Welten kennenlernen. Vielleicht, so vermutete Valen, war darin auch der Versuch verborgen gewesen, nicht über Xandra nachdenken zu müssen. Ich wusste nicht, ob das tatsächlich Torus Motivation gewesen war. Valen konnte es ebenfalls nicht sicher wissen. Er formulierte es vorsichtig, eher als eine Möglichkeit, die ihm im Nachhinein plausibel erschien. Aber der Gedanke blieb bei mir hängen. Toru hatte seine Familie verloren und war danach immer weiter gereist. Schließlich war sein Körper nicht mehr in der Lage gewesen, mitzuhalten. Während einer Reise zu einem neuen Ziel kollabierte er an Bord seines Schiffes. Danach hätten die Sohnen ihn gerettet. Valen wusste selbst nicht alle Einzelheiten, doch was er mir erzählen konnte, reichte aus, um das Bild zu vervollständigen. Die Sohnen handelten im Auftrag der Ancients. Sie retteten Toru und machten ihn schließlich zum Wächter des Sonnensystems President's End, das inzwischen Rhea hieß.
Ich saß ihm gegenüber und schwieg. Die Geschichte veränderte mein Bild von Toru nicht vollständig, aber sie fügte ihm eine Seite hinzu, die ich bisher nicht gekannt hatte. Der Toru, den ich erlebt hatte, war für mich der rätselhafte Mann gewesen, der über Dinge wusste, die weit außerhalb meiner Vorstellung lagen, und der trotzdem Entscheidungen traf, die oft erstaunlich persönlich wirkten. Nun wusste ich zumindest, dass hinter seiner Geschichte nicht nur die Ancients, die Sohnen und seine Aufgabe als Wächter standen. Es gab eine Familie. Eine Ehe. Eine Tochter. Eine Trennung. Und einen Mann, der offenbar versucht hatte, seine Schuld und seinen Verlust in immer neuen Reisen zu ertränken.
Valen lehnte sich etwas zurück. Für einen Moment sah er zur Tür, dann wieder zu mir. „Xandra weiß nichts davon.“
Valen sprach weiter und machte deutlich, dass sie weder von ihrer Verwandtschaft mit ihm wusste noch von der gemeinsamen Vergangenheit zwischen ihm und Toru. Sie wusste nichts von seiner Rolle beim Fluchtversuch, nichts von seiner Herkunft und nichts von den Umständen, unter denen Toru Solara verlassen hatte.
Ich sah zur Tür des Zimmers, hinter der Xandra verborgen war. Nur wenige Schritte trennten uns. Und plötzlich erschien mir die verschlossene Tür nicht mehr wie eine bloße praktische Lösung für ein kompliziertes Gespräch. Dahinter befand sich eine Frau, die gerade erst erfahren hatte, dass ihre Gefühle für mich etwas waren, mit dem sie selbst nicht umzugehen wusste. Sie wusste nicht, dass der Mann, der vermutlich seit Jahren in ihrer Nähe gewesen war, der Onkel ihres Vaters war. Ich lehnte mich langsam zurück und ließ die Luft aus meinen Lungen entweichen. Für einen Moment wusste ich nicht, was schwerer wog: das, was ich gerade erfahren hatte, oder das Wissen, dass Xandra davon eigentlich nichts wissen sollte, aber wahrscheinlich mitgehört hatte.

Valen schwieg einen Augenblick, nachdem er seine Erzählung beendet hatte. Ich bemerkte, wie sein Blick kurz zur geschlossenen Tür des Zimmers wanderte, in dem Vanu bei Xandra geblieben war. Dann sah er wieder mich an. Sein Gesicht wirkte nachdenklicher als zuvor, und die Spannung um seine leuchtend grauen Augen verriet mir, dass ihn die Geschichte selbst mehr beschäftigte, als er es bisher gezeigt hatte. Im Hintergrund summten leise die Lebenserhaltung und die technischen Systeme des Quartiers. Durch die großen Fenster fiel gedämpftes Licht in den Raum und legte helle Streifen auf den Boden, während die Geräusche des morgendlichen Altrix Nova kaum bis hierher drangen.
Valen verschränkte die Hände hinter dem Rücken und atmete langsam aus. Seine Haltung war noch immer gerade, doch die Sicherheit, mit der er kurz zuvor gesprochen hatte, war einer gewissen Unsicherheit gewichen. "Ich weiß nicht, ob ich es Xandra sagen soll."
Ich sah ihn fragend an. Nach allem, was er mir gerade erzählt hatte, war mir durchaus klar, warum er zögerte. Er hatte jahrzehntelang geschwiegen, seine Herkunft verborgen und Xandra nur aus der Entfernung beobachtet. Nun stand er plötzlich vor der Möglichkeit, ihr zu erzählen, dass er nicht irgendein alter Bekannter ihres Vaters war, sondern Torus Onkel und damit Teil ihrer eigenen Familiengeschichte.
Valen fuhr sich langsam mit einer Hand über das Kinn. "Oder ob es eine schlechte Idee wäre."
Ich lehnte mich etwas zurück und betrachtete ihn. Seine Stimme klang nicht nach Angst vor einer möglichen Reaktion. Eher nach der Sorge, mit einer Wahrheit, die er selbst so lange zurückgehalten hatte, noch mehr Schaden anzurichten. "Mir ist aufgefallen, dass sich meine Beziehung zu ihr in letzter Zeit sehr verschlechtert hat."
Ich sagte zunächst nichts. Das war schwer zu übersehen gewesen. Xandra hatte schon bei Valens Erscheinen eine Reaktion gezeigt, die weit über gewöhnliche Abneigung hinausging. Seine bloße Anwesenheit hatte genügt, um sie nervös werden zu lassen. Ich wusste allerdings nicht, wie viel davon auf seine ständige Nähe, wie viel auf ihre gemeinsame Vergangenheit und wie viel auf Dinge zurückging, die ich noch immer nicht kannte.
Valen senkte den Blick. "Ich würde das gern wieder verbessern."
Seine Worte blieben einen Moment zwischen uns stehen. Ich wollte gerade antworten, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung bemerkte. Mein Blick wanderte zur Seite, und mir blieb beinahe die Luft weg. Xandra stand im Türrahmen. Ich wusste nicht, wie lange sie dort bereits gestanden hatte. Vanu war nur als Schemen hinter ihr zu sehen, und die Tür stand so weit offen, dass ich den dunkleren Raum dahinter erkennen konnte. Xandra hatte eine Hand am Türrahmen liegen. Ihr Gesicht war vollkommen angespannt. Ihre grün leuchtenden Augen lagen auf Valen, und in ihrem Blick lag etwas, das ich nicht eindeutig einordnen konnte. Enttäuschung, Wut und etwas Verletztes lagen so dicht beieinander, dass ich keine klare Grenze dazwischen erkennen konnte.
Valen drehte sich zu ihr um.
Xandra sah ihn nur einen Augenblick an. "Nicht mehr nötig."
Ihre Stimme war leise, aber jedes einzelne Wort war deutlich zu verstehen. Dann stieß sie sich vom Türrahmen ab und ging los. Nicht langsam, nicht zögernd. Sie stürmte aus dem Quartier, so schnell, dass ich nur noch das kurze Echo ihrer Schritte auf dem Boden hörte.
Valen reagierte sofort. Er setzte sich in Bewegung und folgte ihr mit schnellen Schritten. "Xandra!"
Ich blieb sitzen und sah den beiden hinterher. Noch bevor ich wirklich begriffen hatte, was gerade passiert war, war Valen ebenfalls durch die Tür verschwunden. Für einen kurzen Moment lag eine merkwürdige Stille über dem Quartier. Ich hörte nur die gedämpften Geräusche des Korridors und das gleichmäßige Summen der technischen Systeme.
Dann kam ein schlurfendes Geräusch aus dem anderen Zimmer. Ich drehte den Kopf. Marteena erschien im Türrahmen. Sie sah aus, als hätte sie in den vergangenen Minuten derart unter Spannung gestanden, als ihr Zustand ohnehin vermuten ließ. Ihre Bewegungen waren langsam und schwerfällig. Hinter ihr folgte Valentina, die sie offenbar bis hierher begleitet hatte. Marteenas Blick ging sofort in meine Richtung. Für einen kurzen Moment sah sie mich einfach nur an. Dann verengten sich ihre Augen. Sie ging an mir vorbei.
Als sie auf gleicher Höhe mit mir war, blieb sie kurz stehen und sah mich finster an. "Ich werde um Xandra kämpfen!"
Ich kam nicht einmal dazu, darauf zu reagieren. Marteena setzte ihren Weg fort und verschwand ebenfalls aus dem Quartier. Ich hörte ihre Schritte im Korridor, die sich langsam entfernten. Dann schloß sich die Tür mit einem Zischen. Ich blieb davor stehen. Für einige Sekunden sagte niemand etwas. Schließlich lehnte ich mich mit dem Rücken gegen die geschlossene Tür. Das kühle Material drückte durch meine Kleidung gegen meinen Rücken. Ich schloss die Augen und hob beide Hände an mein Gesicht. Mit Daumen und Zeigefinger massierte ich mir die Nasenwurzel. Hinter meinen geschlossenen Lidern flimmerten die letzten Minuten noch einmal vor meinem inneren Auge auf. Valens Geschichte. Xandra im Türrahmen. Ihre Worte. Ihr Ausbruch. Valens Verfolgung. Marteenas Erklärung, dass sie um Xandra kämpfen würde. Ich atmete langsam durch die Nase ein und wieder aus. Der Druck hinter meiner Stirn nahm dadurch nicht ab.
"Schmerztabletten?" Valentinas Stimme kam von meiner Seite. Ich öffnete die Augen ein Stück und sah sie an. Sie stand nur wenige Schritte entfernt und betrachtete mich mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Besorgnis und kaum unterdrücktem Amüsement lag.
"Unbedingt."
Ich ließ mich langsam an der Tür hinunterrutschen. Mein Rücken glitt an dem Material entlang, bis ich schließlich auf dem Boden saß. Ich streckte die Beine ein wenig aus und ließ den Kopf gegen die Tür sinken. Vanu kam ohne ein Wort zu mir. Ich bemerkte sie erst richtig, als sie sich neben mich setzte. Dann legte sie ihren rechten Arm um mich und lehnte ihren Kopf gegen meine linke Schulter. Ihre Wärme drang durch den Stoff meiner Kleidung, und für einen Moment war allein diese vertraute Nähe angenehm beruhigend. Ich schloss wieder die Augen.
"Mit dir wird es nie langweilig."
Ich schnaubte nur. Mehr fiel mir dazu beim besten Willen nicht ein.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

Bild

Benutzeravatar
Tom
Gründer
Gründer
Beiträge: 4110
Registriert: Fr 17. Jan 2014, 19:39
Wohnort: Bavaria
Kontaktdaten:

Re: [EX16] Isekai no Xistence

Beitrag von Tom »

Bild

Kapitel 99 - Die Zeit läuft ab

Die siebenundvierzig Stazuras waren abgelaufen. Ich bemerkte den Augenblick nicht an einem Signal oder einer dramatischen Veränderung meiner Umgebung. Kein Alarm ertönte, kein Licht wechselte seine Farbe, kein technisches System verkündete mir, dass die von Toru gesetzte Frist nun Geschichte war. Trotzdem fühlte sich der Moment schwer an. Ich saß still da und betrachtete die Anzeigen vor mir, während die Zahlen und Statusmeldungen auf den Bildflächen ihre nüchterne Sachlichkeit behielten. Für die anderen Sonnensysteme war lediglich Zeit vergangen. Für Rhea bedeutete das Ende der Frist etwas wesentlich Größeres. Toru hatte Rhea siebenundvierzig Stazuras gegeben. Diese Zeit war nun vorbei. Damit endete die Übergangsfrist, die er uns eingeräumt hatte, und ich konnte mich nicht länger damit beruhigen, dass uns noch Zeit blieb, die Entwicklung irgendwie aufzuhalten oder uns auf das Kommende vorzubereiten. Gleichzeitig war auch meine eigene politische Schonfrist abgelaufen. Die Befragungen, Verhandlungen und Diskussionen über meine Entscheidungen waren während dieser Zeit weitergelaufen. Eine endgültige Entscheidung über meine Amtsfähigkeit war trotzdem nicht gefallen.
Ich lehnte mich zurück und rieb mir mit einer Hand über das Gesicht. Es war eine seltsame Situation. Einerseits war ich Präsident von Rhea und hatte damit eine Verantwortung, der ich mich nicht einfach entziehen konnte. Andererseits wusste ich selbst nicht, ob ich dieses Amt nach den laufenden Verfahren überhaupt behalten würde. Ich hatte Entscheidungen getroffen, ohne eine vollständig gebildete Regierung hinter mir zu haben. Ich hatte in kürzester Zeit Schritte eingeleitet, die die politische Identität Rheas verändert hatten. Die Unabhängigkeitserklärung war dabei nur ein Teil gewesen. Dazu kamen die Terraformer, DECA und die Ereignisse, die schließlich dazu geführt hatten, dass Rhea überhaupt in den Mittelpunkt dieser Entwicklungen geraten war. Die Befragungen hatten inzwischen ein Bild ergeben, das deutlich komplizierter war als die ursprüngliche Darstellung des Notstands. Ich hatte lange angenommen, dass Stallers Vorgehen rechtlich eindeutig gewesen war. Nun wusste ich, dass das so nicht stimmte. Staller hatte als Kanzlerin von Vulcanus grundsätzlich das Recht gehabt, für Vulcanus und dessen unmittelbare Umgebung einen Notstand auszurufen. Vulcanus selbst, seine Umlaufbahn und die unmittelbar zugehörigen Bereiche lagen innerhalb dessen, was dieses Recht abdecken konnte. Das Problem begann dort, wo sich die Krise über diese Grenzen hinaus ausbreitete. Erst durch die Befragungen und die Aussagen der Zeugen war bekannt geworden, dass Akira Sora den Notstand als damals amtierender Systempräsident später systemweit erweitert hatte. Diese Information hatte die ursprüngliche rechtliche Bewertung erheblich verändert. Ich konnte mich deshalb nicht einfach darauf berufen, dass Staller einen systemweiten Notstand geschaffen hatte, für den sie keine Befugnis besessen hätte. Ein Teil dessen, was zunächst wie ein klarer Rechtsbruch ausgesehen hatte, war bei genauerer Betrachtung durch die damalige Erweiterung des Systempräsidenten gedeckt gewesen. Das bedeutete allerdings nicht, dass meine eigenen Entscheidungen dadurch automatisch gerechtfertigt waren. Genau darin lag für mich das eigentliche Problem. Die Tatsache, dass ein Teil der ursprünglichen Voraussetzungen anders bewertet werden musste, machte meine Handlungen nicht rückwirkend rechtmäßig. Ich hatte trotzdem eigenmächtig gehandelt. Ich hatte Entscheidungen getroffen, während die politische Struktur Rheas noch gar nicht vollständig stand. Und ich hatte damit eine Entwicklung ausgelöst oder zumindest beschleunigt, deren Folgen inzwischen weit über das hinausgingen, was ich anfangs hatte überblicken können.
Ich ließ den Blick über die Anzeigen wandern. Die Zahlen vor mir wirkten plötzlich beinahe belanglos. Viel wichtiger war die Frage, was als Nächstes geschehen würde. Rhea stand unmittelbar vor einer grundlegenden Veränderung seiner Stellung im Sprungtornetzwerk. Torus Frist war nicht einfach eine politische Frist gewesen. Mit ihrem Ablauf rückte die von ihm angekündigte Neuordnung unmittelbar näher. Und damit stellte sich zwangsläufig eine andere Frage. Wie viel davon war eigentlich meine Schuld? Ich lehnte mich wieder zurück und schloss für einen Moment die Augen. Ich konnte mich noch an die einzelnen Entscheidungen erinnern. Die Terraformer nach Rhea zu bringen, hatte Aufmerksamkeit erzeugt. DECA nach Rhea zu holen, hatte weitere Entwicklungen ausgelöst. Die Unabhängigkeitserklärung hatte den politischen Status des Systems verändert. Jede einzelne Entscheidung hatte zum jeweiligen Zeitpunkt ihre Gründe gehabt. Trotzdem konnte ich nicht ignorieren, dass sich daraus eine Kette von Ereignissen gebildet hatte, an deren Ende Rhea nun vor einer Herauslösung aus dem Commonwealth-Sprungtornetzwerk stand. Ob meine Entscheidungen diese Entwicklung verursacht hatten, wusste ich nicht. Ob sie sie beschleunigt hatten, wusste ich ebenfalls nicht. Vielleicht waren sie nur zeitlich mit etwas zusammengefallen, das ohnehin geschehen wäre. Der Gedanke beruhigte mich nicht. Denn genau das war der Punkt, an dem ich keine Antwort hatte. Ich wusste nicht, welche Bedeutung meine Handlungen für die Entscheidung der Ancients gehabt hatten. Ich wusste nicht, ob sie überhaupt eine Bedeutung gehabt hatten. Ich konnte nur die zeitliche Abfolge betrachten und feststellen, dass sich vieles verändert hatte, nachdem ich begonnen hatte, Entscheidungen zu treffen. Mehr ließ sich daraus nicht ableiten.
Ich öffnete die Augen wieder. Die Anzeigen vor mir hatten sich während meiner Überlegungen kaum verändert. Das war beinahe beruhigend. Technik war wenigstens ehrlich. Sie zeigte einen Zustand an, unabhängig davon, ob ich mit diesem Zustand zufrieden war. Bei der politischen Situation war das anders. Die vorherrschende Meinung aus den Befragungen war deutlich gewesen. Nach allem, was ich gehört hatte, war man überwiegend der Auffassung, dass ich mich mit meinen eigenmächtigen Entscheidungen zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte. Ich konnte diese Einschätzung nicht einfach als unbegründet abtun. Ich hatte tatsächlich gehandelt, bevor eine vollständig gebildete Regierung existierte. Ich hatte Entscheidungen getroffen, die nicht nur meine eigene Position, sondern die politische Zukunft eines ganzen Systems betrafen. Trotzdem war noch keine endgültige Entscheidung über meine Amtsenthebung gefallen. Das Verfahren war kompliziert. Die neuen Erkenntnisse über Stallers Notstand mussten berücksichtigt werden. Die Aussagen der Zeugen mussten eingeordnet werden. Und gleichzeitig stand Rhea unmittelbar vor einer Veränderung, deren Ausmaß niemand zuverlässig einschätzen konnte. Eine Entscheidung über meine politische Zukunft zu treffen, während sich die Grundlage der politischen Ordnung selbst veränderte, war entsprechend schwierig. Ich konnte nicht behaupten, dass mich das beruhigte. Aber ich war auch nicht unglücklich darüber, dass man noch keine endgültige Entscheidung getroffen hatte. Solange sie offen war, blieb zumindest die Möglichkeit bestehen, dass ich meine Verantwortung für Rhea weiterhin wahrnehmen konnte. Gleichzeitig wusste ich, dass dieses Offenbleiben kein Freibrief war. Wenn die kommenden Ereignisse etwas zeigten, das meine bisherige Rolle anders bewertbar machte, würde sich auch meine politische Situation entsprechend verändern.
Ich sah erneut auf die Zeitangabe. Siebenundvierzig Stazuras waren vorbei. Damit gab es für Rhea keine von Toru gewährte Übergangsfrist mehr. Und auch meine eigene Schonfrist war beendet. Was bisher noch wie eine bevorstehende Entwicklung gewirkt hatte, war nun Gegenwart. Ich atmete langsam aus und ließ die Hände auf der Tischplatte liegen. Das Material fühlte sich kühl und glatt unter meinen Handflächen an. Für einen Moment hörte ich nur das leise Summen der Systeme und das kaum wahrnehmbare Vibrieren der technischen Anlagen unter mir. Dann richtete ich mich auf. Ich wusste nicht, wie die Ancients entschieden hatten. Ich wusste nicht, welchen Einfluss meine Entscheidungen tatsächlich auf diese Entwicklung gehabt hatten. Ich wusste nicht, ob ich Präsident von Rhea bleiben würde. Aber ich wusste, dass die Zeit des Wartens vorbei war. Und diesmal würde ich nicht so tun können, als hätte ich noch siebenundvierzig Stazuras Zeit.

Die ersten Abschiede kamen leiser, als ich erwartet hatte. Keine großen Zeremonien, keine langen Reden und keine politische Inszenierung. Stattdessen standen irgendwann Gepäckstücke in den Gängen, Frachtdaten wurden bestätigt, persönliche Sachen verschwanden aus Quartieren und Büros, und immer häufiger sah ich Lebewesen, die ich inzwischen kannte, mit einem letzten Blick auf Rhea zurückblicken. Mir war zunächst gar nicht bewusst gewesen, wie sehr ich mich an ihre Anwesenheit gewöhnt hatte. Erst als die vertrauten Gesichter weniger wurden, begann ich zu begreifen, dass die bevorstehende Neuordnung nicht nur auf Karten und in Sprungtorprotokollen stattfinden würde.
Martin Van Count war einer der Ersten, mit denen ich mich persönlich verabschiedete. Mari Shishido stand neben ihm, während Martin noch einmal seine letzten Sachen kontrollierte. Es wirkte beinahe wie eine gewöhnliche Abreise, und genau das machte den Moment für mich so eigenartig. Zwischen uns war kein Streit, keine Anklage und keine politische Feindschaft. Martin hatte schließlich erreicht, dass Mari mit ihm nach Argon Prime zurückkehrte. Seine große Familie dort war für ihn ein entscheidender Grund, und ich konnte verstehen, warum er nicht einfach darauf verzichten wollte. Mari hatte zwar außerhalb von Martin keine eigene Familie mehr, aber Martin hatte ihr deutlich gemacht, dass die Van Counts inzwischen auch ihre Familie waren. Sie würde auf Argon Prime nicht allein sein. Ich sah die beiden eine Weile an und musste daran denken, wie viele Entscheidungen inzwischen auf etwas so Grundlegendem hinausliefen. Familie. Nähe. Die Möglichkeit, diejenigen zu sehen, die einem wichtig waren. Wir hatten über politische Systeme, Sprungtore, Unabhängigkeit, Sicherheit und die Ancients gesprochen. Jetzt stand vor mir ein Mann, der Rhea verließ, weil seine Familie auf der anderen Seite des bisherigen Netzwerks lebte.
Martin trat schließlich einen Schritt auf mich zu. "Pass auf dich auf, Tori."
Ich erwiderte seinen Blick und nickte. "Du auch. Und grüß deine Familie von mir."
Mari lächelte schwach. Es war kein glückliches Lächeln, aber auch kein trauriges. Eher eines, in dem sich die Unsicherheit über die Zukunft mit der Gewissheit mischte, dass ihre Entscheidung für sie richtig war. "Wir sehen uns wieder."
Ich hoffte, dass sie recht hatte. Ich wusste nur nicht, wann und unter welchen Umständen das sein würde. Trotzdem wollte ich mich an diesen Gedanken klammern. Ihr Abschied fühlte sich nicht wie ein Ende an. Eher wie das Auseinanderbrechen eines Weges, von dem ich bisher angenommen hatte, dass er einfach weitergehen würde.
Bei Tahl war es schwieriger. Ich fand ihn später bei den Vorbereitungen für die Abreise. Seine Familie war ebenfalls dabei, ihre Sachen zusammenzustellen. Ich kannte diesen Anblick inzwischen gut genug, um zu erkennen, dass es nicht nur um Gepäck ging. Es waren die kleinen Entscheidungen, die dabei besonders auffielen. Was blieb hier? Was musste mit? Was konnte zurückgelassen werden? Welche Dinge hatten an einem anderen Ort überhaupt noch Bedeutung? Tahl wirkte dabei ungewöhnlich still. Zwischen ihm und Gal hatte sich in der vergangenen Zeit so viel verändert, dass ich den Gedanken an ihren früheren Streit kaum noch mit dem verbinden konnte, was ich inzwischen zwischen ihnen sah. Sie hatten endlich Frieden miteinander geschlossen. Nicht auf einmal und nicht ohne Schwierigkeiten, aber die jahrelange Belastung zwischen den beiden war weitgehend verschwunden. Nun standen sie vor einer neuen Trennung, diesmal ohne Streit als Grund. Gal blieb bei mir in Rhea. Tahl ging mit seiner Familie nach Argon Prime. Ich wusste, dass ihm diese Entscheidung schwerfiel. Nicht nur wegen Gal. Auch unsere gemeinsame Arbeit hatte ihm etwas bedeutet, obwohl sie oft genug nervenzehrend und chaotisch gewesen war. Wir hatten uns gestritten, uns gegenseitig widersprochen und uns mehrfach in Situationen gebracht, in denen ich mich gefragt hatte, warum ich mir das überhaupt antat. Trotzdem war aus all dem eine Zusammenarbeit entstanden, die ich nicht einfach als berufliche Zweckgemeinschaft abtun konnte.
Tahl sah mich an. Für einen Moment sagte keiner von uns etwas. "Ich hätte nicht gedacht, dass mir das hier einmal fehlen würde."
Ich musste unwillkürlich kurz lächeln. "Mir wirst du wahrscheinlich fehlen."
Tahl schnaubte leise. "Das glaube ich dir erst, wenn du dich in ein paar Stunden nicht über mich beschwerst."
Ich lachte kurz auf. Es war ein kleines, trockenes Lachen, das viel schneller wieder verklang, als es gekommen war. Dann wurde mein Gesicht wieder ernst. "Pass auf deine Familie auf."
Sein Blick wanderte kurz zu Gal. Ich bemerkte, wie sich seine Gesichtszüge veränderten, als er sie ansah. Gal stand etwas abseits und erwiderte seinen Blick. Zwischen ihnen lag keine Feindseligkeit mehr. Auch keine der alten Spannungen, die ich früher so oft bemerkt hatte. Es war einfach der Blick zweier Lebewesen, die wussten, dass sie sich voneinander verabschieden mussten, ohne sich diesmal gegenseitig zu verlieren.
"Das werde ich."
Ich wusste nicht, was ich noch sagen sollte. Also reichte ich ihm die Hand. Tahl ergriff sie, und der feste Druck seiner Finger war für einen Moment das Einzige, was zwischen uns blieb. Danach zog er mich kurz an sich, klopfte mir einmal gegen den Rücken und trat wieder zurück. Ich sah ihm nach, als er zu seiner Familie zurückging. Gal blieb noch bei mir. Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust zusammenzog, doch ich sagte nichts. Diesmal musste niemand zwischen den beiden vermitteln. Tahl ging nicht, weil er mit Gal gebrochen hatte. Er ging, weil seine eigene Familie ihn nach Argon Prime zog. Gal blieb nicht, weil sie Tahl ablehnte. Sie hatte sich für Rhea entschieden. Das machte den Abschied leichter. Und gleichzeitig schwerer.
Kaguya gehörte ebenfalls zu den ersten, die Rhea verließen. Ihre Entscheidung hatte bereits festgestanden, bevor die letzten Stunden der Frist abgelaufen waren. Sie würde mit den Boronen weiterziehen. Ich wusste, dass ihre Entscheidung nichts mit einer Ablehnung meiner Person zu tun hatte. Sie hatte ihren eigenen Weg gewählt, und ich konnte ihn ihr nicht verdenken. Was mich dabei besonders traf, war die Tatsache, dass ihre Stimme hierbleiben würde. Ihre "Ode an den Kosmos" würde Rhea weiterhin begleiten. Das Lied, das inzwischen zu unserer Hymne geworden war, würde bleiben, während Kaguya selbst ging. Ich fand darin etwas beinahe Widersprüchliches. Ein Teil von ihr würde in Rhea bleiben, während sie selbst immer weiter von uns wegflog.
Nach ihr wurden es mehr. Zunächst nahm ich die Veränderungen nur einzeln wahr. Ein bekanntes Gesicht fehlte in einem Büro. Ein Quartier wurde geräumt. Ein Frachter hob ab. Eine Familie verschwand aus den Unterlagen eines Wohnbereichs. Dann sah ich die Abflüge nicht mehr als einzelne Ereignisse, sondern als Muster. Boronen gingen. Split gingen. Paraniden gingen. Teladi gingen. Auch bei den Aldrianern war die Entscheidung nicht einheitlich. Einige kehrten nach Solara zurück. Andere blieben. Marteena gehörte zu denen, die blieben. Ich wusste, dass ihre Entscheidung alles andere als sicher gewesen war. Nach allem, was zwischen ihr und Xandra geschehen war, konnte sie nicht wissen, ob Xandra ihr überhaupt eine zweite Chance geben würde. Trotzdem zog sie ein möglicherweise wieder isoliertes Solara nicht vor. Sie entschied sich dafür, in Xandras Nähe zu bleiben. Ich konnte nicht sagen, wie diese Geschichte enden würde. Aber ich sah, dass Marteena blieb. Mit jedem weiteren Abflug veränderte sich Rhea ein wenig. Es waren nicht nur die großen Bereiche des Systems, die sich veränderten. Es waren die kleinen Lücken dazwischen. Plätze, die plötzlich frei blieben. Stimmen, die nicht mehr durch Korridore hallten. Arbeitsplätze, an denen Geräte abgeschaltet wurden. Quartiere, deren Beleuchtung gelöscht blieb. Selbst die Wege durch die Anlagen wirkten anders, wenn bestimmte Lebewesen sie nicht mehr benutzten. Ich hatte bis dahin vor allem an die politischen Folgen gedacht. An die Sprungtore. An Torus Frist. An die Ancients. An meine eigene Zukunft als Präsident.
Doch irgendwann stand ich in einem Bereich der Universal Nourishment Organization und sah einer Gruppe von Mitarbeitern dabei zu, wie sie ihre letzten persönlichen Dinge aus einem Büro räumten. Da traf mich die wirtschaftliche Bedeutung mit einer Wucht, auf die ich nicht vorbereitet gewesen war. Die Universal Nourishment Organization war nicht dafür geschaffen worden, in einem isolierten Netzwerk zu existieren. Unsere Strukturen waren über Systeme hinweg gewachsen. Produktionsstandorte, Lieferanten, Rohstoffquellen, Handelswege, Absatzmärkte und Mitarbeiter waren miteinander verbunden. Ein weitreichendes Netz, das nur funktionierte, weil die Verbindungen zwischen den einzelnen Punkten existierten. Wenn diese Verbindungen wegfielen, würde nicht einfach nur der Handel schwieriger werden. Importe würden aufhören. Exporte würden aufhören. Lieferketten würden unterbrochen werden. Rohstoffe könnten nicht mehr eintreffen. Produktionsstandorte könnten ihre bisherigen Absatzmärkte verlieren. Mitarbeiter aus anderen Systemen würden nicht mehr ohne Weiteres zurückkehren können. Ganze Bereiche der UNO konnten ihre bisherige Funktion verlieren, obwohl die Anlagen selbst noch existierten. Ich blieb lange vor einer Anzeige stehen, auf der die verschiedenen Unternehmensbereiche aufgeführt waren. Zahlen und Verbindungen liefen über das Display, doch plötzlich sah ich darin nicht mehr nur Unternehmensstrukturen. Ich sah Abhängigkeiten. Und ich sah, wie viele davon außerhalb Rheas lagen. Die Vorstellung eines vollständigen Zusammenbruchs war naheliegend. Trotzdem zwang ich mich, diesen Gedanken nicht sofort als endgültige Wahrheit anzunehmen. Die UNO musste nicht vollständig verschwinden. Sie konnte kleiner werden. Sie konnte Produktionsstandorte aufgeben, Lieferketten innerhalb Rheas neu aufbauen und sich von ihrer bisherigen intersystemaren Struktur lösen. Der Konzern konnte sich radikal verändern und auf das reduzieren, was unter den neuen Bedingungen überhaupt noch möglich war. Eine Verschlankung. Eine Reorganisation. Vielleicht sogar ein kompletter Neuaufbau. Aber für diejenigen, deren Arbeitsplätze und Familien von den bisherigen Strukturen abhingen, machte es keinen großen Unterschied, ob ich das als Zusammenbruch oder als Reorganisation bezeichnete. Wenn der Arbeitsplatz verschwand, blieb er verschwunden.
Deshalb begann ich, Entscheidungen zu treffen. Die Leitung der UNO-Stellen außerhalb Rheas würde ich denjenigen übergeben, die Rhea verlassen mussten oder sich dafür entschieden hatten. Ich wollte nicht versuchen, alle Strukturen künstlich an Rhea zu binden, wenn die Verbindungen, auf denen sie bisher beruht hatten, bald nicht mehr existieren würden. Tahl sollte außerhalb Rheas die Leitung der Sustenance Security Agency übernehmen. Gal würde weiterhin die Sicherheitschefin in Rhea bleiben. Auf diese Weise würden die beiden nicht wieder voneinander getrennt, weil ihre Beziehung zerbrach. Sie würden lediglich an unterschiedlichen Orten Verantwortung übernehmen. Auch Martin und Mari wollte ich nicht einfach aus der Organisation verlieren. Die Exo-Harvest Corporation sollte außerhalb Rheas weiterhin von ihnen geführt werden. Ihre Erfahrung und ihre bestehenden Verbindungen konnten dort möglicherweise erhalten bleiben, selbst wenn sich ihre wirtschaftliche Grundlage veränderte. Bei Thovareus und seiner Familie war die Entscheidung schwieriger. Sie waren sich selbst nicht einig darüber, wie sie mit der kommenden Situation umgehen wollten. Ich konnte ihnen diese Unsicherheit ansehen, ohne ihnen eine Entscheidung abnehmen zu können. Trotzdem bat ich sie, Rhea zu verlassen und den Konzern außerhalb weiterzuführen. Wenn sie gingen, mussten sie neue Mitarbeiter und neue Führungskräfte finden. Es würde nicht einfach werden. Nichts daran würde einfach werden. Ich konnte ihnen nur die Möglichkeit geben, ihre Arbeit außerhalb Rheas weiterzuführen.
Als ich später wieder durch die Anlagen ging, fiel mir auf, wie viele vertraute Stimmen bereits fehlten. Das Summen der Maschinen war unverändert, die Beleuchtung funktionierte, und die technischen Systeme erfüllten weiterhin ihre Aufgaben. Trotzdem fühlte sich das System leerer an. Ich blieb an einem Fenster stehen und sah hinaus. Rhea lag vor mir, mit seinen künstlichen Strukturen, den Fluhkorridoren und den Positionslichtern, die sich in der Dunkelheit verloren. Irgendwo dort draußen waren die Schiffe, die ihre letzten Verbindungen nach außen nutzten. Manche würden nach Argon Prime fliegen. Andere nach Solara. Wieder andere in Systeme, deren Namen ich kannte und deren Bewohner ich vielleicht nie wiedersehen würde. Zum ersten Mal verstand ich wirklich, dass eine politische Neuordnung nicht nur Staaten und Systeme veränderte. Sie entschied darüber, wo Lebewesen ihre Familien sehen konnten. Sie entschied darüber, welche Arbeitsplätze weiterexistierten. Welche Unternehmen überlebten. Welche Freundschaften auf Distanz bestehen mussten. Welche Beziehungen plötzlich von einer Reise abhängig waren, die vielleicht nicht mehr möglich sein würde.
Ich legte eine Hand gegen das kühle Fenstermaterial. Ich wusste nicht, wie lange diese Trennung dauern würde. Ich wusste nicht, ob Rhea irgendwann wieder mit den bisherigen Netzwerken verbunden sein würde. Ich wusste nicht einmal, ob ich dann noch Präsident sein würde oder welche Rolle ich in dieser Zukunft überhaupt spielen würde. Aber ich hoffte, dass wir uns wiedersehen würden. Martin. Mari. Tahl. Kaguya. Die vielen anderen, die Rhea verließen. Selbst diejenigen, deren Namen ich vielleicht erst später wirklich vermissen würde. Ich nahm die Hand vom Fenster und sah noch einmal auf die Lichter von Rhea.
"Ich hoffe, dass wir uns irgendwann alle wiedersehen."
Ich wusste, dass dieser Wunsch nichts an den Sprungtoren ändern würde. Aber etwas anderes konnte ich im Moment nicht tun.

Je näher der Ablauf der Frist rückte und je mehr Schiffe Rhea verließen, desto deutlicher veränderte sich auch die Stimmung innerhalb des Systems. Während die siebenundvierzig Stazuras noch liefen, hatte sich vieles mit dem Gedanken an Zeit überdecken lassen. Es war immer noch Zeit gewesen, Entscheidungen zu treffen, Vorbereitungen zu treffen, abzuwarten. Selbst schlechte Nachrichten wirkten weniger endgültig, solange irgendwo eine Frist stand, die noch nicht abgelaufen war. Jetzt war diese Frist vorbei. Ich bemerkte es nicht nur an den Gesprächen in den Anlagen der UNO oder an den immer länger werdenden Listen der Abreisenden. Ich sah es in den Gesichtern der Lebewesen, denen ich begegnete. Gespräche wurden leiser, wenn ich einen Raum betrat. Manche Blicke blieben länger an mir hängen. Andere wichen mir aus. Viele wollten Antworten, obwohl sie vermutlich längst wussten, dass ich selbst keine hatte. Die Unsicherheit war inzwischen nicht mehr auf die politische Führung oder die Unternehmen beschränkt. Sie hatte sich in den Alltag geschoben. Händler wussten nicht, welche Routen sie nach der bevorstehenden Neuordnung noch nutzen konnten. Frachtdaten mussten mit Fragezeichen versehen werden, weil niemand mit Sicherheit sagen konnte, ob die bisherigen Ziele überhaupt noch erreichbar sein würden. Unternehmen hielten Investitionen zurück oder verschoben Entscheidungen, weil niemand wusste, welche wirtschaftlichen Verbindungen in einigen Stunden noch existieren würden. Selbst bei scheinbar einfachen Dingen entstanden plötzlich Fragen, auf die früher niemand einen Gedanken verschwendet hatte. Konnte ein Lieferant noch erreicht werden? Würde ein Ersatzteil noch geliefert werden? Würde ein Frachter nach einer Reise überhaupt noch durch dasselbe Sprungtor zurückkehren können? Ich hatte mir angewöhnt, bei solchen Fragen nicht sofort zu antworten. Nicht, weil ich sie ignorieren wollte, sondern weil ich keine Antworten erfinden konnte. Genau das war vermutlich das Schlimmste an dieser Situation. Ich konnte den Lebewesen, die mich ansahen, nicht einmal eine Richtung nennen, in die sie sich vorbereiten sollten. Ich wusste nicht, welche Sprungtore nach dem Eingriff der Ancients bestehen bleiben würden. Ich wusste nicht, welche neuen Verbindungen entstehen könnten. Und ich wusste nicht einmal, ob überhaupt ein neues Netzwerk entstehen würde. Immer wieder kam deshalb dieselbe Frage auf. Wohin würde Rhea gehören?
Ich blieb in einem belebteren Korridor stehen und beobachtete den Strom der Bewohner, der an mir vorbeizog. Die Beleuchtung spiegelte sich auf den glatten Bodenflächen, und das gedämpfte Summen der Versorgungssysteme lag wie ein permanenter Hintergrund unter den Stimmen. Einige trugen Taschen oder kleine Behälter bei sich, andere waren offensichtlich auf dem Weg zu ihren Arbeitsplätzen. Wieder andere standen in kleinen Gruppen zusammen und diskutierten. Ich konnte die einzelnen Gesprächsfetzen nicht immer verstehen, doch bestimmte Begriffe tauchten immer wieder auf. Sprungtore. Handelswege. Heimat. Familie. Abreise. Die Frage nach einem neuen Sprungtornetzwerk war dabei allgegenwärtig. Ich wusste selbst nicht, ob Rhea in ein anderes Netzwerk eingegliedert werden würde. Vielleicht würde es ein neues Netzwerk geben. Vielleicht würde Rhea Teil davon werden. Vielleicht würden wir sogar Verbindungen erhalten, die ich mir heute noch nicht vorstellen konnte. Aber vielleicht auch nicht. Ich blieb bei diesem Gedanken hängen. Die Alternative war nicht einfach nur ein anderes Netzwerk. Die Alternative war Isolation. Ich kannte die Geschichte des Sol-Systems. Terra und Sol waren einst vom restlichen Netzwerk abgeschnitten worden. Für mich war diese Geschichte immer etwas gewesen, das weit entfernt lag, eine politische und technische Entwicklung aus einer anderen Zeit. Jetzt stand plötzlich die Möglichkeit im Raum, dass Rhea selbst eine ähnliche Zukunft erleben könnte. Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog. Wenn Rhea isoliert würde, würde sich alles verändern. Nicht nur die Politik. Nicht nur die Wirtschaft. Alles. Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, wie die ersten Tage danach aussehen würden. Würden wir überhaupt wissen, wohin wir springen konnten? Würden wir unsere bisherigen Ziele noch erreichen? Würden Frachter irgendwo im Nirgendwo stehen und auf eine Verbindung warten, die nicht mehr existierte? Würden Familien auseinandergerissen, weil ein Sprungtor plötzlich nicht mehr erreichbar war? Ich hatte inzwischen zu viele Abschiede gesehen, um diese Gedanken als abstrakte Möglichkeiten abzutun. Ich erinnerte mich an Martin und Mari. An Tahl und seine Familie. An Kaguya. An die vielen anderen Lebewesen, die Rhea bereits verlassen hatten. Für sie hatte die Entscheidung noch relativ klar ausgesehen. Sie konnten dorthin zurückkehren, wo ihre Familien oder ihre ursprünglichen Heimatwelten lagen. Aber was würde mit denjenigen geschehen, die hier blieben? Und was würde mit denen geschehen, deren Familie außerhalb Rheas lebte? Ich stellte mir vor, wie jemand morgens aufwachte und nicht mehr wusste, ob ein Angehöriger im nächsten Monat noch erreichbar sein würde. Nicht, weil jemand gestorben war. Nicht, weil eine Beziehung zerbrochen war. Sondern weil eine technische Verbindung zwischen zwei Orten einfach nicht mehr existierte. Der Gedanke war für mich schwerer zu ertragen, als ich erwartet hatte. Ich hatte in den vergangenen Stunden so oft über Sprungtore gesprochen, dass ich beinahe vergessen hatte, was sie für die Bewohner eines Systems tatsächlich bedeuteten. Für mich waren sie lange Zeit Infrastruktur gewesen. Transportwege. Strategische Knotenpunkte. Politische Werkzeuge. Handelsrouten. Für andere waren sie die Entfernung zwischen einem Elternhaus und einem Arbeitsplatz. Zwischen Geschwistern. Zwischen Freunden. Zwischen einer Familie, die zusammenbleiben konnte, und einer Familie, die nur noch über Kommunikationskanäle miteinander verbunden war. Ich sah eine Gruppe junger Bewohner an mir vorbeigehen. Einer von ihnen sprach angeregt, während ein anderer immer wieder auf ein tragbares Display blickte. Ich konnte nicht erkennen, worüber sie sprachen. Vielleicht ging es um die Abreise. Vielleicht um Arbeit. Vielleicht um etwas vollkommen anderes. Trotzdem musste ich daran denken, dass jeder von ihnen möglicherweise seine eigene Vorstellung davon hatte, was Rhea nach der Neuordnung sein würde. Ich konnte ihnen diese Vorstellung nicht nehmen. Aber ich konnte ihnen auch keine bessere geben. Denn selbst Toru hatte mir nicht erklärt, welche neuen Verbindungen Rhea erhalten würde. Er hatte mir die Frist gegeben. Er hatte angekündigt, dass die bisherigen Verbindungen neu geordnet würden. Doch was danach kam, hatte er offen gelassen. Vielleicht wusste er selbst, wie diese neue Struktur aussehen würde. Vielleicht war sie längst entschieden. Vielleicht war sie aber auch etwas, dessen konkrete Form erst mit der Neuordnung entstehen würde. Ich wusste es nicht. Und genau diese Unwissenheit begann die Bevölkerung zu verunsichern. Ich merkte es besonders an den Gesprächen mit denjenigen, die zu mir kamen. Manche wollten wissen, ob sie ihre Waren noch verschiffen sollten. Andere fragten, ob sie ihre Familien aus anderen Systemen nach Rhea holen sollten. Einige wollten wissen, ob es sinnvoll war, jetzt noch Häuser oder Grundstücke zu kaufen. Wieder andere wollten lediglich hören, dass alles gut werden würde. Gerade auf die letzte Erwartung konnte ich ihnen nichts geben. Ich konnte nicht versprechen, dass alles gut werden würde. Ich konnte nicht einmal versprechen, dass alles beim Alten bleiben würde. Also blieb mir nur die Wahrheit. Dass ich es nicht wusste. Diese Worte fühlten sich jedes Mal schwer an, wenn ich sie aussprach. Als Präsident war ich es gewohnt, Entscheidungen zu treffen. Selbst wenn eine Entscheidung schwierig war, gab es normalerweise eine Richtung, die ich wählen konnte. Hier konnte ich nichts wählen. Nicht, solange ich nicht wusste, was Toru mit dem Sprungtornetzwerk vorhatte. Ich konnte lediglich warten. Und mit mir wartete Rhea. Je länger ich darüber nachdachte, desto stärker wurde mir bewusst, wie gefährlich diese Ungewissheit für ein ganzes System werden konnte. Angst brauchte keine falschen Nachrichten, um sich auszubreiten. Sie brauchte nur Lücken. Wenn niemand wusste, was geschehen würde, füllten die Bewohner diese Lücken irgendwann selbst. Ein Händler konnte aus Vorsicht seine Waren zurückhalten. Ein Unternehmen konnte aus Angst vor einem Zusammenbruch Mitarbeiter entlassen. Eine Familie konnte beschließen, Rhea zu verlassen, obwohl sie eigentlich bleiben wollte. Ein Bewohner konnte sein gesamtes Leben umstellen, nur weil er befürchtete, dass er in einigen Tagen keine Möglichkeit mehr dazu haben würde. Und jede dieser Entscheidungen konnte wiederum die Situation für alle anderen verschärfen.
Ich stand noch immer an dem Korridorfenster und sah hinaus in die Dunkelheit. Rhea wirkte von hier aus ruhig. Die Lichter der Anlagen zeichneten klare Linien in die Finsternis, und weit entfernt bewegten sich Schiffe zwischen den verschiedenen Bereichen des Systems. Von hier oben hätte niemand erkennen können, wie viel Unsicherheit inzwischen unter dieser scheinbaren Ruhe lag. Ich legte die Hand an die Scheibe. Ich wollte ihnen Antworten geben. Doch ich hatte keine. Die einzige Gewissheit, die ich ihnen geben konnte, war, dass die bisherige Ordnung enden würde. Was danach kam, wusste ich genauso wenig wie sie.

Die letzten Stunden fühlten sich anders an als alles, was ich während der siebenundvierzig Stazuras erlebt hatte. Nicht hektischer, obwohl auf den Anzeigen der vier Sprungtore ununterbrochen Bewegungen zu sehen waren. Nicht lauter, obwohl die Kommunikationskanäle kaum zur Ruhe kamen. Es war vielmehr die Gewissheit, dass jede Minute, die verstrich, etwas unwiderruflich näher brachte. Die Vorbereitungen an den vier Toranlagen liefen inzwischen beinahe routiniert. Schiffe erhielten ihre letzten Freigaben, Frachter lösten sich von den Docks, Passagierschiffe verließen ihre Liegeplätze und überall wurden Daten übertragen, Frachtlisten bestätigt und Transponder überprüft. Wer Rhea noch verlassen wollte, bekam die Möglichkeit dazu. Wer blieb, tat es inzwischen bewusst. Niemand konnte später behaupten, er habe nicht gewusst, dass die Verbindungen verschwinden würden.
Ich stand mit Vanu und Valentina an einer großen Sichtfläche und beobachtete das Geschehen außerhalb der Station. Das Licht der Anzeigen spiegelte sich auf dem Glas und legte blasse Farbstreifen über unsere Gesichter. Draußen wirkten die Schiffe klein vor der gewaltigen Konstruktion des Sprungtors. Der Ring selbst war so vertraut geworden, dass ich ihn während der vergangenen Wochen kaum noch bewusst wahrgenommen hatte. Jetzt sah ich jede Verstrebung, jede Leuchtmarkierung und jede technische Struktur, als würde mein Verstand versuchen, sich das Bild einzuprägen. Vielleicht tat er genau das. Vielleicht wollte ein Teil von mir einfach nicht akzeptieren, dass etwas, das für uns so selbstverständlich gewesen war wie ein Korridor innerhalb eines Gebäudes, gleich seine Bedeutung verlieren würde.
Ein weiteres Schiff näherte sich dem Tor. Ich verfolgte seine Positionsdaten auf der Anzeige, während draußen die Maschinen nur noch als kleine Lichtpunkte zu erkennen waren. Die Geschwindigkeit wurde reduziert, der Kurs stabilisiert. Für einen Moment schien alles stillzustehen. Dann erreichte das Schiff die Aktivierungszone. Das charakteristische Leuchten des Tors verstärkte sich, Linien aus Energie liefen über den Ring und verdichteten sich zu jener vertrauten Struktur, die ich seit meiner Ankunft in diesem Universum unzählige Male gesehen hatte. Ich hatte mich an diesen Anblick gewöhnt. An die Vorstellung, dass Entfernung keine wirkliche Bedeutung mehr besaß, solange irgendwo zwei passende Tore miteinander verbunden waren. Ein Schiff konnte verschwinden und an einem anderen Ort wieder auftauchen, ohne dass die gewaltige Distanz zwischen beiden Systemen im Alltag überhaupt noch spürbar war. Jetzt würde genau das enden. Das Schiff verschwand. Nicht langsam. Nicht spektakulär. Es war einfach plötzlich nicht mehr da, nachdem es die Verbindung durchquert hatte. Auf meiner Anzeige wechselte das entsprechende Signal von aktiv auf bestätigt. Ein weiterer Flug war abgeschlossen. Ein weiterer Bewohner Rheas hatte seine Entscheidung umgesetzt. Ich ließ den Blick noch einige Sekunden auf der Stelle ruhen, an der das Schiff gewesen war, obwohl dort nichts mehr zu sehen war.
"Das war eines der letzten." Vanus Stimme kam leise neben mir.
Ich nickte, ohne den Blick vom Tor abzuwenden. Ich wusste, dass sie recht hatte. Wir hatten die Zahlen verfolgt. Die Liste der gemeldeten Abflüge wurde immer kürzer, während gleichzeitig immer mehr Schiffe ihre Plätze verließen. Manche würden wahrscheinlich niemals zurückkehren. Andere würden vielleicht irgendwann wieder hierherkommen, falls es überhaupt eine Verbindung zu ihren Zielsystemen geben würde. Genau das war der Gedanke, der mich am meisten beschäftigte. Niemand wusste, was nach der Trennung passieren würde. Niemand wusste, welche Systeme Rhea später erreichen konnte. Niemand wusste, ob die Verbindung zu einem bestimmten Ziel nach Tagen, Monaten oder Jahren wiederhergestellt werden würde. Vielleicht würde sie gar nicht wiederkommen.
Ich sah zu Valentina. Sie stand mit verschränkten Armen neben uns und beobachtete ebenfalls die Anzeigen. Ihr petrolfarbenes Haar lag ruhig über ihren Schultern, nur eine einzelne Strähne bewegte sich leicht, als irgendwo im Raum ein Belüftungssystem den Luftstrom veränderte. Ihr Blick war fest auf die Daten gerichtet. Ich wusste nicht, was sie dachte. Ich konnte nur sehen, dass auch sie sich nicht von den Anzeigen lösen konnte. Vanu hatte eine Hand an die Scheibe gelegt. Ihre Finger lagen flach auf dem kühlen Material. Für einen Moment sagte niemand etwas. Zwischen uns war nur das tiefe Summen der Station zu hören, dazu das entfernte Geräusch von Triebwerken und die gedämpften Stimmen derjenigen, die noch irgendwo hinter uns arbeiteten.
Die vier Sprungtore wurden nacheinander leerer. Eines nach dem anderen verschwanden die Schiffe durch die aktiven Verbindungen. Irgendwann gab es kaum noch Bewegungen in den entsprechenden Flugkorridoren. Keine langen Kolonnen mehr. Keine dicht aufeinanderfolgenden Startfreigaben. Nur einzelne Schiffe, die sich langsam durch den Raum bewegten und ihren letzten Flug aus Rhea vorbereiteten. Ich hatte während der vergangenen Stunden immer wieder auf diese Anzeigen gesehen, doch jetzt wirkte jede einzelne Bewegung größer als zuvor. Ein Schiff, das abflog, war nicht länger einfach ein Schiff, das den Verkehrsknotenpunkt wechselte. Es war eine Entscheidung. Vielleicht eine Trennung. Vielleicht nur eine Pause. Niemand konnte es wissen. Dann blieb nur noch ein Schiff an einem der vier Tore. Ich sah, wie es sich dem Ring näherte. Auf der Anzeige blinkte die letzte Freigabe. Die technischen Werte waren stabil. Keine Verzögerung. Kein Hindernis. Keine unerwartete Abweichung. Ich hielt unbewusst den Atem an, obwohl ich wusste, dass es keinen Grund dafür gab. Das Schiff erreichte den Ring. Das Tor erwachte ein letztes Mal in seiner bisherigen Funktion zum Leben. Die Energie flackerte über die gewaltige Struktur und ließ die Metallflächen für einen kurzen Augenblick beinahe weiß erscheinen. Dann verschwand das Schiff.
Ich atmete aus. "Das war es."
Ich hatte die Worte kaum hörbar ausgesprochen. Niemand antwortete. Vielleicht war auch keine Antwort nötig. Vor uns blieb nur noch der Ring zurück. Groß, dunkel und still. Ich wandte mich wieder den Anzeigen zu. Drei Tore warteten noch auf ihre letzte Passage. Wir mussten weiter warten. Das letzte Schiff eines Tores bedeutete nicht das Ende. Noch nicht. Solange irgendwo eines der vier Tore aktiv war, bestand zumindest theoretisch weiterhin eine Verbindung zu einem anderen System. Ich wusste, dass dieser Unterschied technisch klein und emotional gewaltig war.
Die Wartezeit zog sich. Ich bemerkte erst nach einer Weile, dass ich die Arme vor der Brust verschränkt hatte und mit dem Daumen langsam über die Innenseite meines Unterarms strich. Eine alte, unbewusste Bewegung. Meine Schultern waren angespannt. Mein Magen fühlte sich schwer an. Ich wusste nicht, ob es Angst war. Vielleicht war es eher die körperliche Reaktion auf eine Entscheidung, die längst getroffen worden war, deren tatsächliche Bedeutung aber erst jetzt sichtbar wurde. Siebenundvierzig Stazuras lang hatte ich gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde. Ich hatte darüber nachgedacht, gesprochen, geplant, gearbeitet. Und trotzdem war nichts davon mit dem Moment vergleichbar, in dem ich tatsächlich vor einem Sprungtor stand und wusste, dass es gleich keine Verbindung mehr geben würde.
Nach und nach verschwanden auch die letzten Schiffe der übrigen Tore. Jedes Mal warteten wir danach wieder. Eine Anzeige wurde ruhig. Dann eine zweite. Schließlich blieb nur noch ein aktives Tor. Das charakteristische Energieleuchten lag noch immer über seinem Ring. Dahinter existierte irgendwo ein anderes System, eine andere Station, eine andere Welt. Für wenige Minuten war dieser Weg noch offen. Ich fragte mich, wie viele Lebewesen auf der anderen Seite wohl ebenfalls auf die Anzeigen blickten. Ob sie wussten, dass dieses Signal bald verschwinden würde. Ob für sie dieser Moment dieselbe Bedeutung hatte wie für uns. Ich konnte es nicht wissen.
Als schließlich auch das letzte Schiff des letzten aktiven Tores in den Ring einflog, sagte niemand etwas. Ich sah nur zu. Das Schiff passierte die Verbindung. Für einen kurzen Moment blieb das Tor vollständig aktiv. Dann begann sich etwas zu verändern. Es war kein Knall. Keine Explosion. Kein plötzlicher Zusammenbruch. Nichts wurde zerstört. Stattdessen veränderte sich das Licht langsam. Die Energie, die den Ring bisher erfüllt hatte, begann sich zurückzuziehen. Die leuchtenden Strukturen verloren ihre Intensität. Ein Teil nach dem anderen wurde dunkler. Anzeigen wechselten ihre Statusmeldungen. Systeme gingen in andere Betriebszustände über. Die technischen Geräusche veränderten sich kaum merklich, doch ich konnte plötzlich jede kleine Veränderung hören, als würde mein Kopf verzweifelt nach einem Unterschied suchen, der größer war als das, was meine Augen sahen.
Ich trat näher an die Sichtfläche heran. Der Ring wurde dunkler. Das Leuchten verschwand. Die Verbindung war fort. Ich starrte hinaus in die Schwärze. Dort war nichts, was mir hätte zeigen können, was gerade geschehen war. Kein sichtbarer Riss im Raum. Keine Barriere. Kein Zeichen, das mir erklärte, wohin Rhea nun gehörte. Nur der gewaltige Torrahmen, der noch immer an seinem Platz stand, aber nicht mehr das tat, was er seit meiner Ankunft für selbstverständlich gemacht hatte. Ich sah auf die Anzeigen der anderen drei Tore. Auch dort begann die Aktivität zu verschwinden. Eines nach dem anderen fuhren ihre Systeme kontrolliert herunter. Die Energiewerte sanken. Die Lichtstrukturen erloschen. Die Ringe blieben intakt. Keine Explosion. Keine Zerstörung. Keine dramatische Entladung. Nur ein geordnetes Abschalten einer Technologie, deren Bedeutung für uns so groß gewesen war, dass ihr Schweigen beinahe unwirklich wirkte. Dann war auch das letzte Tor dunkel.
Ich blieb stehen und sah hinaus. Zum ersten Mal seit meiner Ankunft in diesem Universum konnte ich Rhea betrachten, ohne dass unmittelbar irgendwo eine aktive Verbindung zu einem anderen System bestand. Kein sichtbarer Weg führte mehr durch einen dieser vier Ringe. Keine vertraute Route wartete auf das nächste Schiff. Keine Anzeige sagte mir, wohin man von hier aus springen konnte. Rhea war für diesen Augenblick allein. Ich dachte an die Schiffe, die bereits gegangen waren. An die Familien, die vielleicht schon auf der anderen Seite warteten. An die Händler, deren Routen plötzlich nicht mehr existierten. An die Bewohner, die geblieben waren, weil sie Rhea als ihre Heimat betrachteten. An diejenigen, die noch immer hofften, irgendwann wieder zu ihren Angehörigen zurückkehren zu können. Ich dachte an UNO, an die Unternehmen, an all die Lieferketten, die sich nun neu ordnen mussten. Und schließlich dachte ich an meine eigene Position.
Siebenundvierzig Stazuras waren vorbei. Torus Frist war erfüllt. Meine eigene politische Schonfrist war ebenfalls vorbei. Trotzdem wusste ich noch immer nicht, ob ich in dieser neuen Rhea weiterhin Präsident sein würde. Es gab keine Entscheidung, die mir diese Frage beantwortete. Keine Anzeige. Kein Dokument. Keine Stimme, die mir sagte, was als Nächstes geschah. Ich war noch Präsident, weil niemand mir dieses Amt entzogen hatte. Aber ich wusste nicht, ob das in einigen Tagen, einigen Stunden oder bereits nach der nächsten politischen Entscheidung noch genauso sein würde.
Ich legte die Hand gegen das Glas. Es war kühl unter meiner Handfläche. Hinter den vier dunklen Ringen lag keine sichtbare Antwort. Ich wusste nicht, welches Netzwerk sich dort irgendwann öffnen würde. Ich wusste nicht, welche Systeme mit Rhea verbunden werden würden. Ich wusste nicht, ob die neuen Verbindungen überhaupt sofort entstehen würden. Vielleicht würden wir nur kurze Zeit warten. Vielleicht länger. Vielleicht würde sich unser Alltag vollständig verändern, bevor wir überhaupt verstanden, wohin die neuen Wege führten. Ich sah noch einmal zu den vier stillen Sprungtoren. Die alte Welt war nicht explodiert. Sie war einfach verschwunden. Und zum ersten Mal konnte ich nicht einmal behaupten, dass ich wusste, was danach kam.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

Bild

Benutzeravatar
Tom
Gründer
Gründer
Beiträge: 4110
Registriert: Fr 17. Jan 2014, 19:39
Wohnort: Bavaria
Kontaktdaten:

Re: [EX16] Isekai no Xistence

Beitrag von Tom »

Bild

Kapitel 100 - Urteil

Die Kongresshalle auf Trantor wirkte an diesem Tag größer, als ich sie in Erinnerung hatte. Vielleicht lag es daran, dass ich diesmal nicht einfach als Präsident durch die gewaltigen Türen in diesen Saal gegangen war, sondern als jemand, dessen politisches Schicksal hier zur Sprache kommen sollte. Das Gebäude der Hauptstadt Novum Nadiria war von einer Architektur geprägt, die gleichzeitig repräsentativ und zweckmäßig wirkte. Hohe Wände aus dunklem Material stiegen bis zu einer weit geschwungenen Decke empor, in der sich die Beleuchtung in langen, gleichmäßigen Bahnen verlor. Unter mir erstreckte sich der Boden der Halle über mehrere Ebenen, auf denen Abgeordnete, Mitarbeiter, Sicherheitskräfte und Vertreter verschiedener Institutionen ihre Plätze eingenommen hatten. Das gedämpfte Stimmengewirr legte sich wie ein gleichmäßiges Rauschen über den Saal. Hin und wieder wurde es von einem kurzen Signalton oder dem leisen Knacken eines geöffneten Kommunikationskanals unterbrochen. Ich stand dort und nahm all das auf, während sich in meinem Magen ein Druck festsetzte, den ich nicht einfach wegatmen konnte. Ich hatte gewusst, dass dieses Verfahren irgendwann enden musste. Trotzdem fühlte sich das Ende anders an, als ich erwartet hatte. Ich hatte mir unzählige mögliche Ausgänge vorgestellt. Eine Absetzung. Einen Verbleib im Amt. Eine Entscheidung, die meine Handlungen endgültig bewertete und daraus eine eindeutige Konsequenz zog. Stattdessen war genau das nicht geschehen. Das Verfahren hatte die Fragen nicht beseitigt, sondern sie bis zu einem Punkt verfolgt, an dem selbst die politischen Kräfte im Kongress keine gemeinsame Antwort mehr fanden. Die Argumente lagen auf beiden Seiten. Ich hatte Grenzen überschritten. Das war festgestellt worden. Ich konnte mich nicht mehr darauf zurückziehen, dass jede meiner Entscheidungen durch die außergewöhnliche Lage automatisch gerechtfertigt gewesen sei. Gleichzeitig war die Situation, in der ich gehandelt hatte, nicht einfach aus einem normalen politischen Alltag heraus entstanden. Rhea hatte sich in einer Lage befunden, für die es kaum vorbereitete Regeln gegeben hatte. Die politischen und rechtlichen Folgen meiner Entscheidungen waren deshalb nicht von der Hand zu weisen, aber ebenso wenig konnte man die Umstände einfach aus der Betrachtung streichen. Ich senkte kurz den Blick auf meine Hände. Meine Finger waren ineinander verschränkt, doch ich merkte, dass ich sie stärker gegeneinander presste, als nötig gewesen wäre. Ich lockerte den Griff und atmete langsam ein. Die Luft in der Halle war kühl und trocken. Unter meinen Schuhen spürte ich die glatte Oberfläche des Bodens, während irgendwo unterhalb der Tribünen technische Systeme leise vibrierten. Ich hörte das kaum wahrnehmbare Summen der Beleuchtung und das gelegentliche Rascheln von Kleidung, wenn sich jemand auf seinem Sitz bewegte. Alles wirkte kontrolliert. Geordnet. Fast zu geordnet für das, worum es ging. Vor mir erhob sich das zentrale Rednerpult. Dahinter waren die Plätze derjenigen besetzt, die die vergangenen Entscheidungen geprüft und bewertet hatten. Ich erkannte einige Gesichter sofort. Andere kannte ich nur aus Sitzungen, Anhörungen oder den Unterlagen, die während des Verfahrens vor mir gelegen hatten. Ich sah keine geschlossene Front. Genau das war vermutlich der Grund, weshalb ich noch hier stand.
Ein Sprecher erhob sich. Sofort veränderte sich die Geräuschkulisse. Gespräche verstummten nach und nach, Stühle wurden zurückgeschoben, und schließlich blieb nur noch das leise Summen der technischen Anlagen übrig. Ich richtete mich auf. Mein Rücken war angespannt, obwohl ich versuchte, ruhig zu stehen. Der Sprecher wartete, bis die Halle weitgehend still geworden war, dann begann er mit der Zusammenfassung des abgeschlossenen Verfahrens. Ich hörte aufmerksam zu. Es war merkwürdig, die eigenen Entscheidungen aus einer anderen sprachlichen Perspektive wiederzuerkennen. Meine Handlungen wurden nicht als persönliche Absichten beschrieben, sondern als politische Maßnahmen und institutionelle Eingriffe. Entscheidungen, die für mich in den jeweiligen Momenten unmittelbar und notwendig gewirkt hatten, erschienen in dieser Darstellung als Vorgänge mit weitreichenden Folgen. Einige Formulierungen trafen mich härter, als ich erwartet hatte. Nicht weil sie falsch waren. Gerade das machte es unangenehm. Ich hatte Kompetenzen überschritten. Das stand fest. Ich wusste es inzwischen selbst. Die Erkenntnis hatte lange gebraucht, weil ich mich während der Ereignisse immer auf die unmittelbare Notwendigkeit konzentriert hatte. Es war leicht gewesen, von einer Krise zur nächsten zu gehen und sich einzureden, dass später genug Zeit bleiben würde, um die politischen Konsequenzen zu ordnen. Aber dieses Später war irgendwann gekommen. Und nun standen die Folgen meiner Entscheidungen vor mir. Gleichzeitig wurde ausdrücklich auf die außergewöhnliche Situation hingewiesen, unter der diese Entscheidungen getroffen worden waren. Ich hörte die Worte und musste unwillkürlich an die vergangenen Ereignisse denken. An die Unsicherheit. An die Bedrohungen. An die Terraformer. An DECA. An die Erklärung der Unabhängigkeit. An die Veränderungen, die ich angestoßen oder zumindest mit ausgelöst hatte. Ich konnte nicht so tun, als hätte ich alles unter normalen Bedingungen entschieden. Aber genau das bedeutete auch nicht, dass jede Entscheidung dadurch richtig geworden wäre.
Ich hob den Kopf wieder. Der Sprecher war inzwischen bei der entscheidenden Frage angekommen. Das Verfahren hatte keine ausreichende Mehrheit hervorgebracht, um meine Amtsführung eindeutig zu beenden. Ebenso wenig hatte sich eine Mehrheit gebildet, die meine weitere Amtszeit ohne weitere Legitimation bestätigen wollte. Die politische Auseinandersetzung hatte sich festgefahren. Die Argumente standen sich gegenüber, ohne dass eine Seite die andere vollständig verdrängen konnte. Dann fiel das Wort, das ich zunächst nur als Möglichkeit erwartet hatte. Volksabstimmung. Ich spürte, wie sich mein Magen noch einmal zusammenzog. Eine Volksabstimmung bedeutete etwas völlig anderes als eine Entscheidung innerhalb des Kongresses. Abgeordnete konnten über Gesetze abstimmen. Minister konnten politische Maßnahmen verantworten. Gerichte konnten Entscheidungen rechtlich prüfen. Aber jetzt sollte die Bevölkerung selbst über meine weitere Amtsführung entscheiden. Ich sah über die Ränge hinweg. Einige Gesichter waren mir bekannt, andere nicht. Manche blickten zu mir. Andere hatten ihre Aufmerksamkeit auf die Redner gerichtet. Ich konnte in keinem dieser Blicke eine sichere Antwort erkennen. Vielleicht suchte ich auch nach etwas, das es dort gar nicht geben konnte. Zustimmung. Ablehnung. Vertrauen. Misstrauen. Hoffnung. Enttäuschung. Alles konnte in einem einzigen Gesicht gleichzeitig liegen. Der Sprecher machte anschließend deutlich, dass diese Abstimmung keine nachträgliche Absolution sein würde. Ich sollte nicht dadurch von den festgestellten Kompetenzüberschreitungen freigesprochen werden. Meine Entscheidungen würden dadurch nicht nachträglich rechtmäßig. Die außergewöhnliche Situation würde weiterhin Teil der Bewertung bleiben. Die Frage war eine andere. Wollte die Bevölkerung Rheas, trotz all dessen, dass ich Grenzen überschritten hatte, weiterhin, dass ich dieses Amt ausübte?
Ich schluckte. Zum ersten Mal seit Beginn des Verfahrens hatte ich das Gefühl, dass die Entscheidung tatsächlich außerhalb meiner Reichweite lag. Ich konnte argumentieren. Ich konnte erklären, was ich getan hatte und warum. Ich konnte mich verteidigen. Ich konnte Verantwortung übernehmen. Aber ich konnte nicht für andere entscheiden, was sie aus all dem machten. Meine Hände lösten sich voneinander. Ich ließ die Arme langsam an den Seiten herabhängen. Irgendwo hinter mir bewegte sich jemand. Ein Stuhl knarrte über den Boden. Dann wurde es wieder still. Ich dachte an Rhea. An das, was aus dem System geworden war. An die Bewohner, die geblieben waren. An jene, die gegangen waren. An die vier dunklen Sprungtore und an den Augenblick, in dem ihre Verbindungen erloschen waren. An all die Fragen, die noch immer unbeantwortet waren. Niemand wusste, welches Netzwerk Rhea künftig erreichen würde. Niemand wusste, wie sich Handel, Reisen, Familien und Unternehmen entwickeln würden. Und nun sollte dieselbe Bevölkerung, die mit diesen Folgen leben musste, auch über mich entscheiden. Ich konnte ihnen diese Entscheidung nicht abnehmen.
Der Sprecher wandte sich schließlich offiziell an den Kongress und verlas die Entscheidung über die Durchführung der Abstimmung. Die Worte waren nüchtern und formal. Kein Pathos. Keine persönliche Wertung. Der Termin und das Verfahren würden festgelegt werden, die Bevölkerung Rheas würde ihre Stimme abgeben können. Ich hörte zu, ohne mich zu bewegen. Dann fiel der entscheidende Satz. Die Volksabstimmung über die weitere Amtsführung von Präsident Tori Grau war damit offiziell ausgerufen. Für einige Sekunden blieb die Halle still. Ich spürte meinen eigenen Herzschlag deutlich in der Brust. Schnell, aber nicht panisch. Eher wie ein gleichmäßiges Pochen, das mich daran erinnerte, dass ich noch immer hier stand. Ich sah über die Reihen hinweg und begriff, was sich gerade verändert hatte. Bis zu diesem Moment hatten andere über meine politische Zukunft beraten. Abgeordnete hatten argumentiert. Institutionen hatten geprüft. Das Verfahren hatte meine Entscheidungen untersucht. Nun würde die Bevölkerung Rheas selbst gefragt werden. Ich war noch Präsident. Aber ob ich es bleiben würde, lag nicht mehr allein bei den Abgeordneten, den Ministern oder den Gerichten. Es lag jetzt bei Rhea.

Nachdem ich die Kongresshalle verlassen hatte, war ich lange nicht in der Lage gewesen, einen klaren Gedanken zu fassen. Erst als ich wieder in meinem Quartier auf Altrix Nova stand und sich die Tür hinter mir geschlossen hatte, bemerkte ich, wie still es geworden war. Die Station selbst war natürlich nicht still. Durch die Wände drang das gedämpfte Summen der Lebenserhaltung, irgendwo lief eine Pumpe mit gleichmäßigem, tiefem Brummen, und in regelmäßigen Abständen vibrierte der Boden kaum merklich unter meinen Füßen. Durch das Sichtfenster fiel das Licht von Trantor herein. Der Planet lag unter mir wie eine gewaltige, von Wolken und künstlichen Lichtpunkten durchzogene Kugel. Novum Nadiria war aus dieser Entfernung nicht zu erkennen, doch ich wusste, dass die Kongresshalle dort unten lag. Der Ort, an dem gerade über meine politische Zukunft entschieden worden war. Ich blieb noch eine Weile vor dem Fenster stehen und sah auf den Planeten hinab, ohne wirklich etwas von ihm aufzunehmen. Die Volksabstimmung. Ich hatte erwartet, dass dieser Gedanke sich anders anfühlen würde. Vielleicht bedrohlicher. Vielleicht erleichternd. Stattdessen war da zunächst nur eine eigentümliche Leere. Die Abgeordneten hatten keine Entscheidung treffen können. Das Verfahren war beendet, aber meine Zukunft war dadurch nicht geklärt worden. Nun würde die Bevölkerung Rheas entscheiden, ob ich weiterhin Präsident sein sollte. Nicht darüber, ob jede meiner Entscheidungen richtig gewesen war. Nicht darüber, ob meine Kompetenzüberschreitungen plötzlich nicht mehr existierten. Nur darüber, ob sie mir trotz dieser Dinge weiterhin das politische Mandat geben wollten.
Ich wandte mich vom Fenster ab und ging langsam durch den Raum. Meine Schritte waren auf dem Boden kaum zu hören. Das Quartier kannte ich inzwischen gut genug, dass ich nicht darüber nachdenken musste, wohin ich ging. Ich blieb schließlich an einem Tisch stehen, legte beide Hände auf die Oberfläche und stützte mich darauf. Das Material fühlte sich kühl an. Ich senkte den Kopf und schloss für einen Moment die Augen. Warum wollte ich dieses Amt eigentlich behalten? Die Frage war so einfach, dass sie mir unangenehm war. Ich hatte sie mir bisher immer anders gestellt. Was musste ich tun? Was war notwendig? Was konnte ich verhindern? Wen musste ich schützen? Welche Entscheidung durfte ich nicht aufschieben? Welche Gefahr musste ich zuerst beseitigen? Solche Fragen waren mir vertraut. Sie hatten mich durch Situationen gebracht, in denen Stillstand für mich keine akzeptable Möglichkeit gewesen war. Aber die eigentliche Frage hatte ich dabei beinahe vollständig verdrängt. Wollte ich überhaupt Präsident sein? Ich öffnete die Augen und richtete mich langsam wieder auf. Für einen Moment sah ich mein eigenes Spiegelbild in der dunklen Oberfläche des Sichtfensters. Kurzes schwarzes Haar, müde blaugrüne Augen, ein Gesicht, das älter wirkte, als es sich für mich anfühlte. Ich musste beinahe lachen, aber mir war nicht danach. Ich hatte nie Präsident werden wollen. Das war keine nachträgliche Bescheidenheit und auch kein Versuch, mich selbst besser darzustellen. Ich erinnerte mich noch sehr genau daran, was ich ursprünglich gewollt hatte. Ich wollte die Terraformer schützen. Ich wollte verhindern, dass sie zum Spielball politischer und militärischer Interessen wurden. Ich wollte meine Familie schützen. Ich wollte verhindern, dass andere über das Schicksal Rheas und seiner Bewohner entschieden, während diejenigen, die eigentlich handeln sollten, zu langsam waren oder sich in Verfahren verloren. Das Amt selbst war daraus entstanden. Nicht aus einem Wunsch nach Macht. Nicht aus dem Bedürfnis, an der Spitze eines Staates zu stehen. Ich hatte Entscheidungen getroffen, weil ich glaubte, dass sie getroffen werden mussten. Dann hatte ich Verantwortung übernommen. Irgendwann war aus dieser Verantwortung das Präsidentenamt geworden. Und als ich schließlich tatsächlich Präsident war, hatte ich mich daran gewöhnt, dass Entscheidungen bei mir landeten. Vielleicht war genau das der gefährliche Teil.
Ich ging zum Tisch zurück und setzte mich. Meine Unterarme lagen auf der Platte, während ich die Hände ineinander verschränkte. Ich starrte auf meine Finger und versuchte, den Gedanken nicht wieder wegzuschieben. Vielleicht wollte ich das Amt gar nicht. Vielleicht wollte ich nur nicht derjenige sein, der es wieder abgab. Der Unterschied war kleiner, als ich ihn gern gehabt hätte. Ich dachte an die letzten Wochen und Monate zurück. An die Momente, in denen ich vor Entscheidungen gestanden hatte und mir gesagt hatte, dass ich nicht warten konnte. An die Situationen, in denen normale Abläufe zu langsam erschienen waren. An die Vorstellung, dass irgendwo etwas passieren konnte, während ich auf Genehmigungen, Ausschüsse oder politische Mehrheiten wartete. Dieser Gedanke hatte einen wahren Kern. Das wusste ich inzwischen besser denn je. Es gab Krisen, in denen Warten tatsächlich eine Entscheidung war, auch wenn man sich einredete, man hätte nichts getan. Wer eine Gefahr erkannte und trotzdem nur auf den richtigen Zeitpunkt oder die zuständige Stelle wartete, konnte dadurch ebenfalls Verantwortung tragen. Aber daraus ergab sich ein Problem, das ich lange nicht in dieser Schärfe gesehen hatte. Wenn ich selbst bestimmte, dass eine Krise groß genug war, um meine Zuständigkeiten zu überschreiten, dann war ich gleichzeitig derjenige, der die Grenze definierte.
Ich lehnte mich zurück. Genau dort lag die Falle. Mein Argument konnte richtig beginnen und trotzdem an einem gefährlichen Punkt enden. Es konnte stimmen, dass ich in einer außergewöhnlichen Lage nicht einfach abwarten durfte. Aber wenn ich daraus ableitete, dass ich deshalb selbst entscheiden durfte, wann normale Regeln nicht mehr galten, gab ich mir eine Befugnis, die weit über die konkrete Situation hinausging. Dann war die Frage nicht mehr nur, ob eine Krise tatsächlich außergewöhnlich war. Die Frage wurde auch, wer darüber entschied. Und plötzlich musste ich an Staller denken. Ich hatte lange versucht, die Unterschiede zwischen uns klar zu halten. Sie hatte andere Entscheidungen getroffen, andere Interessen verfolgt und andere Grenzen überschritten. Meine Auseinandersetzung mit ihrem Vorgehen hatte sich nicht darauf beschränkt, dass sie überhaupt gehandelt hatte. Es ging darum, was sie getan hatte, welche Kompetenzen sie beansprucht hatte und welche Folgen daraus entstanden waren. Ich sah diese Unterschiede noch immer. Ich konnte sie nicht einfach ausblenden, nur weil ich nun selbst über meine Entscheidungen nachdenken musste. Aber eine Gemeinsamkeit konnte ich nicht mehr leugnen. Die Begründungsstruktur. Eine außergewöhnliche Lage. Normale Verfahren erscheinen zu langsam. Handeln erscheint notwendig. Also handelt man selbst.
Ich fuhr mir mit beiden Händen über das Gesicht und ließ sie anschließend auf dem Tisch liegen. Meine Finger fühlten sich kalt an. Ich hatte nicht erwartet, dass dieser Gedanke mich so treffen würde. Vielleicht, weil ich lange geglaubt hatte, dass die Unterschiede zwischen meinen Entscheidungen und denen anderer automatisch ausreichten, um mich von denselben Fehlern fernzuhalten. Aber so funktionierte es nicht. Zwei Entscheidungen konnten völlig unterschiedliche Ziele und Folgen haben und sich trotzdem an einem bestimmten Punkt auf dieselbe gefährliche Logik stützen. Ich sah wieder zum Fenster. Trantor drehte sich ruhig unter der Station weiter. Wolkenfelder wanderten über die Oberfläche, während einzelne Lichtpunkte zwischen ihnen aufleuchteten und wieder verschwanden. Alles wirkte aus dieser Entfernung geordnet. Fast friedlich. Dabei wusste ich, wie viel Unsicherheit gerade unter dieser scheinbaren Ruhe lag. Rhea hatte seine alten Verbindungen verloren. Die Bevölkerung wartete darauf, herauszufinden, welche neuen Wege überhaupt entstehen würden. Unternehmen mussten sich neu orientieren. Familien wussten nicht, wann sie Verwandte außerhalb Rheas wiedersehen würden. Die Terraformer standen weiterhin unter meinem Schutz. Und über allem lag die offene Frage nach meiner eigenen politischen Zukunft. Wenn ich zurücktrat, würde damit nicht einfach nur mein persönliches Problem verschwinden. Das war der Teil, den ich nicht ignorieren konnte. Ein Rücktritt hätte Konsequenzen. Für die Regierung. Für die politische Ordnung Rheas. Für den Umgang mit den Terraformern. Für die Übergabe von Verantwortung. Für meine Familie. Vielleicht auch für Dinge, die ich im Moment noch gar nicht überblicken konnte. Ich konnte nicht einfach behaupten, dass meine persönliche Erschöpfung oder mein Zweifel bedeutungslos waren. Aber ebenso wenig konnte ich so tun, als würde mein Amt nur mir gehören. Präsident zu sein bedeutete, Verantwortung für andere zu tragen. Wenn ich ging, traf die Entscheidung deshalb nicht nur mich.
Ich stand auf und ging erneut zum Fenster. Vielleicht war genau das der Grund, warum ich mich so schwer damit tat, die Frage ehrlich zu beantworten. Wenn ich das Amt nicht wollte, wäre ein Rücktritt möglicherweise der konsequenteste Schritt. Aber wenn ich nur deshalb blieb, weil ich Angst davor hatte, was ohne mich passieren könnte, war das dann wirklich ein ausreichender Grund? Ich hatte keine Antwort darauf. Noch nicht. Ich legte eine Hand an die Scheibe. Das Glas war kalt. Dahinter lag die Nachtseite Trantors, durchzogen von den Lichtern einer Welt, die ihren eigenen Rhythmus hatte. Ich dachte an Rhea und daran, wie oft ich Entscheidungen getroffen hatte, weil ich glaubte, dass niemand sonst sie rechtzeitig treffen würde. Vielleicht hatte genau dieses Denken mich überhaupt erst bis hierher gebracht. Ich wollte keine Macht um ihrer selbst willen. Das wusste ich. Der Gedanke fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit eindeutig an. Aber Verantwortung nicht abgeben zu wollen, war etwas anderes als Macht zu wollen. Und genau diesen Unterschied musste ich verstehen, bevor ich entscheiden konnte, was ich selbst wollte. Ich blieb am Fenster stehen und sah auf Trantor hinab. Die Volksabstimmung war ausgerufen worden. Nun würde die Bevölkerung Rheas entscheiden, ob sie mich weiterhin als Präsidenten wollte. Ich wusste nicht, wie diese Entscheidung ausfallen würde. Ich wusste auch nicht, wie ich selbst reagieren würde, wenn die Antwort gegen mich ausfiel oder wenn sie für mich ausfiel. Zum ersten Mal erschien mir beides möglich. Und vielleicht war genau das der ehrlichste Punkt, an dem ich seit Langem angekommen war. Ich wusste nicht, ob ich Präsident sein wollte. Ich wusste nur, dass ich diese Antwort nicht mehr mit der Frage verwechseln durfte, ob ich bereit war, die Verantwortung dafür abzugeben.

Ich hatte mir eingeredet, dass ich während der Auszählung ruhig bleiben würde. Es war eine ziemlich schlechte Lüge gewesen. Seit Stunden wechselten die Zahlen auf den Anzeigen, Stimmen wurden erfasst, überprüft und den jeweiligen Ergebnissen zugeordnet. Ich hatte mich irgendwann dabei ertappt, wie ich immer wieder auf dieselbe Anzeige sah, obwohl ich wusste, dass sich dadurch nichts beschleunigen ließ. Die Spannung in meinem Körper war inzwischen so konstant geworden, dass ich sie beinahe nicht mehr wahrnahm. Nur wenn ich bewusst die Schultern lockerte, merkte ich, wie stark ich sie angespannt hatte. Die Luft in meinem Quartier auf Altrix Nova war kühl, das leise Summen der Station gleichmäßig, doch jeder neue Signalton ließ mich unwillkürlich aufblicken. Ich hatte versucht, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Es war mir nicht gelungen. Meine Gedanken kehrten immer wieder zu derselben Frage zurück. Was würden die Bewohner Rheas entscheiden? Ich wusste, was auf dem Spiel stand. Es ging nicht darum, ob ich ein guter oder schlechter Präsident war. Das Verfahren hatte bereits festgestellt, dass ich Kompetenzen überschritten hatte. Die außergewöhnliche Lage hatte meine Entscheidungen erklärbar gemacht, aber sie hatte sie nicht automatisch rechtmäßig oder politisch unproblematisch gemacht. Genau deshalb hatte ich auch keine Vorstellung davon, wie die Bevölkerung diese Dinge gegeneinander abwägen würde. Vielleicht würden manche sich daran erinnern, dass ich gehandelt hatte, als andere noch zögerten. Vielleicht würden andere vor allem sehen, dass ich dabei Grenzen überschritten hatte, die auch in einer Krise nicht bedeutungslos waren. Beides konnte gleichzeitig wahr sein. Als die vorläufigen Zahlen einander immer näher kamen, setzte ich mich schließlich auf die Kante eines Sessels. Meine Hände lagen zwischen meinen Knien, während ich auf die Anzeige starrte. Die Differenz war klein. Zu klein, um mich an irgendeinen Ausgang zu gewöhnen. Mehrmals veränderte sich der Abstand, dann blieb er wieder eine Weile nahezu unverändert. Ich merkte, wie mein Atem flacher wurde. Nicht aus Angst vor einer Niederlage allein. Eine Niederlage hätte bedeutet, dass ich gehen musste. Das wäre schmerzhaft gewesen, aber zumindest eindeutig. Viel schwerer war der Gedanke, dass die Bevölkerung mir nur mit einem sehr knappen Vorsprung erneut Verantwortung übertragen könnte. Was bedeutete ein solches Mandat? Was durfte ich daraus ableiten?
Schließlich erschien das endgültige Ergebnis. Ich las es zweimal. Dann noch einmal. Die Mehrheit war für meinen Verbleib. Knapp. So knapp, dass ich einige Sekunden einfach nur auf die Zahlen starrte. Ich wartete beinahe darauf, dass sich noch etwas änderte. Dass eine weitere Korrektur kam. Dass irgendein technischer Fehler entdeckt wurde und die Anzeige wieder verschwand. Aber sie blieb bestehen. Ich war weiterhin Präsident von Rhea. Ich lehnte mich langsam zurück. Meine Brust hob und senkte sich schwer. Eine Erleichterung war da, das konnte ich nicht leugnen. Sie kam zuerst körperlich. Die Spannung in meinen Schultern ließ nach, meine Finger öffneten sich, und ich merkte erst jetzt, wie kalt meine Hände geworden waren. Gleichzeitig stellte sich keine Freude ein. Kein Triumph. Kein Gefühl, etwas gewonnen zu haben. Dafür war das Ergebnis zu knapp. Ich dachte an die Bewohner Rheas, die für meinen Verbleib gestimmt hatten. Einige von ihnen würden vermutlich davon überzeugt sein, dass ich derjenige gewesen war, der Rhea durch die Krise geführt hatte. Ich konnte verstehen, warum sie so dachten. Ich hatte Entscheidungen getroffen, als die Lage eskalierte. Ich hatte die Terraformer unter Schutz gestellt. Ich hatte Rhea durch eine Zeit geführt, in der sich die politische Ordnung selbst verändert hatte. Für manche würde genau das entscheidend gewesen sein. Aber ich konnte nicht so tun, als hätten alle diese Sichtweise geteilt. Eine knappe Mehrheit bedeutete zwangsläufig, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung anders entschieden hatte.
Ich stand auf und ging zum Fenster. Unter mir lag Trantor, während sich die Lichter der Hauptstadt über die Oberfläche zogen. Ich betrachtete sie eine Weile und dachte daran, dass irgendwo in Rhea gerade Menschen auf dieselben Zahlen sahen wie ich. Einige würden erleichtert sein. Andere würden enttäuscht sein. Wieder andere würden vielleicht einfach nur feststellen, dass die Entscheidung gefallen war und sie nun mit ihr leben mussten. Ich konnte mir nicht erlauben, nur den Teil des Ergebnisses zu sehen, der mir gefiel. Das wäre genau die Art von Selbsttäuschung gewesen, vor der ich mich inzwischen fürchtete. Ich nahm das Mandat an. Nicht, weil die Abstimmung meine bisherigen Entscheidungen nachträglich richtig gemacht hätte. Das hatte sie nicht. Nicht, weil die Mehrheit mir uneingeschränkt vertraute. Dafür war das Ergebnis viel zu knapp. Und schon gar nicht, weil ich nun einen Freibrief besaß, wieder so zu handeln wie zuvor. Ich nahm es an, weil die Bevölkerung trotz all dieser Vorbehalte entschieden hatte, dass ich die politische Verantwortung weitertragen sollte. Das war etwas anderes. Ich dachte an die Stimmen, die gegen mich abgegeben worden waren, und daran, dass ich diese Stimmen nicht einfach als Irrtum betrachten durfte. Wer mir misstraute, hatte dafür Gründe. Wer meine Entscheidungen kritisierte, musste nicht gegen Rhea sein. Vielleicht war gerade das eine der wichtigsten Erkenntnisse dieses Tages. Ein politisches Mandat bedeutete nicht, dass jeder, der mir seine Stimme gab, auch jede meiner Entscheidungen unterstützte. Es bedeutete lediglich, dass genug Bewohner Rheas bereit waren, mir noch einmal Verantwortung anzuvertrauen. Und dieses Vertrauen konnte ich verlieren. Ich wusste, dass sich auch unter den politischen Vertretern bereits unterschiedliche Reaktionen abzeichneten. In den Übertragungen aus der Kongresshalle sah ich Gesichter, die Erleichterung zeigten, andere blieben unbewegt. Einige Vertreter akzeptierten das Ergebnis, auch wenn ihnen deutlich anzusehen war, dass sie mit meiner weiteren Amtsführung nicht glücklich waren. Andere betonten bereits, dass die festgestellten Kompetenzüberschreitungen nicht verschwunden waren und dass meine zukünftige Macht stärker begrenzt werden müsse. Ich konnte ihnen das nicht einfach vorwerfen. Im Gegenteil. Ein Teil von mir verstand diese Forderung. Ich hatte selbst erkannt, wie gefährlich es werden konnte, wenn ein Präsident in einer außergewöhnlichen Lage selbst festlegte, wann die normalen Grenzen nicht mehr ausreichten. Wenn ich nun einfach aus dem Wahlergebnis ableitete, dass die Bevölkerung mir damit auch weitreichendere Befugnisse gegeben hatte, würde ich aus der Abstimmung genau die falsche Lehre ziehen. Das Ergebnis war kein Freispruch. Es war ein Auftrag. Und vielleicht war es sogar ein warnender Auftrag.
Ich trat vom Fenster zurück und setzte mich wieder. Meine Hände lagen diesmal ruhig auf meinen Oberschenkeln. Ich fühlte noch immer die Erleichterung darüber, dass ich bleiben durfte. Ich wollte sie nicht verleugnen. Aber ich wollte ebenso wenig zulassen, dass sie mir den Blick auf den Rest des Ergebnisses nahm. Die Mehrheit war knapp. Sehr knapp. Damit hatte die Bevölkerung Rheas nicht gesagt, dass alles in Ordnung gewesen war. Sie hatte nicht gesagt, dass meine Entscheidungen keine Grenzen überschritten hatten. Sie hatte nicht gesagt, dass ich künftig wieder allein bestimmen durfte, wann eine Krise meine Zuständigkeiten ausweitete. Sie hatte gesagt, dass ich bleiben sollte. Mehr nicht. Und genau deshalb nahm ich das Mandat an. Ich würde Präsident bleiben. Aber ich konnte nicht mehr so tun, als wäre dieses Amt eine persönliche Selbstverständlichkeit. Es war mir erneut übertragen worden, obwohl ein erheblicher Teil der Bevölkerung es mir nicht hatte übertragen wollen. Dieses Verhältnis würde ich nicht vergessen dürfen. Ich sah noch einmal auf die Anzeige mit dem endgültigen Ergebnis. Die Zahlen waren inzwischen unverändert. Ich war Präsident von Rhea. Doch zum ersten Mal fühlte sich dieser Satz für mich weniger wie ein Besitz und mehr wie eine Verpflichtung an.

Ich hatte die fünf Minister in einen der kleineren Konferenzräume meines Büros in Novum Nadiria gebeten. Der Raum war bewusst nicht für öffentliche Sitzungen ausgelegt. Keine Tribüne, keine erhöhten Plätze, keine Reihe von Abgeordnetensitzen, die eine formelle Distanz zwischen den Beteiligten geschaffen hätte. Stattdessen stand in der Mitte ein länglicher Tisch aus dunklem, mattiertem Material, dessen Oberfläche das kalte Licht der Deckenleisten nur schwach zurückwarf. In den Wänden summten die Lüftungssysteme, und irgendwo hinter einer Verkleidung arbeitete ein Rechnerverbund mit einem gleichmäßigen, kaum wahrnehmbaren Takt. Durch die breite Fensterfront sah ich die Stadt unter uns ausbreiten. Die Lichter bildeten ein dichtes Netz aus Straßen, Gebäuden und Verkehrsadern, das sich bis an den Horizont zog. Ich hatte diesen Anblick schon oft gesehen, doch an diesem Abend wirkte er anders. Vielleicht lag es daran, dass ich wusste, dass die Entscheidung der Bevölkerung mich im Amt gehalten hatte. Vielleicht lag es auch daran, dass ich nun zum ersten Mal ernsthaft darüber nachdenken musste, was es eigentlich bedeutete, nach all dem weiter Präsident zu sein.
Martma Luthi saß mir gegenüber. Neben ihm hatten Michatürk Vacbrand, Eleanore Schukem, Robester Linchow und Manson Ataman Platz genommen. Ich kannte ihre Gesichter, ihre Stimmen und ihre unterschiedlichen Arten, eine Sitzung zu führen. Martma wirkte ruhig und konzentriert, die Hände locker ineinandergelegt. Michatürk hatte ein Datenpad vor sich liegen, dessen Anzeige sich immer wieder veränderte, während er offenbar bereits verschiedene Punkte notierte. Eleanore beobachtete mich aufmerksam, ohne den Blick lange von meinem Gesicht zu nehmen. Robester saß mit geradem Rücken da und wirkte wie jemand, der bereits über mögliche Konsequenzen einer Entscheidung nachdachte, bevor sie überhaupt ausgesprochen war. Manson hatte beide Hände auf die Tischkante gelegt und betrachtete mich mit einem Ausdruck, den ich schwer einordnen konnte. Keiner von ihnen hatte mich wegen meiner persönlichen Gefühle hierherbestellt. Und ich selbst war nicht gekommen, um ihnen zu erklären, dass die Bevölkerung mir recht gegeben hatte. Das hatte sie nicht getan. Sie hatte mir lediglich erlaubt, weiterzumachen.
Ich legte meine Hände vor mir auf die Tischplatte und spürte die kühle, glatte Oberfläche unter meinen Handflächen. "Ich will nicht einfach dort weitermachen, wo wir aufgehört haben."
Nach meinen Worten blieb es zunächst still. Nur das leise Summen der Klimaanlage und das entfernte Brummen der Stadt waren zu hören. Ich ließ die Stille bewusst bestehen. In den vergangenen Wochen hatte ich zu oft erlebt, wie schnell aus einer Entscheidung eine Handlung und aus einer Handlung eine Kette weiterer Entscheidungen geworden war. Diesmal wollte ich nicht, dass eine solche Kette erneut einfach dadurch entstand, dass niemand rechtzeitig innehielt.
"Wenn ich das Amt weiterführe, dann kann ich nicht so tun, als hätte das Verfahren gegen mich nichts verändert. Die Abstimmung hat mir ein Mandat gegeben. Sie hat aber nicht bewiesen, dass jede meiner Entscheidungen richtig gewesen ist."
Martma neigte den Kopf leicht. Sein Gesicht blieb ruhig, doch ich bemerkte die kurze Bewegung seiner Finger, bevor er die Hände wieder ineinanderlegte. "Was willst du stattdessen ändern?"
Ich atmete langsam ein. Ich hatte mir diese Frage selbst oft genug gestellt, bevor ich sie nun beantworten musste. "Die Befugnisse des Präsidenten." Robester hob leicht die Augenbrauen. Michatürk sah von seinem Datenpad auf. Eleanore blieb vollkommen still. "Nicht erweitern", fügte ich hinzu. "Definieren." Das Wort schien einen Augenblick zwischen uns zu stehen. Ich sah zu jedem von ihnen, bevor ich weitersprach. Ich wollte nicht, dass einer von ihnen meine Absicht mit einer weiteren Machtverschiebung verwechselte. "Wir brauchen klar festgelegte Befugnisse für unmittelbare Gefahrenlagen. Wenn eine Situation innerhalb von Minuten entschieden werden muss, darf nicht erst ein vollständiger politischer Entscheidungsprozess anlaufen. Aber genau deshalb müssen wir vorher festlegen, was ein Präsident in einer solchen Lage tun darf und was nicht."
Robester verschränkte die Arme. "Und wenn die Lage nicht eindeutig ist?"
"Dann darf die Unklarheit nicht automatisch zusätzliche Macht erzeugen." Ich sah ihn direkt an. "Genau das ist eines der Probleme. Wenn wir einem Präsidenten erlauben, selbst zu bestimmen, wann eine Situation außergewöhnlich genug ist, um außergewöhnliche Befugnisse zu benutzen, geben wir ihm damit einen Teil der Entscheidung über seine eigenen Grenzen." Martma senkte kurz den Blick. Ich konnte nicht wissen, was er dachte, aber seine Haltung veränderte sich. Er saß nicht mehr nur als Minister vor mir. Er hörte mir mit jener Aufmerksamkeit zu, die ich bei ihm inzwischen kannte, wenn es um langfristige politische Folgen ging. "Wir brauchen außerdem schnellere militärische Reaktionsketten", fuhr ich fort. "Nicht unbedingt mehr Befugnisse an der Spitze. Schnellere Entscheidungen auf den Ebenen, die unmittelbar betroffen sind. Wenn ein Schiff unter Beschuss gerät, eine Station bedroht wird oder ein plötzliches Ereignis eine Reaktion innerhalb weniger Sekunden erfordert, darf die gesamte Kette nicht davon abhängen, ob irgendwo ein einzelner Entscheidungsträger erreichbar ist."
Robester nickte langsam. "Das würde bedeuten, dass wir Befugnisse nach unten delegieren."
"Innerhalb klarer Grenzen."
"Und mit klaren Regeln für die Übergabe?"
"Ja."
Er sah auf sein Datenpad und machte sich eine Notiz. "Das würde die Reaktionszeit verkürzen. Gleichzeitig steigt das Risiko, dass jemand eine Situation falsch einschätzt."
"Deshalb muss die Reaktionskette selbst Teil der Kontrolle sein." Ich verschränkte nun ebenfalls die Hände. "Keine unbegrenzte Ermächtigung. Keine offene Formulierung, die später für alles verwendet werden kann. Jede Ebene bekommt genau definierte Handlungsmöglichkeiten. Und sobald eine bestimmte Grenze überschritten wird, muss die Entscheidung automatisch an die nächste zuständige Stelle weitergegeben werden."
Eleanore lehnte sich etwas zurück. "Du willst also nicht nur festlegen, was der Präsident tun darf, sondern auch, wann er die Entscheidung wieder abgeben muss."
"Genau." Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust löste. Nicht, weil die Probleme damit verschwunden wären. Aber weil ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, einen Teil dessen, was in den vergangenen Wochen falsch gelaufen war, in eine konkrete Form bringen zu können. "Präsidentielle Notmaßnahmen brauchen außerdem verbindliche zeitliche Grenzen. Keine Notmaßnahme darf einfach bestehen bleiben, weil niemand sie beendet."
Manson runzelte die Stirn. "Wie kurz?"
"Das muss für verschiedene Arten von Maßnahmen unterschiedlich festgelegt werden. Aber jede einzelne muss ein Ablaufdatum oder einen klaren Auslöser für ihre Beendigung besitzen."
"Und wenn die Krise weitergeht?"
"Dann muss sie verlängert werden. Durch eine zuständige institutionelle Stelle."
Michatürk hob den Kopf. "Also nicht automatisch."
"Nein." Ich ließ die Antwort bewusst knapp stehen. "Nicht automatisch." Ich dachte an die Entscheidungen zurück, die ich selbst getroffen hatte. An Situationen, in denen ich mir eingeredet hatte, dass die Zeit für normale Verfahren nicht vorhanden war. Vielleicht hatte ich damit sogar teilweise recht gehabt. Aber genau darin lag die Gefahr. Wenn ein Präsident in einer Krise selbst darüber entschied, dass die Krise seine eigenen Befugnisse erweitern musste, konnte aus einer Ausnahme sehr leicht ein dauerhafter Zustand werden. "Und danach muss jede außergewöhnliche Maßnahme überprüft werden", sagte ich. "Parlamentarisch oder durch eine dafür zuständige institutionelle Stelle. Nicht nur, um jemanden zu bestrafen. Wir müssen nachvollziehen können, warum eine Entscheidung getroffen wurde, welche Informationen vorlagen und ob die festgelegten Grenzen eingehalten wurden."
Eleanore verschränkte die Hände vor sich. "Auch dann, wenn die Entscheidung letztlich richtig war?"
"Gerade dann."
Sie sah mich einige Sekunden lang an. "Warum?"
"Weil eine richtige Entscheidung nicht automatisch eine rechtmäßige Entscheidung ist. Und eine rechtmäßige Entscheidung nicht automatisch bedeutet, dass der Weg dorthin sauber war."
Ich merkte, dass Robester bei diesem Satz leicht nickte. Michatürk schrieb weiter. Martma hingegen sah mich unverwandt an.
"Was ist mit Entscheidungen außerhalb von Rhea?", fragte Eleanore.
Ich hatte mit dieser Frage gerechnet. "Dafür brauchen wir ebenfalls klare Regeln. Wenn eine Entscheidung außerhalb des eigenen Zuständigkeitsbereichs liegt, darf ein Präsident nicht einfach handeln, nur weil er davon überzeugt ist, dass es notwendig ist. Es muss festgelegt sein, welche Fälle zulässig sind, welche nicht und welche Stelle unverzüglich informiert werden muss."
"Und wenn keine zuständige Stelle erreichbar ist?", fragte Robester.
"Dann greift die Regel für unmittelbare Gefahrenlagen. Aber auch dann muss die Information sofort weitergegeben werden, sobald es technisch möglich ist." Ich sah auf die Hände vor mir. Die Finger waren angespannt, obwohl ich mich bemühte, ruhig zu bleiben. "Das ist ein weiterer Punkt. Sofortige Information des Parlaments oder der zuständigen Stellen. Nicht irgendwann nach der Krise. Nicht erst, wenn die politische Lage wieder ruhig ist. Sobald die technischen Möglichkeiten es zulassen."
Martma atmete hörbar aus. "Du willst also ein System, in dem ein Präsident in einer Krise handeln kann, aber nicht selbst bestimmen kann, wie weit seine Macht reicht."
"Ja." Ich sah zu ihm. "Außergewöhnliche Befugnisse dürfen nicht davon abhängen, ob ein Präsident persönlich glaubt, sie zu benötigen. Sie müssen vorher festgelegt sein. Und anschließend müssen sie kontrolliert werden können."
Martma schwieg. Ich beobachtete, wie er den Blick kurz zum Fenster wandte. Das Licht der beiden Sonnen spiegelte sich schwach in seinen Augen.
"Das", sagte er schließlich, "ist zumindest eine Grundlage, auf der man arbeiten kann."
Seine Stimme klang nicht wie Zustimmung zu jedem Detail. Eher wie die Anerkennung, dass ich die Frage nicht mehr auf dieselbe Weise stellte wie zuvor. Für mich war das wichtig. Martma hatte immer wieder darauf gedrängt, politische Macht an Verantwortung und langfristige Friedenssicherung zu binden. Eine Regel, die nur in einer einzelnen Krise funktionierte, war keine stabile politische Ordnung. Das wusste ich inzwischen. Ich wollte gerade zum nächsten Punkt übergehen, als mir ein anderer Gedanke kam. Eigentlich war er längst Teil meiner Überlegungen gewesen. Ich hatte ihn nur bisher bewusst zurückgehalten, weil ich wusste, wie er klingen würde.
"Es gibt noch etwas."
Michatürk sah auf. "Was?"
"Wir sollten prüfen, welche dieser Abläufe automatisiert werden können."
Robester legte sein Datenpad langsam auf den Tisch. "Automatisiert?"
"Durch technische Systeme. Durch spezialisierte KI."
Die Veränderung im Raum war sofort spürbar. Niemand sagte etwas, aber ich bemerkte, wie sich die Körperhaltung mehrerer Minister veränderte. Robesters Schultern wurden etwas steifer. Eleanore verschränkte die Arme. Manson nahm die Hände von der Tischkante. Selbst Martma, der bisher beinahe unbewegt geblieben war, richtete sich etwas auf. Ich wusste, warum. Die Geschichte unserer Völker hatte dafür gesorgt, dass das Wort KI niemals nur ein technischer Begriff geblieben war. Bei den Xenon war die Grenze zwischen Werkzeug und eigenständigem Akteur nicht einfach eine theoretische Frage gewesen. Ich sah die Anspannung in den Gesichtern vor mir und wusste, dass ich erklären musste, was ich meinte, bevor aus einem technischen Vorschlag ein völlig anderes Thema wurde.
"Ich rede nicht von einer selbstständigen AGI."
Robester antwortete sofort. "Das ist trotzdem ein gefährlicher Bereich."
"Ich weiß." Meine Stimme blieb ruhig. "Und genau deshalb müssen wir unterscheiden." Ich lehnte mich zurück und ließ den Blick über den Tisch wandern. "Ich will keine Maschine, die politische Entscheidungen trifft. Ich will keine eigenständige Intelligenz, die sich selbst Ziele setzt. Ich will keine neue Terraformer-Krise oder Xenon-Katastrophe." Die Wörter Terraformer und Xenon ließen die ohnehin angespannte Atmosphäre noch schwerer wirken. Ich konnte beinahe spüren, wie sich die Erinnerung an die Xenon in den Raum schob. "Ich spreche von begrenzten technischen Systemen, die innerhalb festgelegter Parameter arbeiten. Systeme, die überwacht werden. Systeme, deren Aufgaben, Rechte und Schnittstellen definiert sind. Sie sollen keine politische Macht besitzen."
Manson sah mich skeptisch an. "Und was genau sollen diese Systeme dann tun?"
"Zeit sparen." Ich ließ den Blick kurz zu Robester wandern. "Militärische Reaktionsketten. Verkehrssteuerung. Warnsysteme. Logistik. Verwaltung. Raumhafenverkehr. Andere zeitkritische Abläufe."
Michatürk schüttelte langsam den Kopf. "Du willst also Entscheidungen an Maschinen geben."
"Nein." Ich beugte mich leicht nach vorn. "Ich will verhindern, dass wir Entscheidungen, die längst durch Regeln festgelegt wurden, jedes Mal erneut von einem Lebewesen bestätigen lassen müssen." Ich wartete einen Augenblick. "Die Verkehrssteuerung auf Straßen macht das bereits. Raumhäfen steuern ihre Abläufe mit automatisierten Systemen. Flugverkehr wird durch technische Systeme überwacht und koordiniert. Navigationssysteme berechnen Routen. Warn- und Kontrollsysteme reagieren auf festgelegte Bedingungen. Das Commonwealth verwendet seit Jahrhunderten spezialisierte KI-Systeme, ohne dass jedes dieser Systeme zu einem selbstständigen politischen Akteur geworden ist."
Eleanore sah mich unverwandt an. "Der Unterschied ist also für dich nicht die Existenz von KI."
"Nein."
"Was ist es dann?"
"Fähigkeiten. Befugnisse. Grenzen. Kontrolle." Ich sprach jedes Wort langsam aus. "Ein System, das erkennt, dass ein Raumhafen eine Landebahn freigeben kann, braucht keine politische Entscheidungsgewalt. Ein System, das einen Alarm auslöst, weil ein festgelegter Grenzwert überschritten wurde, muss nicht selbst entscheiden, was mit einem Staat geschehen soll. Ein System, das eine militärische Reaktionskette aktiviert, weil vorher definierte Bedingungen erfüllt sind, muss nicht wissen, warum ein Krieg politisch sinnvoll oder unsinnig ist."
Robester verschränkte die Arme fester. "Und wenn die Bedingungen falsch festgelegt wurden?"
"Dann haben wir kein KI-Problem." Ich hielt kurz inne. "Dann haben wir ein Problem mit den Lebewesen, die die Regeln festgelegt haben."
Für einige Sekunden sagte niemand etwas. Ich hörte nur das leise Summen der Geräte und das entfernte Dröhnen eines vorbeifliegenden Transporters. Durch das Fenster zog eine Reihe von Lichtpunkten über den Nachthimmel von Trantor.
"Ich verstehe deine Argumentation", sagte Martma schließlich. "Aber gerade bei militärischen Systemen wäre die Grenze sehr schwer zu bestimmen."
"Deshalb soll nichts davon sofort umgesetzt werden." Ich sah ihn an. "Wir prüfen es. Wir definieren zuerst, welche Prozesse sich überhaupt dafür eignen. Wir bestimmen, welche Systeme niemals automatisiert entscheiden dürfen. Wir legen Kontrollinstanzen fest. Wir testen sie. Und wir behalten eine Möglichkeit zur manuellen Übernahme."
Robester nickte langsam. "Das wäre etwas anderes als eine autonome militärische KI."
"Genau."
"Und du würdest akzeptieren, dass bestimmte Entscheidungen ausdrücklich niemals automatisiert werden dürfen?"
"Ja." Die Antwort fiel mir leicht. "Eine Maschine soll keine politische Macht erhalten. Sie soll auch nicht darüber entscheiden, ob eine außergewöhnliche Lage vorliegt, wenn diese Entscheidung politische oder rechtliche Konsequenzen hat. Sie soll innerhalb der Grenzen arbeiten, die wir festlegen."
Manson sah von mir zu den anderen. "Du willst also einen Staat, der schneller reagieren kann, ohne dem Präsidenten dafür mehr Macht zu geben."
"Das ist der Punkt." Ich lehnte mich zurück. "Wenn wir jede Reaktion beschleunigen wollen, indem wir immer mehr Entscheidungen beim Präsidenten konzentrieren, lösen wir das falsche Problem."
Ich dachte an die Trümmerteile der zerstörten Piratenbasis. An die Gefahr, die von einer Situation ausgegangen war, in der Sekunden und Minuten entscheidend gewesen waren. Dann erinnerte ich mich an die drei paranidischen Korvetten und daran, wie schnell aus einer unklaren Lage eine Situation geworden war, in der jede Verzögerung neue Risiken geschaffen hatte. Ich musste nicht jede Einzelheit dieser Ereignisse wiederholen. Die Erinnerung allein genügte, um zu wissen, warum ich auf diesem Punkt bestand.
"Wir hatten Situationen, in denen schnelles Handeln notwendig war", sagte ich. "Die Krise mit den Trümmerteilen der zerstörten Piratenbasis war eine davon. Die drei paranidischen Korvetten waren eine andere. In solchen Situationen kann ein Staat nicht so funktionieren, dass jeder einzelne Schritt erst auf dem Tisch eines Präsidenten landet."
Robester sah mich ernst an. "Und genau deshalb willst du die Entscheidungskompetenz verteilen."
"Ja."
"Auch wenn das bedeutet, dass du selbst weniger Einfluss hast."
"Gerade dann."
Ich spürte, wie sich meine Schultern etwas entspannten. Es war eine seltsame Erkenntnis. Ich hatte das Amt nie gesucht. Ich hatte mich immer wieder in Situationen befunden, in denen ich geglaubt hatte, handeln zu müssen, weil andere Stellen zu langsam reagierten oder nicht handeln konnten. Irgendwann war aus dieser Haltung das Präsidentenamt geworden. Vielleicht bestand die eigentliche Prüfung jetzt darin, ob ich bereit war, ein System aufzubauen, das nicht davon abhängig war, dass jemand wie ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort stand.
Martma strich mit dem Daumen über die Kante seines Datenpads. "Ich denke, wir sollten die Reformen weiter ausarbeiten." Er blickte zu den anderen. "Nicht nur die präsidentiellen Befugnisse. Die gesamte Reaktionsstruktur."
Eleanore nickte. "Mit klaren Zuständigkeiten zwischen Regierung, Parlament und den jeweiligen Fachstellen."
Michatürk ergänzte, dass auch wirtschaftliche und logistische Prozesse berücksichtigt werden müssten, insbesondere dort, wo Verzögerungen nicht unmittelbar militärisch, aber trotzdem systemkritisch waren. Manson verwies auf Warnsysteme und die Versorgungssicherheit. Robester begann bereits damit, mögliche militärische Reaktionsketten gedanklich auseinanderzunehmen. Ich hörte ihnen zu und bemerkte, wie aus meinem ursprünglichen Gedanken langsam etwas wurde, das nicht mehr nur eine persönliche Konsequenz aus meinen Fehlern war. Ich wollte kein System schaffen, das einen besseren Präsidenten hervorbrachte. Ich wollte eines, das weniger davon abhing, ob der Präsident gut oder schlecht, mutig oder vorsichtig, schnell oder langsam entschied. Als die Diskussion sich schließlich verlangsamte, blieb ich noch einen Moment sitzen. Das Licht über dem Tisch spiegelte sich auf der dunklen Oberfläche. Draußen bewegten sich die Lichter über Trantor weiter, gleichgültig gegenüber unseren Beratungen. Millionen von Abläufen liefen gleichzeitig ab, von denen die meisten niemals die Aufmerksamkeit eines Ministers oder Präsidenten benötigten. Vielleicht lag genau darin die Antwort. Nicht jede Entscheidung musste an die Spitze. Und gerade deshalb durfte die Spitze nicht unkontrolliert handeln.
Ich sah zu den fünf Ministern. "Wenn ich dieses Amt weiterführe, dann soll mein Mandat nicht bedeuten, dass ich mehr darf als zuvor." Ich ließ den Satz einen Augenblick wirken. "Es soll bedeuten, dass ich dabei helfe, dafür zu sorgen, dass niemand nach mir dieselben Fehler machen muss, um zu erkennen, wo die Grenzen liegen."
Diesmal blieb die Stille nicht lange. Niemand widersprach mir. Aber ich erwartete auch keine Zustimmung als persönliche Bestätigung. Dafür war das, was vor uns lag, zu groß. Es ging nicht mehr darum, ob ich Präsident sein durfte. Es ging darum, wie ein Präsident überhaupt Präsident sein sollte.

Die Sitzungen hatten aufgehört, sich wie ein Kampf um meine politische Zukunft anzufühlen. Es gab keine Abstimmung mehr, die darüber entscheiden musste, ob ich im Amt bleiben durfte, keine Deputierten, die meine vergangenen Entscheidungen in immer neuen Varianten auseinandernahmen, und keine Türen, hinter denen über meine Entfernung aus dem Amt beraten wurde. Stattdessen begannen die ersten Arbeitsgruppen damit, die Reformen auszuarbeiten, über die wir gesprochen hatten. Zuständigkeiten wurden geprüft, Reaktionsketten neu betrachtet, zeitliche Grenzen für Notmaßnahmen formuliert und Verfahren entwickelt, mit denen außergewöhnliche Entscheidungen später nachvollzogen und kontrolliert werden konnten. Ich bekam davon nicht jede Einzelheit mit. Dafür gab es inzwischen andere, die sich darum kümmerten. Und genau das war ein Teil dessen, was ich erreichen wollte. Wenn ich durch die Anlagen von Altrix Nova ging, begegnete mir dabei immer wieder der gleiche seltsame Gegensatz. Einerseits war vieles noch so vertraut wie früher. Die Korridore, die Terminals, die Transportwege, die Produktionsanlagen und die vertrauten Geräusche der Stationen waren noch vorhanden. Andererseits hatte sich die Bedeutung all dessen verändert. Rhea war nicht länger nur President's End, ein Ort am Rand eines größeren politischen und wirtschaftlichen Netzes. Wir waren eine eigenständige politische Einheit geworden. Die alten Verbindungen zum Commonwealth-Sprungtornetzwerk waren verschwunden, und niemand konnte mir mit Gewissheit sagen, wie die neuen Verbindungen aussehen würden oder wann sich ihre Auswirkungen vollständig zeigen würden. Ich wusste nur, dass die bisherigen Wege nicht einfach zurückkehren würden. Was daraus entstehen würde, lag außerhalb meiner Kenntnis. Auch die Terraformer blieben dort, wo sie meiner Überzeugung nach bleiben mussten: unter Schutz. Ich wusste inzwischen besser als früher, dass Schutz nicht dasselbe bedeutete wie Kontrolle. Sie waren ein Teil dessen gewesen, was mich überhaupt erst dazu gebracht hatte, die Entscheidungen zu treffen, die schließlich zur Entstehung Rheas geführt hatten. Ihre Zukunft war noch lange nicht vollständig geklärt, ebenso wenig wie die Frage, welche Rolle sie in dem neuen politischen Gefüge spielen würden. Ich konnte ihnen keinen fertigen Weg vorgeben. Ich konnte nur dafür sorgen, dass ihnen nicht wieder jemand die Existenzberechtigung absprach, nur weil ihre Geschichte unbequem war oder ihre Herkunft Angst auslöste.
Manchmal stand ich an einem der großen Sichtfenster und sah hinaus in die Dunkelheit. Rhea wirkte aus dem All beinahe still. Lichtpunkte zeichneten die künstlichen Strukturen nach, Verkehrsbewegungen zogen dünne Linien durch die Schwärze, und weiter draußen lagen die Sterne wie unveränderte Punkte in einer Entfernung, die sich jeder menschlichen Vorstellung entzog. Ich wusste, dass dort draußen Terra lag. Aldrin. Argon Prime. Die Gebiete der Boronen, Split, Paraniden und Teladi. Reiche von Wesen, die bisher noch niemand getroffen hatte. Ich wusste, dass die politischen Beziehungen zu ihnen irgendwann neu bestimmt werden mussten. Ich wusste auch, dass die Zukunft der neuen Sprungtorverbindungen von Entscheidungen abhing, die nicht allein bei mir lagen. Selbst die Absichten der Ancients blieben mir weitgehend verborgen. Ich konnte Vermutungen anstellen, Zusammenhänge erkennen und aus dem schließen, was ich erlebt hatte. Mehr nicht. Das war vielleicht eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus allem mitgenommen hatte. Nicht jede offene Frage verlangte sofort eine Antwort. Manche Dinge mussten sich entwickeln, bevor man sie verstehen konnte. Ich hatte lange geglaubt, dass Handeln besser sei als Warten, weil Warten in einer Krise sehr schnell zu einer Entscheidung durch Untätigkeit werden konnte. Das stimmte noch immer. Aber ich hatte gelernt, dass Handeln und Kontrolle keine Gegensätze sein mussten. Ein Staat konnte schnell reagieren, ohne einer einzelnen Person unbegrenzte Macht zu geben. Er konnte sich vorbereiten, ohne jede mögliche Zukunft vorher bestimmen zu wollen. Und vielleicht konnte er gerade dadurch stabiler werden.
Die Regierung hatte ihre Arbeit aufgenommen. Martma, Michatürk, Eleanore, Robester und Manson waren nicht mehr nur Namen auf einer Liste möglicher Minister gewesen. Ich sah sie nun in Besprechungen, hörte ihre unterschiedlichen Einschätzungen und beobachtete, wie aus den ersten Überlegungen konkrete Reformen wurden. Nicht alles ging schnell. Manches wurde mehrfach diskutiert. Einige Vorschläge stießen auf Widerstand, andere mussten verändert werden. Doch diesmal empfand ich diese Verzögerungen nicht als persönliches Versagen. Nicht jede Verzögerung war eine Krise. Manchmal war sie einfach der Preis dafür, dass mehrere Lebewesen gemeinsam über eine Entscheidung nachdachten. Auch mein eigenes Verhältnis zum Amt hatte sich verändert. Ich hatte Präsident werden wollen, ohne es jemals wirklich zu wollen. Dieser Widerspruch hatte mich lange begleitet. Jetzt wusste ich zumindest, dass ich nicht Präsident war, weil ich Macht besitzen wollte. Ich blieb es, weil die Bewohner Rheas mir nach allem, was geschehen war, erneut ein Mandat gegeben hatten. Es war knapp gewesen. Gerade deshalb konnte ich es nicht mit einer allgemeinen Zustimmung zu allem verwechseln, was ich getan hatte. Für mich war das Ergebnis keine Freisprechung und kein persönlicher Triumph. Es war eine Aufforderung, es besser zu machen. Ich wusste nicht, ob mir das immer gelingen würde. Vielleicht würde ich wieder Fehler machen. Vielleicht würden neue Krisen entstehen, auf die niemand vorbereitet war. Vielleicht würden die neuen Sprungtorverbindungen Rhea näher an andere Völker heranführen, als ich erwartete, oder uns für längere Zeit isolieren. Vielleicht würden Terra, Aldrin oder Argon Prime anders auf unsere Existenz reagieren, als ich es mir vorstellen konnte. Vielleicht würden die Terraformer eines Tages Entscheidungen treffen, deren Konsequenzen niemand von uns vorhersehen konnte. Und irgendwo jenseits unseres Wissens konnten die Ancients längst Pläne verfolgen, von denen wir nicht einmal wussten, dass sie existierten. Ich konnte all das nicht beantworten. Zum ersten Mal empfand ich diese Ungewissheit nicht als etwas, das ich unbedingt beseitigen musste.
Ich legte eine Hand an die kalte Oberfläche des Sichtfensters und sah hinaus. Hinter dem Glas lag kein Ziel, das ich erreichen musste, keine einzelne Entscheidung, die alles andere erklären würde. Dort draußen lag nur das All, groß, dunkel und voller Möglichkeiten. Hinter mir bewegten sich die Bewohner Rheas durch ihre neuen politischen und wirtschaftlichen Strukturen. Die Reformen hatten begonnen. Die Terraformer waren geschützt. Die alte Ordnung war beendet. Eine neue hatte noch keine endgültige Form gefunden. Vielleicht war genau das der richtige Zustand für einen Anfang. Ich blieb noch eine Weile am Fenster stehen. Dann wandte ich mich ab und ging zurück in den Korridor. Hinter mir blieb der Blick auf die Sterne zurück. Vor mir lagen die Räume, in denen die nächsten Entscheidungen getroffen werden würden. Nicht alle von mir. Nicht mehr nur von mir. Und während ich durch die hell erleuchteten Korridore von Altrix Nova ging, wurde mir bewusst, dass meine Geschichte hier einen Abschluss finden konnte, auch wenn die Geschichte dieses jungen Systems gerade erst begonnen hatte.
„Dies ist das Jahr 2999. Das Jahr, in dem das Sonnensystem President's End aufhörte zu existieren und Rhea begann.“ Ich lächelte, als ich die Worte leise vor mich hin flüsterte. So, als wäre ich eine Figur in einem Medium.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

Bild

Benutzeravatar
Tom
Gründer
Gründer
Beiträge: 4110
Registriert: Fr 17. Jan 2014, 19:39
Wohnort: Bavaria
Kontaktdaten:

Re: K101

Beitrag von Tom »

Bild

Kapitel 101 - Error 3014

Der Himmel über Trantor war crimsonrot. Beide Sonnen standen hoch über mir und tauchten die Landschaft in ein unwirklich warmes Licht. Die Luft war klar. Kein Sturm zog auf. Kein Rauch verdunkelte den Horizont. Es war ein schöner Tag. Vor mir erstreckte sich eine gewaltige Menge. So weit ich sehen konnte, standen Lebewesen dicht an dicht. Tausende, vielleicht Millionen. Körper drängten sich über Ebenen, Plätze und Straßen. Ihre Gesichter waren mir zugewandt.
Sie riefen meinen Namen. "Grau!" Ich hob die Arme. Der Jubel schwoll an. "Grau! Grau! Grau!"
Ich spürte, wie sich ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitete. Ich genoss es. Die Stimmen, die Blicke, die Gewissheit, dass all diese Lebewesen nur auf mich sahen. Ich hob die Arme noch höher. Die Menge schrie. Ich drehte mich langsam um. Hinter mir stand Staller. Ihre blutrote Uniform hob sich deutlich vom crimsonroten Himmel ab. Sie sah mich an, als hätte sie genau auf diesen Augenblick gewartet. Dann trat sie näher. Sie legte beide Hände auf meine Schultern. Ich spürte die Wärme ihrer Finger durch meine Kleidung. Ich drehte den Kopf leicht und sah sie an. Sie lächelte. Ich lächelte zurück. Meine rechte Hand hob sich. Ich legte sie auf ihre Hand.
"Das ist dein Reich." Ihre Stimme war ruhig. "Heil dir, mein Sohn!"
Ich drückte ihre Hand nicht weg. Im Gegenteil. Meine Finger schlossen sich um ihre. Dann begann ihre Hand in meiner Schulter zu verschwinden. Staller erstarrte. Ihr Lächeln verschwand. Unter ihrer Haut lief etwas Dunkles über ihren Arm. Ihre Finger sanken tiefer in meinen Körper, als wäre mein Fleisch kein Fleisch mehr, sondern eine zähe, lebendige Masse. Ich spürte keinen Schmerz. Nur Kraft. Staller riss ihren Arm zurück. Er bewegte sich nicht. Sie versuchte, sich loszureißen. Die Menge jubelte. Lauter. Staller sah mich an. Zum ersten Mal lag Angst in ihrem Gesicht. Ich sah sie einfach an. Sie stemmte sich gegen mich. Ihre zweite Hand krallte sich in meine Schulter, doch auch sie begann zu verschwinden. Haut ging in Haut über. Fleisch wurde zu etwas Formlosem. Ihr Arm verlor seine Konturen und wurde in meinem Körper verschluckt. Staller schrie. Die Menge jubelte. Ich blieb stehen. Ganz ruhig. Ihr Körper wurde Stück für Stück in mich gezogen. Sie wand sich, schlug um sich, versuchte, sich festzuhalten. Doch nichts half. Ihre Uniform verschwand in mir. Ihre Arme wurden kürzer. Ihre Schultern lösten sich auf. Ihr Gesicht kam mir immer näher. Ich sah ihr in die Augen. Dann verschwand auch ihr Gesicht. Die Menge explodierte vor Begeisterung. Ich breitete die Arme aus. Ich fühlte mich größer. Stärker. Unbesiegbar. Etwas Kaltes und zugleich Heißes strömte durch meinen Körper. Gedanken, Erinnerungen und Gefühle waren plötzlich da und gleichzeitig meine eigenen. Ich konnte nicht mehr unterscheiden, wo Staller aufgehört hatte und ich begonnen hatte. Es spielte keine Rolle. Ich war beides. Ich war mehr. Als ich nach unten sah, trug ich ihre Uniform. Blutrot. Ich strich mit den Händen über den Stoff und lachte leise. Dann sah ich etwas in meinen Händen. In meiner rechten Hand lag ein zerstörtes Teil eines Terraformers. Metallstreben waren verbogen. Kabel hingen heraus. An mehreren Stellen waren Gehäuseteile aufgerissen. Aus dem Inneren tropfte eine rötliche Flüssigkeit. In meiner linken Hand hielt ich ein zweites Teil. Auch daraus tropfte dieses Öl. Die Flüssigkeit fiel auf den Boden. Doch sie versickerte nicht. Sie bewegte sich. Zuerst langsam. Dann schneller. Die rote Lache breitete sich um meine Füße aus. Sie kroch über den Boden, teilte sich in dünne Stränge und kam auf mich zu. Ich wich nicht zurück. Ich ließ sie kommen. Die Flüssigkeit berührte meine Stiefel. Sie kroch daran hinauf. Durch den Stoff. In meine Beine. Ich lachte. Sie verschmolz mit mir. Mein Körper veränderte sich. Metall schob sich unter meine Haut. Gelenke wurden hart. Etwas Fremdes bewegte sich durch meine Arme und meinen Rücken. Ich hörte ein tiefes mechanisches Summen, das aus meinem eigenen Körper zu kommen schien. Die Menge jubelte weiter. Ich hob die Arme. Das Jubeln wurde zu einem Dröhnen. Vor mir erschien Trantor. Nicht der echte Planet. Ein Abbild. Eine kleine, schwebende Kugel, grün und blau, wunderschön und vollkommen. In meiner anderen Hand erschien Vulcanus. Rot, dunkel, von Narben überzogen. Ich betrachtete beide. Meine Finger schlossen sich um Trantor. Ich drückte zu. Die Oberfläche zerbrach unter meinen Fingern. Kontinente zerfielen. Wolken verschwanden. Das kleine Abbild zerquetschte sich in meiner Handfläche. Ich lachte. Dann schloss ich meine andere Hand um Vulcanus. Der Planet zerbrach ebenfalls. Gestein splitterte. Feuer quoll zwischen meinen Fingern hervor. Ich zerdrückte ihn. Ich zerdrückte beide. Um mich herum begann die Welt zu brennen. Gebäude standen in Flammen. Raumstationen stürzten aus dem Himmel. Schiffe zerbarsten über mir. Trümmer regneten herab und schlugen in den Boden ein. Ich stand mitten in den Ruinen. Rings um mich lagen die Körper derjenigen, die noch kurz zuvor meinen Namen gerufen hatten. Die Menge war tot. Leichen lagen übereinander. Berge aus Körpern erstreckten sich bis zum Horizont. Der crimsonrote Himmel war von Rauch verdunkelt. Trümmer regneten aus den Wolken. Feuer brannte überall. Und trotzdem war es vollkommen still. Dann hörte ich etwas. Ein tiefes Rauschen. Ich drehte mich um. Am Horizont erhob sich eine rote Wand. Blut. Ein Ozean aus Blut raste auf mich zu. Er wurde größer. Höher. Breiter. Er verschlang die Ruinen, die brennenden Gebäude und die Leichenberge. Ich hätte davonlaufen können. Ich tat es nicht. Ich breitete die Arme aus. Ich sah dem Blut entgegen. Und ich lachte. Immer lauter. Immer hemmungsloser. Ich lachte, während die rote Flut auf mich zuraste. Ich lachte, während Trümmer vom Himmel fielen. Ich lachte über die Toten. Ich lachte über die zerstörten Welten. Ich lachte über die Macht, die durch meinen Körper pulsierte. Dann verschlang mich der Ozean.
Ich riss die Augen auf. Ich lag in meinem Bett. Mein Atem ging stoßweise. Schweiß rann mir über Stirn, Hals und Rücken. Mein Herz schlug so schnell, dass jeder einzelne Schlag durch meinen Brustkorb zu hämmern schien. Für einige Sekunden konnte ich nichts anderes tun, als in die Dunkelheit zu starren. Das crimsonrote Licht war verschwunden. Die beiden Sonnen waren verschwunden. Die Menge war verschwunden. Staller war verschwunden. Nur das schwache, gedämpfte Licht meines Schlafzimmers war noch da. Ich hob langsam eine Hand. Sie zitterte. Ich sah sie an. Dann schloss ich die Augen. Es war nur ein Traum. Ein Alptraum. Aber ich erinnerte mich an mein Lachen. Und genau das war es, was mir Angst machte.

Das Zimmer lag noch im Halbdunkel, als ich langsam wieder zu mir kam. Das gedämpfte Licht der Umgebung zeichnete nur weiche Konturen an die Wände und ließ die Möbel beinahe mit den Schatten verschmelzen. Neben mir lagen Vanu und Valentina noch nackt im Bett, beide unter der Decke verborgen, und für einige Augenblicke sagte keiner von uns etwas. Ich hörte nur unsere Atemzüge und das leise, gleichmäßige Summen der Klimatisierung, das sich längst so selbstverständlich in meinen Alltag eingefügt hatte, dass ich es kaum noch bewusst wahrnahm. Ich drehte den Kopf erst zu Vanu und dann zu Valentina. Wir waren älter geworden. Nicht plötzlich, nicht in einem einzelnen Moment, sondern in unzähligen gemeinsamen Tagen, Gesprächen, Streitigkeiten, Versöhnungen und gewöhnlichen Morgen, die sich irgendwann zu Jahren zusammengesetzt hatten. Unsere Familie war nicht deshalb bestehen geblieben, weil alles immer einfach gewesen wäre. Im Gegenteil. Es hatte Zeiten gegeben, in denen ich nicht gewusst hatte, ob wir unsere gemeinsame Zukunft in dieser Form überhaupt weiterführen konnten. Besonders die Frage nach weiteren Kindern hatte uns belastet. Ich erinnerte mich an Gespräche, die wir immer wieder begonnen und irgendwann erschöpft beendet hatten, weil es keine Antwort gab, mit der alle drei von uns hätten leben können. Vanu hatte bereits vor unserer Beziehung eine Fehlgeburt erlebt. Die Schwangerschaft mit Asahi hatte später gezeigt, wie gefährlich eine weitere Schwangerschaft für sie sein konnte. Ich erinnerte mich noch an die Angst jener Zeit, an die medizinischen Anzeigen, an die Anspannung in den Gesichtern der Aldrianer und an das Wissen, dass Vanu und unser ungeborenes Kind ohne ihre Hilfe möglicherweise nicht überlebt hätten. Wir hatten dieses Erlebnis nie einfach beiseitegeschoben. Es war ein Teil unserer gemeinsamen Geschichte geworden, einer dieser Abschnitte, über die man auch Jahre später nicht leicht sprach, weil allein die Erinnerung daran etwas in einem auslöste. Als wir später erneut über ein weiteres Kind nachgedacht hatten, war uns allen bewusst gewesen, welches Risiko damit verbunden war. Wir hatten nicht einfach darauf vertraut, dass es diesmal schon gutgehen würde. Gemeinsam mit Xandra, ihrer Ehefrau Marteena und weiteren Aldrianern hatten wir nach Möglichkeiten gesucht. Wir hatten medizinische Verfahren geprüft, Meinungen eingeholt und immer wieder versucht, irgendeine Möglichkeit zu finden, die das Risiko für Vanu auf ein vertretbares Maß senken konnte. Doch irgendwann war nur noch die Erkenntnis geblieben, dass wir keine Lösung gefunden hatten, die uns diese Sicherheit geben konnte. Vanu hatte sich trotzdem für einen weiteren Versuch entschieden. Ich wusste noch, wie schwer diese Entscheidung für uns alle gewesen war. Und ich erinnerte mich ebenso deutlich an den Moment, in dem Valentina als Ärztin die Schwangerschaft abbrechen musste, weil das Risiko für Vanu erneut zu hoch geworden war. Es war eine Entscheidung gewesen, die niemand von uns leicht getroffen hatte. Danach hatte etwas zwischen uns dreien eine Zeit lang Risse bekommen. Nicht, weil wir uns nicht mehr liebten, sondern weil Trauer, Schuldgefühle, Angst und die Frage nach dem richtigen Weg manchmal stärker waren als jede Vernunft. Wir hatten uns gegenseitig verletzt, hatten geschwiegen und später wieder miteinander gesprochen. Irgendwann hatten wir gelernt, mit dem Geschehen zu leben, ohne es zu verdrängen.
Ich streckte eine Hand aus und berührte Vanu vorsichtig am Arm. Sie bewegte sich, öffnete langsam die Augen und blinzelte in das gedämpfte Licht. Ihre Gesichtszüge wirkten zunächst verschlafen, dann erkannte sie mich und lächelte schwach. Auch Valentina regte sich neben uns. Die Decke fiel von ihr ab und entblößte ihren Oberkörper, dann setzte sie sich langsam auf und strich sich das lange petrolfarbene Haar aus dem Gesicht. Für einen Moment sahen wir uns nur an. Kein großes Gespräch war nötig. Wir hatten längst eine Form gefunden, in der selbst solche stillen Augenblicke genug sagten. Ich legte einen Arm um Vanu, während Valentina sich näher zu uns setzte, und für einige Sekunden blieb unsere kleine Welt einfach so bestehen, abgeschirmt vom Rest der Station.
Später begann der gewöhnliche Teil unseres Morgens. Das bedeutete nicht, dass unsere Vergangenheit verschwunden war. Sie war einfach nicht mehr das Einzige, was uns definierte. Wir standen auf, zogen uns an und bewegten uns durch die vertrauten Räume unseres Quartiers. Das gedämpfte Licht lag wie ein ruhiger Schleier über allem. Früher hatte mich diese Beleuchtung irritiert. Jetzt bemerkte ich sie kaum noch. Dunkle Blau- und Grüntöne bestimmten die Wände, die Beleuchtung und die Anzeigen. Selbst die Übergänge zwischen den einzelnen Bereichen waren so gestaltet, dass keine plötzlichen hellen Flächen oder grellen Farbwechsel entstanden. Für Hoshiko war diese Umgebung ursprünglich eingerichtet worden. Mit der Zeit war sie für uns alle normal geworden.
Ich bemerkte allerdings sofort, dass etwas nicht stimmte, als ich den Flur entlangging und vor Hoshikos Zimmer stehen blieb. Die Tür war fast vollständig geschlossen. Dahinter war es noch dunkler als im übrigen Quartier. Ich hörte ein leises Geräusch, kaum mehr als ein unterdrücktes Stöhnen, und blieb stehen. Mein Körper reagierte, bevor ich bewusst darüber nachdachte. Ich öffnete die Tür nur so weit, dass das Licht des Flurs nicht in den Raum fiel. Hoshiko lag auf ihrem Bett und hatte sich zusammengekrümmt. Ihre langen schwarzen Haare mit den petrolfarbenen Strähnen lagen teilweise über dem Kissen, während sie die Augen fest geschlossen hielt. Eine Hand lag an ihrer Stirn, die andere hatte sie in die Decke gekrallt. Ihr Gesicht war angespannt. Ich brauchte keine Erklärung, um zu wissen, dass sie Schmerzen hatte. Ich trat näher, blieb aber zunächst am Rand des Bettes stehen. Das Zimmer war fast vollständig abgedunkelt. Nur einige schwache Anzeigen warfen gedämpfte blaugrüne Lichtflächen an die Wände. Selbst diese Helligkeit schien Hoshiko unangenehm zu sein. Ihre Mimik verriet mir, wie sehr sie gegen die Schmerzen ankämpfte.
Ich erinnerte mich an die Untersuchungen von damals. 2999 hatte noch niemand wissen können, wie stark sich ihre besondere Wahrnehmung mit zunehmendem Alter auf ihr Wohlbefinden auswirken würde. Damals hatten wir gewusst, dass ihre Netzhaut verschiedene Rezeptortypen mosaikartig enthielt. Einige Bereiche arbeiteten mit RGB-Rezeptoren, andere mit RYB-Rezeptoren. Für Hoshiko bedeutete das eine Farbwahrnehmung, die weit über das hinausging, was ich selbst kannte. Farben konnten sich für sie fleckenartig verteilen, ineinander übergehen oder bei bestimmten Bedingungen beinahe so wirken, als würden sie sich bewegen. Was zunächst wie eine faszinierende Besonderheit erschienen war, hatte sich mit den Jahren zu einer Belastung entwickelt. Helles Licht war schwierig geworden. Grelle Farben konnten Beschwerden auslösen. Schnelle Farbwechsel waren besonders problematisch. Immer häufiger waren Schwindel und Kopfschmerzen hinzugekommen, bis daraus schwere Migräneanfälle geworden waren. Ich sah meine Tochter jetzt im dunklen Zimmer liegen und musste nicht versuchen, mir vorzustellen, wie ihre Welt aussah. Ich wusste nur, dass mein eigenes Sehen mir keinen wirklichen Vergleich erlaubte. Ich konnte in diesen Momenten nur erkennen, was die Folgen für sie waren.
Asahi kam hinter mir durch die Tür. Ich hörte seine Schritte kaum auf dem weichen Boden. Er blieb kurz neben mir stehen und sah zu seiner Schwester. Sein Blick wanderte zu dem kleinen medizinischen Behälter auf dem Tisch. Er nahm ihn vorsichtig auf und überprüfte die Anzeige, bevor er sich zu Hoshiko setzte. Seine Bewegungen waren ruhig. Keine Hast, keine Unsicherheit. Ich trat etwas zurück und ließ ihm Platz.
Asahi beugte sich zu seiner Schwester. "Hoshiko, ich habe deine Medizin."
Hoshiko öffnete die Augen nur einen Spalt. Ihre violetten Augen wirkten im schwachen Licht fast dunkel. Asahi blieb neben ihr sitzen. Er sprach leise mit ihr, wartete, bis sie bereit war, und half ihr anschließend bei der Einnahme der Medizin. Ich beobachtete ihn dabei. Er machte nichts Außergewöhnliches. Gerade deshalb beeindruckte es mich. Für ihn war es keine besondere Aufgabe, kein großer Moment, in dem er sich beweisen musste. Es war einfach seine Schwester, der es schlecht ging, und er blieb bei ihr. Ich trat an ihn heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er sah zu mir hoch. Ich lächelte ihn an und nickte langsam. In meinem Inneren breitete sich eine ruhige Wärme aus, die stärker war als jeder Stolz, den ich hätte in Worte fassen können. Ich musste ihm keine lange Erklärung geben. Die kurze Berührung und mein Blick reichten aus. Valentina war inzwischen ebenfalls ins Zimmer gekommen. Sie setzte sich auf die Bettkante und blieb bei Hoshiko. Als Ärztin konnte sie die Situation einschätzen, ohne Hoshiko mit unnötigen Fragen zu belasten. Sie strich ihr vorsichtig über das Haar und achtete darauf, dass kein plötzliches Licht in den Raum fiel. Vanu dagegen verschwand wieder aus dem Zimmer. Wenig später hörte ich aus der Küche die ersten Geräusche unseres Frühstücks. Geschirr wurde auf eine Arbeitsfläche gestellt, eine Schublade geöffnet, Wasser lief kurz aus dem Hahn. Die Geräusche waren banal. Genau deshalb beruhigten sie mich. Ich blieb noch einen Moment bei Asahi und Hoshiko. Langsam löste sich die Anspannung aus Hoshikos Gesicht. Ihre Finger entspannten sich. Die Atmung wurde gleichmäßiger. Asahi saß weiterhin neben ihr, ohne sie zu bedrängen. Ich sah zu ihm hinüber und musste an seine eigene besondere Wahrnehmung denken. Seine Tetrachromie unterschied sich grundlegend von Hoshikos Mosaiksicht. Er besaß vier funktionale Rezeptortypen für Rot, Grün, Blau und Gelb, und nach allem, was wir beobachten konnten, verarbeitete sein Gehirn diese Informationen ohne die Überlastung, unter der Hoshiko litt. Trotzdem hatte das für uns nie bedeutet, dass eines unserer Kinder dem anderen gegenüber bevorzugt wurde. Ihre Unterschiede waren Unterschiede. Nicht mehr und nicht weniger.
Ich verließ das Zimmer erst, als Hoshiko eingeschlafen war. Valentina blieb noch bei ihr sitzen. Als ich wieder in den Wohnbereich kam, war Vanu bereits dabei, unser Frühstück vorzubereiten. Der Duft von warmem Essen lag in der Luft und mischte sich mit dem kühlen, sauberen Geruch der Station. Ich half ihr, während Asahi später ebenfalls aus Hoshikos Zimmer kam und sich zu uns gesellte. Gemeinsam erledigten wir die kleinen Handgriffe, die jeden Morgen anfielen. Geschirr, Lebensmittel, Arbeitsflächen, Geräte. Nichts davon war außergewöhnlich. Gerade darin lag für mich etwas Beruhigendes.
Ich blieb schließlich mitten im Wohnbereich stehen und ließ den Blick durch unser Quartier wandern. Die gedämpften Blau- und Grüntöne waren längst nicht mehr nur eine medizinische Maßnahme für Hoshiko. Wir hatten uns alle daran gewöhnt. Mehr noch. Irgendwann hatten wir festgestellt, dass uns die ruhige Beleuchtung selbst guttat. Weniger harte Kontraste, weniger grelle Flächen, keine unnötigen Farbwechsel. Nach und nach hatten wir deshalb begonnen, dieselben privaten Umwelteinstellungen an unsere Arbeitsplätze zu übertragen. Zuerst war es nur bei uns geblieben. Dann hatten Freunde und Bekannte die Einstellungen übernommen. Kollegen hatten danach gefragt. Einige hatten sie aus Neugier ausprobiert und beibehalten. Irgendwann musste ich nicht mehr darüber nachdenken, warum manche Räume auf Altrix Nova so aussahen, wie sie aussahen. Die dunklen Blau- und Grüntöne waren vertraut geworden. Was einmal eine Anpassung für Hoshiko gewesen war, hatte sich langsam in den Alltag der Station eingefügt.
Ich sah zu Vanu, die am Tisch stand und das Frühstück vorbereitete, während aus Hoshikos Zimmer noch immer kein Geräusch kam. Asahi saß in meiner Nähe und half bei den letzten Handgriffen. Valentina würde noch bei unserer Tochter bleiben, bis sie sicher war, dass Hoshiko sich vollständig beruhigt hatte. Es war kein außergewöhnlicher Morgen mehr. Nicht wirklich. Es war unser Morgen. Und vielleicht war genau das der deutlichste Beweis dafür, wie lange wir inzwischen gemeinsam lebten. Unsere Vergangenheit war nicht verschwunden. Sie lag in den stillen Momenten zwischen uns, in den Erinnerungen, in unseren Kindern und in den Dingen, die wir im Laufe der Jahre verändert hatten. Aber sie bestimmte nicht mehr jeden Augenblick. Wir lebten mit dem, was geschehen war, und machten daraus etwas, das weiterging. Ich nahm einen Teller vom Tisch und brachte ihn in die Küche. Das gedämpfte Licht lag über unseren Bewegungen, während draußen hinter den Wänden von Altrix Nova der Verkehr durch den Orbit von Trantor zog. Für uns war dieses Halbdunkel längst kein Ausnahmezustand mehr. Es war Zuhause.

Mein Termin zur Lebensmittelversorgung führte mich an diesem Tag nicht in eines der großen Produktionszentren auf Trantor, sondern in einen Bereich, den ich in den vergangenen Jahren nur selten persönlich aufgesucht hatte. Schon beim Betreten der Anlage fiel mir auf, wie anders die Räume wirkten als die Verwaltungsbereiche der UNO, die ich aus früheren Zeiten kannte. Nichts war überdimensioniert. Keine endlosen Korridore, keine Reihen identischer Büros, keine weitläufigen Empfangshallen, die für Besucherströme ausgelegt waren, die es in Rhea längst nicht mehr gab. Stattdessen war alles kompakt, funktional und auf einen bestimmten Zweck zugeschnitten. Hinter den transparenten Wänden lagen klimatisierte Kammern, in denen gedämpftes Licht über Pflanzenreihen fiel. Dahinter schimmerten technische Module, deren Anzeigen in ruhigen Intervallen wechselten. Die Luft roch nach feuchter Erde, Nährlösung und dem kaum wahrnehmbaren, sterilen Geruch von Filtern und Kunststoff. Dazu kam ein leichter pflanzlicher Duft, süßlich und grün, der mich unwillkürlich langsamer werden ließ. Ich folgte einer Mitarbeiterin durch eine Schleuse, deren Türen sich erst öffneten, nachdem mehrere Anzeigen ihren Status verändert hatten. Das leise Zischen der Druckausgleichssysteme war kaum lauter als ein Atemzug. Auf der anderen Seite war es wärmer. Nicht viel, aber genug, dass ich die Veränderung sofort auf der Haut spürte. Eine Reihe kleiner Messgeräte lief an der Wand entlang. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Sauerstoff, Kohlenstoffdioxid, Nährstoffkonzentrationen und unzählige weitere Werte, deren Bedeutung ich teilweise kannte und teilweise nur anhand ihrer Beschriftungen erraten konnte. Die Mitarbeiterin blieb vor einer großen Scheibe stehen und deutete in den dahinterliegenden Raum. Ich trat näher. Unter künstlichem Sonnenlicht wuchsen dort Pflanzen in voneinander getrennten Beeten. Einige waren mir vertraut. Andere hatte ich noch nie gesehen.
"Das hier ist nur ein kleiner Teil unserer genetischen Bestände."
Ihre Stimme war ruhig, beinahe sachlich. Ich sah weiterhin durch die Scheibe und bemerkte erst nach einigen Sekunden, wie viel Arbeit in dieser scheinbar gewöhnlichen Anordnung steckte. Jede Pflanze stand in einem eigenen Abschnitt. Manche wuchsen in kleinen Gruppen, andere einzeln. Zwischen den Beeten befanden sich Sensoren und feinste Leitungen, die in die Erde oder in die Nährsysteme führten. Nichts schien dem Zufall überlassen zu sein. Selbst die Abstände zwischen den Pflanzen wirkten berechnet.
Ich wandte mich zu ihr um. "Wie groß sind die Bestände noch?"
Sie nannte mir eine Zahl, die ich nicht sofort einordnen konnte. Nicht, weil sie besonders klein gewesen wäre, sondern weil ich inzwischen gelernt hatte, dass die Größe einer genetischen Sammlung nicht allein durch die Anzahl der gespeicherten Proben bestimmt wurde. Entscheidend war, welche Vielfalt darin erhalten war und wie oft sich daraus tatsächlich wieder lebensfähige Organismen erzeugen ließen. Ich blickte noch einmal durch die Scheibe. Für mich sah es zunächst wie eine gewöhnliche Zuchtanlage aus. Erst jetzt erkannte ich, dass hier etwas viel Kostbareres verwahrt wurde. Genetisches Material. Flora und Fauna aus Welten, mit denen Rhea seit fünfzehn Jahren keine Verbindung mehr hatte.
Der Gedanke fühlte sich inzwischen nicht mehr fremd an. Genau das war das Merkwürdige daran. Im Jahr 2999 wäre es für mich selbstverständlich gewesen, eine bestimmte Pflanze, ein Tier oder ein Rohprodukt aus einem anderen System zu beziehen. Eine Bestellung hätte genügt. Ein Frachter wäre gekommen. Vielleicht hätte ich nicht einmal darüber nachgedacht, woher das Produkt ursprünglich stammte. Jetzt konnte ein Stück genetisches Material, das vor fünfzehn Jahren noch unscheinbarer Bestandteil einer riesigen interstellaren Lieferkette gewesen war, plötzlich eine Bedeutung besitzen, die weit über seinen ursprünglichen wirtschaftlichen Wert hinausging.
Die Mitarbeiterin führte mich weiter. Hinter einer weiteren Tür veränderte sich das Licht. Die Pflanzen verschwanden. Stattdessen standen dort mehrere Reihen hoher, abgeschirmter Speichereinheiten. Ihre Oberflächen waren matt und fast vollständig geschlossen. Nur schmale Sichtfenster und kleine Statusanzeigen durchbrachen die dunklen Gehäuse. Ein gleichmäßiges tiefes Brummen lag in der Luft. Kühlsysteme. Ich konnte die feinen Vibrationen sogar durch den Boden wahrnehmen, wenn ich stehen blieb.
"Hier lagern die genetischen Proben."
Ich trat an eine der Einheiten heran. Hinter dem Sichtfenster sah ich mehrere Behälter, die in exakt ausgerichteten Halterungen saßen. Jeder besaß eine eigene Kennzeichnung. Manche stammten von Pflanzen, andere von Tieren. Ich konnte nur einen Teil der Bezeichnungen lesen, doch schon die wenigen, die ich erkannte, reichten aus, um mir die Dimension bewusst zu machen. Das hier war kein Lagerhaus. Es war ein Archiv. Und gleichzeitig war es eine Reserve. Ich legte die Hand nicht auf die Oberfläche. Der Impuls war da, aber ich widerstand ihm. Plötzlich erschien mir selbst eine einfache Berührung unangemessen. Nicht aus Ehrfurcht vor einer Maschine, sondern weil ich wusste, dass hinter dieser Wand etwas lag, das sich nicht einfach ersetzen ließ.
"Wie oft werden die Proben verwendet?"
Die Mitarbeiterin sah auf ihre Anzeige und antwortete erst nach einem kurzen Moment. "Nur wenn es notwendig ist. Wir vermehren die Bestände kontrolliert. Jede Entnahme wird dokumentiert."
Ich nickte langsam. Genau das hatte ich erwartet, trotzdem traf mich die Aussage stärker, als ich angenommen hatte. In meinem Kopf erschien für einen Augenblick die alte Welt. Handelsrouten. Frachter. Sprungtore. Produktionsketten. Lagerbestände, die man auffüllen konnte, sobald sie zur Neige gingen. All das war für mich früher so selbstverständlich gewesen, dass ich kaum darüber nachgedacht hatte. Jetzt konnte ein einziger Fehler bedeuten, dass etwas endgültig verloren war. Ich sah wieder auf die Behälter hinter dem Glas. Wenn eine Probe beschädigt wurde, konnte niemand einfach eine neue aus einem anderen System schicken. Wenn eine Zuchtlinie durch eine Krankheit verloren ging, gab es nicht automatisch irgendwo einen zweiten Bestand. Wenn ein Tier nicht mehr reproduzierbar war, konnte man nicht einfach einen Frachter in ein ehemaliges Commonwealth-System schicken und ein neues Exemplar anfordern. Was wir hier besaßen, war begrenzt. Und genau deshalb war es wertvoll.
Wir gingen weiter in einen Bereich, in dem mehrere fertige Produkte ausgestellt waren. Flaschen, Gläser, verpackte Lebensmittel und getrocknete Erzeugnisse standen in beleuchteten Nischen. Einige Verpackungen kannte ich aus meinem Alltag. Andere hatte ich seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich nahm eine kleine Flasche aus der Halterung und drehte sie zwischen den Fingern. Das Material war hochwertig, aber nicht auffällig. Das Etikett war schlicht gehalten. Ich kannte das Produkt. Zumindest glaubte ich das.
Ich sah auf den Preis und musste unwillkürlich zweimal hinsehen. "Das wird tatsächlich zu diesem Preis verkauft?"
Die Mitarbeiterin bemerkte meinen Blick und nickte. "Die Nachfrage ist trotzdem hoch."
Ich stellte die Flasche wieder zurück. Der Preis hatte wenig mit dem Herstellungsaufwand zu tun. Ich erkannte das sofort. Die Produktion selbst war vermutlich nicht wesentlich komplizierter als bei anderen Lebensmitteln. Was den Wert bestimmte, war etwas anderes. Der Ursprung. Die genetische Linie stammte aus einem ehemaligen Commonwealth-System. Ich sah mich in dem kleinen Ausstellungsbereich um. Plötzlich erschienen mir die Produkte nicht mehr wie Luxusartikel im üblichen Sinn. Es ging nicht um besonders seltene Gewürze, aufwendige Verarbeitung oder teure Verpackungen. Die eigentliche Knappheit lag in etwas, das niemand sehen konnte. In einer Reihe genetischer Informationen, die irgendwann einmal aus einer anderen Welt nach Rhea gelangt war und nun hier erhalten werden musste.
"Es gibt inzwischen mehrere Produkte, die aus solchen Beständen stammen", erklärte sie. "Einige werden nur in sehr kleinen Mengen produziert."
Ich ließ den Blick über die Regale wandern. "Und wenn die Bestände ausgehen?"
Sie antwortete nicht sofort. Ich sah, wie sich ihre Finger kurz um das Datengerät schlossen, bevor sie den Blick wieder auf die Anzeigen richtete. "Dann können wir sie nicht einfach nachbestellen."
Mehr musste sie nicht sagen. Ich stellte die Flasche endgültig zurück und ging weiter. Der Satz blieb mir trotzdem im Kopf. Nicht, weil er kompliziert gewesen wäre. Sondern weil er inzwischen für so vieles in Rhea galt. Nicht einfach nachbestellen. Nicht einfach importieren. Nicht einfach ersetzen. Die Isolation hatte aus Dingen, die früher Teil eines unüberschaubaren Stroms gewesen waren, einzelne Endpunkte gemacht. Wir hatten immer noch Vielfalt. Wir hatten immer noch Wissen. Wir hatten immer noch Technologien, Produktionsanlagen und genetische Ressourcen aus dem ehemaligen Commonwealth. Aber wir konnten nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen, dass hinter dem Horizont eine zweite Quelle wartete.
Als wir die Anlage wieder verließen, führte mein Weg nicht direkt zurück zu den Verwaltungsbereichen der UNO. Stattdessen zeigte mir die Mitarbeiterin einige Übersichten über die neuen Produktionsstrukturen. Ich betrachtete die Projektionen und erkannte nach und nach ein Muster. Die alten großen Strukturen waren verschwunden. An ihre Stelle waren zahlreiche kleinere Einheiten getreten, die wesentlich spezialisierter arbeiteten. Dabei fiel mir besonders ein Bereich auf, der inzwischen eng mit der Exo Harvest Corporation verbunden war. Ich zoomte die Darstellung näher heran. Im Orbit von Trantor waren neue kleine Raumstationen entstanden. Keine gewaltigen Industriekomplexe, sondern kompakte Anlagen mit wenigen Modulen, eigenen Lebenserhaltungssystemen und klar voneinander getrennten Produktionsbereichen. Ihre Konstruktionen unterschieden sich teilweise erheblich voneinander. Einige waren für biologische Zucht ausgelegt, andere für kontrollierte Landwirtschaft. Bei wieder anderen erkannte ich abgeschirmte Bereiche, deren genaue Funktion ich aus der Darstellung nicht sofort ableiten konnte.
"Das sind die neuen Exo-Harvest-Stationen?"
Ich sah zu meiner Begleiterin. Sie bestätigte es. Ich vergrößerte eine der Stationen. Auf der Darstellung erschien eine Kennzeichnung für eine biologische Zuchtanlage. Daneben befand sich eine weitere Station mit einem völlig anderen Aufbau. Jede Anlage schien einen eigenen Zweck zu besitzen.
"Warum so viele kleine Stationen?"
Die Antwort kam ohne Zögern. "Weil jede Station auf eine bestimmte Spezies oder Pflanzenart spezialisiert ist."
Ich schwieg einen Moment und betrachtete die Projektion. Dann öffnete ich die Übersicht der nächsten Station. Wieder eine andere Bezeichnung. Eine weitere Station. Wieder ein anderer Bestand. Jede dieser kleinen Anlagen existierte im Grunde wegen eines einzigen Lebewesens oder einer einzigen Pflanze. Ich lehnte mich etwas zurück. Durch die transparente Außenwand konnte ich währenddessen einen Teil des Verkehrs im Orbit sehen. Kleine Transporter zogen lautlos ihre Bahnen, zwischen ihnen bewegten sich Wartungsfahrzeuge und Versorgungsschiffe. Im Hintergrund lag Trantor unter uns, grün und blau unter dem künstlichen Licht der Station. Weiter draußen verlor sich das Sonnenlicht in der Schwärze des Alls. Früher hätte ich eine solche Struktur wahrscheinlich für ineffizient gehalten. Jetzt verstand ich, warum sie sinnvoll war. Wenn eine Pflanze aus einem fremden System nur noch in Rhea existierte, konnte man sie nicht wie irgendeine gewöhnliche Nutzpflanze behandeln. Man musste ihren Bestand erhalten. Man musste ihre genetische Vielfalt schützen. Man musste Fehler verhindern. Und wenn sie sich für die Ernährung oder Getränkeproduktion eignete, musste man gleichzeitig dafür sorgen, dass ihre Nutzung den Bestand nicht zerstörte. Dasselbe galt für Tiere. Die Exo Harvest Corporation hatte damit eine Aufgabe übernommen, die weit über gewöhnliche Landwirtschaft hinausging. Ihre Stationen waren Produktionsstätten, aber sie waren zugleich Sicherungsanlagen. Jede einzelne bewahrte einen kleinen Teil dessen, was Rhea durch die Isolation nicht mehr von außen ergänzen konnte. Ich betrachtete die Übersicht noch eine Weile. Kleine Punkte leuchteten über der Darstellung des Orbits auf. Einer nach dem anderen. Keine gewaltigen Symbole, keine monumentalen Anlagen. Nur kleine Stationen, verstreut über die Umlaufbahn, jede mit ihrem eigenen spezialisierten Zweck. Ich musste unwillkürlich an die alte UNO denken. Die Organisation, die ich einmal gekannt hatte, war riesig gewesen. Ihre Strukturen hatten sich über Systeme erstreckt, ihre Produktionsketten waren auf interstellaren Austausch ausgelegt gewesen, und ihre Größe war gleichzeitig Stärke und Selbstverständlichkeit gewesen. Diese Welt gab es nicht mehr. Ein großer Teil der alten Struktur hatte unter den Bedingungen der Isolation keinen Sinn mehr ergeben. Bereiche waren zusammengelegt, verkleinert oder vollständig aufgelöst worden. Doch der eigentliche Kern war geblieben. Nahrung. Getränke. Versorgung. Und inzwischen auch die Bewahrung dessen, was wir für diese Versorgung vielleicht noch in Jahrzehnten brauchen würden. Ich sah auf die vielen kleinen Stationen und dachte daran, wie unscheinbar diese Veränderung von außen wirken musste. Rhea hatte keine riesige neue UNO-Flotte aufgebaut. Wir hatten keine neuen interstellaren Handelsrouten eröffnet. Stattdessen hatten wir begonnen, einzelne Dinge festzuhalten, die früher selbstverständlich gewesen waren. Eine Pflanze. Ein Tier. Eine genetische Linie. Ein Lebensmittel, dessen Ursprung auf einer Welt lag, die wir nicht mehr erreichen konnten. Ich schob die Hände in die Taschen und sah noch einmal auf die Projektion. Die kleinen Stationen wirkten beinahe wie verstreute Samen im schwarzen Raum. Vielleicht war genau das die passendste Beschreibung. Rhea konnte nicht mehr überallhin zurückkehren. Also mussten wir bewahren, was bereits hier war.

Fünfzehn Jahre waren vergangen, seit Rhea vom bisherigen Sprungtornetzwerk getrennt worden war. Früher hätte ich bei einer solchen Zahl wahrscheinlich zuerst an eine politische Frist gedacht, an eine Generation oder an eine historische Epoche. Inzwischen dachte ich dabei vor allem an meinen Alltag. Ich bemerkte die Isolation nicht mehr als Zustand. Sie war zu einem Teil der Umgebung geworden, so selbstverständlich wie die künstliche Schwerkraft unter meinen Füßen oder das gedämpfte Summen der Versorgungssysteme in den Korridoren von Altrix Nova. Wenn ich morgens durch die Station ging, fragte ich mich nicht mehr, welche Sprungtore gerade aktiv waren oder welche Handelsroute uns mit der Außenwelt verband. Ich fragte mich, ob ich meinen nächsten Termin rechtzeitig erreichte, ob die Versorgungslinie für die nächste Lieferung freigegeben war und ob ich daran gedacht hatte, meine Armschiene aufzuladen. Das System hatte gelernt, ohne das alte Netz zu funktionieren. Und ich hatte gelernt, darin zu leben.
Ich verließ Altrix Nova durch einen der Passagierbereiche und nahm den orbitalen Transport zum Planeten. Hinter der transparenten Außenhülle der Station glitt Trantor langsam unter mir vorbei. Die Atmosphäre lag wie ein dünner, leicht schimmernder Schleier über der Oberfläche. Zwischen den Wolkenfeldern waren große zusammenhängende Grünflächen zu erkennen, die vor Jahren noch nicht existiert hatten. Einige Regionen wirkten bereits beinahe natürlich, andere verrieten bei genauerem Hinsehen ihre künstliche Entstehung. Geometrische Muster, Bewässerungsfelder, neu angelegte Vegetationszonen und großflächige technische Anlagen zeichneten sich zwischen den älteren Siedlungsgebieten ab. Trantor war noch immer weit davon entfernt, eine unberührte Welt zu sein. Dafür hatte der Planet zu viel erlebt. Aber wenn ich mich an die Aufnahmen aus den ersten Jahren erinnerte, war der Unterschied gewaltig. Die Terraformer hatten die ökologische Stabilisierung weiter vorangetrieben, Schritt für Schritt, ohne dass daraus eine einzelne spektakuläre Veränderung geworden wäre. Genau das machte den Fortschritt so leicht zu übersehen. Ein Stück Landschaft wurde grüner. Ein beschädigter Wasserkreislauf funktionierte wieder. Ein Gebiet, das früher nur unter besonderen Schutzmaßnahmen bewohnbar gewesen war, konnte wieder dauerhaft genutzt werden. Aus vielen kleinen Veränderungen war etwas entstanden, das man inzwischen mit bloßem Auge sehen konnte.
Der Transporter glitt in die Atmosphäre und begann den Sinkflug. Ich saß am Fenster und beobachtete die Oberfläche, während unter uns die Infrastruktur dichter wurde. Automatische Frachtplattformen bewegten sich entlang festgelegter Korridore. Kleinere Transportmittel folgten den vorgegebenen Flugbahnen, ohne dass ich eine einzige sichtbare Pilotenkabine erkennen konnte. Über den Verkehrswegen schwebten Kontrollsysteme, deren Sensoren die Bewegungen überwachten und Abstände korrigierten, bevor überhaupt eine kritische Situation entstand. Auf den Straßen darunter fuhren autonome Fahrzeuge in gleichmäßigen Abständen. Einige waren leer und transportierten Material, andere beförderten Bewohner zu Arbeitsplätzen, Wohngebieten oder Raumhäfen. Dazwischen sah ich immer wieder Lebewesen in Wartungsbereichen, die Geräte überprüften, Sensoren austauschten oder beschädigte Komponenten öffneten. Die Automatisierung hatte nie bedeutet, dass niemand mehr etwas tun musste. Im Gegenteil. Je mehr Systeme wir automatisierten, desto wichtiger wurden diejenigen, die ihre Grenzen kannten, Fehler suchten und eingriffen, wenn die Realität nicht so funktionierte, wie es die ursprünglichen Parameter vorgesehen hatten. Ich beobachtete einen kleinen Wartungstrupp, der neben einer Verkehrsleitstation arbeitete. Zwei Techniker standen an einer geöffneten Verkleidung, während eine dritte Person auf einem Datenpad Messwerte verglich. Ein autonomes Wartungsgerät schwebte wenige Meter über ihnen und hielt eine Werkzeugaufnahme bereit. Als einer der Techniker einen Wert markierte, reagierte das Gerät sofort und reichte ihm das benötigte Werkzeug. Niemand wirkte dabei beeindruckt. Es war einfach Arbeit. Genau diese Selbstverständlichkeit brachte mich manchmal dazu, mich an die Diskussionen von damals zu erinnern. An die Skepsis, die uns begegnet war, sobald ich vorgeschlagen hatte, bestimmte Prozesse stärker zu automatisieren. An die Angst vor einer neuen Katastrophe. An die jahrhundertealte Erinnerung an die Xenon. Ich konnte diese Angst verstehen. Vielleicht hätte ich selbst anders reagiert, wenn ich nicht gewusst hätte, wie viel davon auf einer Vermischung völlig unterschiedlicher Systeme beruhte. Inzwischen war der Unterschied im Alltag sichtbar. Diese Maschinen arbeiteten nicht für sich selbst. Sie hatten keine eigenes Bewusstsein. Sie warteten auf ihre Wartung, wurden abgeschaltet, wenn sie fehlerhaft arbeiteten, und konnten von dem zuständigen Personal korrigiert werden. Sie waren Werkzeuge geblieben.
Der Transporter setzte schließlich zur Landung an. Die letzten Meter verliefen beinahe lautlos. Nur eine leichte Vibration ging durch den Boden, als die Landestützen Kontakt mit der Plattform bekamen. Ich löste den Gurt und stand auf. Durch die geöffnete Schleuse drang warme, feuchte Luft in den Innenraum. Sie roch anders als die Luft auf Altrix Nova. Weniger steril. Erde, Pflanzen, Wasser und der schwache Geruch von Abgasen lagen darin, vermischt mit den typischen metallischen Noten einer dicht besiedelten technischen Infrastruktur. Ich blieb einen Augenblick stehen und atmete ein. Es war ein Geruch, an den ich mich inzwischen so sehr gewöhnt hatte, dass ich ihn auf Altrix Nova manchmal vermisste.
Auf dem Weg zu meinem Termin ging ich ein Stück zu Fuß. Ich hätte auch einen automatisierten Bodentransport nehmen können, aber ich hatte genügend Zeit und wollte die Strecke selbst zurücklegen. Über mir bewegten sich die Transportmittel auf ihren festgelegten Bahnen. Einige Fahrzeuge beschleunigten, andere bremsten bereits weit vor Kreuzungen ab. Fußgängerströme wurden durch intelligente Leitsysteme verteilt, ohne dass überall sichtbare Schranken nötig waren. Eine Anzeige wechselte ihre Darstellung, weil eine Lieferroute kurzfristig angepasst worden war. Niemand blieb stehen, um sich darüber zu wundern. Eine ältere Frau blickte kurz auf die Anzeige, änderte ihre Richtung und ging weiter. Neben ihr führte ein junger Mann einen kleinen Transportwagen, der ihm autonom folgte und sich automatisch an seine Geschwindigkeit anpasste. Ein paar Meter weiter arbeitete ein Reparaturteam an einer beschädigten Bodenplatte. Ein Teil des Gehwegs war abgesperrt, während eine mobile Maschine das Material aus dem Untergrund hob. Ich ging an ihnen vorbei und musste unwillkürlich lächeln. Nicht wegen der Technik selbst. Sondern wegen der Normalität. Genau diese Normalität hatte ich mir damals gewünscht, als wir über die Reformen gesprochen hatten. Keine heroischen Entscheidungen. Keine Präsidenten, die persönlich über jeden kritischen Ablauf entscheiden mussten. Keine Situation, in der ein einzelnes Lebewesen zum Flaschenhals eines gesamten Systems wurde. Wenn etwas nach klaren Regeln funktionieren konnte, sollte es funktionieren. Und wenn es nicht funktionierte, sollten diejenigen eingreifen können, die dafür zuständig waren. Mehr war daraus im Alltag eigentlich nicht geworden. Das klang unspektakulär. Für mich war es eine der größten Veränderungen, die Rhea durchgemacht hatte. Während ich weiterging, fiel mein Blick auf einen Teil des Horizonts, an dem die alten Schäden noch immer sichtbar waren. Zwischen den neu begrünten Gebieten lagen Abschnitte, in denen beschädigte Strukturen erhalten geblieben waren. Einige Ruinen waren bewusst nicht entfernt worden. Sie gehörten inzwischen zur Geschichte des Planeten. Andere waren schlicht noch nicht vollständig beseitigt worden, weil ihre Sanierung keinen unmittelbaren Vorrang besaß. Und darüber hinaus gab es die Wracks, die das gesamte System durchzogen. Manche lagen im Orbit, manche trieben in den Randbereichen des Asteroidengürtels, andere befanden sich auf oder nahe den Welten. Über sechs Jahrzehnte alte Überreste der Xenon-Kriege und der Khaak-Invasionen. Aus der Entfernung wirkten sie oft wie dunkle Punkte. Aus der Nähe waren sie etwas völlig anderes. Zerbrochene Rümpfe. Ausgebrannte Stationen. Verbogene Trägerstrukturen. Schiffe, deren ursprünglicher Zweck sich manchmal nur noch aus alten Konstruktionsdaten erschließen ließ. Rhea hatte nie aufgehört, ihre Vergangenheit mit sich herumzutragen.
Ich nahm schließlich einen öffentlichen Transport in Richtung meines Termins. Während das Fahrzeug beschleunigte, öffnete sich vor mir ein breiter Blick über eine wiederhergestellte Region. Wo früher kahle oder beschädigte Flächen gelegen hatten, erstreckten sich inzwischen zusammenhängende Vegetationszonen. Wasserläufe zogen sich durch neu angelegte Landschaften. Zwischen ihnen lagen Siedlungen, Forschungsanlagen und landwirtschaftliche Flächen. Ich erinnerte mich daran, wie oft ich früher auf Karten gestarrt hatte, um zu verstehen, wie stark Trantor bereits geschädigt war. Jetzt musste ich keine Karte mehr öffnen. Ich sah die Antwort vor mir.
Vulcanus war eine andere Geschichte. Der Planet lag weiterhin zu nah an den beiden Sonnen, um zu einer habitablen Welt wie Trantor zu werden. Die Terraformer hatten dort nicht versucht, aus einer ressourcenreichen, aber lebensfeindlichen Welt etwas zu machen, das sie nicht sein konnte. Stattdessen war die Infrastruktur systematisch ausgebaut worden. Die Rohstoffgewinnung hatte sich verändert. Anlagen, die früher isoliert oder ineffizient gearbeitet hatten, waren miteinander verbunden worden. Förderanlagen, Transportstrecken und Verarbeitungsstationen bildeten inzwischen ein zusammenhängendes industrielles Netz. Vulcanus war nicht bewohnbar geworden. Aber er war zu einem der wichtigsten neuen Abbaugebiete des Systems geworden. Ich hatte die Zahlen oft genug gesehen, um zu wissen, was das bedeutete. Für Rhea war Vulcanus längst nicht mehr nur eine zerstörte Welt, die wir retten wollten. Er war ein aktiver Bestandteil unserer Wirtschaft.
Noch deutlicher wurde die Veränderung für mich, wenn ich an Olympus dachte. Einer der Monde von Monarch war einst das Beispiel für ein gescheitertes Terraforming gewesen. Inzwischen war er vollständig terraformiert und habitabel. Ich hatte Bilder von den neuen Siedlungsgebieten gesehen und Berichte über die Entwicklung gelesen. Trotzdem war es etwas anderes, den Namen auf einer Systemkarte zu sehen und zu wissen, dass dort Lebewesen lebten, arbeiteten, Familien gründeten und ihren Alltag planten. Ein Ort, der früher als Fehlschlag gegolten hatte, war zu einer bewohnbaren Welt geworden. Ich wusste noch, wie vorsichtig ich damals gewesen war, als wir über die Terraformer gesprochen hatten. Jetzt musste ich nur noch darüber nachdenken, wie die nächste Versorgungsroute nach Olympus optimiert werden konnte.
Mein Termin führte mich schließlich in ein Verwaltungsgebäude nahe eines größeren Verkehrsknotens. Die Eingangshalle war hell und ungewöhnlich offen gestaltet. Überall bewegten sich Lebewesen, während automatische Systeme ihre Aufgaben im Hintergrund erledigten. Eine Informationssäule erkannte meine Kennung, bestätigte meinen Termin und zeigte mir den Weg zum Besprechungsraum. Ich musste mich nicht ausweisen, keinen Beamten suchen und keine Formulare ausfüllen. Trotzdem wusste ich, dass hinter diesem scheinbar mühelosen Ablauf Menschen und andere Lebewesen standen, die die Systeme überwachten, Daten pflegten und Fehler korrigierten. Ich nahm den Weg nach oben und dachte dabei an einen anderen Datensatz, den ich erst vor kurzer Zeit gesehen hatte. Die Baupläne für die transorbitalen Beschleuniger stammten aus der Datenbank von DECA. Anfangs war ich davon ausgegangen, dass wir sie irgendwann einmal prüfen würden. Irgendwann war aus diesem "irgendwann" eine konkrete Planung geworden. Die Bezeichnung hatte sich inzwischen eingebürgert. Space Highways. Der Name war beinahe banal für ein Projekt, das die räumliche Struktur Rheas langfristig verändern konnte. Beschleunigte Verkehrsverbindungen zwischen den Umlaufbahnen und den Welten würden nicht nur Transportzeiten verkürzen. Sie würden die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den einzelnen Bereichen des Systems verändern und vielleicht irgendwann sogar beeinflussen, wie Bewohner über Entfernungen dachten. Eine Reise zwischen Welten würde weniger wie eine Expedition und mehr wie ein normaler Weg von einem Ort zum anderen wirken.
Ich blieb vor einer großen Fensterfront stehen, bevor ich den Besprechungsraum betrat. Von hier aus konnte ich einen Teil des Verkehrsnetzes sehen. Kleine Fahrzeuge zogen ihre Bahnen durch die Stadt, größere Transporter bewegten sich darüber hinweg, und hoch am Himmel war ein orbitaler Frachter als heller Punkt zu erkennen. Ich musste an eine völlig andere Zeit denken. Nicht an Rhea, nicht an President's End und nicht an meine ersten Jahre hier. An die Erde, meine Erde. An das Jahr 2029. An meinen alten Computer. An technische Systeme, die mir damals Statusmeldungen angezeigt hatten, deren Bedeutung ich für selbstverständlich gehalten hatte. 301 Moved Permanently. 304 Not Modified. Ich erinnerte mich an diese beiden Meldungen, weil sie mir plötzlich wie eine seltsame Beschreibung meines eigenen Lebens vorkamen. Das eine bedeutete, dass etwas dauerhaft an eine neue Adresse verschoben worden war. Das andere, dass sich nichts verändert hatte. Damals waren es nur technische Statuscodes gewesen. Jetzt schien mir darin etwas zu liegen, das weit über ihre ursprüngliche Bedeutung hinausging. President's End war verschwunden. Rhea war entstanden. Das war die dauerhafte Verschiebung. Die alte Adresse existierte nicht mehr. Und gleichzeitig war vieles geblieben. Die Bewohner. Die Familien. Die Erinnerungen. Die Fehler. Die Hoffnungen. Teile der Infrastruktur. Die Geschichte. Sogar ich selbst war noch hier. Vielleicht war Rhea deshalb beides zugleich. Eine Veränderung und eine Fortsetzung. Eine neue Adresse für eine Geschichte, die nicht einfach neu begonnen hatte.
Ich betrat den Besprechungsraum, ohne weiter darüber nachzudenken. Der Termin selbst verlief unspektakulärer, als ich erwartet hatte. Es ging um die nächsten Schritte für die Infrastrukturplanung, um Trassen, Energiebedarf, Sicherheitsbereiche und die Frage, welche Abschnitte der geplanten Space Highways zuerst realisiert werden konnten. Ich hörte zu, stellte Fragen und machte mir Notizen. Nichts daran fühlte sich historisch an. Genau das gefiel mir. Als ich den Raum später wieder verließ, kam mir auf dem Korridor eine kleine Gruppe von Bewohnern entgegen. Einer von ihnen erkannte mich. Sein Blick blieb kurz an mir hängen, dann lächelte er.
"Präsident Grau."
Ich blieb stehen und erwiderte die Begrüßung mit einem kurzen Nicken.
"Ich wünsche Ihnen einen guten Tag."
Die Gruppe zog weiter. Ich blieb noch einen Augenblick stehen und sah ihnen nach. Es war keine Zeremonie gewesen. Kein politischer Auftritt. Keine Rede. Nur ein kurzer Gruß auf einem Korridor. Trotzdem erinnerte er mich daran, dass ich das Amt noch immer innehatte. Seit meiner Wiederwahl im Jahr 3009 war dieser Umstand ohnehin kaum zu übersehen gewesen. Mehr als 77 Prozent der systemweiten Stimmen hatten damals für meine Fortsetzung im Amt gestimmt. Ich hatte das Ergebnis nie ausschließlich als persönliches Vertrauen verstanden. Zu viel war seit 2999 geschehen, um eine solche Zahl nur mit meiner Person zu erklären. Die wirtschaftliche Entwicklung hatte sich stabilisiert. Die Arbeit der Terraformer hatte sichtbare Ergebnisse hervorgebracht. Die Lebensbedingungen hatten sich in vielen Bereichen verbessert. Rhea war nicht zusammengebrochen, obwohl ich damals selbst nicht gewusst hatte, ob das System nach dem Verlust des alten Sprungtornetzwerks überhaupt eine eigenständige Zukunft besitzen würde. Jetzt lebten wir seit fünfzehn Jahren mit dieser Zukunft. Ich ging weiter durch den Korridor und sah dabei aus einer seitlichen Fensterfront hinaus. Tief unter mir bewegten sich die Fahrzeuge durch die Stadt. Über ihnen zogen Transporter ihre Bahnen. Noch weiter oben schimmerte der crimsonfarbene Himmel, und irgendwo dahinter lag Altrix Nova im Orbit. Ich wusste, dass sich dort die nächsten Termine bereits auf meiner Armschiene sammelten. Eine Besprechung. Eine technische Präsentation. Eine Entscheidung über Infrastruktur. Wahrscheinlich würde irgendwo jemand meine Unterschrift benötigen. Es fühlte sich beinahe lächerlich gewöhnlich an. Vielleicht war genau das der größte Beweis dafür, dass Rhea überlebt hatte. Nicht die großen Reden. Nicht meine Wahl. Nicht die Unabhängigkeit. Nicht einmal die Terraformer. Sondern ein ganz gewöhnlicher Tag, an dem ich über einen Planeten ging, dessen Zukunft vor fünfzehn Jahren noch völlig ungewiss gewesen war, während Maschinen den Verkehr regelten, Techniker ihre Systeme warteten, neue Wälder wuchsen, Rohstoffe von Vulcanus verarbeitet wurden und auf Olympus Lebewesen in einer Welt lebten, die einmal als gescheitertes Terraforming gegolten hatte. Ich setzte meinen Weg fort. Rhea war noch immer von den Spuren seiner Vergangenheit umgeben. Die Wracks würden nicht verschwinden, nur weil wir gelernt hatten, mit ihnen zu leben. Die neuen Verbindungen würden nicht automatisch jede Unsicherheit beseitigen. Und irgendwo außerhalb unseres Einflusses lagen weiterhin Fragen, auf die ich keine Antwort hatte. Aber ich musste nicht mehr jede davon heute beantworten. Heute musste ich nur meinen nächsten Termin erreichen.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

Bild

Benutzeravatar
Tom
Gründer
Gründer
Beiträge: 4110
Registriert: Fr 17. Jan 2014, 19:39
Wohnort: Bavaria
Kontaktdaten:

Re: K102

Beitrag von Tom »

Bild

Kapitel 102 - ein neuer Weg

Die Besprechung auf Trantor hatte gerade einen Punkt erreicht, an dem wir uns über die letzten Einzelheiten verständigen mussten. Auf dem Bildschirm vor mir waren die Vorbereitungen für den zehnten Todestag von Akira Sora zusammengefasst. Meine Minister und ich hatten über den Ablauf der Gedenkveranstaltung, die beteiligten Institutionen und die politische Bedeutung dieses Jahrestages gesprochen. Durch die breiten Fenster des Besprechungsraums fiel das Licht der beiden Sonnen auf die Arbeitsflächen, während im Hintergrund die leisen Geräusche der Gebäudetechnik zu hören waren. Es war eine gewöhnliche Sitzung gewesen, sachlich und konzentriert, bis sich die Tür öffnete und ein Mitarbeiter mit einer Dringlichkeit eintrat, die nicht zu unserem bisherigen Thema passte. Er wartete nicht darauf, dass ich ihn aufforderte, zu sprechen. Sein Blick ging kurz über die anwesenden Minister, bevor er sich an mich wandte. Die Anspannung in seiner Haltung ließ mich bereits vermuten, dass es sich nicht um eine gewöhnliche Meldung handelte.
"Grau-shachō, wir haben eine außerordentliche Veränderung im Rhea-System registriert. Eines der Sprungtore wurde wieder aktiviert."
Für einen Augenblick sagte niemand etwas. Ich sah ihn an und versuchte, die Meldung mit dem in Einklang zu bringen, was ich über den Zustand unseres Systems wusste. Seit der Trennung von den alten Verbindungen waren die Sprungtore deaktiviert geblieben. Es hatte keine Explosionen gegeben, keine unkontrollierten Zwischenfälle und keinen Grund zu der Annahme, dass sich daran etwas ändern würde. Nun sollte ausgerechnet eines dieser Tore wieder aktiv sein.
"Welches Sprungtor?"
"Die Aktivierung des Ost-Tores wurde eindeutig bestätigt. Nach aktuellem Stand sind die anderen drei weiterhin deaktiviert."
Ich stützte die Hände auf die Tischplatte. Die Information war knapp, aber ihre Tragweite reichte weit über den technischen Zustand einer einzelnen Anlage hinaus. Ein aktives Sprungtor bedeutete eine mögliche Verbindung nach außerhalb des Rhea-Systems. Doch wer oder was diese Verbindung hergestellt hatte, wohin sie führte und ob sie dauerhaft bestehen bleiben würde, wussten wir noch nicht. Die Meldung beantwortete keine dieser Fragen. Sie eröffnete lediglich eine Reihe neuer Fragen, auf die wir noch keine belastbaren Antworten hatten.
"Was hat die Aktivierung ausgelöst?"
"Das können wir bisher nicht sagen. Die spärlichen Daten deuten darauf hin, dass die Ancients das Sprungtor wieder aktiviert haben."
Ich ließ den Blick über die Gesichter meiner Minister wandern. Einige hatten sich bereits aufgerichtet, andere schauten auf ihre eigenen Terminals, um die Nachricht unabhängig überprüfen zu lassen. Die Ruhe der vorherigen Besprechung war verschwunden. Niemand musste aussprechen, was diese Meldung für Rhea bedeuten konnte. Seit fünfzehn Jahren lebten wir ohne die alten Verbindungen. Unsere Wirtschaft, unsere Versorgung und unser Alltag hatten sich unter diesen Bedingungen neu organisiert. Eine Rückkehr zu einem verbundenen Netz aus Sprungtoren war nicht einfach eine technische Veränderung. Sie konnte alles beeinflussen, was wir in dieser Zeit aufgebaut hatten. Mein erster Gedanke galt den Bewohnern des Systems. Wenn die Nachricht unkontrolliert nach außen drang, würden sich Hoffnungen bilden, noch bevor wir wussten, ob sie berechtigt waren. Manche würden eine Rückkehr zu den alten Handelswegen erwarten, andere die Ankunft vertrauter Völker oder den Beginn einer neuen politischen Entwicklung. Ebenso leicht konnte die Unsicherheit in Gerüchte, Spekulationen oder Panik umschlagen. Wir hatten nicht einmal geklärt, ob das Tor tatsächlich passierbar war, geschweige denn, was sich auf der anderen Seite befand.
"Verhängen Sie eine Nachrichtensperre. Bis wir wissen, was geschehen ist, werden keine unbestätigten Informationen verbreitet. Die Meldung geht ausschließlich an die zuständigen Stellen."
Der Mitarbeiter nickte und wandte sich bereits zum Gehen, doch ich wusste, dass mein Befehl möglicherweise nur noch begrenzte Wirkung haben würde. Die erste Meldung war bereits in Umlauf. Sobald mehrere Kontrollsysteme eine derart außergewöhnliche Veränderung registrierten, ließ sich kaum verhindern, dass die Information über dienstliche Kanäle hinausgetragen wurde. Eine Nachrichtensperre konnte die Verbreitung verlangsamen, aber nicht ungeschehen machen, was bereits bekannt war. Es dauerte nicht lange, bis sich meine Befürchtung bestätigte. Auf den Anzeigen erschienen neue Meldungen, zunächst aus einzelnen Einrichtungen, dann aus weiteren Teilen des Systems. Anfragen gingen ein, interne Kommunikationskanäle füllten sich, und die Zahl der Stellen, die eine Bestätigung verlangten, nahm rasch zu. Ich konnte nicht jeden einzelnen Übertragungsweg nachvollziehen, doch das Muster war eindeutig. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch Rhea. Eines der Sprungtore war wieder aktiv. Nicht alle vier. Nur eines. Die anderen drei blieben deaktiviert, und doch reichte dieser eine Umstand aus, um die Aufmerksamkeit des gesamten Systems auf sich zu ziehen. Während ich die eingehenden Meldungen verfolgte, wurde mir bewusst, dass wir die Entwicklung nicht mehr allein durch Schweigen kontrollieren konnten. Die Bewohner würden Antworten verlangen. Ich selbst brauchte sie ebenfalls. Aber bevor wir auch nur eine davon geben konnten, mussten wir herausfinden, was hinter der Aktivierung steckte. Ich beendete die Besprechung über die Gedenkveranstaltung. Der zehnte Todestag von Akira Sora war für den Moment in den Hintergrund gerückt. Es gab eine neue Priorität, und sie ließ sich nicht aufschieben. Seit Xandra den Kontakt zu Valen im Jahr 3000 abgebrochen hatte, hatte dieser sich nicht aus dem politischen und militärischen Leben Rheas zurückgezogen. Ich kannte die Geschichte seiner Bemühungen, eine eigene Organisation aufzubauen, die in ihrer Ausrichtung dem solaraischen Freiwilligen Corps ähneln sollte. Er hatte damals einen entsprechenden Antrag eingereicht, obwohl keineswegs sicher gewesen war, ob die zuständigen Stellen einer solchen Struktur zustimmen würden. Rhea hatte bereits eigene Behörden und militärische Einrichtungen, und eine zusätzliche Organisation hätte leicht als unnötige Konkurrenz verstanden werden können. Doch die Verantwortlichen hatten den Vorschlag offenbar anders bewertet. Sowohl die militärischen Stellen als auch die zivilen Behörden hatten relativ schnell erkannt, dass eine solche Einheit die bestehenden Strukturen ergänzen konnte. Nicht jede gefährliche Aufgabe erforderte den Einsatz regulärer Streitkräfte, und nicht jeder besondere Auftrag ließ sich sinnvoll einer zivilen Behörde übertragen. Es gab Situationen, in denen spezialisierte Fähigkeiten, eigenständige Planung und eine flexible Einsatzführung wichtiger waren als die Größe einer Einheit oder ihre Stellung innerhalb der gewöhnlichen Befehlskette. Der Antrag war genehmigt worden. Aus Valens Vorhaben war die Rhea Task Force entstanden, kurz RTF. Seit mehr als zehn Jahren stand er nun an ihrer Spitze. Die Organisation übernahm sicherheitstechnische Aufgaben, war jedoch nicht darauf beschränkt. Ihre Mitglieder wurden für gefährliche und ungewöhnliche Einsätze ausgebildet, bei denen besondere Vorbereitung und Erfahrung erforderlich waren. Dazu gehörten auch Erkundungsmissionen, die weit über die üblichen Aufgaben innerhalb eines bekannten Systems hinausgingen. Neue Gebiete zu untersuchen, unbekannte Gefahren einzuschätzen und Daten zu sammeln, ohne die Sicherheit der eigenen Kräfte leichtfertig aufs Spiel zu setzen, gehörte zu den Fähigkeiten, für die die RTF aufgebaut worden war. Während ich die aktuellen Meldungen auf meinem Terminal durchging, wurde mir klar, dass wir genau diese Fähigkeiten benötigen würden. Die Aktivierung des Sprungtores war eine Tatsache. Alles Weitere blieb ungeklärt. Wir wussten weder, ob die Verbindung stabil war, noch, welches Ziel auf der anderen Seite lag. Selbst wenn die Ancients das Tor nach all der Zeit wieder reaktiviert hatten, konnten wir daraus nicht ableiten, was sie damit bezweckten. Ich wollte keine Spekulation zur Grundlage einer Entscheidung machen. Wir brauchten Messwerte, Aufzeichnungen und unmittelbare Beobachtungen. Ich öffnete den gesicherten Kommunikationskanal zu Valen. Es dauerte nicht lange, bis eine Verbindung hergestellt war. Sein Gesicht erschien auf dem Bildschirm. Ich kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass er ungewöhnliche Meldungen nicht allein nach ihrem ersten Eindruck beurteilte. Bevor ich sprach, vergewisserte ich mich, dass die Verbindung stabil war und keine unbeteiligten Empfänger zugeschaltet waren.
"Valen, eines der Sprungtore wurde wieder aktiviert. Die anderen drei sind weiterhin deaktiviert. Wir wissen noch nicht, wohin die Verbindung führt oder ob sie dauerhaft bestehen bleibt."
Ich ließ ihm einen Moment, um die Informationen aufzunehmen. Die Aktivierung war außergewöhnlich genug, dass ich ihm keine voreilige Einschätzung abverlangen wollte. Gleichzeitig durfte ich nicht so lange warten, bis die öffentliche Aufmerksamkeit jede weitere Maßnahme erschwerte.
"Ich möchte, dass die Rhea Task Force das Tor erkundet. Fliegen Sie hindurch, sammeln Sie so viele belastbare Daten wie möglich und kartieren Sie das dahinterliegende System, sofern die Bedingungen das zulassen. Untersuchen Sie die Verbindung und ihre unmittelbare Umgebung, bevor Sie unnötige Risiken eingehen. Ich will wissen, was uns dort erwartet, nicht Vermutungen darüber."
Ich hielt den Blick auf den Bildschirm gerichtet. Mir war bewusst, dass dieser Auftrag weitreichende Folgen haben konnte. Eine neue Verbindung eröffnete Möglichkeiten, brachte aber ebenso unbekannte Risiken mit sich. Ich wollte weder voreilig Hoffnungen wecken noch aus bloßer Vorsicht eine Gelegenheit ungenutzt lassen. Solange wir nicht wussten, was sich hinter dem Sprungtor befand, war jede weitergehende Entscheidung verfrüht.
"Verstanden. Ich stelle die Einsatzgruppe zusammen und beginne mit den Vorbereitungen."
Nachdem die Verbindung beendet war, blieb ich noch einen Moment vor meinem Terminal sitzen. Die Meldungen aus dem Sonnensystem liefen weiter ein. Die Nachricht war längst nicht mehr aufzuhalten, und mit jeder neuen Anfrage wurde deutlicher, wie sehr allein die Möglichkeit einer Verbindung die Bewohner Rheas beschäftigte. Ich konnte ihnen noch keine Antworten geben. Valen und seine Leute mussten erst herausfinden, was jenseits des Tores lag. Zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren stand Rhea möglicherweise wieder vor einer offenen Verbindung nach draußen. Ob daraus eine Rückkehr in eine größere Gemeinschaft oder eine neue Gefahr entstehen würde, wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass wir es herausfinden mussten, bevor wir entschieden, was dieser Augenblick für unsere Zukunft bedeutete.

Ich verfolgte den Start der Erkundungsmission über die übertragenen Bilder und Sensordaten. Die Fregatte der Rhea Task Force hatte sich bereits von ihrer Station gelöst und bewegte sich mit gleichmäßiger Beschleunigung auf das wieder aktivierte Ost-Tor zu. Ihr Rumpf wirkte im Vergleich zu den zweckmäßig gebauten Schiffen, die ich aus dem Alltag Rheas kannte, ungewöhnlich schlank. Die speziell für Aufklärungsarbeiten entwickelte Konstruktion war auf lange Einsätze in unbekanntem Gebiet ausgelegt. Eine ganze Schwadron der RTF befand sich an Bord, ausgebildet für Situationen, in denen eine gewöhnliche Patrouille weder ausreichte noch die nötige Ausrüstung besaß. Besonders auffällig war die Tarnpanzerung. Sie machte das Schiff nicht optisch unsichtbar. Auf den übertragenen Aufnahmen blieb die Fregatte deutlich erkennbar, ihre Konturen zeichneten sich klar gegen die Dunkelheit ab. Doch die Beschichtung war darauf ausgelegt, Sensorenscans zu stören und einfallende Signale zu reflektieren, sodass die Erfassung und Identifizierung durch fremde Systeme erschwert wurde. Eine solche Konstruktion konnte keinen vollständigen Schutz garantieren, verschaffte der Besatzung aber einen entscheidenden Vorteil, wenn sie sich einem unbekannten Gegner näherte oder selbst unentdeckt bleiben musste. In den vergangenen fünfzehn Jahren war dieses Schiff nur eine Handvoll Mal eingesetzt worden. Die meiste Zeit hatte es keinen Anlass gegeben, eine derart spezialisierte Einheit loszuschicken. Die Ausnahme bildeten die Überreste der Stellaren Heimatfront, die sich nach dem Zerfall ihrer ursprünglichen Strukturen in Piratengruppen verwandelt und uns über Jahre hinweg Probleme bereitet hatten. Ihre Überfälle, die Angriffe auf Transportwege und die Gefahr, die von ihren verbliebenen Stützpunkten ausging, hatten schließlich einen gezielten Eingriff notwendig gemacht. Valen hatte damals einen Präzisionsschlag durchgeführt, der die betreffenden Strukturen zerschlagen hatte. Seitdem war die SHF nicht mehr als organisierte Macht in Erscheinung getreten. Zumindest offiziell existierte sie nicht mehr. Auch ihre Ideologie war in der jüngeren Vergangenheit nicht wieder offen aufgetaucht. Ich wusste, dass das nicht bedeutete, jede ihrer Überzeugungen sei aus den Köpfen ihrer Anhänger verschwunden. Eine Organisation ließ sich zerschlagen, ihre Symbole konnten verboten und ihre Strukturen aufgelöst werden. Was einzelne Lebewesen weiterhin glaubten, ließ sich damit nicht automatisch beseitigen. Doch wir hatten seit längerer Zeit keine belastbaren Hinweise darauf erhalten, dass die alte Bewegung erneut an Einfluss gewann. Für den Moment lag meine Aufmerksamkeit deshalb auf einer anderen Gefahr: dem Unbekannten hinter einem Sprungtor, das nach fünfzehn Jahren der Isolation plötzlich wieder aktiv geworden war. Die Fregatte setzte ihren Kurs fort. Auf den Anzeigen rückte das Ost-Tor langsam näher. Seine gewaltige Struktur hob sich von den verstreuten Trümmern ab, die seit den alten Xenon-Kriegen und den Khaak-Invasionen das Rhea-System durchzogen. Wracks von Schiffen und Stationen waren über Jahrzehnte hinweg zu stummen Zeugen vergangener Konflikte geworden. Einige trieben noch immer auf ihren ursprünglichen Bahnen, andere waren längst in kleinere Fragmente zerfallen. Dazwischen bewegte sich die Fregatte, klein im Vergleich zu der uralten Konstruktion, auf die sie zusteuerte. Ich beobachtete die Messwerte, während sich die Entfernung verringerte. Noch gab es keine Anzeichen für eine Veränderung am Tor. Die Fregatte näherte sich vorsichtig, ohne unnötige Bewegungen oder Beschleunigungsmanöver. Alles verlief nach Plan. Dann, kurz bevor das Schiff das Sprungtor erreichte, veränderten sich die Anzeigen. Das Sprungtor aktivierte sich. Die Veränderung war so plötzlich, dass ich mich unwillkürlich nach vorn beugte. Energieanzeigen schlugen aus, und die Sensordaten verzeichneten eine Reaktion, die sich nicht mehr mit einem bloßen Bereitschaftszustand erklären ließ. Noch bevor ich die neuen Werte vollständig erfasst hatte, öffnete sich die Passage und ein kleines Schiff trat aus dem Tor hervor. Einen Augenblick lang konzentrierte ich mich ausschließlich auf die technischen Daten. Das Tor hatte eine Passage ermöglicht. Die Verbindung war also zumindest in diesem Moment stabil genug, um ein Schiff hindurchzulassen. Und auf der anderen Seite gab es Leben, oder zumindest jemanden, der ein Raumschiff steuern konnte. Damit waren einige der wichtigsten Fragen bereits beantwortet. Wir mussten nicht länger darüber spekulieren, ob das Tor überhaupt passierbar war oder ob hinter ihm ein vollständig unzugänglicher Raum lag.
Dann sah ich das Schiff. Mir wich die Farbe aus dem Gesicht. Ich bemerkte es daran, dass sich meine Finger unwillkürlich um die Kante der Konsole schlossen und ich für einen Moment vergaß, auf die laufenden Anzeigen zu achten. Das Schiff war klein, doch seine Silhouette war unverwechselbar. Der lang gestreckte, pfeilförmige Bug ging in einen schmalen Rumpf über, dessen Linien sich nach hinten verjüngten. Die Tragflächen waren schlank und schnittig, ihre Form erinnerte eher an einen modernen Überschall-Kampfjet als an die meist massiven, zweckmäßig konstruierten Raumschiffe, die ich aus diesem Universum kannte. Selbst die mächtigen Triebwerksblöcke schienen sich nahtlos in die aerodynamische Gestalt einzufügen. Die helle, silberweiße Hülle reflektierte das Licht der entfernten Sterne. Dezente militärische Markierungen zeichneten sich auf dem Rumpf ab. Ich kannte dieses Design. Nicht aus einer Akte der RTF, nicht aus den Konstruktionsarchiven Rheas und auch nicht von einem Schiff, das ich irgendwann im Commonwealth gesehen hatte. Ich kannte es aus meiner alten Welt. Es sah dem X-Shuttle von Kyle Brennan zum Verwechseln ähnlich. Ich starrte auf die Übertragung, als könnte sich die Form vor meinen Augen verändern, wenn ich nur lange genug hinsah. Doch die Linien blieben dieselben. Der spitze Bug, die schmalen Tragflächen, die gesamte Gestalt des Schiffes waren mir vertraut. Ich hatte sie gekannt, lange bevor ich in dieses Universum geraten war. Damals hatte ich sie auf einem Bildschirm gesehen, in einem Spiel, dessen Welt mir zunächst wie eine fremde, aber verständliche Umgebung erschienen war. Ich hatte geglaubt, die Zusammenhänge zu kennen. Ich hatte gewusst, welche Ereignisse stattfinden sollten, welche Schiffe existierten und welche Rolle bestimmte Figuren in der Geschichte spielten. Aber dieses Schiff durfte nicht hier sein. Ich riss mich von der Übertragung los und öffnete den dringenden Kommunikationskanal zur Fregatte. Die Verbindung wurde hergestellt, doch ich wartete nicht auf eine ausführliche Lageeinschätzung. Meine Stimme klang härter, als ich beabsichtigt hatte, und ich hörte selbst, wie viel Anspannung in den Worten lag.
"Bringt das Schiff auf! Um jeden Preis!"
Kaum hatte ich den Befehl ausgesprochen, reagierte das fremde Schiff. Es änderte seinen Kurs, drehte zum Sprungtor zurück und beschleunigte. Die Bewegung war so entschieden, dass ich für einen Moment den Eindruck gewann, der Pilot habe meine Worte gehört. Das war unmöglich. Der Kanal war an die Fregatte gerichtet, nicht an das fremde Schiff. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass der Pilot Zugriff auf unsere Kommunikation hatte. Trotzdem war die Reaktion beunruhigend präzise. Das Schiff schien genau in dem Augenblick zu fliehen, in dem ich seine Ergreifung angeordnet hatte. Die Fregatte setzte zur Verfolgung an, doch das fremde Schiff hatte bereits einen Vorsprung. Seine Silhouette näherte sich dem Tor, glitt in die Öffnung und verschwand auf der anderen Seite. Wenige Augenblicke später war von ihm nichts mehr zu sehen. Die Anzeigen bestätigten nur noch die Aktivität des Sprungtores und die Bewegung der RTF-Fregatte, die ihren Kurs anpasste. Das Schiff, das gerade aus einer anderen Welt aufgetaucht war, hatte sich zurückgezogen, bevor wir auch nur die Gelegenheit bekommen hatten, es näher zu untersuchen. Ich blieb reglos stehen. Meine Hände lagen noch immer auf der Konsole, aber ich spürte kaum, wie fest ich mich daran festhielt.
"Unmöglich", flüsterte ich.
Das Wort war kaum mehr als ein Hauch. Ich sah weiterhin auf die Stelle, an der das X-Shuttle verschwunden war, und versuchte, die Bilder mit dem in Einklang zu bringen, was ich über die Geschichte dieses Universums zu wissen glaubte. Doch je länger ich darüber nachdachte, desto weniger ergab das Gesehene einen Sinn.
"Vollkommen unmöglich."
Meine Gedanken wanderten zurück, weit weg von Rhea und den zwanzig Jahren, die ich hier verbracht hatte. Zurück in meine alte Welt, in meine eigene Zeit, zu dem Spiel namens X-Universum. Ich erinnerte mich daran, wie ich damals über die Ereignisse und ihre möglichen Folgen nachgedacht hatte, wie vertraut mir die Namen und Schauplätze vorgekommen waren. Nach meiner Ankunft hatte ich geglaubt, dieses Wissen könnte mir helfen, mich in der fremden Realität zurechtzufinden. Doch mit jedem Jahr war deutlicher geworden, dass sich die tatsächlichen Ereignisse von dem unterschieden, was ich aus dem Spiel kannte. Die Geschichte folgte keinem festgelegten Skript. Lebewesen trafen eigene Entscheidungen, politische Entwicklungen nahmen andere Wege, und Ereignisse, die ich für sicher gehalten hatte, blieben aus oder verliefen völlig anders. Das hier war kein Spiel. Es war echt. Ich hatte zu viele Verluste erlebt, zu viele Entscheidungen getroffen und zu viele Folgen meiner Handlungen getragen, um daran noch irgendeinen Zweifel zu haben. Rhea war real. Die Bewohner dieses Systems waren real. Was wir aufgebaut und was wir zerstört hatten, war real. Nichts davon ließ sich auf einen vorgegebenen Handlungsverlauf reduzieren. Und doch war gerade etwas aufgetaucht, das ich nur aus diesem Spiel kannte. Ich dachte an meinen Besuch auf Terra, damals, als ich mit Scarlett Okafor dort gewesen war. Der Torus Aeternal hatte noch existiert. Seine gewaltige Struktur hatte sich um den Planeten gezogen, obwohl sie im Spiel zerstört worden war. Schon damals hatte ich begriffen, dass die Wirklichkeit nicht einfach den Ereignissen folgte, die ich aus meiner früheren Welt kannte. Es gab Unterschiede, die sich nicht durch kleine Abweichungen erklären ließen. Die Geschichte dieses Universums war eine eigene geworden, unabhängig von meinen Erinnerungen an das Spiel. Auch Kyle Brennan und das X-Shuttle hatten in dieser Realität einen anderen Weg genommen. Nach dem, was ich wusste, hatte Kyle keinen Sprung durchgeführt, wie ich ihn aus dem Spiel kannte. Er war nicht im Commonwealth gelandet. Das war der Stand gewesen, von dem ich ausgegangen war. Ich hatte keinen Grund gehabt, daran zu zweifeln. Aber hatte ich wirklich alle Informationen besessen? Ich versuchte, mich an die damaligen Berichte und Gespräche zu erinnern. Hatte es vielleicht doch einen Sprungtest gegeben, nur mit einem anderen Ausgang als dem, den ich erwartet hatte? War Kyle mit dem X-Shuttle in ein anderes Sprungtornetzwerk geraten und dort gestrandet? Ein Netzwerk, das nicht mit dem Commonwealth verbunden gewesen war und von dem wir nichts gewusst hatten? Die Möglichkeit war absurd, doch das Schiff, das ich gerade gesehen hatte, machte es unmöglich, sie einfach zu verwerfen. Ich zwang mich, die Gedanken zu ordnen. Es gab keine Bestätigung dafür, dass der Pilot tatsächlich Kyle Brennan war. Ich hatte ein Schiff gesehen, dessen Design dem X-Shuttle entsprach. Mehr wusste ich nicht. Es konnte sich um eine Kopie handeln, um eine Konstruktion, die zufällig ähnlich aussah, oder um etwas, für das ich noch keine Erklärung hatte. Doch keine dieser Möglichkeiten beruhigte mich. Eine so auffällige Übereinstimmung ließ sich nicht ohne Weiteres als Zufall abtun, und ich konnte nicht ignorieren, was dieses Schiff für mein Verständnis der Ereignisse bedeutete. Meine Knie wurden weich. Ich musste mich auf die Konsole stützen, bis die erste Welle der körperlichen Reaktion nachließ. Die Anzeigen vor mir waren noch immer gefüllt mit Messwerten, Positionsdaten und Statusmeldungen, doch ich nahm sie nur am Rand wahr. Ich hatte geglaubt, die Unterschiede zwischen meiner alten Welt und dieser Realität inzwischen akzeptiert zu haben. Ich hatte gelernt, Entscheidungen auf Grundlage der tatsächlichen Lage zu treffen, statt mich an einem Spiel zu orientieren, dessen Verlauf ich ohnehin nicht mehr vorhersagen konnte. Doch nun hatte sich etwas gezeigt, das eine Verbindung zu meiner Vergangenheit herstellte, die ich nicht erklären konnte. Ich richtete mich langsam wieder auf und wandte mich an meinen Adjutanten. Meine Stimme war noch nicht ganz ruhig, aber ich bemühte mich, die Anspannung nicht in den Worten hörbar werden zu lassen.
"Finden Sie heraus, wo sich Scarlett Okafor aufhält." Ich ließ ihm keine Zeit für eine Rückfrage. "Ich muss mit ihr sprechen. So schnell wie möglich."
Während er den Auftrag entgegennahm, sah ich erneut auf die Aufzeichnung des fremden Schiffes. Ich ließ die wenigen Sekunden wiederholen, in denen es aus dem Ost-Tor gekommen war, und betrachtete die Silhouette, bis ich jede erkennbare Linie vor mir zu sehen glaubte. Ich wusste noch immer nicht, wer am Steuer gesessen hatte oder warum das Schiff zurückgekehrt war. Ich wusste nicht, ob der Pilot mich erkannt hatte, ob er etwas über mich wusste oder ob seine Flucht überhaupt mit meinem Befehl zusammenhing. Aber ich konnte nicht länger so tun, als hätte das, was ich aus meiner alten Welt kannte, keinerlei Bedeutung mehr. Das X-Shuttle war hier aufgetaucht. Und ich brauchte Scarlett, um herauszufinden, was das bedeutete.

Ich ließ die Aufzeichnung erneut abspielen. Das fremde Schiff erschien auf dem Bildschirm, glitt aus dem Ost-Tor und drehte anschließend ab, um in die Passage zurückzukehren. Ich hielt die Wiedergabe an, ließ die Ansicht vergrößern und betrachtete den Rumpf aus verschiedenen Winkeln, soweit es die Aufzeichnungen zuließen. Je genauer ich hinsah, desto deutlicher wurden die Unterschiede, die mir beim ersten Anblick entgangen waren. Das Schiff ähnelte dem X-Shuttle. Daran bestand für mich kein Zweifel. Die lang gestreckte Nase, die schlanken Tragflächen und die Form des hinteren Rumpfes erinnerten an den Prototyp, den ich aus meiner früheren Realität kannte. Doch Ähnlichkeit war nicht Gleichheit. Einzelne Linien verliefen anders, die Übergänge zwischen den Rumpfsektionen waren nicht dieselben, und auch die Triebwerksanordnung entsprach nicht exakt dem Design, an das ich mich erinnerte. Vielleicht hatte mich der erste Schock dazu gebracht, mehr zu sehen, als tatsächlich vorhanden war. Vielleicht hatte mein Gedächtnis die Lücken zwischen den wenigen Sekunden der Übertragung selbst ausgefüllt. Ich lehnte mich zurück und rieb mir mit Daumen und Zeigefinger über die Nasenwurzel. Das Licht der Anzeigen spiegelte sich auf der dunklen Oberfläche des Schreibtisches. Im Raum war es still, abgesehen vom leisen Summen der Klimatisierung und den gedämpften Geräuschen aus dem angrenzenden Arbeitsbereich. Ich hatte die Bilder bereits mehrfach geprüft, doch statt Klarheit zu gewinnen, sammelten sich in meinem Kopf immer neue Fragen. In meiner alten Welt hatte das Ereignis, das ich mit Kyle Brennan und dem X-Shuttle verband, im Jahr 2912 stattgefunden. Jetzt schrieb man das Jahr 3014. Selbst wenn Kyle damals den Sprung gewagt und den Kontakt zu seinem ursprünglichen Umfeld verloren hätte, wären seitdem mehr als hundert Jahre vergangen. Er müsste inzwischen 141 Jahre alt sein. Ich wusste nicht, wie sich seine Lebenserwartung in dieser Realität entwickelte, und ich hatte keinen Beleg dafür, dass er überhaupt noch lebte. Wahrscheinlicher war, dass er längst gestorben war. Damit zerfiel auch die einfache Erklärung, an der ich mich zunächst festgehalten hatte. Das Schiff musste nicht das originale X-Shuttle sein. Es konnte eine spätere Konstruktion sein, die sich an einem älteren Entwurf orientierte. Es konnte eine Kopie sein, deren Ursprung ich nicht kannte. Oder ich hatte mich schlicht geirrt und erkannte in einem fremden Schiff etwas wieder, das nur meiner Erinnerung entsprach. Keine dieser Möglichkeiten beantwortete jedoch die Frage, warum es ausgerechnet jetzt durch das Ost-Tor gekommen war.
Da war es wieder. Diese Angewohnheit, die ich seit über fünfzehn Jahren nicht mehr bewusst zugelassen hatte: Ich verglich die Wirklichkeit mit meinem Wissen über ein Spieluniversum. Ich suchte nach Figuren, Ereignissen und technischen Entwicklungen, die ich aus meiner alten Welt kannte, und versuchte, sie in eine Realität einzuordnen, die längst ihren eigenen Verlauf genommen hatte. Früher hatte mir dieses Wissen geholfen, mich in einer fremden Umgebung zu orientieren. Doch inzwischen hatte ich oft genug erlebt, wie wenig sich die tatsächliche Geschichte an das hielt, was ich zu wissen glaubte. Ich musste damit aufhören. Das X-Universum war ein Spiel gewesen. Diese Welt war real, auch wenn sie in manchen Einzelheiten an das Spiel erinnerte. Die Lebewesen, die hier lebten, waren keine Figuren in einer vorgegebenen Geschichte. Ihre Entscheidungen, ihre Verluste und ihre Zukunft hingen nicht davon ab, was ich aus einer anderen Wirklichkeit mitgebracht hatte. Ich durfte nicht wieder anfangen, jedes unerwartete Ereignis als Teil eines bekannten Ablaufs zu behandeln. Gerade jetzt, wo ich als Präsident Verantwortung für ein ganzes System trug, konnte ich mir das nicht leisten. Den Befehl an Valen konnte ich ohnehin nicht mehr zurücknehmen. Die RTF-Fregatte hatte das Ost-Tor bereits durchquert und befand sich im unbekannten System. Selbst wenn ich meine Anweisung sofort widerrief, würde die Nachricht die Besatzung nicht rechtzeitig erreichen, um den bereits erfolgten Sprung ungeschehen zu machen. Ich hatte angeordnet, das fremde Schiff um jeden Preis aufzubringen, und damit möglicherweise eine Begegnung erzwungen, deren Folgen ich nicht abschätzen konnte. Jetzt blieb mir nur, auf Valens Erfahrung und die Ausbildung seiner Leute zu vertrauen. Ich rief den aktuellen Status der Mission auf. Die letzten verfügbaren Meldungen enthielten keine Hinweise auf einen Zwischenfall, aber sie waren zu spärlich, um mich zu beruhigen. Ich zwang mich, nicht jede Verzögerung als Zeichen einer Katastrophe zu deuten. Die Besatzung musste zunächst ihre Lage erfassen, die Umgebung untersuchen und entscheiden, wie sie weiter vorgehen konnte. Dennoch kehrte mein Blick immer wieder zu den Statusanzeigen zurück. Ich hoffte, dass sich dort bald eine Nachricht finden würde, die bestätigte, dass die Fregatte und ihre Besatzung wohlauf waren.
Als sich die Tür öffnete, hob ich den Kopf. Scarlett Okafor trat ein, sichtbar außer Atem. Ihr Atem ging schneller als gewöhnlich, und sie hielt für einen kurzen Moment inne, bevor sie ganz in den Raum kam. Schweiß rann in ihrem Gesicht an ihrer dunkelbraunen Haut herab und ihre schwarzen langen Haare waren dennoch ordentlich geblieben. An ihrer Haltung und ihrem direkten Blick aus den hellbraunen, fast golden wirkenden Augen erkannte ich, dass sie nicht zufällig hier war. Offenbar hatte sie bereits erfahren, was am Ost-Tor geschehen war, und war so schnell wie möglich zu mir gekommen. Sie fragte nicht erst nach dem Grund für meine Nachricht. Ihr Blick wanderte kurz zum Bildschirm, auf dem noch immer das fremde Schiff zu sehen war, dann sah sie mich wieder an. Ich deutete auf den Platz vor meinem Schreibtisch und wartete, bis sie sich mir zuwandte. Mir war bewusst, dass ich sie ohne jede Erklärung hatte herbeirufen lassen. Trotzdem wusste ich nicht recht, wie ich beginnen sollte. Ich hatte gehofft, Scarlett würde mir eine Antwort geben können, doch je länger ich auf die eingefrorene Aufnahme blickte, desto mehr zweifelte ich daran, dass ich überhaupt die richtigen Fragen stellte.
"Scarlett, sagt dir der Name Kyle Brennan etwas?"
Sie runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. "Nein. Sollte er mir etwas sagen?"
"Und Elena Kho?"
Auch bei diesem Namen blieb ihre Reaktion aus. Sie sah mich aufmerksam an, als versuchte sie einzuschätzen, worauf ich hinauswollte.
"Den Namen kenne ich ebenfalls nicht."
Ich drehte den Bildschirm so, dass sie die Aufnahme besser sehen konnte. Das Bild zeigte das Schiff schräg von vorn. Die silberweiße Hülle hob sich deutlich vom dunklen Hintergrund ab, und die Form des Bugs war selbst in diesem Standbild auffällig.
"Kennst du dieses Schiff?"
Scarlett trat näher an den Bildschirm heran. Sie betrachtete die Aufnahme eine Weile, ohne etwas zu sagen. Ihr Blick wanderte vom Bug über die Tragflächen zum hinteren Rumpf. Schließlich richtete sie sich wieder auf.
"Nein. Ein solches Schiff habe ich noch nie gesehen."
"Es ähnelt einem experimentellen terranischen Schiff, dem X-Shuttle. Kyle Brennan soll es gesteuert haben. Zumindest in der Geschichte, die ich kenne."
Ich hielt inne. Schon während ich sprach, wurde mir bewusst, wie wenig ich tatsächlich belegen konnte. Ich wusste nicht, ob die Namen in dieser Realität überhaupt existierten oder ob das Schiff, das ich gesehen hatte, irgendeine Verbindung zu dem Prototyp aus meiner Erinnerung besaß. Trotzdem musste ich die Frage stellen, die mich seit dem ersten Anblick nicht losließ.
"Die Terraner sollen um 2912 herum versucht haben, einen Sprungantrieb zu entwickeln, der ohne ein Sprungtor auskommt. Die Grundlage dafür war angeblich ein gestrandetes Xenon-Sprungschiff, das sie nachgebaut hatten. Hast du jemals von einem solchen Vorfall gehört?"
Scarlett sah mich zunächst schweigend an. Dann wandte sie den Blick erneut dem Bild zu, als könnte sich aus den technischen Konturen doch noch eine Erinnerung ergeben. Ihre Miene blieb ernst, doch sie schien nach einer Antwort zu suchen, die über ein schlichtes Nein hinausging.
"Nein. Weder von einem gestrandeten Xenon-Sprungschiff noch von einem terranischen Nachbau mit einem torlosen Sprungantrieb habe ich je gehört."
Ihre Antwort ließ die Unruhe in mir nicht verschwinden. Ich hatte nicht erwartet, dass sie mir ohne Weiteres eine vollständige Akte über ein streng geheimes Forschungsprojekt vorlegen würde. Trotzdem hatte ich gehofft, wenigstens einen Hinweis zu bekommen, dass die Namen oder das Experiment in den terranischen Unterlagen bekannt waren.
"Bist du sicher?"
"Ich kann dir nur sagen, was ich weiß. Mir sind weder Kyle Brennan noch Elena Kho bekannt, und von einem solchen Experiment habe ich noch nie etwas gehört." Sie verschränkte die Hände vor sich und schien kurz abzuwägen, wie sie ihre Antwort ergänzen sollte. "Allerdings muss ich einschränken, dass mein Rang für den Zugang zu geheimen Informationen nicht besonders hoch war. Falls es ein solches Projekt gegeben hat, wäre es wahrscheinlich, dass ich nie davon erfahren hätte."
"Warum sollte man es so streng geheim halten?"
Scarlett warf einen kurzen Blick auf die Aufnahme. Das fremde Schiff stand noch immer reglos auf dem Bildschirm, als hätte es nie die Möglichkeit gegeben, dass es sich der Verfolgung entzog und in das unbekannte System zurückkehrte.
"Weil ein torloser Sprungantrieb die gesamte Sicherheitslage des Sol-Systems verändern würde. Wenn die Terraner tatsächlich eine Technologie entwickelt hätten, mit der Schiffe unabhängig von Sprungtoren zwischen weit entfernten Orten reisen könnten, wäre das von enormer strategischer Bedeutung. Schon allein deshalb würde man ein solches Projekt vermutlich der höchsten Geheimhaltungsstufe unterstellen."
Sie sprach ruhig und sachlich. Ich konnte nicht erkennen, ob sie dabei an konkrete Vorgänge dachte oder lediglich die wahrscheinlichsten Gründe aufzählte. Ihre Argumentation war jedoch nachvollziehbar. Eine Technologie, die eine bisherige Abhängigkeit von Sprungtoren aufheben konnte, wäre nicht einfach ein weiterer Fortschritt in der Raumfahrt. Sie würde militärische Möglichkeiten eröffnen, bestehende Verteidigungskonzepte infrage stellen und die Machtverhältnisse im Sol-System verändern. Und darüber hinaus.
"Die Bevölkerung wäre ein weiterer Grund für Geheimhaltung. Wenn bekannt würde, dass die Xenon über einen Antrieb verfügen könnten, der Sprünge ohne ein Tor ermöglicht, würde das vermutlich viele Fragen und Ängste auslösen. Besonders dann, wenn die Technologie auf einem Terraner-Prototypen nachgebaut werden sollte. Die Regierung hätte sicher kein Interesse daran, eine Panik auszulösen, solange sie weder die Funktionsweise noch die möglichen Risiken vollständig verstanden hätte."
Ich sah sie an und versuchte, aus ihrer Antwort etwas herauszulesen, das über ihre Vermutungen hinausging. Doch Scarlett hatte deutlich zwischen dem unterschieden, was sie wusste, und dem, was sie für plausibel hielt. Sie hatte weder bestätigt, dass das Experiment stattgefunden hatte, noch ausgeschlossen, dass es existiert hatte. Ihre Unkenntnis ließ beide Möglichkeiten offen. Ich wandte mich wieder dem Bildschirm zu. Das Schiff, das aus dem Ost-Tor gekommen war, konnte mit dem X-Shuttle aus meiner Erinnerung verwandt sein. Es konnte aber ebenso gut eine andere Konstruktion sein, deren Ähnlichkeit mich in die Irre führte. Die Namen Kyle Brennan und Elena Kho sagten Scarlett nichts, und sie hatte keine Kenntnis von einem terranischen Versuch, einen torlosen Sprungantrieb auf Grundlage eines gestrandeten Xenon-Schiffes nachzubauen. Damit war ich keinen Schritt näher an einer Erklärung.
"Wenn ein solches Projekt existiert hat, wäre es dann möglich, dass die Informationen darüber selbst heute noch unter Verschluss liegen?"
Scarlett nickte langsam. "Ja. Wenn es sich um ein militärisches oder strategisches Forschungsprojekt gehandelt hat, wäre das durchaus möglich. Ich kann dir allerdings nicht sagen, ob es tatsächlich eines gegeben hat."
Ich ließ die Aufnahme noch einmal anlaufen. Das Schiff trat aus dem Sprungtor, drehte ab und verschwand wieder in der Passage. Die Bewegung dauerte nur wenige Sekunden. Danach blieb lediglich das Tor zurück, dessen Aktivität unsere bisherige Vorstellung von der Isolation Rheas bereits verändert hatte. Ich hatte gehofft, Scarlett würde mir helfen, die Verbindung zu meiner Vergangenheit einzuordnen. Stattdessen hatte unser Gespräch mir vor allem gezeigt, wie wenig ich wusste. Ich durfte aus einer Ähnlichkeit keine Identität machen und aus meinem Wissen über ein Spiel keine Tatsachen ableiten. Dennoch konnte ich den Gedanken nicht vollständig verdrängen, dass dieses fremde Schiff möglicherweise auf eine Geschichte verwies, von der selbst Scarlett nichts wusste. Draußen, jenseits der vertrauten Grenzen Rheas, war Valens Fregatte unterwegs. Ich konnte nur hoffen, dass ihre Besatzung dort Antworten finden würde, ohne dafür einen Preis zahlen zu müssen, den ich ihr mit meinem Befehl möglicherweise auferlegt hatte.

Ich wandte mich von der Aufzeichnung ab und sah Scarlett an. Ihre Antwort hatte mir keine Gewissheit verschafft, doch zumindest hatte sie offen eingeräumt, wo ihre Kenntnisse endeten. Für einen Moment wusste ich nicht, ob ich noch etwas zu dem fremden Schiff fragen sollte. Meine Gedanken waren ohnehin bereits über die eigentliche Frage hinausgewandert. Fünfzehn Jahre. So lange lebte Scarlett inzwischen in Rhea, abgeschnitten von Terra und dem Sol-System, ohne die Möglichkeit, einfach zurückzukehren. Ich hatte mich so sehr auf die Folgen dieser Isolation für unsere Wirtschaft, unsere Sicherheit und unsere politische Ordnung konzentriert, dass ich selten darüber nachgedacht hatte, was sie für die einzelnen Lebewesen bedeutete, die mit uns hier gestrandet waren.
"Wie empfindest du diese fünfzehn Jahre Isolation eigentlich?"
Scarlett sah mich an. Das Licht des Bildschirms zeichnete einen kühlen Schimmer auf ihre dunkelbraune Haut und spiegelte sich in ihren hellbraunen Augen, die beinahe golden wirkten. Ihre hüftlangen schwarzen Rastazöpfe lagen über ihren Schultern und ihrem Rücken. Sie war schlank und muskulös, und mit ihren etwa 185 Zentimetern überragte sie mich um einige Zentimeter. Nun verschränkte sie die Arme nicht, sondern ließ die Hände locker vor ihrem Körper ruhen. Sie schien die Frage ernst zu nehmen, statt sie mit einer schnellen Antwort abzutun.
"Ich genieße mein Leben in Rhea." Ihre Antwort kam ohne Zögern. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht unbedingt mit dieser Klarheit. "Es ist freier, als es im Sol-System je sein könnte. Hier habe ich das Gefühl, mein Leben selbst gestalten zu können. Ich muss nicht ständig darüber nachdenken, welche Erwartungen andere an mich stellen oder welche Grenzen eine Gesellschaft mir setzt, nur weil bestimmte Dinge schon immer so gewesen sind."
Ich betrachtete sie aufmerksam. Natürlich kannte ich die Freiheiten, die wir uns in Rhea aufgebaut hatten, und ich wusste, dass unsere Gesellschaft nicht frei von Problemen war. Fünfzehn Jahre Isolation hatten uns vieles abverlangt. Wir hatten Versorgungsketten neu ordnen, politische Strukturen anpassen und uns von Abhängigkeiten lösen müssen, die früher selbstverständlich gewesen waren. Doch Scarlett sprach nicht über wirtschaftliche Eigenständigkeit oder politische Souveränität. Sie sprach von ihrem eigenen Leben und davon, wie es sich für sie anfühlte.
"Vermisst du Terra trotzdem? Deine Familie?"
Ihre Miene veränderte sich nur wenig, aber sie hielt meinen Blick einen Moment länger fest, bevor sie antwortete. Ich konnte nicht wissen, welche Erinnerungen die Frage in ihr aufrief. Dass sie darüber nachdachte, war jedoch an der kurzen Pause zu erkennen.
"Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich sie nicht vermisse." Ihre Stimme war ruhiger geworden. Sie senkte den Blick für einen Augenblick, dann sah sie wieder zu mir. "Am Anfang war es schwer. Ich habe lange gebraucht, um mich damit abzufinden, dass ich sie nicht einfach besuchen oder anrufen konnte, wann immer ich wollte. Irgendwann musste ich aber akzeptieren, dass mein Leben hier weitergeht. Ich habe damit abgeschlossen."
Ich nickte langsam. Abschließen bedeutete nicht zwangsläufig, dass die Sehnsucht verschwunden war. Vielleicht bedeutete es nur, dass man aufgehört hatte, jeden Tag gegen eine Wirklichkeit anzukämpfen, die sich nicht ändern ließ. Ich kannte dieses Gefühl aus anderen Zusammenhängen, auch wenn ich nicht behaupten konnte, Scarletts Erfahrung komplett zu verstehen.
"Was hat dir dabei geholfen?"
Sie atmete leise aus und blickte kurz zum Bildschirm, auf dem noch immer das unbekannte Schiff zu sehen war. Dann wandte sie sich wieder mir zu.
"Die Arbeit. Vor allem, als Valen die Rhea Task Force aufbauen wollte. Ich habe ihn bei der Gründung unterstützt. Es gab viel zu tun, und wir mussten gemeinsam Entscheidungen treffen, Probleme lösen und herausfinden, wie diese Organisation überhaupt funktionieren sollte. Mit der Zeit sind wir uns nähergekommen."
Ich hob unwillkürlich die Augenbrauen. Ich kannte Valen Seldon schon seit über fünfzehn Jahren, aber Freunde sind wir nie geworden. Ich wusste, wie viel Verantwortung er für die Sicherheit Rheas übernommen hatte und wie viel Arbeit in den Aufbau der RTF geflossen war. Über sein Privatleben wusste ich allerdings weit weniger. Mir war nicht bewusst gewesen, dass Scarlett und Valen während dieser Zeit eine engere Verbindung entwickelt hatten.
"Ihr wart also ein Paar?"
Die Frage kam unverblümt heraus. Erst nachdem ich sie ausgesprochen hatte, wurde mir bewusst, wie direkt ich damit in einen persönlichen Bereich vorgedrungen war, über den Scarlett mir bis dahin nichts erzählt hatte. Sie reagierte nicht sofort. Stattdessen sah sie mich einige Sekunden lang an, dann richtete sie den Blick auf einen Punkt neben meinem Schreibtisch. Ihre Lippen bewegten sich leicht, als würde sie eine passende Formulierung suchen.
"Nicht wirklich." Sie schwieg kurz, und ich wartete, ohne nachzuhaken. Schließlich wandte sie sich mir wieder zu. "Es war keine romantische Beziehung. Eher eine platonische Verbindung, in der wir auch Sex miteinander hatten."
Ich ließ die Information einen Moment auf mich wirken. Die Antwort war eindeutig genug, und ich hatte keinen Grund, weitere Einzelheiten wissen zu wollen. Scarlett hatte mir etwas Persönliches anvertraut, ohne daraus eine große Geschichte zu machen. Ich würde ihr nicht durch neugierige Nachfragen das Gefühl geben, sich für ihre Vergangenheit rechtfertigen zu müssen.
"Verstehe."
Mehr sagte ich nicht. Scarlett ergänzte ihre Antwort ebenfalls nicht. Zwischen uns entstand eine kurze Stille, die sich nicht unangenehm anfühlte. Das fremde Schiff blieb auf dem Bildschirm eingefroren, und die Fragen, die es aufgeworfen hatte, waren noch immer unbeantwortet. Doch für diesen Moment hatte unser Gespräch eine andere Richtung genommen. Ich hatte etwas über Scarlett erfahren, das in keiner Akte über die RTF, in keinem Bericht über die Isolation und vermutlich auch in keinem offiziellen Dokument über die Entwicklung Rheas zu finden gewesen wäre.
Als Scarlett sich schließlich verabschiedete, hielt ich sie nicht auf. Ich sah ihr nach, bis sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte. Dann blieb ich allein in meinem Büro auf Trantor zurück. Die Geräusche der technischen Anlagen drangen gedämpft durch die Wände, während die Beleuchtung des Raumes gegen das rötliche Tageslicht ankämpfte, das durch das große Fenster fiel. Draußen spannte sich der crimsonrote Himmel über die Landschaft Trantors. Die große gelbe Sonne stand über dem Horizont, und ihr kleinerer roter Begleiter zeichnete sich als zweiter Lichtkörper am Himmel ab. Das warme Licht legte einen rötlichen Schimmer über die Gebäude und die sich ausbreitenden grünen Flächen des Planeten. Es war ein Anblick, an den ich mich längst gewöhnt hatte, und doch blieb ich immer wieder daran hängen. Trantor hatte sich in den vergangenen Jahren verändert. Wo einst die Folgen der alten Kriege deutlich sichtbar gewesen waren, gewann die Umwelt nach und nach ihre Stabilität zurück. Die Terraformer hatten ihren Anteil daran, ebenso wie die Lebewesen, die hier lebten und arbeiteten. Ich hatte viel Zeit damit verbracht, diese Entwicklung zu ermöglichen und abzusichern. Als Systempräsident musste ich Entscheidungen treffen, die das Leben vieler Bewohner beeinflussten. Ich hatte mich um die Versorgung Rheas, um politische Reformen, um Sicherheit und um die Zukunft unserer Gesellschaft gekümmert. Es waren notwendige Aufgaben gewesen. Daran zweifelte ich nicht. Trotzdem fragte ich mich, nicht zum ersten Mal, ob mein Amt zu viel Raum in meinem Leben eingenommen hatte. Die letzten fünfzehn Jahre zogen in meinen Gedanken vorbei. Nicht als klare Abfolge einzelner Ereignisse, sondern als eine Reihe von Begegnungen, Gesprächen und Gelegenheiten, die ich immer wieder auf später verschoben hatte. Ich hatte mir eingeredet, dass ich mich melden würde, sobald die dringenden Angelegenheiten erledigt wären. Doch eine Krise war von der nächsten abgelöst worden, und selbst in ruhigeren Zeiten hatte es immer etwas gegeben, das meine Aufmerksamkeit beanspruchte. Mit jedem Jahr war es leichter geworden, Kontakte aufrechtzuerhalten, die unmittelbar mit meiner Arbeit verbunden waren, und schwieriger, jene Beziehungen zu pflegen, die keiner festen Verpflichtung folgten. Freunde, Bekannte und Weggefährten waren allmählich in den Hintergrund gerückt. Nicht durch einen Streit oder eine bewusste Entscheidung, sondern durch die schlichte Tatsache, dass wir immer weniger Zeit miteinander verbracht hatten. Gespräche waren seltener geworden, Nachrichten blieben länger unbeantwortet, und irgendwann hatte es keinen selbstverständlichen Anlass mehr gegeben, sich zu melden. Ich konnte nicht einmal genau sagen, wann sich aus gelegentlicher Entfernung ein dauerhafter Verlust an Nähe entwickelt hatte. Vielleicht war das gerade das Beunruhigende daran. Beziehungen mussten nicht an einem einzigen großen Ereignis zerbrechen. Manchmal reichte es, sie lange genug unbeachtet zu lassen. Ich wusste, dass ich nicht alle Entwicklungen hätte verhindern können. Die Isolation hatte uns Grenzen gesetzt, die niemand einfach überwinden konnte. Manche Lebewesen hatten Rhea verlassen, andere waren geblieben, und nicht jede Verbindung ließ sich über die Jahre unverändert bewahren. Trotzdem wäre es zu einfach gewesen, jede verlorene Nähe auf die Umstände zu schieben. Ich hatte Entscheidungen getroffen, Prioritäten gesetzt und meine Zeit so verteilt, wie ich es für notwendig gehalten hatte. Dabei hatte ich offenbar zu oft angenommen, dass die Menschen, die mir wichtig waren, auch später noch da sein würden, wenn ich endlich Zeit für sie fand. Mein Blick kehrte zum Bildschirm zurück. Das fremde Raumschiff war noch immer zu sehen. Ich hatte die Aufzeichnung nicht geschlossen, und die silberweiße Hülle schimmerte im Licht der Anzeige. Es war ein unbekanntes Schiff, dessen Ursprung ich nicht kannte und dessen Ähnlichkeit mit dem X-Shuttle mich aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Es hatte Fragen über meine Vergangenheit aufgeworfen, die ich nicht beantworten konnte. Doch während ich darauf starrte, dachte ich zunehmend weniger über Kyle Brennan oder einen möglichen torlosen Sprungantrieb nach. Ich dachte an die vergangenen fünfzehn Jahre. An die Menschen, mit denen ich früher gesprochen hatte, an jene, deren Nähe mir selbstverständlich erschienen war, und an die Zeit, die ich nicht zurückholen konnte. Das Amt des Systempräsidenten würde mich auch morgen fordern. Es würde neue Entscheidungen, neue Probleme und neue Verantwortlichkeiten geben. Daran ließ sich nichts ändern. Aber vielleicht musste ich mir eingestehen, dass nicht jede wichtige Angelegenheit in einer Akte stand oder sich durch einen Befehl lösen ließ. Draußen sank die gelbe Sonne langsam tiefer, während ihr roter Begleiter weiterhin am Himmel stand. Ich blieb vor dem Fenster sitzen und ließ meine Gedanken schweifen. Immer wieder wanderte mein Blick zurück zu dem unbekannten Schiff. Seine Konturen waren mir vertraut genug, um mich nicht loszulassen, und fremd genug, um mir keine Antworten zu geben. Ich wusste nicht, was die RTF auf der anderen Seite des östlichen Sprungtors finden würde. Für den Augenblick blieb mir nur, weiterzudenken und zu warten. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fragte ich mich ernsthaft, wie viel von meinem eigenen Leben ich während dieser fünfzehn Jahre hinter den Pflichten meines Amtes hatte verschwinden lassen.

Ich hasse Perfektion.
Sie bietet keinen Platz für Kreation.

Bild

Antworten